Rathgeber, Julius - Zwei Gottesmänner aus Kaysersberg - Anhang.
Drei Jahrhunderte sind seitdem verflossen, und Zells Wunsch war während denselben ein unerfüllter geblieben. In den letzten dreißig Jahren jedoch wurden im Kaysersberger Tale viele Fabriken errichtet. Viele Angestellte oder auch Arbeiterfamilien evangelischen Bekenntnisses zogen in Folge der Verbreitung der Industrie in jenes Städtchen und in das gleichnamige Tal, allein wenige unter ihnen siedelten sich ganz dort an. Der Hauptgrund, der sie bewog, nach einigen Jahren wieder weiter zu ziehen, war der, dass sie am Sonntage keine Kirche besuchen und ihren Kindern keine evangelische Erziehung geben konnten. Dieser Not stand rief zunächst die Gründung einer kleinen Schule hervor, die drei Jahre lang von protestantischen Wohltätern aus der Umgegend unterstützt wurde. Doch man erkannte, dass die Schule allein nicht hinreichend wäre, um das geistige Leben unter den dortigen Evangelischen rege zu erhalten. So lange keine Gottesdienste stattfanden, so war das Werk nur ein halbes. Nun fand sich - gewiss nicht von ungefähr - am oberen Ende der Stadt ein geräumiges Haus, das ganz dazu geeignet schien, als Schulhaus, Pfarrwohnung und Bethaus zugleich später dienen zu können. Es war eine ehemalige Brauerei. Ein protestantischer Gönner der Diasporagemeinde kaufte das Haus zu einem sehr billigen Preise (2000 Taler) an, in der Absicht in der Folgezeit, wenn einmal die Erlaubnis höchsten Ortes dazu gegeben worden wäre, in diesem Hause den evangelischen Gottesdienst zu feiern. Es wurden Schritte zu diesem Behufe getan, und dieselben endlich mit Erfolg gekrönt. Die kaiserliche Genehmigung zur Eröffnung eines evangelischen Gotteshauses in Kaysersberg erfolgte den 29. August 1862, und somit konnte sich die kleine Gemeinde kirchlich bilden. Am 19. Oktober desselben Jahres fand die Einweihung des bescheidenen evangelischen Bethauses statt, und somit wurde Zells Wunsch endlich, wiewohl nach Jahrhunderten erst, erfüllt. Es war ein stilles und einfaches, aber liebliches Fest, voll Erinnerungen an die Vergangenheit, voll froher Hoffnungen für die Zukunft.
Die Anfänge der kleinen Gemeinde waren schwer, aber des Herrn Arm, der den Vätern geholfen, ließ sich bisher an den Kindern nicht unbezeugt. Die Durchhilfe des himmlischen Vaters erwies sich auf die augenscheinlichste, den Kleinglauben beschämendste Weise. In Zeit eines halben Jahres gelang es, alle Gelder zum Ankaufe des Bethauses zu sammeln, so dass die neue Gemeinde in den Besitz ihres Bet-, Schul- und Pfarrhauses nunmehr getreten ist. Die Hauptwohltäter der Diasporagemeinde sind in erster Linie die edle, segenstiftende und hilfespendende Gustav Adolf Stiftung, dieses herrliche, evangelische Denkmal des unvergesslichen Schwedenkönigs, und sodann der, unter dem Namen Evangelisationsgesellschaft bekannte elsässische Hilfsverein und endlich das ehrwürdige Direktorium, das heißt die oberste Kirchenbehörde der Kirche augsburgischen Bekenntnisses in Frankreich. Der Gottesdienst fand während zwei Jahren alle vierzehn Tage in Kaysersberg statt; derselbe wurde von den vier nächsten evangelischen Geistlichen der Umgegend gehalten. Da dies aber mit manchen Schwierigkeiten verknüpft war und die Seelsorge darunter Not litt, so entschloss sich die elsässische Evangelisationsgesellschaft, die in Straßburg ihren Sitz hat, einen jungen Pfarrer zu ernennen, der zugleich die kleine Schule halten würde. Dieser Entschluss wurde ins Werk gesetzt, und am 30. Oktober 1864 ist der erste evangelische Geistliche unter dem Zulaufe einiger hundert Evangelischen feierlich in sein Amt eingesetzt worden.
Möge der Geist Geilers und Zells, der Geist der christlichen Wahrheit und der heiligen Liebe das evangelische Häuflein in Kaysersberg und dessen Hirten allezeit leiten und regieren!
Du aber, lieber Leser, behalte in freundlichem Andenken die beiden Gottesmänner aus Kaysersberg.