Paulsen, Johannes - 1. Timotheusbrief
1. Kapitel.
Wenn wir nun zur Erklärung des 1. Kapitels des Briefes an Timotheus kommen, so hören wir wie Paulus dem Timotheus gegenüber seine Stellung betont, die er als Apostel einnimmt, denn er will von vornherein dem Timotheus und allen Christen zeigen, dass Niemand in der Kirche lehren darf, wenn er nicht rechtmäßig berufen ist und göttliche Autorität in Anspruch nehmen kann, wie dies unsere Väter im 14. Artikel des Augsburgischen Glaubensbekenntnisses, wie ihr seht, nach Lehre der Heiligen Schrift festgesetzt haben. GOtt hat den Paulus zum Apostel bestellt, er nennt aber GOtt den HEiland, weil ja das Werk der Erlösung von Ihm ausgegangen ist. Der Vater hat's beschlossen, der Sohn hat's ausgeführt. Insofern ist ja der Vater unser HEiland so gut, wie der Sohn HEiland ist. Der Apostel aber betont, dass GOtt ihn berufen, im Gegensatz gegen die Irrlehrer, die Vater und Sohn dem Wesen nach voneinander trennen wollten und die damit dem Apostel gegenüber sagten: Wenn du von Christo berufen bist, so bist du damit noch nicht von GOtt berufen. Diesen gegenüber betont nun der Apostel seine göttliche Berufung, aber verleugnet keineswegs seinen HEiland, vielmehr bezeugt er, dass Christus unsere Hoffnung ist. Wäre Christus nicht da, so wüssten wir nicht, wie wir den Zorn GOttes abwenden sollen, und wären sicher dem Gerichte verfallen. Christus ist unsere Hoffnung, dass GOtt uns gnädig ist. Wer keinen Christus hat, der kann nur alle Hoffnung fahren lassen, denn ohne Christum ist die ganze Gegenwart und die ganze Zukunft finster. Merkt euch das, ihr, die ihr meint, keinen Christum zu gebrauchen, um selig zu werden. Der Apostel bezeugt uns ausdrücklich, ohne Christus ist keine Seligkeit vorhanden. Dagegen freuen wir uns, die wir an den HErrn JEsum glauben, dass wir sagen dürfen, weil wir den HEiland haben, so haben wir auch die Zuversicht, dass wir im Gerichte bestehen. Will der Gedanke an das Gericht uns schrecken, so rufen wir: Christus ist hier! und alle Furcht schwindet.
Dieser Paulus, der also beglaubigt ist, wünscht seinem Timotheus, seinem echten Sohn, der also kein Stiefsohn ist, weil er ihn liebt wie nur ein Vater sein Kind liebt, Gnade. Er betont also, dass die Kinder, die im Glauben gezeugt sind, ebenso gut Kinder sind, wie die, die im Fleisch gezeugt sind, da können also viele kinderlose Eheleute zu Kindern kommen. So wünscht der Apostel diesem, seinem Sohne, das Beste was ein Vater seinem Kinde wünschen kann, nämlich zuerst Gnade bei GOtt, denn Gnade ist das Sonnenlicht, welches unser Leben erhellt. So wie die Menschenkinder sich guten Tag wünschen, so wünschen sich die Christen: Gnade. Zum Zweiten wünscht er ihm Barmherzigkeit, weil unser ganzes Leben gegründet ist auf das Erbarmen, welches GOtt mit Sündern hat. Wenn GOtt Sein Erbarmen zurückzieht, dann ist keine Hülfe für uns zu finden.
Zum Dritten wünscht er ihm Friede, ebenso wie wir Jemand gute Gesundheit wünschen, denn Friede ist die Gesundheit der Seele. Wo die Gnade GOttes wirksam geworden, da muss der Friede der Seele es bezeugen. Da hören wir einen echten christlichen Gruß, der nicht so leer und inhaltlos ist, wie wenn Menschenkinder sich grüßen. Wenn Christen sich grüßen, so haben sie die Hände voll Gaben, die sie mit dem Gruße einander bringen. Darum lassen sich Christen auch so gerne von Christen grüßen, weil das Grüßen sie reich macht.
Paulus hat den Timotheus nun ermahnt, dass er zu Ephesus bleiben sollte, während er selbst nach Makedonien reiste. Er hat ihn also selbst zu seinem Stellvertreter bestellt, und ihn als solchen beauftragt, gegen die Irrlehrer, die sich schon früh in den christlichen Gemeinden austaten, zu kämpfen, denn der Reiz, GOttes Wort mit Menschen Wort zu verfälschen, ist vom Teufel von jeher Menschen ins Herz gelegt worden. Da hört ihr nun, welche oberste Pflicht GOtt allen denen auferlegt hat, die im Kirchenregimente sitzen. Die sollen vor allen Dingen den Irrlehrern entgegen treten, denn die Irrlehrer sind die Wölfe, die die Herde Christi zerfleischen und ein Hirte muss doch in erster Linie seine Herde schützen gegen ihre Verwüster. Wenn eine Kirchenbehörde gegen diese ihre Pflicht nicht tut, dann hat sie ihr Amt verwirkt, dann ist sie nicht besser, als ein Buchhalter, der seine Bücher nicht führt, oder ein Verwalter, der die ihm anvertrauten Güter verwahrlost. Die Irrlehrer aber sehen vielmehr auf Fabeln und allerlei Fragen, die interessant sind, als auf die rechte Lehre. Dies ist ihre Art damals so gewesen und ist es noch jetzt. In Hameln, der Burg des Protestanten-Vereins in Hannover, lehren die Protestantenvereinler, wie überall, dass GOttes Wort Fabel ist; dagegen haben sie mit großen Kosten das Gedächtnis des Rattenfängers gefeiert, der vor 600 Jahren Kinder aus der Stadt weggeführt haben soll, obgleich sie wissen, dass daran kein wahres Wort ist. Aber so hört unsere Zeit stets auf Fabeln, nur nicht auf das Wort des lebendigen GOttes, welches die Wahrheit ist. Wahrheit als Fabel hinstellen und Fabeln zur Wahrheit machen liebt ein Geschlecht, welches immer etwas Neues sagen und erfinden will. Der Apostel aber sagt, mehr als auf alle interessante Fragen, soll darauf gesehen werden, dass wir durch den Glauben besser werden.
O möchten das sich doch alle Christen in unsern Tagen merken, denn was fordert man heutzutage nicht von den Dienern GOttes? Sie sollen interessant sein und die Leute angenehm unterhalten; sie sollen etwas reden, was man gerne hört und noch nicht gewusst hat, damit man Neuigkeiten im Gotteshause hören kann. Sie sollen die Heilige Schrift so auslegen, wie man sie noch nie ausgelegt gehört hat. Aber darauf kommt es nicht an; im Reiche GOttes handelt es sich darum, dass wir durch den Glauben besser werden. Paulus Wort ist also eine Predigt gegen tote Orthodoxie. Nicht Glauben allein, sondern lebendiger Glaube ist nötig. Wird unser Glauben gemehrt, werden unsere Sünden abgetan, dann wird auch unser Leben gebessert und wir sind nicht umsonst im Gotteshause gewesen.
So lasst uns also darauf sehen, dass wir durch die Predigt besser werden, und nicht darauf, dass durch die Predigt unsere Neugierde befriedigt wird, denn so fährt Paulus fort, der Endzweck des Gebotes, welches GOtt den Menschenkindern gegeben, ist ein Leben in der Liebe zu erzeugen, und zwar in einer Liebe, die in einem reinen Herzen wohnt, Liebe, die aus einem guten Gewissen kommt und aus einem ungeheuchelten Glauben, denn die ganze christliche Kirche bezeugt uns einhellig, dass das Liebesleben das wahre Christenleben ist, weil es ein Vorschmack des ewigen Lebens ist, da wir ja im Himmel einst ein Leben in der Liebe führen werden. Aber die Liebe muss auch rechter Art sein: Sie muss aus einem reinen Herzen kommen, in dem keine Selbstsucht wohnt, sie muss aus einem guten Gewissen kommen, damit sie nicht die Sünde in sich trägt. Sie muss auf einem reinen Glauben wachsen, damit sie Glaubenskraft austeilt. Nur eine solche Liebe ist eine echte Liebe. Diese Liebe hat nicht Gefallen an unnützem Geschwätz, sondern sie will Taten tun. Sie ist ein Feind der Heuchelei, denn die Liebe ist Reinheit und Wahrheit. Liebe, die nicht rein und wahr ist, hat auch keinen Anspruch auf den schönen Namen Liebe, sie unterscheidet sich von dieser wie das Sumpfwasser vom klaren Quellwasser. Wie viele aber wollen Gesetzeslehrer sein und Andern den Weg zum Leben zeigen, während sie selbst nicht wissen, was sie lehren. Sie lehren Andere und es fehlt ihnen selbst an der rechten Schriftauslegung. Nun, sagt der Apostel, wir wissen, dass das Gesetz auch jetzt noch gut und heilsam ist, aber es muss recht d. h. wie es im Urtexte steht, „gesetzmäßig“ gebraucht werden, d. h. so gebraucht werden, wie es das Wesen des Gesetzes fordert, denn das Gesetz gibt selbst die Grundsätze seiner Auslegung an. Das ist ein Grundsatz, der auf alle Schriftauslegung Anwendung findet, denn alle Schrift muss schriftgemäß ausgelegt werden. Wir dürfen in der Heiligen Schrift Nichts suchen, was wir gerne darin suchen wollen, sondern wir müssen die Schrift nach dem Zusammenhange der Schrift erklären, und eine Schriftstelle verwenden zur Erklärung der nächsten. Die Schrift erhellt sich selbst, die hellen Stellen erleuchten die dunklen Stellen. Aber dann wissen wir auch, dass das Gesetz nicht gegeben ist für die Gottseligen, sondern, um Zügel und Riegel zu sein für die Sünder. Die Leute, welche im wahren Glauben leben und welche im wahren Glauben die Heilige Schrift beachten, die wissen auch, was sie an der Heiligen Schrift haben. Denen schärft der Glaube also das Gewissen, dass sie wissen, was Sünde ist, weil sie wissen, was GOtt nicht gefällt. Aber das Gesetz soll den Sündern, die ihre Sünde nicht erkennen, die Augen öffnen, indem, dass ihnen ihre Sünden nachgewiesen werden, damit sie gestehen, dass sie Sünder sind. In dem Sinne sagt auch Dr. M. Luther: Das Gesetz gehört auf das Rathaus! Unser Gesetz ist die Liebe und was gegen die verstößt, das ist Sünde. Deshalb geht für den Christen das Gesetz viel weiter, als die Gebote lauten, wie dies Luthers Erklärung der Gebote zeigt.
Sünde ist, sagt der Apostel, Alles, was der gesunden Lehre zuwider ist, denn Sünde ist Krankheit und Lehre ist das Mark der Gesundheit. Diese Lehre aber steckt in dem Evangelio des GOttes, der Selber selig ist und durch das Evangelium auch Andere selig machen will. Denn nur wo gesunde Lehre ist, da ist auch gesundes Leben.
Hört also hier wie der heilige Apostel, der auf gesundes Leben solchen Wert legt, uns die Quelle des gesunden Lebens in der gesunden Lehre zeigt, und nun bedenke, wie sehr in unsern Tagen die gesunde Lehre vernachlässigt wird, und dann wundere dich nicht, dass es so sehr an gesundem Leben fehlt. Nun erinnert sich der heilige Apostel, dass er selbst vom HErrn diese gesunde Lehre empfangen und indem er auf sein eigen Leben zu sprechen kommt, kann er nicht unterlassen, die Gnade zu rühmen, die ihn zu solcher Arbeit fähig gemacht. Christus hat ihn stark gemacht, Christus hat ihn treu gemacht, das weiß er, aber er erinnert sich auch, was er gewesen ist, und der Apostel kann bei seinem Vorleben nie ohne tiefe Rührung verweilen, hat doch aus ihm, dem Verfolger die Gnade GOttes einen Apostel gemacht, der die Gemeinde baut! Mir ist Erbarmung widerfahren! das ist der Lobgesang, den er zu Ehren seines HErrn stets anstimmt. An ihm hat sich der ganze Reichtum des HErrn offenbart, an ihm hat der HErr JEsus gezeigt, was Er aus einem armen Sünder machen kann, wenn Er ihn erhebt aus dem Staube der Sünde in Seine seligmachende Nähe. Aber hört auch, wie er betont: Ich habe es unwissend getan, also nicht wider besseres Wissen, wie so viele Christen jetzt es tun, die sich doch auf den Apostel berufen. Darum hat ihm der HErr einen so reichen Glauben und eine so reiche Liebe aus Gnaden verliehen. Hätte er aber aus Bosheit gefehlt, so hätte der HErr Sich seiner nicht erbarmen können, da wäre er ein Verstockter gewesen, der die Sünde wider den Heiligen Geist begangen. Aber die Barmherzigkeit ist ihm nicht um seinetwillen widerfahren, das weiß er, sondern um arme Sünder dadurch zu reizen, an die Barmherzigkeit zu glauben, damit arme Sünder nicht verzweifeln, sondern sich sagen: Hat GOtt einen Paulum noch zu Gnaden angenommen, so nimmt Er dich vielleicht auch noch zu Gnaden an. Denn, so fährt der Apostel fort, das ist gewiss wahr, oder, wie es wörtlich heißt: „Das Wort ist zuverlässig und der ganzen Annahme wert!“ dass JEsus Christus ist in die Welt gekommen, Sünder selig zu machen. Ja, Sünder und nicht Gerechte! Darauf baut Paulus, dass JEsus Sich der Sünder annimmt, denn zu denen zählt er sich. JEsus nimmt die Sünder an und nicht die, welche bereits Heilige sind!
O, ist dies Evangelium nicht auch für eure Ohren süße Musik? Ihr meint oft, ihr seid zu schlecht, um gerettet zu werden, aber gerade wenn ihr einseht, dass ihr zu schlecht seid, so erkennt ihr auch, dass auch für euch der heilige JEsus da ist. Sünder selig zu machen, das ist ja der Zweck Seines Kommens. Seht, weil Paulus solches an seinem Leben selbsterfahren hat, darum bricht er in den Jubel aus: Ehre nur JEsu, dem ewigen König! Und nicht wahr, kein begnadigter Sünder kann es unterlassen, durch sein ganzes Leben hindurch dem Könige der Könige Jubellieder zu singen. Das Leben begnadigter Sünder muss ein Leben des Lobes GOttes sein.
So wendet sich denn nun Paulus an den Timotheum und fordert ihn auf, selbst den Glaubenskampf zu kämpfen und sich als einen solchen Diener GOttes zu beweisen, wie er es nach den Weissagungen sein sollte, die bei seiner Ordination über ihn von den Propheten der Gemeinde ergingen, damit er nicht die Lebensbestimmung, die GOtt ihm gegeben, außer Acht lasse. GOtt zeichnet unser Aller Lebensweg, aber Er hat es in unser Aller Hand gelegt, ihn zu gehen. Das Leben aller Christen, sonderlich aber der Diener GOttes, ist ein Kampf um die Krone und um das Kleinod. Wer GOttes Diener sein will, der muss ein Kämpfer sein. Aber für den Diener GOttes ist vor allen Dingen nötig, dass er selbst 1. Glauben und 2. ein gutes Gewissen behält. Wer Beides nicht hat, kann auch nicht im Segen arbeiten. Da fragt euch einmal, ob heutzutage nach dieser Regel nicht Viele ihre Hände vom heiligen Amte lassen sollten. Es fehlt gerade in dieser Beziehung an der Wacht in der Kirche.
Wie aber Paulus die Irrlehrer beurteilt, beweist, dass er zwei Hauptirrlehrer, von denen er sagt, dass sie am Glauben Schiffbruch gelitten, dem Satan übergeben hat, damit sie nicht mehr lästern, d. h. also nicht, er hat sie der Verdammnis übergeben, sondern leiblichen Plagen, damit der Satan sie züchtigen soll, auf dass sie sich in JEsu Arme werfen. Ihr seht also, wie der Satan so dem Reiche GOttes wider Willen dienen muss. Aber seht auch, welche Gewalt und welch' ein Recht ein Diener GOttes hat und wie er mit den Sündern verfahren kann, ja verfahren muss, wenn es die Gesundheit der Herde Christi fordert. Seid nicht barmherziger als euer HErr und HEiland im Himmel ist, das möchte euch schlecht bekommen. Die Kirche Christi geht zu Grunde an der Weichlichkeit, welche man in unsern Tagen den Sündern zeigt. Sie soll vor allen Dingen die Irrlehrer dahin weisen, wohin sie gehören, nämlich zum Satan, aber sie soll festhalten, dass der Zweck aller Strafe die Besserung ist.
O, HErr JEsu, mache Du uns selber stark und treu, damit wir in Deiner Kirche lauter und rein Dir dienen und unverrückt auf Dich schauen. Amen!
Das 2. und 3. Kapitel.
Lieber HErr JEsus! Du hast uns den Gottesdienst gegeben, damit in demselben die Seele bereitet wird für den Gottesdienst, den wir einst im ewigen Leben feiern. Hilf, dass wir immer besser hier Dich verherrlichen, auf dass wir würdig werden für die ewige Herrlichkeit und Dir ewig dienen dürfen! HErr, gib uns Augen, die Dein Heil erkennen und sehen, was zu unserm Besten dient. HErr, gib uns einen Mund, der Dich preisen mag und Füße, die auf Deinen Wegen gehen! Amen!
Liebe Gemeinde! Der Apostel beginnt in unserm Kapitel mit einer Reihe von speziellen Ermahnungen an die christliche Gemeinde, und zwar beziehen sich dieselben vor allen Dingen auf das Gebet. Das Gebet ist das beste Mittel zu der Kräftigung des Glaubens, das Mittel, durch welches wir allein in uns aufnehmen können den ganzen, unausforschlichen Reichtum Christi. Zuerst erwähnt der heilige Apostel nun das öffentliche Fürbittegebet, und es ist bezeichnend, dass er dasselbe an die Spitze der Gebete stellt.
Als eines Tages ein Christ einen Bauersmann fragte, wie man in seinem Kirchort zur Kirche ginge, da sagte derselbe: Nun, zu Kirche wird bei uns nicht gegangen, unser Pastor ist ein alter Mann und was der uns sagen kann, wissen wir selbst. Da sagte der Christ: Aber wird denn bei euch in der Kirche nicht gebetet? Gewiss, war die Antwort, der Pastor spricht ja das Kirchengebet. Ei, und da mögt ihr fehlen, wenn eure Gemeinde vor GOtt erscheint?
Lieber Christ, steht es unter euch anders? Wie Viele meinen nicht: Sie könnten sich ferne halten vom Gottesdienste, weil sie sich zu Hause besser erbauen können. Aber bedenkt ihr denn nicht, dass in der Kirche gebetet wird? Aber ihr glaubt nur nicht an die Macht des Gebetes, sonst würde Niemand von euch es tragen können, wenn er am Sonntage nicht mit der Gemeinde des HErrn zu seinem GOtte schreien könnte. Daher nehmt zu Herzen, was hier der heilige Apostel schreibt, dass man zuerst tue: Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen. So hoch schlägt er das gemeinsame Gebet an, dass er sagt, dasselbe müsse die Hauptsache bilden. Wenn wir bedenken, welche Verheißung Christus dem gemeinsamen Gebete gegeben hat, und wenn wir solcher Verheißung des HErrn glauben, dann sind wir dessen sicher, dass der heilige Apostel uns hier an Etwas erinnert, was uns nie aus dem Gedächtnisse kommen sollte.
Wenn nun der heilige Apostel alle Arten des Gebetes aufzählt, so will er damit sagen, dass nicht eine bestimmte Gebetsart die beste sei, sondern dass in jeder möglichen Art gebetet werden müsse, das Gebet soll eben das ganze Christentum umfassen und daher möglichst allseitig sein. Eine Hauptsache beim Gebet ist nun, dass wir nicht das Gebet vergessen für die Fürsten und die Obrigkeit. Wie Viele mögen nicht diesen Teil des Kirchengebets für überflüssig gehalten haben und meinen, dass, wenn nicht die Obrigkeit selbst dazu anhielte, das Gebet zu sprechen, dasselbe fortfallen könnte. Wie oft habe ich 1864 nicht gehört, dass Leute sogar Anstoß an diesem Kirchengebete nahmen, weil dasselbe missbraucht werde zu Demonstrationen.
Nun, es gab solche Leute auch zu Zeiten des Apostels. Ein Teil aus den Christen-Juden wollte nicht für die heidnische Obrigkeit beten und man muss gestehen, dass die Christen wohl Bedenken haben konnten, dieser Obrigkeit in ihrem Gebet zu gedenken. Aber der heilige Apostel betont ausdrücklich, dass sie für die Obrigkeit zuerst beten sollten, denn die hätte es am nötigsten wegen ihrer großen und schweren Verantwortung. Aber eine gute Obrigkeit ist ein großer Segen für die Untertanen, denn nur unter einer guten Obrigkeit können wir ein ruhiges und stilles Leben führen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit. Wer hat nicht erfahren, wie unter einer gottlosen Obrigkeit das christliche Leben leidet. Das christliche Leben ist aber eben ein stilles und ruhiges Leben, denn das Christentum macht uns still und ruhig, und die Gottseligkeit selbst ist ja eine Stille und Ruhe in GOtt. Es ist wahr, nehmen kann uns die gottlose Obrigkeit den Frieden nicht, den GOtt uns gibt, aber sie kann ihn uns sehr beeinträchtigen und kann es uns schwer machen, ihn zu bewahren. Gerade Christen sollten es billig wissen, was eine gute Obrigkeit wert ist und sollten um eine solche fleißig den HErrn anrufen. Seht, so macht das Christentum uns zu rechten Patrioten. Ein Christ ist stets ein Königstreuer, der Obrigkeit gehorsamer Mann. Daher sollte jede Obrigkeit, wenn sie ihr eigenes Beste wüsste und wenn der Satan nicht ihre Augen verblendete, zunächst dafür sorgen, dass das Christentum in ihrem Lande gepflegt und gefördert würde, das wäre die beste Staatsweisheit.
Nun, solch eine Fürbitte will GOtt von allen Christen hören, weil Er will, dass Allen geholfen werde und dass sie Alle zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Deshalb soll sich die Fürbitte auf alle Menschen erstrecken und ihr seht wie Unrecht die Reformirten haben mit ihrer Prädestinationslehre, welche lehrt, dass GOtt nicht will, dass Allen geholfen werde und dass Alle zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, denn, wenn GOtt das nicht will, so dürfen wir auch nicht für Alle beten, weil wir sonst ja für Leute beten können, die GOtt nicht selig machen will. Wir könnten dann ja niemals der Erlösung für Alle gewiss werden, und doch sollen wir mit der Gewissheit beten, dass wir erhört werden. Aber merkt euch, GOtt will, dass wir gerettet werden, indem wir zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Also gerettet werden kann man nur, wenn man die Wahrheit erkennt und die Wahrheit ist, dass JEsus Christus ist der Sohn des lebendigen GOttes. Nur wo man dies erkennt, wo die gesunde Lehre vorhanden ist, da kann die Rettung geschehen. Wir werden nicht selig durch unsere Gefühle, sondern allein durch die Wahrheit. Wer die nicht in sich aufnehmen will, der kann auch nicht gerettet werden. Ohne Wahrheit keine Seligkeit. Die Leute, welche uns lehren, dass es auf das Leben ankommt und nicht auf die Lehre, urteilen nicht nach der Heiligen Schrift, sondern nach ihren Meinungen, und Meinungen helfen keinem Menschen zum ewigen Leben. Aber ist es nicht ein starker Trost für alle trostbedürftigen Seelen, dass hier ausdrücklich steht: GOtt will, dass alle Menschen gerettet werden. Er will nicht, dass auch nur eine einzige Seele ausgeschlossen wird, und wenn also Jemand ausgeschlossen wird von der ewigen Seligkeit, so schließt er sich selbst aus.
Nun fährt der Apostel fort zu bezeugen, dass GOtt will, dass allen Menschen geholfen werden soll, denn es gibt eben nur einen GOtt für alle Welt. Wären mehrere Götter da, so könnte uns angst und bange sein, ob wir je dem GOtte angehören, der selig machen will, aber nun ist kein Zweifel, der eine GOtt will Alle selig machen und zwar durch den einen Mittler, JEsum Christum, welcher Selber Mensch geworden, damit er die Menschheit zu GOtt führe. Der heilige Apostel gebraucht nur hier den Ausdruck Mittler, sonst nirgends in seinen Briefen, während im Hebräer-Brief der Ausdruck Mittler für den HErrn JEsus sehr oft gebraucht wird. Wir aber sehen auch hieraus wieder, wie die Theologie der heiligen Apostel dieselbe ist. Paulus wie die ganze Heilige Schrift betont an unserer Stelle so nachdrücklich, dass JEsus Christus der Mensch ist, weil eben darin, dass er es geworden, die Wahrheit der Erlösung liegt. Wenn er nicht die Menschheit angenommen hätte, so wäre eine Erlösung undenkbar, denn Er hätte Sich dann nicht hingeben können als Lösegeld, wie es buchstäblich übersetzt heißt. So hat Christus durch die Tat bewiesen, dass Er allen Menschen helfen will. Er selbst hat sich zum Lösegeld dargeboten und wie man im Kriege die Gefangenen auswechselt, so hat Er Sich dargeboten für die gefangengehaltene Menschheit, damit diese frei gegeben werden müsste.
Wer also das Lösegeld bezahlt, und das tut Jeder, der es durch den Glauben an den HErrn JEsum zu seinem Eigentum macht, der hat damit auch tatsächlich die Errettung erlangt und daher sagt der heilige Apostel, soll diese Erlösung gepredigt werden. Feierlich beteuert und betont er, dass er dazu geordnet sei, den Heiden solch Evangelium zu verkünden, damit Alle es wüssten, dass Christus selbst den heiligen Apostel mit solcher Arbeit beauftragt habe, wie er es also selbst gewollt, dass das Evangelium gepredigt würde. Deshalb aber sollen sich auch überall die Männer gedrungen fühlen, zu diesem HErrn zu beten, denn wenn uns solch ein Heil dargeboten wird, dann gilt es, dass wir es für uns erwerben, und das geschieht durch das Gebet. Aber auch das Gebet muss in rechter Weise geschehen, wenn es helfen soll. Die Hände, welche aufgehoben werden, sollen heilige Hände sein, denn wenn ein Beter in einer bewussten Sünde steht, so liegt ein Bann auf ihm, so dass GOtt Sein Angesicht vor ihm verbirgt und ihn nicht hört. Ebenso sollen die Beter nicht in der Feindschaft stehen. GOtt will keinen Beter vor sich sehen, der sich nicht versöhnt hat mit seinem Bruder, denn die Feindschaft ist vor GOttes Augen etwas Entsetzliches, nachdem Er selbst die Feindschaft zwischen sich und den Menschen weggetan hat. So ist Unheiligkeit und Zank eine Wolke, die GOttes Antlitz verhüllt, so dass Er uns nicht gnädig ansieht und so dass unsere Gebete nicht erhört werden.
Nun weißt du also, wie es zugeht, dass deine Gebete so oft vor GOtt nicht erhört werden. Tue die Wolke weg, auf dass GOtt deine Gebete erhöre.
Der Apostel hat gesagt, dass die Männer die betenden Hände aufheben sollen, damit hat er vorausgesetzt, dass die Frauen an den öffentlichen Gebetsversammlungen nicht teilnehmen, denn solches war für die damalige Zeit nicht passend, da das weibliche Geschlecht von dem männlichen strenge gesondert war, um alle Gelegenheiten zu fleischlichen Ausschreitungen zu meiden. Auch war für die Frauen die Gefahr zu groß, dass gemischte Gebetsversammlungen zu unlauteren Zwecken benutzt wurden, aber Gebetsversammlungen sollen die Frauen deshalb doch halten. Sie sollen sie aber so halten, wie es sich für sie geziemt. Sie sollen dabei nicht ihrer Eitelkeit frönen und geputzt und geschmückt erscheinen. Es ist das eine nützliche Bemerkung für viele Frauen auch in unsern Tagen, denn es ist euch ja bekannt, wie viele Eitelkeit mitgenommen wird in das liebe Gotteshaus und wie viele Weiber durch ihren Putz und Schmuck sich selbst und Andere in ihrer Andacht stören und um den Segen des Gottesdienstes betrügen. Freilich sind die Frauen wohl berechtigt, auch an ihrer Kleidung die Gaben zu benutzen, die GOtt ihnen gibt, aber diese Gaben soll nicht die Eitelkeit benutzen, um sie zu schänden. Der schönste Schmuck der Frauen sind ihre guten Werke, wie die schönsten Hände die wohltätigen Hände sind. Das Weib ist sonderlich dazu berufen, durch Werke der Liebe zu glänzen. Das sind christliche Perlen und Edelsteine. Im Stillen die Kranken pflegen, die Traurigen trösten, das ist herrlicher Schmuck des Wandels, aber die schönste Zier des Weibes ist die züchtige Stille. Eine Christin kann kein vorlautes, geschwätziges Weib sein, sondern das Christentum macht stille. Daher sei man vorsichtig mit den Frauen- und Jungfrauenvereinen, wie sie Mode werden, in denen oft ein sehr vorlautes und unchristliches Auftreten der Frauen herrscht. Wem gefällt dies nicht, denn, wenn schon geschwätzige Männer oft wenig tiefes Gemüt haben, so schwatzen viele Frauen sich das Christenleben aus der Seele hinweg, und es ist Nichts widerlicher, als eine Frau zu hören, die meint, in der Geschwätzigkeit ihr Christentum beweisen zu müssen. Ebenso unchristlich ist es, wenn Frauen im Hause nach der Herrschaft trachten, denn GOtt hat dem Weibe nicht die erste Stelle angewiesen, sondern dem Manne. Er hat nicht umsonst Adam zuerst geschaffen, und eine christliche Frau weiß auch dann dem Manne diese Stellung einzuräumen, wenn sie denselben an Geist und Gaben überlegen sein sollte. Das Weib hat schon einmal erfahren, was es heißt, vorlaut sein. Wäre sie nicht vorlaut gewesen, so hätte sie nicht die Sünde in die Welt gebracht. Darum sollen alle Töchter Evas sich sorgfältig vor allem vorlauten Wesen hüten, denn sie stehen unter dem Drucke, dass sie Töchter derer sind, die die Sünde in die Welt gebracht hat. Der Beruf des Weibes ist stille Unterordnung. Sie kann nur selig werden in ihrem Mutterberuf, das meint der Apostel, wenn er sagt: Durch Kinder zeugen wird sie selig. Das Haus ist ihre Welt, in dieser soll sie Glaube, Liebe und Heiligung pflegen. Wenn sie das tut, baut sie die Gemeinde GOttes und wächst selbst im Glauben. Man hat diesen Ausdruck des Apostels oft falsch gedeutet, hat ihn bespöttelt und bekrittelt, aber wer mit klaren Augen diese Stelle liest, dem kann es nicht zweifelhaft sein, was der Apostel meint. Er will der Frau lediglich ihren Wirkungskreis anweisen, denn wer nicht treu ist in dem Beruf, den GOtt ihm anweist, kann ganz gewiss nicht einst das Wort hören: Ei du frommer und getreuer Knecht, oder du fromme und getreue Magd, du bist über Wenigem getreu gewesen, ich will dich über Viel setzen!
Aber wir Alle wissen auch, welch eine Wichtigkeit diesem Berufe der Frauen beigemessen werden muss. Wie viele Helden im Glaubensleben haben nicht davon rühmen können, was brave fromme Mütter wert sind. Gerade in unsern Tagen, in denen so viele Frauen über die Grenzen ihres Berufes hinausdrängen, sollte man sich erinnern, dass die Frauen-Emanzipation unchristlich ist. Christus hat die Frauen schon emanzipiert, sie dürfen nicht weiter emanzipiert werden.
Nachdem nun der Apostel das Leben der Gesamt-Gemeinde beleuchtet hat, kommt er zu dem Amte der Gemeinde, denn für das Gemeindeleben ist ja von größter Wichtigkeit, wer der Führer der Gemeinde ist. Da stellt er nun voran, dass ganz unzweifelhaft das geistliche Amt ein christliches Amt sei, aber eben deshalb darf es auch nicht Jedem anvertraut werden, und daher ermahnt er, vorsichtig zu sein bei der Wahl zum geistlichen Amte. Wer in das geistliche Amt hinein will, der soll vor allen Dingen einen heiligen Wandel führen, denn der Diener GOttes soll nicht nur durch sein Wort, sondern auch durch sein Werk, nicht nur durch seine Lehre, sondern auch durch sein Leben erbauen. Ferner soll ein Diener GOttes in sittlicher Beziehung unanstößig sein. Er soll nur ein Weib haben, denn im Heidentum, wo es ja nicht unanstößig war, wenn ein Mann mehrere Weiber oder Kebsweiber hatte und selbst Patriarchen mehrere Frauen hatten, mochten sich Christen, die aus dem Heidentum übertraten, darauf berufen, dass in der Heiligen Schrift nirgends einem Manne verboten sei, mehrere Frauen zu haben. Hat doch sogar noch im siebzehnten Jahrhundert nach Christi Geburt ein Generalsuperintendent die Vielweiberei im Worte GOttes nicht für verboten gehalten. Wir haben auch keinen Beweis dafür, dass in der ersten Zeit des Christentums die vom Heidentum übertretenden Christen genötigt wurden, ihre Frauen zu entlassen. Das Christentum sollte von innen heraus das heidnische Leben überwinden, nicht durch gesetzliche Anordnungen, so lange das Herz noch nicht verändert und erneuert war. Die Katholiken lehren: Von außen nach innen, das Evangelium aber von innen nach außen.
Ein Geistlicher aber sollte unter allen Umständen nur ein Weib haben, denn der Mann, der das Fleisch bekämpfen soll, kann nicht selbst dem Fleische unterworfen sein. Die alte Kirche aber schien in dieser Stelle das Verbot der Wiederverheiratung zu finden und die griechische Kirche hat auf Grund dieser Stelle ihren Bischöfen verboten, nach dem Tode der ersten Frau sich wieder zu verheiraten. Am unangenehmsten freilich war der katholischen Kirche diese Stelle, weil sie ja direkt gegen den Zölibat streitet. Deshalb hat sie auch alles Mögliche versucht, um diese Stelle hinweg zu deuten, hat z. B. unter dem Weibe die Kirche gedeutet, was natürlich Torheit ist!
Ferner wird noch von dem Geistlichen verlangt, dass er alle Tugenden besitzen soll, die auch die Weltkinder als solche anerkennen, besonders wird von ihm die Gastfreiheit und Lehrtüchtigkeit gefordert. Die Pastorate sind ja stets die Burgen der Gastfreiheit gewesen.
Wenn es nun ferner heißt, dass die Pastoren lehrtüchtig sein sollen, so müssen wir bekennen, dass gegen diese Regel sehr viel in unsern Tagen gesündigt wird. Wer selbst verworren ist, kann Anderen nichts klar machen und wenn GOtt Jemandem nicht die Gabe gegeben hat, predigen zu können, so hat Er gewiss ihn auch nicht auf die Kanzel stellen wollen. Wenn der Apostel nun ferner darauf hinweist, dass der Pastor nicht mit den Lastern behaftet sein dürfe, wie sie jetzt im Schwange gehen, so versteht sich dies ja von selbst, aber wir sehen wie auch in unsern Tagen dagegen gesündigt und das heilige Amt geschändet wird. Auch dagegen wird vielfach gesündigt, dass der Geistliche unehrliche Hantierung treibt, oder, wie es eigentlich heißt, schändlichem Gewinne nachgeht. Dieser Gewinn braucht nicht gerade in Geld und Gut zu bestehen, er kann auch in Ehre und Ansehen bei den Menschen bestehen und von dieser unehrlichen Hantierung sind keinesfalls alle Geistlichen frei, denn zu den unehrlichen Hantierungen rechne ich auch, wenn der Geistliche sich zum Schreiber des Staates erniedrigt, für diesen Bütteldienste tut, Listen fabriziert und Aborte nachsieht. Dass dieser Staatsdienst das geistliche Amt teilweise tief entwürdigt hat, kann Niemand leugnen, der diese Entwürdigung mit eigenen Augen angesehen. Der Geistliche soll seine Hausgemeinde zu einer kleinen, vorbildlichen Gemeinde machen, damit sie die lebendige Illustration seiner Predigten sei. Der Segen des Pastorats ist der, dass in demselben der Pastor seine Hausgemeinde der Gemeinde als Vorbild vor Augen führen kann.
Wenn nun vom Pastor verlangt wird, dass er gehorsame Kinder habe, so muss der Apostel voraussetzen, dass er das wirklich erreichen kann, und wenn jetzt in den Pastoraten so oft über ungehorsame Kinder geklagt wird, so sollten die Pastoren sich fragen, ob sie nicht über die Arbeit an Anderen die Arbeit an denen vergessen, die ihnen doch noch näher stehen. Durch die Pastorate wird oft die beste Arbeit des Pastors niedergerissen, statt dass dadurch die Gemeinde gebaut wird und daher sollte der Pastor sich wohl bedenken, wem er die Hand zum Ehebunde reicht. Wie viele geistgesalbte Diener GOttes haben sich und ihre Gemeinden für alle Zeiten unglücklich gemacht, dadurch, dass sie zu früh mit Heiratsgedanken anfingen. Wer ein Geistlicher sein will, der soll auch geistlich sein im Freien, und wenn vom heiligen Apostel ferner verlangt wird, dass ein Geistlicher kein Neuling sei, d. h. kein eben erst Bekehrter, weil derselbe sich alsdann so leicht in seiner Würde aufblähe und dadurch Anlass zum Spotte gäbe, da sollte selbstverständlich ein gar nicht Bekehrter unfähig sein, in das geistliche Amt zu gelangen. Mag man bei dem theologischen Examen vor allen Dingen auf das Wissen sehen, so darf man die Ordination doch Niemand erteilen, der nicht im Glauben steht und so hat's die lutherische Kirche früher auch gehalten.
Eine christliche Gemeinde muss in erster Linie fragen: Wie steht es um den Glauben bei den Leuten, die in das geistliche Amt kommen wollen? Es würde dann auch den Ungläubigen viel weniger Anlass zum Spotte gegeben werden, und das geistliche Amt selbst würde mehr ausrichten als es jetzt tut. Das geistliche Amt hat sich so lange selbst Respekt verschafft, als in das geistliche Amt auch nur Geistliche eintreten konnten. Wenn es aber fest steht, dass auch Ungläubigen die Ordination erteilt wird, so kann man es ja dem Volke nicht verargen, wenn es in den Geistlichen Heuchler sieht, die nur für Geld sich gläubig stellen. Es würde das Amt nicht von denen verlästert werden, die da draußen stehen und der Geistliche würde nicht von denen, die nicht im Glauben der Kirche stehen, am Strick gezogen werden, so dass er mit ihnen, um des Kohlenfeuers willen, isst und trinkt, wenn er selbst fest im Glauben stände. Was aber von dem Pastoren gilt, das gilt auch von ihren Gehilfen, den Diakonen. Die hat man freilich jetzt abgeschafft, und die Pastoren sollen Alles in der Gemeinde besorgen, aber zum Segen der Gemeinde ist dies nicht geschehen. Die Arme der Pastoren sind in unseren Tagen viel zu kurz, um überall hinreichen zu können. Sie gebrauchen Männer, die ihnen in der Gemeindepflege helfen.
Solche Männer sollten in erster Linie die Kirchenältesten und Gemeindevertreter sein, aber Gott erbarme sich, was für Leute wählt man heutzutage dazu? Oft diejenigen, welche keine Gemeinde als die Ihrigen anerkennt und die sie mit keinem irdischen Vertrauensposten bekleiden würde, geschweige Leute, die im Glauben stehen. Man bestellt diese Leute auch nicht zu Pflegern der Gemeinde, sondern vielmehr zu Zerstörern derselben. Hört ihr Christen, was für Leute ihr zu solchen Ämtern wählen sollt und welche Leute ihr auch nur in solchen Ämtern anerkennen dürft. Der Apostel sagt: Diese Leute sollen das Geheimnis des Glaubens bewahren in reinem Gewissen. Er sagt also, es ist selbstverständlich, dass diese Gehilfen der Pastoren Glauben haben müssen, aber dieser Glaube muss von ihnen getragen werden in dem Gefäß des guten Gewissens. Das reine Gewissen kann aber nur beim heiligen Wandel vorhanden sein, aber der Apostel sagt auch, dass der Glaube selbst ein großes Geheimnis sei und ein Geheimnis bleiben solle. Wer daher das Geheimnis des Glaubens nicht tragen kann, der soll es auch nicht ertragen Pfleger der Gemeinde genannt zu werden. Wer nicht an Geheimnisse im Reiche GOttes glaubt, sondern nur an seine Vernunft, der darf auch kein Amt in der Gemeinde bekleiden. Deshalb will der Apostel, dass auch diese Gehilfen der Pastoren eine Probezeit durchmachen und dann erst fest angestellt werden, damit bewährte Leute in den Dienst der Gemeinde berufen werden.
Seht, mit welcher Vorsicht die Regierung in unseren Tagen bei der Anstellung von Schullehrern vorgeht. Die müssen ihre Probezeit durchmachen, bevor sie fest angestellt werden, aber die Gemeinde Christi verachtet man in unsern Tagen zu sehr, als dass man darauf achten sollte, dass bei der Anstellung ihrer Beamten gleiche Sorgfalt angewandt werde. Im Gegenteil, man reißt noch mehr die Schranken nieder, welche unartige Leute hindern sollen, die Gemeinde Christi zu zerstören. Das ist ein Zeichen, dass in unsern Tagen der Antichrist in der Kirche Raum gewinnt.
Neben den Diakonen wirkten in der Gemeinde die Diakonissinnen.. Von diesen verlangt der heilige Apostel, dass sie nicht Verleumderinnen seien. Ach, meine Lieben, möchten sich das doch alle Jungfrauen und christlichen Schwestern in der Gemeinde merken.
Nicht die größten Verbrecher haben so viel Unheil in der Welt angerichtet, als es christliche Schwestern mit ihren Zungen getan haben, und man sollte daher an die Türe jeder christlichen Jungfrau, sonderlich in reiferen Jahren, das Wort schreiben: „Weiber sollen ehrbar sein, nicht Verleumderinnen!“ Würden christliche Jungfrauen das vor Augen und im Herzen haben, so würden sie sich nicht um den Segen des Glaubens und die Gemeinde nicht um ihre Erbauung bringen, denn die Zungen vieler christlich gesinnter Schwestern sind tatsächlich der Fluch vieler christlicher Gemeinschaften. Darum, christliche Schwestern, seid stille im HErren und lasst nicht eure Zunge über euer Herz regieren.
Nun aber hat der Apostel auch für die, welche in der Gemeinde dienen, einen schönen Trost. Er sagt, die Gemeindebeamten, die also treu dienen, erwerben sich eine schöne Stufe, nämlich auf der Himmelsleiter. Sie kommen dem ewigen Leben näher und merken dies daran, dass sie viel Zuversicht im Glauben an JEsum Christum erlangen, denn das wissen wir Alle, dass wir selber innerlich wachsen, indem wir Andere fördern. Wie es z. B. kein besseres Mittel gibt zu lernen, als dass man Andere lehrt, so gibt es auch kein besseres Mittel, selbst fester im Glauben zu werden, als dadurch, dass man Anderen zum Glauben hilft. So tragen die Diener der Gemeinde auch hier auf Erden schon ihren Gewinn davon. Die Freudigkeit, die sie bei treuem Dienst selbst im Glauben erlangen, ist für sie eine gute Stufe auf der Himmelsleiter.
Der heilige Apostel schreibt dem Timotheus Alles, damit er wisse, wie er in des Apostels Abwesenheit die Gemeinde leiten solle. Er gedenkt freilich bald zu ihnen zu kommen, aber es ist nötig, dass in der Gemeinde Christi nichts versehen werde und dass auch in der Zeit seiner Abwesenheit Alles ordentlich zugehe, denn die Gemeinde ist das Haus GOttes. Es ist dies ein Bild, welches der heilige Apostel oft gebraucht, denn in der Gemeinde geht der HErr umher wie ein Hausherr in seinem Hause und sieht zu, ob Alles auch ordentlich darin zugehe. In der Gemeinde erzieht Er die Christen geradeso, wie der Hausvater seine Kinder im Hause. Daher bedenkt, die ihr in der Gemeinde des HErrn seid, dass ihr wandelt in dem Hause eures GOttes und dass ihr demgemäß euch so verhaltet, dass die Augen eures GOttes stets auf euch ruhen können. Denn von den Kindern im Hause verlangt man vor allen Dingen, dass sie artig und gehorsam sind, wenn nicht die Rute der Zucht sie treffen soll. So verlangt GOtt auch von seinen Kindern, dass sie sich so betragen, dass Er Freude an ihnen hat.
Das Haus GOttes aber steht auf dem Worte der Apostel und Propheten. Dieses Wort ist Pfeiler und Grundfeste der Wahrheit, denn ihr wisst, dass es beim Hausbau vor allen Dingen auf den Grund ankommt. Ist an dem etwas versehen, so ist das ganze Gebäude schwach. Der Pfeiler aber ist der Balken, der das ganze Dach trägt und dieser Pfeiler ist aus demselben Material, aus dem der Grund gebaut ist, denn ein besseres Material als GOttes Wort gibt es nicht. Wohl uns, wenn wir auch mit diesem Material die Kirche des HErrn bauen, denn dieses Material ist feuerfest und wetterfest. Kein Feuer der Hölle kann es zerstören und keine Trübsal kann es vernichten. Wehe uns aber, wenn das Material mit Menschenwerk zersetzt ist. Dann wird es auseinander gehen und keine Kirche wird bestehen, die auf solchem Grunde und mit solchem Material erbaut ist.
Werden aber Bauleute schwer bestraft, die mit verfälschtem Material bauen, dann sollten umso mehr diejenigen schwer bestraft werden, die das von GOtt gegebene Material verfälschen. Werden sie auch auf Erden nicht bestraft, GOtt wird sie schon dereinst nicht straffrei lassen. Darum fasst der heilige Apostel den Inhalt des Wortes GOttes kurz zusammen und zwar in Worten, die im Urtexte anzeigen, dass es sich um ein feierliches Gemeindebekenntnis handelt. Denn früh hatte die christliche Gemeinde das Bedürfnis, den Inhalt des Wortes GOttes zusammen zu fassen in dem Bekenntnisse der Kirche, damit sie dasselbe den Heiden gegenüber als Fahne zeigen konnte. Der heilige Apostel aber legt auf das Bekenntnis einen solchen Nachdruck, dass er dasselbe hier im Worte GOttes anerkennt und anführt. Damit hat er uns Allen einen Wink gegeben, was die Bekenntnisse der Kirche wert sind. Die sind auch nicht ohne Zutun des Heiligen Geistes entstanden, und daher sollte jede Gemeinde ihre Bekenntnisse hoch halten, als ihre heilige Rechte, welche ihr den Beweis geben, dass sie noch auf dem Boden der Väter steht und mithin noch nicht abgewichen ist von dem Grunde, welcher den rechten Glauben bedeutet.
Wir haben also hier das älteste Glaubensbekenntnis und den ältesten Katechismus und zwar sind in demselben drei Artikel und in jedem Artikel wird die Lehre von Christo nach zwei Seiten hin dargestellt. Im ersten Artikel heißt es: „Geoffenbart im Fleisch und gerechtfertigt im Geist!“ Das heißt, Er hat Sich erwiesen als wahrer Menschensohn und wahrer GOttessohn. Sein Leben hat bewiesen, dass Er die Herrlichkeit Seines Vaters besaß. Im zweiten Artikel wird uns gesagt, dass Er den Engeln erschienen ist und zwar dürfen wir es wohl beziehen auf die Zeit vor Seiner Menschwerdung, als schon die Augen der Engel ihn schauten. Dann aber ist Er gepredigt worden den Völkern, damit sie wüssten, dass sie durch Ihn allein selig werden könnten, denn eine Erlösung ohne die Predigt von der Erlösung nützt Nichts. Im 3. Artikel wird uns erzählt, dass Er auf der Welt Glauben fordert, dass also der Glaube allein uns die Erlösung zu Teil werden lässt, aber auch, dass Er in der Welt so gelebt hat, dass man Ihm glauben müsste. Dass Er also Sich selbst beglaubigt hat durch Wunder und Zeichen, und endlich hat Sein Ende Sein Leben beglaubigt, denn Er ist aufgenommen worden in die Herrlichkeit. Damit hat GOtt klar erwiesen, dass Er war, für den Er Sich ausgab, GOttes Sohn. Dies Alles ist eben das große Geheimnis der Gottseligkeit, denn solche Wahrheit muss immer im Glauben wohnen, wenn man selig in GOtt sein will, und dies Bekenntnis ist das Bekenntnis der Kirche und als solches auch die Grundlage der Kirche. Auf dem Bekenntnisse zu JEsu Christo muss die Kirche stehen. Eine Kirche, die sich nicht zu Christo bekennt, kann nicht selig machen.
Dich aber, HErr GOtt himmlischer Vater, bitten wir herzinniglich. Erhalte Deine Kirche in dem Bekenntnis des Glaubens an Deinen Sohn. O hilf um Deines Namens willen, dass wir im Bekenntnis immer fester werden, damit wir in Dir immer seliger sind! Amen!
4. Kapitel.
Lieber HErr JEsu! Du hast durch den Mund der heiligen Apostel die Deinigen darauf aufmerksam machen lassen, welch' ein Urteil Deiner Kirche bevorstehe durch die Irrlehrer, die die Schafe zerreißen, statt sie zu weiden und daher bitten wir Dich, bewahre Deine Gemeinde vor den Irrlehrern, denn die Zeit ist eingetroffen, die geweissagt ist und die Verwüstung, welche sie anrichten, ist erschrecklich und groß! HErr, gib uns Allen offene Augen, damit wir den Gräuel der Irrlehrer erkennen, damit wir einsehen, wie wir auf unser Hut sein müssen, wenn wir nicht mit verderben wollen unter ihrer mörderischen Hand! Gib uns Führer, die da Wache halten und die uns zurufen: Sei auf deiner Hut, sonst wird das Verderben dich ereilen. Hilf, HErr, um Deines Namens willen und erhalte uns bei reiner Lehre und reinem Sakrament! Amen!
Der gesunden Lehre, welche der Apostel dem Timotheus an das Herz gelegt hat, tritt nun gegenüber der große Abfall durch die Irrlehrer. Die Propheten, welche in der Gemeinde lebten, weissagten, dass in späteren Zeiten ein großer Abfall vom Glauben geschehen würde, indem die Leute sich vom Teufel verführen ließen. Damit sagt der heilige Apostel, woher die Irrlehre kommt. Sie ist in ihrem Wesen etwas Teuflisches, der Satan will die Kirche Christi überwältigen, ob er gleich weiß, dass ihm das doch Nichts nützt. Aber das ist das Teuflische, Etwas tun müssen und doch wissen, dass es Nichts hilft. Kann er nun auch die Kirche selbst nicht zerstören, so kann er doch viele Seelen dem Verderben preisgeben. Wir aber wollen uns stets erinnern, dass die Irrlehre etwas Satanisches ist und dass die Irrlehrer von den bösen Geistern besessen sind. Damit sind aber die Irrlehrer selbst nicht entschuldigt, denn sie sind Heuchler und Lügner. Sie heucheln ein geisterfülltes Leben, während sie tatsächlich ein fleischliches Leben führen. Denn alle Irrlehre hat ihren Quell in der Fleischeslust, und selbst wenn sie scheinbar übergeistlich auftritt, ist ihr Wesen doch durch und durch fleischlich. Außerdem dürfen wir uns nun nimmer an die Kniffe der Irrlehrer und ihr unehrliches Wesen halten. Die ungläubigen Professoren lehren ja selbst ihre Schüler, dass sie sich möglichst kirchlicher Ausdrücke bedienen sollen, damit das Volk nicht darauf aufmerksam werde, dass ihm eine vom Glauben abweichende Lehre gepredigt werde. Kirchliche Ausdrücke gebrauchen und sich dabei etwas Anderes denken, das ist ja gerade die Falschmünzerei dieser Leute, das ist ja ihre Heuchelei und ihr Betrug. Deshalb wird auch das Volk nicht so leicht aufmerksam auf die Irrlehre. Wie Viele meinen, einen treuen, rechtgläubigen Pastor zu haben, weil derselbe stets in lieblichen Ausdrücken predigt, und sie wissen nicht, dass er ein Heuchler und Betrüger ist. Alle Irrlehrer sind Heuchler und Lügner, und wie den Verbrecher in früheren Zeiten das Brandmal auf die Stirn gebrannt wurde, damit sie als solche erkannt würden, so haben die Irrlehrer solch ein Brandmal im Gewissen. Die Unruhe und Friedlosigkeit ihres Gewissens, in der sie immer neue Irrlehren aushecken, ist für sie und Andere das Kennzeichen, dass sie vom Teufel besessen sind. Der Apostel kennzeichnet nun diese Irrlehre nach verschiedenen Seiten hin. Er sagt, die Irrlehrer verbieten die Ehe und ebenso gewisse Speisen zu genießen, so z. B. verboten die Manichäer vom Wein zu trinken, weil derselbe aus dem Blute des Teufels herstamme. Andere verboten, Fleisch zu essen, weil Fleisch sündlicher Stoff sei. Aber der Apostel sagt, was GOtt erschaffen, das kann kein Mensch für unrein achten, da GOtt den Christen als den Priestern selbst die Macht verliehen, alle Speisen zu weihen. Das Speisegebot des Alten Testaments sollte die Juden daran erinnern, dass das Leben der Auserwählten ein heiliges sein müsse, auch ihr Essen und Trinken. Aber die Christen sind im Stande, die Speisen zu weihen durch Wort GOttes und Gebet. Dadurch tragen sie dieselben gleichsam vor GOttes Angesicht und machen sie zu Schauspeisen, indem sie Brot essen wie die Priester des Alten Testaments, die nur Schaubrot aßen.
Da seht ihr also, wie den Christen zur Pflicht gemacht wird, Nichts zu essen, ohne es zu weihen. Wir sind ein priesterliches Volk und was GOtt den Priestern im Alten Testament gesagt hat, das gilt auch uns. Alle Speise müssen vor das Angesicht GOttes gelegt werden, aber dann wissen wir auch, dass wir so geweihte Speisen mit Freuden und in Frieden genießen können, denn dann gilt nicht mehr über sie das alttestamentliche Speisegebot, sondern dann tritt wieder das Wort GOttes bei der Schöpfung in Kraft, dass Alles, was Er gemacht hat, sehr gut ist. Die Kraft des Gebetes bricht die Kraft der Sünde.
Ebenso zeugen diese Worte gegen die katholische Kirche, wenn sie die Ehelosigkeit als einen höheren Stand anpreist, denn die Ehe ist auch eine Gabe GOttes, die wir nicht gering und gemein achten können. Aber auch sie soll durch Wort GOttes und Gebet geheiligt werden. Die Ehe, von dem Standesbeamten geschlossen, ist eben eine nicht christliche Ehe, weil kein Wort und Gebet dabei gebraucht wird. Sie hat für den Christen nicht mehr Wert, als die Einwilligung, welche er sich auch von seinen Eltern geben lässt, und wer die Zivil-Ehe vorzieht, der verleugnet sein Christentum.
So fordert Paulus den Timotheus auf, dieses den Brüdern anzuempfehlen, weil er sich eben damit als ein guter Diener JEsu Christi legitimiere und beweise, dass er geblieben sei in der Lehre, in der er aufgewachsen, denn nicht darauf kommt es an, dass man einmal die rechte Lehre gehabt hat, sondern dass man sie bewahrt, und das nicht nur im Kopfe, sondern in der Praxis des Lebens. Die Lehre wird erst dann lebendiger Besitz, wenn sie geübt wird, und die Glaubensworte werden erst dann zu Schätzen, wenn sie zu Taten werden. Darum soll Timotheus vor allen Dingen abweisen die Irrlehren, welche Paulus ungeistliche und altvettelische Fabeln nennt. Dass sie Fabeln sind, sehen wir klar, denn es sind Hirngespinste, denen jeder Grund der Wahrheit fehlt. Aber sie sind auch ungeistlich, weil sie aus dem Fleische stammen, und sie sind albern für jeden einsichtigen Menschen, obgleich die Irrlehrer ihre Lehre für die höchste Weisheit ausgeben, denn was für törichtes Geschwätz müssen wir nicht von den Irrlehrern hinnehmen, so dass man sich wundern muss, wie vernünftige Leute so Etwas reden und glauben können. Wenn man hört wie die Ungläubigen die Gläubigen verspotten, wegen ihres Glaubens und uns über die Entstehung der Welt Dinge vortragen, welche tatsächlich einen Glauben fordern, der weit über den Glauben hinausgeht, den die Heilige Schrift fordert, wenn Professor Haeckel in Jena uns vorschwatzen will, dass durch die Einwirkungen der Sonnenstrahlen Maden Augen bekommen, dass aus Würmer Fische wurden, als sie in das Wasser gerieten, dass Mäuse und Maulwürfe zu Vögeln wurden, wenn die Not sie lehrte, fliegen zu lernen, so sind das Albernheiten, über die man lachen muss, und doch gibt es viele, sogenannte Gebildete, welche solche Verrücktheiten glauben. Wiederum, wenn in unsern Tagen die Irrlehrer behaupten, Christus sei nicht GOttes Sohn gewesen, aber ein edler, frommer Mensch, so ist das eben albern, denn jeder ehrliche Mensch muss sagen, ist Er nicht GOttes Sohn gewesen, so ist Er der schändlichste Betrüger gewesen, der je gelebt hat.
Wie vielen Aberglauben sprechen nicht die Irrlehrer, wenn sie uns ihre wunderlichen Lehren vortragen, an denen auch nicht der mindeste Grund ist. Da wollen wir uns die Ermahnung des heiligen Apostels merken: Der ungeistlichen und altvettelischen Fabeln entschlage dich! - Dagegen hat der heilige Apostel eine Anweisung, die auch uns sehr nützlich ist, wenn er sagt, übe dich aber selbst in der Gottseligkeit. Fragst du mich, worin solche Übungen bestehen, so weise ich dich hin auf die Werke des Christenlebens. GOtt Selbst gibt uns Gelegenheit zu solchen Übungen, weil Übungen gewandt und stark machen. Wenn wir uns z. B. im Gebet oder im Wohltun üben, so üben wir uns darin, selig zu sein im Gebet. Ebenso gehört zu solchen Übungen das Fasten und Nachdenken über GOtt, kurz Alles, was den Geist hinleitet auf das Ewige, und das Fleisch dämpft, denn durch solches Vorgehen wird die Gebetskraft gemehrt und gestärkt. Diese Übung, sagt der Apostel, ist besser als die leibliche Übung, wie sie die Irrlehrer empfehlen, welche meinten, man solle den Leib kasteien, um dem Geiste das Überwicht zu geben.
Nach anderer Seite hin wird ja auch bei uns die leibliche Übung gewaltig gepflegt und wir wollen das Turnen, und was damit in Verbindung steht, gewiss nicht verachten, obgleich es noch fraglich ist, ob die Turnerei mehr von Übel als von Nutzen ist. Denkt nur daran, wie oft nicht durch die Turnerei, Schießerei, Spritzerei der Sonntag entheiligt und somit Gelegenheit zu Trunk und Spiel dargeboten wird. Aber die Gottseligkeit, die ist zu allen Dingen nütze. Man sagt freilich, dass die Gottseligkeit nur für das ewige Leben etwas tauge, aber nicht für das irdische Leben. Wenn du dich aber erinnerst, was du an der Gottseligkeit auf Erden hast, wie sie gibt Frieden für das Gewissen, Ruhe für die Seele, Sorglosigkeit in dem Bewusstsein, dass der Vater für dich sorgt, dann meine ich, du hast in der Gottseligkeit einen solchen Reichtum in der Gegenwart, eine solche Freude, dass es der Mühe wert wäre, gottselig zu sein, wenn auch nicht das ewige Leben darauf stände. Wir Christen freuen uns, dass wir Hoffnungsmenschen genannt werden, denn Jeder von uns weiß, was ein Mensch dafür tut, um sich die Zukunft seines Lebens zu sichern, aber wir sind der Überzeugung, dass uns auch die Gegenwart gehört, wenn uns die Zukunft gehört. Gegenwart und Zukunft sichert uns die Gottseligkeit; das ist ganz gewiss, sagt der heilige Apostel, und darum gibt es nichts Einträglicheres, als die Gottseligkeit, und schon die Klugheit gebietet uns, gottselig zu sein.
Ja, das ist unser frohes Bekenntnis, dass unsere ganze Hoffnung auf den wahren und lebendigen GOtt gerichtet ist. Darüber mag man uns gerne schmähen und uns als Dummköpfe verschreien, wir wissen, dass unser GOtt für alle Menschen auf der Erde sorgt. Wir sehen, wie kein Volk ist, das sich nicht seiner Fürsorge erfreut. Da können wir doch erkennen, dass die Gläubigen, die Ihm besonders nahe stehen, auch besonders von Ihm versorgt werden. Wenn wir hineinblicken in die Natur und sehen, wie GOtt die Tische für alle Nationen deckt, in wie mannigfaltiger Weise Er dafür sorgt, dass Jedem das Seine wird, wenn wir hineinblicken in die Geschichte und sehen, wie wunderbar Er die Geschicke der Menschenkinder leitet, dann muss doch unser Herz jubeln, wenn wir daran denken, dass Er Seine Gläubigen gewiss nicht vergisst.
Ja, meine Lieben, sonderlich den Gläubigen, das ist ein Glaubensartikel, der unsern ganzen Stolz ausmacht, denn wir wissen es gewiss, wir kennen unsern GOtt und wissen, dass Er ein HEiland ist, sonderlich der Gläubigen. Eben deshalb sind wir so ruhig und sorgenfrei, denn GOtt vergisst die Seinen nicht. Wir haben uns Ihm überlassen und übergeben und noch soll der Erste kommen, der uns beweist, dass GOtt den verlassen, der sich auf Ihn verlassen.
Das sollte Timotheus den Kretern sagen und das sollen wir auch glauben, damit keiner von euch GOtt das Unrecht antut, dass er seine Hoffnung nicht voll und ganz auf den lebendigen GOtt setzt. Immer wieder müssen wir euch sagen: Sorgen heißt sündigen. Sorgen heißt den lebendigen GOtt beleidigen. Darum weg mit den Sorgen, der lebendige GOtt hat es nicht verdient, dass du Ihn also beleidigst und kränkst.
Timotheus war ein junger Diener GOttes, den er sehr jung zum HErrn JEsu bekehrte und der jetzt wohl nicht viel älter als dreißig Jahre alt war. Darum sagte Paulus ihm, er solle dafür sorgen, dass Niemand seine Jugend verachte und zu ihm sage, ein so junger Mann könne Andere nicht ermahnen, weil er selbst keine Erfahrung habe. Aber wie kann Timotheus dafür sorgen, dass ihm seine Jugend nicht vergessen wird? Dadurch, dass er sich als ein Muster im christlichen Leben beweist und sich dadurch Respekt verschafft, und zwar soll er sich auszeichnen erstens im Wort, d. h. nicht nur durch eine treue Predigt, sondern überhaupt in der Unterredung mit Andern. Da soll er zeigen und beweisen, dass er mit dem Heiligen Geiste gesalbt ist. Ferner in seinem Lebenswandel soll er zeigen, dass sein Wandel vom Heiligen Geiste erleuchtet ist. Ferner soll er beweisen in seinem Verkehr die Liebe, die er von Andern fordert und die Glaubensfestigkeit, die er Andern anpreist. Endlich soll sein ganzer Wandel ein so heiliger und reiner sein, dass er selbst gleichsam ein wandelndes Christentums ist. Wenn er ein solches Leben führt, dann verschafft er sich Respekt in der Gemeinde und außerhalb der Gemeinde.
Viele Christen und auch viele Prediger würden auch nicht bei den Weltkindern in solcher Verachtung stehen, wenn man in ihrem. Reden und Wesen sähe, dass sie wirklich christliche Charaktere wären. Darum sollen wir keineswegs den Spott der Weltkinder von uns abschütteln ohne Selbstprüfung. Wenn Andere dich zu tadeln haben, so frage dich, ob du nicht selbst Grund zu solchem Tadel gibst, denn von unsern Feinden können wir oft weit besser lernen, wie wir unser Leben bessern sollen, als von unsern Freunden. Darin ermahnt nun der heilige Apostel den Timotheus seines Amtes fleißig zu warten, damit ihm die Gnadengabe, welche er bei seiner Ordination empfangen habe, immer mehr wachse und zunehme, denn auch für einen Diener GOttes heißt es: Immer völliger werden! Auch für den Diener GOttes ist Stillstand nichts Anderes als Rückschritt, und wenn es in der Gemeinde, die ihm anvertraut ist, oft nicht rascher vorwärts geht, so liegt das daran, dass er selbst stille steht.
Der Apostel aber bezeichnet als solche seine Arbeit das Lesen, Ermahnen und Lehren. Das Lesen ist natürlich Vorlesen des Wortes GOttes, wie solches schon in den Judenschulen gebräuchlich war. Wir sehen, welche Bedeutung der Apostel diesem Vorlesen beimisst, denn GOttes Wort als Mittel und Grund der Erbauung hat stets die erste Stelle. Ohne GOttes Wort kein Leben. GOttes Wort ist die Seelenspeise, die stets zuerst geboten werden muss. Dann soll GOttes Wort angewandt werden auf jeden einzelnen Hörer, und das ist die Aufgabe der Ermahnung. Dann soll aus GOttes Wort gewonnen werden die Regel und Richtschnur des Lebens und das ist die Aufgabe der Lehren. Wenn aber der Diener GOttes sein Amt mit aller Sorgfalt treibt, dann wird der Gewinn der fleißigen Arbeit ihm zuerst selbst zugutekommen. Er selber wird heranreifen in der Gottseligkeit und der Amtstüchtigkeit, denn nur der Geistliche wird Andere retten und fördern, der selber darauf achtet, dass er gerettet ist, und der dafür sorgt, dass er immer weiter gefördert wird. Auf sich selbst achthaben, das heißt, auf Andere Acht haben. Wenn unsere Gemeinden sehen, wie es dem Geistlichen ein heiliger Ernst ist um seine eigene Seligkeit und sich selber die reine Lehre zu bewahren, dann werden sie selbst den Eindruck haben, dass es sich um eine ernste Sache handelt und sie werden selbst ernst werden. Sie werden selbst mit heiligem Eifer dem Pastor zuhören, wenn er ihnen GOttes Wort sagt. Aber was hier dem Pastor gilt, das gilt auch jedem Hausvater und Jedem, der ein Amt in der Gemeinde hat. Werdet selber heilig, jagt selbst eurer Seligkeit nach, das wirkt mehr, als tausend Ermahnungsreden, die ihr Andern haltet. Wie viele predigen Anderen und werden selbst verwerflich. Es ist immer eine große Gefahr, wenn wir die Augen nach auswärts richten, statt auf uns selbst. Darum wollen wir die Ermahnung des heiligen Apostels zu Herzen nehmen: Habt Acht auf euch! Aber es heißt hier: habt Acht auf die Lehre. Ja, das tut in unserer Zeit Not. Man will ein gesundes Leben ohne gesunde Lehre. Das kann man doch so wenig haben, als Muskeln ohne Knochen. Wie zeugt doch der heilige Apostel hier gegen diese Gleichgültigkeit in der Lehre, wie sie leider Mode geworden ist. Darum, die ihr meint, auf die Lehre komme es nicht an, wenn man nur den HEiland lieb habe, hört, dass ihr den HErrn JEsum nicht lieb haben könnt, wenn ihr nicht heiligen Ernst auf die gesunde Lehre legt, wenn es euch nicht darum zu tun ist genau zu wissen, was Er sagt. Ja, habt Acht auf die Lehre!
Du aber, HErr GOtt, himmlischer Vater, wollst uns Weisheit geben und Sorgfalt, Acht zu haben auf uns, damit wir Acht haben auf die, die uns anvertraut sind, damit wir selbst selig werden und selig machen die, die Du uns gegeben hast! Amen!
5. Kapitel.
Lieber HErr GOtt, himmlischer Vater! Du hast Deine Kirche gegründet zur Werkstatt des Heiligen Geistes, dass Dir darin zubereitet werden alle Seelen, welche Du in Deine Seligkeit führen willst! Du hast das heilige Amt gegründet zum heiligem Dienst an den Seelen. Sieb Deinen Dienern Weisheit zu führen das Amt nach Deinem Wohlfallen und jeder Seele zu geben, was ihr nötig ist. HErr, rüste Deine Diener aus mit Kräften des Glaubens und gib ihnen, was sie bedürfen! Amen!
Der heilige Apostel gibt dem Timotheus jetzt Anweisungen für seine Amtsverwaltung, damit er lerne, sich jedem Einzelnen gegenüber recht zu verhalten. Denn darauf kommt es an, dass jedem Einzelnen in der Kirche sein Recht wird. Darin besteht die Stärke derselben, dass der Einzelne gepflegt wird. Ihr wisst nun, dass das in unsern Tagen unterbleibt und dass man zufrieden ist, wenn die Kirche so in Bausch und Bogen weiter geführt werden kann. Aber gerade das Darniederliegen der Seelsorge ist ein schwerer Schaden für das ganze Gemeindeleben, Alles kommt darauf an, dass wir nicht nur erkennen, dass die Seelsorge neben der Predigt unentbehrlich ist, sondern dass wir sie vor allen Dingen auch üben.
So zeigt nun Paulus dem Timotheus wie er sich zunächst gegen die Alten verhalten soll, und da ermahnt er ihn, niemals das Alter außer Acht zu lassen, wenn etwa ein alter Mann ermahnt werden muss, weil er sich versündigt hat. Er soll ihn nicht anfahren, sondern ihn in aller Sanftmut erinnern, wie etwa ein Sohn seinen Vater, wenn er es nicht recht macht. Das Alter soll ihn also nicht abhalten von der Ermahnung, denn die ist ein Diener GOttes jedem Gemeindegliede schuldig, aber es soll ihn abhalten von der Übereilung. Auch den jüngeren Männern gegenüber soll Timotheus mit aller Vorsicht verfahren und dieselben nicht hochmütig von oben herab behandeln, sondern sie behandeln wie Brüder und Schwestern. Es soll eben der Diener GOttes in seinem ganzen Verhalten zeigen, dass die Liebe das Lebenselement der Christen ist. Dasselbe Verhalten soll er beobachten den weiblichen Mitgliedern der Gemeinde gegenüber. Da macht ihm der Apostel besonders zur Pflicht das keusche Zurückhalten gegen die jüngeren Frauen, denn ein Diener Gottes schadet sich durch nichts mehr, als wenn die Gemeinde nicht den Eindruck hat, dass er wirklich ein geisterfüllter Mann ist.
Sieht eine Gemeinde, dass der Pastor selbst noch das Fleisch in sich herrschen lässt, so wird durch diesen Anblick die Wirkung des Wortes GOttes abgestumpft. Der Pastor soll daher nicht nur, wie selbstverständlich, alles Verbotene meiden, sondern er soll auch das Erlaubte sich versagen, wenn dadurch die Schwachen geärgert werden könnten. Der Pastor soll aber geistlich bleiben in allen Verhältnissen, und daher schicken sich für ihn keine Galanterien, wie solche in der Welt üblich sind. Besondere Ehre soll Timotheus den Witwen in der Gemeinde gewähren und zwar denen, die wirkliche Witwen sind und sich als solche betragen. Wahre Witwen sind die, die keine Familienglieder haben, die sich ihrer annehmen können. Hat eine Witwe erwachsene Kinder, oder Verwandte, die sie unterhalten und pflegen können, so macht der Apostel es denselben besonders zur Pflicht, für die Witwe zu sorgen, denn er geht immer davon aus, dass GOtt befiehlt, zuerst den nächsten Kreis zu versetzen, bevor wir uns des weiteren Kreises annehmen können. Wer im engsten Kreise nicht treu ist, der ist im weiteren Kreise nicht zu gebrauchen. Wie viele erblicken wir nicht auch heutzutage, die helfen, Heiden zu Christo zu führen und die ihre eigene Familie vernachlässigen, die den verlorenen Kindern nachgehen und ihre eigenen Kinder verwahrlosen lassen. Solchen muss gesagt werden, wer nicht im kleinen Kreise treu ist, dessen Treue ist überhaupt verdächtig. Der muss es sich stets gefallen lassen, dass er dafür angesehen wird, dass er aus der Gottseligkeit ein Gewerbe macht.
Darum vergiss nicht über das Ferne das Nahe, vergiss nicht, dass du deine Hausgenossen eher versorgen musst, als die Heiden. Der Witwe aber, die keine nahe Verwandte hat, soll Timotheus zeigen, dass sie ihre ganze Hoffnung auf den lebendigen GOtt stellen soll und soll ihre Zeit zubringen mit Gebet und Flehen zu dem lebendigen GOtt. Das ist allein der Witwen bester Zeitvertreib. Der GOtt, der versprochen hat, sonderlich der Witwen und Waisen GOtt und Berater zu sein, der GOtt wird auch der Witwen und Waisen Sich annehmen und auch die nicht verlassen, die sich auf Ihn verlassen.
Die Witwe aber, die sich der Weltlust ergibt, und die Fleischeslust pflegt, die ist lebendig tot, denn die kann keine Hoffnung auf GOtt setzen, und es ist nichts, was so sehr das geistliche Leben auslöscht, als die Fleischeslust. Dies soll Timotheus den Witwen ausdrücklich sagen, damit sie sich in der Gemeinde unsträflich verhalten, soll aber auch zugleich, und das betont er nochmals wieder, denen sagen, die da verpflichtet sind, die Witwe zu unterhalten, dass sie den Glauben verleugnet haben und ärger als die Heiden sind, wenn sie die Witwen, welche zur Familie gehören, nicht versorgen. Es sollte jede Familie die Witwen, die GOtt der HErr ihr zuweist, ansehen, als ihrer besonderen Pflege überwiesen, damit sie an denselben ihr Glaubensleben beweisen können. Mögen aber auch diejenigen, welche oft so hart und rücksichtslos gegen arme Verwandte sind, sich merken, was der heilige Apostel ihnen zuruft und mögen sonderlich die, welche den Ihren das Wort GOttes vorenthalten, die sie gar zurückhalten vom Gottesdienste, wenn sie dazu Antrieb haben, sich das sagen, damit sie sich nicht noch für Christen halten, ob sie auch ärger, denn die Heiden leben. Denn die Heiden halten ihre Hausgenossen an, den Göttern alle Ehrfurcht zu erweisen. Sie verlangen von ihren Kindern, dass sie die Götzen nicht vernachlässigen. Wie oft haben die Heiden nicht ihre Kinder getötet, wenn sie vom Heidentum abfielen. Wie gut wäre es, wenn die Christen sich von solchen Heiden nicht beschämen ließen und nicht hinter den Heiden zurück stehen wollten.
Nun aber musste auch die Gemeinde sich der Witwen annehmen, die keine Versorgung hatten, und diese wurden in ein Verzeichnis der Unterstützungsbedürftigen aufgenommen. Man hat nun gemeint, dass an unserer Stelle hier die Rede sei von solcher Unterstützung der Witwen, und dass nur würdige Witwen unterstützt werden sollten. Es dürfte aber das hier kaum zutreffend sein, denn dass die Witwen, welche nicht christlich gelebt haben, nicht unterstützt werden sollten, würde schwerlich der Apostel anordnen. Eine Witwe konnte ja früher der Sünde gedient, sich aber später zum HErrn bekehrt haben. Es ist hier vielmehr die Rede von der Aufnahme in das Verzeichnis der Diakonissinnen, die in der Gemeinde an den Krankenbetten zu dienen hatten, die auch wohl die jüngeren Schwestern überwachten, und sonst in der Gemeinde dienten, wo es nötig war.
Diese wurden feierlich in ihr Amt eingeführt, und mussten sich zu einem heiligen Wandel verpflichten. Solche Witwen sind geborene Diakonissinnen und wollte GOtt, dass sich alle Witwen zu solchem heiligen Dienst verständen.
Nun für das Diakonissenamt verlangt der Apostel, dass eine Diakonissin sich in ihrem Wandel bewährt habe, und dass sie die Tugenden beweise, welche man besonders von den Diakonissen verlange. Da verlangt er, dass sie in ihrem häuslichen Kreis bewiesen habe, dass sie treu in der Erziehung sei, weil sie sonst ja nicht die jungen Frauen ermahnen konnte, ihre Kinder recht zu erziehen, dass sie ferner gastfrei sei, weil sie sonst ja nicht in der Christenliebe stand, die auch in den Fernstehenden Brüder und Schwestern sieht, dass sie auch demütig ist und vor allen Dingen sich nicht schämt der niedrigsten Dienste, denn zu denen gehörte auch das Waschen der Füße.
So sollen also für das Amt der Diakonissin nur reife Christinnen auserwählt werden, damit nicht durch dasselbe mehr geschadet als genützt werde. Aus dem Grunde soll auch nicht Timotheus junge Witwen anstellen, denn die Gefahr ist zu groß, dass die jungen Witwen wieder in die Fleischeslust zurückfallen und daher in ihrem Dienste nur Schaden machten, denn meistens suchten dieselben wieder zu heiraten und geben dadurch leicht sich das Ansehen, als ob sie bei ihrem Dienste allerlei Nebenabsichten hätten. Dadurch aber, dass sie schließlich wieder in den Ehestand treten, brechen sie das Gelübde der Treue, das sie haben ablegen müssen, als sie sich ausschließlich in den Dienst des HErrn stellten.
Paulus kann sich darauf berufen, dass Timotheus schon schlechte Erfahrungen gemacht habe mit solchen Witwen, die durch ihr Umherlaufen in den Häusern und ihr Schwatzen aus den Häusern das Christentum bei seinen Widersachern verächtlich machten, wie die Gefahr besonders auf Kreta nahe lag. Dazu könnte noch kommen, dass diese Witwen wieder Heiden heirateten und vom Christentum wieder abfielen, so dass die Lästerer des Christentums Ursache hatten, das Christentum zu verspotten. Daher rät Paulus dem Timotheus, lieber diesen Witwen zuzuraten, wieder zu heiraten, als dass sie in fleischlicher Brunst umherlaufen und die Gemeinde des HErrn zerstören durch ihren unsittlichen Wandel. Diese Ermahnungen sind auch in unsern Tagen keineswegs übel angebracht, denn es fehlt uns nicht an geschwätzigen Schwestern, die, während sie über Andere zu Gericht sitzen und von Haus zu Haus laufen, um zu klatschen und zu schwatzen, das ganze Herz voll unreiner Brunst haben, so dass sie die Gemeinde durch ihr unlauteres Wesen schänden, während sie sich vielleicht noch Etwas darauf zu Gute tun, dass sie im ledigen Stande bleiben. Wohl aber der Gemeinde, der es nicht an christlichen Witwen fehlt, die um des HErrn willen in der Gemeinde dienen und um des HErrn willen sich der Verlassenen annehmen. Das ist der Diakonissenstand der Gemeinde. Solche Witwen sollte aber auch eine Gemeinde hoch achten und es für ihre Pflicht halten, denselben den Lebensunterhalt leicht zu machen.
Jetzt geht der heilige Apostel zu den Ältesten über, die die Gemeinde leiteten. Es gab solche Ältesten, die sich besonders der Predigt annahmen, also Pastoren, und solche, die besonders die Leitung der Gemeinde hatten. Da sagt der heilige Apostel, dass besonders die Ältesten, die im Lehramt stehen, besonders geehrt werden sollen, weil sie besonders mit GOttes Wort umgehen und also auch besonderer Ehre wert sind. Diese Ehre soll sich auch darin zeigen, dass sie für den Lebensunterhalt derselben sorgen, denn wenn die Heilige Schrift schon befiehlt, dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul zu verbinden, und wenn der HErr sagt, ein Arbeiter ist seines Lohnes wert, dann sollte doch sonderlich der, welcher GOttes Wort und Gaben austeilt, so in seinem Amt gestellt sei, dass er nicht nötig hätte zu darben.
Halten nicht aber meistens die Gemeinden es für ihre erste Pflicht und Aufgabe, den Lehrern und Predigern ihre Einnahmen möglichst zu beschneiden und an denselben zu sparen? Hätten unsere Väter nicht dafür gesorgt, dass die Prediger zu leben hätte, so würde es heute schlecht um sie bestellt sein, aber diese ganze Art und Weise, das geistliche Amt zu behandeln, ist nur ein Zeichen der fleischlichen Gesinnung unserer Gemeinden und aus dieser fleischlichen Gesinnung heraus wählt man ja sonderlich Männer zu Vertretern der Gemeinde, welche statt zu bauen, niederreißen.
Aber auch in der Behandlung der Ältesten soll der Bischof Timotheus große Vorsicht beweisen. Er soll nicht anders eine Klage gegen dieselben annehmen, als wenn zwei oder drei sich dafür verbürgen. Wenn aber es sich heraus stellt, dass die Presbyter wirklich in Sünde gefallen sind, dann sollen sie auch nicht geschont werden, sondern sie sollen öffentlich zur Rede gestellt und zurecht gewiesen werden, damit die Gemeinde erkenne, dass heiliger Ernst von ihren Vorstehern verlangt werde. So ermahnt der heilige Apostel den Timotheus, zu wachen über das geistliche Amt, damit dasselbe nicht geschändet werde.
Der heilige Apostel ermahnt nun den Timotheus in feierlicher Weise, dass er doch ja nicht leichtsinnig sein möge, bei Erteilung der Ordination, und dass er die Vorschriften des Apostels mit aller Gewissenhaftigkeit beobachte und sonderlich gegen Niemand parteiisch sei, denn die strengste Rechtlichkeit ist für den nötig, der in einem Kirchenamte steht. Denn wenn das Unrecht sich auch im Leben schon schwer rächt, so richtet es die Kirche Christi mit Sicherheit zu Grunde. Aber sonderlich wird die Kirche zu Grunde gerichtet, wenn bei der Auswahl der Diener zum Amt leichtsinnig verfahren wird. Dadurch macht Timotheus sich selbst anderer Sünden teilhaftig. Das ist ein ernstes Wort für die, die in der Kirchenregierung sitzen. Sie sind schuldig, wenn sie Leute in das geistliche Amt hinein lassen, die nicht hinein gehören, der Sünden, in der diese stehen.
Wenn also ein ungläubiger Pastor ordiniert wird, so ist die Kirchenbehörde für allen Schaden verantwortlich, den derselbe in seinem Amte begeht und sie hat kein Recht, die Verantwortung dafür von sich abzulehnen, denn der heilige Apostel bezeugt es hier, dass sie sich fremder Sünden teilhaftig macht. „Die Hände lege Niemand bald auf“, das gilt wahrlich für unsere Tage, in denen Alle ordiniert werden, denen es nicht an Kenntnissen mangelt, und man nicht daran denkt, nach dem Glauben und der Herzensstellung zu forschen. Man hat sich noch darüber gewundert, dass der Apostel den Timotheum beschwört, Angesichts der auserwählten Engel. Die auserwählten Engel sind die, welche stets vor GOtt stehen, wie der Engel Gabriel, denn dass eine Rangordnung unter den Engeln stattfindet, lehrt ja die Heilige Schrift auf das klarste. Die Engel aber sind Zeugen auf den jüngsten Tag und zeugen für alles, was hier getan und unterlassen wird.
„Erhalte dich aber selber keusch“, oder wie es im Urtext heißt, rein. Das ist nicht bloß in Bezug auf geschlechtliche Verirrungen gesagt, sondern vielmehr in Bezug auf alle Sünden. Die rechte Keuschheit besteht eben darin, dass eine Seele sich rein hält von allem weltlichen Götzendienst und nach allen Seiten hin den Eindruck einer untadelhaften Persönlichkeit macht. Dagegen warnt der heilige Apostel den Timotheum vor einer falschen Geistlichkeit und Reinheit. Timotheus scheint sich des Wein Genusses völlig enthalten zu haben, ob er gleich schwach war. Da sagt ihm Paulus, er möge seine Ermahnung nicht so verstehen, als ob er sich des zu seiner Gesundheit notwendigen Weingenusses enthalten solle, sondern er ermahnt ihn vielmehr, sich durch den Wein zu stärken. Wir sehen in dieser Einschaltung einen klaren Beweis für die Echtheit des Briefes, wenn wir desselben überhaupt bedürften, denn welcher Fälscher würde wohl einen solchen Satz an dieser Stelle eingefügt haben.
Timotheus soll ferner bedenken, dass man bei einigen Menschen ihre Sünde leicht erfahren kann, während andere dieselben zu verbergen wissen und dass man bei einigen ihr Leben in guten Werken äußerlich sieht, andere aber dieselben aus Bescheidenheit verbergen. Daher, sagt der heilige Apostel, sei es umso nötiger, genaue Prüfung anzustellen bei der Wahl zu dem heiligen Amte, damit nicht Unwürdigen die Türe zu demselben geöffnet werde.
Da gebe GOtt unseren Kirchen-Obern etwas von solcher Gewissenhaftigkeit und solchem Fleiß, bei der Auswahl von Personen für das heilige Amt. Dann stände es nicht nur um das heilige Amt selber besser, sondern auch um die Gemeinde des HErrn, die durch das Amt gebaut werden soll.
Lieber HErr JEsus! Wir bitten Dich, wähle Du selbst Dir die heiligen Männern aus für das heilige Amt, und bestelle Männer zu Hirten der Gemeinde, die ihr Amt recht führen! Amen!
6. Kapitel.
Herr, stärke uns den Glauben, mach' uns tüchtig zu dem Kampfe, zu dem Du uns verordnet hast, damit auch wir ein gutes Bekenntnis ablegen vor vielen Zeugen! Amen!
Der Apostel wendet sich jetzt an die Sklaven der Gemeinde und zwar zu den Sklaven, die heidnische HErren hatten und oft hart belastet waren. Es war für diese die Gefahr sehr groß, dass sie sich höher gestellt wussten durch ihr Christentum als ihre Herren und dass sie daher diesen den Gehorsam versagten. Nun aber ermahnt der heilige Apostel dieselben, sie sollten gerade unter solchen Verhältnissen die Kraft des Christentums beweisen, denn die beweist sich ja ebenso sehr im Dulden wie im Kämpfen. Wenn aber christliche Sklaven sich heidnischen Herren widersetzten, da war die Gefahr groß, dass um deswillen die Heiden das Christentum verachteten und behaupteten, dass es die Leute rebellisch mache.
O, möchten auch unsere Knechte und Mägde stets vor Augen haben, dass sie den Namen ihres HErrn zu Ehren bringen sollen gerade in dem Stande, in dem sie stehen, damit nicht um der christlichen Dienstboten willen die Herrschaften das Christentum verachten. Die Sklaven aber, die gläubige Herren haben, sollen sich umso mehr freuen und dieselben dankbar annehmen, während die Gefahr vorhanden war, dass die christlichen Sklaven, die in ihren Herren die Brüder sahen, diesen den Gehorsam aufkündigten. Diesen sagt der Apostel, erst recht sollen sie gehorchen und beweisen, wie dankbar sie dafür sind, dass sie gläubige Herrschaften haben. Wenn aber Jemand anders lehrt, und abweicht von den Worten des HErrn JEsu, der, sagt der Apostel ist aufgeblasen und weiß nichts, d. h. derselbe will in Hochmut seine Lehre über die Lehren der Heiligen Schrift stellen, macht aber dadurch das Christentum revolutionär und bringt dasselbe in Verachtung, denn das christliche Leben ist ein Leben, das da selig ist in GOtt und die Gottseligkeit verträgt sich mit allen Ständen und zwingt uns, alle Ordnung zu respektieren, die GOtt zugelassen hat. Wer hiernach nicht verfährt und hiernach nicht lehrt, der beweist, dass es ihm nicht um die Wahrheit und um die Gottseligkeit zu tun ist, sondern allein darum, seine eigene Weisheit zu zeigen. Solche Leute, die sich mit der Gottseligkeit aufblähen, lieben Lärm und Streit, lieben ein Wesen, das sich nicht verträgt mit der Ruhe, die ein Christ beweisen soll. Aus diesen Wortstreitereien und Wortklaubereien aber entspringen allerlei Sünden, die das Christentum schänden, und das Christentum selbst zum Schulgezänk machen, so dass es den Leuten nicht darum zu tun ist, die Wahrheit zu erforschen, sondern Recht zu haben. Solche Leute haben eben zerrüttete Sinne, deshalb können sie die Wahrheit nicht erkennen, sie sind in Wahrheit geisteskrank. Die Gottseligkeit ist auch nicht für sie Lebensziel, sondern ein Erwerbsmittel, um auf Erden ein müßiges Leben führen zu können. Vor solchen Leuten aber, denen es nicht um die heilige Sache des HErrn zu tun ist, sondern die aus der Gottseligkeit ein
Geschäft machen, durch das sie Seelen für ihren Nutzen gewinnen wollen, oder durch welches sie Seelen fangen wollen zu Verkündigern ihrer Ehre; schänden das Christentum, verunehren es und bringen es in schlechten Ruf. Leider hat es nie an solchen Leuten gefehlt, die unter dem Deckel der Gottseligkeit ihre Privatzwecke verfolgten und die Gottseligkeit zum Mantel ihrer Heuchelei machten. Es laufen auch jetzt noch genug solcher Menschen umher, die sich am Heiligsten vergreifen. Vor diesen nimm dich in acht, sagt der Apostel dem Timotheus, aber das bezeugt der heilige Apostel, dass die Gottseligkeit an und für sich ein großer Gewinn, ein vortreffliches Gewerbe ist, dass es also nicht erst dazu gemacht werden darf, denn wir wissen ja, wie der Gottselige auf Erden GOtt zum Versorger hat, aber deshalb ist sie auch immer verbunden mit Genügsamkeit, denn darin besteht ja gerade die Gottseligkeit, dass wir selig sind im Glauben an GOtt und mithin Ihm Alles anheimstellen. Wenn also mit der Gottseligkeit die Genügsamkeit sich nicht verbindet, so ist das das sicherste Zeichen, dass die Gottseligkeit gar nicht vorhanden ist, denn die Gottseligkeit macht selig nur im Glauben und der Glaube macht ruhig und stellt sein ganzes Schicksal in GOttes Hände. Dazu bewegt ihn schon die Gewissheit, dass wir nichts in die Welt hinein gebracht haben und nichts mit hinaus nehmen werden. Die Zeit aber, die wir in der Welt zubringen, ist eine kurze Spanne Zeit, die uns nur zur Vorbereitungszeit auf die Ewigkeit dient, und da ist es genug, wenn wir das Nötigste haben, denn nehmen wir nichts für den Himmel mit, so ist es auch nicht nötig, dass wir uns mit Vielem herumschleppen. Möchten die Menschen das doch wohl bedenken, wir bringen nichts heraus!
Wie viele darben und arbeiten nur für lachende Erben, und sind Narren ihr Leben lang, denn wie recht der Apostel hat, wenn er sagt, dass der Geiz die Wurzel alles Übels ist, und dass die da reich werden wollen, in Versuchungen und Stricke fallen, können alle Christen mit ihrer eigenen Lebenserfahrung beweisen. Das Geld ist ja ein notwendiges Übel in der Welt, aber wie leicht wird der Gelderwerb zur Leidenschaft, die in dem Christen das Glaubenslicht auslöscht und die Saaten des Glaubens überschwemmt. Ja, wenn der Gelderwerb nicht wäre, dann würde der glimmende Docht in vielen Christen nicht ausgeblasen, sondern angeblasen.
Wenn dir daher der HErr im Irdischen versagt, was du gerne haben möchtest, so denke daran, dass Er dich dadurch nur vor Fall und Verderben bewahrt und beweise dann deinem HErrn das Vertrauen und die Gottseligkeit, dass du zufrieden bist mit dem, was Er dir gibt.
„Du aber, o Mensch GOttes, fliehe solches,“ ruft Paulus dem Timotheus zu und wendet sich damit nach den allgemeinen Betrachtungen, die er bisher angestellt hat, wieder ganz besonders an den Timotheus. Er nennt ihn einen Gottesmenschen, weil er Diener des heiligen Amtes ist, und dass solcher noch mehr Verpflichtungen hat als jeder andere Christ ist klar. Er soll sich vor allen Dingen als ein Gotteskind, noch heiliger und unsträflicher bewähren, als jeder andere Christ. Er soll auch nicht nur alle Laster vermeiden, sondern vielmehr streben nach dem, was GOtt gefällt, nämlich nach Gerechtigkeit und Gottseligkeit. Gerechtigkeit ist hier so viel, wie Rechtschaffenheit vor den Menschen, die Gottseligkeit aber das Leben in dem lebendigen GOtt. Wenn also die Gerechtigkeit sich bezieht auf das Verhalten seinen Mitmenschen gegenüber, so bezieht sich die Gottseligkeit auf das Verhalten dem lebendigen GOtt gegenüber. Glaube und Liebe aber sind die Säulen der Gottseligkeit, und ein Christ soll sich nicht nur bemühen, dieselben zu besitzen, sondern sie immer mehr zu vervollkommnen. Der Glaube aber soll sich sonderlich bewähren in der Standhaftigkeit, wenn es gilt, denen zu widerstehen, die ihn vom Glauben abdrängen wollen, während die Liebe sich in der Sanftmut beweist, die sich nicht so leicht erbittern lässt, weil sie die Kraft in sich fühlt, selbst die Feinde zu besiegen. Ein solches Leben wird aber ein Leben des Kampfes sein, wie der Apostel so gerne das Glaubensleben als einen Kampf um die Krone darstellt. Wer daher ein faules Leben haben will, der werde kein Christ, denn der Christ muss kämpfen bis zum letzten Atemzuge ohne zu ermüden. Wer nicht kämpfen will, trägt die Krone des ewigen Lebens nicht davon, und der Apostel nennt diesen Kampf einen guten Kampf, weil hier mit dem Kämpfen das Siegen verbunden ist. Wer im Kampfe steht, der weiß auch, dass er im Siege steht, denn wir haben einen Feldherrn, der noch nie eine Schlacht verloren hat. Wer in dessen Gefolge bleibt, kommt sicher zum Siege.
Aber in dem Kampfe gilt es auch, die Hand auszustrecken nach der Krone. Das ganze Bild des Kämpfens um die Krone ist nämlich hergenommen von den griechischen Wettspielen, bei denen der Sieger einen Kranz oder Zweig erhielt, der ihm die höchste Ehre einbrachte. Hatte er gesiegt, so wurde er aufgefordert, diesen Preis in Empfang zu nehmen. Darum fordert Paulus den Timotheus auf, alle seine Gedanken auf das ewige Leben zu richten, denn dann allein wird er recht und siegreich kämpfen. Das ewige Leben soll nicht erst dort sein Eigentum werden, es muss hier schon sein Eigentum sein. Wer hier das ewige Leben in seinen Adern hat, der hat es dort ganz gewiss und Christen sind Ewigkeits-Menschen, die kein Verlangen nach dem Zeitlichen, sondern nach dem Göttlichen haben. Wessen Geschmack aber so kultiviert ist, dass ihm nicht mehr das Irdische behagt, sondern allein das Göttliche, der hat auch sicherlich ewiges Leben ergriffen.
„Ergreife das ewige Leben!“ so ruft auch dir der Apostel zu. Sieh, du setzt dir doch ein Lebensziel, du setzt deine Kräfte, dein Hab' und Gut, deinen ganzen Menschen dafür ein, um es zu erreichen. So, wenn es dir Ernst ist, selig zu werden, lass dir täglich vor Augen stehen die ewige Seligkeit, lass dir täglich vor Augen stehen das ewige Leben. Denke mehr daran, kämpfe mehr darum! Gebrauche alle Mittel, die GOtt dir gegeben, um es zu erreichen und setze deine ganze Person, dein Hab' und Gut ein, so wirst du es erreichen. Der Geschmack, den du am ewigen Leben gewinnst, wird dir dasselbe immer köstlicher machen und den Kampf immer leichter. Denke daran, wie entsetzlich es wäre, wenn du das ewige Leben nicht erreichtest, wie furchtbar es wäre, wenn du nicht selig würdest! Wenn du das fest hältst, dann bin ich gewiss, du wirst keine Ruhe haben, bis du das ewige Leben erfasst, und der Friede deines Gewissens dir Zeugnis gibt, dass du daheim bist am Vaterherzen.
O, ermuntere dich tagtäglich, ergreife das ewige Leben, denn das ist das Lebensziel, zu dem du berufen bist. Dazu hat GOtt dich auf Erden gesetzt und wenn du das nicht erreichst, so hast du vergebens gelebt, so hast du deinen Beruf verfehlt, so wird es einen Tag geben, an dem du wünschen wirst, nie geboren zu sein. Paulus erinnert den Timotheus an das schöne Zeugnis, das er abgelegt hat im Angesicht vieler Zeugen, wie dies wohl geschehen ist bei seiner Taufe. Du hast auch ein schönes Zeugnis abgelegt vor vielen Zeugen, nämlich am Tage deiner Konfirmation. So helfe GOtt dir, dass du dieses Zeugnisses und Gelübdes täglich gedenkst, denn in GOttes Gedächtnis ist es noch heute, und du wirst doch nicht den heiligen GOtt belügen wollen.
Der heilige Apostel wird nun immer ernster in seinen Ermahnungen. Er gebraucht seine ganze apostolische Autorität und redet nicht zu dem Timotheus, wie der Vater zum Sohne, sondern wie der Apostel zu dem Diener Christi, denn es handelt sich hier um das Amt des Timotheus, und da handelt es sich darum, dass er wissen soll, dass sein HErr von ihm die Treue verlangt und nicht nur Menschen. Er erinnert ihn daher an den GOtt, von dem Alles sein Leben hat, ohne den also auch er nicht sein kann. Dieser GOtt, sagt er, der Alles belebt, der wird auch dich wieder lebendig machen, so dass du dann Rechenschaft ablegen musst über dein Leben. Dieser GOtt wird auch dich stellen vor das Angesicht des HErrn, der vor Pontius Pilatus d. h. im Angesichte des Todes, das Bekenntnis abgelegt hat, dass Er GOttes Sohn war, obgleich Er wusste, dass das Bekenntnis Ihn in den schrecklichsten Tod führen werde. Dieser JEsus wird einst die Christen richten, und vor Ihm wird Niemand sagen können, er hätte nicht bekennen können, weil das Bekenntnis ihm den Tod gebracht, denn der HErr wird auf Sein Bekenntnis hinzeigen und sagen: „Ihr Christen, habt ihr deshalb mein Beispiel vor Augen gehabt, damit ihr den Tod und die Marter fürchten sollt, wenn es sich darum handelt, Mir getreu zu sein?“
Beim Andenken an diesen HErrn soll Timotheus den Befehl, der ihm geworden ist, ohne Flecken und untadelig halten, so dass seine ganze Amtsführung eine lautere Ausführung der erhaltenen Weisung ist. In seinem ganzen Amtsleben soll auch nicht ein Punkt sein, von dem ihm Jemand sagen: kann hier hast du das Gebot deines HErrn außer Acht gelassen, hier hast du dich nicht nach GOttes Wort, sondern nach deinem eigenen Meinen gerichtet. Jeder solcher Nachweis ist ein Fleck, der auf dem Gebote selber haftet, das dem Timotheus gegeben ist. Wenn nun solche Amtsführung eine sehr beschwerliche zu sein scheint, so soll Timotheus sich dessen erinnern, dass der HErr JEsus in Seiner Herrlichkeit erscheinen wird, und da wird auch Timotheus den Lohn der Treue empfangen, wenn er an solcher Herrlichkeit seines HErrn Teil nehmen darf. Diese Herrlichkeit des Sohnes wird der Vater enthüllen zu seiner Zeit wie das der HErr JEsus auf Erden gelehrt hat und wie der Apostel von dieser Herrlichkeit spricht, da bricht er wieder aus in einen Lobpreis dieses GOttes und schildert Ihn in Seiner ganzen Erhabenheit und Seinem vollen Glanz, als einen König der Könige, der über die höchsten Güter verfügt und also auch die Seinen auf das Höchste belohnen und zieren kann. Er ist allein der Selige und kann daher nur Andere allein selig machen. Er ist allein der Gewaltige, der über Könige und Kaiser herrscht und der also Könige und Kaiser schirmen und schützen kann. Er hat allein Unsterblichkeit und kann daher geben, was Niemand geben kann. Daher können auch die Menschen GOttes Kindern nimmer schaden, denn das Schwerste, was sie ihnen antun können, ist dass sie sie töten. GOtt aber wird sie wieder lebendig machen; Er wohnt in einem wunderbaren Licht und kann daher alles Dunkle hell machen. Aber deshalb kann auch kein Sünder sich Ihm nahen, sondern nur ein von Seinem Lichte Verklärter. Dieser GOtt, den kein Mensch sehen kann, sondern der Sich nur dem Sohne offenbart hat, soll ewig geehrt und gelobt werden. Zu Ihm soll auch Timotheus ausschauen und sich im Kampfe erinnern, welchem GOtte er dient. Beim Ausblick zu der Herrlichkeit GOttes wird es Ihm nicht schwer werden, den Kampf, der Ihm verordnet ist, auch unter den widerwärtigsten Verhältnissen fortzuführen.
Es scheint, als ob diese Beschreibung GOttes ein Vers aus einem alten Gesange gewesen ist, der bei den christlichen Versammlungen gesungen ist.
Paulus kehrt nun nach dieser Lobpreisung GOttes wieder zu den allgemeinen Ermahnungen zurück, die er Vers 11-16 unterbrochen. Er hat ja daran erinnert, dass die Geldliebe die Quelle alles Übels ist, hat aber noch nicht gesagt, wie sich die verhalten sollen, die bereits im Besitze des Geldes sind, und er will seinen Brief nicht schließen, ohne auch dem Timotheus eine Anweisung gegeben zu haben, wie sich die Leute verhalten sollen, die schon Geld und Gut besitzen. Denen sagt er, sie sollen nicht stolz sein und nicht hoffen auf den ungewissen Reichtum, denn ihr Reichtum ist kein Grund für sie, sich zu rühmen, denn erstlich haben sie ja nicht sich denselben besorgt, sondern GOtt hat ihnen denselben gegeben, und GOtt gibt nicht nur ihnen, sondern Allen reichlich zu genießen. Damit erinnert der Apostel sie an den wahren Schmuck, den auch die Reichen dieser Welt haben sollten. Dieser Schmuck ist die Wohltätigkeit. Sie können allerdings mit ihrem Geld und Gut ihren Glauben mehren, denn in der Übung wahrer Wohltätigkeit wächst der Glaube, und die Wohltaten, die sie um des HErrn Willen erweisen, verbleiben ihnen für das ewige Leben. Wir wissen, dass der HErr auch nicht den Becher Wasser will unbelohnt lassen, mit dem hier einer der Seinen erquickt wird. So will Er im Himmel gedenken der Zeit, in welcher die Reichen dieser Welt ihr Hab' und Gut benutzt haben, um die Jünger des HErrn zu erquicken und zu erfreuen. Wenn auch der HErr von Schätzen im Himmel sammeln spricht, so sind also die Wohltaten, die wir um Seinetwillen auf Erden erweisen, etwas, das uns noch im Himmel zu Gute kommt. Die Liebe, die wir dadurch auf Erden erwerben, wird uns im Himmel reich machen. So kann also auch ein Reicher das ewige Leben mit seinem Reichtum ergreifen, indem er seine Schätze in den Dienst seines Glaubens stellt. Wenn er das tut, so ist seine Wohltätigkeit ja der lebendige Beweis seines Glaubens und ein Ergreifen des ewigen Lebens. O, möchten alle Reiche dieser Welt also mit ihrem Reichtume verfahren, so würden sie sich überzeugen, wie der Reichtum von ihnen verewigt werden kann.
So wendet sich denn noch einmal Paulus an den Timotheus und fasst den ganzen Inhalt seines Briefes in eine dringende Ermahnung zusammen, indem er ihn auffordert, fest zu halten, was ihm vertraut ist, nämlich das reine Evangelium. Das ist ein Schatz, den der HErr bei ihm niedergelegt hat, und den soll er bewahren, indem er vermeidet das ungeistliche, lose Geschwätz und das Gezänk der falsch berühmten Kunst, d. h. der Irrlehrer, denn die treiben solches Geschwätz, und rühmen sich zu wissen die Kunst, das Verborgene zu enthüllen. Dies treibt ja jetzt noch die Irrlehre, sinnloses Geschwätz und Gezänk der falsch berühmten Kunst, denn berühmt ist diese Kunst bei allen Weltkindern, weil sie versteht, das Christentum vernünftig zu machen und den Kern aus demselben heraus zu nehmen, so dass nur die leere Schale bleibt. Wer das Evangelium und die reine Lehre bewahren will, der muss sich vor dieser Irrlehre hüten, denn die Irrlehre versucht das Evangelium zu vermenschlichen. O, welch' ein heilloses Geschwätz treibt man nicht auch in unsern Tagen mit dem Worte GOttes. Wie berühmt ist die Kunst geworden, dasselbe zu verfolgen oder ihm seine Schärfe zu nehmen. Daher gilt die Ermahnung auch uns: Hüte dich vor der falsch berühmten Kunst, denn die sie treiben, die sind abgewichen vom Glauben. Der Glaube will GOttes Wort unverfälscht und rein, er will es haben, hören und danach lehren und leben.
Gnade sei mit dir! so schließt der Apostel den Brief, denn die Gnade ist mit dem, der das Evangelium lauter und rein bewahrt, und die Gnade selbst bewahrt vor der Verfälschung des Wortes GOttes, zu der Fleisch und Blut uns so leicht verführen.
O, HErr GOtt, himmlischer Vater, bewahre Du uns auch durch Deine Gnade, dass wir vermeiden Alles, was Dein teures Wort verfälschen kann. Bewahre uns in dem Kampfe, den wir um die Krone führen und hilf, dass wir die Krone des ewigen Lebens davonbringen! HErr, hilf, errette uns, um Deines Namens willen! Amen!