Pischon, Friedrich August - Zeugnisse der Jünger Jesu von ihrem Herrn - Das rechte Wesen des Christen, dargestellt in dem Bilde Nathanaels.
Über Joh. 1, 45 51.
Gebet.
Herr, der du deine heilige Kirche gegründet hast auf des Glaubens unerschütterlichen Felsen, erhalte auch uns in der Wahrheit deines Evangeliums; bewahre unsre Herzen vor Falschheit und Unglauben und erfülle uns mit deines Heiligen Geistes Kraft, dass wir immerdar wandeln mögen als rechte Jünger des Herrn, welcher der Weg ist und die Wahrheit und das Leben. Amen.
Text. Ev. Joh. 1, 45-51.
Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von welchem Moses im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesum, Josephs Sohn von Nazareth. Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann von Nazareth Gutes kommen? Philippus spricht zu ihm: Komm und siehe es! - Jesus sah Nathanael zu sich kommen und spricht von ihm: Siehe, ein rechter Israeliter, in welchem kein Falsch ist. Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Ehe denn dich Philippus rief, da du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich. Nathanael antwortete und sprach zu ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir gesagt habe, dass ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum; du wirst noch Größeres, denn das sehen. Und spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich ich sage Euch, von nun an werdet Ihr den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf und herabfahren auf des Menschen Sohn.
Es sind, meine in Christo Geliebten, die Feste der Kirche wieder vorübergegangen und der zweite Teil des kirchlichen Jahres, welcher vor allen der Betrachtung christlicher Lehre geweiht ist, liegt wieder vor uns da. Wie ich nun nach meiner Gewohnheit in den heiligen Stunden, welche uns in dieser Zeit im Hause Gottes vereinigt finden, irgendeinen zusammenhangenden Abschnitt der Lehre unsers Herrn zu behandeln pflege; so hat mich das Verhältnis der Kirche des Herrn in unsern Tagen auch für das laufende Jahr zu einem solchen hingeführt, welchen ich mit Gottes Hilfe zu reicher Erbauung Eurer christlichen Andacht vorzulegen gedenke.
Bei allen Wirren im kirchlichen Leben, unter welchen wir wandeln, wo der evangelischen, wie der römischen Kirche so große Umwälzungen sich ankündigen, so große Scheidungen zu erwarten stehen, da halten dennoch alle, wie weit sie sich sonst von früheren Vereinigungen zu trennen gedenken, an dem Namen der Christen fest und nur auf diesem allein bleibt die alte Hoffnung gegründet, es werde einst eine Zeit kommen, wo alle unter Christo vereinigt, Eine Herde sein werden unter ihm, dem Einen Hirten. Ob diese Hoffnung je werde erfüllt werden in dieser unvollkommenen Welt, erfüllt werden unter den immer neu sich erzeugenden Spaltungen der Gläubigen Jesu Christi, müssen wir höherer göttlicher Fügung überlassen; aber das fühlen wir lebendig, alle, welche dem Namen Jesu Christi angehören, müssen immer tiefer eindringen in die Erkenntnis des Christentums, immer klarer vor Augen stellen das wahre Bild ihres Herren, wenn solche Hoffnung der Vereinigung der Gläubigen noch festgehalten werden und überhaupt unsre Stellung in der Kirche des Herrn behauptet, der Name der Christen nicht von uns vergeblich getragen werden soll.
Dazu aber wollen wir uns nicht in die Kämpfe und in den Streit der Meinungen der Gegenwart verstricken, sondern über diesen Kampf hinaus uns erheben, in welchem so oft das Christentum gesucht wird in äußerlichen Gebärden. Zurück lasst uns gehen in die ersten christlichen Zeiten, wo der Herr noch wandelte auf Erden und die Strahlen seiner Herrlichkeit die dunkle Erdennacht erleuchteten. Da stehen uns hoch erhaben über allen Streit der Gegenwart die Apostel des Herren da, die mit ihm gewandelt sind, welche den unmittelbaren Einfluss seiner himmlischen Nähe empfunden und lebendiges Zeugnis davon abgelegt haben.
An ihren Aussprüchen selbst, auch an den Aussprüchen derer unter ihnen, welche sonst aus den heiligen Schriften nur weniger bekannt sind, lasst uns erkennen das rechte Wesen des Christen und des Herrn selbst, nach welchem wir uns nennen, und diese Zeugnisse uns vor Augen stellen, wie wir sie vom Anfange des Lehrens unsres Herrn bis dahin finden, wo sein geliebter Jünger das Buch der Taten und Leiden des Meisters geschrieben hat, dass wir durch den Glauben an seinen Namen das ewige Leben hätten.
So lasst uns denn, meine Geliebten, unsre Betrachtungen beginnen mit den Worten unseres Textes, in welchen von der Aufnahme Nathanaels in die Gemeine der Jünger Jesu in den ersten Tagen seines Lehramts auf Erden geredet wird, und aus Nathanaels Worten, und sie sind das Einzige, was uns von ihm in den heiligen Schriften aufbehalten ist, und aus den Worten des Herren zu ihm erkennen das rechte Wesen des Christen in dem Bilde Nathanaels.
Weil aber das Wesen eines Menschen offenbar an dem erkannt wird, was Weise und Fromme von ihm urteilen, an dem, was er selbst als die Überzeugung seines Innern lebendig ausspricht, und an dem, was dieser Überzeugung gemäß seine tiefsten und heiligsten Erfahrungen sind; so lasst uns das rechte Wesen des Christen an Nathanaels Bilde darin erkennen, dass wir fragen:
I. Welches Zeugnis gibt ihm der Herr?
II. Was zeugt er von sich selbst?
III. Welche heiligen Erfahrungen gehen aus diesem Zeugnis hervor?
und dazu gebe er, welcher uns auch heut zu seines Namens Ehre in diesem Heiligtum versammelt hat, seinen höheren himmlischen Segen. Amen.
I.
Welches Zeugnis gibt der Herr dem Jünger, welchen er unter die Zahl der Seinigen aufnimmt? - Jesus sah Nathanael zu sich kommen und spricht von ihm: Siehe! ein rechter Israeliter, in welchem kein Falsch ist. Welch einfaches schönes Zeugnis ist das! Es bezeichnet nämlich einmal die natürliche, eigentümliche Redlichkeit eines Menschen, wie man sie als Grundzug seines Volkes anerkennt, wie wir auch von einem treuen redlichen Manne unter uns sagen: Ein rechter Deutscher! und damit rühmend aussprechen, dass Treue und Redlichkeit das wahre Wesen unsers Volkes sei. Aber jener Ausspruch ist zugleich ein Zeugnis der rechtschaffenen Frömmigkeit Nathanaels, seines treuen und ernsten Suchens, zu Gott zu kommen; denn das sind ja die rechten Israeliten, welche ringen mit Gott um immer tiefere innigere Erkenntnis seines Wesens und seiner Liebe und ihn nicht lassen, er segne sie denn. Welch einfaches schönes Zeugnis. ist also dieses Zeugnis unsers Herrn für seinen Jünger und wie muss es demnach auch die Bedingung unsrer nähern Gemeinschaft mit Jesu Christo, das Zeugnis der Aufnahme in sein Reich für alle sein, welche zu seinen Jüngern sich zählen wollen.
Dasselbe Zeugnis gibt einst auch Petrus, als er in Cornelius Haus tritt, des ersten unter den Heiden, welcher der Gemeine unter den Aposteln zugezählt wurde. Von diesem glaubte Petrus, er könne als Heide nicht zum Christentum kommen; aber, da er ihn so treu und redlich in seinem Wandel, so sehnsüchtig nach dem Worte des Lebens findet, dass alle seine Zweifel schwinden müssen, da Gott selbst ihm zeigt, er solle nichts unrein heißen, was Gott gereinigt, da spricht er, wie sein Herr: wer Gott fürchtet und recht tut, den will er annehmen zum Jünger seines Sohnes.
So ist also das der Prüfstein des Wesens eines Christen für jene, wie für unsre und alle Zeiten, dass der Christ redlich sei und ohne Falsch im Leben und im Suchen der Erkenntnis Gottes. Denn wo nichts zu finden ist, als nur äußerer Prunk und hohles leeres Wesen, nichts zu finden ist, als menschliche, selbstsüchtige Weisheit, da kann auch nicht rechtes Christentum sein und wo wir einem Menschen begegneten, geschmückt mit aller Erkenntnis, auch der des Christentums, seiner Lehren und seiner Geschichte und wo er auf jeden Buchstaben hielte und ängstlich über jeder Lehrmeinung wachte und für sie eiferte; aber es wäre keine Redlichkeit und Treue in ihm und wir müssten sagen: Er ist voll Heuchelei und Falschheit, er meint es nicht ehrlich mit seinem Gottsuchen, es ist Alles nur äußerliches scheinheiliges Wesen - der ist kein wahrer Christ; denn der Herr könnte ihm nicht ein Zeugnis geben, wie Nathanael: siehe, ein rechter Israeliter, in dem kein Falsch ist!
Unser Text sagt uns aber noch: als Philippus Nathanael gefunden und zu ihm gesagt: wir haben den gefunden, von welchem Moses und die Propheten geschrieben haben, Jesum, Josephs Sohn aus Nazareth; da sprach Nathanael: Was kann von Nazareth Gutes kommen? und wiederum, als der Herr zu ihm gesagt: siehe, ein rechter Israeliter! da spricht er ungläubig: Woher kennst du mich?
So ist doch Vorurteil und Zweifel in ihm und das sollte doch nicht sein in einem Jünger Jesu. Aber der Herr kennt auch das und weiß, das ist nur mit seiner Redlichkeit, mit seinem treuen und wahrhaften Forschen nach dem Messias verbunden. Denn wo der Herr redlich gesucht wird, können auch die Zweifel nicht fehlen, ob das, was wir gefunden und was uns als das hohe Himmelsgut dargestellt wird, auch wahrhaft dies hohe Gut sei, wonach die Seele suchend verlangt. So hat auch der Herr selbst in den Tagen seines Fortgehens von der Erde zu seinen Jüngern warnend gesprochen1): Es werden falsche Christi und falsche Propheten aufstehen und so alsdann jemand zu euch wird sagen2): Siehe, hier ist Christus oder da; so sollt ihr es nicht glauben. Siehe, er ist in der Wüste; so gehet nicht hinaus. Siehe, er ist in der Kammer, so glaubt es nicht. - Und so waren sie ja auch vor den Zeiten des Herrn aufgestanden nach Gamaliels Bericht, Teudas und Judas aus Galiläa, die Hoffenden zu verführen und sich selbst darzustellen als mit göttlicher Kraft ausgerüstet. Darum durfte der redlich Suchende wohl prüfen und zweifeln, ob er den Herrn, den verheißenen Gesalbten, auch wahrhaft gefunden habe?
Aber auch wir, meine Geliebten, sollen Nathanael in diesem redlichen Prüfen ähnlich, auch wir noch immer auf unsrer Hut sein, wenn sie uns sagen: hier ist Christus oder da! hier oder da ist seine Kirche und Gemeine! und sollen des Apostels Wort befolgen: prüft die Geister, ob sie von Gott sind. Denn haben sie uns nicht eine äußre Kirche aufgestellt und sie die allein seligmachende genannt? Haben sie nicht gesagt, da sei Christus, wo ein Mensch sich zu seinem Stellvertreter gemacht hatte? Haben sie nicht des Herrn Gegenwart nur knüpfen wollen an äußern Schmuck und Glanz? Haben nicht Andere im Buchstaben und frommen Gebräuchen allein ihn finden wollen, ohne ihn zu erfassen im Geist und in der Wahrheit? Haben endlich nicht Andere gepredigt, der Geist des Menschen sei das Höchste, und ihn uns darstellen wollen als den einigen Erlöser? - O, da wird der Herr uns nicht tadeln, wenn auch wir erst fragen und forschen: ob auch Wahrheit, beseligende himmlische Wahrheit bei solchem Vorgeben zu finden sei. Nur lasst uns bei solchem Prüfen, wie Nathanael, Reinheit und Redlichkeit der Gesinnung in uns bewahren und mit dem treuen Forschen das Herz ohne Trug ihm entgegenbringen; dann wird er auch uns das Zeugnis geben: Siehe, ein rechter Israeliter, in dem kein Falsch ist!
II.
Das ist also die erste Antwort auf unsere Frage nach dem rechten Wesen des Christen: Er soll sein ein Herz ohne Falsch und Heuchelei, voll redlichen Suchens zu Gott zu kommen; aber unser Text führt uns weiter zu dem, was Nathanael selbst von sich zeugt, als die lebendige Überzeugung seines Innern, worin wir erst vollkommen das Wesen des Christen erkennen. Denn als der Herr auf Nathanaels Frage: „Woher kennst du mich?“ zu ihm gesagt hatte: „Ehe denn dich Philippus rief, da du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich!“ antwortete Nathanael: „Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König in Israel!“ Das ist das Zeugnis des einigen heiligen Glaubens an den Gottessohn, den himmlischen gesalbten Propheten, Hohenpriester und König, und das Zeichen des wahren Wesens eines Christen ist der lebendige Glaube an Christum, den Sohn Gottes. Das Zeugnis dieses Glaubens an den Gottessohn gibt sich Nathanael selbst, indem er in seinem Innersten ergriffen sich ganz unverhüllt zeigt in der Wahrheit, die seine ganze Seele erfüllt hat. Mitten in seinen Zweifel hinein tönt des Herrn milde Stimme: Ich sah dich, ehe dir Philippus rief, da du unter dem Feigenbaum warst! Was er dort getan? wir wissen es nicht; vielleicht, dass er fromm und brünstig gebetet, der Allmächtige möge bald den König von Israel senden, nach welchem seine ganze Seele verlangte, dass Hilfe und Erhebung kommen möge seinem Volke, - und kein Mensch hatte den Betenden gesehen. Da ergreift des Herrn Wort: „Ich sah dich!“ sein ganzes Wesen und alle Zweifel sind entschwunden aus dem Herzen ohne Falsch, er gibt sich in innigem brünstigen Glauben dem Herrn hin und wir sehen sein ganzes Herz, als er gläubig spricht: du bist Gottes Sohn! du bist der König in Israel! Wir könnten freilich sagen: das ist zunächst nicht ein Zeugnis über Nathanael, sondern über Christus selbst; aber, indem es der Jünger ausspricht, sagt er uns doch, was in den Tiefen seiner Brust vorgeht und wie dort der innige, feste, das ganze Gemüt ergreifende Glaube an den Sohn Gottes, Wurzel gefasst und ihn aus dem noch zweifelnden und prüfenden Forscher umgewandelt hat zu dem gläubigen Jünger seines himmlischen Herrn.
Man hat gesagt, meine Geliebten! eine Kirche Jesu Christi könne wohl bestehen ohne ein äußerliches in verschiedenen gegliederten Glaubenssätzen zusammengefasstes Glaubensbekenntnis und so ist es auch. Die Kirche Christi, die erste reine und unverfälschte, die gläubige Gemeine, über die am Tage der Pfingsten der heilige Gottesgeist ausgegossen ward, was hätte sie denn für ein Glaubensbekenntnis ähnlicher Art aufzeigen können? auf welche Artikel des Glaubens hätte denn der Herr die Seinen besonders verpflichtet? Und unsre evangelische Kirche hatte schon dreizehn Jahre bestanden, ehe die Not der Zeiten und der Drang des weltlichen Oberherrn, des Kaisers, sie zwang, das teure Buch des Augsburgischen Glaubensbekenntnisses auszuarbeiten, um nachzuweisen, wie sie nicht abgefallen sei von dem Glauben der Christenheit. So können sich auch täglich christliche Gemeinen bilden ohne ein solches; bis sie zu größerer Macht herangewachsen und zu einem festeren Verhältnis gegen andere Glaubensmeinungen gelangt, auch die Notwendigkeit und den Beruf in sich fühlen, ihren Glauben in näheren Auseinandersetzungen frei vor der Welt zu bekennen. Aber Ein Bekenntnis des Glaubens hat der Herr, haben seine Apostel von allen Gläubigen gefordert, Ein Bekenntnis haben seine Jünger ihm freilich abgelegt. „Glaubst du an den Sohn Gottes?“ hat der Herr den Blindgebornen gefragt; „du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ hat Petrus im Namen aller Jünger gläubig bekannt; „Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König in Israel“ ruft der rechte Israeliter, in dessen Herzen kein Falsch ist. - Darum sendete auch der Herr die Seinen, dass sie taufen sollten auf seinen Namen, auf den Namen des Sohnes, weil es kein Glied christlicher Gemeine geben kann, das nicht an den Sohn Gottes glaubte, ob ihm auch keine Unterschrift eines Bekenntnisses vorgelegt, es auf keinen Buchstaben einer Glaubensformel verpflichtet wäre. Denn es ist so klar und unumstößlich gewiss, dass, da in keinem Andern Heil und kein andrer Name gegeben ist, in welchem wir können selig werden, als in dem Namen Jesu Christi, und kein anderer Grund gelegt werden kann, als der, welcher gelegt ist, Jesus Christus, es auch keine christliche Gemeine und keinen einzelnen Christen geben kann, die nicht glauben an Christum den Sohn des lebendigen Gottes, den himmlischen Propheten, Hohenpriester und König von Israel, dem erwählten Volke Gottes. So ist es das rechte Wesen des Christen, das wir schauen in Nathanaels Bilde, zu glauben an Jesum Christum, den Sohn Gottes.
III.
Neben dem inneren Wesen der Reinheit und Redlichkeit des Gemüts, neben dem freudigen Bekenntnis des die Seele ergreifenden Glaubens an Christum, wodurch der Mensch sich als Jünger Jesu Christi darstellen soll, zeigt sich uns endlich in Nathanaels Bilde noch die Verheißung, welche an dem wahren Christen sich offenbaren und sein Leben beseligen muss; denn der Herr spricht von ihm und allen, welche mit ihm Jesum Christum, den Sohn Gottes, wahrhaft bekennen: „Wahrlich, ich sage euch, von nun an werdet ihr den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf und herabfahren auf des Menschen Sohn!“
Haben das in Wahrheit die Getreuen erfahren? Haben sie den Himmel über sich geöffnet gesehen und hineingeschaut in eine besondere überirdische Herrlichkeit Gottes? Sind ihren Augen die himmlischen Heerschaaren erschienen, welche auf den göttlichen Erlöser hinabgestiegen sind und von ihm hinauf in den Himmel? Schlagt nach die heiligen Schriften und seht, wo etwas Ähnliches der Art gesagt wird, wie dass die Engel Gottes dem Heilande gedient, dass Engel ihn gestärkt haben, da hat er in der Einsamkeit gekämpft und mit dem Tode gerungen, und wo von einzelnen Erscheinungen eines Götterboten sonst die Rede ist, da kommt er wohl von Gott gesendet zur Hilfe und zur Ermahnung des Einzelnen, aber der Herr selbst ist nicht dabei. Sondern des Herrn Wort ist nur bildlich gesprochen und soll ausdrücken die volle Befriedigung und Seligkeit, welche die Jünger Jesu in seiner Gemeinschaft empfinden, aus seiner Verbindung nehmen sollten, ausdrücken die Seligkeit, welche sich so über ihr ganzes Gemüt ausgießen sollte, dass sie sich mit Gott in inniger Gemeinschaft fühlen, seinen Frieden unentreißbar in ihrem Herzen tragen und schon auf Erden des ewigen Lebens gewiss sein sollten; und das ist Höheres, als Nathanael in diesem ersten Augenblicke der Hingabe seines Gemütes an den Herrn fühlte, welcher ihn und sein Herz geschaut hatte, wo Niemand ihn sah.
Aber da, wo der Herr die Seinen mit dem Worte des ewigen Lebens erfüllte und tröstete, wo sie riefen: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, wohin sollten wir gehen von dir? da, wo sie ihn fühlten und erkannten als den, welcher sie hineinführte in das Anschauen Gottes und sein himmlisches Reich vor ihrer verlangenden sehnsüchtigen Seele ausbreitete, da, wo der Auferstandene als des Grabes Sieger vor ihnen stand und noch die Mahle der Todeswunden, an denen er verblutet war in unendlicher Liebe, ihnen zeigte und sein Friede die Trauernden, Erschrockenen mit unvergänglicher Freude erfüllte, da endlich, wo er segnend von ihnen schied unter den großen Verheißungen der Sendung seines Heiligen Geistes: da haben sie gesehen die Engel Gottes hinauf und herabfahren auf des Menschen Sohn. Da, als der Geist des Herrn sich über sie ergoss und mit der Kraft des ewigen Lebens sie ausrüstete, da, als sie unter den Verfolgungen der Welt sich selig fühlten und unter den Todesängsten ihr verklärter Blick nach oben schaute, da sahen sie, wie Stephanus, den Himmel offen und den Sohn in göttlicher Kraft zur Rechten des Vaters, der auch ihnen über Leben und Tod hinaufhalf zu seiner Herrlichkeit.
Das, meine Geliebten ist des Christen Erfahrung, das gehört als ein gesegnetes Erbe der Kinder Gottes zu seinem Wesen. Darum wird auch unser Auge nicht schauen, wie die Engel Gottes auf den Herrn niederfahren und der irdische Himmel sich uns öffnet; aber, wenn sein Wort uns beseligt und höheren Trost in die kämpfende Seele gießt, wenn auch wir in heiligster Überzeugung fühlen: so, wie er, hat nie ein Mensch geredet, so konnte keiner reden! wenn seine Vergebung das sündige Herz erquickt wie der Tau des Himmels die schmachtende Pflanze und aller Frieden Gottes von dem allliebenden Erlöser ausgehend in unsrer Seele Wohnung macht: dann sehen wir, wie Gottes Engel von ihm herabsteigen und die himmlischen Kräfte uns stärken und beseligen. - Wenn wir ihm folgend, an ihn uns anschließend erkennen, wir wären ohne ihn in Elend und Jammer der Sünden, ohne höhere Erkenntnis und Glauben; aber er hebt die Seele über Welt und Schmerz hinauf zu Gott: dann ist auch uns sein Himmel offen und seine Boten heben uns hinauf zu ihm, dass wir durch ihn der Welt entrissen siegreich hinabschauen auf allen Tand und allen Jammer dieser Erde.
Seht, in Christo Geliebte, das heißt den Himmel offen sehen und Gottes Engel herabsteigen von des Menschen Sohn. Das kann uns aber nur kommen aus dem Glauben an ihn, aus der Gemeinschaft mit ihm, das kommt uns nicht aus menschlicher Weisheit, denn diese macht die Menschen so oft stolz und kalt und ist kein Engel Gottes, welcher den Frieden bringt und das im Sündenelend schmachtende Gemüt selig macht.
Wird aber jene Verheißung des Herrn unser Anteil, welche Fülle des Heils wird dann auch aus unserm Leben über alle hervorgehen, welche mit uns verbunden sind! Denn aus dem Frieden im Innern wird auch erwachsen die Liebe, die Erbarmung und Milde wie die Kräftigung, Erhebung und Besserung der Mitmenschen durch uns selbst, wie Nathanael solche Segnungen gewiss Allen gebracht hat, zu denen sein Herr ihn sendete; aus diesem Frieden wird kommen das Bekennen unsers Herrn nicht mit dem Munde allein, sondern durch die lebendige Tat und es wird unsre innigste und seligste Freude sein durch das ganze Leben zu beweisen, wir lieben den Herrn, an welchen wir glauben, denn wir erfüllen sein Wort: Was ihr getan habt dem Geringsten unter diesen meinen Brüdern, das habt ihr mir getan!
So beantwortet uns unser Text die Frage nach dem rechten Wesen des Christen an dem Bilde Nathanaels; das ist des Christen rechtes Kennzeichen, dass er sei ohne Falsch, ein rechter Israeliter, treu ringend nach dem ewigen Heile, dass er im innigen Glauben den Sohn Gottes, seinen einigen Seligmacher, im Herzen trage, und dass Gottes Frieden ihn beselige und führe zu einem Leben, ähnlich dem Wandel seines Herrn. So, meine teuren Mitchristen, wollen wir streben, selbst zu sein, und wo ein solcher uns entgegen kommt, den wollen wir freudig als unsern christlichen Bruder, unsre christliche Schwester anerkennen, und er wird zur wahren Kirche Jesu Christi gehören, welchen Namen er sonst führen, ob die Welt ihm anhangen oder ihn verwerfen möchte. Amen.