Petersen, Eginhard Friedrich – Philemon - 5. Onesimus.

V. 10-12.
So ermahne ich dich um meines Sohnes willen, Onesimi, den ich gezeugt habe in meinen Banden, welcher weiland dir unnütz, nun aber dir und mir wohl nütze ist, den habe ich wieder gesandt. Du aber wollest ihn, das ist mein eigen Herz, annehmen.

Wiewohl er große Freudigkeit in Christo habe, hat der Apostel gesagt, dem Philemon zu gebieten, was ihm zieme, so wolle er doch um der Liebe willen nur vermahnen. Wir wissen bereits, um was es sich handelt. Onesimus war dem Philemon als Sklave entlaufen. Er war dann nach Rom gekommen und durch den Apostel bekehrt worden. Für diesen verwendet sich der Apostel, indem er ihn mit diesem Briefe zurücksendet, beim Philemon, dass dieser ihn freundlich wieder aufnehme. Dieses Anliegen spricht der Apostel nun in den vorliegenden Versen aus. Es ziemt also dem Philemon, den entlaufenen Sklaven freundlich wieder aufzunehmen. Indem nun aber der Apostel, trotzdem dass er große Freudigkeit in Christo hat, dem Philemon zu gebieten was ihm ziemt, um der Liebe willen nur vermahnt, den Onesimus aufzunehmen, begibt er sich dem Freunde gegenüber zu Gunsten des entlaufenen Sklaven seines Rechtes, damit auch der Freund sich seines Rechtes gegen den Sklaven begebe und denselben in Gnaden annehme. Das ist der Gedanke, den Luther in seiner „Vorrede zum Brief an den Philemon“ ausspricht, und den er als den Hauptgedanken, als den eigentlichen Kern und Stern des Briefes ausspricht. So, meint Luther, hat Christus, indem er litt und starb, sich Gott, seinem Vater gegenüber zu unseren Gunsten seines Rechtes begeben, damit auch Gott seines Rechtes gegen uns sich begebe und uns in Gnaden annehme. „Denn wir sind alle Gottes Onesimi,“ setzt Luther hinzu, „so wir es glauben.“ Und er hat Recht. Er hat in seiner tiefblickenden treffenden Art damit das Geheimnis dieses kleinen Briefes erkannt und enthüllt1). Die demütige, dienende sich ihres Rechtes begebende Liebe Christi ist der Kern dieses Briefes. Sie steht hinter der Liebe, die der Apostel durch sein Eintreten für den entlaufenen Sklaven beweist. Sie gibt Grund und Boden für die Liebe, welche der Apostel von seinem Freunde für den Entlaufenen erwartet. Christus hat sich seines Rechtes gegen Gott zu unseren Gunsten begeben, damit Gott auch seines Rechtes gegen uns sich in Liebe begebe. „Ob er wohl in göttlicher Gestalt war, hielt er es nicht für einen Raub, Gott gleich sein, sondern äußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an.“ (Phil. 2,6.7.) Da er wohl hätte mögen Freude haben, erduldete er das Kreuz und achtete der Schande nicht.“ (Heb. 12,2.) Er ist ganz für uns Mensch geworden, er hat, selbst ohne Sünde, unsere Sünde auf sich genommen und für unsere Schuld gebüßt, er hat damit der Gerechtigkeit Gottes völlige Genugtuung verschafft, er hat die Majestät Gottes, der, auch wo es sich um die Erlösung handelt, nicht abgebrochen werden darf, in den Augen der Menschen völlig hergestellt. Nun aber fordert er auch auf Grund dieser seiner Liebe, dass Gott uns gnädig sei, und Gott gewährt es ihm, indem er uns unsere Sünde vergibt, um Christi willen uns unsere Sünde vergibt, und uns zu seinen Kindern annimmt. Das ist der Weg der Erlösung, und einen anderen gibt es nicht. „Denn wir sind alle Gottes Onesimi.“ Wer wir auch sind, Herr oder Knecht, Vornehm oder Gering, wir haben alle einmal Gott die Treue gebrochen; wir haben alle seinen Dienst verlassen und in der Abkehr von ihm unsere Freiheit gesucht. Wir sind aber auch alle sein teuer erkauftes Eigentum, gezeichnet mit dem Blute Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes, eingezeichnet in das Buch des Lebens, freilich so wir es glauben,“ fügt Luther bei. Glauben wir nicht, so sind alle die Dinge, welche das Evangelium bezeugt, für uns nicht da. Wir müssen glauben, dass ein Gott ist. Wir müssen glauben, dass es eine Vergebung der Sünden, wir müssen glauben, dass es ein ewiges Leben gibt. Wir müssen es glauben, dass wir Gottes Onesimi sind. Darum ist es ein törichtes Ding, wenn man ein Christentum ohne einen Glauben, das ist ein Haus ohne einen Balken, errichten will. So wir es aber glauben, so sind wir Gottes Onesimi, so wissen wir auch, dass wir nur in Christo Freiheit und Frieden finden können, in ihm, der sich alles seines Rechtes für uns begeben hat. Wie aber der Apostel Paulus von Christus gelernt hat, so sollen auch wir von ihm lernen. Wie er dem Philemon gegenüber sich seines Rechtes begeben hat, um desto mehr für den Anderen zu gewinnen, so sollen auch wir bereit sein, uns unseres Rechtes zu begeben, wenn es dem Anderen zum Vorteil ist. Da haben wir vielleicht ein Recht zu strafen, wie Gott es gehabt hat, uns Menschen zu strafen. Begeben wir uns dieses Rechtes, lassen wir den Anderen frei gehen, erzeigen ihm vielleicht anstatt der verdienten Strafe eine besondere Freundlichkeit, wenn wir meinen, dass wir damit seinem Gemüte förderlicher sind, dass wir ihn auf diese Weise besänftigen und zum Guten stimmen, anstatt dass wir ihn sonst verbittern würden! Oder wir haben ein Recht auf eine Ehre vor der Welt, einen Vorrang, Vorsitz oder Vortritt. Begeben wir uns dieses Rechtes, wenn wir mit dem Anspruch auf diese Ehre irgendjemandem im Wege stehen, irgendjemandem Anlass zur Klage geben. Oder auf eine Freude, ein Vergnügen haben wir ein Recht. Was liegt daran, dass wir auf die Freude, das Vergnügen verzichten, wenn wir damit in den Stand gesetzt werden, Anderen einen Dienst zu tun oder eine Wohltat zu erweisen, ja vielleicht auch nur Verstimmungen zu verhüten oder möglichen Missverständnissen vorzubeugen! Überhaupt, denken wir nicht, dass wir etwas so Sonderliches tun, wenn wir einmal um des Anderen willen etwas auf uns nehmen, tragen und dulden. Christus hat es auch getan. Das Schwerste, das Äußerste hat er auf sich genommen, um uns zu retten. Nimm einmal etwas um des Anderen willen auf Dich, trag' und dulde es, und selbst wenn es seine Sünde ist. Er hat große Fehler, er hat ein schlimmes Versehen gemacht, er hat Dich tief gekränkt: Du brauchst Dich um deswillen nicht nur zu beklagen, zu ereifern und rächen zu wollen. Ich will nicht sagen, dass Du selbst Deine Fehler hast, Deine Versehen gemacht und Andere vielleicht eben= denselben Anderen gekränkt hast; dass der Andere vielleicht seine Sünde tiefer empfindet, als Du es meinst. Aber Du bist ein Christ! Du kennst die Liebe Christi, Du wünschest sie an Dir selber zu Deinem Trost zu er fahren: O nimm die Sünde des Anderen auf Dich und trag' und dulde sie und hilf ihm damit zurecht, wie Christus Deine Sünde auf sich genommen, getragen und geduldet hat und hat Dir damit zurechtgeholfen! Trage und dulde sie mit Christo! Christen sollen doch dem Herrn Christus ähnlich sein. Jünger des Heilands sollen selbst etwas Heilandsartiges haben. Sich selbst sollen sie vergessen, ihres Rechtes um des Anderen willen sich begeben und etwas leiden können, ganz in dem Wunsch, dem Anderen zu dienen, Wunden zu heilen, Freude zu bereiten, Seelen zu retten. Der Herr hat damit sein Ziel erreicht. Wir werden unsere Sache auf diesem Wege auch nicht verfehlen.

Aber nun, wie trefflich versteht der Apostel dieses um der Liebe willen bittende Ermahnen anstatt des Gebietens! Er hat gesprochen, als ob es das Geringere wäre gegenüber dem Gebieten (um der Liebe willen nur ermahnen, hat er gesagt). In Wahrheit ist es das Größere. Am der Liebe willen, so schreibt er, will er nur ermahnen. Er tut es auch in der Liebe. Und hier sehen wir, was die Liebe im Ermahnen vermag. Sie macht den Apostel zum beredtsten Anwalt, zum unwiderstehlich andringenden Fürsprecher und Verteidiger. So vermahne ich Dich um meines Sohnes willen Onesimi, schreibt er. Der Sklave sein Sohn, des Apostels Sohn! Was musste das für einen Eindruck auf den Philemon machen. Wenn wir Jemanden verehren und lieben, wie freuen wir uns dann, und welche Genugtuung ist es uns dann, wenn wir, während er selbst vielleicht in weiter Ferne wohnt, seinem Sohn begegnen und ihm eine Freundlichkeit erzeigen können. Und wie verehrte und liebte doch gewiss Philemon den Apostel! Ein Sohn hat gleiches Recht, wie das des Vaters. Dessen Sache macht der Vater zur eigenen. Was Einer dem Sohne verweigert, verweigert er dem Vater; was Einer dem Sohn gewährt, gewährt er dem Vater. Wie sollte Philemon sich nicht beeilen, der Vermahnung des Apostels für Onesimus Folge zu leisten! Und nun ein Sohn in dem Sinne, wie der Apostel es in Hinsicht des Onesimus meint! Ein geistlicher Sohn, ein Sohn durch die vom Apostel bewirkte Bekehrung, so viel höher stehend, als ein leiblicher Sohn, soviel der Geist der Heilige Geist, können wir sagen, denn um den handelt es sich hier höher steht, als der Leib; damit ein Mensch, der durch seine Bekehrung etwas wirkliches Rechtes geworden sein muss, eine neue Kreatur, ein neuer Mensch. Würde der Apostel ihn sonst wohl seinen (geistlichen) Sohn nennen, den er gezeugt hat? Den er gezeugt hat in seinen Banden, setzt er hinzu. Wie sehr musste das den Wert des Onesimus als des bekehrten geistlichen Sohnes des Apostels in den Augen Philemons noch erhöhen! Die Schmerzen, die Ängste, die Schmach - oder sagen wir lieber die Ehre? der Gefangenschaft des Apostels hängen an dieser geistlichen Sohnschaft des Onesimus!

Und weiter: welcher weiland Dir unnütz, nun aber Dir und mir wohl nütze ist. Also doppelter Gewinn gegen Einen Schaden, doppelter Gewinn durch die Bekehrung des Sklaven: Vor seiner Bekehrung dieser Onesimus dem Philemon unnütz, weil untreu, weil in Begriff zu entlaufen und wirklich entlaufen, jetzt aber nach und in Folge der Bekehrung dem Philemon und dem Apostel zugleich nütze, dem Philemon, weil in Zukunft bereit und im Stande, ihm ein treuer Diener auch in Angelegenheiten der Gemeinde zu sein, dem Apostel als ein hoffnungsvoller und vielleicht schon erprobter Gehilfe am Evangelium. - Wenn wir übrigens den Eindruck, den diese Worte auf den Philemon machen mochten, recht verstehen wollen, dann müssen wir in Anschlag bringen, dass in der griechischen Sprache, in welcher dieser Brief geschrieben ist, „Onesimus“ so viel als „nützlich“ bedeutet, der Apostel sich hier also mit Anspielung auf. diesen Namen eines Wortspiels bedient: welcher weiland, obwohl Onesimus nützlich heißend, dir unnütz, nun aber als ein rechter Onesimus Dir und mir wohl nütze ist.

Und endlich: Du wollest ihn, das ist mein eigenes Herz, annehmen Onesimus völlig mit dem Apostel eins, innerlichst mit ihm eins, so, dass es, wenn nun Onesimus kommt, dem Philemon sein muss, als handele es sich darum, den Apostel selbst, ja das innerste Selbst des Apostels, aufzunehmen.

O hätten wir solche Liebe! Wie viel wärmer, wie viel wirksamer würde unser Bitten für Andere werden, anstatt dass es nun gar so oft matt und lau hervorkommt, anstatt dass wir nun gar so oft zu einem Ankläger, anstatt zu einem Anwalt des Nächsten werden. Was ist doch durch die Liebe aus dem unnützen entlaufenen Sklaven des Philemon geworden! Ein Sohn des Apostels, ein geistgezeugter, ein beiden, dem Philemon und dem Apostel nützlicher Mensch, das eigene Herz des Apostels! Ja, die Liebe ist erfinderisch. Sie findet die guten Seiten am Menschen, sie weiß sie ins rechte Licht zu stellen, sie versteht den Nächsten zu entschuldigen, Gutes von ihm zu reden und alles zum Besten zu kehren,“ anstatt ihn zu verraten, zu afterreden und bösen Leumund zu machen,“ und das alles doch mit der Wahrheit, ohne zu erfinden“. Man sagt wohl, die Liebe mache blind. Aber die rechte Liebe macht auch sehend; sie schärft das Auge, wie für die Fehler, so auch für die guten Seiten, die der Nächste hat.

Der Apostel wirft sein Persönliches mit hinein: Um meines Sohnes willen Onesimi - mir nütze - mein eigenes Herz. Aber sollen wir ihn darum tadeln? Das Persönliche ist von großer Kraft. Das wirkt oft mehr, als das Sachliche, das Einer vorbringt. Hunderte hängen sich vielmehr an die Person, als an die Rede und an die Tat des Predigers. Das hat eine gewisse Berechtigung. Gott selbst bedient sich der Persönlichkeiten zur Aufrichtung, zur Wiederherstellung und Förderung seines Reiches. Ja die Persönlichkeit ist oft das Entscheidende. Mancher hat dasselbe gesagt, dasselbe getan, wie ein Anderer, und hat doch nicht die Hälfte gewirkt, weil ihm die Persönlichkeit des Anderen nicht zu Gebote stand. Von unserem Herrn und Heiland selbst zu schweigen (dass er Gottes Sohn und sündlos war, war das Erste für sein Werk, die Erlösung, die er ausgerichtet) was haben nicht ein Moses, ein David, ein Luther durch die Kraft ihrer Persönlichkeiten Großes erwirkt! Fragen wir uns doch mehr, was wir sind, als was wir wissen oder reden oder tun! Aber freilich das Persönliche geheiligt, wie das des Apostels es war! Es nicht in den Dienst seiner selbst, sondern in den Dienst der Liebe gestellt, um Anderen damit zu helfen, für Andere bittend einzutreten!

Eins noch gibt uns zu denken, ehe wir von dem Bilde des Onesimus, wie es uns aus den zu Grunde liegenden Worten des Apostels entgegentritt, Abschied nehmen; wir wollen nicht daran vorübergehen. Dass Onesimus vor seiner Bekehrung dem Philemon unnütz gewesen, jetzt aber nach seiner Bekehrung ihm, wie dem Apostel, wohl nütze sei, hat der Letztere gesagt. Also die Bekehrung doch zu etwas nütze! Nütze nicht nur, um den Menschen selig zu machen, sondern auch, um aus einem seinem Nächsten unnützen einen ihm nützen Menschen zu machen. Die Schrift hat es ja freilich immer gesagt: Die Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütze und hat die Verheißung dieses und des zukünftigen Lebens“ (1. Tim. 4,8), aber die Welt will es nicht glauben. Sie hat ein großes Vorurteil gegen die Bekehrung. Sie meint, dieselbe sei höchstens dazu nütze, schwachen Seelen, welche an sich selbst verzweifeln, oder die den Becher der Lust bis auf die Neige geleert haben und nun von Ekel und Überdruss vor sich selbst erfüllt sind, eine letzte Zufluchtsstätte zu gewähren, nütze im Grunde nur, um Heuchler und Frömmler zu erziehen. Ist dies Vorurteil begründet? wie oftmals ist es das! Gott sei es geklagt, wie viele sogenannte Bekehrte nach ihrer Bekehrung ebenso unnütz bleiben, wie vor derselben. Wir selbst würden vielleicht vorausgesetzt, dass wir bekehrt sind oder für Bekehrte gelten wollen auf die Frage: Ob wir nun nach unsrer Bekehrung nützlicher geworden? mit beschämendem Achselzucken antworten müssen. Ach, mancher ist vielleicht nur unnützer geworden. An Stelle der bisherigen Gleichgültigkeit ist der Fanatismus und die Unduldsamkeit getreten, an Stelle der Welt-Sucht übertriebene und verkehrte Welt-Flucht, an Stelle des Unglaubens geistlicher Hochmut. Aber wer trägt die Schuld davon? Die Bekehrung doch nicht, sondern der Mensch, der die Bekehrung töricht handhabt und übel benutzt. Die Bekehrung, wenn sie echt ist, trägt noch immer die Frucht, dass sie aus unnützen Menschen nütze macht. Wohl mischt sich auch in die beste Bekehrung die Sünde hinein. Ach, man sollte oft meinen, es wäre alle Bekehrung umsonst, wenn man sieht, wie mancher ernst gesinnte Christ in Torheit fällt, wenn man an sich selbst trotz allen Kämpfens doch immer so viel Böses wahrnimmt. Aber es ist doch ein Unterschied. Es ist doch bei dem, der aufrichtig bekehrt ist, ein ganz anderer Grund gelegt, eine ganz andere Richtung gewonnen; es ist doch ein Anfang da, nicht sich selbst, sondern Gott und seinem Nächsten zu leben. Und wenn auch die Sünde, die Selbstsucht sich immer wieder regt, so wird sie doch auch immer wieder erkannt und bekämpft. Ja, in gewissem Sinne lässt sich sagen, der Mensch wird erst dann dem Anderen in Wahrheit nütze, wenn er aufrichtig bekehrt ist. Erst dann gewinnt er die dazu nötige Kraft der Liebe. Erst dann findet er den dazu unentbehrlichen Mut der Wahrheit. Erst dann lernt er, was vom wahren Nützesein unzertrennlich ist, nicht nur auf das leibliche und zeitliche, sondern auch auf das geistliche und ewige Wohl des Nächsten sehen.

„Wir sind alle Gottes Onesimi“: Sind wir auch schon darin dem Onesimus gleich, dass wir unserem Nächsten nütze geworden sind? Onesimus war ein Knecht, ein Diener. Du Knecht, Du Diener, oder auch Du Magd, Du Dienerin! bist Du Deiner Herrschaft wahrhaft nütze geworden? Aber auch die Herrschaft soll ihrem Gesinde nütze sein: Du Herr oder Herrin! bist Du schon Deinem Knecht, Deinem Diener, oder Deiner Magd, Deiner Dienerin nütze geworden? Und wer soll nicht dem Anderen nütze sein? Wir alle sollen es, so gewiss wir alle Gottes rechte bekehrte Onesimi sein sollen. Sind wir es? Preist es schon Jemand, wie es der Apostel am Onesimus preist, dass wir im Leiblichen und Geistlichen wohl im Stande sein, ihm Dienste zu tun? „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen,“ sagt der Herr von den falschen Propheten. (Matth. 7,16.) „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen,“ gilt auch von allen wahren Bekehrten. Die Frucht ihrer Bekehrung ist: dem Anderen nütze sein. Aber wer ist wahrhaft bekehrt? Das weiß nur Gott. „Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz!“ müssen wir mit dem Psalmisten (Psalm 139,23) beten. Und wer vermag uns wahrhaft zu bekehren? Das vermag Gott allein. „Bekehre Du mich, so werde ich bekehret!“ müssen wir mit Ephraim (Jer. 31,18) bitten. Tun wir es! Sind wir noch nicht bekehrt, haben wir das Gefühl, dass bei aller Frömmigkeit und Übung der Frömmigkeit, bei allem Kirchgehen und Predigthören unsere Bekehrung noch nicht echt, noch nicht gründlich genug ist: bitten wir doch darum! Bitten wir täglich darum, und täglich aufs Neue! Die Bekehrung ist nicht auf einmal geschehen. „Der Christ lebt von der Hand in den Mund,“ wie Einer gesagt hat. Er soll sich, er muss sich seiner Abhängigkeit von Gott bewusst bleiben. Aber er darf sich auch täglich seines Gottes getrösten. Er darf jede Stunde von ihm nehmen und empfangen. Wir wollen auch jetzt mit einander ihn bitten:

Herr, vor dem Keiner gerecht und rein ist, vor dem wir alle verdammliche unnütze Knechte sind, der Du aber uns alle in Gnaden angenommen, schon durch unsere Taufe uns zu Deinen Kindern gemacht und das gute Werk in uns angefangen hast, lass nicht ab, als bis Du es vollendet hast! Hilf, dass wir nicht ablassen, Dich zu bitten, dass Du uns erforschest und uns bekehrest! Haben wir uns verirrt, so führe Du uns zurück! Erweise uns täglich Deine Güte und Treue! Hilf, dass wir recht bekehrt und unserem Nächsten mehr und mehr wahrhaft nütze werden! Dass es in Wahrheit von uns heißen könne und ewig von uns heißen könne, zu Deinem Preis und unserem Heil: „Wir sind alle Gottes Onesimi!“ Amen.

1)
Die ganze schöne Vorrede Luthers zu unserem Briefe lautet: „Die Epistel zeigt ein meisterlich liebliches Exempel christlicher Liebe. Denn da sehen wir, wie Paulus sich des armen Onesimus annimmt und ihn gegen seinen Herrn vertritt mit allem, das er vermag, und stellt sich nicht anders, denn als sei er selbst Onesimus, der sich versündigt habe. Doch tut er das nicht mit Gewalt oder Zwang, als er wohl Recht hätte, sondern äußert sich seines Rechtes, damit er zwingt, dass Philemon sich seines Rechtes auch verzeihen muss. Eben wie uns Christus getan hat gegen Gott den Vater, also tut auch St. Paulus für Onesimum gegen Philemon. Denn Christus hat sich auch seines Rechtes geäußert und mit Liebe und Demut den Vater überwunden, dass er seinen Zorn und Rache hat müssen legen und uns zu Gnaden an- und aufnehmen um Christi willen, der also uns ernstlich vertritt und sich unser so herzlich annimmt, denn wir sind alle seine Onesimi, so wir's glauben.“
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