Mayfart, Johann Matthäus - Himmlisches Jerusalem - I. Wie die Auserwählten warten auf die Erfüllung ihrer Zahl.
Herr Jesu, der Du jeder Kreatur die ihr gebührende Speise darreichst, speise die Obrigkeit mit Weisheit, die Prediger mit Heiligkeit, die Zuhörer mit Frömmigkeit, die Irrenden mit Wahrheit; unser aller Seelen aber speise mit Hass der Eitelkeit und tränke sie mit dem Verlangen der Unvergänglichkeit; so werden wir alle ernährt zur Ewigkeit.
Bisher haben wir beschaut die königliche Hochzeit, welche Christus Jesus mit seiner lieben Braut überaus stattlich gehalten. Sie lebt nun in einem Reiche, das größer ist, als alles Gerücht; das viel besser ist, als alles Lob; das viel tausend Mal herrlicher ist, als alle Glorie, die in dieser Welt mag gefunden werden. Sie besitzt so große Güter, dass sie nicht können gemessen, so viele, dass sie nicht können gezählt, so köstliche, dass sie nicht können geschätzt werden.
In solcher Herrlichkeit trägt sie ein großes Verlangen nach dem verlassenen Leibe; nicht als kränke und betrübe sie solches, sondern sie begehrt, auch den Leib der hohen Glückseligkeit teilhaftig zu machen.
Wenn ein Mensch, der aus Armut zu Reichtum, aus Traurigkeit zur Freude, aus Verachtung zu hohen Ehren erhoben und nach allem Wunsche mit Gütern überschüttet wird, seines guten Freundes gedenkt; so möchte er ihn gern bei sich haben, um auch ihn seiner Herrlichkeit teilhaftig zu machen. Und wenn er noch dazu weiß, dass derselbe schon auf dem Wege ist und bald ankommen wird, so wartet er seiner wohl mit Verlangen, aber ohne alle Bekümmernis und Schmerzen. Also ergeht es auch der auserwählten Seele im ewigen Leben. Nachdem der Herr sie in der Not erhört und der Gott Jakobs sie geschützt, und Hilfe vom Heiligtum ihr gesendet und aus Zion sie gestärkt, und ihr gegeben, was das Herz begehrt, und alle ihre Anschläge erfüllt (Ps. 20.): so möchte sie nichts Lieberes haben, als dass auch der Leib dessen teilhaftig würde.
Oder betrachte, lieber Christ, wie es den Gästen auf unsern Hochzeiten geht. Dieselben stellen sich gemachsam nacheinander ein und sammeln sich um Bräutigam und Braut. Da warten sie der noch säumenden Gäste; werden aber bei einem Ehrentrunke, bei köstlichen Speisen und unter freundlichen Gesprächen über den Verzug etlicher gar nicht unwillig; wiewohl sie gern leiden möchten, die Zahl der Geladenen wäre erfüllt, damit der prächtige und stattliche Kirchgang könne gehalten werden. Also geht es auch den Hochzeitsgästen in dem Freudensaal Christi Jesu. Wiewohl sie gern sehen möchten, dass die Zahl ihrer Brüder und Schwestern erfüllt wäre, damit der Richter alles Fleisches zur majestätischen Wiederkunft aufbrechen könne; so warten sie doch nicht mit Schmerzen, sondern mit Freuden und mit sehnlichem Verlangen auf die Stunde, wo auch ihre Leiber wieder auferweckt und mit ihnen aufs neue vereinigt werden.
Ja die heiligen Engel durchblättern täglich das Buch des Lebens und möchten gern wissen, wann die Zahl der Auserwählten erfüllt sei. So oft eine gläubige Seele gen Himmel geführt wird, machen sie ihnen selbst die Hoffnung, es werde das Ende bald herzunahen. Sie wissen gar wohl, es sei unmöglich, dass ein Auserwählter verführt oder verloren werden könne (Matth. 24, 24.). Sie wissen, dass alles, was der Vater dem Sohne gegeben, zu Ihm kommen müsse; und was zu Ihm komme, werde Er nicht hinausstoßen (Joh. 6, 37.); sie werden nimmermehr umkommen; denn niemand könne sie aus Christi Hand reißen (Joh. 10, 29.).
Und das ist die Ursache, dass der Jüngste Tag in diesem Jammertal noch nicht angebrochen. Denn die Zahl der Auserwählten ist noch nicht erfüllt, sonst würden wir die mächtige Stimme aus den Wolken schon längst gehört haben. Ja (so geschehen könnte, was unmöglich ist) wenn der Jüngste Tag angegangen wäre, die Toten bereits auferstanden, die Frommen in den Wolken dem Herrn entgegengerückt; es befände sich aber, dass ein Auserwählter noch in seiner Unbußfertigkeit beharrte und auf dem Wege der Verdammnis daherwandelte: so müssten gewiss die verstorbenen Leiber wieder in ihre Gräber, die Frommen aus den Wolken in den Himmel, alle Menschen in ihre vorige Stände, die Prediger auf die Kanzeln, die Zuhörer in die Kirche, damit das irrende Schäflein zurecht käme. So muss auch die siebte Bitte im Vaterunser um die Erlösung vom Übel, die Gott ohne Zweifel erst durch die Zukunft seines Sohnes völlig erfüllen wird, mit dem Zusatz verstanden werden, dass die Zahl der Auserwählten zuvor richtig ergänzt sei.
Demnach verbleibt die auserwählte Seele in fröhlicher Hoffnung. Sie wünscht, dass der Richter alles Fleisches doch den Himmel zerreißen und herabfahren wolle (Jes. 64, 1.). Ja sie wünscht, dass doch die Himmel mit großem Krachen zergehen, die Elemente vor Hitze zerschmelzen, die Erde und die Werke, die darinnen sind (2 Petri 3, 10.), verbrennen möchten, wenn nur die heilige Stimme sich erheben und die abgestorbenen Leiber aus der Erde erwecken sollte. Es beirrt sie aber ganz und gar nicht, wie etliche in dieser Welt meinen, ob auch der Tag des Herrn zu kommen verziehe. Sie gleichen dem Jakob, da er mit sehnlichem Verlangen auf Rahel hoffte.
Jakob diente um Rahel sieben Jahre und däuchten ihn, als wären es einzelne Tage, so lieb hatte er sie.
Was war denn seine Lust?
Das Volk der grünen Weid',
Das in den Hürden wohnt?
Rahel war seine Freud'.
Eh' aus der schwarzen Nacht
Herdrang die Morgenröt',
Und mit der Strahlen Glanz
Die Herde schauen tät:
Bedünkte im Gemüt
Den edlen Schäfersmann,
Als wenn mit Schattenläng',
Der Abend bräche an.
Und wenn die Sonn' vollbracht
Im Kreise ihren Lauf,
Bedünkt den Schäfersmann,
Sie wär' kaum g'gangen auf.
Oftmals er klagt, die Stern'
Sie liefen zu geschwind,
Als ob sie ab entlehnt
Die Flügel von dem Wind'.
Jakob und Rahel haben in keuscher Liebe ein solch Leben geführt, dass ihnen nicht anders zu Mute war, als ob sieben Jahre nur sieben einzelne Tage wären: wie viel mehr wird solches im Himmel geschehen bei so heiliger Gesellschaft, an so heiligem Ort, da alle in brünstiger Liebe schweben, in Liebeskraft, in Liebesfreude, in Liebesherrlichkeit, in Liebesklarheit! da alle einträchtig durch den Heiligen Geist wie durch Gottes Odem leben!
Herr Jesu! Du siehst, dass unsere Leiber wandern mit ihren Gliedern, die Seelen mit ihren Begierden; Du hast der Erzväter Verlangen erfüllt mit der Zukunft im Fleisch, erschienst aber vielen als ein Fels der Ärgernis: erfülle doch unser Verlangen mit der Zukunft zum Gericht, und erscheine als ein Fels des Heils allen denen, die um Deines Namens willen Verfolgung leiden. Amen!