Paulsen, Johannes - Der Brief Pauli an Titum.

1. Kapitel.

Jesus, Sohn des Allerhöchsten GOttes, der Du Dein Volk weidest, wie ein Hirte seine Schafe weidet, erbarme Dich über die zerstreuten Schafe, sende ihnen Hirten nach Deinem Herzen, die sie weiden auf grüner Aue! Amen.

Dieser Brief gehört gleichfalls zu den Hirtenbriefen, in denen Paulus diesen seinen Gehilfen unterweist, wie GOttes Gnade sich in einer Gemeinde verherrlichen muss. Darum ist dieser Brief, wie man auch auf den ersten Blick sieht, zum Vorlesen in der Gemeinde bestimmt, wenn er gleich an die Person des Titus geschrieben ist. Die Gemeinde sollte wissen, was Titus von ihr fordern musste, damit er sie als eine Gemeinde des HErrn anerkennen könnte.

Titus war von Geburt ein Heide und vom Apostel Paulus selbst zum Christentum bekehrt, da dieser ihn sein echtes Kind im Glauben nennt. Paulus nahm ihn schon mit auf die Reise zum Apostel-Konzil und muss ihn daher schon auf der ersten Missionsreise bekehrt haben. Später war er beständiger Reisegefährte des Apostels, wie dies aus den Briefen desselben hervorgeht. Paulus hat ihn von Ephesus aus zweimal nach Korinth geschickt und hat ihn wahrscheinlich, während seines langen Aufenthaltes in Ephesus, nach der Insel Kreta geschickt, um dort die Gemeinde zu verwalten. Wir wissen nicht, von wo aus der Apostel diesen Brief an Titus geschrieben hat, wie wir überhaupt über das weitere Leben des Titus nichts wissen. Nur 2. Timotheus 4, 10 wird er noch einmal als Gefährte des Paulus in Rom genannt.

In Kreta waren gleichfalls Irrlehrer aufgetreten. Dazu kam, dass der Nationalcharakter der Kretenser ein sehr bedenklicher war. Kreta lag, so zu sagen, zwischen dem Morgen- und Abendlande, wurde von vielen Reisenden besucht und lernte von diesen nicht immer Gutes. Daher war der Nationalcharakter der Kretenser Fleischesdienst und Faulheit, und Paulus ermahnt den Titus, dahin zu sehen, dass diese schlechten Eigenschaften nicht den christlichen Charakter verdürben. Darum hat Paulus dem Tito solche Instruktionen erteilt, wie sie für den Hirten einer Gemeinde, die in Gefahr war, dem Fleischesdienst zu verfallen, nötig waren.

Paulus eröffnet den Brief mit dem Gruße, der seine Autorität feststellt. Er sagt, er sei ein Knecht GOttes und Apostel Christi, um den Glauben in den Auserwählten zu pflanzen und zu fördern. Wenn er betont, dass das bei den Auserwählten geschehen soll, so sagt Paulus damit, dass es lauter Gnade ist, wenn Jemand zum Glauben und zur Gottseligkeit kommt, wie wir ja auch aus unserem lutherischen Katechismus gelernt haben, dass Niemand aus eigener Kraft und Vernunft zu JEsu Christo kommen oder an Ihn glauben kann. Aber GOtt will, dass wir an Ihn glauben, dass wir die Wahrheit erkennen, denn nur diese führt uns zur Gottseligkeit. Alle die, welche die Wahrheit erkennen und in dieser gottselig werden, sind eben die Auserwählten. Sieh' nun, wie Paulus als Ziel des Glaubens und der Wahrheit die Gottseligkeit nennt, denn in GOtt selig zu sein, das ist der glücklichste Zustand, den es gibt auf dieser Welt. Das ist Fröhlichkeit, die kein Leid aufhebt, aber auch bei dieser Fröhlichkeit ist die Zuversicht, dass dieselbe immer mehr wachsen wird, denn GOtt hat ja das ewige Leben denen versprochen, die an Ihn glauben, und wir wissen, dass GOtt hält, was Er versprochen hat. So also hat der Gläubige Seligkeit auf Erden und Seligkeit im Himmel, also Fröhlichkeit in Gegenwart und Zukunft, das ist gewiss Alles, was ein Mensch nur wünschen kann. Aber GOtt hat auch Sein Wort den Seelen durch die Predigt verkündigen lassen, die Er dem Paulus aufgetragen hat, denn der Glaube kommt ja aus der Predigt. So hat also der Apostel den Auftrag von GOtt, durch seine Predigt Seelen glücklich zu machen, und deshalb entbietet er dem Tito das Glück, weil er mit ihm denselben Glauben hat. Er wünscht ihm Gnade, Barmherzigkeit und Friede, wie wir solchen Gruß schon früher bei den Briefen an Timotheum betrachtet haben. In seinen Grüßen teilt der heilige Apostel die Gnadengaben mit, die ihm GOtt gegeben hat, denn wo Friede ist, da hat die Gnade ihre Wirkung vollbracht.

Der Apostel geht nun zu der Betrachtung des Berufes des Titus über und erinnert ihn daran, weshalb er ihn in Kreta zurückgelassen. Wir hören also, dass er mit dem Titus in Kreta gewesen ist und dort das Evangelium verkündet hat. Als er von Kreta abreiste, ließ er den Titum da zurück, damit dieser nun vollends die Gemeinde ordnete. Wahrscheinlich hat Paulus diese Reise zu der Zeit gemacht, als er zu Ephesus wohnte, nach Anderen hat er Kreta besucht, als er aus der ersten Gefangenschaft zu Rom wieder frei geworden war, wie etliche annehmen. So ermahnt er zunächst den Titum, ja Acht auf die Leute zu haben, die er zu Hirten bestellt, denn wenn die Hirten nichts taugen, werden die Herden gewiss nichts taugen. Eine Kirche, die auf ihr Wohl hält, wird vor allen Dingen ihren Fleiß darauf verwenden müssen, dass sie rechte Hirten für die Gemeinden bestellt. Sie kann also nicht Alle als Zeugen nehmen, die sich dazu anbieten, sondern sie wird sorgfältige Auswahl unter denselben anstellen müssen und die wählen, die durch ihre Person dafür geeignet sind. Da gibt Paulus nun dem Titus die Eigenschaften an, welche der Hirte einer Gemeinde besitzen muss. Zuerst soll er einen guten Ruf haben, auch im bürgerlichen Leben; zum andern soll er ein frommes Haus haben und also beweisen, dass er im kleineren Kreise Leben zu wecken verstanden hat, und damit bewiesen, dass er also auch einen größeren Kreis leiten und lenken kann. Wir hören also auch hier wieder, wie der Apostel den Vater für das Leben seiner Kinder verantwortlich macht, denn der Vorsteher der Gemeinde verwaltet das Haus GOttes und muss daher seine Treue im kleineren Kreise bewiesen haben. Es verlangt nun der heilige Apostel von diesem Vorsteher, dass er nicht eigensinnig ist und also nicht die Gemeinde zu seiner Ehre weidet, sondern dass er auf das Beste der Gemeinde sinnt, dass er die Gemeinde weiden und nicht scheren will. Deshalb soll er Alles in seinem Privatleben vermeiden, wodurch sein Ruf geschädigt werden könnte, und in hervorragender Weise alle die guten Eigenschaften haben, die besonders einen Christen zieren. Zu diesen Eigenschaften kommt aber für den Pastor besonders hinzu, dass er selber in der gesunden Lehre steht und diese also auch wieder lehren kann, damit er die Gläubigen ermuntern und die Ungläubigen widerlegen kann. Wenn du diese Regel recht bedenkst, so musst du dich wundern, wie es Kirchenregimente geben kann, die Pastoren einsetzen können, die erstlich nicht in rechter Lehre stehen und die zweitens die rechte Lehre nicht bringen können. Es müssen ja die Männer, die solches tun, selbst nicht in der rechten Lehre stehen und nicht an das glauben, was die Heilige Schrift sagt, denn sonst könnten sie doch nicht annehmen, dass sie der ewigen Verdammnis entrinnen werden, wenn sie in so gräulicher Weise die Gemeinde GOttes zerstören. Wahrlich, das Gericht über die, welche unfähige und ungläubige Prediger einsetzen, wird kein geringes sein.

Der Apostel bezeugt ausdrücklich, dass das Wort, das uns zu predigen befohlen ist, zuverlässig ist und dass wir wahrlich nicht Ursache haben, es den Irrlehrern Preis zu geben. Dazu kommt, dass die Irrlehrer Schwätzer und Verführer sind, die ihr Amt um schnöden Gewinnes willen führen, denn den Irrlehrern ist es ja nicht um die Seelen zu tun, sondern um die gute Stelle, oder um die Ehre, vernünftige, weltförmige Christen zu sein, und Beides ist ein schändlicher Gewinn, denn jeder Gewinn, der dadurch entsteht, dass man GOttes Wort für Privatzwecke missbraucht, ist ein schändlicher Gewinn. Solchen Leuten sagt Paulus wörtlich im Urtext, soll man den Maulkorb umlegen, denn die Wahrheit, die man ihnen vorhält, ist für sie ein Maulkorb, der sie an falscher Lehre hindert.

Besonders ermahnt Paulus den Titus auf diese Irrlehrer unter den Kretensern zu achten, weil diese zu einem unchristlichen Leben geneigt sind, und die daher leicht bereit sind, sich verführen zu lassen. Paulus zitiert für diese Behauptung einen Vers aus der Schrift des Epimenides, der als Dichter und Philosoph sechshundert Jahr vor Christi Geburt lebte. Derselbe stellt seinen Landsleuten dies schlechte Zeugnis aus und Paulus sagt, dasselbe ist noch wahr, und damit hat Epimenides sich schon als Prophet bewiesen. Wir sehen also, wie der heilige Apostel auch in den heidnischen Schriftstellern Bescheid wusste und dieselben zitierte, wenn es ihm passte. Er hat das auch noch getan Apostg. 17, 28 und 1. Kor. 15, 33. Lernen wir also von ihm, wie auch wir weltliche Weisheit in den Dienst des Reiches GOttes stellen können. Wir sollen auch nicht verschmähen, was der GEist des Menschen außerhalb des Christentums geschaffen hat, für den Dienst des HErrn zu verwenden, denn: Alles ist euer!

Paulus ermahnt nun den Titus, diesem verderblichen Charakter der Kretenser, der in lügnerischem Wesen, Gewalttätigkeit und Sinnlichkeit besteht, mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten, denn nur durch Strenge kann der fleischliche Sinn ausgerottet werden. Diese Mahnung gibt auch uns zu beherzigende Winke. Wir glauben oft mit Sanftmut fleischlich verderbte Leute bekehren zu können, vergessen aber, dass das Unkraut der Sinnlichkeit allein mit Strenge ausgerottet werden kann, und daher soll der Pastor gegen solche Irrlehre, welche die Fleischespflege im Christentum beibehalten will, mit aller Strenge auftreten. Wenn wir strenger wären im Strafen des Fleisches, so wären unsere Gemeinden auch gesunder im Glauben. Wie oft aber versuchen die Irrlehrer, fleischliche Zügellosigkeit durch Strenge im Äußeren zu bedecken, deshalb warnt Paulus den Titus vor irdischen Fabeln und Menschengeboten, die den Christen die mosaischen Zeremonialgesetze aufzwingen wollten. Er sagt ihnen, die Reinheit bestehe nicht in der Speise, sondern vielmehr im Genusse und im Herzen. Ist das Herz rein, dann wird auch das rein sein, was der Christ genießt, ist aber das Herz mit Sünden befleckt, dann wird auch Alles in den Dienst der Sünde gestellt. Darum kommt es auf das reine Leben und das reine Gewissen an, müssen doch die Gläubigen täglich viel Gift genießen, und es schadet ihnen nichts, während die Ungläubigen dadurch nur desto verstockter und boshafter werden. Freilich kann ja auch der Spruch: „Den Reinen ist Alles rein,“ missbraucht werden, aber wer die Schrift nach der Schrift auslegt, wird dazu schwerlich kommen, denn dass die Gläubigen ernste Selbstprüfung anstellen sollen und dass sie Alles vermeiden, wodurch sie die Schwachen ärgern könnten, schärft jeder Apostel genug ein. Er will nur die Leute an den Pranger stellen, die vorgeben, besonders heilig und gottselig zu leben, die aber dabei sich nicht scheuen, in Wirklichkeit dem Fleische zu dienen. Sie sagen, dass sie GOtt mit ihren Satzungen bekennen, aber ihr Wandel beweist, dass sie gottlos sind und also auch GOtt nicht kennen können, und dadurch, dass sie zu jedem guten Werke untüchtig sind, beweisen sie, dass sie keine Kraft GOttes in sich haben, denn die Leute, in denen der Heilige GEist lebt, die haben auch Kraft zu guten Werken. So heißt es denn auch für den Titus: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!“ Der Glaube beweist sich nicht im Schein, nicht in gottseliger Salbaderei, sondern er beweist sich in der Tat und in der Kraft. So mögen auch wir die prüfen, welche zu uns kommen mit neuen und interessanten Lehren, die auf den Kopf stellen wollen die gesunde Lehre und behaupten, dass dieselbe nur abgelebte Glaubenssätze enthalte. Dann werden wir finden, da ist viel Salbaderei, viel Geschwätz aber wenig Kraft, viel Fleischlichkeit, aber wenig GEistlichkeit. Dann können wir ihnen sagen, niederreißen ist keine Kunst, aber aufbauen könnt ihr nicht. Diese Männer der Linken haben wohl Seelen den Glauben aus dem Herzen gerissen, aber sie haben noch nie eine Seele zu Christo bekehrt, oder einen Schwankenden fest gemacht.

Bewahre Du HErr, unser GOtt, uns vor solchen Irrlehrern und hilf uns, dass wir die reine Lehre bewahren im reinen Herzen und bezeugen im reinen Wandel. Amen.

2. Kapitel.

HErr, lehre uns tun nach Deinem Wohlgefallen und gib uns den Heiligen GEist, dass Er in uns wirke Glaubenstaten! Wirke Du in uns Werke, die Dir gefallen! Amen.

Der Apostel ermahnt den Titus, dass er seine Predigt einrichte nach seinen Zuhörern, denn die Predigt soll nicht nur allgemein sagen, was Christentum ist, sondern soll jedem einzelnen sagen, wie er leben muss, um christlich zu sein. Daher soll Titus den alten Männern besonders empfehlen, dass sie nüchtern sein und ehrbar und mäßig in ihrem Leben. Das werden sie aber, wenn sie gesund im Glauben sind. Steht doch das Alter an der Schwelle der Ewigkeit und soll also nur daran denken, dass es nun selbst mit eigenen Augen sehen wird, was es geglaubt hat. Ein Greis soll leben, wie ein Reisender, der seine Sachen gepackt und den Fuß erhoben hat, um von dannen zu gehen. Ihm soll es darauf ankommen, so zu leben, wie es seinem HEilande gefällt und denen, die zurück bleiben, ein schönes Vorbild zu hinterlassen. Daher soll Liebe und Standhaftigkeit aus ihren Augen leuchten. - Die alten Frauen sollen gleichfalls wie die Heiligen leben. Sie sollen nicht Lästerinnen, oder eigentlich Teufelinnen sein, die durch ihre Geschwätzigkeit Unheil anrichten und die durch Weintrinken ein schlechtes Beispiel geben, sondern sie sollen durch ihr Benehmen Lehrerinnen der jungen Frauen sein, damit diese sich im Hause als rechte Christinnen erweisen, und so dem Christentum durch ihren Wandel Ehre machen. Christliche Frauen können gerade im Hause durch den stillen christlichen Wandel die Männer für das Evangelium gewinnen, aber dazu gehört ja, dass sie in ihrem Stande und Berufe bleiben und ihre Stellung ausfüllen und sich nicht über die Männer erheben, denn des Weibes Hoheit besteht nicht im Herrschen, sondern im Gehorchen. Es gehört gewiss ebenso viel christliche Weisheit und Kraft zum Gehorchen, als zum Herrschen.

So sollen auch die jungen Männer in ihrem Wandel die Gnade GOttes offenbaren. Sie sollen zeigen, dass die Gnade sie in ihre Zucht nimmt und in ihnen die Kraft der Selbstbeherrschung wird. Wie aber Paulus der jungen Männer erwähnt, erinnert er sich, dass Titus ja selbst ein junger Mann ist und so ermahnt er ihn denn auch, dass er mit gutem Beispiel voran gehe, und nicht bloß gut lehre, sondern auch gut lebe. Besonders aber ermahnt er ihn, unverfälscht GOttes Wort zu lehren. Da sehen wir, wie der Apostel unsere kirchliche Obrigkeit straft, denn es ist ja bekannt, wie wenig sie Wache hält in der Kirche und auf die Reinheit der Lehre achtet. Da werden wir ihr immer mit dem Worte GOttes in der Hand sagen können: Du versäumst dein Amt, du verdirbst die Kirche. Freilich will die kirchliche Obrigkeit sich solches nicht sagen lassen und sie nennt das Insubordination, (Ungehorsam), wenn GEistliche ihr diese Sünde vorhalten. Aber wie das Gesetz über die Beamten steht, und jeder Bürger das Recht hat, den Beamten auf das Gesetz hinzuweisen, wenn er dasselbe übertritt, so haben wir das Recht, die kirchlichen Oberen daran zu erinnern, dass sie nicht über, sondern unter der Bibel stehen und daher verpflichtet sind, ihr Amt zu verwalten gemäß der Heiligen Schrift, und nicht nach ihrer Lust. GOttes Wort aber verlangt, dass der Diener das Wort nicht verfälsche und dass er durch ehrbaren und gottseligen Wandel die Predigt ziere, damit der Widersacher in dem Leben der Prediger nichts finden könne, um dadurch Seelen zu ärgern. Der Wandel der Prediger soll von dem Licht ihrer eigenen Lehre erhellt sein.

So sollen aber auch die Dienstboten sich als christliche Dienstboten erweisen, nicht indem sie sich ihren Herren gegenüber auflehnen, sondern indem sie ihren Herrschaften alle Liebe erweisen und sich als Muster von guten Dienstboten darstellen. So sind sie eine Zierde des Christentums und verursachen Allen Freude, die da urteilen müssen, dass christliche Dienstboten die besten Dienstboten sind. O, möchten die christlichen Dienstboten das wohl beherzigen! Sie können viel für das Christentum tun, und ist es nicht eine herrliche Sache, dass gerade ihnen die Kunst zugemessen wird, das Christentum zu zieren? Helfe GOtt, dass alle christlichen Dienstboten sich das zu Herzen nehmen und an ihrem Teile helfen, das Evangelium vor der Welt zu Ehren zu bringen. Wenn so jeder Stand vom Evangelium erleuchtet ist, dann wird auch die Welt die Kraft des Evangeliums bewundern und jeder christliche Stand, vom Evangelium beleuchtet, wird ein Licht sein, das auch Anderen den Weg zum Hafen zeigen kann. Jeder Stand hat seine besonderen Pflichten im Christentum, wie er seine besonderen Rechte hat. Wirke der Heilige GEist denn unter uns christliche Stände!

Der Apostel begründet die Ermahnung zu solchem Wandel damit, dass er sagt: „Es ist jetzt nicht mehr die Zeit, in der Finsternis zu leben, denn die Sonne ist aufgegangen, es ist Tageszeit.“ Früher, wo man nur unter dem Gesetz stand, da war es Nachtzeit, da wurden Werke der Finsternis vollbracht, aber jetzt ist heller Tag, denn die Gnade strahlt am Himmel und bringt allen Sündern Heil. Aber daraus folgt auch, dass wir jetzt im Sonnenlichte leben müssen, und als die Kinder des Tages und nicht der Nacht einhergehen. Wie man bei Tage in andern Kleidern geht, als in der Nacht, so sollen wir auch im Licht der Gnade einen andern Wandel führen, als zu der Zeit, da wir noch im Fleische waren. Die Gnade erzieht, das erfahren alle Christenherzen, denn wieder Erzieher vor allen Dingen seinem Zöglinge die Unarten abzugewöhnen sucht, so sucht die Gnade den Menschen freizumachen von der Gottlosigkeit und von den Sünden der weltlichen Lüste. Achte darauf, hier steht nicht fleischliche Lüste, sondern weltliche Lüste, denn der Apostel weiß, welche Gefahren nicht nur, sondern auch welches Verderben in den weltlichen Lüsten wohnt. Wenn du also noch fern von GOtt bist und keinen Zug zu Ihm verspürst, wenn du die Welt mit ihrer Lust liebst, denn beweist du damit, dass du unerzogen bist und nicht in der Gnade lebst. Nun gibt es sogenannte Rechtgläubige, die meinen, sie könnten das Leben in der Gnade vereinigen mit dem Leben in der Welt, aber diesen sagt der Apostel klar und deutlich, dass das Menschenfündlein sind, denn Gnade und Welt vertragen sich so wenig, wie Tag und Nacht. Ein Christ muss ja freilich in der Welt sein, so lange er lebt, aber er lebt in der Welt als einer, der nicht zur Welt gehört, der gerecht und gottselig ist, der also dadurch beweist, dass er zu GOtt gehört und nicht zur Welt, denn die Leute der Welt sind nicht gottselig, sondern weltselig. Sie offenbaren sich auch in der Welt als solche, die da warten und nicht, die da schon haben. Sie warten nämlich auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen GOttes und HEilandes JEsu Christi.

Es scheint ein Widerspruch zu sein, dass man auf eine Hoffnung hofft, aber hier ist nicht die Hoffnung als solche gemeint, sondern der Inhalt der Hoffnung, nämlich die Seligkeit. Die beginnt, wenn der HErr JEsus Christus im Glanze Seiner Gottheit und Herrlichkeit erscheint. Darauf wartet der Christ, so lange er in der Welt lebt und beweist damit, dass sein Erbteil außerhalb der Welt ist, denn seine große Seligkeit beruht in dem JEsus, den die Welt verworfen hat. Der HEiland aber hat ihn in einen solchen glücklichen Stand versetzt, denn Er hat mit Seinem Blute ihn frei gemacht von allem Sündendienst, so dass er nun nicht mehr nötig hat, der Sünde zu dienen, sondern allein GOtt dem HErrn. Er hat sich durch die Erlösung, so am Kreuz geschehen ist, ein Volk erworben, das Ihm allein gehört, und dies Volk soll rein sein von aller Ungerechtigkeit, kann doch der heilige JEsus kein unheiliges Volk haben! Andererseits soll das Volk GOttes sich offenbaren in guten Werken, denn darin beweist es ja, dass es eine Kraft in sich hat, die nicht von unten, sondern von oben kommt. So, meine Lieben, sollen wir nie vergessen, wodurch wir geheiligt sind und durch wen wir geheiligt sind. „Sei rein,“ das ist für den Christen das erste und notwendigste Gebot. „Sei fleißig zu guten Werken,“ das ist das zweite Gebot, das dem folgt, damit die Liebe Christi sich auch ganz und voll in dir offenbare. Wer also auf der einen Seite den weltlichen Lüsten frönt, oder auf der andern Seite zu träge ist, ein Werk des Christentums zu vollbringen, der legt von sich selbst Zeugnis ab, dass er nicht in der Gnade lebt. Seht, ein Königskind, und das ist ja doch ein Christ, beweist den Adel seiner Geburt damit, dass es zum ersten nichts Gemeines tut, zum andern aber auch königliche Werke vollbringt. Beweise du denn auch, dass du von göttlichem Adel bist und zum Volk der Erlösten gehörst.

Das soll denn Titus mit vollem Ernste wirken in der Lehre, im Ermahnen und im Strafen, denn das sind drei Seiten seines heiligen Amtes und so soll es jeder Diener GOttes treiben. Durch das Lehren soll er den Grund legen, damit die Christen wissen, was sie tun müssen. Durch das Ermahnen soll er die Einzelnen bewegen, dass sie tun, was sie müssen und durch das Strafen soll er die, welche nicht so leben, wie es Christen geziemt, anhalten, dass sie von ihrem verkehrten Wege ablassen. So lasst also denn auch uns durch Lehre, Ermahnung und Strafe das Christentum bauen und pflegen. Dann kann Niemand uns mit Grund verachten. Wenn aber ein Prediger predigt, wie den Leuten die Ohren jucken, wenn er aus Feigheit oder Bequemlichkeit Stücke seines heiligen Amtes ausgibt, dann ist es um ihn geschehen. Dann hat er keine Ehre vor GOtt und keine Ehre vor den Menschen, denn verachten muss ihn Feder, der noch einen Begriff von Ehre hat. Was aber der Prediger in der Gemeinde ist, das ist der Hausvater in seinem Hause. Darum gilt auch für ihn, was hier für die Prediger gilt. Auch er soll lehren, ermahnen und strafen, damit Niemand ihn in seinem Amte als Hausvater verachten kann.

HErr JEsus, hilf, dass wir das Amt so treiben, dass wir Dir gefallen und dass wir dereinst einmal die Ehre, die bei Dir gilt, finden! Amen.

3. Kapitel.

Herr JEsus! Mache uns treu in rechter Lehre und eifrig im frommen Leben, ja hilf, dass wir in unserm Leben und Wandel als die Deinen erscheinen und uns in jedem Stande und Berufe als Christen offenbaren! Hilf uns HErr, um Deines Namens willen! Amen.

Noch einmal schärft Paulus dem Titus ein, er möge seine Gemeindeglieder ermahnen, GOtt zu gefallen zu leben, zuerst dadurch, dass sie der Obrigkeit den schuldigen Gehorsam leisten und auch im bürgerlichen Leben sich als getreue Untertanen erweisen, dadurch, dass sie nicht nur der Obrigkeit gehorsam, sondern auch bereit sind, alle guten Werke zu vollbringen, dass sie gegen ihre Mitmenschen sich als Christen beweisen, die nicht schimpfen und streiten, sondern der Ruhe und dem Frieden nachgehen, auch wenn sie dadurch ihren Rechten etwas vergeben müssten. Es ist kein widerwärtigeres Bild, als streit- oder zanksüchtige Christen, die vergessen, dass JEsus Christus sie erlöst hat von aller Ungerechtigkeit, dass Er Frieden gemacht hat, indem Er ihnen zur Vergebung der Sünden geholfen. Wie kann ein Christ, der solches erfahren, noch von seinen vermeintlichen Rechten sprechen? Weiß er doch, dass sein Recht die Hölle ist, denn die Streitsüchtigen und Zanksüchtigen beweisen, dass sie noch nicht den Zweck des Lebens erkannt und dass sie noch nicht als Losung ihres Lebens erwählt haben: Nur selig! - Denn ein Christ muss tragen können auch die Feinde des Kreuzes Christi in ihrem Unverstand und ihren Sünden. Kann er doch nie vergessen, was er gewesen, ehe er zu Christo kam. Da war er auch unweise und ungehorsam, da lebte er auch in mancherlei Irrtümern und erfüllte die Pflichten nicht, die ihm oblagen. Da diente er auch seinen Lüsten und Begierden, lebte in Bosheit und Neid, war Andern verhasst und hasste Andere. Das ist nicht nur das Leben der Heiden, das so beschrieben wird, sondern auch das Leben aller Menschen, die nicht in der Gnade stehen, denn Paulus rechnet sich selbst mit hinein, wenn er sagt: „Denn wir waren auch weiland unweise, ungehorsame, irrige, dienende den Lüsten und mancherlei Wollüsten, und wandelten in Bosheit und Neid, und hassten uns untereinander.“

Wir, und meine Lieben, ist das Bild nicht auch jetzt noch eine Photographie der heutigen widerchristlichen Zeit? Die Kinder dieser Welt sind friedlos. Sie hassen einander und sind einander verhasst. Einer sucht dem Andern das Brot abzujagen, das er genießt.

Diesem Zustande gegenüber erscheint das Leben im Christentum als das Leben im Licht, „denn da“, d. h. also in diesem entsetzlichen Zustand, erschien die Freundlichkeit und Leutseligkeit GOttes, wie ein Licht in finsterer Nacht, wie der Morgenstern, der den nahenden Tag verkündet. Daher, weil GOtt als der Retter aus der entsetzlichen Not sich erwiesen, nennt Ihn der Apostel den HEiland, und das schärft er dem Titus ein, dass er es predigen soll: „GOtt hat uns nicht gerettet um der Werke willen, die wir getan haben, sondern Er hat uns gerettet allein aus Barmherzigkeit, durch Seine freie Gnade.“ Da ist kein Verdienst, sondern allein Erbarmen. Das soll Titus verkündigen, um seine Zuhörer zur rechten Dankbarkeit zu bewegen. Dass wahre Erlösung lediglich Gnade und Erbarmen ist, das beweist unsere Taufe, die ohne unser Verdienst uns zu Teil geworden ist, denn die Taufe ist das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung des Heiligen GEistes. Wie aber der Mensch nichts beitragen kann zu seiner leiblichen Geburt, so kann er auch nichts beitragen zu seiner geistlichen Geburt. GOtt hat nach Seiner wunderbaren Gnade die Taufe dazu verordnet, dass sie sein soll das Bad der Wiedergeburt, so dass durch die Taufe GOttes Kinder geboren werden und das geschieht dadurch, dass der Heilige GEist in der Taufe über den Täufling kommt und ihn erneuert nach dem Ebenbilde GOttes, von ihm abtut den Unflat der anererbten Sünden und ihm die Kraft gibt, als Gotteskind zu leben in dem Glauben, den Niemand ohne den heiligen GEist empfangen kann. Der Heilige GEist schafft in dem Menschen das neue Ich, das glauben kann. Da lerne also, was die Taufe wert ist und welche Bedeutung sie hat, und dann höre nicht auf die Schwärmer, welche die Taufe verachten und nichts von derselben halten, weil sie ohne dein Bewusstsein geschieht. Die Leute wollen nicht gerettet werden ohne Werke der Gerechtigkeit, denn der Glaube, den sie GOtt darbringen wollen, ist für sie ein Werk der Gerechtigkeit. GOtt aber gibt Seinen Kindern den heiligen GEist reichlich, aber nur durch JEsum Christum. Das betont der heilige Apostel, damit doch ja Niemand auf den Gedanken kommen könne, dass er in der Taufe etwas außerhalb JEsu Christo erlange, da es ihm der Heilige GEist gebe. Wir können auch den Heiligen GEist nicht anders bekommen, als durch den HErrn.

Ferner betont der Apostel, dass wir den Heiligen GEist reichlich bekommen. Damit steht allerdings im Gegensatze die Erfahrung, dass wir scheinbar so geistesarm im Leben sind, aber das kommt daher, dass es uns wie Saul geht, aus welchem der Heilige GEist durch den bösen GEist vertrieben ward, weil er GOtt ungehorsam war, denn ein Gotteskind muss GOtt gehorchen, sonst verliert es seine Würde. Ein Gotteskind aber, bezeugt der Apostel, ist auch vor GOtt gerecht, denn die Gnade, die wir empfangen in der Taufe, rechtfertigt uns, macht uns so, dass wir vor GOtt bestehen können und bringt uns die Erbschaft des ewigen Lebens, die wir hier schon in der Hoffnung haben. Denn ein Gotteskind ist der ewigen Seligkeit so gewiss, dass die Hoffnung für ihn zur Gewissheit wird, und dass er das Zukünftige in der Gegenwart schon besitzt. Diese Seligkeit wirkt die Taufe. Darum lasst uns dieselbe nicht gering achten, indem wir von der Wiedergeburt als von etwas reden, was für den Getauften erst später, etwa durch den Glauben geschieht. Luther sagt: ein Christ soll täglich in seine Taufgnade hineinkriechen, und wenn wir das tun und uns also der Taufgnade erinnern, dann werden wir die Kraft der Taufe sowohl in der Heiligung, als in der Hoffnung spüren. An uns und nicht an der Taufe liegt es, wenn wir die Kraft der Taufe nicht spüren. Darum ermahnt der heilige Apostel den Titus, er möge dies ja den Leuten einprägen, damit die Gläubigen durch die Tat beweisen, dass sie Gläubige sind, denn eine Fähigkeit und Kraft, die nicht benutzt wird, verrostet. So gehen auch die Gnadengaben verloren, die uns in der Taufe geschenkt wurden, wenn wir sie nicht in einem heiligen Leben verwerten.

So höre, welch eine Bedeutung der Paulus, der den Glauben über Alles hochstellt und preist, den guten Werken beimisst und dann sprich nicht mehr geringschätzig von dem Stande der guten Werke, in dem du erfunden werden möchtest, denn die guten Werke sind nicht nur notwendige Früchte des Glaubens, sondern auch Pflegerinnen des Glaubens. Andererseits ermahnt Paulus den Titus, er möge sich der Streitigkeiten enthalten, die nicht aus dem Glauben kommen. Die Judenchristen sonderlich hatten allerhand törichte Streitfragen über die Bedeutung alttestamentlicher Gesetze, oder Geschlechtsregister, die für das Christentum nicht den mindesten Wert haben konnten. An solchen unnützen Zänkereien fehlt es ja auch nicht in unsern Tagen und ziehen dieselben ab von der Wahrheit. Darum gilt auch uns, was Paulus dem Titus schreibt, diese unnützen Zänkereien zu vermeiden, und statt dessen zu treiben, was aus dem Glauben kommt. Aus diesem Grunde soll Titus sich vor dem Umgang mit den Irrlehrern hüten. Er soll sie ein oder zweimal ermahnen, aber danach soll er jeden Umgang mit ihnen abbrechen und sie nicht mehr ermahnen, denn er soll die Perlen nicht vor die Säe werfen. Ein solcher Irrlehrer sündigt mit vollem Bewusstsein. Er weiß, dass er dem Evangelium widerstreitet. Daher soll ein solcher auch nicht mehr der Ermahnung gewürdigt werden, denn er betrübt den heiligen GEist. So hat also auch das Ermahnen und das hinter einen Sünder hergehen seine Grenze, und die von uns verlangen, dass wir auch den Irrlehrern mit dem Wort der Gnade nachgehen, stehen nicht auf biblischem Grunde. Die Heilige Schrift lehrt uns, es hat Alles ein Ende, auch das Ermahnen.

Zuletzt schließt der heilige Apostel den Brief mit einigen persönlichen Bemerkungen. Er will zu Titus den Arteman oder den Tychicum senden, damit einer von ihnen ihn auf dem Posten ablöse, und zwar soll Tychicus hinkommen nach Nikopolis, einer Stadt in Epirus, die erst gegründet war vom Kaiser Augustus zum Andenken an seinen Sieg bei Actium. Andererseits soll Titus gleich Zenas und Apollus absenden, damit sie zum Apostel kommen, und zwar soll er sie so ausrüsten, dass ihnen nichts abgehe. Augenscheinlich sollen diese Gaben von den Antiochiern aufgebracht werden, denn sie sollen sich bei der Gelegenheit als Gläubige erweisen, die für die Bedürfnisse Anderer sorgen. So hat also GOtt mit Fleiß dafür gesorgt, dass die Gläubigen Gelegenheit haben, Andere zu unterstützen und für die zu sorgen, die das Evangelium treiben, denn die Gelegenheit, gute Werke zu tun, ist zur Förderung des Glaubens notwendig. Darum ist es auch nicht gut, wenn den Leuten die kirchlichen Einrichtungen nichts kosten, denn dadurch fehlt es ihnen an Gelegenheit, ihre Liebe an GOttes Wort zu zeigen. Nicht umsonst hat GOtt es zugelassen, dass der Kirche so viel Gut verloren gegangen ist. Dieser Verlust ist sicherlich schon vielen zum Segen geworden. Das sehen wir bei dem frischen Leben, wie es in den Freigemeinden erblüht. Reichtum ist auch der Kirche kein Fördernis. Ihr Reichtum soll die Liebe der Gläubigen sein, also der Glaube sei nicht unfruchtbar!

So schließt der Apostel mit Grüßen von denen, die bei ihm sind und fordert Titum auf, Alle die zu grüßen, die ihn lieb haben, weil sie mit ihm in derselben Glaubensgemeinschaft stehen. Kommt doch auch die irdische Liebe allein aus dem Glauben!

Verleih uns denn auch, HErr JEsu, den Glauben, in dem wir einander lieb haben können und gib, dass unser Glaube nicht unfruchtbar sei! Amen.

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