Paulsen, Johannes - Bibelstunden über die Pastoralbriefe - Einleitung

Die Briefe an Timotheus, Titus und Philemon bezeichnet die christliche Kirche als Pastoralbriefe, d. h. Hirtenbriefe. Wir haben in ihnen eine treffliche Anweisung zur Seelsorge, wie sie der heilige Apostel selbst geübt hat. Daher sind diese Briefe voll von praktischen Winken, die uns zeigen sollen, wie das Christentum sich im Leben bewähren und sich in Taten darstellen muss. Darum sind diese Pastoralbriefe nicht nur für die Pastoren und alle die, welche Seelsorge zu treiben haben, höchst lehrreich, sondern ebenso lehrreich für alle Christen, an denen Seelsorge zu üben ist, damit sie nicht nur mit dem Kopfe recht gläubig sondern aber vor allen Dingen auch im Leben recht gläubig sind. Keineswegs stellt aber der Apostel das rechte Leben vor die rechte Lehre, denn er geht immer wieder davon aus: Wo keine rechte Lehre ist, kann auch kein rechtes Leben sein. Darum sind die Briefe voll von Warnungen gegen die Irrlehre. Die Irrlehre ist es, die an die Stelle des Schriftworts Fabeln stellen will und GOttes Wort vermischen mit Menschenweisheit; die Irrlehre ist es, die durch allerlei äußere Übungen den Mangel an Ernst in der Lehre und des Lebens zu ersetzen sucht. Aber auch gegen die Irrlehrer kämpft und zeugt der Apostel, die nach der Art unserer Rationalisten alles vergeistigen und verflüchtigen wollen, die z. B. erklären: Die Auferstehung sei geistlich zu deuten und also leiblich gar nicht geschehen. Damals nannten sich diese Herren Lichtfreunde Gnostiker d. h. Wissende, denn das versteht sich alle Zeit bei den Irrlehrern von selbst, dass sie die Gescheiten sind und die Rechtgläubigen die Dummen. Ihr seht also, wie die Irrlehrer gerade damals so waren, wie sie sich heutzutage zeigen, denn Art lässt nicht von Art. Darum ist gerade in unsern Tagen, in denen die Irrlehrer sich wieder die Klugen nennen, das Studieren der Pastoralbriefen allen Christen zu empfehlen, damit sie sich vor dem falschen Wissen hüten.

Aber die Pastoralbriefe sind auch insofern rechte Hirtenbriefe, als der Apostel in denselben für dauernde Ordnungen in der Kirche sorgt. Er schreibt vor, wie die Gemeinden verfasst werden sollen, welche Leute man als Hirten der Gemeinde bestellen darf, so dass wir also auch nach dieser Seite hin den besorgten Hirten erkennen, dem es darauf ankommt, seine Gemeinde auch nach seinem Tode ordentlich zu versorgen.

Paulus hat nun diese Briefe an seine vertrauten Schüler geschrieben gegen Ende seines Lebens, und daher finden wir auch in diesen Briefen einen väterlichen Ton, eine gar ernste Stimmung, wie sie das Ende, dem Paulus entgegensah, erzeugte. Paulus hatte auf seinen Reisen zugleich ein Predigerseminar mit sich geführt, um Bischöfe für die Gemeinde des HErrn auszubilden. Er verlor also keine Zeit auf den Reisen, sondern kaufte auch hier ordentlich die Zeit aus als Direktor eines wandernden Predigerseminars. In diesem Seminar waren auch die Gehilfen erzogen, an welche er seine Briefe richtete. Der erste Brief ist geschrieben an Timotheus, den treuen Gehilfen und Begleiter des Paulus, der uns zuerst Apost. 16, 1 genannt wird. Sein Vater war ein Heide, seine Mutter Eunike eine Jüdin, die später zum Christentume übertrat. Er war von seiner Mutter und seiner Großmutter Lois fromm erzogen, wurde aber durch Paulus selbst zum Christentume bekehrt, weshalb Paulus ihn seinen rechtschaffenen Sohn nennt. Paulus benutzte ihn nun sehr oft dazu, Gemeinden zu ordnen, die Paulus nicht mehr ordnen konnte. So hat Paulus ihn auch in Ephesus als Bischof zurückgelassen, ob er gleich schwerlich viel älter als dreißig Jahre alt war.

Es fragt sich nun, von wo aus Paulus diesen Brief an Timotheus geschrieben. Die Meisten nehmen an, er sei von der Gefangenschaft in Rom aus geschrieben. Aber viel wahrscheinlicher ist, dass der Brief aus der Gefangenschaft zu Cäsarea geschrieben ist, da Paulus gerade hier um seine Gemeinde in Ephesus tief besorgt gewesen sein muss. Für Cäsarea sprechen manche Gründe; es ist in den beiden Briefen an Timotheus auch kein Zug, welcher dieser Möglichkeit widerspricht, dass Paulus von dort aus, wo er gewiss oft den Tod vor Augen sah, diesen Brief geschrieben hat. Dazu kommt noch, dass Paulus erwähnt, dass er Trophimus krank in Milet zurückgelassen habe. Diese Krankheit fällt etwa in das Jahr 58 oder 59. Und da ist es also begreiflich, dass er im Jahre 60 dieselbe erwähnt. Ich erwähne dies nur beiläufig, denn für uns kann es ja ganz gleichgültig sein, ob der Apostel aus Cäsarea oder Rom geschrieben, ob er aus der ersten oder angeblich zweiten Gefangenschaft dies getan, denn die Heilige Schrift erzählt uns nichts weiter darüber. Findet sie es aber nicht nötig uns darüber zu unterrichten, so wird es wohl auch nicht nötig sein, dass wir es wissen. Wir hangen uns außerdem gar zu leicht an Äußerlichkeiten statt auf den Inhalt der Sache einzugehen. So wollen wir denn die Gelehrten darüber streiten lassen, wann der Brief und wo der Brief geschrieben ist. Sie können das freilich ebenso wenig wissen wie wir, aber die Leute müssen

doch etwas zu tun haben, und für sie ist das Grübeln eine eben solche Beschäftigung, wie für unsere Zähne das Beißen. Es ist doch jedenfalls besser, dass sie über solche Dinge grübeln, darin sie niemand Schaden tun können, als wenn sie anfangen, ihren Menschenwitz an den Geheimnissen des Glaubens zu versuchen, und das Übervernünftige vernünftig zu machen.

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