Rathgeber, Julius - Zwei Gottesmänner aus Kaysersberg - Johannes Geiler
1445-1510
Zwei Stunden von Kolmar, im Oberelsass, erhebt sich am Fuße der Vogesen das altertümliche, rebenumkränzte Städtchen Kaysersberg. Es liegt am Eingange eines lieblichen Tales gleichen Namens, das den Reisenden nach etwa fünf Stunden in das französische Lothringen führt. Kaysersberg ist von weitem erkennbar durch die Ruinen einer alten Burg, welche die Stadt beherrscht und in der vor grauen Zeiten deutsche Kaiser Hof gehalten haben. Unter den vielen kleinen Städten des gesegneten Elsasses ist Kaysersberg eine der merkwürdigsten wegen seines mittelalterlichen Ansehens. Man findet dort noch alte Häuser, die bis ins fünfzehnte Jahrhundert hinausreichen sollen. Wir wollen diese Behauptung nicht untersuchen, allein wenn sich dieselbe auch nicht mit Sicherheit begründen ließe, so stände doch das fest, dass das fünfzehnte Jahrhundert ein wichtiges in der Geschichte Kaysersbergs gewesen ist, denn in demselben haben dessen beide größten Männer Geiler und Zell gelebt und gewirkt.
Etwa um das Jahr 1400 lebte in Kaysersberg eine ehrsame Bürgersfamilie, Namens Geiler. Das Haupt derselben war ein im Orte sehr geachteter Mann. Sein Sohn Johannes gehörte zu den gebildeten Leuten des Städtchens, denn er wusste gut mit der Feder umzugehen und hatte auch sonst manche Kenntnisse. Gerne wäre Johann Geiler in seiner Vaterstadt geblieben, allein die Schreiberstellen waren damals selten, so dass, als er sich mit Jungfer Anna Zuber verlobte, er, um eine Stelle zu bekommen, die Heimat verlassen musste. Er fand eine anständige Stelle in Schaffhausen, welche Schweizerstadt damals unter österreichischer Herrschaft stand. Dort wurden ihm zwei Kinder geboren, ein Mädchen, und im Monate März 1445 ein Knäblein, das in der heiligen Taufe seines Vaters Namen Johannes erhielt. Von diesem Knäblein kann gesagt werden, was Luk. 1, 14 und 15 von Johannes dem Täufer geschrieben steht: „Viele werden sich seiner Geburt freuen, denn er wird groß sein vor dem Herrn.“
Einige Monate nach der Geburt dieses Kindes war große Freude in unseres Schreibers Hause. In dem Flecken Ammerswihr, eine halbe Stunde von Kaysersberg gelegen, war eine Notarsstelle frei geworden, und Geiler wurde aus Schaffhausen dorthin befördert. So zog denn derselbe mit Weib und Kindern in die Nähe seiner Vaterstadt zurück.
Im Winter des Jahres 1448 verbreitete sich eines Tages in Ammerswihr eine traurige Schreckensbotschaft. Seit einiger Zeit schon waren die umliegenden Weinberge verwüstet worden, und zwar, wie die Leute behaupteten, von einem Bären. Die Bürger des Ortes verabredeten eine Treibjagd auf das wilde Tier und waren wohlbewaffnet seiner Fährte nachgezogen. Der Bär wurde in seinem Schlupfwinkel entdeckt, umringt und auch glücklich erlegt, aber um einen teuren Preis. Es kostete dabei ein Menschenleben. Der Notarius Geiler wurde von dem gehetzten Tiere erreicht und am Schenkel dergestalt zerrissen, dass man gleich an seinem Aufkommen zweifelte. Er starb wenige Tage nach dem Unfall in Folge des Brandes.
Das war ein Jammer. Eine arme Witwe und zwei Waislein standen jetzt verlassen in der Welt! Doch nein, verlassen waren sie nicht. Der Vater im Himmel, der der rechte Vater der Waisen ist, und der Versorger der Witwen, hatte zur Stunde schon für die Armen gesorgt. Der Großvater in Kaysersberg nahm die unglückliche Wittfrau samt ihren Kinderchen in sein Haus auf und da er einiges Vermögen besaß, so waren dieselben, so lange er am Leben blieb, wohl versorgt. Auf dem kleinen Johannes schien, seit des Vaters jähem Tode, ein eigener Geist zu ruhen. Das Kind war äußerst still und eingezogen. Wenn sich seine Gespielen fröhlich herumtummelten, so sah ihnen der bleiche Johannes schweigend zu und ging einsam seines Weges dahin, und als er größer wurde, so war sein Lieblingsort die Kirche und mit den Büchern beschäftigte er sich am liebsten. Kein Wunder, dass der Großvater oft im Kreise der Seinen die blonden Haare des Knaben streichelte und lächelnd zu seiner Schwiegertochter sagte: „Unser Hans muss studieren, damit er einst wie sein Vater selig ein braver Notarius oder sonst ein gelehrter Herr werde!“
Nach Johannes Austritt aus der lateinischen Schule, beschloss sein Großvater, ihn auf eine Universität, das heißt auf eine höhere Schule zu schicken, um dort seine Studien zu vollenden. Die beste Hochschule aber, weit und breit, war damals zu Freiburg im Breisgau. Dorthin zogen alle Jahre, aus aller Herren Ländern, viele Hunderte von jungen, wissbegierigen Studenten.
Anno 1460, also in seinem fünfzehnten Jahre schon, verließ Johann Geiler, unter den Segenswünschen seiner weinenden Mutter und unter den treuen Ermahnungen des Großvaters, das großelterliche Haus, um in Freiburg die Weltweisheit zu studieren.
Die Gebete der Mutter, die den ernsten Johannes nach Freiburg begleiteten, wurden von dem treuen Gotte erhört, Denn während viele Studenten ein wildes, ungebundenes Leben führten, so war Geilers Wandel ein untadeliger. Sein Eifer zum Lernen war außerordentlich groß, und seine Zeit benutzte er treu und gewissenhaft. Auch war er der Liebling seiner Lehrer. Er machte so schnelle Fortschritte, dass er schon in seinem zwanzigsten Lebensjahre, nach wohlbestandener Prüfung, das Recht erhielt, Vorlesungen zu halten.
Die Schriften eines französischen Gottesgelehrten, Namens Gerson, erweckten in ihm den Entschluss, die Theologie zu studieren. Er begab sich in dieser Absicht nach Basel. Als er auch dort ausstudiert hatte, unternahm er eine weite Reise nach Frankreich, teils um Gersons Werke genau und vollständig kennen zu lernen, teils um berühmte Wallfahrtsorte zu besuchen. In Lyon ließ er sich des Gottesmannes Gerson Grab zeigen, und in Marseille, dem Ziele seiner Reise, das Grab der Maria Magdalena, die dort, nach der christlichen Sage, gestorben sein soll.
Geiler kehrte mit mancherlei Kenntnissen und neuen Erfahrungen bereichert, nach Basel zurück, woselbst er sich noch den Doktorhut in der Gottesgelehrtheit erwarb. Seiner Verdienste wegen berief man ihn als Lehrer der Heiligen Schrift aus Basel nach seinem lieben Freiburg zurück, und er folgte diesem Ruse mit Freuden.
Es schien nun, menschlich gesprochen, dass Geiler seine Laufbahn in Freiburg beschließen würde, denn er hatte eine sehr einträgliche und wenig beschwerliche Stellung. Allein, wie wunderbar sind Gottes Absichten mit seinen Auserwählten, und wie himmelweit sind seine Wege von den unsrigen verschieden! Dies sollte sich, wie an so Vielen vor ihm, auch an Geiler erweisen.
So gerne der Herr Professor Geiler seinen Studenten Vorlesungen hielt, so gerne predigte er dem gemeinen Manne. Wo er eine Gelegenheit dazu fand, bestieg er die Kanzel, und predigte gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten jener Zeit. Die meisten Prediger damals waren ungelehrte Mönche, und wenn man die Schilderungen der Zeitgenossen liest, so ersteht man daraus, dass die Zustände der Kirche im Argen lagen. Die Mönche waren unwissend und führten gar kein erbauliches Leben. Viele von ihnen konnten nicht einmal lesen, und ihr Wandel gereichte dem Volke zum großen Ärgernis. Wo aber Geiler auftrat, waren die Kirchen gefüllt, denn er verkündigte den Leuten das Wort Gottes lauter, klar und erbaulich.
Einmal musste Geiler Gesundheitshalber nach Baden reisen, um die dortigen Heilquellen zu gebrauchen. Das viele, angestrengte Studieren hatte ihn so angegriffen, dass er davon krank geworden war, und in Baden neue Kräfte sammeln sollte. Er reiste also hin. Trotzdem dass ihm die Ärzte Ruhe angeraten hatten, so ließ er sich das Predigen doch nicht nehmen und verkündigte in der Kirche zu Baden mehrmals das Wort Gottes. Unter den Badegästen befanden sich etliche fromme Kaufleute der Stadt Würzburg in Franken. Geilers Vortrag gefiel ihnen dermaßen, dass sie ihm die nächste Predigerstelle anboten, die in Würzburg frei würde. Einstweilen versprachen sie ihm, aus ihren eigenen Mitteln eine Zulage zu seinem Gehalte zu geben, wenn er diese Berufung annähme. Geiler sah in diesem Antrage einen Fingerzeig Gottes, der ihn zum Predigtamte berufe, und sagte mit Freuden zu. Er wollte nur nach Freiburg zurückreisen, um dort seinen Dienst aufzukündigen, sodann seine Bücher in Basel holen und hierauf nach Würzburg kommen. Auf seiner Reise nach dem Breisgau kehrte er in Straßburg bei einem lieben Freunde, Peter Schott, ein, dem er mit freudigem Herzen die frohe Botschaft mitteilte.
Peter Schott war ein frommer und gottesfürchtiger Ratsherr, wie Gamaliel zu Jerusalem. Viermal in seinem Leben wurde er zur Würde eines Ammeisters (Bürgermeisters) in seiner Vaterstadt Straßburg erhoben, und verwaltete sein hohes Amt zur Befriedigung seiner Mitbürger. Damals, als Geiler ihn besuchte, war er Kirchenpfleger am Münster. Schon lange sah dieser edle Mann mit blutendem Herzen den tiefen Verfall der Religion in Straßburg. Früher hatte es dort, wie an vielen Orten, weltliche Priester oder Leutpriester und Ordensbrüder gegeben, die auch die Kanzel bestiegen. Die ersteren waren unter der Bürgerschaft beliebt, denn sie besaßen Bildung und schöne Kenntnisse, während die letzteren zum großen Teile unwissend und unsittlich waren. Heftige Streitigkeiten waren seit etlichen Jahren zwischen beiden ausgebrochen, denn die Mönche drängten sich nach den Kanzeln und in die Beichtstühle, verkündigten wiederholt um Geld den Ablass der Sünden, waren begünstigt von der kirchlichen Oberbehörde, und nahmen den Leutpriestern ihr Ansehen und ihren Einfluss weg. Im Münster war der Streit ebenfalls entbrannt und zwar so heftig, dass der weltliche Priester an der Lorenzenkapelle, Crützer, Straßburg wegen der Feindschaft der Dominikaner oder Predigermönche verlassen musste. Der Rat der Stadt, um dem Hader ein Ende zu machen, befahl den Predigtstuhl aus dem Münster zu entfernen, so dass seit Jahren darin nicht mehr gepredigt wurde. Dies Alles betrübte unsern Schott aufs tiefste, und sein Wunsch wie der vieler anderer frommen Leute aus der Stadt war der, wieder einen guten Münsterprediger zu bekommen. Wie ihm Geiler mit freudigem Munde seine Berufung nach Würzburg meldete, da erfüllte blitzschnell ein kühner Gedanke seines Freundes Seele. „Wie wäre es, sprach er zu ihm, wenn du, statt nach Würzburg zu gehen, hierher zu uns kämest? Hier zu Land tun fromme Priester ebenso Not wie in Würzburg. Zudem ist der Mensch verbunden, seinem Vaterlande vor Allem zu dienen. Du stammst aus dem Elsasse; du bist also vor Allem schuldig, deine Gaben und Kräfte der elsässischen Kirche zu widmen.“ Geiler fühlte das Gewicht dieser Gründe, wendete aber ein, er habe schon für Würzburg zugesagt, könne also nicht mehr zurücktreten, usw. Allein sein Freund Schott drang so ernstlich in ihn, dass er ihm endlich versprach, wenn Schott die Sache könne rückgängig machen, so wolle er nach Straßburg kommen. Schott empfand darüber eine solche Freude, dass er alsobald die Zinse von 1200 Goldgulden aus seinem eigenen Vermögen zur Gründung einer neuen Pfarrstelle im Münster bestimmte. Der Bischof und das hohe Stift fügten später noch einige kleine Gefälle hinzu.
Es gelang dem wackern Schott, nicht ohne Mühe, die Bürger von Würzburg zufrieden zu stellen, und er ließ dem damaligen Bischofe von Straßburg Ruprecht keine Ruhe, bis ihm derselbe Geilers Ernennung gewährte. So wurde denn Johann Geiler im Jahre 1478 nach Straßburg berufen, als Leutpriester der Sankt-Lorenzenkapelle im Münster und als Beichtvater des Bischofs Ruprecht, dem er bald darauf die Leichenpredigt hielt.
Geiler hatte alle Tage in der Lorenzenkapelle Messe zu lesen, ferner an den Festtagen oder bei kirchlichen Feierlichkeiten zu predigen, sowie auch alle Sonntage des Nachmittags. In der Fastenzeit wusste er täglich früh Morgens die Kanzel besteigen.
Neue Würden, neue Bürden! sagt ein altes Sprichwort. Das bewährte sich in reichem Maße an unserm Geiler während der zweiunddreißig Jahre (1478-1510) seiner reichgesegneten Wirksamkeit in Straßburg. Geiler war ein schlichter, aufrichtiger Mann, dem sein heiliges Amt sowohl als auch das Heil der unsterblichen Seelen auf dem Herzen lag. Nicht lange war er in Straßburg, so sah er die vielen Missbräuche, die sich, wie ein üppiges Unkraut, in der Kirche verbreitet hatten; er sah das Sittenverderbnis des Adels sowie des Volkes und das sündhafte Treiben der meisten Geistlichen, die ein ganz ungeistliches Leben führten. Er predigte daher gewaltig und scheute sich nicht, an heiliger Stätte die Sünden zu nennen und zu strafen, die unter Volk und Geistlichkeit im Schwange waren. Er ward um des willen in kurzer Zeit so beliebt, dass die Lorenzenkapelle bald die Zahl seiner Zuhörer nicht mehr fassen konnte. Er predigte daher im Münster selbst, zuerst auf einem hölzernen Predigtstuhle, den man für ihn verfertigte, und später auf der schönen, steinernen Kanzel, die heute noch steht, und die im Jahre 1487 eigens für Geiler errichtet wurde.
Trotzdem dass Geilers Predigten meist Buß- und Strafpredigten waren, so wurden sie doch fleißig besucht. Denn die Wahrheit, wenn sie auch verlegt, wird am Ende doch lieber gehört als der Irrtum. Zudem war Geiler eine mächtige Persönlichkeit, die Jedermann anzog und fesselte. Seine Predigten waren voller Kraft und Wahrheit, voller Geist und Leben, voller tiefen Ernstes und humoristischen Witzes. Er kannte genau die Beschaffenheit des menschlichen Herzens, wusste überall Rat und Bescheid, kannte den Bürger und den Handwerker, die Ratsherrn und die Bäuerlein so gut wie den Adel und die Geistlichkeit; ihre Sprache und Lebensweise, ihr ganzes Tun und Treiben waren ihm, dem tiefen Menschenkenner und volkstümlichen Manne, so wohl bekannt als sein eigenes Herz. Darum weil er sich in allen Ständen umgesehen, weil er sich in alle hineingelebt hatte, konnte er zu Jedem in seiner Sprache und in seiner Weise reden, und war Jedermann verständlich. Deshalb war er auch ein Volksprediger, wie es nur wenige gegeben, ein Apostel im Sinne Pauli, ein Mann der Allen Alles war.
Geiler liebte es, über denselben Gegenstand eine Reihe von Vorträgen zu halten. So predigte er vom 1. Mai 1495 bis zum Karfreitag 1496 über den menschlichen Baum. „Der Mensch, sagt er, ist zu vergleichen einem Baume, den Gott gepflanzt hat, der wachsen soll zu seiner Ehre und Früchte bringen zu seiner Zeit. Blüten, Blätter, Knospen und Früchte sollen am Baume nicht fehlen. Alles Unnötige, das dürre Holz, die abfallenden Blätter, das welke Laub, die faulen Zweige müssen vom Baume verschwinden. Wenn der Baum sein Wachstum erreicht hat, kommt der Holzhauer, der Tod, und fällt ihn. Wie er fällt, so bleibt er liegen.“ Die Erhaltung dieser Predigtsammlung verdanken wir einem Zuhörer Geilers, dem Jakob Biethen aus Reichenweyer.
Einer der besten Freunde Geilers war der berühmte Sebastian Brandt, ein Rechtsgelehrter aus Straßburg. Es war dies ein sehr witziger, geistvoller Mann, der mit scharfem Auge die Gebrechen seiner Zeit einsah, und mit unerbittlicher Strenge sie rügte. Er gab im Jahre 1494 ein wunderliches Buch heraus, das sogenannte Narrenschiff, ein Buch voll tiefer Lebensweisheit und voll heilsamer Lehren. „Die ganze Welt, meint Brandt, ist ein Schiff, auf dem die Narren fahren. Diese Narren aber sind die Menschen, denn jeder Mensch hat seine Narrenkappe.“ Die Torheiten der Leute und ihre Sünden werden nun nacheinander beschrieben, auf dass sich ein Jeder spiegeln möge und Platz nehme auf dem Narrenschiff. Dieses merkwürdige Buch ist in Reimen abgefasst und enthält ein treues Gemälde damaliger Sitten und Unsitten. Über dieses Narrenschiff predigte unser Geiler über ein Jahr lang, vom Anfange der Fastenzeit 1498 bis zu Ostern des Jahres 1499, unter großem Beifall. Geiler selbst scheut sich nicht, auf dem Schiffe zu erscheinen, bekennt demütig seine eigenen Untugenden, ermahnt aber auch dringend seine Zuhörer, sich zu prüfen, ihre Sünden zu erkennen und sich zum heiligen Gotte zu bekehren.
Anno 1500 war ein Jubeljahr, das heißt es war ein Jahr wo die Christen, die nach Rom pilgerten, Ablass von allen ihren Sünden erlangen konnten. Geiler benutzte diese Gelegenheit, um die wahre Bedeutung der Wallfahrten hervorzuheben. „Auch das Leben, sagt er, ist eine Pilgerschaft durch ein fremdes Land, nach der himmlischen Heimat. Nun werden eine nach der andern, die Eigenschaften eines guten Pilgers beschrieben; er soll Zehrgeld, Kleider, Schutze und Wanderstab bei sich haben; er soll den rechten Weg erkunden, um nicht irre zu gehen. Er soll klug, vorsichtig, unermüdlich sein, und keinen Umgang mit schlechten Gesellen haben. Ein wackerer Pilgersmann muss früh morgens, wenn der Tag graut, die Herberge verlassen, nicht überall stille stehen, sondern seine Trägheit überwindend, rüstig fürbass schreiten. Sein Ziel soll er nie aus dem Auge verlieren und sich auf seiner Wanderung beständig an drei bedeutsame W erinnern. „Gedenke, o Erdenpilger: 1) Wer du bist (ein armer Sünder), 2) Wo du bist (in der argen Welt), 3) Wohin du willst (in den Himmel). Auf diese Weise wird die Wallfahrt gut ablaufen und der Pilger sein Ziel sicher erreichen.“
Dieser Gegenstand gab unserm Geiler einen unerschöpflichen Stoff zu geistlichen Deutungen und christlichen Anwendungen auf das gewöhnliche Leben, und die Pilger, die nicht nach Rom ziehen konnten, fanden dafür im Münster einen reichen Ersatz.
Im Jahre 1502 herrschte ein großes Sterben (die Pest) in Straßburg. Da hielt Geiler eine Reihe von Predigten unter dem Titel: „Trostspiegel, so dir Vater, Mutter, Kinder oder Freund gestorben synd.“1) Diese Predigten, die er aus den Schriften des französischen Gottesmannes Gerson schöpfte, erreichten völlig ihre Wirkung, und viele Mühselige und Beladene fanden darin Erquickung.
Anno 1507 gab ein sonderbarer Umstand dem hochgelehrten Doktor, wie man Geiler auch nannte, einen neuen Predigtstoff. Es wurde nämlich auf der Johannismesse zu Straßburg ein großer Löwe zur Schau gestellt. Das war für die Straßburger keine kleine Rarität. Alles strömte dem grünen Bruche zu. Was tut Geiler? Am nächstfolgenden
Sonntage kündigt er an, er werde über den höllischen Löwen predigen, 2 Petri 5, 8. In seiner gewohnten sinnigen Weise beschreibt er alle Untugenden des Löwen, seine Grausamkeit, seinen Stolz, seinen Grimm, seine Lust an Raub und Beute. Dann geht er aber auch über auf seine Tugenden, und entwirft ein herrliches Bild von dem himmlischen Löwen aus Juda, Offenbarung 5, 5. Der Löwe ist der König unter den Tieren, so ist Christus der König unter den Menschen; der Löwe ist großmütig, tapfer, barmherzig und gnädig, lauter Eigenschaften Christi zum Heile der armen Sünder.
Einmal sogar benutzte Geiler ein Straßburger Kinderspiel: „Herr, der König, ich diente gern,“ um mehrere Predigten über den wahren Gottesdienst zu halten.
So wusste Geiler, als ein guter Haushalter über die mancherlei Geheimnisse Gottes, Geistliches und Weltliches zu verbinden, und unter einem Bilde aus dem täglichen Leben gar Manches zu sagen.
In den Jahren 1508-1510 predigte Geiler meist über das „Vater Unser“ und über die sonntäglichen Evangelien. Auch da fand sein forschender und viel umfassen der Geist Anlass genug zu erbaulichen und anregenden Betrachtungen und konnte manch edles Samenkörnlein in die Herzen streuen.
Als eine unschätzbare Gnade Gottes müssen wir es ansehen, dass in jener Zeit mehrere von den Zuhörern Geilers auf den Gedanken kamen, seine Predigten nachzuschreiben. Das war keine Kleinigkeit, wenn man bedenkt, dass die Gottesdienste mit der Predigt mehrere Stunden lang währten. In der Fastenzeit zum Beispiel, ging man um Mitternacht in die Kirche und kehrte um sechs oder sieben Uhr morgens nach Haus zurück. Geiler behielt diese Sitte anfangs bei, allein bald bemerkte er deren Nachteile. Die Leute schliefen, in der Regel, auch bei der besten Predigt, sanft ein. Deshalb fing Geiler seine Gottesdienste in der Fastenzeit erst um sechs Uhr morgens an. Er redete nie länger als eine Stunde, und wenn ihm die Sanduhr auf der Kanzel anzeigte, dass die Stunde verronnen war, so hielt er inne. Geiler sprach übrigens ziemlich langsam; er vermied die fremden lateinischen Ausdrücke, die seine Amtsbrüder oft gebrauchten. Er machte öfters Unterbrechungen, um ein andächtiges Paternoster oder ein Ave Maria zu beten. Manchmal konnte er, wenn er bemerkte, dass die Leute nicht mehr aufmerkten, mitten in der Rede ausrufen: „Nun räuspert Euch!“
Geilers Predigten wurden, außer von jenem obengenannten Jakob Biethen, noch nachgeschrieben von Jakob Other, seinem treuen Diener und jüngeren Freunde. Dieser Other war Geilers Famulus, wie man damals sagte, das heißt er hatte Kost und Wohnung bei ihm, wurde von ihm unterrichtet, musste ihm aber dagegen allerlei kleine Dinge verrichten. Auch ein Barfüßermönch, Namens Johann Pauli, einer der größten Verehrer des berühmten Doktors, schrieb etliche seiner Predigten nach. Dieser Pauli starb später in einem Kloster zu Thann, im Oberelsass. Geilers Schwestersohn, Peter Wickgram, der seinem Oheim als Leutpriester im Münster nachfolgte, hat uns seine Predigten über den Pilger, das Vater Unser und die heilige Passion erhalten. Wir erwähnen schließlich als eine eifrige Nachschreiberin eine Nonne aus dem Magdalenenkloster, woselbst Geiler als Seelsorger der Reuerinnen jede Woche eine Predigt hielt.
Wir geben hier einen kleinen Auszug aus den Vater Unser-Predigten. „Aber wenn du betest, heißt es, dass du ebenso viel um das Gebet weißt als die Paternoster-Ringlein, das ist nit gebetet; die Ringlein wissen nichts von dem Gebet, denn sie haben kein Gedächtnis. Also betest du mit dem Munde, und ziehst an dem Paternoster, aber mit dem Herzen bist du auf dem Fischmarkt, da zu Frankfurt, da hier, da dort. Das ist nicht recht gebetet, das Gebet gefällt Gott nicht. Je mehr aber dein Herz und Sinn bei einander sind, und je herzlicher du betrachtest was du bittest, je angenehmer es Gott ist.“
Geiler, der unablässig von der Kanzel herab auf Verbesserungen in der Kirche drang, blieb aber in dieser Hinsicht ein Prediger in der Wüste. Seine Stimme, so mächtig sie auch war, wurde nicht angehört, denn wenn eine Reformation in der Kirche hätte stattfinden sollen, so hätte sie sich auf Haupt und Glieder erstrecken müssen. Von oben her wollte man aber keine Reformation in der Kirche.
Einmal legte Geiler in Gegenwart der ganzen Geistlichkeit ein glaubensmutiges Zeugnis ab. Es war im Jahre 1482. Der Bischof Albrecht, Ruprechts Nachfolger, hatte auf Geilers dringende Bitten alle Geistlichen seines Bistums versammelt, um sich mit ihnen über Kirchenverbesserungen zu beraten, die man etwa vornehmen könnte. Geiler wurde mit der Antrittsrede beauftragt. Er hatte seinen Text im Evangelium Johannis gewählt Kapitel 20, Vers 20. „Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen“ (nach seiner Auferstehung nämlich). Geiler wünschte in seiner Predigt dem Bischofe Glück zu seinem Vorhaben, und sagte unter Anderem: „Wo die Priesterschaft in gutem Stande ist, da blüht auch die Kirche; wo man aber ein unordentliches, ungesittetes Volk sieht, da ist die Priesterschaft mitschuldig.“ Nun malt er, der Wahrheit gemäß, mit grellen Farben und mit unerschrockenem Glaubensmute die Sinnlichkeit, die Habsucht, den Stolz und den Ehrgeiz der hohen und niederen Geistlichkeit, erinnert wie die reichsten Pfründen oft an Unmündige, oder an Unwürdige vergeben, wie die Dorfgeistlichen bei einer äußerst schmalen Besoldung von ihren kirchlichen Obern mit Geringschätzung behandelt werden, wie das unzüchtige Leben, besonders bei den Klosterleuten die tiefste Verworfenheit hervorgebracht habe, wie der Gottesdienst selbst von Geistlichen öffentlich verachtet, und die reichen Pfründen unwürdig verprasst werden, und zuletzt wendet sich der Prediger mit begeisterten Worten an den erschütterten Bischof, indem er ausruft: O seliger Bischof und Wächter, wach' auf, reformier' dein' Kirch' nach dem heiligen Evangelium; warte nicht auf des Papstes Brief und Siegel. Christus hat dir's genugsam vorgeschrieben; steh' auf, schaffe die Heuchler und Schmeichler von dir weg, die dich zur Hölle leiten.“ Allein diese mutige Rede, obwohl sie bei Vielen eine augenblickliche Erschütterung hervorbrachte, blieb im Ganzen ohne nachhaltige Wirkung. Wohl ordnete, in Folge derselben, der Bischof eine Kirchenvisitation an, und beauftragte vier Priester, worunter auch Geiler, im Bistume herumzureisen, und den Zustand der Gemeinden und den Wandel ihrer Hirten zu untersuchen. Der Bericht lautete, wie sich's erwarten ließ, sehr ungünstig, denn Alles, worüber Geiler geklagt hatte, fand sich nur allzu sehr bestätigt, allein es blieb eben doch Alles beim Alten.
Geilers Predigt hatte indessen einen andern, ganz unerwarteten. Erfolg. Bischof Friedrich von Augsburg, ein gar gottesfürchtiger, geistlicher Herr, als er von Geilers treuen Bemühungen hörte, ließ ihm in Augsburg eine Predigerstelle anbieten, mit der Befugnis die kirchlichen Zustände dort zu verbessern. Geiler, wenn er auch die ehrenvolle Stelle ausschlug, versprach auf ein Jahr nach Augsburg zu kommen, um dem Bischofe mit Rat und Tat an die Hand zu gehen. Dies geschah anno 1488. Geiler hielt in Augsburg eine Reihe von Predigten, die dort gedruckt wurden, und übte in jenem Bistume einen recht heilsamen und gesegneten Einfluss aus.
Bischof Albrecht starb im Jahre 1506; Geiler hielt ihm die Leichenrede. Bei der Wahl seines Nachfolgers, Bischofs Wilhelm von Honstein, schrieb Geiler einen Traktat über Die Pflichten eines christlichen Bischofs, um, wie er sagt, „dem neuen Herren als Spiegel zu dienen.“ Allein auch unter diesem Bischofe drangen Geilers Vorschläge nicht durch, denn um das Leben der Geistlichen zu reformieren, mussten zuerst die Lehren und Zeremonien der Kirche geläutert werden, was durch Gottes Hilfe ein Jahrzehnt später durch die Reformation ins Werk gesetzt wurde.
Bei dem deutschen Kaiser stand Geiler in hohem Ansehen. Mehrmals war Kaiser Maximilian I. in Straßburg, und hörte Geiler gerne predigen. Er besprach sich auch mit ihm über kirchliche Gebrechen und nötige Verbesserungen, aber auch der Kaiser besaß weder die Macht noch die Ausdauer zu einer gründlichen Kirchenreformation, daher blieben diese Unterredungen ohne Erfolg. Doch blieb Geiler wegen seiner Wahrheitsliebe, seiner Frömmigkeit und seinem Verstande in solcher Gunst bei Maximilian, dass er ihn zum kaiserlichen Kaplan ernannte, und ihn sogar bis in die italienischen Alpen berief, um sich bei ihm Rats zu erholen. Er schickte ihm dazu 50 Gulden als Reisegeld.
Wir haben Geiler als Prediger und Seelsorger geschildert; wir kommen wieder auf sein Leben zurück, das sich durch keine besonderen Ereignisse auszeichnet. Was Geiler auf der Kanzel war, das war er auch in seinem Umgange und Wandel. Die Ausbreitung des Reiches Gottes und das Heil der ihm anvertrauten Seelen lagen ihm vor Allem am Herzen. In seiner Wohnung hatte er die ganze Leidensgeschichte Christi abmalen lassen, um dadurch beständig erinnert zu werden an die Liebe seines Heilandes und an die Notwendigkeit der Sünde abzusterben. Geiler war sehr einfach in seiner Kleidung und mäßig im Essen und Trinken. Er nahm nur zweimal des Tages eine bescheidene Mahlzeit zu sich. Wein trank er nur wenig. Er stand sehr frühe auf, war den Tag über immer beschäftigt, und wenn er Abends sein Süpplein zu sich genommen hatte, studierte er bis spät in die Nacht hinein, und ging dann, immer ohne Licht, in seine Schlafkammer. Das berichten uns seine Freunde und Hausgenossen. Seine Wohnung teilte er mit seiner ehrwürdigen Mutter, die er zu sich genommen hatte, und bis an ihr Lebensende verpflegte er sie als ein liebender Sohn.
Geilers Wohltätigkeit gegen die Armen hatte keine Grenzen, nur das Straßenbetteln war ihm zuwider. Er machte den Vorschlag, etlichen Herren des Rates die Almosenpflege anzuvertrauen, um die wahrhaft bedürftigen Familien zu unterstützen, allein sein Vorschlag fand keinen Beifall. Ebenso erging es ihm bei einer andern Veranlassung. In jener Zeit war die Folter noch gebräuchlich. Die Angeklagten vor Gericht wurden auf Folterwerkzeuge gelegt; man schraubte ihnen die Finger zusammen, riss ihnen die Glieder auseinander, zog sie an Seilen auf- und abwärts, zwickte sie mit glühendem Eisen, und suchte ihnen durch unsägliche Martern und Qualen das Geständnis ihrer Schuld abzupressen. Mancher Unschuldige bekannte, nur aus Furcht vor der Folter, eine Schuld, die er nie begangen hatte. Geiler erklärte die Folter für Etwas unchristliches, und drang, wiewohl vergebens, auf deren Abschaffung.
Besser gelang ihm ein anderer Versuch. Die zum Tode Verurteilten wurden auf eine äußerst strenge, ja barbarische Weise behandelt; man gestattete ihnen nicht einmal vor ihrem Ende die Feier des heiligen Abendmahles. Geiler brachte es, obwohl mit Mühe, dahin, dass man menschlicher mit ihnen umging, und ihnen den letzten Trost des armen Sünders gewährte.
So wirkte zwei und dreißig Jahre lang, zur Ehre Gottes und als Zierde der Geistlichkeit, der teure Gottesmann Johann Geiler in Straßburg. Er genoss während dieser langen Zeit eine gute Gesundheit, nur in seinen letzten Lebensjahren klagte er oft über Nierenschmerzen. Da bekam er einstens, im Jahre 1540, einen Brief von einer frommen Jungfrau aus Augsburg, die ihn früher dort hatte predigen hören, ihn aus seinen Schriften kannte und innig verehrte. Die Jungfrau schrieb ihm, sie habe seinetwegen seit etlichen Wochen ängstliche Träume, und schließe daraus, dass ihn Gott bald aus diesem Jammertale erlösen werde. Darum rufe sie ihm ernstlich zu: „Bestelle dein Haus!“ Das tat auch Geiler. Er regelte alle seine irdischen Angelegenheiten, machte sein Testament2), und wartete auf den Ruf seines Herrn. Und der Jungfrau Stimme war eines Engels Stimme gewesen, denn kurz nachher, am 10. März 1510, da Geiler um Mittag, nach seiner Mahlzeit sich ein wenig auf sein Bett gelegt hatte, ereilte ihn die Hand des Todes. Seine bestürzten Freunde fanden ihn aufrecht auf seinem Lager sitzend. Der treue Diener war stille und friedlich in seinem Herrn entschlafen. Sein Leichenbegängnis fand unter allgemeiner Betrübnis statt. Als der Sarg in das von einer großen, teilnehmenden Menge angefüllte Münster hineingetragen wurde, da blieb kein Auge trocken. Geilers Leiche wurde in dem Münster selbst begraben, am Fuß der Kanzel, die ihm zu Ehren war errichtet worden.
Sebastian Brandt rief dem abgeschiedenen Freunde in einem Leichengedichte, unter andern, folgende Worte in das Grab nach:
„Denn alles Straßburg weint billich
Johannis Geiler, lobes rich
den Doktor Keisersperg man nant
Umb den trürt warlich Doktor Brant
das er gestorben ist in zeyt.
Hie under dysem stule leit
den er ob dreyßig jaren hadt
regiret wol in predigersstadt.
Er war eyn gezierd der geistlikeit
eyn spiegel aller miltikeit
eyn Liebhaber friedens und tugent
eyn underwyser alter und jugent
eyn pflantzer der gerechtikeit…
eyn trost und zuflucht aller armer
eyn milder vatter und erbarmer….
Was er mit worten hat gelert
what er mit werken vorfürkert….
gelesen stetts die heilig geschrifft
und was der selen heyl antrifft,
darumb hat er durch vil der tugendt
durch gute werck von seiner jugent
verdient on zweyffel solchen lon
der ewiglich nit würt zergon.
auff Läture ist er gestorben
ewige freud' bei got erworben
die im got mehre, auch uns allen!
Amen spreche, wenn es thüg gefallen!“
Wenn du, lieber Leser, das Straßburger Münster besuchst, und die schöne, steinerne Kanzel dort bewunderst, so gedenke daran, dass dieselbe einst für Geiler ist errichtet worden, dass er droben gepredigt hat in der Kraft Gottes und mit der Salbung, wovon Johannes spricht, und dass seine irdische Hülle am Fuße derselben, vielleicht auf eben dem Steine, auf dem du stehst, in Frieden ruht. Erinnere dich dann seiner mit wohlwollendem Herzen und gönne dem Gottesmanne aus Kaysersberg ein freundliches Andenken.