Krummacher, Gottfried Daniel - Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan - Einundneunzigste Predigt. Paltiel

Eingang.

Als Jakob vor Pniel überkam, ging ihm die Sonne auf, und er hinkte mit seiner Hüfte - so wird uns 1. Buch Mos. 32, 31 erzählt. Die Sonne war untergegangen und es war eine angstvolle Nacht gewesen, die er in der Einsamkeit allein zugebracht hatte. Sein Bruder Esau zog ihm mit 400 Mann in feindseliger Absicht entgegen, und er besorgte nichts Geringeres, als dass er ihn samt seinen Weibern und Kindern erschlagen möchte. Er war voll Furcht, wie er dem Herrn aufrichtig bekannte. Das war eine rechte Angstnacht. Er traf alle menschlichen Vorsichtsmaßregeln. Aber die genügten ihm nicht, sondern er nahm seine Zuflucht insbesondere durchs Gebet zum Herrn. Aber darüber ging's ihm nun besonders schlimm. Er fühlte sich in finsterer Nacht von einem Manne angegriffen, welcher mit ihm rang, und ihn von der Stätte, wo er beten wollte, zu verdrängen suchte, den er also für einen Feind halten musste. Er wehrte sich aber mit Gebet und Tränen, aber mit dem Erfolg, dass der Mann, mit dem er ringen musste, seine Hüfte anrührte und sie ihm dadurch verrenkte, danach aber auch ihn segnete. Jetzt, heißt es, ging ihm die Sonne auf, und er hinkte mit seiner Hüfte. In der Natur wurde es licht, indem das herrliche Gestirn des Tages zu leuchten begann, dies Gestirn, das selbst ein Bild Gottes ist. In seiner Seele war es auch licht. Der Kampf war zu Ende. Die Furcht war geschwunden. Seine Seele war stille im Frieden. Er hing mit Zuversicht an seinem Gott. Bist du ein wahrer Christ, bist du namentlich in mancherlei Anfechtungen erprobt worden, o! so hast du es auch schon - und vielleicht sehr oft erfahren, dass dir die Sonne aufging. Und o! wie so selig war dir da zu Mute. Und Jakob hinkte an seiner Hüfte. Der eine Tritt war nicht wie der andere. Es gab Abwechselungen. Ging ihm die Sonne auf, sie ging auch wieder unter, und einmal blieb sie so lange unter, dass es schien, sie ging wohl gar nicht wieder auf. Es war mit diesem einen Mal so wenig aus, dass er auch einst sagte: es geht alles über mich. Jedoch zuletzt heißt es: da ging ihm die Sonne auf, ohne je wieder unterzugehen. Denn der uns erlöst hat, wird uns auch herrlich machen. Davon gedenken wir noch etwas mehreres zu reden.

Text: 4. Buch Mosis 34, 26. Paltiel.

Der Apostel spricht 2. Kor. 1, von einer großen Trübsal, die ihm und seinen Gehilfen in Asien widerfahren sei, so dass sie über die Maße und über Macht beschweret wurden, so dass sie auf ihr Leben Verzieht leisteten. Das geschah aber darum, - setzt er hinzu - dass wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzten, sondern auf Gott, der von den Toten erwecket, welcher uns vom Tode erlöst hat, und noch täglich erlöst, und hoffen auf ihn, er werde uns auch hinfort erlösen durch Hilfe eurer Fürbitte für uns.

Dieser Spruch besagt dasselbe, was in unserm Text der Name Paltiel andeutet: der starke Gott ist mein Erretter. Eines Erretters bedarf derjenige, der sich in Gefahr und Not befindet, und eines göttlichen Erretters bedarf der, für den sonst keine Hilfe ist. Ich habe die Betrachtung über die Bedeutung des Namens Paltiel in zwei Teile geteilt, und in dem ersten Teil von unserer Not und Gefahr gehandelt. Damit hat sich unsere vorige Betrachtung beschäftigt, wovon mir aber noch eines zu bemerken übrig geblieben ist, welches ich heute denn nachzuholen willens bin, und dann vom Erretter und seiner Rettung zu reden vorhabe.

Unser natürliches Elend äußert sich außer dem, was wir davon bemerkt haben, in der inneren Schlafsucht, Unglauben und Unwillen. Auf diese geistliche Schlafsucht macht uns der Apostel aufmerksam, wenn er sagt Eph. 5, 14: Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten. Es gibt auch eine natürliche Schlafsucht, welches gewöhnlich eine unheilbare und tödliche Krankheit ist. Die Menschen gehen und stehen, und tun nichts als schlafen. Werden sie mit Mühe geweckt, so schlafen sie doch gleich wieder ein, so dass sie essen und trinken vergessen, bis man sie endlich gar nicht mehr aufwecken kann. Mag's donnern und blitzen, mag sein Haus in Flammen stehen, - er nimmt's nicht wahr. Ist das nicht ein rettungsloser, erschrecklicher Zustand, wenn er im Geistlichen stattfindet. Und das tut er bei allen Menschen in ihrem natürlichen Stande. Freilich sagt Paulus: wache auf, du, der du schläfst. Ja wohl ist das nötig. Aber es muss ganz jemand anders als Paulus, es muss derjenige sein, der unter dem Namen Paltiel gemeint ist, der das zu jemand sagen muss, wenn es fruchten soll, der Apostel setzt deswegen auch gleich hinzu: und stehe auf von den Toten. Er nennt also diesen geistlichen Schlaf einen Tod und das Aufwachen eine Auferstehung von den Toten. Können das die Toten? Welch' ein Elend, und dabei ein unerkanntes, ein nicht gefühltes Elend! Was ist schon geschehen, die Schlafenden aufzuwecken, aber vergeblich. Das Geschlecht zur Zeit der Sündflut wurde gewarnt, und ihm eine Zeit von 120 Jahren zur Besserung gesetzt und gesagt: wenn sie diese Zeit verstreichen ließen, wolle Gott Alles vom Erdboden vertilgen. Aber es half nichts, sie spotteten gar. Da brach das göttliche Gericht ein, und nahm sie alle hinweg. Was war das für ein furchtbares Ereignis, als Gott selbst von Sinai herab unter schrecklichem Donner, Erdbeben, Feuer und sonstigem Getön das Gesetz gab, selbst mit dem Volke redete und Moses ihm laut antwortete. Das Ereignis war so furchtbar, dass Moses selbst sagte: ich bin erschrocken und zittere.

Alles Volk erschrak auch heftig, und bat sich's aus, Gott möchte doch nicht selbst zu ihnen reden, sondern durch Mosen. Sie wären bereit, alles, was Gott gebietet, zu tun. Das schien wohl etwas zu sein, und doch war es nichts mehr, als was noch wohl geschieht, dass die rohesten Leute, so lange ein furchtbares Gewitter über ihren Häuptern tobt, oder ein Erdbeben unter ihren Füßen zittert, anfangen zu beten und fromm zu tun - bis das Ungetüm vorüber ist, dann geht's wieder in das vorige Geleis, wie auch dort. Wir wollen alles tun sagten sie. Gleich darauf hatten sie ein Musikfest, und trieben Abgötterei. Das ist der Mensch ohne Gnade. Ich höre von Städten, wo die Cholera herrscht; die dringendsten Predigten mit der glänzendsten Gottseligkeit und mit Wundern begleitet, haben nichts gefruchtet. O! erschrecklicher Zustand. Verloren, verloren seid ihr allzumal, wenn ihr euch selbst überlassen bleibt, wenn sich der Paltiel, wenn sich Gott selbst euer nicht annimmt. Und was könnte ihn euerseits dazu bewegen? Schlafende träumen oft sehr lebhaft, und sind sehr beschäftigt, dass sie nicht anders meinen, als wären sie wach und in der Wirklichkeit, da es doch nichts ist als ein Traum. O! wie gefährlich, wenn es im Geistlichen so steht. O! wache auf, der du schläfst.

Dabei findet sich eine gänzliche Unwilligkeit zum Guten bei dem natürlichen Menschen. Ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben haben möchtet, sagt Christus. Ihr habt nicht gewollt, spricht er. Das ist die Feindschaft gegen Gott und alles Göttliche, welches die eigentliche Gesinnung des Fleisches ist. Das Nicht können ist so sehr die Sache nicht, das simple nicht Können macht nicht strafbar, sondern erregt wohl Mitleiden, wie wenn jemand im leiblichen nicht hören oder nicht behalten kann. Aber wenn bei diesem Nichtkönnen auch das Nichtwollen hinzukommt, dann ist's strafbar. Und das ist bei euch allen, die ihr natürliche, unwiedergeborene Menschen seid, der Fall. Ihr könnt nicht, aber ihr wollt auch nicht. Steht's aber so um jemand, dass er sagen kann und darf: Wollen des Guten habe ich wohl, aber das Vollbringen fehlt mir, wenn das die Wahrheit und nicht Selbsttäuschung ist, wenn er alles Gute und dies Gute in der rechten Weise will, so steht derselbe offenbar schon unter einem andern Prinzip, als dem der Natur, der natürliche Mensch macht's wie die Leute, zu welchen Stephanus redete, sie hielten die Ohren zu. Von Jesu Christo, als dem einzigen Heiland, wollen sie nichts wissen. Kurz, sie sind Feinde Gottes. Wo kommt denn das wahre Wollen her? Wahrlich nicht aus uns. Gottes Gabe ist es. Gott ist es, der in euch schafft, beides, das Wollen und Vollbringen. Denn wir sind so tief vergraben, dass wir nichts können.

O! Paltiel! O! Retter, rette. Was wills anders mit uns werden! Werden? Was steht uns anders bevor, als die ewige Verdammnis in der Hölle, in welche alle ganz gewiss hinabfahren, die den Retter, die Jesum Christum nicht haben. Was lässt sich Grässlicheres denken, als die ewige Unseligkeit in der Hölle. Was sind dagegen alle leiblichen Qualen! Mögen sie noch so groß sein, mögen sie noch so lange dauern, sie hören doch endlich auf, wenn auch mit dem Leben. Aber in dem Jenseits hört nichts auf. Der Wurm, der da nagt, stirbt nicht, das Feuer, das da brennt, verlöscht nicht, da ist keine Erquickung, und bestände sie in einigen Tropfen Wassers. Hat Jesus, der Quell alles Segens, einmal Menschen als Verfluchte in das ewige Feuer verwiesen, so gibt's weiter keinen Paltiel, keinen Retter mehr. Ist Gott des Erbarmens müde, so gibt's kein Erbarmen mehr, sondern ewige Pein. Er hat selbst der Engel nicht verschonet, die doch höhere Wesen sind als Menschen; meinst du, er würde dich verschonen? Hat er die erste ganze Welt und alle Menschen, nur acht ausgenommen, im Wasser ersäuft, hat er viele Könige, Fürsten und Hohenpriester verdammt, was wird er an dir schonen? Hat er einen Propheten, hat er einen seiner Apostel verworfen, was sichert dich? Befinden sich Viele auf dem Wege, der zur Verdammnis führt, bist du nicht wahrscheinlich Einer derselben? Welche Gefahr! Können wir entrinnen? Ja, denn wir haben einen Paltiel, einen Erretter: Jesum Christum.

Wir haben einigermaßen den natürlichen Zustand des Menschen, das heißt, sein Elend geschildert. Das Elend ist groß, aber nicht zu groß, der Paltiel ist ihm überschwänglich gewachsen und überlegen, nämlich Jesus Christus. Er allein. Jedoch sind es nicht bloß die natürlichen Menschen, die des Heilandes bedürfen, sondern die Gottseligen ganz vorzüglich. Sie sind ganz vorzüglich seine Pflegbefohlene. Sie sind die Küchlein und er ist ihre Henne, und führt sie herum, beschützet sie und nimmt sie unter seine Flügel; er ist ihr Hirte, und sie sind seine Schafe, von denen er kein einziges verlieren darf, da sie ohne seine genaue Aufsicht ein Raub des Wolfes werden würden. Er aber sorgt für sie, und niemand kann und darf sie aus seiner Hand reißen. Moses, es ist wahr, beklagte sich bei dem Herrn, dass er die ganze Last des Volkes auf ihn lege, und bekannte, ich kann es allein nicht ertragen. Aber das war auch Moses. Hier ist es der starke Gott, der seine mächtige Schulter unter den Bau hält. Sonst würde es ja auch nichts werden und nichts bleiben. Bedenken wir nur den Stand der Christen hier in dieser Welt, so müssten wir ja gänzlich verzagen und allen Mut aufgeben, wenn wir den Paltiel nicht unter dem Volke Gottes sähen. Unser Katechismus schildert diesen Stand, wenn er in kurzen aber gewichtigen Worten sagt: dass unsere abgesagten Feinde, der Teufel, die Welt, und unser eigen Fleisch, nicht aufhören uns anzufechten: und dass wir so schwach sind, dass wir nicht einen Augenblick bestehen können. Wie neu wurden, sollte man denken, die lieben Jünger aufhören, wie der Herr Jesu zu ihnen sagte: siehe! ich sende euch wie die Schafe mitten unter die Wölfe. Was hieß das anders, als sie mitten in den gewissen Tod senden und ihre Erhaltung zu einem Wunder machen? Wenn er in Absicht ihrer fragte: wie können die Hochzeitleute fasten, so lange der Bräutigam bei ihnen ist? so fügt er doch die Weissagung hinzu: Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; alsdann werden sie fasten. Was denken wir wohl von dem Stande der Christen in dieser Welt, da sie mit sich selbst nicht eins sind und nicht sein können, sondern zu streiten haben mit sich selbst. Es ist wahr, wir nennen sie Gottselige, Gläubige, reines Herzens, himmlischen Sinnes und nennen sie mit Recht so. Aber es gibt hier keinen Weizen ohne Spreu, kein Gold ohne Schlacken; der Christ ist eine höchst wunderbare Kreatur, aus seltsamen, ja widersprechenden Eigenschaften zusammengesetzt. Es fließt freilich nicht aus einem Loch zugleich süß und bitter, doch ist in einem Christen zu gleicher Zeit Fleisch und Geist, die wider einander sind und sich bestreiten. Es kann sein, dass eine Seele jetzt voll Glaubens ist wie der Herr Jesu auch zu den Jüngern sagte: jetzt glaubt ihr und zu einer andern Zeit können sie sich gar fern fühlen von allem Glauben und aller Gottseligkeit. Was sollte es nun um die also gestaltete Gemeine werden, wenn sie nicht aus dem Haupte zusammen gefügt wäre und Handreichung empfinge, welche machte, dass der Leib wachse. Eph. 4, 15. Ferner ist der Stand der Christen hienieden ein Stand des Kreuzes, dessen Aufnahme Jesus jedem zur Bedingung macht und dafür sorgt. Freilich ist sein Kreuz und seine an demselben gestiftete Versöhnung die eigentliche Sache, die unser Heil allein und ganz ausmacht, von welcher deswegen auch hauptsächlich, ja so die Rede ist, dass Paulus sagt: ich hielte mich nicht dafür, dass ich etwas wüsste unter euch, ohne allein Jesum Christum den Gekreuzigten. Christus aber versteht auch unter Kreuz die Plagen, die er den Seinigen aufzuerlegen pflegt. Dies scheint ganz widersinnig. Man sollte meinen, auch hoffen und wünschen, es wäre nicht also, es wäre nichts da, was Kummer und Betrübnis verursachte, nichts da als Friede und Freude, als sichtbare Fürsorge, als augenscheinlicher Segen aller Art. So dächte man wohl wäre es in der Ordnung. Aber Christus redet von einem Kreuz, wobei man sich selbst verleugnen muss, was also unsern Wünschen nicht zusagt, von Umständen, welche, wenn sie da sind, uns nicht Freude, sondern Trauer bedünken, die wir nicht gern, sondern ungern haben, deren wir gern baldigst überhoben sind. Diese werden uns als unausbleiblich vorgestellt, so dass eine Kindschaft ohne Züchtigung gar keine Kindschaft ist. Wer mit Christo erhöht zu werden begehrt, muss mit ihm erniedrigt werden, herrschen will, mit ihm leiden, leben will, sterben; in wein er alles werden. soll, der muss gleichmäßig nichts werden. Wie wollen unsere schwachen Schultern denn diese Last tragen, als nur durch den Paltiel, der uns mit unsrer Last trägt. Dann ist doch der Mann selig, der die Anfechtung erduldet, denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen. Der Stand der Christen hienieden ist endlich ein Stand von mancherlei inneren und äußeren Anfechtungen, wo wir einer unablässigen Wartung und Pflege höchst bedürftig sind. Man bedenke doch, dass wir nicht allein mit Fleisch und Blut zu kämpfen haben, sondern mit geistlichen Bosheiten, mit Fürsten und Gewaltigen. Die gegenwärtige Weltbeschaffenheit ist dem Christentum, ist der Gottseligkeit gar nicht förderlich, sondern sehr abhold und hinderlich. Untersteht es sich, hervorzutreten und sich irgend bemerklich zu machen, so ist es nicht zu verwundern, wenn sich jene Auftritte erneuern, wo man bei der Erscheinung der Apostel schrie: helfet! denn die Leute, die den Erdkreis verwirren, sind herkommen. Es ist im Geistlichen ein böser Dunstkreis, eine giftige Luft, die das Gute erstickt, und sein Wurzeln und Emporwachsen hemmet, ein Nebel, der das Sehen hindert, ein Weg, der sich nicht gut wandelt. Das Christentum findet so wenig Anklang, dass man volle Kirchen ordentlich wie ein Wunder betrachten muss, und in den meisten Gesellschaften verstummen muss. Es ist unleugbar, dass die Kräfte der Finsternis wirksam und heutzutage wohl besonders wirksam sind. Was sie als reißende Wölfe und brüllende Löwen nicht zu erzwingen wissen, suchen sie als listige Schlangen, und was sie nicht als Lobredner der Gottlosigkeit zu erreichen hoffen können, suchen sie als Prediger der Gerechtigkeit auf einen Umweg zu bewirken. Wie sieht's denn unter solchen gefährlichen Umständen um die Christen hier in der Welt aus? Erbärmlich, muss man bekennen. Wes sollen sie sich trösten! Worauf wollen sie hoffen? In ihnen selbst ist ja keine Kraft gegen den großen Haufen, so wider sie kommt. Aber es geht ein Durchbrecher vor ihnen her, und so werden sie durchbrechen. Es ist wahr, in der Welt haben sie Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden, in mir habt ihr Friede. Wirklich braucht ihr keine Kraft, keine Klugheit, wirklich braucht ihr keinen Mut, keinen Trost, keine Freude als diejenige, die ihr wirklich besitzt in Christo Jesu. Dies Salz habt ihr bei euch. Nun wohl, spüret ihr das auch so nicht immer bei euch, ist's auch häufig Durst statt des Trinkens, Hunger statt der Speise, Trauer statt Freude, Mangel und Entbehrung statt der Fülle und des Überflusses - lasst euch die Hitze, die euch begegnet, nicht befremden, als widerführe euch etwas seltsames. Die Überzeugung, was ihr in euch selbst seid, muss auch bei euch bleiben, ja zunehmen, vielleicht bis zu dem Geständnis Pauli gesteigert werden: ich bin nichts; so werdet ihr vor Selbsterhebung, wozu ihr so geneigt seid, bewahrt und angeleitet, euch herunterzuhalten zu den Niedrigen.

So sehen wir denn, wie unaussprechlich nötig und ganz unentbehrlich uns der Paltiel, der Erretter ist. Wo wollten wir hin, wenn wir ihn nicht hätten, wenn er sich unser nicht mit solcher Macht und Treue annähme, wenn er nicht sagte: ich lebe und ihr sollt auch leben, wenn er nicht mit den Seinigen wie eine Henne mit ihren Küchlein umherzöge? Also soll es wohl geraten, aller Schwierigkeit ungeachtet, also wird der Eingang in sein ewiges Reich dennoch weit aufgetan werden, obschon wir nichts von dem, was dazu erforderlich ist, irgendwo haben, als nur in ihm.

Endlich ist es bei diesem Namen Paltiel bemerkenswert, was David davon Psalm 32 sagt. Dies ist im Ganzen ein merkwürdiges Lied. Er preist darin das hohe Gut der Vergebung der Sünde aus lauter Gnade, nach welcher die Seligkeit des Menschen ist, dem der Herr die Sünde nicht zurechnet. Er preist den Genuss und die Empfindung, die er davon empfangen, indem Gott ihn fühlen und gewahr werden ließ, dass er ihm seine Sünde vergeben, dass er sagen konnte: da vergabst du mir die Missetat meiner Übertretung. Er meldet aber auch, in welcher Not er sich vorher befunden, da er seine Sünde wohl erkannte, den Zorn Gottes wohl fühlte, so dass seine Seele wie ein Land vertrocknete, aber kein Herz gewinnen konnte, seine Missetat zu bekennen und um Gnade zu flehen. Endlich verlieh ihm dies der Herr; da war's denn gerade, wie wenn die hartgefrorene Erde auftaut, wie wenn der lang verschlossene Himmel sich mit Wolken kleidet und die ausgedorrte Erde mit Regen tränkt. Nun öffnete sich sein Herz zum Loben und Danken; dann, sagt er Vers 7, du umgibst mich mit dem Lobgesang der Rettung; oder wie es in unserer Übersetzung heißt, dass ich errettet ganz fröhlich rühmen könne. Ach! das ist ein herrlicher Lobgesang. Ach! wenn die Seele eine Zeitlang eine elende und trostlose gewesen ist, über die alle Wetter gehen, wenn sie aufs Licht hoffte, und siehe, es wurde Finsternis, und nun die Friedens-Stunde herein bricht und die Sonne der Gerechtigkeit der Seele aufgeht mit Heil unter ihren Flügeln, wenn ihr mit der Braut im Hohenlied geboten wird, hervorzutreten von den Bergen der Löwen und von den Wohnungen der Leoparden, „denn du hast mir das Herz genommen, meine Schwester, liebe Braut,“ ach! welch ein Lobgesang! Wie wird man da so stille, wie werden die Müden da so erquickt, wie hat man da Ruhe! Freilich ist hier nichts Beständiges. Aber endlich wird doch Schmerz und Seufzen weg müssen; endlich wird doch Freude über unserm Haupte und liebliches Wesen zu unsern Rechten sein immer und ewig! Amen!

Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/k/krummacher_g.d/krummacher_g_d_wuestenwanderung_predigt_91.txt · Zuletzt geändert:
Public Domain Falls nicht anders bezeichnet, ist der Inhalt dieses Wikis unter der folgenden Lizenz veröffentlicht: Public Domain