Quandt, Emil - Der Brief St. Pauli an die Philipper - XXI. Das weltliche Christentum.
Gal. 3, 17-19.
Folgt mir, liebe Brüder, und seht auf die, die also wandeln, wie ihr uns habt zum Vorbilde. Denn viele wandeln, von welchen ich euch oft gesagt habe, nun aber sage ich auch mit Weinen, die Feinde des Kreuzes Christi; welcher Ende ist die Verdammnis, welchen der Bauch ihr Gott ist, und ihre Ehre zu Schanden wird, derer, die irdisch gesinnt sind. Amen.
Die Tränen Jesu kennt jeder Christ. Wir wissen alle, dass der Heiland weinte, als er die Stadt Jerusalem ansah, deren Kinder er hatte sammeln wollen, wie eine Henne ihr Küchlein sammelt unter ihre Flügel, und sie hatte nicht gewollt; dass ihm die Augen übergingen am Grabe seines Freundes Lazarus; dass in Gethsemane er Gebet und Flehen mit starkem Geschrei und Tränen geopfert hat zu dem, der ihm vom Tode aushelfen konnte. Auch die Tränen Petri sind jedem Christen bekannt, wie der zum dreifachen Verleugner gewordene Bekenner, von einem einzigen Blick seines Heilandes getroffen, hinausging in die Nacht und weinte bitterlich. Die Tränen Pauli sind viel weniger bekannt; dem Gedächtnis der Christenheit schwebt Paulus äußerst selten vor als ein weinender Mann.
Und doch sind auch dem Apostel Paulus, diesem auserwählten Glaubenshelden, wer weiß wie oft die Augen übergegangen. Er hat, wie er in seiner milesischen Abschiedsrede selber sagt, dem Herrn gedient mit aller Demut und mit vielen Tränen und Anfechtungen, und hat nicht abgelassen, die Gläubigen angesichts derer, die verkehrte Lehren redeten, Tag und Nacht mit Tränen zu vermahnen. Er hat, ebenfalls nach seiner eigenen Aussage, den zweiten Korintherbrief in großer Trübsal und Angst des Herzens mit viel Tränen geschrieben. Und nun begegnet uns selbst hier im Philipperbrief, dem freudestrahlendsten von allen Briefen Pauli, eine Stelle, die der Apostel mit seinen Tränen gefeuchtet hat, die Stelle: „Viele wandeln, von denen ich euch oft gesagt habe, nun aber sage ich auch mit Weinen, dass sie sind Feinde des Kreuzes Christi.“
Welches sind die Feinde des Kreuzes Christi, auf die der tränenvolle Blick des Apostels sich richtet? Sind es die Juden, denen der gekreuzigte Christus ein Ärgernis war, und von denen Paulus den Römern schrieb: Nach dem Evangelium sind sie Feinde? Nein, die Juden meint er hier nicht. Sind es die Griechen, die Heiden, denen das Evangelium eine Torheit war, und von denen Paulus den Kolossern schrieb: Ihr, die ihr weiland Feinde wart? Nein, die Heiden hat der Apostel an unserer Stelle nicht im Sinne! Sind es die stolzen Geister inmitten der christlichen Gemeinden, die stets was neues bringen her, zu fälschen Christi Wort und Lehr'? O Paulus bekämpft ja sonst gerade die Irrlehrer als überaus gefährliche Feinde, und er hat noch zu Anfang unseres Textkapitels vor ihnen gewarnt als vor Hunden, die das Heiligtum zertreten, als vor bösen Arbeitern, die die Gemeinde und den Glauben zerschneiden. Aber in unserem Text meint er die Irrlehrer nicht. Nicht von falschen Leuten einer sündlichen Lehre, sondern von Leuten eines falschen, sündlichen Wandels spricht er hier mit Tränen. Die Christen, die Christo zusagen, ohne der Sünde zu entsagen, die Christen, die die Gnade Gottes in Jesu Christo auf Mutwillen ziehen, indem sie dieselbe zur Befriedigung der sinnlichen Seite des Lebens missbrauchen, die leichtsinnigen, leichtlebigen, weltsüchtigen und weltseligen Christen, das sind die Feinde des Kreuzes, vor denen er an unserer Stelle weinend die Philipper warnt. Wir haben allen Grund, diese Warnung auf uns selber anzuwenden. Wir tun es, indem wir einander zurufen:
Wir fragen:
Los vom weltlichen Christentum!
1. Wie sieht das weltliche Christentum aus?
2. Wie kommen wir aus ihm heraus?
Vom kranken Schein lass uns im Wesen, o Heil'ger Geist, bei dir genesen! Amen.
1.
Unsere erste Frage ist: Wie sieht das weltliche Christentum aus? Es ist ein düsteres Bild, das der Apostel aufrollt, wenn er schreibt: Viele wandeln, von welchen ich euch oft gesagt habe, nun aber sage ich auch mit Weinen, dass sie sind die Feinde des Kreuzes Christi, welcher Ende ist die Verdammnis, welchen der Bauch ihr Gott ist und ihre Ehre zu Schanden wird, derer, die irdisch gesinnt sind. Wir rufen unwillkürlich aus: Gab es denn in der philippischen Gemeinde, die uns der Apostel selbst als eine der lieblichsten Gemeinschaften am Evangelium schildert, die er seine Freude und seine Krone nennt, gab es denn auch in ihr solche Nachtgestalten, die unter dem Deckmantel christlicher Gläubigkeit Sklaven der Sinnlichkeit, scheinbar Freunde, in Wirklichkeit Feinde des Kreuzes Christi waren? Nun, es wäre ja wohl möglich gewesen; auch in das Paradies schlich sich die Schlange, und unter den zwölf vertrautesten Jüngern war ein Judas Ischarioth. Aber nach dem Wortlaut des Textes scheinen in Philippi selbst solche Christen, die durch ihr praktisches Verhalten das Zeichen des Kreuzes von ihrer Stirn wischten, noch nicht vorhanden gewesen zu sein; Paulus hat in Philippi von solchen Feinden doch nur geredet, und wenn er jetzt von ihnen mit Weinen redet, so beweisen seine Tränen nicht das Vorhandensein der Feinde in Philippi selbst, sondern nur ihre gefährliche Nachbarschaft. Wenn nicht in Philippi selbst, so tauchte doch in vielen anderen christlichen Gemeinden erstaunlich früh eine gemeine Gesinnung auf, die die Erlösung der sündigen Seele durch Christi Kreuz und Tod wie einen Raub hinnahm und wie einen Erlaubnisschein zum Weitersündigen, der törichte Wahn, als ob der liebe Gott den Weg zum Himmel durch die Sendung seines Sohnes darum geebnet hätte, damit wir ein desto behaglicheres und angenehmeres Leben auf Erden führen könnten. Böse Beispiele verderben gute Sitten; wie leicht konnten bei dem damaligen regen Verkehr der Christengemeinden unter einander die bösen Beispiele von auswärts in Philippi eindringen und die guten Sitten und das gute Christentum der Philipper verderben! Davor bangt Paulus, davor warnt er die Philipper mit tränendem Auge.
Über viele Jahrhunderte hinweg tönt der Warnungsruf des Apostels laut in unsere Zeit hinein, in der es eine christliche Welt gibt, die mehr Welt ist, als christlich, in der es ein weltliches Christentum gibt, das ins Verderben führt, weil es kein Christentum ist. Dieses weltliche Christentum ist in seinen gröbsten Formen und Erscheinungen noch am wenigsten verführerisch. Ein christlicher Trunkenbold, eine getaufte Dirne, ein Betrüger mit dem Gesangbuch unter dem Arm und ähnliche Gestalten, die ihre Ehre in der offenbaren Schande suchen, ziehen heutzutage, Gott sei Dank, niemanden an, sondern schrecken ab; solche bösen Beispiele sind doch zu böse, als dass sie einen noch halbwegs anständigen Menschen beeinflussen könnten.
Gefährlicher schon und verführerischer, namentlich für das jüngere Geschlecht, sind die Lebemänner und Lebedamen, die, ohne die Religion des Kreuzes, in der sie geboren sind, irgendwie befehden zu wollen, doch dadurch derselben täglich ins Angesicht schlagen, dass sie nur dafür sorgen, dass nichts dem Leibe fehle, dass sie von Vergnügen zu Vergnügen, von Genuss zu Genuss jagen, dass sie über allen Harm und allen Ernst eines an Abgründen wandelnden Jahrhunderts sich hinweg spielen und hinweg scherzen. Diese Lebensrichtung, deren Devise ist: „Lustig gelebt und selig gestorben!“ hat in vieler Augen etwas ungemein Blendendes; leichtlebige Eltern ziehen die Kinder hinterdrein, und die Gattin teilt den Sinnendienst mit dem Gatten.
Indessen die bei weitem größte Mehrzahl der modernen Menschen hat nicht so viel zu leben, um so leben zu können; die Sünde, das kurze wertvolle Leben in lauter Lust zu vertändeln, bleibt mehr oder minder eine Sünde der oberen Zehntausend; für Millionen verbietet sich diese Sünde, wenigstens als Tatsünde, von selbst durch die Macht der beengten und bedrängten Verhältnisse. Umso verbreiteter ist in der heutigen bürgerlichen Gesellschaft ein verweltlichtes Christentum, das der irdischen Gesinnung nur in einem durch die Umstände gebotenen beschränkteren Maße huldigt; und dies bescheidene, in bürgerliche Tugend eingehüllte Weltchristentum ist heutzutage das gefährlichste. Welch ein scheinbar schönes Bild ist das doch: Ein bürgerlicher Hausstand, pekuniär wohlgeordnet. Der Mann hat's erworben, die Frau hat nichts verdorben, an jedem Tage neuer Fleiß und neuer Schweiß. Die Kinder machen Fortschritte in der Schule; das Gesinde tut seine Pflicht. Den Formen des Christentums wird man mehr oder minder gerecht; man geht in die Kirche, wenn nicht regelmäßig, so doch ziemlich regelmäßig; und wenn der Mann seltener geht, weil er dem Grundsatz huldigt, das Kirchengehen dürfe nicht zur Gewohnheit werden, so gehen die Frau und die Tochter desto öfter und etwa auch der Sohn des Hauses, wenigstens vor seiner Sturm- und Drangperiode. Zu Hause wird etwa auch noch auf das Tischgebet gehalten, vielleicht sogar auf das Lesen in der Bibel. Sonst aber vergnügt man sich, so gut man kann und soweit die Börse reicht; das Leben es hat auch Lust nach Leid. Der Mann geht zu Biere, die Frau in die Kaffee-Gesellschaft, das Fräulein zum Balle, das Dienstmädchen ins Tanzvergnügen; und was denn sonst noch jede Saison an Erheiterungen bietet, wird nach Möglichkeit mitgenossen. Und so lebt man und so lebt man alle Tage, bis der Tod an die Tür klopft und ruft: Bis hierher und nicht weiter! Meine Freunde, das gilt heutzutage bei Tausenden als gutes Christentum, bei dem man selig werde und ist doch nichts als Welt, Welt, Welt, bei der man verloren geht. Denn in solchem Hauswesen regiert nicht der Heilige Geist, sondern der irdische Sinn; alles Sinnen und Trachten ist auf irdischen Erwerb und irdischen Genuss gerichtet; das Trachten, das wirkliche Trachten nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit fehlt. O, prüfe dich selbst, mein Bruder, sieh' bei dir selber nach, meine Schwester, ob nicht auch du schon in den traurigen Prozess der Verweltlichung verwickelt bist? Wenn man an dem gläubigen Christentum vor 30, 40 Jahren eine pietistische Enge und Strenge aussetzte, so sind wir jetzt des Pietismus mit all seinem Geleite längst entwöhnt, vielfach auch des Pietismus, der in dem Tholuckschen Verse geschildert wird: „Wer ist ein Pietist? Der Gottes Wort studiert und nach demselben auch ein frommes Leben führt.“ Der Schaden Josephs von heute ist nicht pietistische Enge, sondern weltliche Weite; die weltliche Vergnüglichkeit überwuchert in unserer Zeit so manche kirchliche Familie, so manche fromme Vereinigung. Dagegen soll ein gewissenhafter Seelenhirt warnend seine Stimme erheben. Paulus sagt von denen, die irdisch gesinnt sind, dass ihr Ende die Verdammnis sei. Darum los vom weltlichen Christentum!
2.
Wenn unsere erste Frage war: Wie sieht das weltliche Christentum aus? so fragen wir zum anderen: Wie kommen wir aus ihm heraus?
Damit den Philippern das böse Beispiel, das die Feinde des Kreuzes Christi geben, nicht schaden möge, verweist Paulus sie auf das gute Beispiel, das er selber ihnen gibt samt seinen Mitarbeitern. Folgt mir, liebe Brüder, so spricht er, folgt mir und seht auf die, die also wandeln, wie ihr uns habt zum Vorbilde. Aber wie kann der Apostel so etwas sagen? Wir singen und singen es mit Begeisterung: Mir nach, spricht Christus, unser Held, mir nach, ihr Christen alle. Würden wir denn auch zu singen wagen: Mir nach, spricht Paulus, Christi Knecht, mir nach, ihr Christen alle!? Greift Paulus nicht in die Majestätsrechte des Menschensohnes ein, wenn er sich selbst zum Vorbild für christliche Gesinnung und christliches Leben hinstellt? Nein, meine Freunde, das kann dem Manne nicht in den Sinn kommen, der an der herrlichsten und bekanntesten Stelle des Philipperbriefes mahnt: Ein jeglicher sei gesinnt wie Jesus Christus auch war, und der kurz vor unserem Texte von sich selber bekennt: Nicht, dass ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's auch ergreifen möchte, nachdem ich von Christo Jesu ergriffen bin. Jesus Christus ist dem Apostel wie der gleichnislose Erlöser der Welt, so das unerreichte Urbild heiligen gottgefälligen Lebens auf Erden, vor dem er sich in tiefer Demut beugt. Aber wie eine fromme Mutter, die wohl weiß, wie unvollkommen sie ist, doch mit gutem Recht zu ihrem Knaben sagt, um ihn vor Verführung zu behüten: Folge mir, mein Kind, und folge nicht den bösen Buben, die dich verlocken wollen, so bittet Paulus in gleichsam mütterlicher Liebe seine geliebten Philipper, um sie vor der Verführung der leichtlebigen Weltchristen zu behüten: Folgt mir, meine Brüder, und folgt nicht den Irdischgesinnten, bei denen nicht die Gnade die Sünde verdrängt, sondern die Sünde die Gnade verscheucht.
Auch wir, meine Lieben, wenn wir loskommen wollen von dem unseligen verweltlichten Christentum, können nichts Besseres tun, als Nachahmer St. Pauli zu werden und unser Leben nach seiner Richtschnur einzurichten. Wie herrlich, wie selig ist das Christentum St. Pauli! Christus ist ihm nicht nur eine Arabeske im Leben, nicht nur ein Stück vom Leben, sondern Christus ist sein Leben; Paulus lebt, aber nicht er, sondern Christus lebt in ihm, denn was er lebt, lebt er im Glauben des Sohnes Gottes, der ihn geliebt und sich selbst für ihn dargegeben hat. Dankbar für den apostolischen Beruf, den ihm der Herr verliehen, arbeitet und wirkt er in diesem Berufe mit der vollen Hingabe seines Lebens. Dabei hat er ein offenes Herz für alles, was sonst auf Erden wahrhaft ist und keusch, was lieblich ist und wohllautet; er wuchert reichlich mit dem Pfunde der Freundschaft, freilich nur mit den Freunden des Kreuzes Christi. Er muss durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen, aber er ist auch als Trauriger allezeit fröhlich und singt im Kerker Psalmen zur Ehre Gottes. Er hat wenig von irdischem Gut, aber er kann satt sein und hungern, und Geben ist ihm immer seliger, als Nehmen. Er wird schließlich ein alter Paulus; aber er bleibt auch als alter Mann, wie der Brief an Philemon zeigt, ein geistesfrischer, lebensfroher Mann mit warmem Gemüt. Als dann die Zeit seines Abscheidens kommt, als ihm unter dem Blutregiment des Wahnwitzes auf dem Throne der Cäsaren die Märtyrerkrone winkt, freut er sich der Krone der Gerechtigkeit, welche der Herr ihm geben wird an jenem Tage nicht ihm aber allein, sondern allen, die die Erscheinung des Herrn lieb haben. Und so ist er eingegangen zum oberen Jerusalem: „verdrängt, verjagt, besiegt und ausgefegt und doch ein Held, der ew'ge Palmen trägt! Ist das nicht ein herrliches Christentum, vor dem das Weltchristentum mit seinen dürftigen Reizen erbleichen muss, wie der tote, öde Mond mit seinem erborgten Glanze erbleicht vor dem goldenen Schein der Sonne? Ach, dass dies sonnige, wonnige apostolische Christentum uns so hell in die Augen, in die Herzen strahlen möchte, dass wir brächen mit der Welt und aller Weltseligkeit und als wahre Freunde des Kreuzes Christi unser eignes Fleisch täglich kreuzigten samt seinen Lüsten und Begierden. Los vom weltlichen Christentum! Wie kommen wir los? Durch Rückkehr zum apostolischen Christentum.
Das apostolische Christentum hat unter uns Deutschen kein leuchtenderes Abbild und Vorbild erzeugt, als das unseres Martin Luther. In ihm haben wir den deutschen Paulus. Mit einem Wort von ihm will ich schließen. Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen. Amen.