Krummacher, Gottfried Daniel - Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan - 71. Predigt (Bileam)

Fortsetzung der abgebrochenen Betrachtung der Weissagung Bileams.1)

Eingang.

Es ist mir merkwürdig, wenn es beim Propheten Habakuk 1, 11 von den siegreichen Chaldäern heißt: Sie werden sich versündigen, indem sie ihre Kraft für ihren Gott halten. Sie begingen also eine subtile Abgötterei mit sich selbst. Ihre Siege, ihre Eroberungen, ihre Waffentaten schrieben sie sich selbst zu. Sie dachten, wir sind die Leute. Sanherib hat es auch so gemacht, der immer sagte: ich, ich, weshalb Gott ihn Jesajas 10 schilt.

Nimmt Gott den Heiden, die ihn nicht kennen, das Selbstvertrauen und den daraus entspringenden Selbstruhm so übel, wie übel wird ers den Vollendeten nehmen, die sein Wort haben und ihn also kennen müssen, wenn sie wie Heiden auf sich selbst vertrauen und von sich selbst rühmen? Strafte er jene Heiden darum, wie sollte er uns ungestraft lassen, wenn wir trotz allen Lichtes in heidnischer Finsternis wandeln?

Nichts ist aber allgemeiner, als dies Selbstvertrauen auf eigene Kraft, Weisheit und Gerechtigkeit. Sie, sie sind die faulen Fundamente der heutzutage in öffentlichem Schwange gehenden Religion. Bei der wahren Religion aber muss - wie uns schon bei unserer Taufe vorgesagt ist - erst alles Vertrauen auf unser eigen Vermögen, Weisheit und Gerechtigkeit aus unserm Herzen genommen werden, ja, wir müssen sogar alles, was in uns ist, ganz und gar verdammen.

Das lautet hart. Das tuts auch. Aber es lautet nicht nur hart, sondern ist in der Erfahrung noch härter. Wir reden hier nicht davon, wenn es in Ungnaden, in Zorn geschieht und also der Mensch nach Leib und Seele zu Grunde geht, sondern wir reden davon, wenn es aus und zu Gnaden geschieht, dass alles Vertrauen auf uns selbst aus unserm Herzen genommen wird. Das geschieht so nicht auf einmal, sondern Gott sendet Schröter über Edom, die den Wein aus einem Fass ins andere gießen, wodurch sein Geruch und Geschmack ganz verändert wird, mit Ezechiel zu reden. Es geschieht zu dem Ende, dass ferne von uns sei uns zu rühmen, ohne allein von dem Kreuz unsers Herrn Jesu Christi.

Dazu segne der Herr die folgende Betrachtung.

Text: 4. Buch Mosis 23, 21. 22.

Man sieht keine Mühe in Jakob, und keine Arbeit in Israel. Der Herr, sein Gott, ist bei ihm, und das Trompeten des Königs unter ihm. Gott hat sie aus Ägypten geführt, seine Freudigkeit ist wie eines Einhorns. Wenn ich jetzt zum dritten Mal die nämlichen Worte Bileams vorlese, so möchte dies wohl einer Entschuldigung und einer Bitte um eure Geduld bedürfen, wenn es bloß Bileams Worte wären. Aber das sind sie nicht. Sie sind Gottes Worte. Die ganze Heilige Schrift ist von Gott eingegeben, kein Stück derselben aber entschiedener, als die Weissagung dieses, übrigens falschen Propheten, der keiner von den heiligen Menschen Gottes war. Diese waren willige Werkzeuge Gottes, mit Ausnahme des Propheten Jonas. Sie sagten das gern und mit Zustimmung ihres Herzens, was Gott ihnen zu sagen eingab, wenn sie es gleich nicht immer vollständig begriffen. Bileam aber musste einmal gezwungen werden, er musste reden, was Gott durch ihn geredet haben wollte, wie ungern und wider Willen er's auch tat. Er hätte gern das Gegenteil von demjenigen gesagt, was er sagte und sagen musste, weil Gott es allmächtig wollte. Es ging ihm einigermaßen, wie es seiner Eselin gegangen war. Sie sprach, weil der Engel sich ihrer Zunge wider ihre Natur bediente, und ebenso sprach Bileam wider seinen Sinn, da er das Gegenteil gesagt hätte. Hier schrie gleichsam ein Stein, wie Christus dort in einem andern Sinne sagte und wie Johannes sprach: Gott kann auch aus diesen Steinen Abraham Kinder erwecken: so erweckte Gott hier aus einem Stein einen Propheten, ohne seine Natur zu ändern! Dies Beispiel ist wohl ohne Gleichen, aber liefert einen wunderbaren Beweis der Allmacht Gottes und seiner Liebe zu seinem Volke.

Die dritte Übersetzung der Worte des 21. Vers, wie sie sich in allen sonstigen Übersetzungen der reformirten Kirche befindet, lautet also: Gott sieht keine Sünde in Jakob, und keine Ungerechtigkeit in Israel. Das ist stark gesprochen, möchte man sagen. Ja, man möchte sagen: Diese Behauptung ist unwahr, und beweist, dass Bileam ein Lügenprophet ist. Aber die Heilige Schrift redet hin und wieder noch ungemein viel stärker in dieser Sache, und was in einem Betracht unwahr ist, kann in einem andern sehr wahr sein, so dass man von der nämlichen Person in einem Betracht sagen kann und muss, sie sei ein Sünder, in einem andern aber, sie sei heilig, wie David Psalm 86, 1 sagt: Erhöre mich, denn ich bin elend und arm. Bewahre meine Seele, denn ich bin heilig. Lasst uns denn darauf merken: 1) Von welchen Personen die Rede ist, 2) was von ihnen gesagt wird, und inwiefern dies von ihnen wahr ist.

Es ist hier nicht überhaupt von den Menschen die Rede. Bileam sagt nicht: O, Moab und Midian, o, Jakob und Israel, sondern er sagt ausschließlich: O, Jakob und Israel! Das bezeichnet ein gewisses Häuflein oder Haufen unter den Menschen. So jagt auch Paulus nicht überhaupt: Wer will beschuldigen? sondern er fragt: Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Ebenso sagt er nicht: Es ist nichts Verdammliches an uns, sondern er sagt: So ist nun nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind. Auch ist hier unter Jakob und Israel nicht das ganze Volk, Haupt für Haupt, gemeint. Denn an ihrer Vielen hatte Gott kein Wohlgefallen. 1. Kor. 10, 5. So sagte Christus auch: Ihr seid rein, aber nicht alle. Ich weiß, welche ich erwählt habe.

Jakob und Israel steht hier vielmehr als ein Vorbild der gesandten, auserwählten Gemeine Jesu Christi, welche er durch seinen Geist und Wort aus dem ganzen menschlichen Geschlecht, in Einigkeit des wahren Glaubens von Anbeginn der Welt bis ans Ende zum ewigen Leben versammelt, schützt und erhält; und aller der Einzelnen, welche lebendige Glieder dieser Gemeinde sind und es ewig bleiben werden. Ist Jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur und hat Anteil an allen Verheißungen, welche in Christo Ja und Amen sind. Es ist hier also auch keineswegs von dem ganzen Haufen die Rede, der zwar den christlichen Namen, aber unchristliche Lehre und Leben führt, teils bloß natürlich, ehrbar und sittlich, teils unwissend, roh, unsittlich und gottlos ist, diesem Unkraut auf dem Acker, worauf aber auch Weizen steht, diesem Haufen Spreu, worunter sich auch Körner finden. Nein, nein. Was nicht durch die enge Pforte eingegangen ist, was nicht mit den Wenigen auf dem schmalen Wege wandelt, das gehört zu den Vielen, die auf dem breiten Wege wandeln. Die Rede ist hier aber einschließlich von Allen und Jeden die in Christo sind, mögen sie noch von ferne auf das Vaterhaus zusteuern und von ferne stehen, mögen sie bußfertig ihre Sünde beweinen und aus aller Macht bestreiten, oder gläubig sich der Vergebung der Sünde und des schon erlangten Sieges in Christo Jesu rühmen, mögen sie dem Grase oder der Ähre gleichen, oder dem vollen Weizen in der Ähre gleichen, in der Anfechtung ächzen oder vor gutem Mute jauchzen - alle wahre Glieder Jesu Christi wer den hierunter dem Namen Jakob und Israel verstanden. Sie sind es, die Gott aus Ägypten erlöst hat. Er ist bei ihm und das Trompeten des Königs unter ihm.

Dies Jakob ist es, in welchem Gott keine Sünde, dies Israel ist es, in welchem er keine Ungerechtigkeit sieht, bei welchem Worte es uns freisteht, das Wörtlein wird, will und kann einzuschalten: er wird, will und kann sie nicht sehen. Dies war's, was Hiob begehrte, wenn er bittet: Herr, du wollest gar nicht Acht haben auf meine Sünde, und wovon David sagt: So du, Herr, willst Sünde ansehen - Herr, wer kann bestehen? Und abermals Hiob: Du siehst mich an, darüber vergehe ich.

Die Worte: er sieht in Jakob keine Sünde, sind nicht so zu verstehen, als ob wirklich keine Sünde in Jakob vorhanden gewesen wäre, sie also auch nicht hätte gesehen werden können. Das wissen wir besser. Zwei Hauptleute aus dem Heereslager haben wir gehört. Lasst uns andere Fürsten aus demselben Lager vernehmen und uns bei ihnen nach ihrer Unsündlichkeit erkundigen. Jesaja, der große Prophet, sei der erste. Wehe mir, ich vergehe! hören wir ihn aus. rufen. Und warum denn? denn ich bin unreiner Lippen. Und nachher ruft er: Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünden willen zerschlagen. Er zählt sich also selber unter die Missetäter und Sünder. Daniel, den der Engel „du lieber Daniel“ nennt, sei der andere. Hört ihn sagen: Wir haben gesündigt und liegen vor dir nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. Drei Helden des neuen Testaments mögen das Verhör schließen. Paulus, wenn er sagt: In mir, d. i. in meinem Fleisch wohnt nichts Gutes. Johannes, wenn er schreibt: So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns, und Jakobus in seinen bekannten Worten: Wir fehlen alle mannigfaltig. Das ist jedoch wahr, Gott sieht in Jakob deswegen manche Sünde nicht, weil sie wirklich nicht in demselben vorhanden ist. In Jakob sind z. B. keine herrschende Sünden, die jemand fortwährend begeht, und worin er freiwillig steckt, ohne davon frei werden zu wollen; keine Unbußfertigkeit, die sich nicht will sagen lassen, keine Blindheit, die sich für sehend hält, kein Stolz, der meint, er sei sich selbst genug, keine Weltlichkeit, die den Bauch zum Gott macht und Christum und sein Reich verachtet. Dergleichen ist in Jakob nicht. Vielmehr sieht Gott sehr Herrliches in Jakob, nämlich das Blut und den Geist seines Sohnes, womit sie besprengt und wodurch sie ihm angenehm sind, die ersten Zügen seines Ebenbildes und die Wurzel aller Tugenden. Dennoch sieht Gott Sünde, ja, er sieht nichts als Sünde in Jakob, jedoch nur als außer Christo betrachtet. Sagt nicht der Apostel: In mir, d. i. in meinem Fleisch wohnt nichts Gutes, und stellt das nicht als einen ehemaligen, sondern noch fortdauernden Stand vor, wiewohl nicht als den herrschenden.

Wie? sagt nicht unser Katechismus in der 60ten Frage: „Auch noch immerdar zu allem Bösen geneigt bin;“ und erklärt er nicht auch unsre besten Werke für unvollkommen und mit Sünden befleckt? Können und wollen wir unsrer Natur nach wohl etwas anderes, als sündigen, und sind nicht selbst die besten Werke oft nichts anders, als glänzende, gefährliche Sünden, weil sie weder aus der rechten Quelle, nämlich der Liebe von reinem Herzen, von gutem Gewissen und ungefärbtem Glauben entspringen, noch den rechten Zweck, nämlich die Ehre Gottes, beabsichtigen? Kurz, in uns selbst sind wir Sünder und nichts als Sünder. Sie sind unrein, die umher liegen. Wer will einen Reinen finden, wo kein Reiner ist? Diejenigen, welche Gott gerecht spricht, sind Gottlose. In ihnen selbst ist der Grund ihrer Rechtfertigung nicht anzutreffen. Und sind sie auch noch so bußfertig so sind sie's doch nur dadurch, dass ihnen Gott Buße gegeben hat zur Vergebung der Sünden. Sind sie noch so gläubig, so sind sie es dadurch, dass Gott ihnen den Geist des Glaubens verliehen hat; sind sie noch so brünstig in der Liebe, so sind sie es dadurch, weil Gott seine Liebe in ihnen ausgegossen hat durch den heil. Geist. Wo ist denn der Ruhm? Er ist aus. Ist ein Abraham durch Werke gerecht geworden, so mag er bei Menschen Ruhm haben, bei Gott hat er ihn nicht. Durch welches Gesetz? Nicht durch das Gesetz der Werke, sondern durch das Gesetz des Glaubens. So bleibe es denn nun also, dass Gott allein gerecht sei, alle Welt aber schuldig, und ist hier kein Unterschied.

Wenn aber Gott durch den Mund eines widerspenstigen Propheten erklärt: er sehe keine Sünde in Jakob, so stimmt dieser Ausspruch mit andern Aussprüchen der Heiligen Schrift vollkommen überein. Deren ist eine so große Menge, dass ich aus dem Alten Testament nur drei anführen will, als da ist: An diesem Tage geschieht eure Versöhnung. Von allen euren Sünden werdet ihr gereinigt, und du bist ein heilig Volk und königliches Priestertum. David: Ich bin heilig. Salomo: Du bist aller Dinge schön, meine Freundin und kein Flecken an dir. Lasst uns aus den neutestamentlichen Schriften bloß vier Stellen anführen. Christus: Ihr seid rein; sein Apostel zu den Korinthern: Ihr seid abgewaschen; zu den nämlichen: Ihr seid gerecht geworden in Christo, und zu den Römern: Ihr seid gerecht worden, und es ist nichts Verdammliches mehr an denen, die in Christo Jesu sind. Überhaupt bedarf es dieser Parallelstellung nicht. Es ist mit dem Einen göttlichen Ausspruch Alles ausgemacht: Er sieht in Jakob keine Sünde. Gott selbst nicht, mögen denn andere sehen, wie sie eben sehen können und vielleicht sollen. Von den Blinden sagt Jesus: Lasst sie fahren.

Dieser Aus- und Urteilsspruch ist freilich ein wunderbarer: Ich sehe in Jakob keine Sünde; da Amos und nach ihm Stephanus dieses Volk also schildert: Habt ihr vom Hause Israel die 40 Jahre in der Wüste mir je Schlachtopfer und Speisopfer dargebracht? Ich meine es sonst. Ihr nahmt die Hütte Malechs an und das Gestirn eures Gottes Remphan, die Bilder, die ihr gemacht hattet, sie anzubeten. Und nun er sieht in Jakob keine Sünde. Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne. Handelt er nach blinder Willkür? Das sei ferne. Ein David heißt ein Mann nach dem Herzen Gottes. Zu einem Schächer spricht Christus: Wahrlich, ich sage dir: heute wirst du mit mir im Paradiese sein. Wie mag solches zugehen?

Dies Wunder hat ein andres Wunder zum Grunde, und zwar ein so großes Wunder, dass dessen Wirkungen eigentlich niemals überraschend sein können, wie herrlich, ja, wie undenkbar sie erscheinen mögen. Wie Wasser in Strömen dem harten Felsen entquellen, so entquellen dem widerspenstigen Propheten Worte, die dies größte aller Wunder und die Quelle aller, Sünder selig machenden Wunder bezeichnen. Entfernter und als Wirkung liegt es in dem Wort: Gott hat sie aus Ägypten geführt, näher und als Ursache in dem merkwürdigen Wort: Der Herr sein Gott ist mit ihm. Lasst sie mich auf Hebräisch sagen: Immanu Jehova! Ich will euch dadurch an das Immanuel des Jesaja und Matthäus erinnern, d. i, verdolmetscht: Gott mit uns, mit andern Worten: Und das Wort ward Fleisch. Jedoch redet Gott durch den Bileam noch kräftiger, als durch den heiligen Propheten Jesaja, denn Immanu-Jehova ist mehr, als Immanu-El, so viel der Name Jehova bedeutsamer ist, als der Name El, der auch wohl Kreaturen beigelegt wird.

Welch eine ganz andere Gestalt gewinnt nun das Volk, wenn wir es in der Beziehung betrachten, wie Jehova mit ihm ist, und zwar, wie Jeremias sagt: Als unsere Gerechtigkeit. Lasst uns nur bedenken, was er denn tat, dieser Gott mit uns; denn dies ist sein Name geworden, und er hat ihn dadurch bekommen, dass er Fleisch, Mensch geworden ist. Von da an konnte man nicht mehr mit unbeschränkter Wahrheit von dem Geschlecht der Menschen sagen: Da ist nicht, der Gutes tue, auch nicht Einer, sondern musste sagen: Als nur Einer. Man konnte nicht mehr sagen: Da ist nicht, der gerecht sei, auch nicht Einer; sondern musste sagen: Als nur Einer, und zwar, wie eine Sonne, die nicht für sich leuchtet, sondern durch ihre Strahlen Alles verherrlicht.

Durch die Menschwerdung bekleidete sich das höchste Gut, Mit unserem armen Fleisch und Blut.

Gibt's nun Kriegsheere, die sich für unüberwindlich halten, so lange sie einen Anführer haben, auf den sie vertrauen, und den sie lieben, wie vielmehr hat die Gemeine Ursache, sich des Einen Herzogs, des Einen Menschen, Jesu Christi, zu rühmen. Er hat sich dadurch, dass er Mensch wurde, aufs Genaueste mit ihr vereinigt, so genau, wie das Haupt mit den Gliedern. Sie kann und soll daher auch nicht anders, als diesem glücklichen Verhältnis gemäß, angesehen, beurteilt und behandelt werden, denn Jehova ist mit ihm, und zwar als Mensch. Sein menschlicher, heiliger Leib nun war bestimmt, das Opfer für unsre Sünden zu sein, und ward es wirklich, da er denselben durch den ewigen Geist unter Gebet und Flehen mit starkem Geschrei Gott opferte. Dies war das große, wirksame, einige Opfer, das von ewiger Gültigkeit und Wirkung ist und worauf alle früheren Opfer hindeuteten.

Damit hat das Lamm so viel getan,
Dass das Volk von seiner Gabe
Sich vollendet nennen kann.

Denn er hat uns dadurch die Gerechtigkeit erworben, darinnen mein Glaube nun ewig prangt. Mit diesem Opfer hat er für ewig alle vollendet, die geheiligt werden, die Missetat versöhnet, die Sünde zugesiegelt und die ewige Gerechtigkeit ans Licht gebracht. Er hat uns also gewaschen mit seinem Blut, dass du aller Dinge schön und kein Flecken an dir ist. Durch sein vergossenes Blut sind wir gerecht worden, ohne Flecken; die Sünde ist aufgehoben, der Tod zunichte gemacht, das Leben herwieder gebracht. Solche Wunder sind durch das Opfer des Jehova Immanu bewirkt worden, Wunder, die unglaublich sein und bleiben würden, wenn nicht der Geist des Glaubens sie glaublich machte. Glaube aber, so hast du es. Glaube, so wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen.

Und seht, dies ist der Grund, der ganze Grund, wovon nie etwas je in eines Menschen Herz gekommen ist, den uns aber Gott offenbart hat durch seinen Geist, auf welchen gestützt, Gott durch den Mund Bileams von der so teuer erkauften Gemeinde preisen lässt: Er sehe keine Sünde in Jakob und keine Ungerechtigkeit in Israel. Es wird ja kaum nötig sein, zu bemerken, dass dies nicht so viel sagen wolle, als stelle Gott es den Erkauften anheim, wie sie es machen, was sie tun, ob sie sündigen wollen, als gebe er ihnen einen Freibrief, ungestraft nach dem Fleisch zu wandeln, er sehe es nicht. Ach! das wäre ja ein Evangelium vom Teufel, das in die unterste Hölle führte. Das wäre ja nicht eine Erlösung, sondern die abscheulichste Sklaverei, kein Evangelium für Kinder Gottes, sondern für Verworfene. Das wäre ja gerade so viel, wie wenn man einem Sklaven Freiheit verhieße und belade ihn danach desto mehr mit Ketten und mühseliger Arbeit, das wäre nichts anders, als eine Lehre des Teufels, der boshaft und arglistig genug ist, hier und da ein solches gottloses Gedicht unter dem köstlichen Namen des Evangeliums diesem und jenem rohen Gemüt als ein tödliches Gift einzustampfen, teils das wahre Evangelium damit zu verunglimpfen. Er sieht aber keine Sünde in Jakob und keine Ungerechtigkeit in Israel, denn er sieht sie in Jesu Christo an, und so ist nichts Verdammliches an ihnen. Er sieht sie nicht, um sie deswegen zu verabscheuen, denn er hat sie lieb; nicht sie ihnen zuzurechnen, denn er hat sie nicht uns, sondern seinem Sohn zugerechnet: nicht sie zu verdammen, denn er ist ein Gott, der gerecht spricht. Ja, weil sie glauben in dem Namen des Sohnes Gottes, achtet und behandelt er sie, die das Jakob und Israel ausmachen, als solche, die nie eine Sünde begangen noch gehabt, ja, als solche, die in eigner Person alles das vollbracht, was Christus für sie geleistet. Er sieht sie als solche an, die, wie Paulus Röm. 7, dasselbige nicht tun, sondern die Sünde, die in ihnen wohnt. Er züchtigt sie, dass sie seine Heiligung erlangen. Er bearbeitet sie durch Gesetz und Evangelium, durch Leid und Freude, durch Nahen zum Herzen und Fernen vom Herzen, durch Trost und Trauer, so dass der alte Mensch verweset, der neue aber von Tag zu Tag erneuert wird, bis endlich alle Gebrechen heilen werden, und die Gestalt Christi völlig in ihnen ausgebildet und selbst ihr Kleid weiß geworden ist, wie der Schnee, dass sie kein Färber auf Erden kann so weiß machen, und ihr Angesicht leuchtet wie die Sonne immer und ewig.

Bileam sagt nun weiter in seinem prophetischen Geheimspruch von Israel: Das Trompeten des Königs ist unter ihm, und beschreibt die Wirkung davon in den Worten: Seine Freude ist wie eines Einhorns. Merkwürdig ist es, dass Bileam des Königs Israel gedenkt, da es doch noch dreihundert Jahre währte, ehe sie einen König bekamen. Aber dieses Volk hatte und hat noch zur Zeit einen unsichtbaren König, und das ist Christus. Derselbe ist ein Gesetzgeber, sein Anführer, sein Schirmherr und sein Reich, der Inbegriff aller Ruhe, Freiheit und Glückseligkeit. Das Trompeten dieses Königs ist die Verkündigung, die Predigt von ihm, die Predigt des Evangeliums unter dem Alten Testament, abgebildet durch ein feierliches Blasen auf silbernen Trompeten am Fest des Blasens. Dieses Blasens auf der Trompete wird sehr oft in den Psalmen gedacht, namentlich im 81.: Blast mit Trompeten am Neumond. Gott hat dieses befohlen zum Zeugnis in Joseph. Es geschah um Neujahr und beim Neumond. Denn siehe, ich mache alles neu. Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht gedenken, noch zu Herzen nehmen wird. Da wird gepredigt das angenehme Jahr des Herrn, der Tag der Rache, zu trösten alle Traurigen. Zu schaffen den Traurigen zu Zion, dass ihnen Schmuck für Asche, und Freudenöl für Traurigkeit, und schöne Kleider für einen betrübten Geist gegeben werden; dass sie genannt werden Bäume der Gerechtigkeit, Pflanzen des Herrn, zum Preise. Die Verkündigung des Evangeliums ist das neue Licht, das die Sonne der Gerechtigkeit sendet; ist die Bekanntmachung des neuen Gnadenjahres, das mit der Erscheinung Christi ins Fleisch und durch die Vollendung seines Sühnopfers herbeigeführt und angebrochen ist, das die Apostel in alle Welt ausriefen und sprachen: Tut Buße und glaubt an das Evangelium, denn die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbei gekommen. Die alten Juden hatten einen schönen und wahren Gedanken von dem Fest des Blasens; dann sagen sie verlässt Gott den Richterstuhl, um sich auf dem Gnadenthron nieder zu lassen, wo wir dann mit Recht sagen können: Er sieht keine Sünde in Jakob und keine Ungerechtigkeit in Israel. Und das ist eben die süße Aufgabe des Evangeliums, Gott in seiner Herrlichkeit, als auf dem Thron der Gnade sitzend, den armen Sündern anzupreisen, damit das Herz der Elenden leben, dass sie auch vor Freude, wie auf Trompeten blasen, und das neue Lied anstimmen: Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen; Christus ist hier, der gerecht spricht. Wer ist denn der König Israel, von welchem der blinde Bileam reden muss, anders als Christus, voller Gnade und Wahrheit, und was ist sein Trompeten anders, als die frohe Botschaft von ihm? Die Worte Bileams können auch so gegeben werden: In Israel ertönt ein königlicher Triumphgesang. Und wirklich findet ja das neue Licht des Evangeliums einen solchen Anklang und lebendigen Wiederhall in der gläubigen Seele, dass sie einen königlichen Triumphgesang erheben und jauchzen kann: Wir haben den Bösewicht überwunden durch des Lammes Blut und überwinden in allem weit, denn es hat überwunden der Löwe aus dem Stamme Juda.

Mit Recht sagt deswegen Bileam: Die Freude Israels ist wie die des Einhorns, und drückt in diesen Worten die volle Wirkung des Evangeliums aus.

Wir lassen uns in keine Untersuchungen über dieses Tier ein, von welchem neuere europäische Reisende berichten, dass sie ein solches in den indischen Waldungen mit Erstaunen an sich hätten vorüber rennen sehen, da man lange geglaubt hat, es gäbe kein Einhorn mehr, welches übrigens auf Hebräisch Reem heißt, ein Wort, das weder auf eins, noch zwei Hörner deutet. Sein wird in der Schrift mehrmals gedacht, namentlich Hiob 39, wo Gott diesen Heiligen fragt: Meinst du, das Reem werde dir dienen? Kannst du ihm dein Joch anknüpfen, dir Furchen zu machen? Kannst du dich auf dasselbe verlassen, weil es so stark ist? Herrlichkeit, Kraft, Freiheit und Freudigkeit sind die Eigenschaften, welche die Schrift ihm beilegt, und wie herrlich klingen Bileams Worte, womit er Israel beschreibt, vollends, wenn wir sie mit der französischen Übersetzung so geben: Der starke Gott, der Israel erlöst hat, ist ihm wie die Kräfte des Einhorns. Ist die gläubige Anerkennung davon nicht ganz geeignet, den königlichen Triumphgesang zu erwecken?

Sich seiner Kraft bewusst, lagert es sich, wo es gerade will. Es fürchtet kein anderes Tier, auch den Löwen nicht, aber alle fürchten es und weichen. Es lässt sich in keine Dienstbarkeit zwängen, sondern verhält sich überall wie ein Herr. Selbst Gift und Schlangenbisse schaden ihm nicht. Seht da das Bild eines Christen in seinem Wesen und so oft Gott will in seinem Bewusstsein. Gott sieht keine Sünde in Jakob und keine Arbeit in Israel. Sein Jehova ist mit ihm und das Trompeten des Königs unter ihm, und ein königlicher Triumphgesang. Der starke Gott hat Israel erlöst und ist ihm wie die Kräfte des Reem. Seine Freudigkeit ist wie die eines Einhorns. Amen.

1)
Die Unordnung in der Reihenfolge dieser Predigten wollte der Leser damit entschuldigen, dass manche Predigten erst nach dem Druck derjenigen, an welche sie sich anschließen, aufgefunden wurden.
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