MacDuff, John - Abendopfer - 2ter Abend. Um vergebende Gnade
„Am Abend will ich beten“
„Um Deines Namens willen, Herr, sei gnädig meiner Missetat, die da groß ist.“ Ps. 25, 11.
Gnädiger Gott! Schaue Du diese Nacht auf mich herab in Deiner Barmherzigkeit. Lass die Strahlen Deiner Gegenwart mein Innerstes durchleuchten! Bevor ich mich schlafen lege, lass mich die Süßigkeit Deiner Nähe schmecken, und die Zeichen Deiner Liebe und Gnade mir wieder zu Teil werden. Deine Freundlichkeit und Güte war noch jeden Morgen neu über mir, und Deine Treue waltet über mir jede Nacht.
Ich begehre Dir darzubringen das Opfer eines dankbaren Herzens. Mein ganzes Leben ist ein wunderbares Zeugnis Deiner Langmut und Geduld. Die Freundlichkeit des besten Freundes auf Erden ist nichts, verglichen mit der Güte, die Du von je her mir bewiesen hast. Längst schon hättest Du Deine Hand von mir abziehen können, und ich hätte die Früchte meiner strafbaren Entfernung von Dir ernten müssen, wenn Du Deine Gnade und Deinen Geist, welchem ich so lange Widerstand geleistet, mir entzogen, und mich dem Gerichte überlassen hättest. Aber bis auf diesen Tag bin ich verschont worden als ein lebendiges Zeugnis Deiner Gnade. wie groß ist Dein Erbarmen, wie wunderbar sind Deine Friedensgedanken über uns!
O mein Herr und Gott, ich möchte diesen Abend nicht beschließen, ohne mich mit Dir, meinem einzigen Heiland und Helfer, zu versöhnen. Es gibt keine andere Stütze außer Dir für eine zerknirschte Seele und für eine gefallene Welt. Nur Dein ewig gültiges Verdienst und Deine vollendete Gerechtigkeit schützen mich vor dem ewigen Verderben. Ich frohlocke bei dem Gedanken, dass ich weiter nichts bedarf im Leben und im Tode, für Zeit und Ewigkeit. Wasche sie denn ab mit Deinem heiligen, teuren Blut meine vielen, vielen Sünden. Ich habe nichts, das ich Dir bringen könnte, ich klammere mich nur an Dein Kreuz an. Da ist Gnade, ist Wahrheit zu finden, Gerechtigkeit und Frieden küssen sich dort. Indem ich mich auf das, was Du getan hast, verlasse, und auf das, was Du zu tun noch bereit bist, traue, kann ich freudig singen und sagen: „Gib dich zufrieden, meine Seele!“ Gib, dass ich mich immer mehr dem Einflusse deiner erlösenden Liebe unterwerfe. Erkauft um einen so teuren Preis, mache mich bereit, meine Seele und meinen Leib Deinem Dienste zu weihen. Lass mich empfinden, dass die bitterste aller Prüfungen der Verlust Deiner Gnade und Liebe ist, und dass die süßeste aller Freuden in dem Besitz Deiner Freundschaft zu suchen ist. Lass meinen Geist mit Deinem Geist in seliger Gemeinschaft sich verschmelzen. Lass mich sanftmütiger, ergebener, demütiger und uneigennütziger werden; mehr Dir, meinem Heilande, ähnlich. Gib mir zu erkennen, dass selbst die dunkelsten Wege, die Du mich führst, zu meinem Heil von Deiner höchsten Weisheit verordnet sind. Gib mir die beruhigende Versicherung, dass ich einst das im Lichte erkennen werde, was ich hienieden dunkel sah.
Vereinige mich mit allen meinen Freunden, die mir teuer sind, und sie mit mir durch das Band Deiner Liebe.
Unter all' den wechselnden Erscheinungen dieses irdischen Lebens lass uns die Gnade zu Teil werden, dass wir an unserm Herrn und Heiland mit aller Kraft unseres Herzens festhalten. Lass uns, die wir als Pilgrimme denselben Pfad hienieden wandeln, zuletzt auch in derselben Heimat droben ankommen.
Ich begehre, bevor ich einschlafe, mich zu laben an dem geöffneten Brunnen, woraus das Wasser des Lebens quillt. O gib mir den Frieden, den die Welt nicht kennt, den die Welt nicht geben kann, auch nicht nehmen kann! Bleibe bei mir, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt. Gib Deinen Engeln Befehl über mir, dass sie mich behüten diese Nacht, und ich schlafen darf in Deinem Frieden. Wenn aber aus Abend und Morgen mein letzter Erdentag geworden, dann lass durch Deine Gnade mich zu Deiner Herrlichkeit erwachen, durch Jesum Christum, unsern Herrn und Heiland. Amen.
Mein Gebet müsse vor Dir taugen wie ein Rauchopfer, meiner Hände Aufheben wie ein Abendopfer!