Oosterzee, Johannes Jakobus van - Glaubensruh

Oosterzee, Johannes Jakobus van - Glaubensruh

Predigt über Römer 8, 24 - 39.

Gehalten zu Rotterdam 1850.

Römer 8, 24-39.

Denn wir sind wohl selig, doch in der Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man des hoffen, das man sieht? So wir aber des hoffen, das wir nicht sehen, so warten wir sein durch Geduld. Desselbigen gleichen auch der Geist hilft unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns aufs Beste, mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen forscht, der weiß, was des Geistes Sinn sei; denn er vertritt die Heiligen, nach dem, das Gott gefällt. Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, die nach dem Vorsatz berufen sind. Denn welche er zuvor versehen hat, die hat er auch verordnet, dass sie gleich sein sollten dem Ebenbilde seines Sohnes, auf dass derselbige der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Welche er aber verordnet hat, die hat er auch berufen; welche er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; welche er aber hat gerecht gemacht, die hat er auch herrlich gemacht. Was wollen wir denn hierzu sagen? Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Welcher auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns alle dahin gegeben; wie sollte er uns mit ihm nicht Alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der da gerecht macht. Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, welcher ist zur Rechten Gottes, und vertritt uns. Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Trübsal, oder Angst, oder Verfolgung, oder Hunger, oder Blöße, oder Gefahr, oder Schwert? Wie geschrieben steht: Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe. Aber in dem allen überwinden wir weit, um deswillen, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentum, noch Gewalt, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch keine andere Kreatur, mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserm Herrn.

Bei einem aufmerksamen Blick um uns her, wissen wir kaum, Zuhörer, ob wir uns mehr darüber wundern sollen, dass so Mancher rühmt, der eher laut klagen sollte, oder darüber, dass so Mancher klagt, der eher laut rühmen sollte. Wer hat mehr Gründe zum Klagen, als der Mensch außer der Gemeinschaft mit Christo? Die Sünde verfinstert seinen Verstand und beraubt sein Herz der Ruhe; die Welt bietet ihm heute Berauschung und morgen Missstimmung an; der Tod bringt ihm nichts als Schrecken und die Ewigkeit nichts als Elend. Und doch rühmt der Sünder seine Weisheit, die Torheit ist vor Gott; seine Kraft, die wie ein Schatten verfliegt; sein Glück, das die Quelle ewigen Unglücks wird! Wer klagt oft lauter als der fromme Jünger des Herrn? Beim Blick auf sich selbst wird das „ich elender Mensch“ beständig auf seinen Lippen vernommen; wird ein Gebäude seiner Freude zertrümmert, so fühlt er sich nicht immer stark in dem Herrn, wie David bei den Flammen von Zicklag, sondern stimmt manchmal Klagelieder an, wie Jeremias bei dem Falle Jerusalems; wo die Zukunft sich vor ihm in ein schreckliches Dunkel gehüllt hat, da fragt er leicht mit bebender Stimme: „Wer wird uns Gutes sehen lassen!“

Und doch, Zuhörer, hat Niemand mehr Grund zum Rühmen, als das Kind Gottes, als der Erbgenosse Christi, als der Fremdling hier auf Erden, der den Himmel als sein Vaterland grüßt. Mögen immerhin in den Wohnungen des Staubes die traurigen Klagetöne emporsteigen, die Tempel des Heiligen Geistes sollen vom fröhlichen Glaubensruhm wiederhallen. Dass die Ruhmsprache des wohlversicherten Glaubens nicht zu stolz und zu siegesfroh lauten kann - das ist eine Versicherung, die wir freudig bezeugen dürfen, so oft wir auf das achte Kapitel des Briefes Pauli an die Römer das Auge schlagen.

Wenn ich euch eine der schönsten Blattseiten der Schrift zeigen müsste, bei deren Lesen es uns ist, als fühlen wir den Odem des Heiligen Geistes uns entgegenrauschen aus der apostolischen Schrift, so würde ich keine andere aufschlagen. Nur zwei Ergüsse geweihter Gottesmänner kenne ich, die nach diesem Gesichtspunkte mit dem sonst unvergleichlichen Textworte können verglichen werden. Es ist der herrliche Schluss des 73. Psalms, wo Assaph in Gott seines Herzens Trost und sein Teil wiederfindet, nach den Stürmen ängstlicher Zweifel; und der Schluss des 15. Kapitels in dem ersten Briefe an die Korinther, wo Paulus selbst das Siegeslied über Tod und Grab hat hören lassen. Wohl mit Recht mochte sogar der berühmte Erasmus bei den Textesworten in stiller Bewunderung fragen: „Hat ein Cicero je Erhabeneres gesprochen?“ Der Apostel wird hier Prophet einer besseren Zukunft; der Prophet setzt dichterische Flügel an, um in höherem Ton das Glück der Erlösten zu rühmen. Paulus steht am Ende dieses Kapitels vor uns als ein Kämpfer, der nach langwierigen Kämpfen eine sichere Höhe erstieg, und von dort den siegesfrohen Blick auf die Beschwerden schlägt, die er hinter sich sieht, ja die Feinde, die er noch vor sich sieht, schon herausfordert, ihm seinen festen Grund zu bestreiten. Ein Triumphlied ist's, das von seinen Lippen erklingt, aber ein Triumphlied nicht nach geendigtem, sondern bei fortdauerndem und wachsendem Streite. Ihr wisst, welches die Veranlassung zu diesem köstlichen Herzenserguss war, meine Zuhörer. Nachdem er in der ersten Hälfte dieses Kapitels den Charakter und das Glück des wahren Christen dargestellt hat, wirft er den Blick auf die Leiden der gegenwärtigen Zeit, die auch den Gläubigen in Christo beschieden seien und die seiner Vorstellung geradezu widersprechend schienen. Er lässt seine Leser die Seufzer der gesamten Kreatur belauschen und wenn er daran erinnert, dass die Seufzer selbst aus dem gereinigten Herzen emporsteigen, weist er grade in dieser Erfahrung das Unterpfand einer besseren, schöneren Zukunft nach. Gegenüber der seufzenden Kreatur stellt er den rühmenden Christen und erschließt sozusagen einen Trostbrunnen des Evangeliums Christi nach dem andern, um die erquickendsten Tropfen auf die schmerzhaftesten Wunden zu träufeln. Er steigt nieder in die Tiefen des ewigen Ratschlusses Gottes, um dort den unerschütterlichen Grund der Hoffnung des Christen zu finden. Er erhebt sich zu der fernsten Aussicht, ob er Grenzen für sein Glück entdecken könne, und findet nur neuen Stoff um zu loben. Fürwahr, über eine solche Blattseite aus den Schriften Pauli wird mit Recht das Wort „Glaubensruhm“ geschrieben.

„Glaubensruhm“ - es verwundert euch wohl nicht, Geliebte, dass ich gerade heute diesen Gegenstand zur Behandlung wählte? Der Anlass dazu ist zugleich eine dankbare Huldigung dessen, der unsere Krankheiten heilt, wie er unsere Schulden vergibt1). Durch seine Liebe in den letzten Wochen vielfach geprüft und gestärkt, stehe ich wieder bereit, mit diesem Worte das Predigtamt fortzusetzen, für welches der Herr unerwartet das „ruhe ein wenig“ gesprochen hatte, und ich fühle nun das Bedürfnis, euch zu trösten mit dem Troste, womit ich selbst von meinem Gotte erquickt bin. Kommt und hört mir andächtig zu, vor allem ihr niedergebeugten Seelen! Ich sehe die Vertreter der leidenden Menschheit in großer Anzahl hier vor mir und weiß, dass in eurer Mitte mehr getragen, als je an Menschen geklagt wird. Darum will ich euch auf den einzigen Weg hinweisen, der Friede gibt in jedem Streit und Ersatz bei jedem Verluste. Wendet auch ihr das Ohr nicht ab, Kinder des Glückes, die hier mit einem fröhlichen Herzen und einem hellen Auge erschienen sind. Heute ist noch Fröhlichkeit in eurer Wohnung; über Nacht kann das Weinen einkehren und wird der Glaubensruhm euer Teil nicht, so wird die Verzweiflung es umso sicherer werden. Darum lasst uns alle zum ersten Male oder aufs Neue ein Evangelium schätzen lernen, nicht erschreckend wie Sinais Donner, sondern lieblich wie Gileads Balsam!

Bei oberflächlicher Betrachtung scheint der Text zu inhaltsreich für eine einzelne Predigt. Dem steht jedoch entgegen, dass verschiedene Teile desselben mehrmals vor euch behandelt sind; dass die Worte meistens verständlich, die Sachen nicht unbekannt und vollends die verschiedenen Bestandteile der apostolischen Expektoration2) unter Einen Hauptgedanken zusammen zu fassen sind. Mich selbst hat der Reichtum des Stoffes anfangs betroffen gemacht; bald zog der eine, bald der andere Teil mich an; zuletzt konnte ich von dem schönen Ganzen nicht mehr scheiden. Als Gott Abraham hinausführte, um seinen gedrückten Freund zu stärken, da wies er ihn nicht besonders hin auf die einzelnen Sternbilder des Orion, des Wagens oder des Siebengestirns, sondern sprach im Allgemeinen: „Siehe gen Himmel und zähle die Sterne, kannst du sie zählen?“ und wurde Abrahams Blick auch geblendet, sein Herz wurde doch der Erde entrückt. Wenn Gottes Diener heute leidende Herzen trösten will, dann soll er nicht auf einzelne besondere Sterne der Hoffnung hinweisen, die in der Nacht des Leidens leuchten, sondern allen Reichtum des Evangeliums in Einem großen Ganzen übersehen. Folgen wir deshalb dem Gange des apostolischen Wortes, und lassen Erklärung des Textes und Entwicklung der Gedanken mit einander abwechseln, bis endlich Eine Frage aus dem Texte uns noch den Stoff zu einem besonderen Worte der Anwendung bieten wird.

Der Glaubensruhm des leidenden Christen ist die Überschrift unserer gegenwärtigen Betrachtung, bei welcher wir unterscheiden

I. den unerschöpflichen Stoff,
II. den untrüglichen Grund,
III. die heilsame Kraft dieses Ruhms.

Und unser Herr Jesus Christus selbst und unser Gott und Vater, der uns hat liebgehabt und uns einen ewigen Trost und eine gute Hoffnung in Gnaden gegeben, tröste eure Herzen und stärke euch in allem guten Wort und Werk, Amen.

I.

Ja, unerschöpflich ist der Ruhmstoff des leidenden Christen, Geliebte. Seht V. 24-28, da vernehmt ihr, dass der Christ eine Erwartung hat, die ihn das Leiden vergessen lässt; einen Helfer, der ihn das Leiden ertragen lässt; eine Wissenschaft, die ihn das Leiden dankbar annehmen lässt.

1. „Wir sind wohl selig, doch in der Hoffnung“, so beginnt der Apostel V. 24. „Wir fühlen uns hier mitten unter allen Seufzern der Kreatur schon unaussprechlich froh durch die gewisse Aussicht auf ein künftiges Glück. Wohl ist die Hoffnung auf eine noch ganz unsichtbare Welt gerichtet, aber das folgt aus der Natur der Sache. Denn die Hoffnung, die man sieht, ist nicht Hoffnung; sie würde bereits Anschauung geworden sein; denn wie kann man das hoffen, das man sieht? So wir aber das hoffen, das wir nicht sehen, so warten wir sein durch Geduld. Gerade weil unsere Hoffnung auf ein noch verborgenes Gut gerichtet ist, harren wir ruhig der Stunde, wo es geschenkt werden soll; unsere Hoffnung ist Erwartung, unsere Erwartung macht selig!“

„Selig in Hoffnung“, das versteht die Welt nicht; das ist ihr ein Wunderspruch, wie das ganze Evangelium ihr eine Torheit ist. „Selig im Genuss“, das ist ihre vielgepriesene Losung und „lasst uns essen und trinken“, so klingt, gegenüber dem Glaubensruhme des Christen, ihre Jubelsprache! Wer nicht genießen kann, was das Herz über alles begehrt, den nennt sie unglücklich, und dass man sich sollte glücklich fühlen können unter, ja in der Entbehrung, das kann sie nicht mal ahnen. Darum versetzt sich der Mensch außer Christo so gern in eine schönere Vergangenheit, wenn die Gegenwart ihm keine Befriedigung bietet. Dann schwärmt er in dem Eden der Jugend und träumt von seligen Tagen, wo das Auge nur bisweilen die Feuchtigkeit, aber nicht die Bitterkeit der Tränen der Trübsal kannte. Oder, wenn er's wagt, an die ferne Zukunft zu denken, so geschieht's in der Hoffnung, dass der Sonnenschein auf den Regen folgen und dass der morgende Tag ersetzen werde, was das schmerzliche Heute raubte. Doch scheint die Hoffnung auch ein freundlicher Engel, ach, wie auf Engelflügeln entflieht sie tausend Male, und die Klage über betrogene Hoffnung ist eben so alt, als die Klage über das verlorene Paradies. Betrogene Hoffnung; ich lese dieses Wort hier in Blicken, die jetzt matt und finster niedergeschlagen, einst in Lebenslust und Liebe glänzten; dort in Trauerkleidern, die um Glieder hängen, für welche das Festgewand schon bestimmt und zubereitet da lag; und wenn ich Herzen ergründen könnte, gleich wie ich Wunden berühren kann, betrogene Hoffnung würde ich entdecken als die Wurzel der Bitterkeit, die auf manchem verunreinigten Acker aufgeschossen, Aufruhr im Innern nährt, auch wo man sich zwingt, gelassen und ruhig zu scheinen. Wo ist denn der Mann, der eine Hoffnung besitzt, ohne Selbstbetrug als ihre Gesellschaft, ohne Bekümmernis als ihre Schattenseite? Der gläubige Christ, Geliebte, den wir in Paulo rühmen hören. Ja, auch er findet ringsum sich her Mühsal und Verdruss als das überwiegendste Los dieser Erde; auch er weiß hinter sich Erinnerungen, die für die Ruhe des Herzens peinlich sind, fühlt empfindliche Stellen in sich, die bei der geringsten Berührung schmerzen und bluten, aber vor sich sieht er was anderes und besseres. Bei dem kargen Los hier auf Erden kennt er ein Erbteil, das bei Gott bereitet ist; gegenüber der Welt von Selbstverleugnung sieht er eine Welt von Selbstbefriedigung erschlossen; und wird ihm das Leben zuweilen wie ein Kerker so enge, wie ein Lichtstrahl in die trüben Kerkerwände fällt ihm die Aussicht in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes ins Auge. Wohl ist diese Aussicht nicht immer gleich hell und fröhlich; auch bei dem gefördertsten Glaubensleben bleibt das Herz einem Meer gleich, wo Ebbe mit Flut wechselt, und so hoch können sich die Stürme erheben, dass man zu Zeiten nur Wogen, aber keinen Hafen mehr entdeckt. Doch auf die Tage des Streites folgen auch wieder Stunden höheren Friedens, wo das stille Gemüt, durchsichtig wie das Meer an einem Sommertage, das Licht der Hoffnung wiederstrahlt. Besonders gefällt es dem Herrn, durch seinen Geist die Hoffnung dann in dem Herzen zu stärken, wenn er den Seinen ein doppeltes Teil von Prüfung zugedacht hat.

Denn, wenn die Kräfte klein geworden und die Last mal schwer zu tragen fällt; wenn eine Stütze nach der andern uns entfällt und wir endlich zu lernen verstehen, dass wir in diesem Leben auf nichts mehr zu warten haben, wonach das Herz vor allem verlangt, dann schwebt vor unserem Angesichte ein freundlicher Bote des Himmels vorüber, der das Trostwort hören lässt: „Es wird doch nicht ewig währen; auf den ängstlichen Lebenstraum folgt ein herrliches Erwachen; deine Kraft schwindet wohl, aber auch die Reise verkürzt sich; der Kreuzesweg führt in ein Vaterhaus.“ Und wenn wir denn Abends die Lichter des Vaterhauses wie vor unseren Augen leuchten sehen - ist's nicht so, ihr geprüften Gläubigen? - Dann wird diese Aussicht so weit wie der Himmel, und die Last so gering wie die Erde, die zu unseren Füßen gleichsam wegsinkt. Dann können wir alles vergessen, was drückt, alles, außer dem Einen, des wir warten; und mitunter ist's, als wandelte nur der Fuß noch auf Erden und als schwebe der Geist schon droben. Erwachen wir aber bald aus diesem süßen Traum in einer Welt von Jammer, so laufen wir doch wieder vorwärts und werden nicht matt, wandeln weiter und werden nicht müde. Ob es noch zwanzig Monate oder noch zwanzig Jahre dauert, bis die Hoffnung vom Genuss verschlungen wird - das Erbteil wartet unser, wenn nur der Erbgenosse Glauben halten wird. Und wenn nun diese Aussicht sich ihm auftut, Geliebte, hat dann der leidende Christ keinen Ruhmstoff?

2. „Aber (sagt ihr) man kann doch nicht immer das Leiden der Erde vergessen?“ Ach, dass ich euch Recht geben und wehmütig bekennen muss: gegenüber den Augenblicken, wo die Hoffnung es uns leicht vergessen lässt, stehen Stunden und Tage, wo eine schmerzliche Erfahrung es mit doppeltem Gewicht auf unsern Schultern lasten fühlt! Aber das führt mich von selbst zu einem zweiten Ruhmstoff des Christen. Er hat einen Helfer, der ihn das Leiden ertragen lässt. „Desselbigen Gleichen auch der Geist hilft unserer Schwachheit auf,“ schreibt Paulus. Er denkt dabei an den Geist Gottes und Christi, der in den Gläubigen wohnt und denkt an die natürliche Schwachheit des Christen, welche ihn, bliebe er sich selber überlassen, im Leiden würde erliegen lassen können. Dieser Geist ist ein Geist des Gebets, welcher dem Christen in der Leidensschule aufhilft, indem er ihn brünstiger flehen lehrt. Wissen wir oft von uns selber nicht, was wir in der Prüfung beten sollen, wie sich's gebührt, so bittet dieser Geist in uns, tritt für uns ein, wird im Gebet unser Stellvertreter mit unaussprechlichem, besser unausgesprochenem Seufzen. Und das ist nicht fruchtlos, ob es auch für uns selbst unergründlich ist. „Denn der die Herzen erforscht, der weiß, was des Geistes Sinn sei.“ Gott hört seinen eigenen Geist in dem Herzen des Gläubigen beten und versteht ihn genau, „denn er vertritt die Heiligen nach dem, das Gott gefällt.“ Tiefe und doch selige Verborgenheit des Glaubens, meine Zuhörer! „Der Geist Gottes betet in dem leidenden Herzen,“ das verstehst du nicht, Diener der Welt! Ja, auch du kannst bisweilen beten, wenn die Not des Lebens dich drängt, und hättest du es sonst lange und oft vergessen. Wenn die Stürme des Ungewitters sich erheben und das schwache Schifflein deiner Seele in den Fluten auf- und niedersteigt; wenn die Springflut wächst und die Wogen über den Häuptern zusammenschlagen und die Mutigsten ratlos da stehen, dann rufest du auch ängstlich: „Herr, kümmert es dich nicht, dass wir versinken?“ Aber ein zwangsweise von deinen Lippen gepresstes und nicht aus einem gottergebenen und vertrauensvollen Herzen fließendes Gebet, das ist nicht die Stimme des Geistes Gottes in deinem Herzen; es ist die Stimme von Fleisch und Blut, die um jeden Preis Rettung begehrt und murren würde, wenn die Rettung nicht einträte. Es ist dein eigener Geist, der bloß aus Not zu beten sich getrieben fühlt: Gottes Geist betet allein in dem Herzen des wahrhaftigen Christen, und nur die Gebete, welche Gottes Geist lehrt, werden droben sicherlich erhört. - Wie soll ich bei der Schilderung dieses seligen Trostes deutlich genug werden, ohne oberflächlich zu werden? Siehe, so du an den Heiland glaubst, dann wird der Geist dessen, der das Haupt ist, dein Lebensanfang, du lebendiges Glied seines Leibes. Alles was du dann Gottwohlgefälliges denkst und sprichst und verrichtest, ist das Werk dieses Geistes in deinem Herzen, und so du wirklich betest nach dem Willen dieses Vaters, hast du es nirgends sonst, als in seiner Gemeinschaft gelernt. Aber welcher Christ kennt die Stunden nicht, wo er, in die Schule des Leidens gebracht, kaum weiß, was und wie er beten soll, nach dem sich's gebührt? Da liegst du auf deinem Krankenbette, Diener des Herrn, und es ist dir in einzelnen Augenblicken, als wäre Er selbst nicht mehr ferne, sondern für dich im Begriff zu kommen. Du hast die Grenzen zwischen Leben und Tod im Auge und was du wählen sollst, du weißt es nicht. Du wirst von zwei verschiedenen Seiten bedrängt. Für dich selbst möchtest du wohl wünschen, von dem ermüdenden Lebenskampfe entbunden und befreit zu werden, und schon hast du das Gebet auf den Lippen: „Komm, Herr Jesu!“ Aber da trifft dein Auge auf so viele, für welche das Bleiben im Fleische dir nötiger scheint und das verlangende „Komm“ wird verschwiegen, und doch von ganzem Herzen beten: „lass mich bleiben!“, du kannst, du darfst es noch weniger. Da bezwang und vereinigte Gottes Geist, der dein Gebet hat geläutert, sowohl das eine als das andere Verlangen. Jedes Verlangen löste in das Eine sich auf: „Dein Wille geschehe!“; jeder Wunsch für Scheiden oder Bleiben wird durch den Herzenswunsch gezügelt, dem Herrn, sei es scheidend, sei es bleibend, wohlgefällig zu sein - Glücklicher, Gottes Geist hat sich gleichsam identifiziert (d. h. untrennbar verbunden) mit dem Atemzuge deiner betenden Lippen! Menschen haben es nicht gesehen, dass sie sich zum Beten bewegten, aber Gott hat die unausgesprochenen Seufzer als einen reinen Harfenton in seinem heiligen Ohre rauschen hören. Aus dem, was der Geist in dir bat, vernahm der Vater gleichsam das Echo seiner eigenen Stimme: wie sollte er Erhörung weigern können? Siehe so, so ist dir das Geheimnis klar, warum der Christ aushält mitten im heftigsten Streit. Du siehst nur seine mächtigsten Feinde, Diener der Welt, was sag' ich, du vermehrst ihre Anzahl vielleicht: er findet neben sich einen Bundesgenossen, dessen Hilfe er nie vergebens anruft. O, das Gebet steigt als ein Teil der Allmacht Gottes in das schwache Herz dessen, der nur die Hände flehend zu falten vermag; und selbst dann, wenn der Geist nicht beten kann, sei es weil seine Seele noch am Staube klebt, sei es weil er nicht weiß, was er vom Vater erbitten soll, dann lehrt Gottes Geist ihn noch seufzen. Und dieses Seufzen, es erweitert das bedrängte Gemüt; es wird zum stammeln: „Abba, lieber Vater!“; es wird zum Bitten: „verkläre deinen Namen!“; es wird zum Danken: „es ist mir gut, bedrängt gewesen zu sein!“; es wird zum Rühmen: „wenn ich schwach bin, so bin ich stark…“ wir beklagen dich, Diener der Welt, wenn du den Christen noch nicht beneidest!

3. Es ist gut, das Leiden vergessen zu können; besser, es ertragen zu können; aber es dankbar annehmen zu können, das ist wohl der heilsamste Standpunkt. Der Christ vermag, drittens, auch das, Geliebte, durch die sichere Wissenschaft, von welcher der Apostel V. 28 redet. „Wir wissen“ - bezeugt er, als spräche er von einer Sache, worüber unter allen Gläubigen nur Ein Bewusstsein herrschen kann „dass denen, die Gott lieben, alle Dinge mitwirken zum Guten, die nach dem Vorsatz berufen sind.“ Über das Letzte hernach mehr und bei dem Ersten nicht zu übersehen, dass das Gute, welches hier gemeint ist, das wirklich Gute ist, welches nicht in der Erfüllung kurzsichtiger Wünsche, sondern in der Beförderung unseres ewigen Glückes und der Herrlichkeit des Herrn besteht. Aber auch so aufgefasst, ist die Wissenschaft, von der Paulus zeugt, ebenso ausgebreitet als wohltätig, wogegen du freilich nichts auszustellen hast, Freund der Welt und der Sünde! Dein Zustand ist vielmehr ausgedrückt in Hiobs Klageton: ich erwartete das Gute und das Böse nahte,“ und darum ist auch in Unglück und Leiden Jakobs Klage die deinige: „Alle diese Dinge sind wider mich.“ Was, sag' ich, in Unglück und Leiden? Sogar im Glücke hast du zu fürchten, dass durch die Macht der Sünde das scheinbar Gute dir zum Bösen mitwirken möge: denn was kann zum Guten gereichen für den, welcher Gott, die lebendige Quelle alles Guten, als Feind sich gegenüber sieht? Dein Glück führt zum Wohlleben; das Wohlleben zum Hochmut; der Hochmut zum Falle; armer Mensch, sogar der Segen, den Gott dir schenkte, ist dir zum Tode geworden! Wie viel weniger solltest du erwarten können, dass das von ihm gesandte Übel dir zum Guten auslaufen werde? Ja, wenn es dich demütigt und zu Gott zurückführt, so wird eine Blume der Himmelsfreude vor dir aufwachsen aus den Dornen des Leidens; aber wo nicht, kann auch die Zuchtrute des Vaters der Vorbote von dem Schreckensschwerte des Richters sein! Nein, dass Alles, auch das Böse, für unser Bewusstsein zum Guten, zum Besten dienen soll, das weiß Niemand mit untrüglicher Gewissheit, als allein der Jünger des Herrn. „Alle Dinge zum Besten dienen!“ - also auch die Leibesschwachheit, Christen, dienstbar euch stark für den Himmel zu machen; und also auch die Kränkung geschickt, um das Herz dem Staube zu entführen; und also auch die scharfen Dornen im Fleische nicht minder eine Wohltat, als das dem Herzen abgebetene Pfand; und also auch der Seelenstreit ein Segen, nicht minder gut, als der Friede, der ihm vorangegangen ist; und also auch ich darf es fast nicht aussprechen - sogar das sündliche Straucheln, worüber wir wehmütig trauern, ein Mittel in Gottes Hand, uns besser laufen zu lehren auf dem Wege der Vollkommenheit - Geliebte, für die bloße Vorstellung, dass so etwas möglich sein könnte, sollte man fast den schwersten Streit noch einmal so lange tragen wollen! Aber es ist mehr als Vorstellung, als Berechnung, als Erwartung selbst: es ist gewisse Wissenschaft des Glaubens, durch das Zeugnis der Jahrhunderte bestätigt! Wer diese Wissenschaft die seine nennen kann, für wie manche andere hält diese ihn schadlos! Er hat die höchste Erkenntnis von allen gefunden, er hat Gottes Gedanken erraten und sie alle auffassen lernen als Gedanken des Friedens. Er sagt nicht nur mit Hiob: „sollten wir von Gott das Gute und nicht auch das Böse hinnehmen?“ sondern der Unterschied zwischen gut und böse fällt auf diesem Standpunkte weg. Es ist alles gute Gabe, die herabkommt von dem Vater des Lichts, und drückt und tötet es uns auch! Ob wir mit Israel vor den Ziegelöfen der Trübsal geläutert werden, oder ob wir ruhig unter dem Weinstocke und Feigenbaume sitzen, wir danken Gott in Allem und rühmen seine unendliche Treue. „Schon wieder was Gutes von Oben,“ so spricht der Glaube bei jeder neuen Prüfung, wobei das Gefühl erkennen muss: „es ist bitter und böse!“ Und steigen auch hier die Nebel nicht empor, welche die Sonne unserer Freude bedeckten, auch in umnebelter Luft wird es uns wohl, wie bei einem freundlichen Licht, seit wir in beiden gelernt haben, den Vater in Christo zu sehen. Fürwahr, Geliebte, auf diesem Standpunkte wundere ich mich nicht mehr über den Mut des gottesfürchtigen Weisen, welcher wünschte, das Leiden, welches ihn erwartete, voraus berechnen zu können, um es nämlich nicht bloß unterwürfig zu tragen oder ruhig abzuwarten, sondern ihm sogar freiwillig entgegen zu gehen.

II.

Aber woher hatte doch Paulus diese trostreiche Wissenschaft? Der zweite Teil unserer Betrachtung soll uns den untrüglichen Grund des christlichen Glaubensruhms kennen lehren. Dieser Grund besteht, nach V. 29-32, für den Christen in einem Ratschluss von Gottes Liebe, der unveränderlich; in einer Führung von Gottes Liebe, die anbetungswürdig; in einer Gabe von Gottes Liebe, die unvergleichlich ist.

1. „Denn welche er zuvor versehen hat,“ schreibt Paulus, welche er zuvor in Gnade und Liebe angesehen hat, „die hat er auch verordnet, dass sie gleich sein sollten dem Ebenbilde seines Sohnes, auf dass derselbige der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern.“ So stellt er die Gläubigen hin als Gegenstände von Gottes ewigem Wohlgefallen in Christo und findet darin den tiefsten Grund für ihren unschätzbaren Trost.

O dass alle, die je über die Ratschlüsse Gottes gedacht und gesprochen, es mit der Vorsichtigkeit Pauli getan hätten! Dann wären sicherlich einige Zankäpfel weniger ausgeworfen, einige Scheidewände weniger aufgeführt, und eine Wahrheit, die der Herr im Evangelio als ein nährendes Lebensbrot für die Seinen verordnete, würde nicht von den meisten als ein heiliges Zauberbrot betrachtet werden, das Niemand berühren dürfe! Ihr merkt, Geliebte, der Apostel erkennt eine ewige Erwählung des Christen zur Seligkeit, aber er fängt damit nicht an, er endet damit. Er legt den Ungläubigen keineswegs die Frage auf die Lippen: „bin ich wohl auserwählt?“, sondern ermutigt die Gläubigen, von ganzem Herzen zu jauchzen: „Gott hat mich in Christo bestimmt, um heilig und unsträflich in der Liebe zu sein!“ So lehrt er seine Leser nicht aufsteigen zu den verborgenen Dingen, die für den Herrn unsern Gott da sind, sondern niedersteigen in die Tiefen der Gnade, die unserer in Liebe gedachte, noch ehe wir selber bestanden. Welcher unwandelbare Grund für den Glaubensruhm des Christen! Vor der Grundlegung der Welt sah der Unendliche in der Stille der Ewigkeit die bevorstehende Schöpfung erscheinen und in dieser Schöpfung auch den kleinsten Punkt; auch mich, auch alle, die seinen Sohn aufrichtig lieb haben. In sein Buch wurde mein Name und meine Lebensführung geschrieben; von meinem Wege wurde der Anfang bestimmt; die Stelle, wo meine Wiege gestanden hat; das Endziel zuvor angewiesen: „Gleichförmigkeit mit Christo, damit Gottes Eingeborener zugleich der Erstgeborene einer ganzen Hausgenossenschaft von geheiligten Brüdern sein sollte!“ Und Alles was nun zwischen dem Anfang und dem Endziel geschieht verordnet durch eine Liebe, die mich schuf, um mich zu segnen, und die mir nichts begegnen lässt, bevor es in ihrer Schale gewogen ist, ob es auch zu hart und zu schwer sein möchte! Ihr fühlt es, Geliebte, wer das weiß, der kann nicht mutlos sein. Hat Gott mich in Liebe erkannt, mag denn die Welt mich hassen; bin ich berufen, das Bild des zweiten Adam zu tragen, mag ich denn immerhin in Gleichförmigkeit mit dem ersten Adam mein Tränenteil der Erde bezahlen - das eine bahnt zu dem andern den Weg! „Ja, wer das weiß,“ - entgegnet ihr, „aber wer sollte das sagen dürfen?“ und unsere Antwort ist: wer sollte das verschweigen dürfen, der wirklich an Christum glaubt? Die erste Frage ist hier nicht: Bin ich wohl auserkoren? Die verborgenen Dinge sind für den Herrn unsern Gott und nicht unserer schwachen Hand, sondern dem Lamme, das erwürgt ist, hat er das Buch seines Ratschlusses zur Bewahrung und Entsiegelung anvertraut. Die Frage ist zu allererst und allein: Glaubst du wirklich an Christum; bist du dir bewusst, dass du Eins mit ihm geworden, nicht dir selber, sondern ihm zu leben wünscht? Ja, nun dann magst du dankbar zu ihm aufsehen, der dich wie an seiner eigenen Hand zu diesem Christus gebracht hat; dann magst du dich scharen unter die Kinder von Gottes Wohlgefallen, welche die Kinder des Reiches sind; dann hast du nicht ängstlich zu fragen, ob Gott dich wohl berufen hat, sondern vielmehr, ob du - auf den Ruf seines Sohnes ein demütiges und dankbares Amen gesagt hast. Und wenn nun selbst die größte Bedrängnis nichts anderes ist, als Vollführung dieses Ratschlusses, der durch Leiden deine Seligkeit will, dann darfst du das alte Danklied des Jesaias wiederholen: „ich danke dir, Herr, dass du zornig bist gewesen über mich; ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn sieh, Gott ist mein Heil!“ (Jes. 12, 1-2.)

2. Oder darfst du das nicht, geprüfter Jünger des Herrn? Schaue denn auf einen zweiten Grund des Glaubensruhms, auf eine Führung von Gottes Liebe, die wahrhaft anbetungswürdig ist. Der Apostel spricht davon im 30. Verse. „Die er zuvor verordnet hat, die hat er auch berufen; welche er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; welche er aber hat gerecht gemacht, die hat er auch herrlich gemacht.“ Betrachtet, Christen, die ganze Kette des Heils, wovon Gottes Liebe das erste, die Seligkeit des Gläubigen das letzte Glied heißen mag, und lasst euch eine Weile nieder, um nachzusehen, ob es nicht in kurzen Zügen die Geschichte eures Loses und eures Lebens ist! Vor Grundlegung der Welt wurdest du verordnet, um Christo dem Herrn gleich zu werden; ihm gehörtest du, bevor du dich selbst deiner bewusst warst und den Atem hast du nur unter dieser Bedingung empfangen, dass du jeden Atemzug ihm und dem Vater weihen solltest. Da sah er, welcher Welten entstehen und verschwinden sieht, die Stunde zuvor, wo du das Licht der Welt erblicken solltest und - zieht dreist eure ältesten Erinnerungen zu Rate - welche er verordnet hat, die hat er auch berufen. Hier das erste Klopfen des Gewissens, und dort das erste Bibelblatt, auf dem dein Auge geruht hat; das Mutterauge, das nach oben dir winkte, und die Vaterhand, die bisweilen drohend sich erhob; der Tempel der Natur, der dich aufrief, seinen Schöpfer zu loben, und das Heiligtum der Anbetung, wo das Wort von der Versöhnung deiner wartete; das Gottesgeschenk, wofür du dankbar gejauchzt, und das offene Grab, an dem du bitter geweint hast - es war alles die Stimme der Berufung des Vaters, welcher dich zu seinem Sohne führen wollte. Und als nun endlich das heilsbegierige Ohr für die Liebesstimme erschlossen wurde, die nicht müde ward zu rufen, und nun bei deiner aufrichtigen Verbindung mit dem Herrn der große Zweck deines Lebens erreicht wurde - ist's nicht so: die er berufen hat und die dem Rufe Gehör gaben, diese hat er auch gerechtfertigt. Als er dich, abtrünniges Kind, knieen sah unter dem Kreuze seines Sohnes, sprach er freundlich zu dir: „deine Sünden sind dir vergeben“ und reichte dir den Schuldbrief, bereits quittiert mit dem Blute der Versöhnung, noch bevor du sündigen konntest! Drücken dich zwar die Lasten des Leidens, die schwerste Last, die Last der Sünde, ist dir von dem unruhigen Herzen genommen, was seid ihr so furchtsam, ihr Ungläubigen? „Welche er aber hat gerecht gemacht, die hat er auch herrlich gemacht.“ Jede Frucht der Erneuerung, welche in der Leidensschule durch seinen Geist in dir groß gezogen wird, bringt einen Schritt weiter zu der Verherrlichung nach dem Bilde Christi, dem Hauptzweck deiner Lebensbestimmung. Hast du selbst es nie bemerkt, Zuhörer, in dem trauernden Christen, wie sich ein Zug von Adel auf dem abgematteten und leidenden Antlitze entwickelt; wie die Herrlichkeit seines verborgenen Lebens durch das mit den Jahren verschleißende Staubkleid hindurchschimmert? Wahrlich, Gott erblickt in ihm größere Dinge als der Mensch, welcher sieht, was vor Augen ist. Vor Gottes Auge steht nicht der unreine, sondern der wieder erneuerte und verherrlichte Sünder. Er weiß nicht bloß, was wir noch immer sind, sondern was wir einst in seinem Sohne sein sollen. Für den Christen ist das Leiden etwas, das gegenwärtig, die Herrlichkeit etwas, das noch in der Zukunft verborgen ist; vor Gott ist es, als sind die Gläubigen bereits mit Christo verherrlicht und in den Himmel versetzt.

O wenn wir diesen wunderbaren Weg überdenken und den Fußstapfen dessen nachgehen, der uns in Liebe zuvor versehen, auf dass wir Christo gleich werden möchten; der uns nur berief, auf dass er uns rechtfertigen, und der uns rechtfertigte, auf dass er uns verherrlichen möchte - Christen, ich frage euch, liegt darin kein Grund, sich einer Trübsal zu rühmen, die, wie lang und unerträglich sie auch scheine, nichts anderes sein kann, als ein durchaus notwendiges Mittel eines göttlichen Erziehungsplanes?

3. Und doch schlägt grade derjenige, welcher sich selbst am besten kennt, hierbei die Augen am tiefsten nieder und trauert um so inniger über eigene Unwürdigkeit, je brünstiger er für so hohe Begnadigung dankt. Ist's so mit euch, meine Lieben, so stärkt noch einmal den wieder geschwächten Mut, indem ihr mit Paulus endlich auf eine Gabe der Liebe schaut, die unvergleichlich ist. Wohl mochte der Apostel nach der Aufzählung der Wunder der Gnade mit Erhebung ausrufen: „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?“ Niederlage wird unmöglich, auch für den schwächsten Streiter gegen den mächtigsten Feind, wo die Allmacht selbst als Bundesgenosse an die Spitze getreten ist. Aber wohl mochte er auch auf das sichtbare Unterpfand aller der Erwartungen mit der Frage hinweisen: „Der auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns alle dahin gegeben, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ - Es ist dies die einzige Schriftstelle, wo Jesus Gottes eigener Sohn genannt wird, und fast scheint es, als hätte der Apostel den Ausdruck mit Absicht gewählt, um durch Andeutung der Größe der Gabe den Geber umso höher zu rühmen. Ein kostbareres Opfer konnte selbst die Allmacht nicht darstellen, die Weisheit nicht ausdenken, die Liebe nicht geben, die Heiligkeit nicht fordern, und Gott „hat ihn nicht verschont.“ Was der Engel dem Abraham sagte, dass er seinen Sohn, seinen einigen, Jehovah nicht vorenthalten hätte,“ das kann mit höherem Rechte auf den Unendlichen selbst übertragen werden. Was er hätte sparen können, hat er „für uns alle dahingegeben,“ die wir an ihn glauben und ihn lieb haben; hat nicht bloß geduldet, sondern angeordnet, dass dieser Einzige zum Preis und zur Beute wurde für Alles, was der Apostel hier verschweigt, aber was Niemand von uns vergessen kann. „Wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? „

Ihr fühlt es, dass eben so wenig der Kraft des Ausdrucks wie der Genauigkeit der Folgerung etwas hinzugefügt werden kann. Ja, es ist viel, was der Christ vor Allem im Leiden bedarf; mehr als er oft sich selber gestehen will; unendlich mehr, als die ganze Welt bieten kann. Aber das Viel ist doch nicht mehr als Alles, und nun - Alles wird aus Gottes Fülle denen zu Teil, die in Christo die Eine, unaussprechliche Gabe des Vaters finden und annehmen mochten. Oder sollte Gott ihnen nicht alles, was zum Leben und zur Seligkeit nötig ist, können schenken, nachdem das Opfer seines Sohnes gefallen ist? Aber mit diesem Opfer wird ja die Kluft ausgefüllt, welche den Sünder von dem Heiligen trennte, und hat Gott uns mit sich selber versöhnt, so tat er's fürwahr nicht, damit er als ein karger Vater uns viel, uns etwas vorenthalten sollte! oder sollte er nicht wollen schenken, wessen das leidende Herz bedarf? Aber bereits gab er das Größte, wie sollte er das Geringere versagen; bereits schenkte er uns das ewige Leben wieder, wie sollte er für das irdische Leben es fehlen lassen an ein wenig Balsam für die Wunden des Herzens, an ein wenig Stärkung für den wankenden Fuß? Was sage ich - in Christo schenkt er wirklich Alles, was er an Menschen, an Sünder, an Sterbliche zu geben hat aus seiner allgenugsamen Fülle! Alle Schätze von Weisheit und Friede, von Hoffnung und Seligkeit sind in diesem Einen verborgen; der Vater hielt in seiner Hand keine einzige Gabe zurück, nachdem er aus seinem Schoße diesen Sohn an ein Sklavenkreuz übergeben ließ! - Christen, wenn der Glaubensruhm auf euren Lippen erstirbt, dann das Ohr geliehen seiner Klage an dem Fluchholze; wenn die Freudigkeit euch auf euerm Kreuzeswege entfällt, dann die Freudigkeit bei seinem Kreuzesstamm wiedergesucht; und bevor ihr etwas für zu groß solltet erachten, als dass ihr es im Glauben begehren würdet, noch einmal gefragt, ob Gott euch denn etwas größeres als seinen Einigen schenken konnte? So werden die Bedenken schweigen und die Dankestöne laut werden: je leuchtender sein Kreuz vor eurem Auge steht, umso leichter wird euer Kreuz auf euren Schultern lasten! Und je tiefer ihr es fühlt, dass ihr durchaus nichts verdient habt, umso mehr wird es euch an Worten fehlen, um die Liebe eines Vaters zu rühmen, der in seinem Sohne euch nichts geringeres, als alles geschenkt hat!

III.

So war es auch mit Paulus, Geliebte, am Schlusse unseres Textes, noch einmal fasst er, Vers 33-39, seine ganze Entwicklung in wenigen Worten zusammen, und diese Zusammenfassung ist vorzüglich geeignet, uns endlich die heilsame Kraft des Glaubensruhms erkennen zu lassen, dessen Stoff und Grund wir bereits kennen lernten. Freilich, ein solcher Glaubensruhm des leidenden Christen lässt die Anklagen von früher verstummen; den Streit von heute überwinden; die Schrecken der Zukunft verschwinden.

1. Die Anklagen von früher verstummen? Ja, meine Lieben, hört Paulum an in dem 33. und 34. Verse. „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen?“ so ruft er aus mit siegesfrohem Tone und schweigt einen Augenblick still, während der Himmel lauscht, die Gemeinde auf Erden anbetet und die Hölle verstummt auf die Frage. „Gott ist hier, der da gerecht macht: wer will verdammen?“ Abermals ein Schweigen, sprechender als die kräftigste Antwort. Nun häufen sich, nach der am meisten anerkannten Auslegung, die Fragen auf einander. Christus wird uns doch nicht verdammen, „welcher gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns?“ Nein, kein Ankläger tritt auf! Wie sollte auch Gott, der bereits vergab, jetzt noch verurteilen; wie sollte Christus, der Versöhner und Fürsprecher, mit einem Male der Ankläger der Brüder werden; und wenn diese uns erretten, wer soll verderben? Ihr seht es, Geliebte, der Apostel ruft den leidenden Christen zu, dass sie sich über das, was dahinten ist, nicht mehr zu bekümmern haben. Es liegt nicht allein hinter ihnen, sondern auch hinter Gott; er gedenkt nicht daran; er sucht es nicht heim. Brauche ich es euch fühlen zu lassen, wie mit dieser Überzeugung auf der Stelle die Last des Leidens unaussprechlich viel vermindert wird?

Das ist bei euch nicht der Fall, abtrünnige Kinder des himmlischen Vaters! Grade das macht euch den Schmerz des Leidens so drückend, dass das Gewissen, so lange es noch spricht, euch in dem Übel eine rechtmäßige Vergeltung für frühere Vergehen erkennen lässt. Es geht euch wie den Brüdern Josephs, die in der Stunde der Angst noch viel ängstlicher sind, weil sie ausrufen müssen: „Fürwahr, das haben wir an unserm Bruder verschuldet; sein Blut wird von unsern Händen gefordert;“ oder wie Adonibesek, der, von Josua gemartert, sein Leiden noch siebzigfältig sich steigern fühlt, weil er an die Anzahl von Königen denkt, welche er auf gleiche Weise verstümmelte, und nun wehklagen muss: „gleich wie ich getan habe, also hat Gott mir vergolten.“ Seht, diese bittere Hefe wird in dem Leidenskelche auch des schwergeprüftesten Christen vermisst. Liebesblicke sieht er, wo der Sünder Vergeltung fürchten muss, und je empfindlicher der Vater ihn berührt, grade an der wundesten Stelle seines Herzens, desto zweifelloseren Beweis findet er darin, dass Gott im Begriff ist, ihn zu heiligen, wie er ihn einmal in Christo rechtfertigen wollte. So oft im Streite der männlichen Jahre das Gewissen ihn an Sünden der Jugend erinnert, kann der Glaube mit Einem Wort den Ankläger abweisen: „hebe dich weg von mir, Satan; es gibt keine Verdammnis mehr für Diejenigen, die in Christo Jesu sind!“ In dem Tode des Sohnes Gottes sieht er täglich sein Urteil gefällt und seine Freisprechung versichert. Der lebendige Christus ist ihm das Unterpfand dafür, dass der lebendige Christ im Streite nicht ermatten soll. Und so oft er diesen barmherzigen Hohepriester sich vorstellt, wie er zur Rechten Gottes betet, dass auch sein Glaube nicht aufhöre, schüttelt er alle Zweifel ab, wie Paulus zu Milet die Otter, die an seine Hand gefahren war, ohne dass sie ihn verwunden oder schaden konnte.

2. Verwundert es euch noch, dass er durch den Glauben den Streit von heute überwindet? Hört Paulum jubeln vom 35. zum 37. Verse. „Wer will uns scheiden von der Liebe Christi! Er meint nicht unsere Liebe zu dem Herrn, sondern die Liebe Christi zu uns. Und nun beginnt er aufzuzählen, was alles gegenüber dem Reichtum seiner Treue, die arme machtlose Welt aufbietet, um des Christen Glauben anzufechten. „Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?“ Wir hören und verstehen die Worte, Geliebte, was die Sachen Schreckliches auf sich hatten, das mögen die Christen zu Rom am besten gefühlt haben bei der Erfahrung oder Erwartung der Verfolgung um des Glaubens willen. Hier ging es doch, was in dem 44. Psalm in Bezug auf die Juden früherer Tage gesagt war, und was hier Vers 36 auf die Christen übertragen wurde: „um des Herrn willen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.“ Und doch konnten die wehrlosen Schlachtschafe mit unüberwindlichem Löwenmute streiten! In dem allen, in all den Beschwerden und Drangsalen, sind wir - „mehr denn Überwinder durch den, der uns geliebt hat.“ Wir tragen einen überschwänglichen, einen großartigen Siegesjubel davon; wir bieten dem Feinde nicht bloß die Stirne, sondern vertreiben ihn; wir vertreiben ihn nicht bloß, sondern vernichten ihn; es gibt für uns keinen Feind mehr, weil Gott unser Freund geworden ist, und erschöpft der Streit auch unsere edelsten Kräfte - die Überwinderkrone steht doppelt schön auf den Schläfen, die mitten im Kampfe mit Blut und Wunden gezeichnet sind! „mehr denn Überwinder!“ man sollte es euch nicht ansehen, niedergebeugte, erschöpfte Streiter des Herrn! Euch besonders nicht, die ihr hier euch über die Hitze der Trübsal verwundert; die ihr beim Herannahen eines Leidens schon bebet vor einer Pein, die nimmermehr erlitten werden soll; die ihr sonst gleichsam ein Verkleinerungsglas in die Hand nehmt, um eure Vorzüge, und ein Vergrößerungsglas, um eure Lasten mit bewaffnetem Auge zu betrachten! Aber das Alles ist auch nur die karge Frucht des Kleinglaubens, welchen der Herr wohl nach seiner Langmut tragen, aber nach seiner Heiligkeit nicht gut heißen kann. Und lasst uns billig sein, meine Lieben; die Höhe eines Paulus wird nicht mit Einem Male erreicht und auch zu Rom wird es noch wohl welche gegeben haben, welche das Triumphlied des Apostels beantworteten mit der Sprache: „Herr, sei uns gnädig; solche Dinge Verfolgung, Angst oder Gefahr mögen nimmermehr eintreffen!“ Genug, wenn der Herr nur den betenden Wunsch in unserem Herzen liest, in seinem Namen den Streit zu bestehen; zu seiner Zeit wird es an der Kraft zum Triumphe nicht fehlen. Oder kennst du sie nicht, Jünger Christi, bald eine Angst, bald eine Gefahr, bald ein Schwert in deiner Seele, deren Schmerz du überwunden hast durch den lebendigen Glauben an den Herrn? Siehe, er, der in einer bangen Stunde dir nahe war, tritt an deiner Seite allen deinen Feinden entgegen; Wunden kann ihr Angriff bereiten, aber keine Scheidung zwischen dir und dem Herrn! Wohlan, das Schwert des Glaubens aus der Scheide, den Panzer der Liebe umgegürtet; den Helm der Hoffnung aufs Haupt! So könnet ihr in dem Streit ruhig beharren, mit dem Schlachtrufe auf den Lippen: in Gott wollen wir kluge Taten tun!

3. Nur Eine Furcht möchte diesen Glaubensruhm zunichtemachen können, die Furcht vor der Zukunft. Aber seht grade am Schlusse des Textes, wie die Schreckbilder der Zukunft verschwinden für das Glaubensauge des leidenden Christen. Es genügt dem Apostel nicht, alle überstandenen Gefahren ins Auge gefasst zu haben; er geht zur Aufzählung der noch möglichen oder drohenden Gefahren über Tod und Leben, die zwei äußersten Pole, zwischen denen sich hier unser Dasein bewegt; Engel, Obrigkeiten und Mächte der Hölle, die den Glauben des Christen belagern. Höhe und Tiefe, die Abmessungen des Raumes; Gegenwärtiges und Zukünftiges, die Abmessungen der Zeit: Alles stellt sich vor die entzückten Blicke Pauli. Was gibt es in dem Allen nicht, das den Christen bedroht mit bekannten und unbekannten Gefahren! Um doch nichts zu vergessen, fügt er zum Überfluss das Wort hinzu: „noch irgendeine andere Kreatur.“ Und nun, wo die ganze feindliche Streitmacht bis zu den fernsten Gliedern gemustert ist, wird der Siegeston angestimmt: „nichts von dem Allem mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserm Herrn.“

4. In der Geschichte der christlichen Kirche in England ist eine liebliche Erinnerung mit diesem Ausspruch verbunden. Ein bejahrter Christenlehrer, Robert Bruce, der mit den Seinigen am Morgentische sitzend, schon lange in Nachdenken versunken war, rief plötzlich aus: „der Meister ruft mich, still, Kinder, still!“ Bei diesem Worte begannen die Augen zu brechen, doch bat er um eine Bibel und sprach: „Sucht mir das 8. Kapitel des Briefes an die Römer und stellet bei den Worten der zwei letzten Verse meinen Finger.“ Und als nun die erstarrende Hand, welche er nach diesem Stabe im Tale des Todes ausstreckte, bei dem Worte ruhte: „ich bin gewiss,“ da neigte er das Haupt zum Sterben. Wohl dir, du frommer und getreuer Knecht, der du dies Wort in einfältigem Glauben ergreifen lerntest, du hast lange genug auf Erden gelebt; mit dem Herzen auf dieses Wort und dieses Wort im Herzen kann man ohne Zittern sterben!

Man fragt bisweilen, meine Lieben, ob der Christ seiner künftigen Seligkeit schon hier versichert sein könnte; aber kommt es euch auf diesem Standpunkte nicht vor, dass die Frage ebenso unbestimmt als einseitig ist? Die Seligkeit des Christen ist fürwahr kein Genuss, der über zwanzig Jahre erst anfängt; er fängt an, sobald er glaubt. Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben. Grade darin besteht der Ruhm und die Kraft des Glaubens, dass er uns die uneingeschränkte Versicherung schenkt von Gottes Gnade und Liebe in Christo, und um die Versicherung zu besitzen, braucht man doch nicht erst gestorben zu sein. Gottes Geist gießt sie bereits hier in den aufrichtig Gläubigen aus. Für ihn fällt der größte aller Gegensätze weg, der Gegensatz zwischen Leben und Tod, zwischen Zeit und Ewigkeit. In beiden ist er selig in Gott, hier anfänglich und später vollkommen. Die Lebenslast quält ihn nicht, weil die Liebe ihn leiden lässt. Der Todesschrecken foltert ihn nicht, weil er, wie Melanchthon, auf die Frage: „was er noch verlange,“ mit sterbenden Lippen antworten kann: „nichts als den Himmel.“ Die Ewigkeit entsetzt ihn nicht mehr, weil er in ihren Tiefen und Höhen nirgends von Gott geschieden ist. Es geht ihm überall wohl, wenn er nur bei Gott sich finden kann, und je näher bei ihm, desto besser Geliebte, gibts einen seligeren Sterblichen, als den leidenden Christen auf Erden?

Diese Frage führt mich von selbst zu dem einzigen Worte im Texte, das noch nicht angewandt ist, zu der Frage im 31. Verse: „Was sollen wir denn hierzu sagen?“ Was nicht, was jetzt, was einst?

Was nicht? Das nicht, was viele vielleicht in ihrem Herzen wiederholt haben: „ich kann diese Versicherung des Glaubens wohl entbehren!“ (denkt Jemand) „wer sollte das wähnen können?“ Und die Antwort ist: Du, mein Mitsünder, der du bei all deiner äußerlichen Unbescholtenheit und Liebenswürdigkeit außer der persönlichen Gemeinschaft mit Christo lebest und also im Glauben nicht rühmen kannst, oder was noch schlimmer ist - in einer eingebildeten Hoffnung rühmst. Vielleicht war das Wort dieser Stunde weniger nach deinem Herzen gesprochen, weil du von keinem Leiden gequält, dich schöner Aussichten versichert halten kannst. Versichert - wahrlich, ich möchte wissen, was gewisseres du hast, gegenüber dem: „ich bin gewiss“ des Christen! Dein Leben, es ist ein Dampf; deine Macht, sie wird mit einem Winke dir genommen; die Höhe deiner Ehre, Ein Zufall - und sie wird in Schande begraben; die Tiefe deiner Kenntnis, ein ängstlicher Traum und sie schlägt in Wahnsinn über! Ja, ich weiß, du baust auf die Welt und fragst: was will von ihrer Freundschaft mich scheiden? Aber du hast auch vor der Antwort zu erbeben: ihr eigener Verrat, den sie an ihren besten Dienern zu üben pflegt; die Zeit, welche sie einst vorübergehen lässt; der Tod, der dich ihr auf ewig entrückt; der Richterstuhl Christi, der auf ihrem Trümmerhaufen aufgerichtet wird! Freunde der Welt, ist nicht Etwas in euch, das erbebt vor dem Gedanken, da zu erscheinen nicht mit dem Glaubensruhme, sondern mit dem Angstschrei auf den Lippen: ihr Berge fallet über uns?“ und so wahrhaftig der Herr lebt, es wird auch also geschehen, wenn in euch keine große Veränderung vorgeht. Der allgemeine Glaube an Gottes allumfassende Liebe, das unbestimmte Vertrauen, dass alles wohl zum Guten auslaufen werde, worin manche es unbegreiflich weit gebracht haben - kann ebenso wenig wahrhaftigen Trost als bleibende Beruhigung schenken. Gott ist nicht für euch, so lange ihr euch wider seinen Gesalbten setzt und wenn Gott wider euch ist, wer wird denn für euch sein? O, Geliebte, mein Herz wird ganz übervoll bei dem Gedanken, wie viel Hunderte von euch den einzigen Trost so dringend nötig haben und ihn doch nicht finden, weil sie noch nicht von Herzen an Christum glauben. Da gehst du hin, Geprüfter, und suchst Trost, während Gott dir Genesung bereitet hat, und klagst immer wieder, während Gott dir so viel Freude gönnen will… muss man dich denn zwingen glücklich zu sein, und gibt es Niemanden, Niemanden, der jetzt schmachtet nach dem Heil, das ich rühmte?

Wohl euch, wenn euer Herz gesprochen hat! Auf die wiederholte Frage: „was sollen wir jetzt hierzu sagen?“ ist dann die Antwort bereit. Sprich zu dem Herrn: „ach, hilf meinem Unglauben; stärke mir den Glauben!“ Ja, kommt dreist zu diesem Herrn, leidende und streitende Sünder, und nehmt ihn für euch selbst an; dann allein ist's auch eure Jubelsprache: Gott ist hier, der gerecht macht, wer will verdammen? Meint nicht, dass ihr erst eurer Erwählung sicher sein müsst, um glauben zu dürfen: ihr müsst erst glauben, ehe ihr wissen könnt, dass Gott euch zuvor versehen hat. Zweifelt nicht, ob er auch eure Seligkeit will; Niemand von euch kann sagen, dass Gott ihn nicht schon oft ernst und dringend rief. Fleht vielmehr, dass er selbst den Geist des Glaubens in euch ausgießen und vervielfältigen möge, und wenn das matteste aufrichtige Verlangen nach Gutem drinnen vernommen wird, so haltet euch überzeugt, dass Er, der die Herzen erforscht, sie auch versteht und erhört. Aber seid auch nicht zufrieden, wenn ihr auf die Bahn des Glaubens die ersten Schritte gesetzt habt; steigen müsst ihr anhaltend, ehe ihr auf der Höhe von Paulus stehen werdet. Viele betrachten die volle Versicherung des Glaubens als einen Vorzug, der nur den Wenigsten beschieden sei, und über deren Mangel man sich nicht ängstlich bekümmern müsse. Paulus und die Natur der Sache lehren anders: Glaube ohne gewisse Versicherung ist Glaube ohne Leben und Kraft. Und muss eure Antwort auf die Frage: warum ihr seine Freudigkeit vermisst, für euch nicht tief demütigend sein? liegt es nicht daran, dass hier eure Kenntnis des Herrn noch gebrechlich und dort euer Blick mehr auf eure Armut als auf seinen Reichtum gerichtet ist? Dass ihr das eine Mal den Grund eurer Freudigkeit noch immer heimlich bei etwas in euch selber gesucht habt, statt ihn außer euch allein in Christo zu finden, oder dass ihr ein anderes Mal durch das Festhangen an einer verborgenen Busensünde die Freudigkeit der Hoffnung verliert? Ach, Geliebte, seien wir doch aufrichtig mit uns selbst und einfältig vor Gott! und senden wir oft das Gebet Pauli für die Gemeinde zu Rom nach oben „dass Gott selbst uns erfülle mit aller Freude und Frieden im Glauben, auf dass wir völlige Hoffnung haben durch die Kraft des Heiligen Geistes!“

Noch einmal gefragt. Was sollen wir zu dem allen sagen, was einst, wenn diese Welt auf immer von uns verlassen wird? Ich stelle mir vor, Christen, die ihr etwas von Pauli Stimmung gelernt habt, dass nach einiger Zeit hier unsere Stätte nicht mehr gefunden wird; dass der Schmerz unserer Krankheit verschlungen ist von dem Schmerze unseres Todes; dass die, welche dann unsere Werke und Kämpfe betrachten, schon gestanden haben an unserer dunklen Gruft. Dann wir erwarten es gewiss dann sind wir über Streitbahn und Feind hinweg und finden rings um uns alles verändert. Die Bedrückung weicht der Befreiung; die Angst dem Aufatmen; die Verfolgung dem Frieden; der Hunger der Sättigung; die Blöße dem himmlischen Festkleid; Gefahr und Schwert der Palme des Triumphs. Aber in unser gereinigtes Herz wird dann die Liebe Gottes noch viel überflüssiger ausgegossen sein, als wir sie hienieden fühlten. Was werden wir dort, auf den Standpunkt versetzt, beim Rückblick auf das Alles sagen? Über den Glaubensruhm wird wohl das Urteil einstimmig sein: was haben wir gebrechlich gestammelt! Aber über den Glaubensstreit o, welches überraschende Licht wird anbrechen, wenn wir entdecken, was alles zum Guten hat mitwirken müssen, worüber wir uns hier vielleicht Jahre lang stumpf geforscht haben! Fürwahr, klang hier das Triumphlied des Glaubens schon so laut, wie weit schöner wird das Triumphlied des seligen Schauens sein. „Wer will uns nun scheiden“ so wird es anheben - aber nein, dies Triumphlied dürfen wir noch nicht mit sterblichen Lippen beginnen. Gebe Gott, dass wir es einst mit unsterblichen Lippen hören lassen! Amen!

1)
Die Predigt wurde am 17. November 1850 gehalten, wo v. Oosterzee eben von einer ernstlichen Krankheit genesen war.
2)
In der Alltagssprache oder Psychologie kann der Begriff veraltet auch für das „Sich-Aussprechen“ oder das freie Äußern von Gefühlen und Herzensangelegenheiten verwendet werden.
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