Krummacher, Gottfried Daniel - Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan - Zweiundachtzigste Predigt (Aufteilung des Landes).

Eingang.

Unlängst haben wir die Betrachtung eines höchst merkwürdigen Abschnitts in der Reise der Kinder Israel durch die Wüste nach Kanaan beendigt. Es war dies die Begebenheit mit dem falschen Propheten Bileam. Eine höchst bedeutsame Geschichte, eine Geschichte, die sich nochmals erneuern wird und zwar in kurzem, eine schwere Versuchung Israels, und zwar die letzte, kurz vor dem Übergang Israels über den Jordan, in seiner Einführung in den Besitz des gelobten Landes. Bileam ist mit den Feinden Gottes erschlagen und das Netz zerrissen. Es sind noch einige wenige Lagerstätten, nämlich drei oder vier, so sind die vierzig Jahre herum, so sind sie da. Besonders ereignet sich nichts mehr als der wichtige Tod Mosis, an dessen Stelle Josua tritt.

Ehe wir aber zur Betrachtung dieser wichtigen Begebenheit und der noch übrigen Lagerstätten übergehen, lade ich euch zu einer Zwischenbetrachtung ein. Auf göttlichen Befehl wurden nämlich zwölf Männer erkannt, die damit beauftragt wurden, das Land Kanaan unter die elf Stämme zu verteilen. Elf sage ich, denn Levi sollte mit den übrigen nicht erben, sondern der Herr selbst wollte dessen Erbteil sein. Ich lade euch denn ein, zur Erwägung der Namen dieser zwölf Fürsten, deren Bedeutung lehrreich und erbaulich ist.

Diese Namen finden wir im Text verzeichnet.

Text: 4. Buch Mosis 34, 16-29.

Und der Herr redete mit Mose, und sprach: Das sind die Namen der Männer, die das Land unter euch teilen sollen: Der Priester Eleasar, und Josua, der Sohn Nun. Dazu sollt ihr nehmen eines jeglichen Stammes Fürsten, das Land auszuteilen. Und das sind der Männer Namen: Caleb, der Sohn Jephunne, des Stamms Juda; Semuel, der Sohn Ammihuds, des Stamms Simeon; Elidad, der Sohn Chislons, des Stamins Benjamin; Buki, der Sohn Jagli, Fürst des Stamms der Kinder Dan; Haniel, der Sohn Ephods, Fürst des Stamms der Kinder Manasse, von den Kindern Josephs; Kemuel, der Sohn Siphtans, Fürst des Stamms der Kinder Ephraim; Elizaphan, der Sohn Parnachs, Fürst des Stamms der Kinder Sebulon; Paltiel, der Sohn Asans, Fürst des Stamms der Kinder Isaschar; Ahihud, der Sohn Selomi, Fürst des Stamms der Kinder Asser; Pedahel, der Sohn Ammihuds, Fürst des Stamms der Kinder Naphtali. Dies sind die, denen der Herr gebot, dass sie den Kindern Israel Erbe austeilten im Lande Kanaan.

Ich habe euch da ein Namenregister und viel Hebräisches vorgelesen. Ihr seid das an mir nicht ungewohnt, und so traue ich, dass ihr's mit eurer gewohnten Freundlichkeit und Güte aufnehmen werdet.

Die Kinder Israel sind nun nahe an Kanaan gekommen und fangen an, sich zum wirklichen Einzug in das verheißene Land und dessen Besitznahme bereit zu machen. Gott der Herr bestimmte nun vorher die Männer, die das Land unter die Stämme verteilen sollten, und nannte sie mit Namen. Ich forschte nun nach der Bedeutung der Namen dieser Männer, und siehe, ich fand, dass die Verteilung des himmlischen Kanaans noch immer den Nämlichen anvertraut ist. Das war mir merkwürdig, und ich wollte das Gefundene euch, meine Geliebten, gerne mitteilen, wie ich vertraue, dass ihr es gerne annehmt. Also wollte ich reden von den bedeutsamen Namen der Männer, welche das irdische Land Kanaan verteilten als Abbildung dessen, wodurch jemand zum Besitz des himmlischen Kanaans gelangt. Zuerst wollte ich die beiden Hauptpersonen betrachten, nämlich den Priester Eleasar und den Josua, und alsdann die zehn übrigen Männer, und zwar in alphabetischer Folge. Unter Kanaan meinen wir also das himmlische, nicht das irdische Kanaan, und die benannten Personen betrachten wir als die Mittel und Wege, die uns dahin leiten.

Indem wir nun zuvörderst die beiden Hauptpersonen hervorheben, machen wir die wichtige Bemerkung, dass Moses nicht zu denen gehört, die mit der Verteilung des verheißenen Landes beauftragt sind, denn dass durch das Gesetz niemand gerecht wird, ist offenbar, denn der Gerechte wird seines Glaubens leben, das Gesetz ist aber nicht. des Glaubens, sondern des Tuns, Galater 3, 11. Wer da meint, auf dem Wege des Tuns, der Rechtschaffenheit, Treue und Tugend das himmlische Erbe zu erringen, der ist irre, ganz irre, obschon er nicht anders meint, als er habe recht, vollkommen recht, allein recht. Das Gesetz oder Moses aber fordert wohl, und was es fordert, ist heilig, recht und gut; aber anders tut's auch nichts als fordern, und es ist kein Gesetz, das da könnte lebendig machen, Vers 21, das Lust und Kraft zum Guten gäbe: so käme die Gerechtigkeit wahrhaftig aus dem Gesetz, so könnte man sich das Recht, an Kanaan Teil zu nehmen, wirklich selbst erwerben, ohne etwas anders als Mosen zu brauchen. Das Gesetz macht aber so wenig lebendig, dass es vielmehr tötet und zwar nicht die Sünde, dass ja etwas sehr Erwünschtes wäre, sondern es ist deren Kraft, sie wird durch dasselbe lebendig und überaus fündig. Sein Hauptnutzen besteht erstens darin, dass aus demselben Erkenntnis der Sünde kommt, denn die Sünde erkannte ich nicht, ohne durch das Gesetz, Römer 7, 7; zweitens, dass es uns die Unentbehrlichkeit Jesu Christi lehrt, wie wir ohne ihn unmöglich zurecht kommen können. Ach, ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes? und drittens, dass es ein Zuchtmeister, ein Pädagoge, ein Erzieher zu Christo ist, und viertens, dass es den Menschen unter Schloss und Riegel legt, bis er mündig wird. Das Gesetz kann nichts und tat nichts als verdammen, als verfluchen, schon auf etwas Geringes, auf ein Einzelnes hin. Deswegen konnte Moses selbst nicht einmal in Kanaan kommen, obschon er im ganzen Hause Gottes treu erfunden war, wie viel weniger konnte und kann er jemand anders hineinbringen. Unter ihm musste alles sterben; sein Amt ist ein Amt des Todes und vom Gesetz erlöst sein, ist eine unaussprechliche Wohltat. Moses ist ein wichtiges Gleichnis. Das Gesetz ist durch ihn, aber Gnade und Wahrheit ist durch jemand anders geworden. Wisst, lernet und versteht demnach, dass eigene Bemühungen so wenig zum Ziel führen, dass jener die Wahrheit sagt, wenn er spricht: Was ist unser eigenes Können, unser Wollen und Bemühen; es heißt ihm den Weg verrennen usw.

Wer ist aber weise, der solches versteht. Seht denn auch in diesem Umstande, dass Moses unter diese Männer gar nicht gezählt wurde, die Zartheit des Evangelii; dieselbe Zartheit und Lauterkeit des Evangelii werdet ihr auch in allen den vierzehn Namen fühlen, die hier vorkommen.

Von den beiden Hauptpersonen, die mit der Verteilung des Landes Kanaan beauftragt sind, bemerken wir zuerst den Priester Eleasar. Höchst merkwürdig muss es uns sein, wie tief damit von vorne herein und gleich anfangs in das Evangelium hinein gegriffen wird, dass der Priester zu allererst genannt wird und den Vortritt hat. Wie könnte es dem Evangelium nach auch anders sein? Wie können wir einen Anteil an dem himmlischen Kanaan erlangen, als nur durch einen Priester, als nur durch seine Versöhnung, als nur durch sein Blut, als nur durch seinen Tod? nur darum, weil und wenn wir Gott versöhnt sind durch den Tod seines Sohnes. Wie sinnreich, wie mit dem ganzen Wort Gottes im Einklang steht denn der Priester vorne an, der überhaupt von nun an eine wichtigere Rolle spielt wie bisher. Moses geht unter, das Gestirn des Priesters verklärt sich. Josua und der Priester gehören zusammen, die Herrlichkeit Mosis senkt sich auf Josua und der Priester fragt Gott für ihn. Er hat uns versöhnt, dass uns Gott sein' Huld gönnet ist es. Es geht alles durch die Hand des Priesters. Auf ihm lag des Volkes Sünde, er versöhnte sie auf einmal und vollkommen. Sein Opfer, seine Fürbitte, die sind es, die uns durchbringen. Um seinet-, ja um seinetwillen tilgt er unsre Sünde und gedenkt er unserer Missetat nicht. Dieweil wir denn nun einen so großen Hohenpriester haben, Jesum, den Sohn Gottes, der gen Himmel gefahren ist, so lasst uns hinzutreten mit Freudigkeit zum Gnadenthron, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden, auf die Zeit, wann uns Hilfe not sein wird, Hebr. 4, 16. Niemand gelangt zum Besitz des himmlischen Kanaans, als durch das Blut Jesu, und so haben wir Freudigkeit zum Eingang in das Heilige durch dasselbe, welchen er uns zubereitet hat zum neuen und lebendigen Wege, durch den Vorhang, das ist durch sein Fleisch; denn wir haben einen Hohenpriester über das Haus Gottes. Kap. 10, 20. O! merken wir uns das wohl.

Mosis Opfer sind vernichtet, Da ich nun vollendet bin.
Einer hat's auf sich genommen, Einer bringt sich für uns dar,
Der, auf den beim Dienst der Frommen Schon vorlängst gedeutet war.

So merkwürdig das Amt, ist auch der Name dieses Mannes, der mit der Austeilung des Landes Kanaan, wie zum Vorbilde, beauftragt ist. Er heißt Eleasar, zu Deutsch: Des starken Gottes Hilfe oder Heil, wie das Wort denn unter andern Hosea 13 gebraucht wird: Dein Heil steht allein bei mir. Und ist es nicht so? Wie sollen denn so elende Sünder, wie wir nun einmal sind, wie sollen sie zu dem Besitz Kanaans gelangen, als durch Eleasar, als durch des starken Gottes Heil und Hilfe? Das Ganze ist ja nicht aus euch, sondern Gottes Gabe ist es. Nicht aus den Werken, auf dass sich nicht jemand rühme. Von Gott wird alles abgeleitet, und wo sollte es doch anders herkommen? Alle guten und alle vollkommenen Gaben kommen von oben herab. Die Quelle alles Heils ist die Erwählung vor Grundlegung der Welt; denn welche er zuvor versehen hat, die hat er auch verordnet, auf dass sie gleich sein sollten dem Ebenbilde seines Sohnes, auf dass derselbige der Erstgeborne sei unter vielen Brüdern. Die er verordnet hat, die hat er auch berufen; welche er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; welche er aber hat gerecht gemacht, die hat er auch herrlich gemacht. Durch Jesum Christum hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir sein sollten heilig und unsträflich vor ihm in der Liebe. Eph. 1. Von ihm, durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Gott ist es, der das gute Werk angefangen hat, so dass er Wollen und Vollbringen schafft nach seinem Wohlgefallen, und dem, das nichts ist, ruft, dass es sei, ja der uns lebendig macht samt Christo, da wir tot waren in Sünden, und da der Gott dieser Welt, das ist der Teufel, sein Werk in uns, den Ungläubigen, hatte. So wird er gefunden von solchen, die nicht nach ihm gefragt haben, und es gilt von Allen: Ihr habt mich nicht erwählt, sondern ich habe euch erwählt. Kommt jemand zu ihm wie denn alle tun, die ihm sein Vater gegeben hat so geschieht es dadurch, dass ihn der Vater zieht; sonst kann es niemand. Joh. 6. Nicht nur die endliche Aufnahme in die ewige Herrlichkeit, sondern auch alles und jedes, was zur Tüchtigmachung zum Erbteil der Heiligen im Lichte irgend erforderlich ist, rührt von Ewigkeit von dem Gott her, der unsere starke Hilfe ist. Niemand kann etwas nehmen, es werde ihm denn von oben herab gegeben. Ist das Wollen schon seine Wirkung, was bleibt uns denn für unsere Rechnung und zu unserm Ruhm übrig? was bleibt dafür übrig, wenn wir ohne ihn auch nichts tun können? Werden wir berufen welches doch der erste Anfang des Gnadenwerkes ist: so ist es Gott, der euch berufen hat zu seinem Reich und zu seiner Herrlichkeit. Werden wir gläubig es ist nicht aus euch, sondern Gottes Gabe ist es. Beharren wir in der Gottseligkeit Gott ist es, der uns befestiget und aus seiner Macht werden wir bewahrt durch den Glauben zur Seligkeit. Werden wir gezüchtigt der Vater der Geister ist es, geheiligt ich bin der Herr, der dich heiligt. Getreu ist, der dich gerufen hat, welcher wird es auch tun. Ja, wo ist ein guter Gedanke, wovon es nicht hieße: Der Herr gibt ihn? Wo gibt es Gutes, Großes oder Kleines, was nicht die Überschrift führte: Eleasar, Gottes Hilfe? Was preisen die glückseligen Einwohner des himmlischen Jerusalems anders, als das Blut des Lammes? Herunter deswegen mit allem Eigenen, weg mit allem eigenen Ruhm. Wer sich aber rühmen will, der rühme sich des Herrn.

Begreift denn auch diesen Namen wohl. Führt euch der nicht in Kanaan, so denkt nur ja nicht, dass ihr dahin gelangen könnt und werdet; dieser aber wird euch reichlich darreichen den Eingang in sein Reich. Gedenke denn an mich. Werde dann nur recht schwach, ratlos, elend, ja gar nichts in dir selbst, durch den Herrn wird dir's gelingen. Zu schwach und elend bist du ihm nicht, wenn du ihm gleich wohl noch zu weise, zu stark, zu reich und zu gut sein kannst. Wes sollen wir uns aber trösten? Wir hoffen auf dich.

Der Name der zweiten Hauptperson, welche im Vorbilde den Besitz des Landes Kanaan austeilt, ist Josua. Bisher haben wir weniger von ihm gehört, jetzt wird von ihm mehr die Rede sein und ein ganzes Buch von ihm den Namen führen, so wie der Apostel Hebr. 4 ihn als denjenigen bezeichnet, der Israel zur vorbildlichen Ruhe, durch die Einführung in den Besitz des irdischen Kanaans, als ein Bild des himmlischen, eingeführt. Dieser Josua führt den nämlichen Namen, wie Jesus, und beide Namen haben dieselbe Bedeutung, nämlich Jehova, der Seligmacher. Vorher hieß er einfach Hosea, welches gleichfalls einen Heiland, einen Seligmacher bedeutet. Moses aber änderte seinen Name in Josua um, indem er demselben eine Silbe aus dem göttlichen Namen vorsetzte, anzuzeigen, dass er das Vorbild eines Seligmachers abgebe, der ein Mensch und doch zugleich in der Höhe Gott der Herr sei. In keinem Andern ist nun Heil, und kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden. Selig wird keiner, als den der Herr Jesus selig macht. Sie werden es aber auch alle, denn die diesen Heiland annehmen, haben alles in ihm, was zu ihrer Seligkeit vonnöten ist. Willst du nun auch zum Besitz des himmlischen Kanaans gelangen, so kann und wird es dir nur durch diesen gelingen. Es ist aber je gewisslich wahr und ein teuer wertes Wort, dass Christus Jesus gekommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen. Nun kann und wird und muss es ja wohl geraten; da ein solcher Mann mit unserm Heil beauftragt und ihm diese Sorge anvertraut ist. Werfet denn alle eure Sorgen auf ihn, denn er sorgt für euch. Unter Moses musste alles sterben in der Wüste, unter Josua werden sie alle leben. Eine Zeitlang blieben sie zusammen, zuletzt aber blieb es Josua allein und Moses starb. Wohl uns dieses Josua, der nicht stirbt.

Diese beiden sind die Hauptpersonen. Lasst uns jetzt die Namen der zehn übrigen erwägen, die uns die merkwürdigen und gewissen Gründe vorhalten, wodurch wir zum Besitz der Seligkeit gelangen. Ihr werdet mit Vergnügen den rein evangelischen Geist bemerken, der in allen diesen Namen weht. Der Gnadenbund enthält weder Forderungen noch Drohungen, sondern besteht aus lauter Verheißungen. Dahin lauten auch diese zehn Namen.

Unter dem Buchstaben A. kommt nur ein Name vor, und der heißt: Ahihud, auf Deutsch: mein herrlicher Bruder. Ahi heißt: mein Bruder, und Hud: Herrlichkeit, Schönheit, Majestät, Schmuck. Ein herrlicher Name, eine köstliche Bezeichnung. Ahihud, mein herrlicher Bruder, dem es übertragen, mir zum Besitz des himmlischen Kanaans zu verhelfen. Erwünschter Umstand. Wer wird denn dieser Bruder sein? Wer anders, als derjenige, den der Apostel, Hebr. 2, als einen solchen darstellt, der sich nicht schämt, sie Brüder zu heißen, und spricht: Ich will deinen Namen kund tun meinen Brüdern. Siehe da, ich und die Kinder, welche mir Gott gegeben hat. Wer ist's anders, als der Immanuel, Gott mit uns, Jesus. Diese Benennung Ahi, mein Bruder, deutet auf nahe Verwandtschaft und auf liebende Gesinnung. Auf nahe Verwandtschaft deutet es der Apostel in dem angeführten Kapitel. Sie kommen, sagt er, alle von Einem her, beide, der da heiligt und die da geheiligt werden. Und wie nun die Kinder Fleisch und Blut haben, ist Er es gleichermaßen teilhaftig geworden, auf dass er durch den Tod dem die Macht nähme, der des Todes Gewalt hatte, das ist dem Teufel, und erlöste die, so durch Furcht des Todes im ganzen Leben Knechte sein mussten. Die Verwandtschaft, die zwischen Christo und seiner Gemeine stattfindet, ist teils der Verwandtschaft zwischen Brüdern gleich, teils übertrifft sie sie noch. Brüder haben einen Vater, und so sagt Christus selbst: Gehet hin und verkündiget es meinen Brüdern: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater; und dem gemäß lehrt er uns auch beten: Unser Vater, nämlich Christi und mein Vater. Unser Bekenntnisbuch, der Heidelbergische Katechismus, sagt deswegen auch so gar vortrefflich von der Himmelfahrt Christi, dass wir unser Fleisch im Himmel haben, zu einem gewissen Unterpfand. Unser Fleisch ist vorher verdientermaßen gegeißelt, gekreuzigt, getötet, verurteilt und verdammt, aber auch gerechtfertigt und lebendig gemacht, denn die Verwandtschaft zwischen Christo und der Gemeine ist noch enger, als zwischen Brüdern. Es können zwei Brüder sein, aber in sehr verschiedenen Verhältnissen leben; der eine in höchst glücklichen, der andere in höchst unglücklichen, ohne dass einer an des andern Verhältnissen Teil nimmt oder auch nur nehmen kann; deswegen braucht die Heilige Schrift nicht nur das Bild von Brüdern, sondern von viel genaueren Beziehungen, wie namentlich das von Haupt und Gliedern, ja sie lehrt uns ein gänzliches Eins sein, eine gänzliche Einheit zwischen Christo und der Gemeine, als ein großes und seliges Geheimnis. Auf dass sie alle Eins seien, sagt Christus, Joh. 17. Auf dass sie Eins seien, wie du, Vater, und ich Eins sind. Ich in ihnen, und du in mir, auf dass sie vollkommen seien in Eins. Es ist aber ein zwiefaches Eins sein der Gemeine mit Christo. Erstlich im Gehorsam, im Leiden und Sterben und der darauf folgenden Auferstehung zur Rechtfertigung des Lebens; zweitens in dem lebendigen Geiste, der zugleich in Christo als dem Haupte und in uns als den Gliedern wohnt, und so von einem Geiste wie die Glieder unseres Leibes von einer Seele regieret werden, zu unserer Heiligung und Erneuerung. Die Frucht und Folge von Beiden ist die ewige Herrlichkeit in der vollkommenen Gemeinschaft mit Christo und mit allen seinen Gliedern. Dieses brüderliche Verhältnis deutet zweitens auf liebende Gesinnungen, die Vertrauen erwecken. Sie sind wie Brüder unter einander, sagt man von Personen, zwischen denen ein sonderliches Vertrauen stattfindet. Wie lieblich ist es denn nun, wenn Jesus sich nicht schämt, sie Brüder zu heißen. Freilich könnte er sich unserer wohl schämen. Er hätte wohl Ursache dazu, wie Joseph in Ägypten sich seiner Brüder wohl hätte schämen können, da sie als Viehhirten in Ägypten ein Gräuel waren. Und wenn wir uns gehörig kennen lernen, müssen wir uns ja wirklich unsrer selbst schämen. Aber nein. Er schämt sich derer nicht, die ihm sein Vater gegeben hat, und spricht: Siehe! hier bin ich und die, die du mir gegeben hast; wie sich Joseph seiner Brüder nicht schämte, sondern sie dem König Pharao vorstellte, so wie er ihnen selbst Zutrauen einzuflößen suchte, dass er zu ihnen sagte: Tretet doch her zu mir; ich bin Joseph, euer Bruder; dass er ihnen weinend um den Hals fiel und sie küsste und sprach: Denkt doch nicht, dass ich zürne. Diese Verbrüderung gereicht den angenommenen Brüdern zum größten Vorteil, so wie sie dem Ahihud, dem herrlichen Bruder, die größte Last gebracht hat. Seine Liebe zu ihnen und seine aus Liebe übernommene Verpflichtung gegen sie erforderte es, dass er alle ihre Schuld, die da groß war, übernahm und sie bezahlte, ja, dass er, obwohl er reich ist, doch arm ward um ihretwillen, dass er ganz und gar an ihre Stelle trat, um ihrer Missetat willen sich ließ verwunden, dass er sich ins Gefängnis werfen, ja sich töten ließ, damit sie ausgingen, leben, damit sie frei möchten.

Dieser Bruder führt den Beinamen Hud, ein Wort, das mehrere vortreffliche Bedeutungen hat, die alle etwas Herrliches im Munde führen. Es deutet auf Schönheit, denn er ist und wird den Seelen, die mit ihrem Elende bekannt geworden sind, der Allerschönste, dass sie ausrufen: ja, ich muss, ich muss dich lieben. Es ist lauter Ziemlichkeit an ihm, und gerade einen solchen mussten wir haben, als er ist. Alles, was an ihm ist, ist ganz begehrlich. So, wie er uns von Gott gemacht ist, so passt er sich gerade für uns, als unsere Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung, als derjenige, der es alles tut und uns nichts übrig lässt, der es alles schenkt und hat und ist. Er ist voller Majestät, denn auch diese zeigt das Wort Hud an; voll Majestät als der wahrhaftige Gott und das ewige Leben; voll Majestät, als der glorreiche Überwinder des Satans, der Sünde, des Todes, der Hölle; der Eroberer des himmlischen Kanaans für Schächer und ihres Gleichen, der wie sonst keiner den Namen eines Helden führt. Zeuch einher, du Held. Er ist voll Herrlichkeit. Wie herrlich ist dein Name, du Herrscher in allen Landen. Nicht ist es eine blendende, sondern eine liebliche Herrlichkeit, voll Gnade und Wahrheit. O! welch eine Glückseligkeit, einen solchen Bruder zu haben und denselben: Ahi, meinen Bruder nennen zu dürfen und zu können. Auf eigenen Wert kommt es hierbei nicht an; es ist Sache des Glaubens; der Glaube aber erwächst nur in einem zerknirschten und zerschlagenen Herzen. Das hebräische i, das deutsche mein ist so gering nicht, wie es scheint. Es hängen Welten an diesem i, an diesem mein. Wer es aussprechen kann, dieses i ist und wird selig, ist gerecht, wird geheiligt, wird bewahrt, überwindet die Welt, stirbt nicht, wird nicht gerichtet, ist Jesu naher Anverwandter, hat das ewige Leben. Doch pflegt Joseph nicht gleich damit zu beginnen, dass er sich entdeckt und sagt: ich bin euer Bruder, sondern es geht noch allerlei vorher.

Der Priester Josua, Ahihud, der herrliche und herrlich machende Bruder, bedeutsame Namen lasst uns euch empfohlen sein. O Priester, vertritt und segne uns! o Immanuel, Josua, bringe uns zur Ruhe, schäme dich unser nicht! o Ahihud, erfülle uns mit Vertrauen und Liebe! Amen.

Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/k/krummacher_g.d/krummacher_g_d_wuestenwanderung_predigt_82.txt · Zuletzt geändert:
Public Domain Falls nicht anders bezeichnet, ist der Inhalt dieses Wikis unter der folgenden Lizenz veröffentlicht: Public Domain