Quandt, Emil - Gethsemane und Golgatha - 5. Der Engel von Gethsemane.

Quandt, Emil - Gethsemane und Golgatha - 5. Der Engel von Gethsemane.

Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel, und stärkte ihn.

Das heilige Bild von Gethsemane ist es auch heute, meine Lieben, das sich vor unseren Augen aufrollt, aber nicht jenes Bild, welches wir an den vier vorigen Sonntagen betrachteten, nicht das Bild, das Matthäus uns gezeichnet hat, sondern das Bild, das wir von der Hand des Evangelisten Lukas haben. Es sind in den wesentlichen Hauptpunkten die beiden evangelischen Bilder ja vollkommen übereinstimmend; die Örtlichkeit von Gethsemane, die Stunde von Gethsemane, den Kelch von Gethsemane, das Gebet von Gethsemane finden wir bei Lukas wie bei Matthäus mit denselben Farben gemalt. Aber der Evangelist Lukas hat in seinem Bilde von Gethsemane einen Lichtstrahl vom Himmel, der bei Matthäus fehlt und der doch dem ganzen Bilde bei seinem tiefen Dunkel eine so ungemein freundliche Beleuchtung gibt. Ihr könnt euch denken, Geliebte, was ich meine: ich meine den einen kleinen Satz, der sich nur bei Lukas findet: Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. Dieser dem Lukas eigentümliche Satz ist es, der diese unsere fünfte Andacht über Gethsemane leiten soll.

Eine Betrachtung über den Engel von Gethsemane hat freilich zur Voraussetzung, dass wir überhaupt an Engel glauben. Diese Voraussetzung trifft ja nun Gott sei Dank bei dieser unserer Gemeinde zu, nach ihrem offiziellen Bekenntnis. Die deutsch-evangelische Gemeinde, so lautet der achte Paragraph unserer Gemeindestatuten, steht auf Grund des augsburgischen Bekenntnisses, und das augsburgische Bekenntnis lehrt glauben Alles, was in der Bibel steht; und in der Bibel beider Testamente steht, dass der allmächtige Gott nicht bloß eine sichtbare Welt mit den Menschen, als der Krone derselben erschaffen hat, sondern auch eine unsichtbare Welt mit tausendmal tausend von himmlischen Heerscharen, die in der unmittelbaren Umgebung und seligen Anschauung Gottes leben, als reine, sündlose Geister, die fort und fort beflissen sind, Gottes Befehle auszurichten. Von diesen himmlischen Geistern zählt uns die Heilige Schrift verschiedene Ordnungen und Klassen auf, Erzengel, Cherubim, Seraphim, Thronen, Herrschaften, Fürstentümer und Obrigkeiten, und einzelne wie Michael und Raphael nennt sie uns mit Namen. Die allgemeine Bezeichnung aber, mit welcher sie alle geschaffenen himmlischen Geister umfasst, ist eben das Wort Engel. Unsere Gemeinde glaubt nach ihrem amtlichen Bekenntnis an die Heilige Schrift, also auch an diese Lehre der Schrift von den heiligen Engeln.

Allein täusche ich mich wohl, meine Lieben, wenn ich fürchte, dass unter euch manch Einer ist, der sich die lieben Engel wohl in Dichtung und Sage gefallen lässt, aber nichts von ihnen wissen will in der Wahrheit und Wirklichkeit? Ach, es hat ja die leidige Zweifelsucht namentlich im jüngeren Geschlecht selbst das Allerheiligste unseres christlichen Glaubens angetastet, wie vielmehr was nur zum Heiligtum gehört oder zum Vorhof. Man muss auch sagen, dass zwei der edlen Künste, die sonst so viel beigetragen haben zur Verherrlichung unseres Glaubens, die Poesie und die Malerei dem christlichen Glauben in Bezug auf die Engel einen schlechten Dienst getan haben. Ein großer Naturforscher unserer Tage sagte einmal spottend, Engel könne es schon deswegen nicht geben, weil zu einem menschenähnlichen Organismus keine Flügel passten. Allein eben die Flügel gehören der Poesie und Malerei an; wo immer in der Heiligen Schrift Engel den Menschen erscheinen, nicht in Gesichten, sondern in Geschichten, da ist wohl von Menschengestalt, als der Grundfigur vernünftiger Wesen, nicht aber von Flügeln, oder des etwas die Rede. Nun sei dem, wie ihm wolle, über den Bibelvers von dem Engel in Gethsemane lässt sich selbstverständlich vor denen, die gegen das Bekenntnis unserer Gemeinde, gegen die Schrift, am Dasein der Engel zweifeln, nicht predigen; für diese Zweifler kann und will ich nur dies Eine heute sagen, dass im Ernst keine vernünftige Wissenschaft, weder aus philosophischer Forschung, noch aus erfahrender Beobachtung, kein Denken und kein Fernrohr etwas dawider haben kann, dass die Welt auch noch mit Geistern zwischen Gott und dem Menschen bevölkert ist. Wir, die wir glauben, nehmen zwar Alles, was die Schrift uns vermeldet, auch das was weit über unseren Verstand geht, als Zeugnis des Heiligen Geistes gebührlich hin; aber wir müssen doch auch sagen, dass sich, ganz abgesehen von der biblischen Offenbarung, das Dasein und Wirken von Engeln der unbefangenen Vernunft von selbst empfiehlt. Denn ohne das müssten wir doch eine gar zu große Kluft zwischen den Menschen und zwischen Gott annehmen, während uns sonst bei der Schöpfung überall ein wunderbarer Stufengang, der vom Unvollkommenen zum Vollkommenen fortschreitet, entgegentritt.

Doch ich wende mich nun vielmehr an euch, ihr Brüder und Schwestern, die ihr auf dem Standpunkt des Glaubens steht und für die es noch Sinn hat, wenn die Gemeinde auf Erden mit den Engeln und Erzengeln im Himmel dem Herrn das Dreimalheilig singt. Muss ich nicht doch auch bei euch etwa befürchten, ihr Lieben, dass ihr einer Predigt über einen Engel mit einem gewissen Vorurteil entgegen kommt? Es ist ja den lieben Engeln bei uns Protestanten ganz ähnlich wie der Maria gegangen; weil die römische Kirche die Mutter des Heilands vergöttert, darum pflegt man in protestantischen Predigten die Maria nur in solchem Zusammenhange zu nennen, wo man ihr sofort ihre Sünden vorwerfen kann; so auch weil die katholische Kirche den Erzengel Michael zu ihrem Schutzengel gemacht und ihm ein eigenes Fest, das Michaelisfest geweiht hat, so macht sich unter den gläubigen Protestanten meist das andere Extrem geltend, dass man den Glauben an Engel zwar stehen lässt, die Engel selber aber kaum einmal in einer Predigt nennt. Jedenfalls leben nur Wenige in der vollen Sicherheit des biblischen Glaubens an Engel und das Verständnis desselben und die Freudigkeit, sich in diesen Glauben zu vertiefen, ist selten. Alles dies aber, ich gestehe es, ist für mich nicht eine Abmahnung, sondern vielmehr eine Aufforderung in dem Betrachten des heiligen Gemäldes von Gethsemane, wie wir es in dieser Passionszeit hier mit einander haben, den Engel nicht zu übergehen, sondern ihn vielmehr geflissentlich hervorzuheben zu gemeinsamer Erbauung und Förderung des Glaubens.

Der Engel von Gethsemane

trete denn jetzt in den Brennpunkt dieser unserer Andacht. Wir betrachten

1) wie tröstlich er für den leidenden Heiland ist;
2) wie er auch für uns selber sehr tröstlich ist;
3) wie er für uns aber auch höchst erwecklich ist.

Herr Zebaoth, majestätischer Gott der Heerscharen, erquicke uns durch deine Gnade, dass wir halten die Zeugnisse deines Mundes. Wir hängen an deinen Zeugnissen, Herr, lass uns nicht zu Schanden werden. Amen.

1.

Es erschien ihm aber, ihm, dem trauerumfangenen, zagenden, klagenden Heilande, es erschien ihm ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. Ihm, dem Heilande, wurde der Engel gesandt, und ihm, dem Heilande, hat er Stärkung gebracht. Darauf also, das ist klar, haben wir vor allen Dingen nun zuerst unsere Andacht zu richten, was für ihn, für den Heiland, der Engel von Gethsemane bedeutet. Es erschien ihm aber ein Engel.

Es hat im christlichen Altertum manche fromme Leute gegeben, die sich in diese Erscheinung des Engels ganz und gar nicht haben finden können. Sie haben gemeint, es sei doch ganz und gar entehrend für den Sohn Gottes, dass er in seinem bitteren Leiden sich von einer geschaffenen Kreatur stärken lasse; und man hat es wohl auf Rechnung dieser Meinung zu schreiben, dass in einigen der ältesten Handschriften des Evangeliums Lucä dieser Vers, der die Engelerscheinung berichtet, ganz ausgelassen ist. Nun ist ja so viel zuzugeben, dass es einen tiefen Grad der Niedrigkeit des Sohnes Gottes bezeichnet, wenn ihn ein Engel Gottes in seiner Trübsal kräftigt. Wenn der Sohn des Hauses sich Mut muss zusprechen lassen von einem der Knechte aus seines Vaters Haus; wenn der Feldherr in der Hitze des Kampfes zum Ausharren muss angefeuert werden von einem seiner Soldaten: so ist das das Zeichen großer Niedrigkeit, und so ähnlich ist doch das Verhältnis des Herrn Jesu zu einem Engel, wie das des Sohnes zum Knecht, wie das des Feldherrn zu einem gemeinen Soldaten; denn Er, Jesus, ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor allen Kreaturen, der Erbe über Alles, durch welchen auch die Welt gemacht ist, und ein Engel, auch der höchste Thronengel Gottes, ist eine Kreatur, ein dienstbarer Geist, ein Knecht des himmlischen Vaters. Im ersten Kapitel des Hebräerbriefes bezeugt ausdrücklich der Heilige Geist die unendliche Erhabenheit des Heilandes über die Engel. Zu welchem Engel hat Gott jemals gesagt: „Du bist mein Sohn, heute habe ich Dich gezeugt?“ und abermals „Ich werde sein Vater sein, und er wird mein Sohn sein!“ „Den Sohn müssen anbeten alle Engel Gottes, denn sein Stuhl währt von Ewigkeit zu Ewigkeit; sie aber, die Engel, sind weiter nichts als dienstbare Geister, ausgesandt um derer willen, die ererben sollen die Seligkeit!“ Wir wissen auch, dass der Herr Jesus selber sich seiner unendlich erhabenen Stellung über die Engel wohl bewusst war; „meinst du,“ so spricht er unmittelbar nach der Stunde von Gethsemane zu Petrus, „meinst du, dass ich nicht könnte meinen Vater bitten, dass er mir zuschicke mehr denn zwölf Legionen Engel?“ Wir finden auch sonst immer, wo uns im irdischen Leben des Heilandes Engel begegnen, dieselben in dienender Stellung. Zu Weihnachten sind sie seine Herolde, die mit Lobgesängen seine Geburt ankündigen; in der Wüste, als er den Versucher fortgewiesen, müssen sie kommen und ihm dienen; am Ostermorgen müssen sie seine Frühprediger sein, die den Jüngern sagen: Christ ist erstanden; bei seiner Himmelfahrt müssen sie seine Vertreter sein, durch welche er die Jünger tröstet. Hier in Gethsemane, das ist zuzugeben, ist das nun so ganz anders: der Sohn Gottes weint, der Engel trocknet ihm die Tränen; der Sohn Gottes ist schwach, der Engel stärkt ihn; der Sohn Gottes zagt und klagt, der Engel ermutigt ihn. Aber ob das auch so ist, entehrend ist das doch keineswegs für unseren Herrn, und jene alten Abschreiber der Bibel, die diese Erzählung von dem Engel ausgelassen haben, verstanden schlecht, was Ehre und was Schande ist. Die Sünde schändet, aber nicht das Tragen der Sünde, nicht das Sühnen der Sünde, nicht das Klagen und Zagen, das der Heiland um unsertwillen durchmachte, da er den Kelch des Vaters als unser Bürge trank. Und hat der Heiland es nicht für eine Schande gehalten, sich für uns zu Tode zu lieben, so ist's ihm auch keine Schande gewesen, in seinem Liebesleiden sich von einem Engel stärken zu lassen. Die Erscheinung des stärkenden Engels in Gethsemane ist nimmermehr ein Zeichen, das irgendwelcher Entschuldigung bedürfte, sondern eins der vielen Zeichen der namenlosen Herablassung, in die der Sohn Gottes sich begeben hat, um die Welt zu erlösen.

Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel. Im Himmel, merkt es, war bei Gott und seinen Engeln die lebendigste Teilnahme an dem, was in Gethsemane vor sich ging; vom Himmel wurde mit aufmerksamen Augen der Seelenkampf am Ölberge betrachtet. Denn es handelte sich in Gethsemane um nichts Geringeres, als um die Wieder-Herstellung der Harmonie zwischen Himmel und Erde, die durch Adams Fall zerstört war; von dem Trinken des Kelches in Gethsemane hing nichts Geringeres ab, als die Sühnung und Versöhnung einer verlorenen Welt. Vom Himmel her sah der Vater, wie sein eingeborener Sohn, der Abglanz seiner Herrlichkeit, unter der Zentnerlast des Soldes der Sünde aller Menschen im Staube des Keltertales rang; und wenn nun er, der wunderbare Gott, also die Welt, die sündige Welt liebte, dass er ihr seinen eingebornen Sohn gab, dahingab auch in das Tragen der zehntausend Pfund der menschlichen Schuld, so liebte er doch nicht minder den sündlosen Sohn, der so gehorsam, der so willig die große Sühne auf sich genommen hatte, und konnte ihn nach seiner Liebe in der Nacht von Gethsemane nicht ohne einen Lichtstrahl lassen; darum schickte er dem Sohn in seiner tiefen Not einen Engel vom Himmel, ihn zu stärken. Und nun dieser Engel mit welchen Empfindungen wird er nach Gethsemane geeilt sein und dem im tiefen Staub darniederliegenden Heilande sich genaht haben? Es hat die Engel gelüstet, hineinzuschauen in das Geheimnis der Erlösung der Welt - nun der Engel in Gethsemane tat einen tiefen Blick in dies Geheimnis, als er den, vor dessen Herrlichkeit er sonst das Angesicht zu verhüllen gewohnt war, mit erschrockener Seele arbeiten sieht unter der unendlichen Last der Sünde der Welt. Mit welcher Demut wird der Engel die Größe des Reichtums in der göttlichen Barmherzigkeit angeblickt haben!

Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. Er nahm ihm den Kelch nicht ab, den Kelch hat Jesus trinken müssen und Gott sei Dank, dass er ihn für uns getrunken, er nahm ihm den Kelch nicht ab, sondern er stärkte ihn zum Trinken des Kelches. Und wodurch stärkte er ihn? Zunächst schon durch seine bloße Erscheinung. Es musste für den Heiland in Gethsemane, wo er sich umlagert fühlt von den Mächten der Hölle, ungemein tröstlich sein, einen Boten aus dem Himmel zu sehen, so ähnlich wie einen verbannten König in der Verlassenheit seines Exils der Anblick eines Ankömmlings aus dem heimatlichen Reiche erfrischt und belebt. Dann aber wird der Engel Gottes seinem Gott und Herrn auch wohl zugesprochen haben aus dem Worte Gottes mit freundlichen Worten, aus den Psalmen und Propheten, dass der Heilige Christ solches leiden musste, um zu seiner Herrlichkeit einzugehen, dass er sein Leben zum Schuldopfer geben musste, damit des Herrn Vornehmen durch seine Hand fortgehe. Endlich aber hat der Engel auch wohl die Erlaubnis gehabt, den mit dem Tode ringenden Kämpfer seinen glorreichen Hingang zum Vater in einem Gesichte zu zeigen und ihn vom dunklen Fuß des Ölbergs aus die Spitze des Ölbergs in leuchtendem Glanze zu zeigen und ihm im Namen des Vaters zu sagen: „durch Gethsemane geht der Weg zur Höh', durch die Höllenfahrt des Keltertors zur Himmelfahrt von lichter Höhe aus;“ o du Sohn des lebendigen Gottes, auch die Leiden deiner Zeit sind nicht wert der Herrlichkeit, die darnach an dir sollen offenbaret werden. Nun wir lallen nur und stammeln von der geheimnisvollen Unterredung, die der Engel Gottes mit dem Sohne Gottes zu seiner Stärkung in Gethsemane gehabt hat; wenn wir einst zum Himmel eingegangen sind kraft der Sühne, die der Mittler in Gethsemane vollbracht hat, dann können wir uns ja selber auch in eine Unterredung einlassen mit jenem Engel, dann mag er uns selber sagen, was er einst dem Sohne Gottes gesagt hat. Auf Erden sollen und mögen wir uns an der frommen Erkenntnis genügen lassen, dass der Engel von Gethsemane für den leidenden Heiland ein Engel des Trostes gewesen ist.

2.

Tröstlich ist die Erscheinung des Engels von Gethsemane aber auch zum Andern für uns selbst, so viele von uns im Glauben an Jesum Christum durch die Trübsal dieser Zeit der Herrlichkeit der Ewigkeit entgegenwandern. Denn was in Gethsemane am Haupte geschehen ist, das verbürgt auch den Gliedern für ihre kummervollen Nächte gleichen Trost und gleiche Stärkung. Der Engel von Gethsemane ruft uns all' die biblischen Sprüche ins Gedächtnis, in welchen denen, die Gott lieben, für dies mühevolle, leidvolle Leben der Schutz und die Stärkung der himmlischen Wächter verheißen ist: „Gott hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt!“ Der Engel des Herrn lagert sich um die her, so ihn fürchten und hilft ihnen aus. - Mein Gott hat seinen Engel gesandt, der errettet seine Knechte. Der Engel von Gethsemane erinnert uns an all' die wunderbaren Stärkungen und Errettungen, die der herrliche Gott im alten und im Neuen Bunde durch seine heiligen Engel so vielen seiner Kinder geschenkt hatte, die auf Jesum Christum hofften, ehe er erschienen war, oder an ihn glaubten, nachdem er erschienen war. Als Elias unter dem Wacholderstrauche lag, von den Wolken seiner Trübsale ganz umdüstert, dass er auch seufzte: „Es ist genug; so nimm nun, Herr, meine Seele, ich bin nicht besser, denn meine Väter;“ da erschien ihm ein Engel vom Himmel und stärkte ihn und labte ihn mit Erquickung. Als Sedrach, Mesag und Abednego gebunden im feurigen Ofen lagen, da stand ein heiliger Engel bei ihnen mitten in der Glut und wehte ihnen Kühlung zu und wehrte der Flammen, dass sie nicht von ihnen verzehrt würden. Als Petrus um des Bekenntnisses des Namens Jesu willen im Kerker des Königs Herodes lag und die Juden seiner Hinrichtung warteten, da betete die gläubige Gemeinde ohne Aufhören für ihn zu Gott, und siehe ein Engel Gottes kam, und ein Licht vom Himmel erschien in dem Gemach, und der Engel errettete ihn aus der Hand Herodis und aus allem Warten des jüdischen Volks. Als Paulus, der Gefangene des Kaisers, mit seinen Gefährten auf den Wogen des Meeres in nicht geringer Gefahr schwebte und alle Hoffnung des Lebens dahin war, da trat der Engel des Herrn, dem er diente, mit dem tröstlichen Zuspruche zu ihm: „Fürchte dich nicht, Paule!“ Der Engel von Gethsemane, er erinnert uns auch an so manche, liebe, fromme Liederverse, die wir in längst vergangenen Tagen gelernt haben und doch für alle Tage brauchen können, wie an den schönen Morgenvers, den wir zu Anfang des heutigen Gottesdienstes mit einander sangen:

Deinen Engel zu mir sende,
Der des bösen Feindes Macht,
List und Anschlag von mir wende,
Und mich halt' in guter Acht;

wie an jenen lieblichen Abendvers, den am süßesten ein Kindesmund betet:

Auch euch, ihr meine Lieben,
Soll heute nicht betrüben
Kein Anfall noch Gefahr;
Gott lass euch ruhig schlafen,
Stell' euch die güldnen Waffen
Ums Bett und seiner Engel Schar.

Tröstlich ist der Engel von Gethsemane, der dem Haupte half in seiner Not, für alle Glieder, die am Haupte hängen. Tröstlich, sehr tröstlich nicht wahr, ihr wisst's, die ihr Väter und Mütter seid unter uns; ihr lasst euch die Hilfe der Engel Gottes von keinem Ungläubigen mehr ausreden, denn ihr habt sie erfahren, hundertmal erfahren an euren kleinen Kindern, wie Gott euren Kindern auch geholfen hat durch seine lieben Engel, weil eure Kinder durch die Taufe auf Jesum Christ auch seine Kinder sind. Das kann die treuste Vatersorge nicht, die innigste Mutterliebe nicht, die Kleinen vor allen Fährlichkeiten behüten und vor allem Übel bewahren, aber Gott kann es und tut es durch die Engel, die sein Angesicht schauen. Eine Mutter, die einmal in Berlin aus einem der entlegensten Teile der Stadt zu mir kam um ihres Kindes willen, sagte nach längerer Besprechung, sie werde den Knaben nächster Tage zu mir senden. Da warf ich ein: „Wird er auch den Weg finden und sich nicht in der Stadt verirren?“ „Ei,“ sagte die Mutter, „wozu sind denn die lieben Engel da?“ Ja wahrlich die lieben Engel sind dazu da, das junge Leben der Kleinen mit mächtiger Hut und heiliger Wache zu umgeben. Aber die lieben Engel sind nicht nur für die Kleinen da, sondern auch für die Großen. Wenn nach geheiligtem Begegnen die Christen auseinandergehen, dann darf der Zurückbleibende getrost dem Fortwandernden zurufen: „Gott sei mit dir und sein heiliger Engel geleite dich!“ Wenn fromme Christenleute auf Gottes Wegen gehen und schlecht und recht die Werke ihres Berufes treiben, so dürfen sie getrost sein, dass Gottes Engel bei ihnen sind, sie leiblich und geistlich zu schützen gegen den Teufel und böse Menschen und böse Tiere und böse Dinge. Wenn die Gottesfürchtigen ihr letztes Stündlein durchkämpfen und der legte, der eisige Schweiß ihr Angesicht bedeckt, dürfen und sollen sie sicher sein, dass die lieben Engel schon im Vorzimmer stehen und warten, ihre Seele zu tragen in Gottes Arm und Schoß. O großer Trost der Gläubigen, dass sie auf Händen getragen werden von den Thronen, Fürstentümern und Gewaltigen des Himmels; o welch' eine beruhigende Erkenntnis, dass alle Erben der Seligkeit Schützlinge des Himmels sind, zu deren Bestem Gott die Reisigen einer anderen Welt aussendet. Wahrhaftig eine tröstliche Religion, die Religion des Kreuzes, die uns lehrt, dass Gottes Engel auf uns und unsere Lieben achten, wie Hirten auf die Herde, dass keine Wölfe kommen; wie Soldaten auf der Wache, dass kein Feind kommt; wie Priester im Heiligtum, dass es nicht entweiht werde.

Tröstlich ist der Engel von Gethsemane, den Gott seinem Sohne sandte, für Alle, die an des Sohnes Namen glauben; denn dieser Engel ist ein lebendiger, persönlicher Beweis für die Wahrheit der Schriftlehre von der speziellen Vorsehung Gottes für seine Kinder. Für Christen ist die Welt nicht wie eine Uhr, die der liebe Gott am Anfang der Tage aufgezogen hat und lässt sie nun gehen, wie sie eben geht; sondern für Christen ist die Welt ein zwar durch die Sünde verwildertes und verwüstetes, aber durch Gottes Hut mit hundert Brücken und Geländern ausgestattetes Wandertal, durch welches unter hütender Engel rauschendem Geleite der Weg nach oben, zur wonnevollen Heimat führt. Gott schützt, Gott erhält seine durch Jesum Christum ihm versöhnten Kinder in dieser bösen Welt, und die Mittel, deren er sich zum Schutz und zur Erhaltung der Seinen bedient, sind ebenso mannigfaltig, als seine Weisheit unausdenkbar, seine Macht unbegrenzt, seine Liebe unerschöpflich ist.

Gleichwie von treuen Müttern
In schweren Ungewittern
Die Kindlein hier auf Erden
Mit Fleiß bewahret werden;
Also und auch nicht minder
Lässt Gott ihm seine Kinder,
Wenn Not und Trübsal blitzen,
In seinem Schoße sitzen.

Seine Kinder auf Erden zu beschützen und in dunklen Nächten ihnen Licht und Trost zu spenden, öffnet er die Fenster seines Himmels und die Gründe der Erde, setzt er Engel, die an seinem Throne stehen, und Menschen, die im Staube wandeln, in Bewegung, auch Menschen, denn auch Menschen können Engel sein, wie der selige Freiherr v. Pfeil einmal sang:

War's kein Engel, den du schicktest,
Da du mich verirrt erblicktest,
Hat er doch mir auf der Bahn
Eines Engels Dienst getan!

Und Menschen sollen auch Engelsdienste tun! Darüber noch unsere letzte Verständigung heute.

3.

Nicht nur köstlich nämlich, sondern auch ermunternd und erwecklich ist für uns die Erscheinung des stärkenden Engels in Gethsemane, dass die Jünger und Jüngerinnen Christi einst, nachdem sie den Kampf des Lebens zum Siege ausgekämpft, sein sollen wie die Engel Gottes im Himmel, wisst ihr; es ist uns ja das verbrieft und versiegelt durch einen der feierlichen Aussprüche aus dem Munde des Heilandes selbst. Die Gläubigen werden im Leben der neuen Welt nicht Engel werden, das ist eine rationalistische sentimentale Träumerei; als Menschen sind wir geschaffen, als Menschen sind wir erlöst, als Menschen sterben wir, als Menschen werden wir auferstehen, als verklärte Menschen leben in Ewigkeit. Aber wie die Engel Gottes sollen wir einst werden, so lehrt die Bibel; wir werden zwar als durch das teure Blut Christi erlöste Sünder in einem ganz anderen Verhältnis zu Gott stehen und wir werden besonders den Vorzug vor ihnen haben, den uns die verklärte Leiblichkeit gibt, aber wir werden ihnen gleich sein in der völligen Unsündlichkeit, wie zwei gleich gestimmte Instrumente, die den einen reinen Ton von sich geben; wir werden ihnen gleich sein in der Unsterblichkeit, dass wir durch die Gassen der goldenen Stadt mit ihnen wandeln werden, wie sie geschmückt mit ewiger Jugend, wie mit einem blumenvollen Kleide. Aber wenn nun doch ein Kind, das einst sein soll, wie die, welche goldene Kronen tragen und auf Thronen sitzen, sich schon frühe in königliche Gesinnungen hineinleben muss; so müssen auch die Erlösten des Herrn, da sie einst im Himmel sein sollen, wie die Engel Gottes, schon hier auf Erden darnach trachten, in möglichster Gleichheit mit ihnen zu wandeln. Gottes Engel, sicherlich, sehnen sich ins Unendliche hinein, dass sie uns als Glieder des Reiches Gottes und Mitgenossen ihrer Herrlichkeit erblicken möchten. Sollten wir uns da nicht sehnen, ja ernstlich anfangen, schon hier, so viel es uns in der Kraft des Heiligen Geistes möglich ist, in die Fußstapfen der seligen Geister zu treten? O vergönnt mir, meine Lieben, euch auf einige Engelsdienste aufmerksam zu machen und sie eurer Liebe zu empfehlen, die ihr schon hier verrichten könnt und sollt, ob ihr auch hier noch gedrückt seid von der Schwachheit des Fleisches.

Wenn du dich dermal einst bekehrst, sprach unser Herr einmal zu Petrus, so stärke deine Brüder. Es ist dieser Satz, aus welchem die jesuitische Theologie hauptsächlich die Unfehlbarkeit des römischen Bischofs ableitet. Die evangelische Theologie leitet aus diesem Satz keine Rechte, und noch dazu so ungeheuerliche, ab, sondern eine Pflicht, eine Liebespflicht, die Pflicht eines Engeldienstes. Bist du ein bekehrter Mensch, dann sollst du nicht etwa hochmütig dir eine Herrschaft über deine Brüder anmaßen, sondern dann sollst du demütig die dir geschenkte Gnade dazu verwenden, deine Brüder zu stärken. Jede evangelische Predigt, die aus gläubigem Herzen kommt, die der Gemeinde gegeben wird, nicht wie ein Brief, den der Briefträger bei uns abgibt, sondern wie die Milch der Mutter, die dem Kinde eingeflößt wird, jede evangelische Predigt aus gläubigem Herzen ist solch' eine Stärkung der Brüder, ein Engeldienst, wie geschrieben steht, Maleachi 2, 7: „des Priesters Lippen sollen die Lehre bewahren, dass man aus seinem Munde das Gesetz suche, denn er ist ein Engel des Herrn Zebaoth,“ und abermals wie Paulus schreibt an die Galater: „Ihr wisst, dass ich euch in Schwachheit nach dem Fleische das Evangelium gepredigt habe; aber ihr habt meine Anfechtungen, die ich leide nach dem Fleisch, nicht verachtet noch verschmäht, sondern ihr habt mich aufgenommen als einen Engel Gottes.“ Nicht nur die Prediger aber, sondern jeder gläubige Christ soll und kann durch schlichtes Wort und Zeugnis solchen Engelsdienst der Stärkung an den Brüdern tun; und auch das kleine Kind, das eben lesen gelernt hat, kann's, wenn's der alten Großmutter einen frommen Bibelvers vorliest. Wie die Engel Gottes sollt ihr einst im Himmel werden, so tut denn schon auf Erden Engelsdienst und stärket eure Brüder und Schwestern, indem ihr ihnen aus der Bibel vorlest, indem ihr ihnen gehörte Predigten berichtet, indem ihr mit ihnen redet von dem Einen, was not ist. Lieben Freunde, es ist heute Feiertag und ihr habt am Nachmittag und Abend noch viele freie Stunden darf ich euch bitten, eine Stunde oder zwei davon zu Engelsdiensten zu verwenden, die zu Hause Gebliebenen, die Kranken, die Kinder, die Alten zu stärken durch die frohe Botschaft vom Heil in Jesu Christo? Oder wollt ihr Lieben nur Hörer des Wortes sein? Nein, nein, ihr wollt, ihr müsst, ihr sollt, ihr könnt auch Täter sein! Und als Täter wie die Engel Gottes, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die ererben sollen die ewige Seligkeit.

Die geistliche Stärkung ist's aber nicht allein, mit der wir unseren Brüdern als Engel Gottes dienen sollen, sondern auch mit leiblicher Stärkung sollen wir ihnen in ihrer Not Engelsdienste tun. Damals freilich in Gethsemane hatte unser Herr ganz etwas Anderes nötig, als von dem Engel durch Speise und Trank erfrischt zu werden; und die sich den Vorgang in Gethsemane also auslegen, offenbaren wenig geistliches Verständnis. Jetzt aber, da unser Herr zwar seiner Person nach längst aus der Angst und dem Gericht genommen und zur Rechten des Vaters erhöht ist, aber da er immer noch unter uns wandelt nicht nur in unsichtbarem, geistlichem Nahesein, sondern auch leiblicher Weise in den Armen, in den Kranken, in den Gefangenen, jetzt beansprucht er von uns auch den Engelsdienst leiblicher Stärkung in seinen elenden Gliedern. Wird er doch am jüngsten Tage zu denen zu seiner Rechten sprechen: „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, erbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt. Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mich getränkt. Ich bin ein Gast gewesen und ihr habt mich beherbergt. Ich bin nackend gewesen und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin gefangen gewesen und ihr seid zu mir gekommen.“ Lehrt doch darum der Apostel Jakobus, dass Waisen und Witwen in ihrer Trübsal besuchen ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor unserem Gotte ist, und mahnt uns doch darum die ganze Schrift barmherzig zu sein, wie unser Vater im Himmel barmherzig ist. Barmherzige Samariterdienste, das sind leibliche Engelsdienste, wie sie für einen Christenmenschen sich ziemen, sonderlich Sonntags, sonderlich an einem Passionssonntag wie heute. Es ist ja freilich immer Zeit, Gutes zu tun und Barmherzigkeit zu üben, aber wann könnte es zeitgemäßer sein, als in der heiligen Passionszeit, wo wir die herrliche Barmherzigkeit Gottes betrachten, durch welche uns der Reichtum seliger Ewigkeit erworben ist durch Jesu Christi unschuldiges Blut und bitteres Leiden und Sterben. Ach, Christen, Christen hütet euch, dass euch nicht einmal der arme Lazarus im Wege liegt, wenn ihr durch die Himmelstür einziehen wollt! Ach, Christen, Christen, wohlzutun und mitzuteilen vergesset nicht, denn solche Opfer gefallen Gott wohl. Wollt ihr einst im Herrn selig sein wie Gottes Engel, dann stärket eure Brüder auf Erden, wie sie uns stärken, geistlich und leiblich. Es liegt ja Alles, Alles am Glauben und ohne Glauben ist es unmöglich Gott zu gefallen; aber ihr wisst es ja, was für einen Glauben die Schrift meint, den Glauben, der durch die Liebe tätig ist.

Und damit stehen wir denn am Schluss unserer Betrachtung über den Engel von Gethsemane. Ich wünsche nun aber zum Schluss, ihr Lieben, was einst der alte Prediger Valerius Herberger seiner Gemeinde gewünscht hat: „Ein Engelherz, Gott und den Herrn Jesum zu lieben, einen Engelmund, Gott und Jesum zu loben, eine Engelwilligkeit, Gott und den Menschen zu dienen und endlich die Engelseligkeit im Freudensaal des Himmels, wo wir ewig Gott leben, Gott lieben, Gott loben.“ Das gebe der Herr Zebaoth durch Christum Jesum in Kraft seines Heiligen Geistes. Amen.

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