Lavater, Johann Caspar - Predigten über das Buch Jona - Dritte Predigt.

Das Gute in dem Betragen Jonas.

Ueber Das 1. Capitel, 6-12. Vers des Buches Jonas.

Text. Jonas Cap. I. v. 6- 12.
Da gieng der Schiffherr zu ihm, und sprach: warum schläfst du so hart? Steh auf! Ruf deinen Gott an! Vielleicht mögte sich derselbe Gott gnädig zu uns wenden, daß wir nicht verdürben? Also sprach einer zu dem andern: Kommet her, lasset uns das Loos werfen, daß wir erfahren, um welches willen uns dieses Unglück begegne. Und als sie das Loos warfen, fiel das Loos auf den Jonas. Da sagten sie zu ihm: Lieber, sage uns: Um wessen willen begegnet uns dieses Unglück? was ist dein Gewerb? Und woher kommest du? was Landes bist du, und aus welchem Volke bist du?

Und er antwortete ihnen: Ich bin ein Hebräer, und ich ehre den Herrn, den Gott des Himmels, welcher das Meer und das Trockene gemachet hat.

Da erschracken diese Leute noch mehr, und sprachen zu ihm: warum hast du das gethan? Denn diese Männer hatten vernommen, wie er von dem Herrn geflohen wäre: (denn er selbst hatte es ihnen gesagt.)

Und sprachen ferner zu ihm: was sollen wir dir thun, daß sich uns das Meer stille? (Denn das Meer lief an, und ward ungestüm.)

Er antwortete ihnen: Nehmet mich, und werfet mich in das Meer, so wird euch das Meer still werden: Denn ich weiß, daß dieses große ungestüme Wetter meinetwegen über euch gekommen ist.

Mein andächtige Zuhörer!

Wenn weise Männer eine Thorheit begehen, ist eine oft bestätigte Beobachtung, so ist diese Thorheit nicht gering; Aber, wenn sie diese Thorheit einsehen, so suchen sie dieselbe auf eine solche Weise wieder zurück zu nehmen und gut zu machen, daß man ihnen beynahe dazu Glück wünschen muß, daß sie diese Thorheit begangen haben.

So ist es, Meine Theuren, ungefähr auch mit Verbrechen von Tugendhelden und Männern Gottes. Ach! Bisweilen fallen sie schrecklich; Aber, wenn Gott, der mächtig ist, sie wieder aufzurichten, sie wieder aufrichtet, so ist ihr Fall ein Seegen, eine Warnung, eine Erweckung für viele, so daß man hinten nach beynahe nicht mehr wünschen mag, daß sie nicht gefallen wären.

Das Beyspiel des gefallenen, und wieder bußfertigen Petrus kann diesen Gedanken in sein völligstes Licht setzen,

Petrus war gewiß ein guter aufrichtiger Mann; Er war nichts weniger als ein falscher heuchlerischer Jünger; Gewiß kann es mit Jesu niemand besser gemeynt haben als er; - Aber er war schwach; Er unterlag der Versuchung; Die Menschenfurcht war in diesem Augenblick stärker bey ihm als die Gottesfurcht. Er verläugnete den, den er bereits den Sohn Gottes zu seyn bekannt hatte, zu drey verschiedenen malen vor seinen Feinden; Mit schrecklichen Betheurungen verläugnete er ihn. - Sein Fall war entsetzlich; Sein Wiederaufstehen schien beynahe unmöglich; Aber Gott, dem kein Ding unmöglich ist, richtete ihn wieder auf. Er weynete bitterlich - und wurde der feurigste, der heldenmütigste, der standhafteste Bekenner und Vertheidiger Jesu; - Er vergütete seinen Fehler tausendfach; Sein Fall wurde das Aufstehen vieler; - Seine Thränen sind Quellen unzähliger Bußthränen. Seit siebenzehnhundert Jahren - wieviele tausend fromme Bußempfindungen, Betrachtungen, Erweckungen sind unter der allwaltenden Leitung der göttlichen Fürsehung dadurch veranlaßt worden? So sehr er Gott durch seinen Fall verläugnete und entehrte, so viel Ehre machte er ihm durch sein Aufstehen.

Was wir hier von Petrus sagen, läßt sich ebenfalls auch von dem Propheten Jonas anmerken. Er sündigte sehr wider den Herrn; Er fiel sehr tief von der erhabenen Würde eines Propheten herab; - Aber, er blieb nicht lange liegen; So groß sein Fall war, so herrlich war sein Aufstehen; So unedel und eines Mannes Gottes unwürdig sein Betragen war, da er Gott ungehorsam war, da er vor seinem Angesicht fliehen wollte, und mitten im größten Sturm, woran er die Schuld war, sorgenlos schlief; - So edel, so. würdig, so erhaben war nun, da er wieder leiblicher und geistlicher Weise erwachte, sein Betragen.

Es scheint, man habe eine ganz andere Person vor sich; - Keine Spur mehr von der vorigen Kleinmuth, - gerade das Gegentheil von dem; - Die erhabenste Standhaftigkeit und Großmuth.

So bald der Schiffherr dem schlafenden Propheten zurief: warum schläfest du so hart? Steh auf! Ruf deinen Gott an! vielleicht wird er sich freundlich zu uns wenden, erwacht er, und erwacht sein Gewissen mit ihm. woher bist du? von was für einem Volke bist du? fragen sie ihn, - und er bekennt seine Religion, - und sein Verbrechen. Ich ehre den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemachet hat; Und er erzählt ihnen, wie er vor seinem Angesicht, oder dem Ort, wo er sich ihm geoffenbaret hatte, geflohen sey; Er giebt sich als die Schuld und Ursache des entstandenen Ungewitters, und ihrer Lebens- und Schiffsgefahr an. Noch mehr: Er will sich zum Opfer für sie, sein Leben für ihr Leben hingeben. Welch ein ganz anderer Mensch scheinet hier aufzutreten und zu reden, als der, den wir im ersten Theil des Capitels in Jonas betrachteten.

Züge, Meine Theuren, die unserer nähern Betrachtung eben so würdig sind, als die fehlerhaften, die wir vor acht Tagen erwogen haben. Lasset uns die gegenwärtige Stunde dazu anwenden, und unsere Aufmerksamkeit auf jeden Punkt besonders sammeln.

Gott aber gebe dem Redenden und den Hörenden Gnade, viel Nutzen aus diesen Betrachtungen zu ziehen, daß viele gute ewigbleibende Früchte daraus erwachsen, zur Ehre seines Namens, und zur Freude Jesu Christi, Amen.

I.

Das erste, das sich dießmal unserer Betrachtung darbeut, ist das Bekenntniß seiner Religion, das Jonas ablegt: Ich ehre den Herrn, sagt er, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemachet hat.

Das sagt er in einem Schiffe, wo vermuthlich kein einziger Israelit ist, wo lauter Heyden, und Anbether fremder Götter sind; Er scheut sich nicht, den zu bekennen, vor dessen Angesicht er doch geflohen war; Er erklärt sich, daß er, er allein, keine von denen Gottheiten kenne, die sie verehren; Daß er keinen Gott anbethe, als den Jehova, den Gott der Juden; - Gerade denjenigen Gott, der sich von allen andern dadurch unterscheidet, daß er keinen andern Gott neben sich dulden will; Daß keine andere Gottheit neben ihm verehrt werden darf. - Ich ehre den Jehova, - Den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemachet hat; Mein Gott ist kein Nationalgott, kein Ortgott; Die ganze Welt, Himmel und Erde, ist sein Tempel, alle Menschen, alle Geschöpfe, alle Kräfte sind ihm unterthan. was er will, das geschieht; was er gebeut, steht da; Er schafft alles was er will, im Himmel und auf Erden. Dieß weite Meer, das wir vor uns sehen, ist von ihm; Von ihm das ungestüme Brausen seiner Wällen; Aber auch alles Trockene, alle Gegenden, und Plätze, und Ständchen der Erde sind durch ihn, und bestehen in ihm. Diesen Gott beth ich als den Einzigen Urheber meines Wesens, und den Lenker und Herrscher aller meiner Schicksale an. Alle Götter der Nationen sind nichts; Er ist der einzige; Er ist allein lebendig, allwirksam, und schließt alle andere Gottheiten aus; - Ich ehre den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemachet hat. - So bekennt Jonas seine Religion; - So rächt er sich gleichsam an seiner vorigen Kleinmüthigkeit und Feigherzigkeit, in Absicht auf das Bekenntniß und die Verehrung Gottes unter einer fremden abgöttischen Nation.

Lerne hieraus, mein Zuhörer! was deine Pflicht und deine Ehre vor Gott und Menschen ist. - Bekenne die Wahrheit, - und bekenne deinen Gott; Schäme dich nie, das zu bekennen, was dein Gewissen dich als nützliche Wahrheit bekennen heißt: Schäme dich vor Geschöpfen, o Geschöpfe deines Schöpfers, nicht; Des Gottes nicht, der Himmel und Erde, das Meer und das Trockene, deinen Leib und deine Seele gemachet hat, und jeden Augenblick in ihrem Wesen erhält, und ihre Schicksale bestimmt; Halte es für deine größte Ehre, ihn zu ehren, und für deine größte Schande, dich seiner zu schämen; Wenn du so glücklich bist, den zu kennen, dessen Kenntniß die höchste Weisheit, und die höchste Seligkeit ist; - Wenn der Vater Jesu Christi sich dir durch Jesum Christum in seiner Allmacht, Allgenugsamkeit und Liebenswürdigkeit geoffenbaret hat; - So laß dein Licht leuchten vor den Menschen, auf daß sie deinen himmlischen Vater mit dir preisen und anbeten lernen. Man müsse dir ansehen, daß die Erkenntniß Gottes das Licht deiner Seele ist. Dieß Licht wird erlöschen, wenn du es nicht leuchten lässest; Die Gottheit, deren du dich zu schämen unweise und kleinmüthig genug bist, wird dir ihre Einflüsse gewiß entziehen, und entziehen müssen; Es ist unnatürlich, wenn ein Geschöpf keine Achtung für seinen Schöpfer hat; Es ist unbegreiflich, wenn es nicht von der allertiefsten Ehrfurcht gegen das Wesen aller Wesen eingenommen ist; Es ist unnatürlich, ohne Empfindung, ohne innige Ueberzeugung von dem zu reden, indem wir leben, schweben und sind; Mit dem Munde zu sagen: Ich ehre den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemachet hat, - und leer zu seyn von dieser Ehrfurcht, - und nichts von dem zu empfinden, was man zu empfinden angesehen seyn will; - Aber, es ist nicht minder unnatürlich, diese Ehrfurcht im Herzen haben, und sie gegen Mitgeschöpfe verhehlen, es nicht zeigen zu dürfen, daß man es mit Gott hält; - Seine Religion nicht bekennen, nicht beweisen, nicht behaupten zu dürfen.

Die Leute, mit denen wir umgehen, mögen fromm oder gottlos seyn, allemal wird ein vernünftiges, redliches, empfindungsvolles Bekenntniß Gottes Eindruck machen, und von den besten geseegnetesten Folgen seyn können.

Sind sie fromm; O wie werden sie sich freuen, wenn Gott durch andere verherrlicht, das ist, seine Allgenugsamkeit, seine unendliche Liebe und Liebenswürdigkeit andern offenbar wird! - Q wie willkommen wird ihnen jedes gute Wort von dieser Art seyn! Wie werden sie den, der es vorbringt, in ihrem Herzen segnen! - Wie ihn im Geist mit brüderlicher Liebe umfangen! Wie sich aufs neue erweckt, und zur redlichen und standhaften Bekenntniß des Namens Gottes und Christi ermuntert fühlen! Wie werden sie Gott preisen! Wie wird ihre Erkenntniß erweitert, ihr Glaube gestärkt, ihre Liebe aufs neue entstammet werden!

Sind sie gottlos, diejenigen mit welchen wir umgehen, kennen sie den Gott noch nicht, den wir kennen, lieben sie den noch nicht, den wir lieben; - Sind sie noch mit ihrem Geist und Herzen von ihm, und der Empfindung seiner Liebenswürdigkeit entfernt; Wie leicht kann ein freymüthiges Bekenntniß Gottes, - eine weise, ungezwungene, freymüthige, standhafte Aeusserung seiner Gesinnungen gegen Gott, auch einen Gottlosen in Erstaunen setzen! Auch sein Herz treffen! Auch ihm eine ewiggesegnete Veranlassung zu andern und bessern Gesinnungen werden! Wie leicht ihn beschämen, und auf sich selber zurück führen! Wie gesegnet war das freymüthige Bekenntniß, welches Jonas von seiner Religion ablegte, für seine Schiffgenossen! Wie wurden sie schnell mit Ehrfurcht gegen die neu entdeckte Gottheit erfüllt! Was für fromme Gemüthsbewegungen wurden durch dieß freymüthige Bekenntnis veranlasset! - Es ist zum Erstaunen, wie die göttliche Fürsehung es zu veranstalten weiß, daß das Beyspiel, die Erweckungen, und alle Worte deren gesegnet sind, die aus wahrer Ehrfurcht und Liebe Gottes, mit redlicher Ueberzeugung und edelmüthiger Standhaftigkeit ihn bekennen, das ist, vor andern Menschen ehren, seine Vollkommenheiten bekannt machen, und es sich mit Aufrichtigkeit zur Ehre anrechnen, es mit ihm zu halten, und ihre Glückseligkeit von ihm zu erwarten.

Es versteht sich freylich von selbst, daß wir unsere Ehrfurcht vor Gott, und die Gesinnungen unsers Herzens gegen ihn, nicht so fort einem jeden Menschen, ohne Beruf, und ohne natürliche Veranlassung, gleichsam aufdringen sollen; Aber in uns, in unsern Herzen soll wenigstens immer die vollkommenste Bereitwilligkeit vorhanden und herrschend seyn, unserm Gott auf alle Weise, nach allen Gelegenheiten, die uns seine Fürsehung immer zuführen mag, Ehre zu machen. Niemals soll uns unsere Bequemlichkeit, niemals Menschengefälligkeit oder Menschenfurcht, niemals das Besorgniß, daß man uns etwa deßwegen verachten, verlachen oder verfolgen mögte, davon abhalten; Jede Gelegenheit ihn zu bekennen, soll uns willkommen seyn. O wenn das ist!. Wer einmal sich über diese Hindernisse des Bekenntnisses Gottes, die sich in seinem eigenen Herzen fanden, weggesetzt hat, der wird gewiß auch sicherlich darauf zählen dürfen, daß ihm Gott Aufmerksamkeit und Weisheit genug schenken werde, ihn bey jeder Gelegenheit, und auf solche Weise zu bekennen, und auch mit dem Munde und mit seinem äußerlichen Betragen zu verehren, wie es seine Absichten, die doch immer wieder nur auf die Ruhe und Glückseligkeit der Menschen zielen, erfordern. Es verhält sich hierinn ungefähr, wie mit der Liebe und Wohlthätigkeit. Wessen Herz einmal von warmer aufrichtiger Liebe durchdrungen ist; Wer einmal in seinem Herzen allen Gütern dieser Erde redlich und wirklich entsagt hat; Wer nicht die geringste geheime Anhänglichkeit an dieselben mehr hat; Wer wirklich seine Freude im Wohlthun, und sein Glück im glücklichmachen anderer sucht; - Der wird gewiß niemals, oder sehr selten, in Absicht auf die Gelegenheiten, seine Liebe und Wohlthätigkeit zu beweisen, in Verlegenheit seyn. An Gelegenheiten wird es ihm nicht fehlen; Die göttliche Fürsehung wird ihm schon die besten Gelegenheiten zuführen. - Und so, wem es Ernst ist, Gott auch mit dem Munde zu bekennen und zu verherrlichen, dem wird es nie an schicklichen Gelegenheiten und Erweckungen dazu fehlen. Lasset uns also Gott bekennen, daß er uns auch bekenne! Laßt uns Gott ehren, damit er uns auch ehre! Laßt uns Jesu Christi uns nicht schämen, damit er sich unser auch nicht schäme! Laßt uns ihn vor sterblichen Menschen ehren und bekennen, damit er uns vor den unsterblichen Engeln, deren Beyfall uns unendlich wichtiger seyn soll, als der Beyfall einer ganzen Welt, auch bekenne und ehre! Laßt uns von Herzen empfinden und bekennen: Ich ehre den Herrn, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemachet hat.

II.

Das Zweyte, was an dem Betragen des Propheten rühmlich ist, ist das redliche Geständniß seines Verbrechens. Er hatte ihnen gesagt, daß er von dem Angesichte des Herrn geflohen war. Er mußte, nach dem, was er ihnen gerade den Augenblick vorher von der anbetenswürdigen Erhabenheit seines Gottes gesagt hatte, voraussehen, daß ihm seine Schiffgenossen, besonders wegen des Geständnisses, er sey die Schuld ihrer Todesgefahr, ernstliche und äusserst beschämende Vorwürfe machen würden; Er gesteht aber deß ungeachtet sein ganzes Verbrechen, und verhehlt es auch nicht, baß ihnen dieß Ungewitter um seines Ungehorsams und seiner Flucht willen zugestossen sey. Wer muß diese Redlichkeit, diese ehrliche Verurteilung seiner selbst nicht empfinden, nicht bewundern? Er will nicht, daß ein Unschuldiger für schuldig, und er, der Schuldige für unschuldig gehalten werde; Der Verdacht soll schlechterdings auf keinen fallen, als auf den der ihn verdient. Keine Entschuldigung seines Verbrechens; Keine Rechtfertigung seiner selbst; - Ich habe gesündigt, ich bin strafbar, ich die Schuld des Ungewitters; - Sehet niemand andern als mich davor an; Ich allein verdiene die schärfsten und beschämendesten Vorwürfe. - Welche Aufrichtigkeit! Ja, so aufrichtig wünsch ich alle meine Zuhörer, so aufrichtig auch mich! - Aber, 0 wie vieles fehlet noch hieran! Unsere größte Kunst, ist sie nicht die Kunst der Verstellung und Unaufrichtigkeit? - Wer gesteht seine Fehler, wenn er nicht aufs stärkste durch andere davon überwiesen wird? Alles verstellt sich; Alles will besser scheinen, als man wirklich ist; Alles sucht seine Fehler zu verhehlen und abzuläugnen; Man will nie nichts Böses gethan, nichts geredet, nichts Schlimmes im Sinn gehabt haben; Man will über alle Fehler, alle Vorwürfe erhaben seyn; Alle sind schlimm, und keiner will schlimm seyn, aber alle gut, redlich, gewissenhaft, uneigennützig, liebreich. O unedle, allgemeine Verstellungskunst! - Aufrichtigkeit, und redliches Geständniß seiner Fehler, auch da, wo es Gewissen, Pflicht und Noth erfordern, - ist eine so seltene Tugend unter uns, daß jeder, der sich derselben nur nähert, beynahe schon Gefahr läuft lächerlich zu werden. Jedermann will zwar auch hierinn für aufrichtig angesehen seyn: Frägt man einen Menschen etwa im vertraulichen Umgang, der dafür angesehen seyn will, daß er aufrichtig sey, daß ihm das Heil seiner Seele am Herzen liege, daß er uns sein ganzes Herz freywillig leere. Frägt man etwa einen Kranken, der auf seinem Sterbebette liegt, oder es wenigstens sagt, er meyne selbst, er liege darauf, es sey nichts anders mehr, erstehe an den Pforten der Ewigkeit; Fragt man ihn, mit was für Augen er sich ansehe? Was er von dem Zustand seiner Seele denke? So ist die gewöhnliche Antwort, die man erhält, diese: Ich bin eben ein grosser schwerer Sünder! - So viel gesteht ein jeder; - Kein einziger wird sagen: Ich bin ein Heiliger, ein vollkommen guter Christ. - Und dennoch, so bald man näher an sein Herz dringt; - So bald man weiter fragen würde: - Welche Sünden mögen wohl deine liebsten gewesen seyn? Warest du etwa ungerecht im Handel und Wandel? - O behüte Gott! werden beynahe alle antworten; Warest du etwa ein unmäßiger Esser und Trinker? - Nein! das war mein Lebtag meine Sünde nicht; Warest du etwa der Leichtfertigkeit ergeben? - Nein! Nein! auch das nicht. - Aber vielleicht dem Spiel und Müßiggang? - Nichts weniger als das, wird die Antwort seyn: - Aber vielleicht warest du etwas hart, gegen die Armen, lieblos in Beurtheilung deines Nächsten, unversöhnlich gegen deine wirklichen öder geglaubten Feinde? - Nein! Ich habe mein Lebtag mit jedermann in Friede gelebt; - Ich habe wider keine einzige Seele nichts; Ich hätte kein Kind betrüben können. - Bist du dann etwa ein Ungläubiger, ein Religionsspötter gewesen? - Nein! davor hat sich immer meine ganze Seele entsetzt: - Ist dir dann Gott und dein Bruder herzlich lieb? - Ach ja! ich wünsche nichts mehr als Gott zu gefallen, und freue mich, wenn ich einen Menschen sehe. - Ach mein Gott! Was muß man einem solchen Menschen sagen? - Du bist also nicht der größte und schwerste Sünder; Du bist also ein Christ; Du bist ein Heiliger. Oder: Du bist kein Heiliger: Du bist ein Stolzer, ein Heuchler, - weil du dich für einen grossen Sünder ausgiebst, und dich doch für fromm hältst.

O Aufrichtigkeit wie selten bist du! Wie schwer hält es, seine Fehler redlich zugestehen! Und doch werden wir sie über kurz oder lang einmal gestehen müssen! Und doch bleibt es dabey: wer seine Missethaten verhehlet, dem schlägt es nicht wohl aus; - So wir aber unsere Sünden bekennen, so ist Gott getreu und gerecht, daß er uns dieselben vergebe, und uns von aller Ungerechtigkeit reinige; Darum bekenne einer dem andern seine Fehler, und bethet für einander, auf daß ihr gesund werdet. Col. I. Jac. V.

Und was soll ich endlich noch von denen sagen, die die Verstellungskunst, oder die schaamlose Frechheit, ihre Fehler abzuläugnen, so weit treiben, daß sie auch die Fehler nicht gestehen wollen, die jedermann an ihnen so gut kennt, als man ihr Gesicht kennt; Daß sie die Verbrechen, deren sie selbst schuldig sind, von sich ablehnen, und Unschuldige, oder Minderschuldige damit belästigen; Daß sie, o unverantwortliche Schamlosigkeit und Bosheit! - Andere in Unglück, Verantwortung, Schande, und noch schrecklichere Situationen stürzen, um ihre zuverlässige Verbrechen von sich abzulehnen.

O Herr Gott! Wie wollen dergleichen Seelen wieder zur Aufrichtigkeit zurückkehren! Wie wieder zur Tugend und Seelenruhe gelangen! - Wie verwickeln sich solche in Netzen der Sünde und des Elends! Wer will ihnen wieder heraus helfen? O Herr Gott erbarme dich aller, die durch Verhehlung und Abläugnung ihrer Missethaten andere in Unglück, Schande und Schaden bringen! Die den Verdacht auf andern liegen lassen, auf andere bringen, andere um ihrer selbst eigenen Missethat willen können gestraft sehen.

III.

Der dritte und schönste Zug im Verhalten Jonas ist seine Bereitwilligkeit, sich zum Opfer für seine Schiffsgenossen hinzugeben, und ihr Leben mit dem Seinigen zu erkaufen. Ich weiß, sagt er, daß dieß Unglück um meinetwillen über euch gekommen ist, darum so nehmet mich, und werfet mich hinaus, so wird das Meer stille werden. Er will also sterben, damit die andern bey Leben bleiben; Sein Leben ist ihm nicht so theuer, wie das Leben der Gesellschaft, in deren er sich befindet. - Man könnte zwar vielleicht auf die Gedanken kommen, daß Jonas mehr aus Unmuth, und Ueberdruß zu leben, als aus Großmuth, diese Anerbietung gemacht haben mögte, - weil doch aus seinem ganzen Charakter und Betragen erhelle, daß er eine Neigung zu verdrießlicher Laune, und zur Melancholey gehabt habe; Allein, wenn gleich dieß nicht zu läugnen ist, so erhellet doch aus der ganzen Erzählung ziemlich klar, daß diese Aufopferung seiner selbst wahre Großmuth, und eine heidenmäßige Liebe gewesen. Fürs erste scheint Jonas damals, als er sich anerbot, in einer sehr guten Gemüthsverfassung gewesen zu seyn; Er war nicht mehr unzufrieden mit Gott; Nicht mehr der furchtsame Flüchtling vor seinem Angesicht; Er bekannte den Namen Jehova: Er schämte sich seiner Religion nicht; Er bekannte sein Verbrechen; Er ließ sich von seinen Schiffsgenossen Vorwürfe machen; Er unterzog sich ihren gerechten Bestrafungen: warum hast du doch das gethan? Alles Beweise, daß er damals bey vollkommen gesundem Verstand, und ohne Leidenschaft oder Selbstverblendung gewesen sey. Nebst dem scheint mir unwidersprechlich offenbar zu seyn, daß er diesen Vorschlag zufolg einer wirklichen unmittelbaren göttlichen Eingebung gethan habe; Wenigstens entscheidet der Erfolg, daß er nicht anders als ein Prophet, im Namen Gottes, und nach seiner Vorschrift geredet habe; Denn kaum war er ins Wasser hinausgeworfen, so ward das Meer stille, - genau, wie er ihnen vorhergesagt hatte.

Gehorsam also gegen die Stimme des in seinem Herzen redenden Geistes Gottes war es; Gehorsam gegen den allerschwersten Ruf Gottes, der weit schwerer war, als der gen Ninive zu gehen, und daselbst im Namen Gottes Busse zu predigen; - Gehorsam gegen den Ruf, zur Verherrlichung des Gottes Israels, um ihn seinen Schiffgenossen in seiner Grösse bekannt zu machen, - sich selbst für dieselben aufzuopfern, und sein Leben für ihr Leben dahin zu geben. Es ist zwar nicht ohne alle Wahrscheinlichkeit, daß auch diese Aufforderung von Seite Gottes, mit einer göttlichen Versicherung begleitet gewesen, daß er ihn, dessen ungeachtet beym Leben erhalten wolle; - Und. daß er eben um seines Glaubens, und um seiner Hoffnung willen, wo nichts zu hoffen war, wunderbarer Weise erhalten worden war; - Ein neuer Beweis, daß Gott an dieser seiner Anerbietung ein Wohlgefallen gehabt, und dieselbe auf eine jedermann in die Augen fallende Weise belohnet habe.

Erhabene Tugend, heldenmüthige Liebe also war es, daß er sich der von Gott über ihn verhängten Strafe, die zugleich das Mittel der Errettung der anderen war, willig und ohne Widerrede unterwarf. So groß also vorher seine Feigherzigkeit und Kleinmuth gewesen war, so edel war nun seine Großmuth, und seine heldenmäßige Liebe.

Bewundre, mein Zuhörer! diese edle und erhabene Großmuth und Aufopferung seiner selbst; Aber bewundere sie nicht nur, sondern lerne sie nachahmen; Hierinn ist Jonas allerdings nachahmenswürdig; Hierinn ist er demjenigen einiger müssen ähnlich, der nicht gekommen war, - daß ihm gedienet würde, sondern daß er diene, und sein Leben zum Lösegeld gebe für viele; Demjenigen ähnlich, der sein Fleisch für das Leben der Welt dahingab; Dein Lamm Gottes, das die Sünden der Welt trug; - Von dem es hieß: Es ist besser, daß ein Mensch für das Volk sterbe, und nicht das ganze Volk umkomme. Diesem Beyspiel ahme nach, redlicher Christ! — Deine Pflicht, dein Erlöser, und dein Gewissen heissen dich - nicht das Deinige suchen, sondern den Nutzen des andern; Heissen dich deinen Nächsten lieben, - und die Liebe sucht nicht das Ihrige; - Heissen dich, dein Leben um Christi willen, und um deßwillen was Christi ist, verlieren und aufopfern; Heissen dich, allem dem entsagen, was du als dein Eigenthum angesehen hast, und heissen es dich, als das Eigenthum Gottes und Christi, oder seiner Jünger ansehen; Rufen dir zu: wer sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es finden, verläugne dich selbst, nimm dein Creutz auf dich, und folge mir nach; Weigere dich also nicht, das zu leiden, was Gott, und deine Pflicht, und dein Gewissen dich leiden heissen; Unterziehe dich standhaft allen Uebeln, die zuck Vortheil mancher andern gereichen; Die Fertigkeit, dich für andere zu verläugnen, dich zum Vortheil anderer aufzuopfern, müsse mit jedem Tage zunehmen; Mit jedem Tage müsse es dir leichter und erwünschter werden, dein Vergnügen dem Vergnügen anderer aufzuopfern. Siehe auf deinen Herrn und Meister! - Er war unschuldig, und ließ sich zum Heil der Menschen behandeln wie einen Missethäter; Laß es dich nicht kränken, wenn du Missethäter allenfalls als ein solcher behandelt wirst; Kein Uebel kann dir begegnen, daß du nicht ein ärgeres Uebel verdienet hättest; Leide also mit Geduld und Großmuth, was die göttliche Fürsehung, die immer väterlich gesinnt, immer die Liebe ist, dich zum Vortheil anderer leiden heißt; -. Hast du einen beschwerlichen Beruf, - der alle Zeit, und alle deine Kräfte verschlinget; - Opfere deine Zeit und Kräfte willig demselben zum Vortheil anderer auf; Siehe nicht so fast auf deine Bequemlichkeit, deinen Vortheil, dein Vergnügen, deinen Ruhm, als vielmehr auf die Wohlfahrt und Glückseligkeit der andern. Laß dir die Seligkeit anderer wie deine eigene am Herzen liegen. Kannst du itzt noch nicht in die Fußstapfen jener erhabenen Tugend und Großmuth treten; itzt noch nicht mit einem Moses für dein Vaterland in den Riß stehen; Nicht sagen: Lieber, tilge mich aus dem Buche der Lebendigen! Tödte mich, damit andere lebendig bleiben! Noch nicht wie Paulus wünschen ein Fluch, ein Bann zu seyn von Christo, das ist, nicht in der äusserlichen Gemeinschaft der Kirche zu stehen, um andern dieß Glück zuzuwenden; Kannst du dich nicht mit Jonas, um der Wohlfahrt andrer willen, in das Meer der Trübsalen auswerfen lassen, dich schänden lassen, damit andere geehrt werden, dich tödten lassen, damit andere lebendig bleiben; - Hast du es so weit noch nicht in deiner Tugend gebracht, so laß doch dieß Ziel dir immer vor Augen seyn; So laß die Liebe Christi dich dringen, durch Aufopferung deiner selbst für. andere, täglich freudiger dem zu leben, der für dich gestorben ist, - gestorben ist, damit alle ewig leben, die sonst ewig todt waren. Uebe dich im Kleinen, dir dieß und jenes, andern zur Freude und zum Nutzen, zu versagen; Wirf kleine Vergnügungen weg, um grössere dir zu erwerben; Je mehr du liebest, desto liebenswürdiger wirst du werden; Je mehr du um anderer willen leidest, desto seeliger wirst du werden. Die größte Aufopferung ist der größte Gewinn. - Ja, meine Brüder! Laßt uns aufsehen auf Jesum, den Anfänger und Vollender dieses liebevollen Glaubens, der anstatt der Freude, die ihm vorgelegt war, das Creutz erduldet, die Schande verachtet, und sich zur Rechten des Throns der Majestät in den Himmeln gesetzt hatte, welchem sey Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

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