Krummacher, Gottfried Daniel - Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan - Achtundachtzigste Predigt. Kemuel
Text: 4. Buch Mosis 34, 24.
Das Wort und der Name Kemuel, eines von den Zwölfen, welche von Gott zur Verteilung des Landes Kanaan beauftragt waren, veranlasst mich zu einigen Nebenbetrachtungen mit Bezugnahme auf einige Bibelstellen, wo dieses Wort vorkommt.
Zunächst meine ich die Stelle Psalm 102, 14, wo unser Wort vorkommt und durch aufmachen gegeben wird. Die Gemeine betet aber daselbst also: du Herr wollest dich aufmachen und über Zion erbarmen, denn es ist Zeit, dass du ihr gnädig seist und die Stunde ist gekommen. Denn deine Knechte wollten gerne, dass sie gebaut würde, sie lieben seine Steine und haben Mitleid mit seinem Staub. Ebenso stellt sich das Wort, woraus der Name Kemuel zusammen gesetzt, Jesajas 33, 10, wo der Herr verheißt: nun will ich mich aufmachen, nun will ich mich erheben, nun will ich hoch kommen. Dies nun trat aber erst da ein, als es in und um Jerusalem höchst erbärmlich aussah, denn der König zu Assyrien zog herauf gegen alle festen Städte in Juda und gewann sie, und war nun im Begriff, Jerusalem selbst einzunehmen. Jetzt war aber auch des Herrn nun gekommen, wo er sich aufmachen und sich in seiner rettenden und helfenden Kraft herrlich erweisen wollte, wie er auch auf eine wundervolle Weise tat.
Weil nun Zion die Bezeichnung des Volkes Gottes ist, so möchte man denken, dieser Name Zion müsse etwas sehr herrliches bedeuten. Das tut er aber nicht. Er bedeutet vielmehr einen dürren Ort, und so drückt sich denn ein vornehmes Glied von Zion auch so aus, dass es sagt: all mein Heil und Tun ist, dass nichts wächst, und betet: erquicke dein Erbe, das dürre ist, mit einem gnädigen Regen, der auch verheißen ist.
Dies Zion nun, diese auserwählte Gemeine, kann in große Umstände geraten, ist schon oft darin gewesen und befindet sich offenbar noch darin, ja in unserer Zeit wohl in ganz besonders hohem Maße. Die Schicksale Zions werden, was das Ganze und Große betrifft, in der Kirchen-Geschichte gemeldet, und was sich im Ganzen und Großen ereignet, kann sich auch an einzelnen Gliedern Zions zeigen, wie es auch tut.
In besonderen Umständen befand sich Zion in der Zeit, die man das Mittelalter zu nennen pflegt, etwa tausend Jahre nach Christo die Zeit, wo sich insbesondere das Papsttum in seiner selbst Königen und Kaisern furchtbaren Macht entwickelte. Von christlicher Erkenntnis blieb wenig oder gar nichts übrig, da es sogar Priester gab, die nicht einmal lesen konnten, ja das Gebet des Herrn und den Glauben nicht einmal wussten. Wie musste es denn ums gemeine Volk aussehen, zumal da es als Grundsatz angenommen war, die Unwissenheit sei die Mutter des Glaubens. Das Volk wurde mit einer zahllosen Menge leerer Zeremonien und eitler Gepränge abgespeist, und das Abwarten derselben für den Weg zur Seligkeit ausgegeben, wodurch man sich Vergebung der Sünde und ewiges Leben erwerbe. Wahre Gottseligkeit war so wenig anzutreffen, dass sich wenigstens die deutsche Nation bewogen fand, hunderte Beschwerden einzugeben, und eine Verbesserung in Haupt und Gliedern verlangte, worunter der Papst und die geringere Geistlichkeit verstanden wurde. Die Beschwerdeführung wurde zwar als gegründet anerkannt, Besserung versprochen, es blieb aber alles beim Alten und ward noch schlimmer. Doch ließ Gott auch in dieser finsteren Zeit den Weibssamen nicht gar untergehen, wenn er gleich fast gar nicht merkbar war. Teils blieben doch noch einige in den einsamen Mauern der Klöster erhalten, die wie Tauben auf dürren Zweigen girrten. Eine dieser Turteltauben ließ ihre Stimme laut werden - der bekannte Thomas a Kempis strahlte wie ein Johanniswürmchen einiges liebliche Licht aus. Teils erweckte Gott noch vor ihm einen würdigen Bischof von Turin, Namens Claudius, der mit einer helleren Erkenntnis eine geläuterte Gottseligkeit verknüpfte, aber auch, da er Anhänger fand, bald Verfolgung erfuhr. Aber dieser sein Anhang bildete gleichsam in dem verfinsterten Mond der Kirche einen lieblichen Lichtstreifen, woran sich das Auge erquickt, wenn er sich auch in den Tälern Piemonts verstecken musste. Manche einzelne Seelen außer den Klöstern fanden zwischen sich und der Vollkommenheit einen solchen unermesslichen Abstand, dass sie sich innerlich in die Klasse des Zöllners verwiesen fanden, der von ferne stand, seine Augen nicht aufheben wollte gen Himmel, sondern an seine Brust schlug und sprach: Gott sei mir Sünder gnädig! und gerechtfertigt hinabgingen vor jenen, die mit der Menge ihrer Verdienste beladen, kein anderes zugerechnetes Verdienst brauchen konnten, noch wollten. Da sah es also betrübt um Zion aus und man vernahm das Geschrei: du wollest dich auf aufmachen, Herr, und über Zion erbarmen, denn deine Knechte lieben seine Steine und haben Mitleid mit seinem Staub.
Aber diese Bitte dringe sich rechtschaffenen Seelen auch in Beziehung auf die gegenwärtige Lage Zions sehr nachdrücklich auf. Und diese Lage ist wohl noch bedenklicher, als man glaubt, wie vieles das von auch in die Erscheinung tritt. Das eigentliche liegt aber noch im Hintergrunde versteckt. Rechtgläubigkeit ist im Ganzen nicht mehr da, wiewohl die Zeit, wo sie noch allgemein und herrschend war, auch des Jammers viel hatte, und bei aller strengen Rechtgläubigkeit fehlte es doch an dem inneren Leben und der wirklichen Erfahrung. Jetzt aber ist es so weit gekommen, dass man sagen muss, die Rechtgläubigkeit ist so sehr verschwunden, dass es ganze Gegenden gibt, wo man nichts mehr davon weiß, auch nichts mehr davon wissen mag, und wenn sie dennoch sich hören lässt, wie es doch in diesen Tagen in einigen Hauptstädten geschah, sie als etwas Neues anstaunt und als etwas ganz und gar Unrichtiges verwirft und zu rückweist. Die symbolischen Bücher, worin jede Konfession ihren Glauben darlegt, sind vergessen und abgewiesen und selbst die unterscheidenden Namen von Lutherisch und Reformirt geraten in Vergessenheit, wie sie denn auch im Ganzen keine Bedeutung mehr haben. Mit der Zeit geht alles durch, nur das echt christliche und evangelische nicht. Die Reformirten sind nicht mehr reformirt, und die Lutheraner nicht mehr lutherisch, und zwar aus beklagenswürdigen Ursachen, nicht aber, dass sie eins wären in Erkenntnis und Bekenntnis der Wahrheit. Eine große Not lastet gegenwärtig auf Zion. Es gleicht einem einsamen Sperlinge auf dem Dache und ist wie eine verlassene Hütte im Kürbisgarten. Das Leben, wie es jetzt in der sogenannten Christenheit stattfindet, kann man nicht betrachten, ohne es zu schellen. Freilich gibt es, wie in der Rechtgläubigkeit, so auch in der Gottseligkeit, einzelne glückliche Ausnahmen, wofür man Gott zu danken hat. Sonst steht es in der Tat so, wie es Hosea 4, 1. 2. heißt: Gott hat Ursache zu schelten die Leute, die im Lande wohnen, denn es ist keine Treue, keine Liebe, kein Wort Gottes im Lande, sondern Gotteslästern, Lügen, Morden, Stehlen und Ehebrechen hat überhandgenommen und kommt eine Blutschuld nach der andern, doch darf man nicht schelten, noch jemand tadeln. Ist das nicht unsere Zeit geschildert? Darf man sich unterstehen, sie zu tadeln und ihr Tun und Treiben zu missbilligen? Es ist nicht ratsam und bringt Schimpf und Hass. Unsere Zeit zeichnet sich aus in Vergnügungssucht. Es herrscht eine ungemeine Frivolität in jeder Hinsicht, besonders in Sachen der Religion, des Gewissens, der Seligkeit. Man spricht über diese Dinge von der allerhöchsten Wichtigkeit mit unbegreiflichem Leichtsinn, und unbärtige Knaben machen sich kein Bedenken daraus, den ergrauten Weisen, ja der Heiligen Schrift selbst keck zu widersprechen; als ob sie es besser wüssten. Ich mache mir daraus keine Sünde, sprechen sie, als ob kein anderer ihnen darein reden dürfte, auch Gott selber nicht, sondern als ob jeder sein eigener Gesetzgeber wäre. Wehe ihnen, wenn sie am Ende an sich selbst erfahren müssen, wie es ihnen dabei ergeht, inne werden müssen, dass es nur einen einigen Gesetzgeber gibt, der selig machen und verdammen kann, Jer. 4, 12. Ein Glück und Trost ist es, dass sich doch Gott selbst nach Zephanja 3 ein armes, geringes Volk will übrig bleiben lassen, die auf seinen Namen hoffen; dass er uns Samen lässt übrigbleiben, sonst würden wir sein wie Sodom und Gomorrha. Gibt es Zeiten, wo selbst ein Elias meint, er sei allein übrig blieben, so kann das allsehende Auge des Herrn ihrer doch noch sieben Tausend finden, wovon sein Prophet nichts weiß. Treffen wir ganze Gegenden an, wo uns kein Prediger der Gerechtigkeit und kein lebendiger Christ bekannt ist, so wendet sich unser betrübter Blick in andere Gegenden, wo er erquickt wird. Und besonders werden wir zu der Bitte gedrängt: du wollest dich aufmachen, Herr, und dich über Zion erbarmen, denn deine Knechte lieben seine Steine und haben Mitleid mit seinem Staub; denn es ist Zeit und die Stunde ist gekommen. Dies Letztere ist eine Äußerung, die nicht geschöpft ist aus der Erkenntnis des göttlichen Ratschlusses, sondern vielmehr aus der Bedrängnis Zions, das wie in den letzten Zügen liegt, wenn ihm nicht bald Hilfe geschieht. Freilich, von eigentlichen Verfolgungen mit Feuer und Schwert hat man seit vielen Jahren nirgends mehr etwas gehört, außer was unter der vorigen Herrschaft in Frankreich wider die Reformirten unternommen und vorbereitet, aber durch den Sturz derselbigen Herrscherfamilie vereitelt wurde. Aber was Augustinus von seiner Zeit sagte: sonst verfolgte man uns mit dem Schwert, jetzt aber mit Drachen, womit er die Irrlehre meinte, die sich in dem Schoße der Christenheit selbst hervor taten - findet seine Anwendung auch auf die Gegenwart. Der freie Wille steht überall vorne an, um die Stelle der Gnade, des Heiligen Geistes, Christi und seines Verdienstes an sich zu reißen, und es gelingt sehr wohl. Was man nicht durch Gründe ausrichten kann, versucht man durch gröbere oder feinere Lästerungen, nach dem Grundsatz: lästere kühn, es bleibt doch etwas kleben. Man behält manches Christliche bei, um anderes desto sicherer zu bestreiten. Man macht vielleicht ein Geräusch von Tugenden und Pflichten, indem es im Grunde darauf abgesehen ist, sie ihrer Wurzel, das ist des Glaubens, zu berauben. Satan ist ohne Zweifel dann am gefährlichsten, wenn er sich stellt als ein Engel des Lichts, und sein Diener, wenn sie sich verstellen in Prediger der Gerechtigkeit. 2. Korinther 11, 15. Alles, was uns von Christo abführt, und hätte es einen noch so schönen Schein, ist seelenverderblich und darauf ist es eben angelegt. Christus ist ja unser Leben und alles in ihm, was zu unserer Seligkeit und Heiligung erforderlich ist, und das richtige Verhalten besteht darin, durch wahren Glauben daran Teil zu nehmen.
Der Herr macht sich aber zum Bau Zions auf, wenn er sein Wort reich und lauter predigen lässt, und es mit der Wirkung des Heiligen Geistes begleitet, so dass dadurch viele Menschen zu Gott in Christo gezogen werden. So hat Gott von Zeit zu Zeit dem Verderben durch einzelne Männer gesteuert, die er mit Mut, Kraft und Weisheit ausgerüstet an die Spitze stellte, wie z. B. den ehrwürdigen Augustinus, den die Irrlehren des Pelagius von der eigenen Kraft des natürlichen Menschen veranlassten, über Sünde und Gnade nachzudenken, wodurch die gesamte Kirche einen sehr heilsamen Stoß bekam und eine neue Ausgießung des Heiligen Geistes erfuhr, die lange nachwirkte, bis auf diesen Tag. Zur Zeit des größten Verfalls erweckte Gott einen Kaufmann in Lyon, Namens Waldo, dass er die Heilige Schrift in die Sprache des Volks übersetzte und dadurch eine große Erweckung veranlasste, wovon die Spuren noch heutzutage in den Tälern Piemonts in Italien angetroffen werden, wiewohl sie im Jahre 1545 ganz und gar ausgerottet zu sein schienen. Doch daran reihte sich Luthers unzerstörbare Wirksamkeit an, um so bewundernswerter, da derselbe ein so nichts bedeutendes Werkzeug zu sein schien, dass der Papst ihn gar nicht fürchtete, bis es zu spät war und sich schon festgesetzt hatte. Von der späteren Wirksamkeit Speners und seiner Freunde will ich nicht reden, da viel Beklagenswertes mit unterlief, und sie in ihrem Eifer für ein tätiges Christentum unleugbar nicht besonnen genug verfuhren, indem sie die Rechtgläubigen und die symbolischen Bücher zu verächtlich behandelten, und ihnen die gebührende Achtung entzogen, wodurch sie ohne es zu wollen - wie man jetzt der Moralpredigt und dem Rationalismus redet - Tür und Tor öffneten. Da fing man an, schon von Antiquierung, das ist Abschaffung des Christentums, zu reden, und es sah sich so an, als würde man damit bald fertig sein. Einzelne Schriften setzten sich aber mit wenig Erfolg dawider, z. B. die achtbaren Bücher: „Schrift und Vernunft“ und: „die Bibel, ein Werk der göttlichen Weisheit.“ Wer sich sonst erbauen wollte, musste sich nach den älteren Schriften umsehen, und wenn noch hier und da ein einzelner Diener Hiobs übrig war, so hatte er Ursache zu sagen: ich bin allein entronnen. Was den gegenwärtigen Zustand der Kirche Gottes betrifft, so halte ich dafür, dass wir vieles zu fürchten und noch mehr zu hoffen haben, jenes in der Nähe, dieses in der Ferne. Zion hat viel zu fürchten. Jedoch sagt der Herr: wenn ihr dies alles seht, so hebt eure Häupter in die Höhe und wisst, dass eure Erlösung naht. Fürchtet euch nicht. Kein Haar soll euch gekrümmt werden. Aber die Schrift redet doch von Bedrängnissen, worin Zion geraten wird, die bisher in der Art noch nicht gewesen sind, Zeiten, wo, wenn es möglich wäre, auch die Auserwählten verführt würden; Zeiten, wo kein Mensch selig würde, wenn diese Tage nicht verkürzet würden; Zeiten, wo sich Außerordentliches ereignen wird in satanischen Zeichnen, Wundern und Kräften, zu verführen alle, die auf Erden wohnen, deren Namen nicht geschrieben stehen in dem Buche des Lebens; Zeiten, wo eine einzelne Person oder eine Korporation, die der Antichrist, der Mensch der Sünde, der falsche Prophet, das Tier aus dem Abgrunde, der Gesetzlose genannt wird, mit großer Kraft auftreten werde, die Zeiten des Abfalls von Gott und Christo und der Anbetung eines fremden Gottes. Diese Zeiten sind in ihrer gänzlichen Ausbildung bisher nicht gewesen, also noch zu erwarten und können nicht mehr ferne sein, wie aus manchen Zeichen zu schließen ist. Was ich aber euch sage, sage ich Allen: wacht! Markus 13, 37. Selig ist, der da wacht und hält seine Kleider, dass er nicht bloß wandle und man nicht seine Schande sehe, Offenb. 16, 15. Jedoch nach dieser finsteren Nacht wird ein herrlicherer Tag anbrechen, als man ihn noch bisher hatte. Die herrlichsten Hoffnungen öffnen sich uns in nicht gar weiter Ferne. Zion wird in einer Herrlichkeit strahlen, wie bisher noch nie. Dem Herrn werden Kinder geboren werden, wie der Tau aus der Morgenröte. Die Erde wird voll sein von Erkenntnis des Herrn, wie Wasser, das das Meer bedeckt. Die Heiligen werden nichts zu wünschen übrig lassen, und sie werden grünen wie die Palmbäume. Mit reichem Trost werden sie über- und durchströmt werden, und alles Volk wird jauchzen. Dann wird Zion heißen: meine Lust an ihr, und Gott wird seine großen Verheißungen erfüllen. Geduld aber ist auch not, damit ihr den Willen Gottes tut, und die Verheißung empfangt. Ja, bemerken wir nicht schon manche unverkennbare, liebliche Anbahnung zu dieser Herrlichkeit, wenn wir nicht ungerecht gegen die Gegenwart und undankbar gegen Gott sein wollen? Hören wir nicht sogar von Predigern, die bekehrt werden, da die Prediger doch diejenigen sind, deren Bekehrung die meiste Schwierigkeit hat? Welch' ein erstaunlich und erfreulicher Unterschied macht sich bemerklich, wenn ich nur zwanzig Jahre zurück gehe und das Damals und Jetzt vergleiche. Wie manche Stadt muss es jetzt leiden, dass das Evangelium in ihren Mauern gepredigt wird, das nach ihrem eigenen Geständnis seit fünfzig Jahren daselbst nicht verkündigt worden. Welche liebliche Wirkung hat die Bibelverbreitung und andere merkwürdige Anstalten unserer Zeit. Man sei nicht argwöhnig und gehe nicht zu weit im Misstrauen, so sieht man in der mangelhaften Bestrebung der Gegenwart wohl Anbahnung zu größeren und gesegneten Erfolgen für die Zukunft.
Gegenwärtig liegt es allen Knechten Gottes nahe am Herzen, was unser Spruch in den Worten ausdrückt: der Herr wolle sich aufmachen und über Zion erbarmen. Ein jeder sehe aber dabei auf sich selbst, damit er nicht andern predige und selbst verwerflich werde. Nach Außen wirken heißt doch nur eine Lampe schmücken; die Hauptsache aber ist das verborgene Öl, das sie brennen macht.
Es gibt auch ein Zion. Viele kennen es gar nicht; viele feinden es an, viele lästern und schmähen es und reden allerlei Übles wider dasselbe: viele suchen ihm allen möglichen Abbruch zu tun. Aber es ist fest begründet. Auf diesen Felsen, der Christus selbst ist, baut er seine Gemeine so, dass die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden. Wer auf diesen Felsen fällt, der wird zerbrechen und auf wen er fällt, der wird zermalmet werden, ist also auf jeden Fall verloren.
Wohl aber allen, die in und für Zion geboren worden. Geht's denn auch mit dieser Geburt, wie mit einer sonstigen, wie Christus sagt: ein Weib, wenn sie gebiert, so hat sie Traurigkeit, denn ihre Stunde ist gekommen; wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst, um der Freude willen, dass der Mensch zur Welt geboren ist. Wohl dem, der diese geistlichen Geburtswehen erfährt, samt der Freude danach.
Herr, du wollest dich denn über Zion erbarmen, denn es ist Zeit, dass du ihr gnädig seiest und die Stunde ist gekommen. Amen.