Mayfart, Johann Matthäus - Himmlisches Jerusalem - V. Von der wunderbaren Auferstehung der Toten.
Gott hat Adam darum aus Erde erschaffen, damit der Mensch, dessen Tod er voraussah, versichert wäre, dass er aus der Erde wieder auferweckt und noch einmal gebildet werden könne von dem, welcher ihn auf Erden nach seinem Ebenbilde erschaffen hat. So weislich hat Gott eingerichtet das Werk der Schöpfung, dass Er uns in demselben zugleich erklärt das Geheimnis der Auferstehung.
Als Christus zu den Juden im Garten des Ölberges nur das eine Wort sagte: „Ich bins“; so wichen sie zurück und fielen zu Boden. Die Schar wich vor dem Einigen, die Gewappneten vor dem Ungerüsteten, die Wölfe vor dem Lämmlein, die Geier vor dem Täublein. Und konnte auch nicht anders geschehen; denn die Menschen mussten vor Gott weichen und mit viel größeren Schanden fallen, als die Philister vor Simson; da ja diese nicht von einem betrübten, sondern freudigen Kriegsmann, und nicht mit einem Worte, sondern mit starker Hand gestürzt und erlegt wurden. Da liegen nun die Tyrannen, wie in einem Sturmwinde zur Erde geworfen, samt ihrem Führer und Helfer; und nur das ist zu verwundern, dass diese Teufelskinder und elenden Würmer zum andern Male an den gewaltigen Löwen vom Stamm Juda sich gewagt haben.
Eben diese Stimme wird bei der majestätischen Zukunft alle Elemente erregen; und ehe noch das Wort ausgesprochen, muss das Meer sich auftun und die Ströme sich teilen und alle Toten herausgeben. Vorzeiten dämmte sich das rote Meer auf; aber ihm wurde gewinkt durch die Hand Mosis. Gleicherweise teilte sich der Jordan; aber er wurde geschlagen mit dem Mantel Eliä. Hier aber bedarf es dieser Dinge nicht; wenn Christus Jesus spricht, so geschiehts, wenn Er gebietet, so stehts da. Gleich wie Er schon in seiner Erniedrigung auf Erden durch sein Bedrohen den Winden das Brausen und dem Meere die Flut benahm: also wird auf das allmächtige Gebot Christi Jesu das Meer seinen Grund entblößen, die Felsen ihre Klüfte aufdecken, die Erde alle ihre Hügel und Gruben aufwerfen und der Verstorbenen Leiber ausspeien und von sich geben; ja mancher große Haifisch muss seinen Magen erschütten und mit aller Kraft den neulich verschlungenen Körper auswürgen.
Gleichwie die Schlangen während der Winterszeit fast sechs Monate so erstarrt darniederliegen, dass sie wie erstorbene Körper sich weder regen noch bewegen können; aber, sobald der erste Donnerschlag in der Frühlingszeit gehört wird, wieder erwachen, geschwind auffahren und des Lebens von neuem genießen: so liegen die Leiber der Menschen in ihren Gräbern, können sich weder regen noch bewegen; aber sobald die Stimme Jesu Christi sich erhebt, werden sie, wie auf eine gegebene Losung, sich erheben, geschwind auffahren und ihres Lebens aufs neue teilhaftig sein. Ist auch gar kein Grund da, warum der Donner aus der Luft die Schlangen erwecke, dagegen die Stimme Christi die Menschen nicht erwecke.
Und wie werden nun die Auserwählten sich freuen, wenn sie sehen, wie die schönsten Rosen aus dem Meere schießen, die köstlichsten Perlen aus den Felsen springen, die edelsten Rubinen aus der Erde aufleuchten. Wie sehr aber werden die Gottlosen erschrecken, wenn sie sehen, wie das stinkende Teufelskraut aus dem Meere fließt, der unflätige Kot aus den Bergen fällt und die hässlichen Ungetüme aus der Erden sich wälzen; denn alle Leiber, der Auserwählten wie der Verdammten, welche jetzt im Meere, in Felsen und in der Erde verborgen liegen, müssen in einem Augenblicke durch das Wort Christi hervorkommen. Ein Vorbild hat Gott der Herr dem Propheten Hesekiel gezeigt (Kap. 37.). „Des Herrn Hand kam über den Propheten und führte ihn hinaus im Geiste des Herrn und stellte ihn auf ein weites Feld, das voller Gebeine lag; und Er führte ihn allenthalben hindurch; und stehe, des Gebeins lag sehr viel auf dem Felde, und siehe, sie waren sehr verdorrt. Und Er sprach zu ihm: Du Menschenkind, meinest du auch, dass diese Beine wieder lebendig werden? Und er sprach: Herr, Herr, das weißt Du wohl. Und der Herr sprach zu ihm: Weissage von diesen Beinen und sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Beine! hört des Herrn Wort. So spricht der Herr Herr von diesen Gebeinen. Siehe ich will einen Odem in euch bringen, dass ihr sollt lebendig werden. Ich will euch Adern geben, und Fleisch lassen über euch wachsen und mit Haut überziehen, und will euch Odem geben, dass ihr wieder lebendig werdet und sollt erfahren, dass Ich der Herr bin.“ „Und der Prophet weissagte, wie ihm befohlen war. Und siehe, da rauschte es, als er weissagte; und stehe es regte sich und die Gebeine kamen wieder zusammen, ein jegliches zu seinem Gebeine. Und er sah; und siehe es wuchsen Adern und Fleisch darauf und der Herr überzog sie mit Haut; es war aber noch kein Odem in ihnen. Und der Herr sprach: Weissage zum Winde! weissage du Menschenkind und sprich zum Winde: So spricht der Herr Herr: Wind, komm herzu aus den vier Winden und blase die Getöteten an, dass sie wieder lebendig werden. Und er weissagte, wie ihm befohlen war. Da kam Odem in sie, und wurden wieder lebendig und richteten sich auf ihre Füße. Und ihrer war ein sehr großes Heer.“
In diesen Worten hat Gott in gar einem vollkommenen Gleichnis die Auferstehung der Toten dem Propheten vorgestellt. Er will damit dem jüdischen Volke in der babylonischen Gefangenschaft ein Zeugnis geben, dass Er sie unfehlbar erlösen könne. Wenn aber die Auferstehung der Toten zweifelhaft wäre, wie könnte Gott daraus den Juden die Gewissheit seiner Verheißung beweisen?
Die Ruchlosen und die Bauchdiener wollen dieses nicht glauben. Sie meinen, es wäre unmöglich, dass ein Körper, der oftmals in viele Länder zerstreut ist, so geschwind wieder zusammen kommen könne. Und wenn gleich alle Glieder vorhanden wären, meinen sie doch, es wäre unmöglich, dass sie aneinander kommen sollten.
Aber betrachtet doch nur, ihr Ungläubigen, was ihr mit eigenen Augen sehen könnt. Wenn man Quecksilber auf einem glatten Papiere zerteilt und in so viel Stäublein verringert, dass sie nicht mehr gesehen werden können; so wird doch aus allen diesen Stäublein, sobald man sie wieder zusammenfallen lässt, eine ganze Kugel; und man kann nicht spüren, dass sie zuvor zerteilt worden. Wirkt solches aber die Natur, was wird die allmächtige Hand Gottes vermögen! Derselbe bewahrt jetzt die Gebeine des Gerechten, dass, derer nicht eines gebrochen wird (Ps. 34, 21.), und wird sie zu seiner Zeit wohl wieder zusammen bringen. Überdies wie sollte Gott nicht wieder zusammen bringen, was zerstreut ist, da er doch schaffen kann, das gar nicht ist!
Der alte Kirchenlehrer Gregor von Nyssa redet die Ungläubigen so an: Ihr werdet doch Gott zugestehen, dass Er so viel von sich selbst könne, als ein Töpfer von seinem Meister gelernt hat. Was tut nun ein Töpfer? Er nimmt ein hässlich Stück Ton, bildet aus demselben ein schönes Gefäß nach seinem Gefallen und setzt es an die Sonne. Wenn aber von ohngefähr das Gefäß Schaden genommen, zerfallen ist, oder zerstoßen oder zerworfen worden und also seine vorige Gestalt verloren hat: so drückt der Töpfer, wenn er will, alles wieder in einen Haufen und macht ein neu Gefäß so schön, als das vorige. Das kann der Töpfer; und dass er es könne, glaubet ihr von ihm, obschon er eine elende Kreatur Gottes ist. Warum wollt ihr denn Gott nicht glauben, wenn Er verheißt, dass Er die Toten auferwecken werde?
Hoch ist dieser Artikel des Glaubens. Heidnische Weltweise haben sich allezeit daran gestoßen und haben ihn verworfen. Dagegen besteht der Ruhm der werten Christenheit darin, dass sie ihn einmütig bekennt. Der heilige Augustinus sucht ihn einfältigen Christen durch ein geringes doch verständliches Gleichnis nahe zu bringen. Wenn der kalte und trübe Winter ankommt, so wütet er mit großem Ungestüm in Feldern und Wäldern, in Gärten und auf Angern, in Städten und Dörfern nicht anders, als ob er Menschen und Tiere bekämpfen und die ganze Natur über einen Haufen stürmen wollte. Er beraubt die Bäume ihrer Blätter, die Wiesen ihrer Blumen, die Vögel ihrer Nester, die Berge ihres Grases, die Quellen ihrer Wasser. Sieht es nicht aus, als ob dieser aller Hoffnung aus wäre, ihr Saft verdorrt, ihre Wurzel erstorben? - Aber sobald der Sommer anbricht, kommen die Bäume zu ihren Blättern, die Wiesen zu ihren Blumen, die Berge zu ihrem Grafe, die Quellen zu ihrem Wasser. Ebenso verhält es sich auch mit den Leibern der Toten. Die Beine sind beraubt des Fleisches, das Fleisch des Geäders, das Geäder des Geblüts; alle Glieder der Empfindung. Aber beim Anbruch des Jüngsten Tages und bei dem Klang der Posaunen wird wie in einem fröhlichen Sommer sich alles wiederfinden.
Wir wollen fortfahren und andächtigen Christen zum Trost in dieser argen Welt noch ein Gleichnis hinzufügen von einem Weizenkörnlein, welches der hocherleuchtete Apostel Paulus uns selbst vor die Augen stellt (1 Kor. 15, 36. 37.). Ein Weizenkörnlein wird in die Erde geworfen. Es verwest und verändert sich dergestalt, dass es ein weißer fließender Stoff wird. Doch finden sich die Teilchen allmählig wieder zusammen und stoßen einen kleinen Stachel als Keim von sich. Derselbe bohrt durch die Erddecke und sobald er hervorblickt, legt er die weiße Farbe ab und nimmt die grüne an. Nun steigt es auf wie Gras; legt aber zuvor in den Acker seine Wurzeln, zerteilt die Wurzeln in Fäserlein, senkt die Fäserlein auf allen Seiten ein, damit der Aufschuss einen guten Grund habe und feststehen könne. Und wie die Zimmerleute ein Haus mit starken Banden zu verwahren pflegen, so stärkt Gott den aufschießenden Halm mit festen Knoten, damit er die aufschossende Ähre tragen könne. Und nun mehren sich die Wunder. In zarten Fäserlein erscheinen die Blüten. Feine Stäublein bringen die Befruchtung. In schöner Ordnung steigen die Körnlein auf. Genau ins Geviert sind sie gesetzt, und jegliches ist in einer Hülse wie in einer Zelle wohl verwahrt; ja noch mehr, sobald die Ähre sich spitzt, müssen stachlige Spelzen wie Stakete sich rund um dieselbe herumsetzen, damit die Körnlein vor Raub der Vögel und vor Schaden des Ungeziefers geschützt bleiben.
Nun stehe, o Menschenkind, wie viel wunderbare Dinge sich an einem verfaulten Körnlein zutragen. Wenn es einmal in die Erde gefallen, sieht es mit hundert andern wieder auf. Wenn nun Gott aus einem verfaulten Körnlein hundert andere erwecken kann, wie viel leichter wird es ihm sein, den Leib eines Menschen zu erwecken!
Darum lasst uns mit dem Propheten aufs Feld gehen und zuschauen, wie auf die Stimme Jesu Christi es daher rauscht, wie alles sich regt, wie die Gebeine wieder zusammenkommen, ein jegliches zu seinem Gebein; wie die Adern sich bilden und das Fleisch wächst, mit Haut überzogen wird; wie die Winde aus den vier Ecken der Welt sich erheben und die Toten anblasen, dass sie wieder lebendig werden; wie endlich der Odem in die neu gebildeten Leiber komme, wie sie lebendig werden und auf ihre Füße sich richten. Lasst uns zuschauen! Ihrer ist ein großes Heer! Herr Jesu! wehe mich an mit dem Geiste der Heiligkeit wider die Sünde, mit dem Geiste der Weisheit wider den Unverstand! Wehe mich an mit dem Winde des Lebens, dass ich von dem Tode erstehe! Wehe mich an mit dem Winde der Freiheit, dass ich aus dem Gefängnis dieser argen Welt mich reiße! Wehe mich an mit dem Winde der Gnade, dass ich nach dieser Trübsal genieße Deiner Barmherzigkeit. Amen!