Quandt, Emil - Der Brief St. Pauli an die Philipper - XXII. Unser Wandel ist im Himmel.
Kap. 3, 20.21.
Unser Wandel aber ist im Himmel, von dannen wir auch warten des Heilandes Jesu Christi, des Herrn. Welcher unseren nichtigen Leib verklären wird, dass er ähnlich werde seinem verklärten Leibe, nach der Wirkung, damit er kann auch alle Dinge ihm untertänig machen. Amen.
Nur zwei Verse, aber sie fassen ein ganzes Meer von Gedanken in sich. Nur zwei Verse, aber sie schließen tausend Lieder ohne Worte ein. Nur zwei Verse, aber sie atmen den vollen Hauch des ewigen Lebens.
Der Zusammenhang mit den vorangehenden Versen, an denen wir uns in der vorigen Betrachtung erbauten, liegt klar vor Augen. Paulus hatte angesichts der Gefahr der Ansteckung, die von dem weltlich verfälschten Christentum in benachbarten christlichen Gemeinden drohte, die Philipper ermahnt, ihm selber zu folgen und den ihm gleichgesinnten Freunden des Kreuzes Christi und nun und nimmermehr solchen Trägern des Christennamens, die wegen ihrer irdischen Gesinnung geradezu als Feinde des Kreuzes Christi zu bezeichnen seien. Der irdischen Gesinnung der verweltlichen Christen stellt der Apostel nun seine und aller wahren Christen himmlische Gesinnung gegenüber. Von der irdischen Gesinnung der Feinde des Kreuzes Christi hatte er mit Tränen in den Augen gesprochen, von der himmlischen Gesinnung der Freunde des Kreuzes Christi spricht er mit Jauchzen. Wie wenn nach nächtlichen Schatten das schöne Morgenrot hervorleuchtet, die Lerche ihre fröhliche Weise singt, so jubelt der Apostel nach beendeter Schilderung des weltlichen Christentums mit abgewischter Träne über die Herrlichkeit des Christentums im Geist und in der Wahrheit und ruft als der Herold einer frohen Botschaft: Unser Wandel aber ist im Himmel!
Wir wollen darüber nachdenken.
Unser Wandel ist im Himmel.
1. Hier zeitlich im niedrigen Leibesleben,
2. dort ewig im verklärten Leben.
Herr, wir heben unsere Augen auf zum Himmel und sehen niemand, als dich allein. Amen.
1.
Dr. Luther sagt in seinem Sendbrief vom Dolmetschen von sich und seinen Gehilfen an der Bibelübersetzung: „Ich habe mich des beflissen, dass ich rein und klar Deutsch geben möchte. Und ist uns wohl oft begegnet, dass wir 14 Tage, 3, 4 Wochen haben ein einiges Wort gesucht und gefragt, haben's dennoch zuweilen nicht gefunden.“
Eines der für richtige Verdeutschung schwierigsten Worte des Neuen Testamentes ist das Wort im Anfang unseres Textes, das Luther mit dem Ausdruck „Wandel“ übersetzt hat: Unser Wandel ist im Himmel. Luther hat sich lange besonnen, ehe er zu diesem Ausdruck griff; ursprünglich hatte er übersetzt: Unsre Bürgerschaft, unser Bürgerrecht ist im Himmel. Das griechische Wort bedeutet eben beides, sowohl Bürgerrecht als Wandel; uns aber fehlt im Deutschen ein Wort, das beides zugleich ausdrückte.
Unser Bürgerrecht ist im Himmel, so deuten wir uns mit Dr. Luther zuerst das doppelsinnige Wort. Mit solcher Aussage will der Apostel auch von ferne nicht das Christentum in Gegensatz stellen zum irdischen Patriotismus. Paulus war ein Himmelsbürger vom Scheitel bis zur Ferse; aber trotzdem er es war, vielmehr gerade weil er es war, hielt er auch sein irdisches Bürgerrecht hoch, sowohl sein jüdisches, als auch sein römisches Bürgerrecht. Seine Briefe bringen an verschiedenen Stellen Beteuerungen seiner Liebe zu den Volksgenossen, die seine Freunde sind nach dem Fleisch, und Römer 9 schildert er in wahrer Begeisterung einen Vorzug seines Volkes nach dem anderen. Aus der Apostelgeschichte aber wissen wir, dass er auch die Ehre, römischer Bürger zu sein, zu schätzen und zu verwerten gesucht hat, wo die Gelegenheit sich gab. Das Christentum nach St. Pauli Art schließt die Liebe zum eignen Volk und Reich nicht aus, sondern ein; die besten Christen sollen auch die besten Patrioten sein. Und nach dem Zeugnis der Weltgeschichte und der Zeitgeschichte sind sie's auch. Der deutsche Mann, der in seinem Sterbelied sang: „Weint nicht, mein süßes Heil, meinen Heiland hab' ich funden, und ich habe auch mein Teil in den warmen Herzenswunden“, sang auch: Was ist des Deutschen Vaterland? Und der Mann, der so christlich mahnt: „Wie in Reden, so Gebärden sei du stets den Kindern gleich; ihnen gab schon hier auf Erden unser Herr das Himmelreich,“ sang auch: „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt“. Unser himmlisches Bürgerrecht steht unserem irdischen Bürgerrecht nicht entgegen; aber es überragt dasselbe, wie der Dom die Hütte, wie die hohe Alp den Hügel überragt.
Denn unsere Bürgerschaft auf Erden währt nicht lange. Alles Fleisch ist wie Gras und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blume. Schon 70 Jahre sind sehr viel für ein Menschenleben; und die wenigsten erreichen es; wenn's hoch kommt, währt es 80 Jahre oder ein wenig darüber. Unaufhaltsam entflieht Jahr um Jahr, und bald ist unser Leben dahin, wie der Tropfen, der die Farben tauscht, gar schnell im weiten Meer verrauscht. Wir haben hier keine bleibende Stätte, darum ist auch unser irdisches Bürgerrecht ein sehr vergängliches, flüchtiges und schließlich nichtiges; und wenn wir kein anderes hätten, als das Erdenbürgerrecht, dann wären wir auf der großen Stufenleiter der Geschöpfe Gottes geradezu die elendesten und trostlosesten. Aber, Gott sei Dank, Christen sind nicht nur Weltbürger, sondern auch Himmelsbürger. Unsre Heimat ist im Himmel, im Himmel sind wir zu Hause, im Himmel haben wir Bürgerrecht schon mitten in der vergänglichen Erdenzeit. Nicht durch unser eignes Verdienst und Würdigkeit, sondern durch Gottes Gnade und Barmherzigkeit in Jesu Christo, Jesus Christus hat den armen sündigen Menschen, die an ihn glauben, den Himmel geöffnet, ihnen die Stätte im Himmel bereitet und ihre Namen eingetragen in die himmlischen Bücher. Jesus Christus hat uns gemacht zu Bürgern mit den Heiligen und zu Gottes Hausgenossen, dass ein jeder von uns singen mag: „Meine Heimat ist am Throne, meine Heimat ist nicht hier; neben meines Heilands Krone winkt ein ew'ger Kranz auch mir. Hier bin ich ein armer Knecht, droben hab' ich Bürgerrecht.“
Kein Recht ohne Pflicht; je höher das Recht, je höher die Pflicht. Dieser Gedanke mag es wohl gewesen sein, der Dr. Luther trieb, nicht bei seiner ersten Übersetzung „Bürgerrecht“ zu verharren, sondern sie umzusetzen in die Übersetzung, die uns allen von unserer Kindheit her geläufig ist: Unser Wandel ist im Himmel. Wenn der Himmel unsere Heimat ist, so muss auch unsere Seele mitten im irdischen Getriebe im Himmel sein; denn die Seele ist nicht da, wo sie lebt, sondern da, wo sie liebt. Wenn unsere Heimat droben ist, so muss auch unser Dichten und Trachten nach oben gehen; denn wo der Mensch seine größten Schätze hat, da hat er auch seine Gedanken. Wenn der Himmel unsere Heimat ist, so muss auch unser ganzer Wandel danach eingerichtet sein, wie es sich für Bürger des Himmels, für Einwohner und Erben der Stadt Gottes geziemt. Was die Blumenwelt für die Biene ist, das ist die himmlische Welt für den Christen; da hält er sich am liebsten auf, da sucht er seine Nahrung, seine Sättigung, da holt er sich, was das Leben versüßt und lieblich macht. Der wahre Christ trachtet nach dem, was droben ist, und nicht nach dem, was unten ist. „Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden“, das betet er täglich, danach hält er sich täglich. Wenigstens ist das das leuchtende Ideal, welchem alle Gläubigen, ja auch die sehnsüchtigen Zweifler, die gern glauben möchten, zustreben.
Aber wir tragen hienieden auch unser Bestes, unser Höchstes, in irdischen Gefäßen. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Der Apostel redet in unserem Text von unserem nichtigen Leibe, so nach Luthers Übersetzung; etwas buchstäblicher übersetzt, redet Paulus von dem Leibe, der unserer Erniedrigung und Niedrigkeit angehört, von dem Leibe des Fleisches, von der gebrechlichen, elenden, hemmenden Leiblichkeit, wie wir sie als Sünder auf Erden haben, und der wir erst ledig werden, wenn wir sterben. Nicht aus der göttlichen Schöpfung, sondern aus dem menschlichen Sündenfall stammt das arme Leibesleben, das uns während unserer irdischen Wanderung gefangen hält. Paulus nennt darum an einer anderen Stelle den irdischen Leib geradezu den Leib der Sünde, sofern er das Werkzeug ist, dessen sich der böse Feind bedient, um die Seele in die Sünde und in den geistlichen Tod zu stürzen. Ach, Paulus hat ja die Hemmnisse der Gottseligkeit, die aus dem nichtigen Leibe fließen, an sich selbst auf das schmerzlichste erfahren und schmerzlich gefragt: „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen vom Leibe dieses Todes?“ Wir wissen auch von unserem deutschen Kirchenvater Dr. Luther, wie viel ihm dieses elende Leibesleben zu schaffen gemacht hat. Sein Pfahl im Fleische war sonderlich der Schwindel, das ihn oft zur Ohnmacht bringende Ohrensausen, davon er nach seiner Weise, alles Böse auf den Teufel zurückzuführen, sagt, der böse Feind tue oft einen Ritt durch sein Hirn, dass er weder schreiben, noch lesen könne. Und wer von uns, wenigstens von denen, die die Grenze der blühenden Jugend überschritten haben, hätte nicht Ähnliches erfahren? Nicht nur jede Seele, sondern auch jeder Leib hat sein eigenes Leid. Und doch und dennoch: Es glänzt der Christen inwendiges Leben, obgleich sie von außen die Sonne verbrennt. Und doch und dennoch: Ob in diesem Leibesleben die Hand Gottes auch noch so schwer auf uns ruht, sie liegt doch auch stark und sicher, stützend und haltend unter uns, und niemand kann uns aus seiner Hand reißen; denn in ihm leben, weben und sind wir. Auch wenn der Leib zusammenbricht, sonnt sich die fromme Seele still im Licht der Gnadensonne Jesu Christi; und wenn uns am allerbängsten wird um das Herze sein, reißt er uns aus den Ängsten kraft seiner Angst und Pein. Der Himmel wölbt sich mit Millionen Sternen der Gnade auch über dem dunkelsten Lazarusleben auf Erden. Unsre Bürgerschaft und unser Wandel ist im Himmel, schon hier zeitlich im niedrigen Leibesleben.
2.
Unser Wandel im Himmel, auf Erden und in der Zeit begonnen, setzt sich fort im Himmel und in der Ewigkeit und ist dann nicht mehr gebunden und gehemmt durch die Ketten einer kranken Leiblichkeit. Denn vom Himmel her warten wir des Heilandes, Jesu Christi, des Herrn, welcher unseren nichtigen Leib verklären wird, dass er ähnlich werde seinem verklärten Leibe; nach der Wirkung, damit er kann auch alle Dinge sich untertänig machen. Unser Wandel ist im Himmel, dort ewig im verklärten Leben.
Jesus Christus unser Herr, einst vom Himmel gekommen, die Welt zu erlösen, ist nach vollbrachter Erlösung in den Himmel zurückgekehrt und dort von seinem und unserem Vater mit der Klarheit verklärt, die er bei ihm hatte, ehe denn die Welt war. Aber Er wird wiederkommen; die Propheten haben es geweissagt, Er selbst hat es versprochen, seine Apostel haben es gelehrt. Er wird wiederkommen, am Jüngsten Tage, und die verdorrten Gebeine der toten Menschheit werden rauschen; und der Sohn Gottes, dem der Vater alles Gericht übergeben hat, wird richten die Lebendigen und die Toten und wie ein Hirt, der die Herde sondert, die Ungerechten zur Linken verweisen, und die Gerechten zur Rechten stellen und sie einführen als die Gerechten seines Vaters in das Reich, das ihnen bereitet ist von Anbeginn der Welt. Er wird sie aber in dieses Reich einführen nicht als leiblose Seelen, sondern als lebendige Menschen mit ganz erlöster Seele und mit verklärter Leiblichkeit, die das Ende ist der Wege Gottes mit den Menschen. Wie Er selbst im Himmel nicht als unfassbarer Geist, sondern als Gottmensch in verklärter Leiblichkeit lebt, so wird er auch uns ihm selber ähnlich gestalten und uns ausstatten mit einer geistlichen, himmlischen Leiblichkeit, die ähnlich ist seiner eigenen herrlichen Leiblichkeit, so dass der Leib den himmlischen Wandel nicht mehr hemmt und stört wie auf Erden, sondern fördert und erleichtert.
Das himmlische Leben in verklärter Leiblichkeit ist uns versprochen; und Jesus Christus, der es uns versprochen hat, kann auch das Versprechen halten, denn er ist der Träger der Allmacht; ihm ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden; er vermag alle Dinge sich untertänig zu machen. Das himmlische Leben in verklärter Leiblichkeit wird die Krone alles kreatürlichen Lebens sein, tausendmal herrlicher noch als das Leben der Engel und Erzengel. Denn nicht der Engel hat sich der Heiland angenommen, sondern der Menschenkinder; sie stehen in Ewigkeit seinem Herzen am nächsten, sie sind von allen Kreaturen Ihm, dem Unerschaffenen, am ähnlichsten geworden; ihre Wonne ist seine Wonne, seine Wonne ihre Wonne. O, meine Freunde, es geht mit uns tief hinunter, bis in das Grab hinunter, bis in die grauenhaften Tiefen der Verwesung. Aber es geht mit uns Christen auch hoch hinauf, überschwänglich hoch hinauf, hinauf zum himmlischen Leben in verklärter Leiblichkeit am Throne Gottes und am Herzen Jesu Christi. Irdische Farben reichen nicht aus, die Bilder des Himmels zu malen; wir können nur anbeten, staunen, singen und fragen: Wie wird's sein, wie wird's sein, wenn ich zieh' in Salem ein, in die Stadt der goldenen Gassen; Herr, mein Gott, ich kann's nicht fassen, was das wird für Wonne sein!
Herr Jesu, du erlauchtetste Gestalt des menschheitlichen Lebens, du aus der Ewigkeit in die Zeit gekommener und aus der Zeit in die Ewigkeit heimgekehrter menschlicher Gott, der du der Herr aller Herren bist und dich nicht schämst, uns deine Brüder zu nennen, heiliger, barmherziger und allmächtiger Herr Jesus; du hast uns von dem Elend der Seele durch dein Blut erlöst, du wirst uns auch vom Elend des Leibes durch deine Macht erlösen am Jüngsten Tage. Noch ist nicht erschienen, was wir sein werden; aber es wird erscheinen, und wenn es erscheinen wird, werden wir dich sehen, wie du bist, wir in abbildlicher Herrlichkeit, dich in urbildlicher Herrlichkeit. Nach diesem Augenblick, der die Ewigkeit ist, sehnen wir uns. Herr Jesu, wir leben in der Welt, aber wir sind nicht von der Welt; wir sehnen uns aus den irdischen Tiefen nach den himmlischen Höhen, aus der Last der Seele nach der Lust der Seele, aus der leiblichen Gebrechlichkeit nach des Leibes Herrlichkeit. Heiliger Heiland, dir können wir's gestehen, wir haben das Heimweh; o stille es, o lass uns nach Hause kommen. Führ' uns an der Hand bis ins Vaterland. Amen.