Luthardt, Christoph Ernst - Missions-Predigten und Vorträge - Missionsfest-Predigt
gehalten beim Missionsfest zu Greiz am 21. September 1859 über Luk. 8, 5.
Die Gnade des HErrn sei mit euch. Er lasse uns sein Antlitz leuchten, dass wir auf Erden erkennen seinen Weg, unter allen Völkern sein Heil. Amen.
Geliebte! Was muss unsre vorderste Sorge sein? Nichts anderes als dass wir selig werden. Das ist das allererste. Fehlt es da, so hilft uns alles andere nichts, aller Eifer um das Haus des HErrn, alle Arbeit im Dienst seiner Sache, alle Opfer für die Ausbreitung der Kirche. „Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern“: das müssen wir nie aus den Gedanken und den Herzen verlieren. Das ist aber die Neigung des Menschen, dass er gern sich selbst entflieht und sich vergisst über den Dingen, mit denen er sich beschäftigt, und ist auch die Gefahr für den Christen, dass er über der Sorge und Arbeit für das Reich Gottes sich selber versäumt und verwahrlost. Ehe wir also an Mission und Missionsfest denken, wollen wir zuerst an uns selber denken und an unserer Seelen Seligkeit und uns fragen, ob wir Kinder Gottes seien und im Stande der Gnade stehen. Bei wem das noch nicht der Fall ist, oder wer des nicht gewiss ist, der soll zuerst für sich selbst sorgen, ehe er für das Seelenheil der fernen Heiden Sorge tragen will und mag wohl zusehen und achthaben, dass ihm sein Interesse für die Mission nicht zu einem Betrug werde, womit er sich selbst über sich betrügt und täuscht. So viele unserer aber mit fröhlichem Herzen und Munde sprechen dürfen: mir ist Barmherzigkeit widerfahren, ich habe nun den Grund gefunden, der meinen Anker ewig hält, ich bin bei Gott in Gnaden und in dem Himmel ist mein Teil, die sollen Gott bitten, dass er sie festhalte an seiner Hand, dass sie nicht fallen, noch weichen, und sollen des Glaubens und der Liebe Band noch einmal recht fest um ihren HErrn und Heiland schlingen, ehe sie sich zur Arbeit für sein Reich wenden, damit sie sich nicht selber verlieren über der Arbeit und Christo fern kommen, indem sie seiner Sache dienen wollen. Aber das ist ein köstliches Ding, dass wir allenthalben, wo wir auch seien, in seinem Schoße sitzen, wo wir auch gehen, von ihm an der Hand gehalten werden, und was wir auch tun, in seiner Liebe ruhen dürfen. Lasst mich rühmen und preisen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen, die an seinen Namen glauben. Das ist meine Freud und Trost und mein fröhliches Wanderlied hienieden, dass ich sein bin und er mein, ich will keines anderen sein. Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit! Amen. So grüße ich euch, so grüßt mich wieder; das lasst das Bekenntnis unserer Gemeinschaft sein, der seligen Gemeinschaft im Geist, welche die Kinder Gottes auf Erden, die die Kinder Gottes aller Orten, die leiblich getrennten und äußerlich unbekannten, aber in Christo verbundenen und in ihm bekannten mit einander vereinigt. Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit! Amen.
Das erste ist, dass wir Kinder Gottes sind. Aber das andere dann, dass wir Knechte Gottes sind, mit berufen, ihm und seinem Reiche auf Erden zu dienen. Aber ihm und seinem Reich, und nicht unseren Gedanken und Theorien, auch nicht einmal zunächst unserer Kirche oder gar einer Partei. Wir müssen zuerst das Herz weit machen, dass die Liebe Christi ganz und gar sich darin ausgieße und wir in Liebe und Anteil die ganze Reichssache unseres HErrn auf Erden umfassen. Dann erst werden wir auch die rechte Beschränkung üben, welche die Treue von uns fordert, und mit der rechten Herzensstellung auf dem engen Gebiete tätig sein, auf welches uns zurückzuziehen unsre Schwachheit und die Beschränktheit unserer Mittel von uns verlangt. Dann werden wir unserer Kirche so dienen, dass wir damit das Reich Gottes auf Erden überhaupt bauen helfen, und werden an der Mission so arbeiten, dass wir damit der Sache unserer ganzen Kirche dienen. Gott mache unsre Herzen weit, dass wir in Liebe und Teilnahme die ganze Reichssache Christi umspannen und alle eigenen Gedanken und Wünsche versenken in das Liebesmeer des Herzens Jesu.
Meine Lieben! Das Reich Gottes ist die Hauptsache der ganzen Geschichte auf Erden. Darum dreht sich und darauf zielt der ganze Weltlauf. Denn deswegen sitzt der HErr Jesus zur Rechten der Majestät in der Höhe und hat ihm der Vater alles unter seine Füße getan, dass alles ihm und seiner Sache dienen muss. So ist es. Wie es beim Christen ist, dass alles ihm zum Besten dienen, das heißt zu seinem Heil zusammenhelfen muss, so ist es auch beim Reiche Jesu Christi, dass alle Dinge und die ganze Geschichte, Großes und Kleines, die Herrschaft einzelner Völker und der Untergang von Staaten, die Kriege und die Friedenszeiten, die Künste und die Erfindungen der Menschen, dass das alles seiner Sache und seinem Reiche dienen muss. Das ist ein gar köstlicher Gedanke, der uns fröhlich machen soll.
Wie kommt nun aber das Reich Gottes? Einmal wird es kommen in der Zukunft; und zum anderen ist es allezeit im Kommen. In der Zukunft kommt es in seiner sichtbaren Gestalt. Denn so lautet die Weissagung der Schrift, das werde der Ausgang der ganzen Geschichte sein: wenn die Zeit des Weltreichs vorüber ist und die Herrschaft des Antichrist vorbei, dann werde der HErr Jesus sein Reich der Heiligen aufrichten und eine selige. Friedenszeit anheben, in welcher die Gemeinde seiner Gläubigen, frei von Sünde und Tod, mit] ihm herrschen soll über die Welt draußen, eine lange Zeit, bis das letzte Gericht und der Untergang und die Verklärung der ganzen Welt kommt und die Zeit der Ewigkeit. Also das Reich Gottes kommt in der Zukunft, herrlich, sichtbar, machtvoll. Aber es ist auch allezeit im Kommen gegenwärtig, unscheinbar, verborgen, in Niedrigkeit. Da kommt es nicht mit äußerlichen Gebärden und besteht nicht in äußeren Ordnungen, in gewissen Ordnungen der Kirche oder des Staates, noch etwa auch in der Gemeinschaft beider, noch in der Trennung beider. Das sind lauter äußere Dinge, in denen das Reich Gottes nicht besteht, noch kommt. Sondern es ist Friede und Freude im Heiligen Geist, es hat seinen Platz inwendig in den Herzen; es besteht in der seligen Herzens- und Geistesgemeinschaft der Gläubigen mit dem HErrn Jesus und unter einander, es kommt innerlich durch den Heiligen Geist und sein Wort und gründet sich da im Verborgenen und wächst da allmählich. Da ist alles lieblich und heilig und selig, während es äußerlich oft gar wunderlich aussieht, eitel Schwachheit und Sünde und Streit und Hader und Zerrissenheit und Unordnung. Das will eben alles in Geduld getragen sein und mit Liebe gebessert werden, ohne dass wir uns an der armseligen Gestalt der Kirche hienieden ärgern und an ihr etwa verzweifeln und uns auf uns selbst zurückziehen; sondern wir sollen unser Herz darüber getrösten mit dem innerlichen Bestand des Reiches Gottes und bedenken, dass die Art und Gestalt desselben so bleiben wird, bis der HErr selbst einst kommen und alles herrlich machen wird. Das ist auch die Belehrung, welche der HErr den Seinigen in den sieben Gleichnissen gibt, die er über das Reich Gottes einmal zu den Jüngern und zum Volk am Ufer des galiläischen Sees gesprochen und die er beginnt mit dem Gleichnis vom Samen des Worts und vom Saatfeld seines Reiches. Das lernt und erfährt man denn vor allem an der Mission, und darum wollen wir uns dies zum Text und zum Thema erwählen. Wir lesen die Textesworte unserer Missionsbetrachtung
Ev. Luk. 8, 5:
„Es ging ein Säemann aus, zu säen seinen Samen“,
und wollen reden von der Missionssaat, indem wir die drei Stücke nach einander betrachten: den Säemann, den Samen und das Saatfeld.
1. Zuerst also den Säemann.
Es ging ein Säemann aus zu säen. Das ist Christus. Er ist der Säemann, der den Samen streut. Darin liegt denn vor allem, dass die Verkündigung des Wortes, die Ausbreitung der Kirche, die Gründung des Reiches durch das Wort der Verkündigung, also auch das Werk der Mission die Sache Jesu Christi und sein Werk ist. Denn das ist es doch, was die Mission will, dass sie das Reich Christi da gründet und baut, wo es noch nicht gegründet ist. Denn Christus ist zwar ein Herr über alles, ein König der Könige und Herr aller Herren, der sich gesetzt hat zur Rechten der Majestät in der Höhe und alles unter seinen Füßen hat. So hat er also eine Macht über die ganze Welt; denn er hat auch ein Recht über die ganze Welt. Denn mit seinem Leiden und Sterben, da das Lamm Gottes trug die Sünden der Welt, hat sich der Menschensohn die ganze Menschheit zu seinem Eigentum erworben; dadurch hat er, der Menschgewordene, ein Anrecht an sie gewonnen, dass sie sein Reich sein soll. Aber er will sein Reich allmählich und nicht auf einmal einnehmen, und mit sanfter Überredung und nicht mit Gewalt. Das ist sein freundliches, liebereiches Herz, dass er nur solche Untertanen haben will, die sich in willigem Gehorsam und Liebe seiner Herrschaft beugen. So geht er denn aus, Besitz zu ergreifen von seinem Eigentum. So hat er's vor Zeiten gemacht, da er im Fleische der Schwachheit in Israel wandelte. Es heißt wohl: „Er kam in sein Eigentum“ Joh. 1,11; aber er wollte sein Eigentum nicht mit Gewalt einnehmen, sondern die Seinen sollten ihm in willigem Liebesgehorsam zufallen. Darum ist er nicht müde geworden, Tag für Tag, Jahre lang in Israel umherzugehen, in den Städten und Dörfern, auf den Märkten und Landstraßen, in Judäa und in Galiläa, bis nach Tyrus und Sidon hin und bis jenseits des galiläischen Sees, und hat wohlgetan und geheilt und gelehrt und den Samen seines Wortes ausgestreut. So macht er's noch immer. Denn da er von der Welt schied leiblich, ist er gekommen im Geist und geht nun so im Geist über die ganze Erde hin, nach allen Seiten hin, und streut seinen Samen aus in die Herzen, dass da Glaube und Liebe aufsprieße und der Gehorsam erwachse, der Herzen und Knie vor ihm sich neigen und beugen machen soll. Das ist seine alte Liebe, die wir kennen aus den Evangelien, ja Gott sei gepriesen aus unserem eigenen Leben und Erfahrung, die keine Ruhe hat Tag und Nacht, die ihn treibt auszugehen und nachzugehen und von einem zum anderen zu gehen, wie er bei Marcus 1,38 zu Petrus und zu den anderen, die ihn suchten, sprach: „Lasst uns in die nächsten Städte gehen, dass ich daselbst auch predige; denn dazu bin ich gekommen.“ So ist er denn gekommen, dass er über die Erde hingehe zu predigen durch den Mund seiner Boten. Dazu dient ihm das Werk der Mission. Es ist Christi Sache und Werk. Es ging ein Säemann aus zu säen. Christus ist der Säemann. Das ist aber gut, dass Er der Säemann ist. Das ist unsre Freude und unser Trost. Denn das ist doch wahrlich eine fröhliche Sache, dass wir unserem HErrn helfen dürfen in seiner Arbeit. Wenn man recht bedenkt und erwägt bei sich selber die unendliche Liebe, die er uns erwiesen und die wir alle Tage erfahren, dass wir in eitel Lobliedern und Freudenpsalmen auch mitten in Trübsal unsere Pilgerstraße allzeit ziehen sollten darüber, dass wir Gottes Kinder sein dürfen und bei Gott in Gnaden und der ewigen Seligkeit gewiss sind, da will es einem doch schier das Herz abdrücken, dass wir ihm nichts zu Liebe sollten tun können, Levi und Zachäus und Simon der Aussätzige und so viele andere haben ihn zu Gaste gehabt, Martha hat ihm zu Tische gedient, Maria hat ihn gesalbt, die Frauen, die ihn begleiteten, haben für ihn gesorgt usw. Da möchten wir doch auch etwas ihm zuliebe tun können. Nun die Mission ist seine Sache, worin wir ihm helfen dürfen. Das ist eine große Freude.
Und auch ein großer Trost. Denn wäre es nicht seine Sache, so sollten wir den Mut wohl sinken lassen. Es nehme einmal einer einen Schöpfeimer und schöpfe damit das Weltmeer aus. Beinahe so scheint es mit der Mission zu sein. wie langsam geht die Sache vorwärts! Was sind unter den 12 bis 13 Millionen Tamulen die 100 oder 200 Heiden, die jährlich von unseren Missionaren getauft werden! Die Heidenwelt sträubt sich mit zähem Widerstreben und will sich nicht überwunden und gefangen geben. Und die Kräfte der Arbeiter reichen nicht aus. Da heißt es überall: mehr Arbeiter! Stählin, der am Seminar in Trankebar1) ist, verlangt einen Gehilfen, Kelber wird allein in Madras nicht fertig, unser Senior Cordes2) drängt, dass die beiden tamulischen Kandidaten Samuel und Nallatambi3) ordiniert werden, weil sie sich bewährt haben und es an Arbeitskräften fehlt, Baierlein schreibt uns von dem großen Arbeitsfeld von Cuddalore, und Schwarz berichtet, welch eine Türe im Westen offen stehe. Aber es fehlt an Kräften. Es stehen zwar unseren Missionaren einheimische Gehilfen: Lehrer, Katecheten und dergleichen zur Seite; aber ihre Hilfe ist vielfach noch sehr gering. Nun arbeiten wir allerdings nicht allein draußen. Es sind noch andere da, die Engländer und die Römischen usw., die auch Christum predigen. Aber es wäre doch besser, dass unsere Kirche und ihre Wahrheit mehr Kräfte zur Verfügung hätte. Und nehmen wir alles zusammen, so ist alles, die ganze Missionsarbeit der Kirche Christi auf Erden, ihr gesamtes Kriegsheer, das sie ins Feld stellt, um ihrem HErrn die Welt zu erobern, gar eine schwache Macht. Sollten wir's und sollten wir's damit ausrichten, da wäre es wohl gefehlt. Aber gottlob! die Sache und das Werk ist Christi. Der wird's schon zu machen wissen. Es muss doch noch alles ihm die Ehre geben und aller Knie seinem Namen sich beugen. Es kann nicht Ruhe werden, bis seine Liebe siegt, und dieser Kreis der Erden zu seinen Füßen liegt. Das gibt uns einen fröhlichen Mut mit der kleinen Kraft fortzuarbeiten. Gelingt's oder gelingt's nicht: was brauchen wir uns darum zu sorgen? Es ist seine Sache. Und er muss doch zuletzt siegen und unser Tun bleibt unverloren. Wollen wir nur unsre Schuldigkeit recht tun und diese Sache Jesu Christi allzeit auf betendem Herzen tragen und mit unserer Fürbitte die müden Hände und Knie der Streiter draußen stärken, so dass wir ein gutes Gewissen haben; dann können wir ganz ruhig und getrost sein. Das also ist unsere Freude und Trost, dass Christus der Säemann ist.
Aber vergessen wir dabei nicht, dass Christus ein Säemann ist. Denn das lehrt Geduld. Ein Säemann streut nicht zu einer und derselben Zeit auf alle Felder Samen aus, sondern bald hier, bald dort, bald diesen, bald jenen Samen, bald im Herbst, bald im Frühjahr, wie es eben gerade an der Zeit ist. So macht's auch unser Herr Christus. Das Wort Gottes wandert über die Erde hin: bald kommt dies Volk daran, bald jenes ein jegliches zu seiner Zeit. Da sollen wir eben verstehen lernen, was gerade an der Zeit ist und nicht unseren eigenen Gedanken, Einfällen und Neigungen folgen wollen und uns willkürlich ein Feld herauswählen zur Bearbeitung, sondern zusehen, wo uns der HErr hingestellt hat. Da sollen wir unsere Schuldigkeit tun, und was wir zu tun haben, ganz tun und nicht halb, und nicht eher davon gehen, als bis wir unsere Aufgabe erfüllt haben. Wenn aber nun da das Feld bebaut und der Same ausgestreut wird, so wollen wir wiederum bedenken, dass es eine Säarbeit ist. Das ist eine langsame Sache. „Siehe, ein Ackermann“ schreibt Jakobus in seinem Brief 5, 7 „wartet auf die köstliche Frucht der Erde und ist geduldig darüber, bis er empfange den Morgenregen und Abendregen. Seid ihr auch geduldig und stärkt eure Herzen.“ So seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen! Denn es ist eine Säarbeit und Christus ein Säemann. Also der Säemann ist Christus: das macht uns fröhlich und getrost; und Christus ist ein Säemann: das macht uns geduldig.
2. Nun lasst uns zum anderen vom Samen reden.
Das ist das Wort Gottes. Da gilt nun wieder dies Zweifache: das Wort Gottes ist ein Same, und der Same ist das Wort Gottes. Zuerst also: das Wort Gottes ist ein Same. Ein Samenkorn ist eine unscheinbare geringe Sache; aber es ist eine mächtige Triebkraft darin, die aus dem Samenkorn etwas Neues hervorwachsen macht. Gerade so ist's auch mit dem Worte Gottes. Es gibt nichts Unscheinbareres als das. Was ist ein Wort? Ein Laut, der verhallt, ein Hauch, der verweht, das schwächste Ding auf Erden. So ist auch das Wort Gottes. Damit sollen wir die Bollwerke Satans umwerfen! Aber das Wort Gottes ist ein Same. äußerlich zwar scheint es nichts wirken zu können; aber es hat eine verborgene Kraft in sich, eine Triebkraft und einen Lebenskeim. Mit diesem senkt es sich in den Boden und fängt da an zu arbeiten, zu keimen und treiben im Verborgenen, bis es dann hervordringt ans Licht. Das ist die Art des Wortes: es ist eine wachstümliche Macht. Es will nicht bloß flicken und bessern und kultivieren und dergleichen mehr, sondern es will etwas Neues schaffen, aus selbsteigner Lebenskraft. So ist's ja auch bei uns. Das ist's doch allein, was den Christen macht, dass in ihm ein neues Leben beginnt, das keimt und treibt und ausschlägt und zuletzt Frucht bringt. Solange es nicht dazu kommt, dass da wirklich ein neues Leben entsteht und sich regt und zum Vorschein kommt, so lange ist das Christentum von einem Menschen nicht viel wert er mag noch so sehr seine Fehler bekämpfen und einzelne Tugenden annehmen oder fromme Gefühle und Regungen haben, oder in christlicher Sitte einhergehen, oder in kirchlichen Dingen, in Lehre und Zucht und Ordnung der allerstrengste sein. Das ist alles Betrug, wenn's nicht zum wirklich neuen Leben und Wesen kommt in Herz, Sinn und Gedanken, dass ein neuer Geist und eine neue Seele in ihm lebe, ein seliger Friede und eine herzliche Liebe. Denn das Wort Gottes ist nicht eine Flickerei, die nur einen neuen Lappen aufsetzen will, sondern es ist eine Kraft, die da lebendig macht, eine Macht, die ein neues Leben erzeugt: das Wort Gottes ist ein Same. Das also ist es, worauf wir auch draußen bei unseren Tamulen sehen müssen, ob da ein neues Leben im Heiligen Geiste entsteht, nicht wie sie's mit dem oder jenem, mit Sitte und Brauch, mit Überlieferung und Kaste und dergleichen halten, sondern ob sich im Herzen etwas Neues regt. Das Wort Gottes ist ein Same.
Aber freilich der Same fordert Geduld. Man streut ihn in den Boden und sieht nun eine lange Weile nichts von ihm. Oft kommt auch noch der Schnee dazu und legt sich darüber und deckt alles zu. Der Ackermann führt ein Leben des Glaubens und der Hoffnung. So müssen wir auch in Glaube und Hoffnung leben und wirken und beten; denn unsere Mission steht zumeist noch in der Säzeit. Sie hat zwar schon Zeiten der Ernte gehabt, vor hundert Jahren. Aber da unsere Kirche lässig wurde in diesem Werke, wie sie denn von jeher im Werke der Mission viel zu wenig ihre Schuldigkeit getan hat, so hat sie versäumt, Arbeiter in die Ernte zu senden, und so kamen andere, die Engländer, und haben das Feld geerntet und uns nur ein weniges übrig gelassen. Nun hat unsere Kirche von neuem zu säen begonnen, vor zwanzig Jahren, und hie und da sprießt schon die Saat, aber im ganzen ist es noch Säzeit, nicht Erntezeit. Das fordert denn Geduld. Wollen wir denn also nicht müde werden, dazu zu helfen, dass der Same ausgestreut werde in die Herzen zu künftiger Ernte, und uns nicht verdrießen lassen auf das Wachstum zu warten. Denn das Wort Gottes ist ein Same.
Der Same aber, der ausgestreut wird, ist das Wort Gottes. Das ist das andere. Ein Wort ist es; nicht äußere Macht, Gewalt, Zwang, Gesetz und dergleichen, sondern ein Wort, das an die Seele und an das freie Wollen des Menschen sich wendet; ein Wort der Überredung, das angenommen, das abgewiesen werden kann. Das ist zwar ein schwaches Ding. Aber doch wiederum das stärkste. Denn das Wort ist doch auch unter den menschlichen Mitteln die größte Macht. Nichts wendet sich ja so unmittelbar an die innerste Seele. Und vollends das Wort Gottes! Das Wort von der Sünde und Sündenvergebung, vom Gericht und von der Gnade Gottes, das Wort von der ewigen Liebe, die vom Throne des Himmels zu uns Menschenkindern auf die Erde herniedergestiegen und alle unsere Sünden und Schmerzen getragen und alles Leid in Freude verkehrt hat. Wo gibt es etwas im Himmel und auf Erden, was die Seele so unmittelbar berührt, in ihrem innersten Leben trifft, mit solcher siegreichen Gewalt erfasst, mit solcher göttlichen Kraft bewegt, mit solcher milden Süße erquickt? Ein solches Wort muss Wirkung üben und Erfolg haben. Der Same ist das Wort Gottes. O! selig wir, dass wir einen solchen Samen auszustreuen haben, der so schöne, fröhliche Ernte verheißt! Welche Lust einst, wenn die reichen Garben gesammelt werden in die ewigen Hütten Gottes. Aber sehen wir zu, dass wir auch mit gesammelt werden dereinst, dass dieses Wort auch in unseren Herzen wurzle und keime und treibe und sprieße und grüne und Frucht bringe. Wir brauchen es alle. Denn wir sind von Haus aus alle ein unfruchtbares Feld. Aber der Same des Wortes Gottes, das ist gerade der Same den wir brauchen.
3. Lasst uns zum dritten das Saatfeld betrachten.
Der Säemann geht aufs Ackerfeld, um hier seinen Samen zu säen. Denn ohne den bringt es keine Frucht. Das ist also das erste: das Feld ist von sich aus unfruchtbar. Soll es Frucht bringen, so muss guter Same darauf gesät und in den Boden gesenkt werden. Von sich aus bringt es nur Unkraut oder etwa auch Blumen. Aber davon kann man nicht leben. Ein solches Feld ist oft mit allerlei Farben geschmückt, so voll von Blumen ist es. Aber das ist eine Ergötzung der Augen und sonst nichts nütze; man bäckt davon kein Brot. So ist's auch hier. Es können aus einem menschlichen Herzen allerlei schöne Gedanken und glänzende Ideen hervorwachsen, wie denn manche reichbegabte Völker mit vielen schönen Blüten des Geistes sich schmückten. Aber eine Speise zum ewigen Leben ist das nicht. Die Hindu lieben die Blumen die Blumen, wie sie draußen wachsen, und die Blumen der Rede, wie sie's nennen. Sie lieben die dichterische und geschmückte Rede und die glänzenden, spielenden Farben der Worte. Aber diese Gabe ist ihnen zur Versuchung, der Schmuck der Rede zur Lüge und Heuchelei, und so die Blumen zum Unkraut geworden. Der Boden ihres Herzens und das ganze Leben des Volkes ist von dem Unkraut der Lüge überwuchert. Und wieviel anderes Unkraut schlingt sich darein! Vor allem die Unzucht und die Habsucht. Diese drei Sünden streiten mit einander um die Wette. Wenn man dies Volk ansieht, meint man gar nicht, dass da noch guter Boden darunter sein könnte, so dick ist alles mit Unkraut bedeckt, und dass da noch ein Raum sich finde für ein gutes Samenkorn. Wie es aber da aussieht, so allenthalben und oft noch ärger. Da kommen dann noch dazu die Europäer und streuen ihren Unkrautsamen aus und verderben die heidnischen Völker vollends in Grund und Boden hinein mit ihren Lastern der Zivilisation. So sieht es aus auf dem Felde draußen. Ist es ein Wunder? Steht's doch bei uns selber nicht viel besser. Wer das menschliche Herz kennt, der wird sich nicht mehr viel verwundern. Was kann in einem einzigen Herzen für ein Abgrund von Sünde und Verderben, was für ein Labyrinth von bösen Gedanken und Begierden sein! Wer nicht über sich selbst schon erschrocken ist, was für Giftpflanzen auf dem Sumpfboden seines Herzens wachsen, der hat sich noch nie erkannt und geprüft. Und wie es in unserem Volke ringsum aussieht, das weiß der, der einmal seine Augen ordentlich aufgetan hat und hat sich nicht täuschen lassen vom Schein der Kultur. Nun vollends dort in den heidnischen Ländern, wo die ganze Luft verpestet ist von der Abgötterei und von der privilegierten Sünde und Schande, während bei uns doch das Christentum mehr Zucht und Ordnung in das öffentliche Leben gebracht hat und dadurch den einzelnen mehr Schutz und Halt verleiht; dort wo der Teufel, der Lügner und Menschenmörder von Anfang, seine eigentliche Residenz und Hauptfestung hat. Es ist ein Jammer anzusehen, wie ihm sein Spiel gelungen ist und die Menschen sich ihm willig zur Beute geben, nur um unsäglich von ihm gequält zu werden.
Und sie sind doch auch von Gott geschaffen und tragen sein Bild und Gleichnis im Grunde der Seele, zugedeckt und verderbt vom Schmutz der Sünde, und sind bestimmt mit Gott in Gemeinschaft zu stehen und Friede im Herzen zu haben und selig auf Erden und im Himmel zu sein. Und nicht bloß, dass sie so einmal von Gott geschaffen und dazu bestimmt wurden. Sie haben auch noch im innersten Grund die Empfänglichkeit dafür. Denn einen Anknüpfungspunkt für das Heil der Seele, welches die ewige und unermüdliche Gnade uns schenken will, hat ein jeder Mensch. Er ist von Gott ihm an- und einerschaffen und ist unzerstörbar, solange der Mensch auf Erden lebt.
Denn in einem jeden bezeugt sich der züchtigende und strafende Geist Gottes durch das Gewissen und treibt und drängt ihn, dass er nach etwas Besserem, Höherem verlange. Darin liegt die Empfänglichkeit des Menschen. Diesem Verlangen kommt dann das Wort des Evangeliums von der Gnade Gottes in Christo Jesu entgegen und bietet dem Menschen, was er braucht und begehrt, ohne es zu kennen und zu wissen, was er eigentlich will. Aber es kommt darauf an, wie sich der Mensch von diesem Gewissenszeugnis züchtigen und weisen lässt. Danach ist die Empfänglichkeit verschieden. Die einen verhärten sich ganz dagegen und werden dem hart getretenen Weg gleich, der nichts in sich aufnimmt. So sind viele besonders unter den hochmütigen und verlogenen Brahminen. Andere sind leicht empfänglich, aber oberflächlich. So ist die Mehrzahl des leichtbeweglichen und erregbaren Hinduvolkes, die sich durch ihre bewegliche Phantasie auch in das Christentum schnell hineindenken, aber bald wieder abfallen. Andere endlich, insbesondere viele von den Armen, gehen ganz unter in den Sorgen der Nahrung. Es ist nur ein kleiner Teil, der im rechten Stande der Vorbereitung steht. Aber es ist doch auch ein Teil. Und auch die anderen sind nicht verloren. Der harte Boden kann aufgegraben, die dünne Erdschicht ausgeschüttet, die Dornen können ausgebrannt werden. Das Feld ist geschaffen und bestimmt, dass es guten Samen empfange, auch das Volk der Tamulen. Sollen wir die Säarbeit aufgeben oder lässig treiben, weil wir nicht so viel oder so schnell Erfolg sehen? Es ist Gottes Sache, wie er den Samen aufgehen lassen will. Und gottlob! es fehlt nicht an fröhlich sprießender Saat.
Von einem Erntefelde können wir noch nicht reden. Doch etwas Frucht ist schon vorhanden. wie manche gerettete Seele ist schon heimgeholt worden, ein Preis der Engel, ein Loblied der Seligen! Nicht bloß zur Zeit unserer Alten, zur Zeit der Blüte unserer Mission; auch jetzt. Wir werden einst am Tage der Garben die Gesammelten sehen, die in unseren Tagen der HErr zu sich geholt, dahin, wo keine Hitze mehr auf sie fallen soll. Wäre es nichts sonst, was wir zu sagen und zu rühmen hätten, es wäre genug und der Mühe wert. Aber weithin sehen wir die Saat keimen und sprießen. Es fängt an grün zu werden auf dem Boden der Heidenwelt und auch bei den Tamulen. Nun wohl, es fehlt nicht am Unkraut unter dem Weizen. Aber kann es denn anders sein? So hat es ja der HErr vorausgesagt, um uns vor beidem zugleich zu warnen, vor Hoffnungslosigkeit und vor falschem Eifer. Wir dürfen uns kein glänzendes Bild von unseren Missionsgemeinden machen. Sie sind noch sehr in den Anfängen des Christentums, noch sehr unbefestigt und von allerlei Sünden verderbt - wohl noch in höherem Grade als unsere Gemeinden. Da will eben in Geduld gearbeitet sein. Mit Stürmen und Drängen, mit Reißen und Wegwerfen wird da nichts gebessert, sondern mit liebender Geduld will gearbeitet sein. Wie bei uns, so auch draußen. Es sprießt und keimt und grünt doch. Lassen wir uns doch unsere Freude am Werke Gottes nicht verderben durch die Schwächen und Mängel, auch durch die Sünden und Ärgernisse -; sondern loben und preisen wir den HErrn, dass er ein solches gnadenreiches Werk gegründet und begonnen hat unter der verlorenen und verdammten Menschenwelt und in unseren grundverderbten Herzen. Und es fehlen auch die Lerchen nicht, die sich fröhlich schwingen über dieser Saat und ihre hellen Lieder singen. Es singt die tamulische Zunge die lieblichen Lieder unserer Kirche so hell und fröhlich wie die unsere. So wollen wir uns denn von solchem fröhlichen Gesang unsere Herzen erwecken lassen, dass sie auch mit einstimmen, loben und preisen, und bitten und flehen, dass Gott der HErr Gnade und Segen gebe, Regen und Sonnenschein, dass die Saat wachse und gedeihe. Mit solchen Liedern und Gebeten lasst uns nachfolgen unserem Säemann, der ausging zu säen seinen Samen, und ihm helfen in seiner Arbeit und uns freuen, dass wir ihm helfen dürfen, Samen zu streuen aufs Feld zur künftigen Ernte! Amen.