Kunel, Christian Klaus - Siegesfreude und Siegesfrucht - II. Am XI. Sonntag nach Trinitatis.

Kunel, Christian Klaus - Siegesfreude und Siegesfrucht - II. Am XI. Sonntag nach Trinitatis.

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch! Amen.

Text: Psalm 144.

**Gelobt sei der Herr, mein Hort, der meine Hände lehrt streiten, und meine Fäuste kriegen; meine Güte und meine Burg, mein Schutz und mein Erretter, mein Schild, auf den ich traue, der mein Volk unter mich zwingt. Herr, was ist der Mensch, dass du dich deiner so annimmst? Und des Menschen Kind, dass du ihn so achtest? Ist doch der Mensch gleich wie nichts; seine Zeit fährt dahin, wie ein Schatten. Herr, neige deine Himmel, und fahre herab; taste die Berge an, dass sie rauchen; lass blitzen, und zerstreue sie; schieße deine Strahlen, und schrecke sie; sende deine Hand von der Höhe; und erlöse mich, und errette mich von großen Wassern, von der Hand der fremden Kinder, welcher Lehre ist kein nütze, und ihre Werke sind falsch. Gott, ich will dir ein neues Lied singen, ich will dir spielen auf dem Psalter von zehn Saiten. Der du den Königen Sieg gibst, und erlöst deinen Knecht David vom mörderischen Schwert des Bösen, erlöse mich auch, und errette mich von der Hand der fremden Kinder, welcher Lehre ist kein nütze, und ihre Werke sind falsch. Dass unsere Söhne aufwachsen in ihrer Jugend, wie die Pflanzen, und unsere Töchter, wie die ausgehauenen Erker, gleich wie die Paläste; und unsere Kammern voll seien, die heraus geben können einen Vorrat nach dem andern; dass unsere Schafe tragen tausend und hunderttausend auf unsern Dörfern; dass unsere Ochsen viel erarbeiten; dass kein Schade, kein Verlust, noch Klage auf unsern Gassen sei. Wohl dem Volk, dem es also geht. Aber wohl dem Volk, des der Herr sein Gott ist.

„Ich will dich all mein Leben lang,
Gott von nun an ehren;
Man soll, o Gott, dein Lobgesang
An allen Orten hören.
Mein ganzes Herz ermuntre sich,
Mein Geist und Leib erfreue dich!
Gebt unserm Gott die Ehre!“ 1)

So, geliebte Gemeinde, haben wir eben gesungen, und das muss unseres Herzens Stimmung sein Angesichts dessen, was wir in diesen Tagen erlebt haben. Gott hat seine Barmherzigkeit an uns groß gemacht über all unser Bitten und Verstehen. In der unverantwortlichsten Weise ward uns ein Krieg aufgezwungen; wir konnten ihn nicht von uns weisen; wir mussten ihn annehmen. Es galt die Verteidigung unseres Landes und Volkes vor der schwersten Bedrängnis, die es gibt. Wir vertrauten auf Gott, der zuletzt doch immer dem Recht den Sieg verleiht, und mutig, ja freudig zogen unsere Soldaten ins Feld, um ihre Leiber für ihr Volk und Vaterland darzubieten. Aber ohne geheimes Bangen war sicherlich Niemand. Der Krieg ist und bleibt ein schreckliches Spiel. Und wer kann denn des Erfolges im Voraus gewiss sein? Wer weiß es, was Gott in seinem Rat beschlossen hat? Es war ja nicht unmöglich, dass der Krieg in unserem Lande ausgefochten würde, dass unsere Fluren zertreten, unsere Städte verwüstet, unser Volk von den feindlichen Heeren ausgesaugt und an den Bettelstab gebracht würde.

Durch Gottes Gnade ist es anders gekommen. Der Feind, der über uns her stürzen wollte wie ein Adler auf seine Beute, sollte in unser deutsches Land nur herein schauen, betreten sollte er es nicht. Der Krieg begann damit, dass der kühne, hochmütige Feind durch drei herrliche Siege der Unseren sofort aufs tiefste gedemütigt wurde. Zittern und Schrecken ergriff ihn, und es währte lange, bis er sich wieder fassen und sammeln konnte. Und nun wurden uns am Dienstag, Donnerstag und Samstag der vorigen Woche drei neue große und entscheidende Siege gemeldet, wodurch die Macht des Feindes völlig gebrochen wurde. Ein stolzer Kaiser, der vor wenigen Tagen seine Freude daran fand, eine wehrlose deutsche Stadt mit dem Untergang zu bedrohen, irrt als ein Flüchtling im eigenen Land umher, und unsere Heere rücken an gegen den Herd aller Unruhe und Bedrängnis, die seit mehr als zwanzig Jahren Europa durchzuckte und belastete. Nach menschlichem Bedünken ist die Hauptarbeit getan, wird der Kampf bald beendigt, der Friede bald geschlossen und unser Volk gesichert sein, dass es von dieser Seite nicht von Neuem zu gleicher heißer Blutarbeit herausgefordert wird. Der Herr hat Großes an uns getan, und wir dürfen und müssen uns freuen und fröhlich sein. Doch es bedarf sicherlich nicht erst der Aufforderung zur Freude. Als die Kunde von diesen neuen herrlichen Siegen von Mund zu Mund flog, da konnte man ja jedem Kinde die helle Freude vom Angesicht lesen.

Wohl wir vergessen der großen und schweren Opfer nicht, die gebracht wurden. Aber diese heiligen Opfer sind nicht vergeblich gebracht worden, sie sind gebracht worden für den Sieg. Aus dem Blute der teuren Brüder, die in fremder Erde ruhen, wird, so hoffen wir zu Gott, neues Glück, neuer Segen, neues Heil für unser Volk erblühen. Es sind Opfer, wie wenn ein Vater für sein Weib und seine Kinder sein eigenes Leben einsetzt. Wir vergessen auch nicht, dass bei Vielen unter uns die Not und die Ratlosigkeit noch nicht zu Ende, sondern im Zunehmen ist, dass Manche kaum mehr wissen, was sie anfangen und beginnen sollen. Aber es ist die Hoffnung gegeben, dass die verschlossenen Wege bald wieder geöffnet, der stockende Verkehr bald wieder in seinem früheren Gange sein wird. Wie man sich bei den trüben Märzstürmen sagt, dass hinter ihnen der Frühling seinen Einzug halten wird, so dürfen wieder alle den kommenden Tagen mit neuem Lebensmute entgegen blicken. Ja, freut euch und seid fröhlich: Gott ist mit uns!

Der Herr ist noch und nimmer nicht
Von seinem Volk geschieden;
Er bleibt ihre Zuversicht,
Ihr Segen, Heil und Frieden.
Mit Mutterhänden leitet er
Die Seinen stetig hin und her:
Gebt unserm Gott die Ehre. 2)

Freut euch! Aber dass es nur eine rechte, eine wahre Freude sei, nicht bloß eine Befriedigung der Eitelkeit, die eine kurze Zeit lang aufregt und dann das Herz umso leerer, umso öder lässt, sondern eine Freude, die ein Segen ist und bleibt, die das Herz neu belebt, neu kräftigt, mit einem Wort: eine Freude, die im Herrn ihren Grund hat und zu ihm weist. Und da will denn unser Text unser Führer sein. Hier zeigt uns David, wie man des Sieges sich recht freuen soll; und das wollen wir uns von ihm nun lehren lassen. Ehe wir aber weiter gehen, lasst uns zuvor noch Herzen und Hände erheben und um den Segen des Herrn flehen in einem andächtigen Vaterunser.

„Gelobt sei der Herr,“ so beginnt David sein Siegeslied, „gelobt sei der Herr, mein Hort, der meine Hände lehrt streiten und meine Fäuste kriegen; meine Güte und meine Burg, mein Schutz und mein Erretter, mein Schild, auf den ich traue, der mein Volk unter mich zwingt.“ David war zu einem Krieg gezwungen worden für sein Volk, für Gottes Wort und Gesetz. Er muss sich dem Feinde entgegen werfen, wenn er seines ihm von Gott vertrauten Amtes recht warten will. Und so geht er denn in den Kampf, geht den Mühen und Gefahren des Krieges mit fröhlichem Mute entgegen. Er weiß, dass er nicht allein ist; Gott, der ihm diesen Weg gewiesen hat, Gott ist mit ihm, er ist sein Hort, der sichere Fels, auf dem er stehen, zu dem er seine Zuflucht nehmen kann. Und sein Vertrauen, seine Hoffnung wird nicht zu Schanden. Er und sein Kriegsvolk haben den Feind geschlagen und in die Flucht geworfen. Dafür gibt er nun Gott die Ehre. „Gelobt sei der Herr,“ spricht er, „mein Hort, der meine Hände lehrt streiten und meine Fäuste kriegen.“ Es hat ihm und seinem Volke heiße Arbeit gekostet, den Feind zu überwinden, denn Gott gibt Segen und Sieg nicht ohne unser Zutun, nicht während man die Hände müßig in den Schoß legt. Aber dass nun er und sein Volk frisch und mutig waren zum männlichen Streit, das dankt er Gott; denn das ist Gottes Werk. Was hilft im Streit die große Zahl, was helfen Wehr und Waffen, wenn die Herzen zaghaft sind, wenn im Herzen Mut und Vertrauen fehlt! Und Mut und Vertrauen gibt Gott; er allein.

Dem Herrn gibt David die Ehre. Er hat ihm den Sieg verliehen, und er, der sein Hort ist, er war mitten im Kampfe seine Güte und seine Burg, sein Schutz und sein Erretter, sein Schild, auf den er sich verlassen konnte. Er hat es ihm in der Hitze des Kampfes nicht an Erquickung und Stärkung fehlen lassen, hat ihn beschirmet in der größten Gefahr und herausgerissen aus der größten Not. Und er, dafür dankt er mit ganz besonderer Innigkeit, zwingt sein Volk unter ihm. Er erhält sein Volk in Einigkeit mit ihm, dass es treu bei ihm aushält, dass es nicht müde wird der schweren Last, dass es seinen Befehlen folgt und in fröhlichem Gehorsam mit ihm Mühe und Gefahr teilt.

Auch wir müssen fröhlich und dankend mit David sprechen: „Gelobt sei der Herr, unser Hort, der die Hände der Unseren lehrt streiten und ihre Fäuste kriegen.“ Guten Mutes und mit gutem Gewissen zogen unsere Brüder hinaus in den Kampf; denn wir sind ja nicht schuld an diesem Kriege; er ist uns aufgezwungen worden; es ist ein heiliger Kampf für unser Volk und seine höchsten Güter. Die Bleibenden geleiteten die Scheidenden mit ihren Gebeten, und unsere Soldaten werden es wohl auch erkannt haben, dass Gott ihr Hort ist, auf den sie sich allein verlassen können. Ein Soldat, der verwundet aus dem Feld zurückkehrte, ward von einem Ungläubigen verspottet, weil er ein Gebetbuch bei sich hatte. Da sagte der Soldat: „Eure Religion, ihr Herren, mag gut sein, für wen sie will; für einen ehrlichen Soldaten im Feld taugt sie nicht. Als wir vor dem Feind standen, da betete ich für mich ein andächtiges Vaterunser, und sprach dann: Herr, wie du willst, dein bin ich lebend und sterbend. Und nun war ich fertig; nun konnte ich frisch gegen den Feind angehen, wie auch die Kugeln um mich sausten. Und wenn ein armer Mensch verwundet da liegt, da geht nur zu ihm mit eurer Weisheit und sagt ihm, er brauche keinen Gott. Er wird sich mit Verachtung von euch abwenden; er braucht ihn ja, eben da braucht er ihn erst recht, eben da hat er nichts mehr, auf was er sich verlassen kann, als Gott allein. Da ist ein Trost aus Gottes Wort lindernder und erquickender als Alles, was man ihm tun kann.“ Der Soldat hat Recht, und solche Soldaten sind die rechten, die besten Soldaten.

Der Herr ist unser Hort. Er hat die Hände der Unseren streiten gelehrt und ihre Fäuste kriegen. Er ist unsere Güte und unsere Burg, unser Schutz und unser Erretter, unser Schild, auf den wir trauen können. Und er hat unser Volk und unsere Brüder draußen im Felde einig erhalten. Der Feind rechnete auf unsere Uneinigkeit. Aber unser Volk hat sich nie so einig gefühlt als eben jetzt. Alles, was es trennte, ist vergessen, ist abgetan. Es ist volle Wahrheit, wenn wir jetzt von einem einigen deutschen Volk reden. Das ist Gottes Werk, der verbunden hat, was zusammen gehört. Was wir so oft ersehnt haben, ohne es erringen zu können, die Einigkeit unseres Volkes, das hat Gott geschaffen im Sturme des Krieges. Wie ist es Jedem sowohl im Gefühl dieser Zusammengehörigkeit! Nun lasst uns aber auch einig bleiben. Ja, Gott wird seinen Segen geben, dass das, was er gebaut hat, nicht wieder zerstört werde. Er wird uns schirmen und wird die Herzen unseres Volkes regieren, dass nicht künftighin Eigennutz, Eigenwille oder Bosheit die Hände und Herzen von einander reißen, die jetzt so innig in einander geschlungen sind.

Der Herr hat Großes an uns getan; lasst uns ihm auch danken. Er hat uns Sieg verliehen; wenn wir ihn hinnehmen als ein Geschenk seiner Gnade, dann erst haben wir vollen Sieg, dann sind wir ganz sicher und geborgen, denn wir wissen uns beschirmt von seiner Hand, geborgen von dem Flügel seiner Liebe, und diese Siege sind die Verheißung einer neuen schönen Zukunft für unser Volk.

Dem Herrn gibt David die Ehre für den errungenen Sieg. Damit hebt seine Siegesfreude an, dass er dem Herrn dankt und lobsingt für seine Gnade und Barmherzigkeit. Und dann fährt er fort: „Herr, was ist der Mensch, dass du dich seiner so annimmst? Und des Menschen Kind, dass du ihn so achtest? Ist doch der Mensch gleich wie nichts; seine Zeit fährt dahin wie ein Schatten.“ Einen Sieg hat David mit seinem Heer gewonnen; aber von sich selbst hat er nichts zu sagen und zu rühmen. Vielmehr muss er sich angesichts dessen, was Gott ihm hat gelingen lassen, demütigen. Heere sind durch ihn geschlagen worden, sein Volk beugt sich freudig vor ihm, und neue Herrlichkeit ist seinem Throne zugewachsen. Aber was ist er? Ein armer, hinfälliger, sterblicher Mensch, wie jeder andere. Er nimmt sich vor Keinem etwas voraus. Er weiß, dass eine Stunde kommt, da auch ihm, dem sieggekrönten König, von aller irdischen Herrlichkeit nichts bleibt, als ein Sarg und ein Sterbekleid und ein enges Grab. Er kommt aus dem Krieg; da hat er's vor Augen gesehen, was es um eines Menschen Leben ist. Seine Psalmen sind uns ein Zeugnis, dass er es weiß, woher diese Hinfälligkeit und Eitelkeit alles Irdischen kommt. In unserem Text klingt es nur leise an, aber anderswo sagt er es uns deutlich genug, dass vor dem Herrn kein Einziger gerecht ist; ja, dass Keiner nur merken kann, wie oft er fehlt. David demütigt sich im Blick auf das, was der Herr an ihm getan hat. Aber damit wird seine Siegesfreude nur tiefer und voller. Dass Gott seiner, des sterblichen und sündigen Menschen, so gnädig gedacht, das macht ihm Gottes Liebe und Freundlichkeit erst recht groß, das ist ihm ein Wunder, wodurch er fort und fort erquickt und belebt wird.

Nur die Demut kann Gottes Liebe in ihrem ganzen Maße fassen und empfinden. Und müssen wir uns nicht auch demütigen? Haben wir Grund, Angesichts der Siege, die Gott uns verliehen hat, uns zu rühmen? Sind wir etwas Besseres als andere Völker, haben wir mehr Ansprüche zu machen wie sie? Wir sind auch weiter nichts als schwache, sterbliche Menschen, deren Zeit dahin fährt wie ein Schatten. Oder haben wir Gott etwas zuvor gegeben, das uns müsste wieder vergolten werden? Können wir uns mit unserer Gerechtigkeit brüsten? Haben wir es mit unserem Tun und Leben verdient, dass Gott uns den Sieg verleihen und sich offen zu uns bekennen muss? Ihr wisst es selber gut genug: es war schlimm bestellt mit unserem Volk. Was in Sünde und Ungerechtigkeit geleistet werden kann, es hat es Alles auch versucht und geübt. Wenn Gott sein Angesicht von uns gewendet hätte, wenn sein Zorn entbrannt wäre und er seine Strafgerichte über uns hätte herein brechen lassen, wir müssten sprechen: wir haben es verdient, wir leiden, was unsere Taten wert sind.

Und nun hat sich Gott unser so freundlich angenommen, hat des Feindes verderbliche Anschläge zunichte gemacht, und uns den Sieg verliehen: wie gnädig ist er mit uns! Fühlt ihr das aber auch, meine Lieben? Nun, wenn ihr es fühlt, dann werdet ihr euch erst recht freuen können über die gewonnenen Siege. Dann sind diese Siege ein Zeugnis, dass Gott unser Volk nicht verstößt, dass er noch weiter an ihm arbeiten will, um seine Füße zu richten auf den Weg des Friedens. Denkt euch einen Schuldner, der schwere Strafe verdient hat, und dem man die Schuld erlässt und wieder aufhilft zu einem neuen Leben in Ordnung und Ehre, wie müsste ihm zu Mute sein! Nun, das sollte unsere Stimmung sein. Also hat Gott mit uns gehandelt. Herr, was sind wir, dass du dich unser so annimmst, dass du uns so achtest? Herr, wir sind zu gering aller Barmherzigkeit und Treue, die du an uns tust!

Gott preist David für den gewonnenen Sieg, dann schlägt er an seine Brust und demütigt sich. Nun aber erhebt er sich zum Gebet. Der Krieg ist noch nicht zu Ende; neuer Kampf steht ihm und seinem Volk noch bevor. Er sorgt und zagt nicht. Gott, sein Hort, hat geholfen. Er kann weiter helfen, er wird weiter helfen. Und so ruft er denn zu ihm; er soll mit ihm und für ihn streiten. „Herr,“ spricht er, „neige deinen Himmel und fahre herab; taste die Berge an, dass sie rauchen. Lass blitzen und zerstreue sie; schieße deine Strahlen und schrecke sie. Sende deine Hand von der Höhe und erlöse mich und errette mich von großen Wassern, von der Hand der fremden Kinder, welcher Lehre ist kein nütze, und ihre Werke sind falsch.“

Meine Lieben, der Herr hat auch uns geholfen; sechs herrliche Siege hat er uns verliehen. O, werdet nicht sorglos und übermütig; vergesset den Helfer nicht. Der Krieg ist noch nicht zu Ende, und was wären wir, wenn der Herr sein Angesicht von uns wenden würde! Oder soll der Mut und die Tüchtigkeit unserer Soldaten das Übrige allein ausrichten? Was vermag alle menschliche Macht und Klugheit, wenn Gott nicht gnädig Ja und Amen dazu spricht! Wo der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wo der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst. Bisher haben wir lauter Siegesnachrichten vom Kriegsschauplatze erhalten, und Freude folgte ihnen auf dem Fuße. Aber wenn uns von dort ein Unfall gemeldet würde, wie würde Schrecken und Zittern durchs ganze Land gehen! Meine Lieben, der Herr ist unser Hort; er allein ist's, der uns helfen, der den guten Anfang zum guten Ende führen kann. Ruft zu ihm; er ist nahe Allen, die ihn anrufen, Allen, die ihn mit Ernst anrufen, und das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist. Lasst uns anhalten im Gebet vor ihm, dass er sein Herz auch ferner zu uns neige. Dass ihr's tut für die Eurigen, die draußen im Felde stehen, für den Sohn und Bruder, für den Gatten und Bräutigam, dessen bin ich gewiss. Wer könnte denn Einen der Seinen in so großer Gefahr wissen, ohne dass er mit seinem Gebet ihn mit zu schirmen sucht? Aber lasst uns auch unseres Kriegsheeres insgesamt täglich vor Gott gedenken. Lasst uns beten, dass Gott ihnen den rechten Mut und die rechte Freudigkeit noch ferner erhalte, dass er noch ferner ihre Hände streiten und ihre Fäuste kriegen lehre, dass nicht schlimmes Wetter oder Mangel an Nahrung sie schwäche, dass nicht Krankheiten und Seuchen unter ihnen einreißen, dass Gott sie bald siegreich den Krieg beenden und gesund an Leib und Seele zu uns zurückkehren lasse. Lasst uns anhalten im Gebet, und Gott wird gnädig gewähren, was recht erbeten wird.

Im Gebet zieht David neue Kraft an für neuen Kampf. Indem er aber um Sieg bittet über die Fremden, die ihm das Schwert in die Hand gezwungen haben, fügt er hinzu: „Welcher Lehre ist kein nütze und ihre Werke sind falsch.“ Damit spricht David ein Gelübde aus. Auch das Herz eines David ist den Irrwegen der Heiden nicht ganz fremd geblieben. Aber er erkennt nun, wie verkehrt, wie schädlich ihre Anschauung und ihre Lebensrichtung ist, und indem er das ausspricht, will er dieses verderbliche Wesen mit allem Ernst von sich und seinem Volke ferne halten. Die Feinde, die er mit Schwert und Speer überwindet, sollen nicht sein und seines Volkes Herz durch ihr fleischliches, heidnisches Treiben antasten und überwinden.

Auch uns geziemt ein solches Gelübde. Unser Volk hat die Feinde, mit denen nun unsere Soldaten im Kampfe liegen, nicht nach seinen guten Seiten, sondern nach seinen schlimmen rein nachgeäfft. Jede Mode, die von Paris ausging, mochte sie nicht bloß unschön, sondern selbst unanständig sein, musste nachgeahmt werden. Und die schlechtesten Bücher, die man sich nur denken kann, Bücher, in denen aller Glaube, alle Zucht und Ordnung verhöhnt wurde, Bücher, in denen die schändlichsten Laster mit den lieblichsten Farben gezeichnet wurden, Bücher, die wie reines Gift wirken, solche Bücher hat man begierig aus Frankreich herüber genommen, und Alt und Jung konnten sich nicht satt daran lesen. Der leichtfertige, freche Unglaube und das sittliche Verderben, das in unserem Volk wie der Krebs immer weiter um sich fraß, hat zum großen Teil seinen Ursprung in diesen schändlichen französischen Büchern. Nun, ihr Deutschen, Gott hat uns Sieg verliehen. Mit den Waffen wurden unsere Feinde zurückgewiesen. Die Augen aller Völker sind auf uns gerichtet, und schauen teils mit Bewunderung, teils mit Schrecken, was Gott uns gelingen ließ. Fühlt ihr nicht, dass es schimpflich ist, wenn ihr euch noch länger geistig und sittlich von den Besiegten beherrschen und verderben lasset? Nein, das darf nicht sein. Hinweg mit welschem Flitter, hinweg mit welscher Frivolität! Lasst uns sein, was wir sein sollen: ehrliche, fromme Deutsche, unter denen Gottesfurcht, Redlichkeit, Zucht und Ehre wohnt. Das wird uns gut lassen, und ein herrlicher Segen sein für uns und unser Volk.

„Gott,“ fährt David fort, ich will dir ein neues Lied singen, ich will dir spielen auf dem Psalter von zehn Saiten. Der du den Königen Sieg gibst und erlöst deinen Knecht David vom mörderischen Schwert des Bösen, erlöse mich auch und errette mich von der Hand der fremden Kinder, welcher Lehre ist kein nütze, und ihre Werke sind falsch.“ David wiederholt sein Gebet um neuen Sieg über die Feinde, spricht aber zuvor ein neues Gelübde aus mit den Worten: „Ich will dir ein neues Lied singen.“ Das will nicht sagen, dass er dem Herrn nur noch ein weiteres Lied singen will, sondern ein neues Lied, wie er noch keines gesungen hat. Mit einem Wort: er will von jetzt an ein anderer werden, ganz ergeben dem Herrn, ganz eins mit ihm, wie er es je und je hätte sein sollen, aber noch nicht gewesen war.

Nun, mein Volk, da ist dein Weg auch dir gewiesen. Singe dem Herrn ein neues Lied. Schließe dich dem Herrn mit neuer Liebe, mit neuer Innigkeit an. Das ist es, was uns nottut. O, wenn die gegenwärtige Zeit uns dahin führen würde, dass Gottes Wort und Gebet wieder in allen Häusern heimisch würde, dass alle Herzen von kindlichem Glauben belebt und beseelt wären, dass ein frommes christliches Leben überall zu Tage treten würde, wie schön, wie herrlich würde unsere Zukunft sein! Fühlt ihr das nicht? Ja, ihr fühlt es, ihr müsst es fühlen. Nun, so macht's auch wahr. Gott hat uns Raum gegeben zu einem neuen Leben. Wenn unser Volk auch jetzt nicht zu dem Herrn sich weisen und ziehen lässt, wenn es noch weiter vom Unglauben und von fleischlicher Lust sich betören und beherrschen lässt, was wird dann aus ihm werden? Es wird sich dann nur noch reif machen zum Gericht. So wendet euch denn von ganzem Herzen zu dem Herrn, der seine Gnade und Barmherzigkeit an uns so groß gemacht hat. Singt dem Herrn ein neues Lied.

Um neuen Sieg hat David gebetet und dabei sich dem Herrn von Neuem zu eigen gelobt. Zum Schluss nun sieht sich David in die Zeit des wiedergewonnenen Friedens versetzt und erfleht von Gott seinen reichen Segen für sein Volk. Es ist ein rechtes Königsherz, das aus ihm spricht. Von sich redet er nicht; es ist das Wohl und das Glück seines Volkes, das ihm vor Allem am Herzen liegt. „Errette mich,“ betet er, von der Hand der fremden Kinder, dass unsere Söhne aufwachsen wie die Pflanzen in ihrer Jugend, und unsere Töchter wie die ausgehauenen Erker, gleichwie Paläste,“ oder wie es im Grundtext heißt: wie die schön gemeißelten, geschmückten Erker an den Häusern, wie ein Plan, ein Bild eines wohlgefügten Palastes. Der Jugend gedenkt er zunächst; denn in der Jugend ruht ja die Zukunft eines Volkes. Die Söhne sollen heran wachsen voll frischer, freudiger Kraft, die Töchter lieblich und anmutig und sittig, dem Schönsten vergleichbar, das sich denken lässt. Meine Lieben, wir sind Christen, und für Christen ist die Pflege und Bildung der Jugend eine Hauptaufgabe. Wie aber wird es geschehen, dass unsere Söhne frisch herauf wachsen, voll Kraft und Lust zu edlem männlichen Tun, dass nicht durch Sünden und Laster ihre Jugendblühte zerpflückt wird, dass sie nicht innerlich veröden und verkommen, und dass unsere Töchter lieblich sich entfalten und nicht edler Sitte Hohn sprechen? Das wird geschehen, wenn des Herrn Wort ihres Fußes Leuchte und das Licht auf ihrem Wege ist. Man hat auch eine andere Erziehungsmethode anraten wollen, ein Methode ohne Religion, ohne Glauben; aber unser Volk hat es gefühlt, dass man ihm ansinne, den Kindern statt des Brotes einen Stein, statt edlen Weins zerstörendes Gift zu bieten. Zieht eure Kinder auf in der Zucht und Vermahnung zum Herrn; dabei gedeihen sie für die Erde und für den Himmel.

„Und unsere Kammern voll seien,“ fährt David fort, „die heraus geben können einen Vorrat nach dem andern, dass unsere Schafe tragen tausend und hunderttausend auf unseren Dörfern, dass unsere Ochsen viel erarbeiten.“ Der Krieg hat die Vorratskammern geleert, die Herden vernichtet. Nun bittet David Gott, dass er das Fehlende wieder erstatte und die augenblickliche Not mit reicher Fülle wieder aufwiege. Und bei Gott ist kein Ding unmöglich. Er kann die Armen wieder reich und fröhlich machen. Auch die, die jetzt unter uns in schweren Sorgen sind, werden es bald erfahren, dass der Herr ihrer noch freundlich gedenkt.

„Dass kein Schade,“ fügt David hinzu, „kein Verlust noch Klage auf unseren Gassen sei.“ Im Krieg folgt Aufregung auf Aufregung; bald wird da bald dort ein Schaden, ein Verlust erlitten, und wie viele Klagen werden laut über geliebte Tote, die nicht mehr heimkehren zu Vater und Mutter, zu Weib und Kind. Da sehnt sich David nach der trauten, anheimelnden Stille und Ruhe des Friedens. Auch unserem Volk wird sie wieder werden nach dieser schweren Zeit, und Gottes Gnade kann sie uns noch eher schenken, als wir es ahnen.

David hat sein Herz im Gebet vor Gott ausgeschüttet. Er hat alles Glück, das er sich denken kann, für sein Volk erfleht. Und nun ruft er im Blick auf dieses erflehte Glück zum Schluss wie ein Amen aus: „Wohl dem Volk, dem es also ergeht!“ Ja, wohl diesem Volke. Aber David hat sich gleichsam selbst vergessen. Er weiß doch noch ein viel höheres Glück. Und so spricht er zum Schluss: „Wohl dem Volk, des der Herr sein Gott ist.“ Damit ist Alles gewonnen, Alles errungen, Alles erreicht. Damit ist auch Unglück nicht mehr Unglück, und auch der Tod ist überwunden.

Wohl dem Volk, dass der Herr sein Gott ist. O, dass dies Wort von unserem Volk gelten möchte! Mein Volk, Gott ist dein Gott, er hat sich dir bewiesen als deinen Gott, hat dir Sieg verliehen; nun, so sei denn auch sein Volk, lass ihn deinen Gott sein. Feiere deine Siege also, dass du dich von dem, der dir die Siege verliehen hat, selber besiegen lässt. Gebt ihm die Ehre, demütiget euch vor ihm, gelobt euch ihm zum Eigentum, übergebt euch betend seinem Gnadenwillen, und Siegesfreude wird immerdar in eurem Herzen wohnen; es wird Alles gut sein und gut werden in Zeit und Ewigkeit. Amen.

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