Quandt, Emil - Der Brief St. Pauli an die Philipper - XX. Die christliche Vollkommenheit.

Quandt, Emil - Der Brief St. Pauli an die Philipper - XX. Die christliche Vollkommenheit.

Gal. 3, 12-16.

Nicht, dass ich es schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich es auch ergreifen möchte, nachdem ich von Christo Jesu ergriffen bin. Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht, dass ich es ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich zu dem, das da vorne ist; und jage nach dem vorgesteckten Ziel, nach dem Kleinod, welches vorhält die himmlische Berufung Gottes in Christo Jesu. Wie viele nun unserer vollkommen sind, die lasst uns also gesinnt sein; und sollt ihr sonst etwas halten, das lasst euch Gott offenbaren; doch so fern, dass wir nach einer Regel, darin wir gekommen sind, wandeln, und gleich gesinnt seien. Amen.

Gibt es eine christliche Vollkommenheit auf Erden? Nein, sagt St. Paulus in der ersten Hälfte unseres Textes, da er, der alles für Schaden und Wegwurf geachtet hat und achtet gegen die überschwängliche Erkenntnis Christi, sich selbst als Beispiel eines rechten Christen hinstellt und den berühmten Ausspruch tut: Nicht, dass ich es schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei, ich jage ihm aber nach! Gibt es eine christliche Vollkommenheit auf Erden? Ja, sagt St. Paulus in der zweiten Hälfte unseres Textes, da er, sich mit seinen geliebten Philippern zusammenschließend, ermahnt: „Wie viele nun unser vollkommen sind, die lasst uns also gesinnt sein!“ Wie ist dem dann? Macht sich hier der Apostel nicht eines grellen Widerspruches schuldig? Von dem Heiland sagt Paulus 2. Kor. 1: „Christus war nicht Ja und Nein“; und hier scheint er, der Apostel Jesu Christi, seinerseits doch in hohem Grade Ja und Nein zu sein, wenn er wie in einem Atemzuge die christliche Vollkommenheit erst verneint und dann bejaht. Dass der Widerspruch, den der erste Eindruck unseres Textes ergibt, nur ein Schein ist, dessen sind wir als Christen ja von vorn herein gewiss. Auch ahnen wir alle, dass das Zerrinnen dieses Scheins auf jenem ernsten. Gedanken beruht, dem Goethe den schönen weltlichen Ausdruck gab: „Ein wackrer Mann bleibt immer ein Anfänger“ und dem Luther den noch schöneren geistlichen Ausdruck gab: „Ein rechter Christ ist immer im Werden, nicht im Sein.“ Aber die wirkliche Lösung des Rätsels bedarf doch einer eingehenderen Betrachtung und ist derselben wert. Von der paulinischen Bejahung ausgehend und dieselbe durch die Verneinung erläuternd, betrachten wir

die christliche Vollkommenheit

1. nach ihrem Anfang, das ist die Bekehrung,
2. nach ihrem Fortgang, das ist die Bewährung,
3. nach ihrem Ausgang, das ist die Verklärung.

Herr Jesu, du bist der Anfänger und der Vollender unseres Glaubens. Herr, wir glauben an dich; hilf unserem Unglauben. Amen.

1.

Mit den Worten: „Wie viele nun unser vollkommen sind, die lasst uns also gesinnt sein“ bejaht der Apostel, dass es eine christliche Vollkommenheit gibt. Diese seine Behauptung, dass es eine christliche Vollkommenheit auf Erden gibt, ist nicht eine einmalige, vereinzelte Aussage seines Mundes, sondern ein öfters wiederkehrender Grundgedanke seiner Seele. Er fordert von Timotheus, dass ein Mensch Gottes sei vollkommen, zu allem guten Werk geschickt. Er schreibt den Kolossern: „Ihr seid vollkommen in Christo, in dem, die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt,“ und ermahnt sie, über alles anzuziehen die Liebe als das Band der Vollkommenheit. Er schreibt den Korinthern: „Davon wir reden, ist Weisheit bei den Vollkommenen.“ Von allen Stellen aber, an denen der Apostel die christliche Vollkommenheit setzt und voraussetzt, verbreitet die uns heute zur Betrachtung vorliegende Stelle das hellste Licht über den Begriff, den Paulus von der christlichen Vollkommenheit hat.

Denn wenn er sagt: Wie viele nun unser vollkommen sind, die lasst uns also gesinnt sein, so greift er sehr deutlich zurück auf den Eingang unseres epistolischen Abschnittes, in dem er sagt: Nicht, dass ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's auch ergreifen möchte, nachdem ich von Christo Jesu ergriffen bin. Den Wahn des Eigendünkels weist er weit fort von sich und von dem wahren Christentum; eine christliche Vollkommenheit, die auf Erden schon alles ergriffen hätte und auf ihren eigenen Lorbeeren ausruhen könnte, kennt er nicht und anerkennt er nicht. Die Leute, die er vollkommen nennt und die er ermahnt, so gesinnt zu sein, wie er selber war, und täglich vorwärts und aufwärts zu streben, sind die Christen, die, wie er, es noch nicht ergriffen haben, aber, wie er, ergriffen sind von Christo Jesu. Die christliche Vollkommenheit beruht ihm in erster Linie auf dem Ergriffensein von Jesu Christo, wie er es selber durchgemacht hatte am Tage von Damaskus, mit anderen Worten auf der Bekehrung. Bekehrte Christen, das sind die rechten Christen, und dies rechte Christentum ist der Anfang aller christlichen Vollkommenheit.

Die Bedeutung der Bekehrung für das Christentum ist leider in unseren Tagen sehr zurückgetreten. Die große Menge derer, die heutzutage den Christennamen tragen, hat auch nicht die geringste Ahnung von einem Ergriffensein von Christo; die meisten meinen vielmehr, wenn sie Treu und Redlichkeit üben bis an ihr kühles Grab und wenn sie ihr Vaterunser beten, nach Möglichkeit in die Kirche gehen und hin und wieder in der Bibel lesen, dann wären sie ganz gute Christen, dann hätten sie das vollkommene Christentum. Andre meinen, je gebildeter sie seien, desto vollkommenere Christen seien sie; und sie sehen sehr von oben herab auf so ein ungebildetes Menschenkind, das, vielleicht mit sehr unmusikalischer Stimme, aber aus tiefster Seele heraus seinem Gotte dankbar singt: Mir ist Erbarmung widerfahren, Erbarmung, deren ich nicht wert. Außerdem gibt es heutzutage, das kann und soll nicht geleugnet werden, auch eine Afterart der Rechtgläubigkeit, die sich einbildet, das wahre Christentum zu haben und zu repräsentieren, obwohl sie nur eine Gläubigkeit des Kopfes, nicht des Herzens ist, die den Tag von Damaskus bewundert und feiert, aber ihn nie an sich selbst erfahren hat, die kalt ist und kalt lässt, weil ihr die Wärme des von Christo ergriffenen Gemütes fehlt.

Bekehrung, Bekehrung, das ist die große Hauptsache im Christentum, der Anfang, aus dem alles Andre folgt. Bekehrung, Bekehrung, o predigt sie unserem Volke in Kirchen und Schulen, dass es aufwache aus dem Schlaf des Gewohnheitschristentums, aus dem Traum des bildungsstolzen Christentums, aus der Schlummerseligkeit einer Rechtgläubigkeit ohne rechten Glauben. Noch ist die angenehme Zeit, noch sind die Jahre des Heils, noch gibt es Tage von Damaskus, noch neigt sich der erhöhte Heiland erbarmungsvoll zu unserem Geschlecht hernieder, um es zu ergreifen und von allem Irrwahn zu befreien, wie er einst Saulus ergriff und erlöste.

Lass dich ergreifen und falle ihm anbetend zu Füßen, stolzer Mann, der du ihn so spät erkanntest; säumige Frau, die du über allen Marthasorgen des Lebens so lange vergessen hast das Eine, was not ist; strebsamer Jüngling, der du über dem Suchen nach den guten, köstlichen Perlen des Wissens und des Lebens bisher die köstliche Perle des Heiles übersahst; fröhliche Jungfrau, die du in der Freude über die schönen Blumen des Lebenslenzes die schönste Blume übersahst, die goldene Rose von Bethlehem; und, es sind ja auch wohl jüngere Kinder an der Hand der Eltern heute mit hierher gepilgert, liebes Kind, sprich zu dem himmlischen Kinderfreuende: „Ich bin klein, mein Herz mach' rein; soll niemand drin wohnen als Jesus allein.“ O wir alle, alle wollen vor dem hochheiligen Erlöser, der einst sich dem Apostel Paulus am Tage von Damaskus in blitzendem, blendendem Leuchten vom Himmel offenbarte und der heute uns in lindem, leisen Säuseln sein Nahesein offenbart, die Knie unseres Herzens beugen, und uns von Ihm im tiefsten Innern ergreifen lassen. Der Anfang der christlichen Vollkommenheit, des rechten Christentums ist die Bekehrung.

2.

Der Fortgang ist die Bewährung. Paulus mahnt die Vollkommenen, die er meint, die Brüder und Schwestern, die sich gleich ihm von Christo haben ergreifen lassen, dass sie gesinnt sein mögen, wie er, nämlich nicht zu meinen, es schon ergriffen zu haben oder schon vollkommen zu sein, sondern dem Ziel nachzujagen, es auch zu ergreifen, zu vergessen, was dahinten ist und sich zu strecken zu dem, das vorne ist. Dem Apostel schwebt, wie öfters, das Bild des Wettlaufs in der griechischen Rennbahn vor. Ohne Bild sagt er, dass die Vollkommenen d. i. die von Christo Ergriffenen ihr Ergriffensein dadurch bewähren müssen, dass sie im Glauben, in der Liebe, in der Hoffnung nicht stehen bleiben, sondern fortschreiten, dass sie beim Fortschreiten nicht sich selbst bespiegeln, sondern immer weiter fortschreiten, dass sie also der Aufforderung Folge leisten, mit der unser Hauptlied begann: Fahre fort, fahre fort, Zion, fahre fort im Licht.

Die ganze christliche Vollkommenheit wird zunichte, wenn die Bekehrten ihre Bekehrung wie eine Art Verzauberung ansehen, die die verlorenen und verdammten Sünder in lauter vollkommene Himmelsbürger verwandelt. Und doch wie manche Christen sehen die Sache so töricht an. Sie haben sich herzlich und ehrlich zu dem Herrn Jesus bekehrt und mit aller Begeisterung die Macht der Liebe angebetet, die sich in Jesu offenbart. Sie leben auch in einer gewissen Gegenliebe zu dem Herrn Jesus Christus weiter, und die Augen gehen ihnen über, so oft die fröhliche Botschaft von dem Lamme Gottes, das der Welt Sünde trägt, gelesen, gepredigt, gesungen wird. Aber das ist nun auch ihr ganzes Christentum. Sie werden vielleicht nicht schlechter, aber leider auch nicht besser; jedenfalls geben sie sich nicht die geringste Mühe, der Heiligung nachzujagen. Im gewöhnlichen Leben handeln und wandeln sie, wie gute Heiden, gute Juden, gute Türken auch handeln und wandeln, und in Bezug auf das ewige Leben missbrauchen sie den Vers: Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid. Gefährliche Leute! Gefährlich für sich, denn sie fahren, wenn sie sich nicht noch einmal und anders bekehren, in das ewige Verderben; gefährlich für andere, denn sie bringen das Christentum in den üblen Geruch der Bigotterie und der Heuchelei, am allermeisten, wenn sie Prediger sind.

Nein, nein, Bekehrung ohne Bewährung ist nichts; von Christo ergriffen sein, ohne Christum zu ergreifen, tagtäglich aufs neue zu ergreifen, das ist nichts. Vollkommene Christen bleiben nur vollkommen, wenn sie sich täglich sehr unvollkommen fühlen, wie sie denn auch wirklich Tag für Tag sehr unvollkommen sind und allen Grund haben, sich das Verslein 365 mal im Jahr vorzusprechen und vorzuhalten: „An mir und meinem Leben ist nichts auf dieser Erd', was Christus mir gegeben, das ist der Liebe wert!“ Die Bekehrung ist nicht ein Schlummerkissen, sondern ein Weckgewissen, das nicht müde wird zu predigen: Fahre fort, fahre fort, Zion, fahre fort im Licht. Christus hat uns ergriffen, so müssen wir ihn ergreifen betend, forschend in den Heiligen Schriften, die uns am besten das richtige offenbaren, wo wir in Einzelfällen anderer Meinung sind, als andere Brüder, uns übend im Tun und Leiden dessen, was wir nach Gottes heiligem Willen um Jesu Christi willen tun und leiden müssen. So ist das wahre, vollkommene Christentum eine stetige Bewährung der Bekehrung im lebendigen Fortschritt aus dem Glauben im Glauben zum Glauben. Ich verhehle mir nicht, dass das für manchen ein ganz unverständliches Sagen ist; aber ich bin auch gewiss und freue mich dessen, dass mein dem Apostel Paulus entlehnter Mahnruf: „Vorwärts! Aufwärts!“ für manchen unter uns wie eine geistliche Erfrischung wirken wird. Ach, meine Lieben, was wollte ich lieber, als dass wir Wittenberger, wir unwürdigen Inhaber der würdigsten evangelischen Traditionen, endlich, endlich wärmer würden, ergriffener von Jesu Christo, und geistlich fortschrittlicher, den immer mehr ergreifend, in dem allein das Heil ist und ist kein anderer Name gegeben, in dem wir selig werden, als allein der Name Jesu Christi.

3.

Wir haben die christliche Vollkommenheit noch nach ihrem Ausgang zu betrachten. Ist die Bekehrung ihr Anfang; ist die Bewährung ihr Fortgang, so ist die Verklärung ihr Ausgang. „Ich jage nach dem vorgesteckten Ziel, sagt der Apostel, nach dem Kleinod, nach dem Kampfpreis des himmlischen Berufes Gottes in Jesu Christo.“

Die Ziele des gewöhnlichen, landläufigen Fortschritts auf der Erde sind von der Erde; und besonders in unserer Zeit kennt die Welt, will die Welt gar keinen anderen Fortschritt, als den, der in dieser Welt zum Ziele gelangt. „Schmückt dieses Leben reich und schön, kein Jenseits gibt's, kein Wiederseh'n“, diese Berliner, längst verdeckte Kirchhofsinschrift einer sogenannten freien Gemeinde ist doch nur eine volksmäßig derbe Nachbildung der bei tausend Gebildeten beliebten Goetheschen Verse: „Das Drüben kann mich wenig kümmern, schlägst du erst diese Welt zu Trümmern, das andere mag danach entsteh'n. Auf dieser Erde quillen meine Freuden, und diese Sonne scheint meinen Leiden. Kann ich mich erst von ihnen scheiden, dann mag, was will und kann, gescheh'n.“ Wunderschöne, sich einschmeichelnde Verse, aber von hässlichem, grässlichem Inhalt. Die Welt hat ihre Ziele in der Welt, das Christentum hat seine Ziele über der Welt, jenseits der Welt, droben im himmlischen Heiligtum. Von oben sind wir berufen; unsere Berufung in Christo Jesu ist eine himmlische Berufung. Oben glänzt und winkt unser Kleinod, unser Kampfpreis, die himmlische Verklärung in Jesu Christo. Vorwärts, aufwärts geht unser Leben und Streben, unser Sehnen und Glauben, unser Lieben und Hoffen. Droben in der Verklärung ist der Ausgang der christlichen Vollkommenheit.

O meine christlichen Freunde, weder das Ergriffensein von Jesu Christo, die Bekehrung, noch das lebenslängliche Ergreifen Jesu Christi, die Bewährung, kann uns von einem Prediger oder von einer kirchlichen Behörde bescheinigt werden. Solche zarten, innerlichen Dinge lassen sich nicht bescheinigen; und auch wenn sie bescheinigt würden und wenn die Scheine mit in den Sarg gelegt würden, sie nützten nichts; sie würden mit verwesen, wie der Leib verwest. Aber Gottes ewiges Erbarmen schenkt ohne Schein allen denen die ewige Verklärung, die sich auf Erden nicht nur bekehrt, sondern auch bewährt haben, die nicht nur von Christo ergriffen waren, sondern auch Christum immerfort ergriffen haben und immerfort alles für Schaden und Wegwurf geachtet haben gegen die überschwängliche Erkenntnis Jesu Christi unseres Herrn. Es ist alles aus Gnaden, die ganze christliche Vollkommenheit, wie im Himmel, also auch auf Erden; aus Gnaden ist ihr Anfang, die Bekehrung, aus Gnaden ist ihr Fortgang, die Bewährung, aus Gnaden ist ihr Ausgang, die Verklärung. Amen.

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