Quandt, Emil - Der Brief St. Pauli an die Philipper - XXIII. Die Versöhnung der Versöhnten.

Gal. 4, 1-3.

Also, meine lieben und gewünschten Brüder, meine Freude und meine Krone, besteht also in dem Herrn, ihr Lieben. Die Evodia ermahne ich, und die Syntyche ermahne ich, dass sie Eines Sinnes seien in dem Herrn. Ja, ich bitte auch dich, mein treuer Geselle, stehe ihnen bei, die samt mir über dem Evangelio gekämpft haben, mit Clemens und den anderen meinen Gehilfen, welcher Namen sind in dem Buch des Lebens. Amen.

Ich will auf Grund dieses Textes über eine Sache predigen, die in dem Text mit Buchstaben gar nicht geschrieben steht. Ich darf darüber predigen, weil der lebendige Geist dieser Sache den ganzen Text durchweht. Es drängt mich, darüber zu predigen, weil die Sache für unsere Gemeinde und ihre Glieder wichtig und bedeutungsvoll ist. Auf eine weitere Einleitung verzichtend, stelle ich sofort in den Mittelpunkt unserer Betrachtung

Wir fragen:

die Versöhnung der Versöhnten.

1. Wer sind die Versöhnten?
2. Mit wem sollen die Versöhnten sich versöhnen?
3. Wie können sie anderen zur Versöhnung helfen?

O, du holder Freund, vereine deine dir geweihte Schar, dass sie dich so herzlich meine, wie's dein letzter Wille war. Amen.

1.

Wer sind die Versöhnten? Das ist unsere erste Frage. „Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit ihm selber, lasst euch versöhnen mit Gott!“ Mit diesem Evangelium und mit dieser Bitte hatte der Apostel Paulus Asien durchzogen, mit dieser Bitte und mit diesem Evangelium war er, als Europa ihn rief durch den Mund des Mannes aus Makedonien: „Komm herüber und hilf uns,“ herübergekommen nach Europa, mit dem Lichte Jesu Christi denen zu helfen, die noch in Finsternis und Schatten des Todes saßen. Er hat in Europa eine christliche Gemeinde nach der anderen gegründet und befestigt. Seine liebste und teuerste europäische Gemeinde war und blieb die Gemeinde zu Philippi. Denn hier hatte das Wort von der Versöhnung armer Sünder mit Gott in Christo zuerst gezündet in dem Herzen der Lydia, der ersten europäischen Christin; hier war dem Apostel zuerst, aus dem Munde des Kerkermeisters, die große, die größte Frage einer menschlichen Seele entgegengetönt: Was muss ich tun, dass ich selig werde? Hier hatte sich trotz aller Anfechtungen und Kämpfe, die von Juden und Heiden wider das Evangelium und die Bekenner des Evangeliums erregt wurden, einer nach dem anderen zu dem heiligen und barmherzigen Gott bekehrt, der uns mit ihm selber versöhnte in Jesu Christo; und die Engel Gottes, bei denen Freude ist über jeden Sünder, der Buße tut, konnten einen philippischen Namen nach dem anderen eintragen in das Buch des Lebens, in die Bürgerliste des Himmelreichs, die Namen Clemens, Synzygus - Luther hat diesen Eigennamen im Deutschen mit dem Wort „Geselle“ wiedergegeben - , Epaphroditus, Evodia, Syntyche und viele andere. Die Blicke Pauli aber ruhen auch in seiner römischen Gefangenschaft freudestrahlend wie die Augen eines Engels auf all den im Glauben an Jesum Christum mit Gott versöhnten Philippern; und indem er sie ermahnt festzustehen, standhaft zu bleiben in dem Herrn, ihrem Heiland, der ihr Leben ist und durch den das Sterben ihr Gewinn ist, begrüßt er sie alle als seine lieben und gewünschten Brüder, als seine Freude, als seine Krone.

Meine Lieben, das paulinische Evangelium von Gott in Christo, der die Welt mit ihm selber versöhnt, ist auch zu uns gekommen; und die apostolische Bitte: „Lasst euch versöhnen mit Gott durch Jesum Christum!“ haben wir alle vernommen von Kindesbeinen an. Dr. Martin Luther hat vor vierhundert Jahren mit deutscher Ritterlichkeit den Apostel Paulus noch einmal aus der römischen Gefangenschaft befreit. Die philippische Frage: Was muss ich tun, dass ich selig werde? ist im Jahrhindert der Reformation zur Wittenberger Frage geworden, und die Versöhnung mit Gott sola fide, allein durch den Glauben an den Gekreuzigten und Auferstandenen, ist zur Losung der gesamten evangelischen Christenheit geworden. Viele Wittenberger Namen sind damals in das Buch des Lebens geschrieben worden, Martin Luther, Katharina Luther, Philippus Melanchthon, Johann Bugenhagen und viele, viele andere. Die Wittenberger Gemeinde zu Anfang des 16. Jahrhunderts als eine Gemeinde der Gläubigen an die Versöhnung sonst verlorener Sünder mit Gott in Christo, war für Paulus auch eine Freude und eine Krone.

Ist Wittenberg bestanden in dem Herrn? Sind die Enkel in Wittenberg noch so fromm, wie einst die Ahnen? Ist die Frage: „Was muss ich tun, dass ich selig werde?“ noch heute in Wittenberg die brennende Frage? Es soll ja von vornherein zugegeben werden, dass auch zur Zeit Luthers nicht alles Gold des Glaubens war, was glänzte. Es soll nicht minder zugestanden werden, dass in dem modernen Wittenberg manches Gold des Glaubens vorhanden sein mag, was nicht nach außen glänzt. Aber es wäre doch eine bodenlose Selbstüberhebung, wenn sich irgendein Wittenberger von heute gegen das Bekenntnis sträuben wollte: Wir Leute von heute sind in Beziehung auf Glauben, Liebe, Hoffnung nicht wert, den Wittenbergern Altvordern die Schuhriemen aufzulösen. Wie viel Abfall vom Glauben heutzutage, auch in Wittenberg! Wieviel Gleichgültigkeit gegen die Kirche, gegen die Bibel, gegen das Gebet auch in Wittenberg! Wieviel offene und wie viel heimliche, schadenfrohe Feindschaft gegen das Evangelium auch in Wittenberg! Und doch und dennoch hat der große Erzhirte Jesus Christus in Wittenberg auch heute seine kleine Herde von solchen, die seine Stimme hören und die er kennt und die ihm folgen, und denen er das ewige Leben gibt, fromme Frauen wie Lydia und Evodia und Syntyche, gottselige Männer wie Clemens und Epaphroditus, Seelen, die die Erbarmung preisen, die ihnen widerfahren ist, und jauchzen: „Du wirst mir schöner, schöner, immer schöner, mein hochgelobter, heißgeliebter Herr; dein Marterbild, du ewiger Versöhner, fasst mich von Jahr zu Jahr gewaltiger!“ O, ihr lieben und gewünschten Brüder und Schwestern, haltet, was ihr habt, und besteht in dem Herrn, dem ihr versöhnet seid durch den Tod seines Sohnes!

2.

Wer sind die Versöhnten? Das war unsere erste Frage. Und unsere zweite ist: Mit wem sollen die Versöhnten sich versöhnen? Und die Antwort ist: Sie sollen sich miteinander versöhnen. Die Evodia, so schreibt Paulus in unserem Text, die Evodia ermahne ich und die Syntyche ermahne ich, dass sie eines Sinnes seien in dem Herrn.

Es ist ja gewiss schmerzlich, dass die mit Gott Versöhnten noch gemahnt werden müssen, sich untereinander zu versöhnen. Der gemeinsame Glaube an die gemeinsame Erbarmung müsste doch eigentlich die gemeinsame Liebe zur Folge haben, wie der Sonnenschein die Wärme zur Folge hat und das Waldesgrün den kühlenden Schatten. Und in der Tat, wenn ein Menschenkind sich bekehrt von seinem eitlem Wandel nach väterlicher Weise zum Hirten und Bischof seiner Seele Jesus Christus, so schwebt ihm das Land des Glaubens zugleich als Land der Liebe vor, wie das Novalis so wundervoll von sich selber singt: „Wo ich ihn nur habe, ist mein Vaterland, und es fällt mir, jede Gabe wie ein Erbteil in die Hand; längst vermisste Brüder find' ich nun in seinen Jüngern wieder.“ Es war ja auch so bei der Pfingstgemeinde in Jerusalem. Die das Wort von der Erlösung in Jesu Christo angenommen hatten, blieben nicht nur beständig in der Apostel Lehre, sondern auch in Gemeinschaft; alle, die gläubig geworden waren, waren ein Herz und eine Seele, waren einmütig bei einander und hielten alle Dinge gemein. Und auch als das Evangelium von Jerusalem aus sich in alle Welt ausbreitete, hat sich in überschwänglicher Weise mitten in der jüdischen und heidnischen Welt das Wort des Herrn erfüllt: „Dabei wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe untereinander habt!“ Die Liebe der Gläubigen unter einander war für die Heiden, bei denen samt und sonders der Egoismus die regierende Macht war, etwas so Auffälliges, Wunderbares, dass sie staunend ausriefen: Seht, wie die Christen einander so lieb haben!

Aber es gibt auf Erden kein Paradies, in das sich nicht eine Schlange einschleicht. Und die Schlange des Neides und des Streites hat sich nur allzu früh in das christliche Gemeindeleben eingeschlichen. Wie ein schriller Ton erklingt's Apostelgesch. 6: „In den Tagen, da der Jünger viel wurden, erhob sich ein Murmeln unter den Griechen (den Christen mit heidnischer Vergangenheit) wider die Hebräer (die Christen mit jüdischer Vergangenheit), darum, dass ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Handreichung.“ Dies Murmeln wider einander, dies Neiden und Streiten unter einander und wider einander, ist die hässliche Dissonanz geblieben, die in allen Jahrhunderten, in allen Gemeinden wieder und immer wieder die herrliche Symphonie des Glaubens und des Glaubenslebens der christlichen Völker und der christlichen Häuser störend und den Himmel beleidigend durchbricht. Auch im alten Wittenberg zur Zeit der Reformatoren ist mancher hässliche Neid und Streit gewesen; wer, der die Geschichte kennt, wollte es leugnen? So kann es uns nicht Wunder nehmen, wenn auch in dem Wittenberg von heute die Scheelsucht und die Beneidung und die Übelnehmung ins Kraut geschossen sind! Aber das ist doch nun eben so sehr traurig, dass auch unter Brüdern, die im Glauben stehen, so viel verhängnisvolles Missverständnis, so viel Entfremdung vorhanden ist, dass auch unter Frauen und Jungfrauen, die Jüngerinnen Jesu und Freundinnen St. Pauli sind, wie Evodia und Syntyche, so manche Entzweiung vorkommt, wie bei Evodia und Syntyche! Wie wehmütig, wie beschämend ist es, dass auch in frommen Häusern, in denen Vater und Mutter und die erwachsenen Kinder vollständig eins sind im Glauben an die Versöhnung mit Gott in Christo, doch öfters die Uneinigkeit unter einander sich recht herben, geradezu weltlichen Ausdruck gibt!

Ihr Kinder des Höchsten, wie steht's um die Liebe? Wie folgt ihr dem wahren Vereinigungstriebe? Bleibt ihr auch im Bande der Einigkeit stehen? Ist keine Zertrennung der Geister geschehen? Der Vater im Himmel kann Herzen erkennen, wir dürfen uns Brüder ohne Liebe nicht nennen. Die Flamme des Höchsten muss lichterloh brennen! Versöhnt euch, seid Eines Sinnes im Herrn, so mahnt der Apostel die Syntyche, so mahnt er die Evodia; er bittet seine beide lieben Freundinnen und einstigen Mitkämpferinnen, die, wir wissen nicht wie und warum, auseinander gekommen waren, sich gegenseitig die Hand zu reichen und den bösen Zwist aus der Welt zu bringen. Wir dürfen getrost annehmen, obwohl uns weitere biblische Nachrichten über die Gemeinde zu Philippi fehlen, dass Evodia und Syntyche, deren Namen im Buch des Lebens eingeschrieben sind und durch die Einschreibung in das Buch der Bibel auch auf Erden unsterblich geworden sind, die apostolische Mahnung beherzigt und sich schwesterlich versöhnt haben. Und wir, die die Mahnung Pauli nach fast zwei Jahrtausenden trifft, sollen sie nicht minder beherzigen. O gläubige Gatten, was auch manchmal euch trennen und bitter machen will, es sind ja Bagatellen gegenüber der ewigen Herrlichkeit, die ihr gemeinsam habt, hier im Glauben, dort im Schauen. Darum streitet euch nicht, am allerwenigsten vor euren Kindern, sondern reicht euch, wenn der böse Feind euch in Zwist gebracht hat, die Hand der Versöhnung, ehe ihr mit euren Kindern zu Tisch geht. O gläubige Kollegen, bedenkt das Wort Pauli: Die Liebe lässt sich nicht erbittern! Gläubige Freunde, fromme Freundinnen, vergesst meinetwegen die ganze heutige Predigt, nur vergesst nicht das Eine: Mit wem sollen die Versöhnten sich versöhnen? Sie sollen sich miteinander versöhnen.

3.

Noch ein kurzes Schlusswort über den dritten und letzten Hauptgedanken des Textes, wie er sich ergibt aus den rührenden Worten des dritten Verses: Ja, ich bitte auch dich, mein treuer Geselle, mein echter Synzygus, stehe ihnen bei, hilf mit dazu, dass die beiden lieben weiblichen Gemeindeglieder, Evodia und Syntyche, sich mit sich selber einigen, weil sie doch einig sind in dem Einen, was not ist. Es ist eine heilige Christenpflicht, zur Heilung der Entzweiungen zwischen unseren Verwandten, Freunden, Stadtgenossen, Glaubensgenossen beizutragen. Die Frage ist: Wie können die Versöhnten anderen zur Versöhnung helfen?

Nicht darüber haben wir heute zum Schluss nachzudenken, wie wir, die wir durch Gottes Gnade glauben, denen, die noch nicht glauben oder die nicht mehr glauben, zur Versöhnung mit Gott helfen sollen und können; das wissen wir, ja alle, wir kennen alle den Vers: „O geht hinaus auf allen Wegen und holt die Irrenden herein; streckt jedem eure Hand entgegen und ladet froh sie zu uns ein. Der Himmel ist bei uns auf Erden, im Glauben schauen wir ihn an; die mit uns Eines Glaubens werden, auch ihnen ist er aufgetan.“ Die Pflicht des Christen, zu missionieren, ist weltbekannt; die Pflicht, hadernde Christen zu versöhnen ist leider viel weniger bekannt. Und doch ist sie eine unabweisliche Pflicht. Die Art ihrer Erfüllung ist so verschieden, wie verschieden die christlichen Missverständnisse, Reibungen, Entfremdungen, Trennungen sind. Darüber spezielle Regeln zu geben, kann einem evangelischen Prediger nicht zugemutet werden. Es kann ja nur gepredigt werden, dass schon eine der Seligpreisungen lautet: Selig, sind die Friedfertigen, genauer übersetzt: die Friedemacher, die Friedebereiter. Ach, ja, liebe Brüder und Schwestern, es ist eine Seligkeit, in taktvoller Weise liebe Freunde, die sich veruneinigt hatten, wieder zu vereinigen, entfremdete Gatten wieder zusammenzubringen, zerstörtes Familienglück wieder herzustellen.

Die Versöhnung der Versöhnten war unser Thema. O, ihr Lieben, ihr seid versöhnt, wenn ihr anders Glauben habt; so versöhnt euch miteinander und helft den anderen zur Versöhnung. Amen.

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