Rathgeber, Julius - Zwei Gottesmänner aus Kaysersberg - Matthias Zell

Rathgeber, Julius - Zwei Gottesmänner aus Kaysersberg - Matthias Zell

Es wurde einst dem berühmten Münsterprediger Geiler ein junger Knabe aus Kaysersberg vorgestellt. Geiler unterhielt sich liebreich mit ihm, stellte an ihn einige Fragen und wurde durch die treffenden Antworten und das geistvolle Wesen des Knaben dermaßen erfreut, dass er ihm lächelnd auf die Schulter klopfte und zu ihm lateinisch sagte :“Wachse, mein Sohn, auch du wirst ein bedeutender Mann.“

Dieser Knabe war eines Rebmanns Sohn aus Kaysersberg. Er war dort anno 1477 geboren und hieß Mathias Zell. Im Reiche Gottes hat sein Namen einen guten Klang, denn wie sein berühmter Landsmann Geiler war auch Zell ein treuer Knecht Christi. Der Vater unseres Zell erzog den Knaben in der Furcht Gottes und in der Zucht des Heiligen Geistes. Da der kleine „Mathis“ (wie man ihn nannte) einen aufgeweckten Kopf hatte, so schickte man ihn in die Schule, und als er den Wunsch aussprach zu studieren, wollten ihm seine Eltern kein Hindernis in den Weg legen.

Mit dem Schulwesen hatte es in jener Zeit eine eigene Bewandtnis. An vielen Orten gab es gar keine Schulen, an anderen keine lateinischen, und doch musste jeder Studierende damals lateinisch lernen, das war die Gelehrtensprache. Zudem waren oft die Eltern der Kinder zu arm, um dieselben in weit entfernte Städte zu schicken, wo sich lateinische Schulen befanden. Man ließ daher die Kinder nur mit dem Notdürftigsten, Kleidern, Wäsche, Schürzen und etwas Geld versehen, mit einander ausziehen, damit sie die auswärtigen Schulen besuchten. Ihren Unterhalt mussten sie sich durch Singen vor den Türen verdienen.

So zogen denn diese fahrenden Schüler, wie man sie nannte, von Haus zu Haus, und verdienten sich mit Beten und Singen das liebe tägliche Brot. Das Lernen musste dabei natürlicherweise sehr notleiden. Die „Kindermeister“ konnten oft selbst kaum lesen und schreiben. Übrigens waren es nicht nur Kinder, die also herumzogen, sondern auch erwachsene Schüler, bärtige junge Leute von 25 bis 30 Jahren, an die sich die jungen Singknaben anschlossen. Die jüngeren Schüler wurden von den andern in den Anfangsgründen des Lesens und Schreibens unterrichtet, und mussten dafür den älteren die niedrigsten Dienste verrichten, oft sogar betteln, und was schlimmer war stehlen, oder wie man sagte „schießen“, daher der Ausdruck A-B-C-Schützen.

Als einen solchen armen fahrenden Schüler finden wir unsern Zell zuerst in Straßburg, wo ihn Geiler sah, sodann in der Stadt Mainz und zuletzt in Erfurt, in Thüringen. Gar bald aber empfand der junge Matthis einen Abscheu vor dem unsteten Herumziehen und dem wilden Treiben der damaligen studierenden Jugend. Er ließ darum seinen Eltern keine Ruhe, bis sie sich entschlossen ihm zu lieb ein Geldopfer zu bringen, damit er ordentlich studieren könne. Er blieb nun einige Jahre in Erfurt, worauf er, in jugendlichem Reisetriebe, den Wanderstab ergriff und zu Fuß einen guten Teil des heiligen römischen Reiches und Italiens durchzog, und den Schatz seiner Kenntnisse um ein Bedeutendes vermehrte. Um seine dadurch unterbrochenen Studien zu vollenden, begab er sich von Kaisersberg aus, wohin er zurückgekehrt, nach Freiburg im Breisgau. Dort lernte er einen seiner späteren Beschützer, den edlen Jakob Sturm von Sturmeck, kennen, der vielleicht zu seiner Berufung nach Straßburg beitrug. Wie einst Geiler, so bekam auch Zell die ehrenhaftesten Zeugnisse und schon nach wenigen Jahren erhielt er dort einen Lehrstuhl (1516). Allein Zell wollte, ebensowenig wie Geiler, sein Leben in Freiburg als Professor beschließen, sondern in der Gemeinde Christi die großen Taten Gottes verkündigen, als ein Prediger des Evangeliums. Er wartete im Glauben auf den Ruf seines Gottes, und der Herr der Kirche der seine Diener dahin beruft, wo er ihrer bedarf, wies auch ihm seinen Wirkungskreis fürs Leben an.

Gegen Ende des Jahres 1518 empfing Zell einen Brief aus Straßburg, worin ihm das hohe Stift neben dem kränklichen Doktor Peter Wickgram, der sich später zurückzog, die Predigerstelle an der Lorenzenkapelle anbot, dieselbe, die Geiler während 32 Jahren bekleidet hatte. Zell nahm diese ehrenvolle Berufung mit inniger Freude an, und wurde nun Leutpriester im Münster, welches Amt er beinah' eben so lange wie Geiler, nämlich volle dreißig Jahre, von 1518 an bis 1548 unter Gottes Gnadenbeistande und mit reichem Segen verwaltete.

Es fing nun für Mathias Zell eine lange Zeit des Kampfes und der Anfechtungen an. Dieselben Erfahrungen, die einst Geiler während seiner langjährigen Wirksamkeit gemacht hatte, wurden Zell in reichem Maße zu Teil. Neben seinem Predigtamte war er auch Beichtiger des Bischofs, das heißt, er hatte im Namen des Bischofs die Absolution zu erteilen, in besonderen Fällen, wo die gewöhnlichen Priester sie nicht geben durften. Dadurch bekam er Gelegenheit genug den geistigen Druck wahrzunehmen, der auf dem armen Volke lag. Dies lastete schwer auf seinem treuen, redlichen Gemüte, und er gesteht, dass die Heilige Schrift und sein Gewissen ihm nicht erlaubt haben, schwere Kirchenstrafen über arme Leute zu verhängen, deren Vergehungen oft ganz unbedeutend waren. „Wie oft, sagt er an einem Orte, wie oft kommen arme Bäuerlein, die man um der geringsten Ursache willen, etwan weil sie ohne Dispens in der Fasten Butter gegessen haben und dergleichen, zu mir in die Stadt schickt, wo sie denn ihr bisschen Gut verzehren, und ihre Zeit versäumen. Ich habe sie aber stets flugs und bald absolviert, sie auch nit gemolken und geschätzt, wie sonst geschehen ist.“ Darum wurde Zell, als ein Priester, der sein Amt nicht streng genug verwaltete, und die Kirchenstrafen zu gelinde handhabte, beim Stifte und beim Bischofe mehrmals angeklagt. Seine Widersacher hatten aber noch einen Grund zur Feindschaft. Zell war nämlich ein Prediger nach Geilers Weise. Er predigte deutlich, volkstümlich und nach der Heiligen Schrift. Durch Luthers Schriften, die gerade damals herauskamen, war er auf die Bibel, das Buch der Bücher, die Quelle aller Wahrheit und Weisheit aufmerksam geworden. Nach dieser untrüglichen Glaubensregel hatte er die Lehren und Zeremonien der Kirche geprüft, und erkannt, dass dieselbe vielfach von dem Grunde des lauteren Gotteswortes abgewichen war. Zell fing allmählig an, das Evangelium unter dem Scheffel hervorzuziehen, und predigte zwar nicht mehr kirchlich, sondern was viel nötiger war, evangelisch. Bald bekam er einen großen Zulauf. In kurzer Zeit war die Lorenzenkapelle für die Menge der Zuhörer viel zu klein. Die Bürger wollten ihren geliebten Prediger im Münster hören. Zell, oder wie ihn die Straßburger nannten, Meister Matthis begehrte von den Stiftsherren die Erlaubnis, die Doktorskanzel zu besteigen, die einst für Geiler errichtet worden war. Dies Begehren ward abgeschlagen. Die Stiftsherren ließen sogar die Doktorskanzel auf Befehl des Bischofs schließen. Das entmutigte aber die Bürger nicht. Die Schreiner in der nahen Kurbengasse taten sich zusammen, und verfertigten einen hölzernen, tragbaren Predigtstuhl. Jedesmal wenn Meister Mathis zu predigen hatte, wurde derselbe mitten im Münster aufgestellt, und nach dem Gottesdienste wieder abgeschlagen.

Das geschah mehrere Jahre, bis endlich ihr lieber Leutpriester die Kanzel wieder besteigen durfte.

Zells evangelische Predigten setzten ihn vielen Anfeindungen aus. Beim Bischofe wurde Zell förmlich verklagt, und 24 Klagepunkte gegen ihn angeführt. Allein Meister Mathis verlor den Mut nicht. Er gab im Jahre 1523 eine christliche Verantwortung heraus, worin er erklärte, bis jetzt habe er Beicht- und Predigtamt nach der klaren Lehre der Heiligen Schrift verwaltet, er könne folglich nichts zurücknehmen, er würde denn aus der Schrift eines Besseren belehrt. Der bischöfliche Ankläger Gervasius Sopher, aus Breisach gebürtig, wurde so sehr von dem Geiste der Wahrheit ergriffen, der durch Zells Schrift wehte, dass er zur reinen Lehre des Evangeliums sich bekannte und später im Segen in Bischweiler wirkte.

Bald darauf kam ein neues Ereignis dazu, das die Spannung der Gemüter vermehrte, und einen entscheidenden Schritt von Seiten Zells herbeiführte. Die meisten Geistlichen jener Zeit übertraten zum allgemeinen Ärgernisse, das siebente (nach der alten Einteilung das sechste) Gebot. Auf Grund der Heiligen Schrift bewies nun Zell, dass sowohl im Alten wie im Neuen Testamente die Priester sich verheiraten durften, sintemal Gott selbst den Ehestand eingesetzt hat; von einem Verbote der Priesterehe sei aber in der Bibel keine Spur zu finden. Zell berief sich namentlich auf 1 Timotheus 3, 2-5, wo die Priesterehe erlaubt ist, auf 1 Korinther 9, 5, woraus hervorgeht, dass selbst der Apostel Petrus ein Weib hatte, und auf 1 Timotheus 4, 1-3, wo die Ehelosigkeit der Priester als eine gefährliche Irrlehre bezeichnet wird. Um dem Volke zu beweisen, dass ein keusches Leben in der Ehe einem unkeuschen unter dem Scheine der Ehelosigkeit weit vorzuziehen sei, trat Zell selbst am 3. Dezember 1523 in den Stand der Ehe ein. Angesichts seiner ganzen Gemeinde wurde er im Münster mit Katharina Schütz, eines Schreiners Tochter aus Straßburg, von seinem Amtsbruder Martin Bucer zur Ehe eingesegnet. Er genoss hierauf mit seinem angetrauten Weibe das Abendmahl unter beiden Gestalten. Dieser letzte Schritt gab der guten Sache den Ausschlag. Der Bischof Wilhelm III. von Hohenstein tat Zell mit sechs anderen verheirateten Priestern seines Bistums in den Bann, und schloss sie somit aus der Kirche aus. Am 3. April 1524 ließ der Bischof an der großen Münstertüre den Bannbrief öffentlich anschlagen. An demselben Abend noch versammelte Zell in seiner Wohnung die andern sechs mit dem Bann belegten Priester, und verfasste, die Nacht hindurch, mit ihnen eine Appellation, das heißt eine Verteidigungsschrift, in welcher der ganze Verlauf der Sache erzählt wird und auch die Gründe dargelegt sind, warum die sieben Priester sich verheiratet haben. Diese Schrift machte so wenig Wirkung bei dem Bischofe, als der Bannfluch in Straßburg, denn der dortige Magistrat nahm die Geächteten in Schutz, und da der Bischof von keiner Reformation etwas hören wollte, so überließ es der Rat den evangelischen Priestern in Straßburg die nötige Kirchenerneuerung ins Werk zu setzen.

Im Jahre 1523 hatte Zell drei Bundesgenossen erhalten, die mit ihm als rüstige Kämpfer für das lautere Evangelium in den Riss traten. Im Monate Mai nämlich langten Wolfgang Capito, der frühere Hofprediger des Kurfürsten von Mainz, und Martin Bucer, ein ehemaliger Dominikanermönch, in Straßburg an. Beide waren aus dem Elsasse gebürtig; Capito war in der Reichsstadt Hagenau geboren, Bucer war aus Schlettstadt. Capito, ein früherer Studiengenosse Zells, ward Capitelherr zu St. Thomä, und fing bald an zu predigen, was unerhört war, da die Capitelherren die Kanzel sonst nie bestiegen - und zwar evangelisch. Bucer war ein geachteter Mönch, den Zell in sein gastliches Haus aufgenommen. Zuerst ließ ihn Zell in seiner eigenen Wohnung predigen und später in der Lorenzenkapelle. Der Rat verbot dies, doch mit der Zeit gewährte er Bucer der Stadt Schirm und Schutz, gab ihm das Bürgerrecht und gestattete ihm zuletzt abwechselnd mit Zell im Münster zu predigen. Im Herbste desselben Jahres 1523 kam Kaspar Hedio aus Ettlingen im Badischen als ein neuer Zeuge der Wahrheit nach Straßburg. Hedio war ein Freund Capitos; er war sein Nachfolger zu Mainz geworden, allein das dortige Hofleben und die geistige Knechtschaft, in der er sich befand, bewogen ihn, dem Rufe des hohen Stiftes als Münsterprediger zu folgen. Die Absicht der Stiftsherren war dadurch, Zell einen Gegner zu erwecken. Statt aber, wie man es gewünscht und erwartet hatte, gegen Zell aufzutreten, wurde Hedio bald dessen innigster Freund und wirkte in demselben evangelischen Geiste wie dieser. Capito, Buzer und Hedio, das waren mit dem biedern und mutigen Zell die Reformatoren der Stadt Straßburg.

Auch an seiner Katharina fand Zell eine getreue Gehilfin in der Arbeit für den Herrn. Weit entfernt ihn von seinem geistlichen Berufe abzuhalten, legte sie vielmehr die Hand wacker mit an den Pflug.

Die ersten Ehestandsjahre Zells waren Wehestandsjahre. Draußen in der Welt stürmte es gewaltig. Überall war der Kampf der Geister ausgebrochen, aber an wenigen Orten war das Evangelium so siegreich durchgedrungen wie in Straßburg. In mancher Gegend wurden die Evangelischen verfolgt, und täglich kamen in die gastfreundliche Stadt arme Flüchtlinge an, die dort eine sichere Zufluchtsstätte fanden. Eines der gastlichen Häuser der Stadt war Zells Wohnung. Sie war in der Bruderhofsgasse gelegen, ungefähr in der Mitte der Straße, dem großen Seminar gegenüber. Es war die alte sehr geräumige Wohnung des Münsterpfarrers.

Eines Tages kamen aus der Markgrafschaft Baden fünfzehn arme Glaubensbrüder nach Straßburg um dort ein sicheres Obdach zu suchen. Unter denselben befand sich ein alter Herr, hieß Doktor Mantel, und war wohl bewandert in Gottes Wort. Derselbe hatte Frau Zell früher mehrmals in Baden gesehen und gesprochen. Ganz verzagt und tief gebeugt tritt der alte Mann in Zells Haus ein, und begehrt um der Wunden Christi willen Aufnahme und Hilfe. Weinend ruft er aus: „Ach, ich alter Mann, mit viel kleinen Kindern! Ich habe viel Angst und Schrecken erlitten, denn vier Jahre bin ich schwer gefangen gelegen. Jetzt bin ich frei, aber in der Fremde. Ach! wie wird's mir noch ergehen!“ Tief gerührt suchten ihn Zell und seine Frau wieder zu trösten und aufzurichten. Sie nahmen ihn gleich in ihr Haus auf, gaben ihm Schutze und Kleider und behielten ihn einen ganzen Winter über als Gast.

Im Jahre 1324, gegen Abend, langten vor dem Metzgertore in Straßburg 150 Männer an, und begehrten um Gottes willen Einlass in die Stadt. Auf die Frage, woher sie kämen, antworteten sie: „Aus Kenzingen im Breisgau“, und erzählten ihre Jammergeschichte. Das Städtchen Kenzingen stand unter österreichischer Herrschaft. Ein Prediger, der dort angestellt war, Jakob Other aus Speyer, früher Geilers Hausgenosse, hatte freimütig das Evangelium gepredigt. Der Bischof von Konstanz und Herzog Ferdinand von Österreich drangen auf seine Entlassung. Diese erfolgte auch wirklich. Als Other aber abzog, so gaben ihm die meisten Kenzinger Bürger, eben jene 150, das Geleite bis an das nächste Bauerndorf. Bei ihrer Rückkehr in die Stadt fanden sie die Zugbrücken aufgezogen, die Tore geschlossen, und die Wälle mit österreichischem Kriegsvolk besetzt, das während ihrer Abwesenheit in die Stadt eingezogen war. All' ihrer Bitten ungeachtet blieben die Tore verschlossen und die armen Bürger ausgesperrt. Sie mussten sogar, um ihrer Sicherheit willen, Weib und Kind, Hab und Gut dahinten lassen, und die Flucht ergreifen. So waren sie bis Straßburg gekommen. Spät Abends war es, als sie das Tor erreichten; wohl öffnete man ihnen dasselbe, und ließ sie ein, aber wohin sollte man mit den Leuten in der Nacht? Da sagte einer der Torwächter: „Führen wir sie zu Meister Mathis!“ Gedacht, getan. Die Wache begleitete die Männer nach Zells Wohnung, und achtzig von ihnen fanden so für die erste Nacht eine Herberge. Vier Wochen lang speisten Zell und seine Frau 50 bis 60 von ihnen, und entließen sie erst dann, als sie eine bleibende Unterkunft gefunden hatten. Während der Gräuel des Bauernkrieges, anno 1525, flohen viele arme, elende Landleute in ihrer Herzensangst nach Straßburg. Haufenweise langten die Bauern in der Stadt an, und flehten unter Tränen um Aufnahme und Beistand. Da gingen wiederum Zell und seine Katharina den übrigen Bürgern mit gutem Beispiele voran. Das ehemalige von den Mönchen verlassene Barfüßerkloster auf dem Klebersplatz wurde für die Bauern eingerichtet, und Katharina Zell war unermüdlich den armen Bauern Speise, Trank, Kleider und Wäsche dorthin zu bringen. Zwei ehrwürdige Wittfrauen, Namens Kraft, deshalb die Kräftinnen geheißen, und ein Almosenpfleger, Lukas Hackfurt, wetteiferten mit ihr in diesem Liebesdienste, und empfingen mit ihr den warmen Dank und die Segenswünsche der gerührten Bauersleute.

Auch für arme Studierende taten Zell und seine wackere Frau nicht wenig. Zell brachte es mit den anderen Reformatoren der Stadt dahin, dass man den Studenten das alte Wilhelmerkloster in der Krautenau zur Wohnung anwies. Katharina Zell zeigte sich für diese „armen Schüler“ wie man sie hieß, als eine wahre Mutter. Sie pflegte sie auf die hingebendste Weise. Sie sammelte unter den Bürgern Steuern für sie, sie half deren Haushaltung einrichten und Alles wohl unterhalten, und wenn einer der Schüler kein Unterkommen hatte, so fand er es sicher in dem freundlichen Pfarrhause der Bruderhofsgasse.

Kein Wunder, dass die Bürgerschaft ihren lieben Meister Matthis und seine Ehefrau von Tag zu Tag mehr achtete und schätzte. Auch im Auslande kannte man Zell wohl, denn weit und breit war sein Pfarrhaus wegen seiner Gastfreundschaft berühmt, und mehr als ein Flüchtling aus Deutschland sowohl, als auch aus dem Innern Frankreichs, verdankte, nächst Gott, seine leibliche Erhaltung dem menschenfreundlichen Meister Mathis. An Zell aber bewährte sich der alte Spruch: Almosengeben armet nicht, denn, obwohl er so viel für Andere tat, obwohl er oft, Wochen lang, 20 bis 30 Tischgäste speiste und tränkte, so hatte er doch sein hinlänglich Auskommen, und lebte selbst in einem großen Wohlstand. Er besaß zu Freiburg Haus und Garten, die er aber später in den Kriegsunruhen verlor. Vor dem Fischertore in Straßburg, rechts im Hinausgehen, hatte er ein Landgütchen, der Schweighof genannt, das längst unter den Festungswerken der Stadt begraben liegt. Dort lustwandelte er, mit einigen Freunden, an schönen Sommerabenden, und ruhte aus von des Tages Last und Hitze.

Zell lebte sehr einfach und war ein abgesagter Feind jedes unnötigen Aufwandes. Als Beweis dazu mag folgende Geschichte dienen, die einer seiner Zeitgenossen berichtet: „Auf eine Zeit hat sich's begeben, dass Meister Matthis von einem andern Prediger zu einem Nachtmahl geladen ward, und als dieser silbern und verguldete Geschirr auf das Biffet gestellt, hat sich Matthis ob dieser Pracht und Reichtumb bei einem Prediger verwundert, ihn als seinen Bruder ernstlich bescholten, und ist ungessen auf diesmal von ihm gangen. Nach diesem hat er den Bruder insonderheit ermahnt und dahin gebracht, dass er ein Teil seines Silbergeschirrs verkauft, und darnach freigebiger gegen die Armen gewesen.“

Vom Jahre 1524 an trat Zell vom öffentlichen Kampfplatze ab, um einzig und allein für seine liebe Münstergemeinde zu leben. Wir wissen daher von jener Zeit an bis zu seinem Tode im Ganzen wenig von ihm, denn sein Leben floss von nun an sanft und still dahin, außer dass in diesen Zeitraum die bedeutenden Reisen fallen, die Zell nach der Schweiz und nach Deutschland machte.

Wie schon oben gesagt, waren sowohl Meister Matthis als seine Katharina, die man wegen ihrer Gelehrsamkeit gewöhnlich die Frau Doktorin nannte, auch im Auslande wohlbekannte Personen. In der Schweiz und in Deutschland zählten sie viele Freunde, die meist ihre Gastfreundschaft genossen hatten, so unter Andern auch Ulrich Zwingli in Zürich. Zweimal reiste Zell zu den Schweizer Brüdern, und predigte mehrmals bei ihnen. In Konstanz trat er drei Male an einem Sonntag auf und predigte jedesmal mit großer Salbung, und immer waren die Kirchen mit Zuhörern angefüllt, die den Straßburger Gottesmann hören wollten.

Leider besitzen wir, außer einer Hochzeitrede, nicht eine gedruckte Predigt von Zell. Gedruckt hat man außer seiner Verantwortung und seiner Appellation, von ihm nur einen kleinen „Katechismus für Kinder, in Form eines Gespräches zwischen dem underrichter und dem kind“, und noch eine „Uslegegung des Vatter unsers uf gebett weis gestellt, zum Gebrauch der lieben Jugend“.

Nicht nur mit Zwingli und den Schweizern, sondern auch mit Martin Luther und den Wittenbergern stand Zell in freundlichem Vernehmen. Luther schätzte den wackern Mann und seine Frau gar hoch. Er schrieb an „Frau Zellin „ zwei Briefe, die noch vorhanden sind. Im Jahre 1538 unternahm Zell, auf Luthers herzliche Einladung hin, mit seiner Frau die weite Reise nach Wittenberg, was damals kein Kleines war, denn die Wege waren oft schlecht und unsicher und das Fuhrwesen ließ viel zu wünschen übrig. Doch der Wunsch, den großen Gottesmann Luther von Angesicht zu sehen und die siegende Beredsamkeit seiner Frau überwanden Zells Bedenklichkeiten alle. Frau Zellin erzählt über diese Reise, auf der sie ihren Mann begleitete, Folgendes:

„Ich bin eine schwache Frau, habe viel Arbeit, Krankheit und Schmerzen in meiner Ehe erlitten, hab' dennoch meinen Mann so lieb gehabt, dass ich ihn nit allein hab' lassen wandeln, da er unsern lieben Doktor Luther und die Seestädt' bis an das Meer, ihre Kirchen und Predigen, hat wollen sehen und hören. Ich hab' meinen alten, fünfundachtzigjährigen Vater, Freunde und Alles hinter mir gelassen, und bin mit ihm wohl 300 Meilen aus und ein, auf derselbigen Reis' gezogen. So bin ich mit in das Schweizerland, Schwaben, Nürnberg, Pfalz und andere Orte gereiset, hab' die gelehrte Herren auch wollen seh'n und hören, auch meinem Herrn zu dienen und Sorg' auf ihn zu tragen, wie er es denn wohl bedurft hat, dass ich mehr denn 600 Meilen mit ihm in seinem Alter gereiset, mit großer Müh' und Arbeit meines Leibs und großen Kosten unserer bloßen Nahrung, des mich aber nit gedauert, und noch nit reuet, sondern Gott darum danke, dass er mich solches Alles sehen und hören hat lassen!“ Die sächsische Reise wurde glücklich zurückgelegt, und die freundlichen Tage, die Zell in Wittenberg zubrachte, waren eine schöne Erinnerung für seinen Lebensabend.

Und dieser Lebensabend rückte allmählig heran, trübe und leidensvoll. Nach Luthers Tode, 1546, war der schmalkaldische Krieg ausgebrochen, dessen unglückselige Folgen auch Straßburg verspürte. Mehr als einmal seufzte der alte Meister Matthis über die schweren Zeiten, und wünschte bald erlöst zu werden aus diesem Jammertale. Eine Ahnung seines nahen Endes bemächtigte sich des ehrwürdigen Münsterpredigers, als er am 6. Jänner 1548 seine letzte Predigt hielt. Am Schlusse derselben richtete er mit tiefbewegter Stimme wehmütige Abschiedsworte an seine teure Gemeinde. Am Abende jenes Sonntags besuchte Zell noch einen alten Freund, den herühmten Rechtsgelehrten Nikolaus Gerbel. Dieser erzählte ihm, dass einer ihrer gemeinsamen Freunde, ein Prediger aus Zweibrücken, vor wenigen Tagen unerwartet schnell aber selig entschlafen sei. Da rief Zell seufzend aus: „Der Herr schenke mir ein ähnliches Ende!“ Sein Gebet sollte bald erhört werden. Zwei Tage darauf, am Dienstage, Nachts um 11 Uhr, erwachte Zell auf seinem Lager unter heftigen Schmerzen. Der letzte Kampf hatte sich bereits eingestellt. Schon mit dem Tode ringend, verließ der sterbende Greis noch sein Lager, und vor demselben niederkniend, sprach er folgendes innige Gebet, das alle Anwesenden mit tiefer Rührung vernahmen: „Herr! lass dir dein Volk befohlen sein! Sie haben mich lieb gehabt, hab' du sie auch lieb, und gib ihnen keine Treiber, dass der Bau, so ich auf dich gesetzt hab', nit wiederum verwüstet wird! Bleib du der Erzhirt über sie!“ Zwei Stunden darauf, bald nach Mitternacht, holte der Herr der Kirche seinen treuen Diener heim in die himmlischen Hütten, wo man singt vom Sieg.

Am Donnerstage, den 10. Jänner 1548, war Schwörtag in Straßburg. Alle Bürger nämlich mussten sich zu Anfange jedes Jahres auf dem Münsterplatze versammeln, um der neuerwählten Stadtobrigkeit Treu und Gehorsam zu schwören. Traurig und niedergeschlagen standen die Bürger bei einander, denn Meister Matthis, ihr geliebter Prediger, war nicht mehr unter den Lebenden. Während dem sie von seinem schnellen Absterben sprachen, da nahte sich, von der Bruderhofsgasse herkommend, Zells Trauerzug langsam dem Münster zu. Sämtliche Bürger entblößen ihr Haupt; über manche bärtige Wange rollt eine Träne herab, und schweigend schließen sich Alle dem Zuge an. Bei fünftausend Menschen, „fast die ganze Stadt,“ sagt ein alter Chroniker, folgten dem Leichenzuge Zells nach dem Gottesacker Sankt-Urban (Kurwau). Martin Bucer, des Verstorbenen Freund und Amtsbruder, der seinen Ehebund eingesegnet, hielt ihm die Leichenrede und rief ihm das letzte Lebewohl zu. Das war das gottselige Ende des andern Gottesmannes aus Kaysersberg.

Beide, Geiler und Zell, haben in ihrem Leben und Wirken viel Ähnliches. Beide stammten aus Kaysersberg, Beide studierten in Freiburg und waren dort Lehrer; Beide wurden Prediger an derselben Hauptkirche und wirkten einer beinah' eben so lange wie der andere; Beide auch, was die Hauptsache ist, predigten in einem Geiste, in dem Geiste Christi. Geiler ist mehr der Prediger der Buße, Zell derjenige der Gnade, Geiler drang vornehmlich auf das Gesetz, Zell hingegen wies auf das Evangelium hin. Aber bahnt nicht das Gesetz dem Evangelium den Weg in die Herzen, und sind sie nicht unzertrennlich von einander? Darum hat Geiler, nach einem biblischen Bilde, den Boden gepflügt, Zell das Samenkorn ausgestreut, Gott aber seinen Tau und Sonnenschein dazu gegeben.

Geiler und Zell ruhen in ihren Gräbern, aber ihre Namen sollen unter uns nicht vergessen werden, und ihre Werke fortleben.

Zells Seelenwunsch war der, dass in seiner Vaterstadt Kaysersberg die Reformation in Kirche und Schule aufblühen und gesegnete Früchte daselbst hervorbringen möchte. Diese Freude wurde ihm nie zu Teil. Wohl fing ein dortiger Prediger, Simson Hillner, im Jahre 1523 an, evangelisch zu predigen, und ein Teil der Bürgerschaft nahm das Wort mit Freuden auf, doch der Rat ließ Hillner eines Sonntags nach dem Gottesdienste nach dem Rathaus bescheiden, von welchem er nicht mehr heraus kam. Man nimmt als ziemlich bestimmt an, dass er heimlich hingerichtet und in der Stille beerdigt wurde. So wurde das neue Leben in seinen Keimen schon erstickt.

Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/r/rathgeber/kaysersberg/rathgeber-kaysersberg-matthias_zell.txt · Zuletzt geändert:
Public Domain Falls nicht anders bezeichnet, ist der Inhalt dieses Wikis unter der folgenden Lizenz veröffentlicht: Public Domain