Kunel, Christian Klaus - Siegesfreude und Siegesfrucht - III. Am XIV. Sonntag nach Trinitatis.
Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch! Amen.
Text: Luk. 17, 11 - 19.
Und es begab sich, da er reiste gen Jerusalem, zog er mitten durch Samaria und Galiläa. Und als er in einen Markt kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer, die standen von ferne, und erhoben ihre Stimmen, und sprachen: Jesu, lieber Meister, erbarme dich unser! Und da er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern. Und es geschah, da sie hingingen, wurden sie rein. Einer aber unter ihnen, da er sah, dass er gesund geworden war, kehrte um und pries Gott mit lauter Stimme, und fiel auf sein Angesicht zu seinen Füßen, und dankte ihm. Und das war ein Samariter. Jesus aber antwortete und sprach: Sind ihrer nicht zehn rein geworden? Wo sind aber die Neune? Hat sich sonst Keiner gefunden, der wieder umkehrte, und gäbe Gott die Ehre, denn dieser Fremdling? Und er sprach zu ihm: Stehe auf, gehe hin, dein Glaube hat dir geholfen.
Geliebte Gemeinde! Tief bewegt feierten wir heute vor vierzehn Tagen ein Dankfest. Es war von Niemand vorgeschrieben, Gott selbst hat es uns gemacht; und wir konnten da, wo Gott so laut und vernehmlich zu uns redete, nicht stille bleiben und schweigen. Gott hat uns bewahrt vor der großen Gefahr, mit der unsere Feinde uns bedrohten, und hat uns Sieg verliehen über unsere Feinde, einen Sieg so herrlich, so wunderbar, wie die Geschichte keinen zweiten kennt. Er hat sich zu uns bekannt vor aller Welt, und hat unserem Volk Raum gegeben zu einem neuen Leben, zu neuer Entfaltung der ihm verliehenen Kräfte und Gaben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit.
Freilich hinter den Siegesnachrichten kommen die Nachrichten über die erlittenen Verluste. Und diese Verluste sind groß und schwer. Besonders von den teuren Brüdern, die vor wenigen Wochen noch in unserer Mitte weilten und von uns hinweg, begleitet von unseren Segenswünschen und Gebeten, ins Feld zogen, haben viele ihr Grab in fremder Erde gefunden. Das ist uns allen schwer durchs Herz gegangen, und wie erst denen, deren Gatte, deren Bräutigam, deren Sohn, deren Bruder auf der Liste der im Kampf Gefallenen steht! Doch das wussten wir, dass der Sieg nicht ohne Blut, nicht ohne große Opfer zu gewinnen ist. Wenn die Ernte reif ist zum Einsammeln, dann kommen für die Schnitter heiße Tage. Und diesen Schnittern hat die große, heiße Ernte, an der sie mitgearbeitet haben, das Herzblut gekostet. Nun, wir blicken auf sie nicht als die, die keine Hoffnung haben. Was sie erstrebten und ersehnten, das ist ihnen gelungen; sie haben den Sieg erstritten in Gottes Namen, und Gott selbst hat mitten in der Arbeit ihnen zugerufen: „Es ist genug!“ Gott selbst hat ihnen die Hand von ihrem Werke getan. Sie sollten auf Erden das Siegesfest nicht mitfeiern, das Gott durch sie uns beschert hat, die mutigen, kühnen Schnitter sollten die Ernte nicht schauen, die sie erarbeiten halfen; aber sie haben ihr Siegesfest auch gefeiert, und ganz anders als wir, sie feiern es fort in alle Ewigkeit mit den Scharen der Auserwählten vor Gottes Thron, wo kein Kampf, kein Geschrei, kein Leid mehr ist, und ihre Ernte wird groß sein im Himmel. Und alle die Herzen, die durch ihr Scheiden betrübt und gebeugt sind, die wird Gott aufrichten; er wird es sie erfahren lassen, dass sie nicht vereinsamt und verlassen sind, dass er bei ihnen ist mit seiner Freundlichkeit und mit seiner Kraft. Wenn sie im Gefühl ihrer Verlassenheit zu ihm sich wenden, wenn sie ihren Schmerz an sein Herz legen, er weiß zu trösten, wie Einen seine Mutter tröstet. Ihre geliebten Toten sind ihnen nicht verloren, sie sind bei dem Herrn, und der Gedanke, dass sie vor dem Thron Gottes nun betend der Ihrigen gedenken, und dass die, die jetzt eine kurze Zeit lang voneinander getrennt sind, unter dem Auge des Herrn sich wieder finden werden, dieser Gedanke wird heiligend und erhebend für sie sein, und sie zu ihrem Segen die Gemeinschaft mit dem Herrn immer inniger suchen und finden lassen.
So groß und so schwer auch die Opfer sind, die der Sieg uns gekostet hat, der Dank für die unaussprechliche Gnade, mit der Gott unser gedacht hat und gedenkt, darf dadurch nicht getrübt werden. Aber der Dank darf nicht bloß ein flüchtiges Gefühl der gewonnenen Erleichterung sein, er muss uns bleibend und für immer an Gott knüpfen. Damit wird erst der ganze Segen uns zu eigen, den Gott uns in seiner offenbar werdenden Gnade zugedacht hat. Nicht nur frei aufatmen sollen wir im Blick auf die furchtbare Gefahr, die an uns vorübergegangen ist, die Gott von uns ferne gehalten hat, sondern Gott hat ein Neues mit unserem Volke vor, sein Leben soll neu befruchtet werden durch die herrlichen Gnadenoffenbarungen, die wir schauen und erleben dürfen.
Und da stehen wir denn bei unserem Text. Hier sehen wir es, wie der Herr hilft, wie er zum Dank verpflichtet. Aber hier sehen wir es auch, dass auch die freundlichste Hilfe des Herrn doch nur zu einer augenblicklichen vorübergehenden Erleichterung wird, wenn nicht der Odem seiner Liebe das Herz also trifft und fesselt, dass man fort und fort getrieben wird, Gott die Ehre zu geben. Unser Evangelium ist der Katechismus, aus dem man das Danken lernen soll. Dass wir's lernen möchten! Dass wir recht dankbar wären für alle Wohltaten, die Gott uns täglich und stündlich erweist, und auch für diese seine letzte Gnadenoffenbarung über unser Volk, von welcher man noch singen und sagen wird bei den spätesten Geschlechtern: das wäre ein reicher, unerschöpflicher Segen für uns. Der Grund und die Quelle des Dankes aber ist die Liebe, die man erfährt. Darum weist unser Evangelium zunächst hin auf den Helfer und Retter, dann auf die, denen geholfen wird. Diesen Gang wollen denn auch wir einhalten. Ehe wir aber weiter gehen, lasst uns zuvor noch Herzen und Hände erheben und um den Segen des Herrn flehen in einem andächtigen Vaterunser.
I.
Zehn Aussätzige mit einander begegneten dem Herrn. Das Unglück hatte diese Armen geeinigt, die ausgeschlossen, ausgestoßen waren aus aller Gemeinschaft und Berührung mit den übrigen Menschen. Gleich und Gleich gesellt sich immer gern.
Das Unglück bindet, die Schlechtigkeit aber auch. Ein böser Bube wird immer bald einen Kreis böser Buben um sich haben. Die Armen in unserem Evangelium, die das Unglück zu einander geschart hatte, wurden aber noch in Einem eins. Sie suchten mit einander Hilfe bei dem Herrn. „Jesu,“ so rufen sie wie aus einem Munde, als sie seiner ansichtig werden, „Jesu, lieber Meister, erbarme dich unser!“ Das war ein kurzes Gebet, aber ein rechtes Gebet. „Jesu“, das ist der Name, in dem uns alles Heil und aller Segen für Zeit und Ewigkeit verheißen ist. „Lieber Meister“; er ist der Starke, der Alles bezwingt, auch Tod und Grab und die Pforten der Hölle. „Erbarme dich unser.“ Wer wird Wasser suchen in der Wüste, Feigen von den Disteln erwarten? Jesus ist der Brunn der Barmherzigkeit: das ist sein Herz, sein Wesen, sein Leben, sein Tun. Wo alle Türen sich verschließen, alle Augen, alle Herzen sich abwenden, da bleibt sein Herz noch voll unaussprechlicher Milde.
„Jesu, lieber Meister, erbarme dich unser!“ so rufen die Aussätzigen. Sie rufen das, indem sie von ferne stehen. Sie dürfen ja nicht herzu nahen, und die Demut hält sich immer fern, wie auch der Zöllner ferne stand, als er an seine Brust schlug und sprach: „Gott sei mir Sünder gnädig!“ Ferne stehen die Aussätzigen, und aus der Ferne gibt ihnen der Herr seine Antwort. Er hört auch die, die schüchtern zu ihm kommen. „Geht hin,“ ruft er den bittenden Aussätzigen zu, „geht hin und zeigt euch den Priestern.“ Er antwortet ihnen nicht: „Seid rein.“ Er gebietet ihnen, zu tun, was denen zukam, die vom Aussatze geheilt waren, um wieder in die menschliche Gesellschaft aufgenommen zu werden. Und diesen Männern fehlte es nicht am Glauben. Sie sind noch mit dem Aussatz behaftet; aber sie tun, was er sie heißt. Sie machen sich auf, um sich den Priestern zu zeigen. Und sie sollten es erfahren, dass es gut ist, der Stimme des Herrn zu folgen. Da sie hingehen, werden sie rein. Wie freundlich hatte der Herr diese Männer seine helfende Liebe erfahren lassen! Wie sehr waren sie ihm zum Dank verpflichtet!
Und gilt das nicht auch von uns? Die Liebe, die aus der Not hilft, wird natürlich am unmittelbarsten und eindringlichsten empfunden. Aber nicht daraus allein soll Gottes Liebe erkannt werden. Wir selbst und unser ganzes Leben sind ein ununterbrochenes, laut redendes Zeugnis seiner Liebe. Mein ——
Lieber, Gott hat dir das Leben gegeben, und dich zum Menschen geschaffen. Siehe um dich her, wo ist etwas, das die Erde trägt, das mit der Schönheit, mit der Erhabenheit überkleidet ist, die schon im Angesicht des Menschen ausgeprägt ist? Schon des Menschen Angesicht, sagt ein Dichter, ist ein Text, über den man nicht genug nachsinnen kann. Und du bist geschaffen nach dem Bilde Gottes, dich belebt ein unsterblicher Geist aus Gott. Und Gott will dich zu sich ziehen; er hat eine unverlöschliche Sehnsucht nach ihm selbst, nach dem lebendigen Gott, in dich gelegt; du sollst ihn finden und fassen, ihn, den Himmel und Erde nicht zu fassen vermag, du sollst ewig mit ihm in Gemeinschaft sein, in der Gemeinschaft der Liebe. Wie hat dich Gott so hoch gestellt!
Und siehe, mein Lieber, Gott hat bisher dein Leben so gnädig erhalten und so väterlich für dich gesorgt. Sein Aufsehen hat deinen Odem bewahrt, und er hat dich mit aller Notdurft des Leibes und des Lebens reichlich und täglich versorgt. Er hat für dich gesorgt, ehe du nur noch einer Sorge um dich selbst zugänglich warst. Da du in diese Welt hereingeboren wurdest als ein armes, unmündiges Kindlein, da hat er dich liebenden Eltern in die Arme gelegt, die über dich wachten, die für dich arbeiteten, damit dir nichts fehle und gebreche. Als du herauf wuchsest und der Bildung fähig wurdest, da wurde dir Alles an die Hand gegeben, dir Alles entgegen gebracht, damit es dir nicht fehle an nützlichen Kenntnissen, und du einst fähig wärst, einen würdigen und gesegneten Beruf auszuüben. Als später die Zeit kam, dass du selbständig im Leben dich bewegen solltest, da waren dir schon die Wege gebahnt, auf denen du wandeln solltest. Du fandest Gelegenheit zur Arbeit, dir in Ehren dein tägliches Brot zu erwerben, du fandest deine Heimat und deinen eigenen Herd, dass du mit den deinen, die Gott dir zur Seite stellte, sicher wohnen konntest. Hat der Herr nicht Großes an dir getan?
Und nun noch einen Blick zurück auf den Anfang deines Lebens! Als du in dieses Leben eintratest, da brachtest du als Erbe aller Adamskinder eine Krankheit mit, die schwerer ist als die Krankheit der armen Unglücklichen in unserem Evangelium. Du weißt, was ich meine. Du hattest freilich noch keine Sünde getan und konntest noch keine tun; denn es fehlte dir ja noch Kraft und Vermögen zum Handeln; aber du trugst in dir den Keim der Sünde und damit den Keim zum Verderben. Die Alten sahen in dem Aussatz ein Bild des Elendes, das die Sünde gebiert, und sie hatten ein Recht dazu. Der Aussatz schließt aus von der Gemeinschaft mit allen Mitgeborenen; die Sünde schließt aus von der seligen Gemeinschaft mit Gott und zerstört die Gemeinschaft zwischen den Menschen, so dass statt Friede Unfriede, statt Liebe Hass und Feindseligkeit Alles erfüllt und beherrscht. Der Aussatz zersetzt und zerstört alle Kräfte und Säfte des Leibes: die Sünde nimmt dem Leben alle Schönheit und alle Anmut und trägt in sich den Schrecken und den Schauer des Todes und des Gerichtes. Und nun siehe, wie freundlich dir Gott entgegen getreten ist! Schon als unmündiges Kindlein hat er dich in der heiligen Taufe als sein Kind in seine Vaterarme genommen, und du bist besprengt worden mit dem Blute Jesu Christi, das er vergossen hat am Kreuz zur Vergebung unserer Sünden. Ehe du noch etwas wusstest und ahntest von dem Verderben, das dir anklebt, ward dir schon Heilung gebracht, ehe du noch erwacht warst für das Leben der Erde, ward dir schon die Pforte des Himmelreiches aufgetan. Und dann bist du heraufgewachsen im Schoß einer christlichen Familie, bist unterwiesen worden von christlichen Lehrern und Seelsorgern. Sowie dir der Zwiespalt zwischen Gut und Bös in deinem Herzen zum Bewusstsein kam, bist du auch schon hingewiesen worden auf die Vergebung der Sünden, die Christus uns gewonnen hat, bist du hingewiesen worden auf die Kraft des Herrn, die das Wollen und das Vollbringen des Guten gibt, und womit er in den Schwachen mächtig ist. Und nun hast du daheim das teure Bibelbuch, das dir Gottes Antwort gibt auf Alles, was dein Herz fragen kann; und das Haus des Herrn steht dir offen, wo dein inneres Leben immer von Neuem geweckt und gefördert werden soll, wo dir Trost, Freudigkeit und Kraft von oben immer in neuen Strömen zugeführt werden sollen. Hat der Herr nicht freundlich mit dir gehandelt? Hat er seine Gnade und seine Barmherzigkeit nicht groß an dir gemacht, dass du als ein Christenkind geboren, als Christenkind erzogen wurdest, und dass dir das Evangelium, diese Segensquelle, die Zeit und Ewigkeit mit göttlichem Reichtum erfüllt, zugänglich ist?
Aber du hast Gottes helfende Liebe auch noch in anderer Weise erfahren, hast sie erfahren in der Weise, wie sie unser Evangelium uns vor Augen stellt. Bei Menschen konnten die armen Aussätzigen keine Hilfe mehr finden; sie waren aufgegeben von den Menschen, und es konnte Niemand nur daran denken, dass ihr Los noch zu ändern sei. Da kommen sie zu dem Herrn und rufen: „Jesu, lieber Meister, erbarme dich unser!“ Und er erbarmt sich ihrer, er hilft ihnen. In der Lage, wie sie, bist du wohl auch schon manchmal gewesen, mein Lieber. Du brauchtest Brot für dich und die Deinen und Kleider und Schuh und was sonst zum Leben nötig ist. Aber dir fehlten die Mittel, und dazu ward die Arbeit immer spärlicher und der Verdienst immer geringer. Da wollte es dir trüb vor den Augen und bange ums Herz werden. Oder ein liebes Kind lag krank und schwach auf dem Bett. Alle, die es ansahen, schüttelten den Kopf, und du konntest es wohl merken, dass sie es verloren gaben, während du es so gerne behalten hättest. Oder du selbst lagst schwer krank darnieder. Die Schmerzen ließen dir Tag und Nacht keine Ruhe, und weil du nichts mehr verdienen konntest, musstest du auf deinem Schmerzenslager dich auch noch mit Sorgen der Nahrung abquälen. Da sprachst du beklommen: „Ach, was soll denn werden?“ Nun, Einer konnte helfen und hat geholfen. Du riefst: „Herr, erbarme dich!“ und er hat sich erbarmt. Du hast Brot gefunden für dich und die Deinen; du hast dein liebes Kind unter deinen Augen wieder neue Kraft gewinnen sehen, und darfst es wieder fröhlich in deine Arme schließen; und dir hat Gott wieder neue Gesundheit, neue Freudigkeit des Lebens verliehen, dass du noch weiter für die Deinen tätig sein und über sie wachen kannst. „Gehe hin,“ so hat der Herr zu dir gesprochen; und nach den trüben Tagen, nach den schweren Kummernächten kamen wieder helle Freudentage.
Wie betrübt, wie gebeugt ist schon manche Witwe mit ihrem Häuflein Kinder am Grab des Gatten gestanden! „Du bist mir genommen, du Trauter,“ so klagte sie mit matten, bleichen Lippen, „und was bleibt mir nun noch? Ich habe kein Herz mehr, zu dem ich meine Zuflucht nehmen kann, kein Auge mehr, das voll Liebe auf mir ruht. Ich bin ganz verlassen, ganz vereinsamt. Und was soll aus meinen Kindern werden? Wer wird ihrer freundlich gedenken, wird sich ihrer annehmen?“ Und die Kinder jammerten: „Warum hast du uns verlassen, guter Vater? Wir sind jetzt ganz fremd in der Welt. O, wenn du wieder mit uns heim gehen könntest!“ Nun, sie waren doch nicht verlassen. „Herr, erbarme dich unser,“ so klangs aus ihrem Herzen und von ihren Lippen. Und er erbarmte sich ihrer. „Geht hin,“ das war seine Antwort; und er bahnte ihnen den Weg. Sie sollten es erfahren, dass, wenn Menschen uns verlassen, der Herr uns aufnimmt; sollten es erfahren, dass er der Beistand der Witwen und der Vater der Waisen ist.
Und wem ist nicht einmal eine Stunde gekommen, wo es ihm wie ein Schwert durch die Seele ging und er tief bewegt gerufen hat: „Herr, verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir; Herr, hilf mir noch dieses Mal; doch wenn du mich auch züchtigen willst, lass mich nur gewiss sein, dass du mir meine Sünden vergibst und deine Gnade nicht von mir abziehst.“ Und wenn er so aus der Tiefe gerufen hat, dann kam aus der Höhe die Antwort: „Gehe hin!“ In sein Herz zog der Friede der Vergebung ein, und auch das, was schlimm begonnen war, kam zum guten Ende.
Ja, der Herr hilft, und wo ist Einer unter Tausenden, Einer unter Millionen, den der Herr nicht zum innigsten Dank verpflichtet hätte?
Und nun hat Gott in diesen Tagen sich unseres ganzen Volkes auf das freundlichste angenommen. Wir ahnen es gar nicht, welch eine große Gefahr uns drohte, und in welch einer Lage, in welch einer Not wir, die wir Dankfeste feiern, jetzt sein könnten, wenn Gott nicht schirmend und schützend seine Hand über uns gehalten hätte. O, da gilt es doch zu danken, recht von Herzen zu danken.
II.
Der Herr hilft; er hat auch uns geholfen von Jugend auf, und hat jetzt seine Gnade und Barmherzigkeit an unserem ganzen Volke groß gemacht über all unser Bitten und Verstehen. Wie aber steht es mit dem Danke? Sehen wir hinein in unser Evangelium, da ist es schlimm bestellt in dieser Beziehung. Die zehn Aussätzigen waren, als sie hingingen, um sich den Priestern zu zeigen, rein geworden. Und was tun sie nun? „Einer von ihnen,“ heißt es in unserem Evangelium, „da er sah, dass er rein geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme, und fiel auf sein Angesicht zu den Füßen Jesu und dankte ihm.“ Von Zehn kommt nur Einer, um zu danken. Und nun, meine Lieben, was tut ihr? Wollt ihr euch zu Gericht setzen über diese Neun? Ich bitte euch, wartet noch ein wenig! Es ist in unserem Evangelium der Ort nicht angegeben, wo diese Geschichte sich ereignete. Das ist vermutlich um deswillen geschehen, dass wir nicht lange auf der Karte nach diesem Ort uns umsehen, sondern uns fragen, ob nicht unsere Stadt, unsere Gemeinde, ob nicht unser eigenes Herz dieser Ort ist. Von Zehn nur Einer. Wenn ein junges Brautpaar es durch Gottes Hilfe dahin gebracht hat, dass ihr Bund kirchlich eingesegnet wird, da wird meistens verlangt, dass das schöne Lied gesungen wird:
Jesu, geh voran
Auf der Lebensbahn,
Und wir wollen nicht verweilen,
Dir getreulich nachzueilen.
Führ' uns an der Hand
Bis ins Vaterland.“ 1)
Aber wenn man dann nachfragt, wird sich's zeigen, dass es bei Allen wirklich so gemeint war? Wird es nicht am Ende auch heißen: Von zehn Paaren nur eines? Und wenn in der Kirche vor Erteilung der Absolution gefragt wird: „Wollt ihr auch Gott dankbar sein, euer Leben von Herzen bessern, von Sünden ablassen und in Gottseligkeit leben gegen Gott und eure Brüder?“ da wird von Allen mit Fa geantwortet. Aber wird's auch so sein? Wird's nicht auch heißen: Von Zehn Einer? Schon die Heiden hatten ein Sprichwort: „Nichts altert so schnell als der Dank.“ Und wir haben ein Sprichwort, das heißt: „Undank ist der Welt Lohn.“
Und doch ist der Undank so hässlich, ist ein Zeugnis einer Herzensverhärtung, die immer und überall verletzt. Wenn ein Vater, eine Mutter sagen muss: „Ich habe Kinder groß gezogen und für sie alle Opfer gebracht, und nun, nachdem ich Alles an ihnen getan habe, wollen sie mich nicht kennen,“ wie schaurig klingt das! Und wenn Gott der Menschen sich als seiner Kinder auf das freundlichste annimmt, wenn er an ihnen tut, was kein Vater und keine Mutter tun können, und sie wollen von ihm nichts wissen, wie sehr entwürdigen sie sich damit, wie zeigen sie damit offen und klar, dass in ihrem Herzen kein Raum mehr ist für die höchste Liebe, dass sie einzig und allein von der Selbstsucht beherrscht werden! Jesu, lieber Meister, erbarme dich unser!“ hatten die zehn Aussätzigen gerufen. Bei Neun von ihnen war es eine Lüge. Jesus war nicht ihr lieber Meister. Wäre es so gewesen, so hätten sie zu ihm voll Dank zurückkehren müssen. Sie dachten nicht an ihn, sie dachten nur an sich. Ihnen war es nur darum zu tun, ihr Leben wieder zu genießen, wie sie es früher genossen hatten. „Sind ihrer nicht Zehn rein geworden,“ fragt der Herr, „wo sind aber die Neune?“ Dieses Wort des Herrn klingt wie ein zermalmender Richterspruch. Wehe allen, denen diese Frage gilt! Sie ist das Zeugnis, dass ihre Namen ausgestrichen sind aus dem Buch des Lebens, dass an ihnen alle Liebe und Freundlichkeit des Herrn vergebens ist.
Hässlich, empörend ist der Undank, und er raubt den Segen, den der Herr gnädig verleihen will. Wie viel haben die Neun, die des Herrn helfende und rettende Liebe nicht zu innigem Dank belebte, verloren! Oder denkst du, sie sind ja doch auch gesund geworden wie der Eine, der zurück kehrte? Ganz recht. Aber was hatten sie gewonnen? Nichts als ihre leibliche Gesundheit, während doch der Herr durch seine Liebe ihr Herz für immer erquicken und beseligen wollte. Ihre Gesundheit, wie bald konnte sie wieder verloren sein! Und wenn sie ihnen auch blieb, es kam ja doch die Stunde, wo sie sterben mussten. O, wenn sie dankbar gewesen wären, dann hätten sie eine sichere Stütze gehabt für Leben und Sterben, für Zeit und Ewigkeit. Betend suchen wir den Herrn, dankend halten wir ihn fest als unseren Helfer und Retter, von dem wir's wissen, dass er uns nicht lassen will und nicht lassen kann. Betend verlangen wir nach Gottes Liebe, dankend leben und weben wir in ihr. Betend fragen wir: „Bist du mein Gott?“ dankend antworten wir: „Ja, du bist es und bleibst es in Ewigkeit.“
Und durch den Dank bereiten wir uns vor zu neuen Offenbarungen der göttlichen Gnade und Liebe. Als der eine Dankbare zu dem Herrn zurückgekehrt war, da spricht der Herr zu ihm: „Gehe hin, dein Glaube hat dir geholfen.“ Nicht bloß gesund ist er geworden, sondern ihm ist geholfen für immer. Sein Glaube hat ihn gerettet, um seines Glaubens willen empfängt er die ewige Seligkeit. Zu der leiblichen Gesundheit wird ihm auch noch das ewige Heil in den Schoß gelegt. Die übrigen Neun sind heimgekehrt in die irdische Armut ihrer Häuser, dem Einen ist der volle Reichtum des Himmelreichs erschlossen worden. Und das geschieht Jedem, den des Herrn Liebe für immer an den Herrn bindet und fesselt, der dankbar fühlt und erkennt, was er an ihm getan hat und tut. Wir können nichts zu Großes von dem Herrn erwarten. Unsere Hoffnung ist immer noch kleiner als sein Liebesrat und sein Liebeswille. O, dass wir dankbar wären, dann wären wir reich über all unser Bitten und Verstehen.
Du deutsches Volk, Gott hat sich deiner erbarmt; aber nun sei auch dankbar, damit Gottes Segen bei dir wohnen, und immer reicher bei dir werden kann. In diesen Tagen ist es an dem französischen Volk vor aller Welt offenbar geworden, wohin ein Volk kommt, wenn es von dem Herrn nichts mehr wissen will. Welche Verlogenheit, welche sittliche Verkommenheit, welche Rohheit, welche Barbarei und dabei welche Eitelkeit! „Wen Gott stürzen will, den verblendet er,“ sagt das Sprichwort. Nun, dieses Volk ist verblendet über alles Maß. Aber auch dich, mein deutsches Volk, hat man also verblenden und betören wollen. Das haben die versucht, die den Schulen den christlichen Religionsunterricht nehmen wollten, jene Menschen, die frech das Dasein Gottes und die Unsterblichkeit der Seele leugnen, die Leute, die den Arbeiter gegen den Arbeitgeber hetzten und in wahrem Wahnwitz den Arbeiter zum Herrn über Alles zu machen versprachen. Um ihrer Eitelkeit geschmeichelt zu sehen, um an der Spitze zu stehen, um als die Männer gepriesen zu werden, von denen das Heil der Welt kommt, hätten sie unser Volk rein in den Abgrund gestürzt.
Mein deutsches Volk, du hast eine schwere Schule durchgemacht. Sei dankbar und dann wirst du auch weise sein, und an Kraft wird es dir auch nicht fehlen. Der Feind von außen ist besiegt und wird bald, will's Gott, für immer die Waffen strecken müssen; nun fege auch deine Tenne im eigenen Hause und tritt aller Leichtfertigkeit und aller Gottlosigkeit mit voller Entschiedenheit entgegen! So wie es bisher war, kann und darf es nicht bleiben. Auf diesem Weg würde auch nach den herrlichsten Siegen unser Volk innerlich verderben und Alles in Fäulnis geraten. Nun denn, mein Volk, Gott ist mit dir, sei du mit ihm, und du wirst gesegnet sein immer und ewiglich. Amen.