Krummacher, Gottfried Daniel - Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan - 63. Predigt (Bileam)

Krummacher, Gottfried Daniel - Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan - 63. Predigt (Bileam)

Text: 4. Buch Mosis 24, 5. 6.

Die Zelte Jakobs und die Wohnungen Israels, auch Israel selbst als eine Wohnung, haben wir unlängst betrachtet. Bileam nennt dieselben fein oder gut, und breitet dies unter einigen bildlichen Redensarten weiter aus. Diese beiden Stücke seien der Gegenstand unserer weiteren Betrachtung.

O wie gut sind deine Zelte, o Jakob! deine Wohnungen, o Israel! so ruft der Prophet aus und preist Beide wegen ihrer Güte.

Zelte haben allerdings ihr Beschwerliches; wenigstens sagt der Apostel: Dieweil wir in den Hütten wohnen, sind wir beschwert und sehnen uns nach unserer eigentlichen Behausung, die vom Himmel ist. 2. Kor. 5. Sie sind nur ein Behelf, um einigen Schutz gegen die Strenge der Witterung zu finden. Sie sind eng und fassen nicht viel. Hütten sind Bilder des Lebens eines Christen in der Wüste dieser Welt. Lasst uns von den Beschwerden nicht reden, die damit verknüpft sind, weil jeder Pilger sie in seinem Maße erfährt. Dies Wohnen in Hütten ist doch gut, wenn gleich nicht angenehm. Gut ist's schon deswegen, weil diese Hütten nicht für eine lange Dauer, will geschweigen für den beständigen Aufenthalt bestimmt sind. Bald werden sie abgebrochen, und der Geist wird dann aufgenommen in die ewigen Paläste des himmlischen Jerusalems, das der Christen eigentliche Heimat ist. Sie suchen deswegen, was droben, nicht was auf Erden ist, und haben eine beständige Erinnerung, dass sie hier keine bleibende Statt hat. Das Wohnen in den Hütten ist gut, weil es zu einer nötigen Vorbereitung auf die ewige Heimat dient. Hier werden die Auserwählten wiedergeboren, geübt; hier ist die Schule, worin sie mancherlei lernen, was ihnen dort gut zu statten kommt, was einen wichtigen Teil ihres dort anzustimmenden Lobgesanges ausmachen wird, wo Jeder seine Harfe bringt und sein besonderes Loblied singt. Hier ist ein Übungsort, um mancherlei merkwürdige Erfahrungen zu machen von sich selbst und von Christo, um mancherlei Glaubensproben zu machen, und so klein gemacht zu werden, dass man durch das Nadelöhr der Heilspforte hindurch kann. Wie unhaltbar auch Zelte sein mögen und wie wenig Schutz sie gewähren, so sicher ist doch der Aufenthalt in denselben. Wir tragen zwar den Schatz in irdenen Gefäßen, doch werden sie vor so harten Stößen bewahrt, die sie zerbrechen würden, auf dass die überschwängliche Kraft sei Gottes und nicht von uns. Obschon schwach, sind wir doch stark, und obschon nichts könnend, vermögen wir doch Alles. Mögen die Zelte eng sein und nicht viel fassen, so fassen doch die lebendigen Zelte, wovon wir reden, so viel, dass die Tempel Gottes Tempel des Heiligen Geistes heißen, dass Christus die Hoffnung der Herrlichkeit in ihnen ist, wohnt und wandelt, wenn sie's gleich oft wenig, mitunter gar nicht und durchgängig nur unvollkommen gewahr werden. Sie stehen unter der genauesten Aufsicht und Leitung; denn sie sind nicht wie Ross und Mäuler, denen man Zaum und Gebiss muss ins Maul legen. Die Wolken- und Feuersäule zieht -wenn auch ungesehen - vor ihnen her und der Durchbrecher geht vorne an; ihre Lagerplätze sind genau geordnet, und es fällt kein Haar von ihrem Haupte, ohne den Willen ihres Vaters im Himmel; ja Alles muss ihnen zum Besten dienen. Jesu Schafe hören seine Stimme und folgen ihr. Sie werden freilich abgebrochen, diese Zelte; aber das ist eben das Beste dabei. Das ist das Nämliche, wie wenn sich die Knospe zur Blume entfaltet und die Blume zur Frucht wird, wie wenn das Schiff nach einer stürmischen Fahrt in den Hafen einläuft, und der Soldat nach siegreichem Feldzug ins friedselige väterliche Haus einkehrt. Auch dieser arme Leib wartet großer Hoffnung und hat die Verheißung, dem herrlichen verklärten Leibe Christi gleichförmig gemacht zu werden. So seid denn geduldig, lieben Brüder, wie der Landmann geduldig die Ernte abwartet.

Endlich, endlich muss es doch
Mit der Not ein Ende nehmen;
Endlich bricht das harte Joch,
Endlich schwindet Angst und Grämen;
Endlich muss der Sorgenstein
Auch in Gold verwandelt sein. 1)

Die Armseligkeit eurer Hütte erlaubt euch nicht, euer Vertrauen darauf zu setzen, und übt euch in einer beständigen Abhängigkeit von euerm Herzog. Lernt denn nur gründlich, wie so gar nichts ihr ohne ihn seid; hofft aber desto mehr auf seine Güte, die euch keinen Mangel wird leiden lassen an irgendeinem Guten. Mit Recht nennt also Bileam die Hütten Jakobs, aller ihrer Mühseligkeit ungeachtet, gut.

Dasselbe gilt auch und gilt noch mehr von den Wohnungen Israels. Beziehen sich die Zelte auf die Wüste dieses Lebens, so deuten die Wohnungen mehr auf Kanaan, auf Jerusalem, auf den Himmel. Man möchte auch in den Zelten ein Bild des Alten Testaments finden, das als etwas Überjähriges abgeschafft, wie in den Wohnungen ein Bild des neuen Testaments, das vollkommen und ewig ist. Doch wollen wir dies nicht weiter ausführen.

Wie gut sind deine Wohnungen, o Israel! Das ist in einem kindlich großen Sinne wahr, insofern der ewige Sohn des ewigen Vaters sich aus dem Fleisch und Blut Israels eine ewige Wohnung bereitet hat durch eine persönliche Vereinigung mit demselben, teils um sie als ein Opfer für unsere Sünde am Kreuz zur Versöhnung darzubringen, was er vor 1800 Jahren wirklich vollbracht hat; teils uns sein Fleisch und Blut zur Speise und Trank unserer Seele zum ewigen Leben durch den Glauben mitzuteilen, um uns, die wir sonst des ewigen Todes hätten sterben müssen, mit sich zu vereinigen zur Gerechtigkeit und zum Leben; teils um uns in dem Heiligtum des Himmels zu repräsentieren, vorzustellen und zu vertreten. Dies ist das Fundament unserer ganzen Religion. Wie gut ist dein Wohnen, o Israel! Das ist sehr war, weil du eine Behausung Gottes bist, und darum, dass sein Geist in dir wohnt, musst du auch herrlich sein. O! der Herr segne dich, du Wohnung der Gerechtigkeit, du heiliger Berg! Jer. 31, 23. Bezeichnet mit dem Blut des Lammes, geht der Würgengel ehrerbietig an dir vorüber, und der Geist, der ein Geist Gottes und der Herrlichkeit ist, ruht auf dir. Wie gut ist dein Wohnen, o du Israel Gottes! im Gnadenbunde, wenn du, dem Gesetz getötet durch den Leib Christi, bei diesem, deinem andern Manne bist, der von den Toten auferweckt ist, dass wir Gott Frucht bringen, wenn du, o Israel! vom Gesetz los und ihm abgestorben bist, das dich gefangen hielt, um zu dienen im neuen Wesen des Geistes! O köstlicher Gnadenbund! Wer dich kennt, hat lauter Lust daran, und deine Gebote sind nicht schwer. Ja, durch denselben wandelt sich dein Wohnen in Zelten, dein Reisen und Arbeiten in ein friedsames Anliegen an der reich besetzten königlichen Gnadentafel, auf den sanften Polstern der Verheißungen. Du bereitest mir ein Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl und machst meinen Becher überfließend. Wohlan! Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde ewig bleiben im Hause des Herrn. Ps. 23. Wie fein sind deine Wohnungen, o Israel! dessen eigentliche Wohnung droben ist im Himmel. Daselbst hat Israel seinen Wandel, sein Bürgerrecht, von dannen wir auch warten des Heilandes Jesu Christi des Herrn, welcher unsern Demütigungsleib verklären wird, dass er ähnlich werde seinem verklärten Leibe. Indessen geht's zuweilen kümmerlich genug her. Im Hohenliede ladet der Bräutigam die Braut ein, herein zu gehen, her zu treten von den Wohnungen der Löwen, von den Bergen der Leoparden, wo sicher ein ängstlicher Aufenthalt ist. Doch, je stürmischere Seefahrt, desto angenehmer die sichere Ruhe des Hafens, je heißer der Kampf, desto fröhlicher der Sieg. Noch wandeln wir aber im Glauben, nicht im Schauen.

Müssen wir uns nun über die herrlichen Äußerungen Bileams verwundern, und über Gott, der sich seiner dazu bedient, so müssen wir ja nicht weniger darüber erstaunen, dass dieser Mensch bei solcher Erkenntnis nichts von den herrlichen Dingen begehrt, die er ausspricht. Man sollte sagen, er hätte nicht ruhen können, bis er dem also gepriesenen Volke wäre einverleibt worden. Aber gerade das Gegenteil; er redet so, weil er muss; er redet so ohne Wiedergeburt, ja er hasst und verfolgt das Volk, das er also preist. -Wer hat doch des Herrn Sinn erkannt? Wer kann das menschliche Herz ergründen? Welch ein Bösewicht ist der Mensch, so lange er nicht aus dem Geiste Gottes wiedergeboren ist!

Der Prophet breitet das, was er bis jetzt von Israel gesagt, in einen prächtigen bildlichen Redensarten noch weiter aus. „Wie die Bäche oder Täler sich ausbreiten zwischen den Bergen, wie die Gärten an den Wasserbächen. Der Herr hat sie gepflanzt wie Aloe, wie Zedern an den Flüssen.“ Herrliche Bilder! aber nicht übertrieben, prächtig, aber wahr. Lasst uns ihrem Inhalt ein wenig nachspüren.

Zuerst vergleicht er Israels Stand mit Bächen und Tälern, denn das Wort, das er braucht, bedeutet Beides zugleich. Ein Bach ist ein bequemes Bild von den Kindern Gottes. Bäche sind eine Sammlung von Wasser, und Christen haben von dem lebendigen Wasser getrunken, das in ihnen ein Quell des Wassers geworden, das ins ewige Leben quillt. Sie glauben an den Sohn Gottes, wie die Schrift sagt, und so fließen von ihrem Leibe Ströme des lebendigen Wassers. Das Wasser der Geistesgaben sammelt sich in ihnen, denn „Ich will Wasser gießen auf die Durstigen und Ströme auf die Dürre.“ Bäche haben ihren Ursprung in einigen Quellen, oder stammen her von dem Regen, der vom Himmel kommt. Christen sind nicht aus und durch sich selbst Christen, sondern geschaffen in Christo Jesu. Gott hat uns gemacht, und nicht wir selbst, zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide. Von Oben her sind sie geboren aus Wasser und Geist und haben ihren Ursprung in Gott, bei dem die lebendige Quelle ist. Bäche sind von großem Nutzen und verschönern nicht nur, sondern bereichern auch eine Gegend. Christen sind zuvörderst sich selbst vom größten Nutzen, denn die Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütze, ist ein großer Gewinn. Außer derselben ist lauter Schaden und nichts als Verderben. Sobald Jemand ein Christ wird, wird er glücklich. O! selig bist du, die du geglaubt hast. Und schön wird er, denn Christi Blut und Gerechtigkeit das ist sein Schmuck und Ehrenkleid. Sodann wird der Christ auch Andern zum Vorteil. Wären ihrer zehn in Sodom gefunden, die ganze Stadt und Umgegend wäre verschont worden. Wenn in einem Lande alle Gottesfurcht, Gewissenhaftigkeit und Rechenschaft aufhörte wer könnte, wer möchte da hausen? Gewiss erhöht Gottesfurcht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben. Wie sieht's ohne Gottesfurcht in einzelnen Familien aus? Und ist ihr Mangel nicht eine furchtbare Quelle der Armut, wie aller Schlechtigkeiten? der endlichen Verdammnis nicht zu gedenken! - Auch die Windungen, in welchen Bäche sich fortbewegen, geben uns hauptsächlich zwei Lehren. Dieses Schlängeln ist ein Bild unseres von Natur krummen und verdrehten Herzens, der Schlangenlist und Tücke, die von der Art ist, dass Gott selbst davon sagt: Arglistig und betrüglich ist des Menschen Herz, wer kann's kennen? Ich, der Herr, kann das Herz ergründen und die Nieren prüfen. In Bezug auf Kinder In Gottes liegt in den Krümmungen des Laufs der Bäche ein Bild der Abwechselungen in ihren Führungen, die bald so, bald anders sind. Hier tritt ein Berg ihrem Laufe in den Weg, dort stürzen sie einen Felsen hinab und lösen sich auf in Schaum und Staub. Jedoch nähern sie sich ihrem Ziel, dem Meer, indem sie sich einem größeren Strom einverleiben, der sie mit in den großen Ozean nimmt, wo sie ihre Eigentümlichkeit ganz verlieren, und die des Weltmeers annehmen, worin sie sich verlieren. Was etwas ist, macht Gott zunichte. Wir sind nichts als Schaum und Staub. Flösse uns nicht stets aus der Quelle und dem Himmel neues zu, wir vertrockneten wie ein Bach. Der große Strom ist Christus, der Ozean die selige Ewigkeit.

So stellt Bileam Israel unter dem lehrreichen Bilde der Bäche vor. Das Wort bezeichnet aber auch ein Tal wie die Täler. Ein Bild der Kleinheit und Demut, welche ja eine notwendige und nützliche Eigenschaft ist. Den Demütigen gibt er Gnade. Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden. Dies Erniedrigen seiner selbst, diese Demut ist nichts Gemachtes und Erheucheltes, nichts Beabsichtigtes, sondern macht sich ganz von selbst. Dies wird Israel schon angetan. Es wird schon dahin gebracht, dass es nicht anders, als gering von sich halten kann. Gott demütigt es treulich. Das tut er durch gründliche Aufdeckung der Tiefen des menschlichen Verderbens, durch freundliche Vergebung desselben und Bedeckung mit der Gerechtigkeit Christi, durch Mitteilung von Gaben und Gnaden und durch Vorenthaltung und Entziehung dessen, was man ganz fest zu haben glaubte. Will er sich seiner Knechte erbarmen, wenn er sieht, dass ihre Kraft dahin und Beides, das Verschlossene und Verlassene, weg ist, so bringt er sie in dies Tal. Dann gibt man allen Selbstruhm auf, nicht als eine Pflicht, sondern weil nichts zu rühmen übrig geblieben ist. Dann kann man nichts mehr versprechen, weil kein Ver mögen da ist, irgendetwas Gutes zu leisten und zu halten. Man kann daselbst wohl beten, hoffen, glauben, aber doch nur unter der Bedingung, dass dies dargereicht und geschenkt wird. Jedoch wie alle Berge und Hügel sollen erniedrigt, so sollen alle Täler erhöht werden. Sind wir Täler, so fließt uns von den Bergen Tau und Wasser zu. Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht. Wer sich selbst richtet, wird nicht gerichtet, sondern freigesprochen; wer sich selbst vor Gott einen Sünder nennt, den macht er selig; wer sich als einen Gottlosen angibt, den spricht er gerecht; als einen Schwachen, dem gibt er Kräfte genug; als einen Unmündigen, den macht er weise; als ein Nichts, dem wird Christus Alles. Kurz, er wohnt bei Denen, die demütigen und zerschlagenen Herzens sind, auf dass er erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen.

Bileam stellt Israel, die auserwählte Gemeine Jesu Christi, in einem zweiten Bilde vor, als Gärten an den Wasserbächen. Ein neues, lehrreiches Bild, wovon wir als im Vorbeigehen gern bemerken, dass das Wort Garten im Hebräischen den Begriff des Beschützens in sich schließt. Gärten nun machen sich nicht selbst, und wenn wir Christen, wenn wir wahre Gläubige sind, sind wir dann nicht Gottes Werk, geschaffen in Christo Jesu zu guten Werken? Gärten bringen von Natur nur Unkraut. Und was tut unser Herz denn anders, dessen Dichten und Trachten böse ist von Jugend auf und immerdar? Dies können und wollen die sich selbst überlassenen Gärten so wenig ausrotten, dass sie sich vielmehr als dessen eigentliche Mutter erweisen, und wenn ein Mohr seine Haut und ein Parder seine Flecken wandeln kann, so werdet ihr auch Gutes tun. Ich werde doch gottlos sein. Was arbeite ich denn so vergeblich, sagt Hiob 9, 29. Ich aber will euch reinigen, so dass ihr rein werdet von aller eurer Unreinigkeit, und von allen euren Götzen will ich euch reinigen. Wer hat je gehört, dass Gärten sich selbst besäen und bepflanzen? Sie müssen einen Gärtner haben, der das tut. Alle Pflanze, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, die wird ausgereutet. Ihr seid Pflanzen dem Herrn zum Preise. Ich habe euch gesetzt, dass ihr Frucht bringt. Wie viel Pflege bedürfen die Gärten den größten Teil des Jahres, und mein Auge soll Tag und Nacht über euch offen stehen. Ein Garten erscheint nicht stets in der nämlichen Gestalt, im Frühling anders als im Herbste, im Sommer anders wie im Winter. Im Winter starrt er vor Kälte, hart wie ein Stein ein Bild des Standes der Anfechtung und Beraubung. Er ruht unter der Decke des weißen Schnees ein Bild der Ruhe einer Seele unter dem Schirm der Gerechtigkeit des Glaubens. Die erste Arbeit im Frühjahr scheint ihn zu zerstören, bereitet ihn aber zur Fruchtbarkeit. Jenes geschieht auch in den Gärten Christi, in den Herzen derer, die er zu guten Bäumen macht. Das Unterste wird wohl wie zuoberst gekehrt und die Seele ächze: Ach! wer bin ich, mein Erlöser, täglich böser find ich meiner Seele Stand. Aber nicht lange, so keimt und grünt Alles lieblich her. vor. Die Bäume bedecken sich mit den schönsten Blüten und die Vögelein lassen ihre Stimme hören: eine Abbildung einer Seele, nachdem Jesus sie mit der Vergebung ihrer Sünden und der Versicherung ihrer Seligkeit begnadigt hat, wo sie wohl Mut gewinnt zu sagen: ich bin schwarz aber gar lieblich. Der reiche Sommer kommt als ein Bild der vielfachen Gaben, wo die Braut ihren Freund einlädt, er komme in seinen Garten und esse seiner edlen Früchte, wo es ihrem Verstande nicht an Einsicht mangelt, dem Gewissen nicht an Frieden, dem Herzen nicht an Glauben, dem Glauben nicht an Liebe, der Liebe nicht an Frucht. Der Herbst gibt der mütterlichen Erde allen Schmuck in ihren Schoß zurück. Blätter samt den Früchten senken sich in denselben dankbar herab. Die Seele entblößt sich von allem eignen Ruhm. Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib die Ehre. Nicht aus euch, Gottes Gabe ist es. Alles, was wir ausrichten, hast du gegeben. Dass wir tüchtig sind, ist von Gott. Noch bemerken wir, dass auch in geistlicher Beziehung die Gärten ihre Frucht zu seiner Zeit bringen. Diejenigen erweckten Seelen, welche alsbald alle Erkenntnis haben wollen, allen Glauben und alle Heiligkeit, müssen lernen zu eilen und doch zu warten, sollen auch nicht meinen, sie wären schon Männer und Väter, da sie vielleicht noch Fleischlinge, noch junge Kinder in Christo sind, wie sie eben mit ihrer Selbstgefälligkeit und Anmaßung beweisen. Seid aber begierig nach der vernünftigen, lauteren Milch des Wortes Gottes, als die jetzt geborenen Kindlein, auf dass ihr durch dieselbige zunehmt. Endlich sind Gärten mit einem scheidenden und schützenden Gehege umgeben. Du bist ein verschlossener Garten, meine Schwester, liebe Braut. Wie würde es dem armen Garten gehen, wenn er nicht so genau verwahrt würde, wenn der Herr selbst nicht eine Mauer drum her wäre? Wie bald würden mutwillige Buben Alles zerzausen und wilde Säue selbst den Grund umwühlen; nun aber genießt Israel einen vollständigen Schutz, wie gefährlich es auch zuweilen, ja immer mit ihm aussieht. Denn auch von innen werden die Gärten bedroht. Da sind Vögel; das sind nach der Erklärung des Meisters böse Geister, welche dem kaum gesäten Samen nachstellen; da ist Hagel, Dürre und Nässe, welche die Pflanzen bedrohen; Unkraut schießt unablässig neben denselben auf; Käfer, Raupen und Geschmeiß fallen darüber her und allerlei schädliches Gewürm benagt unter der Erde die Wurzel. Bedürfen nun unsere Gärten wirklich eines göttlichen Schutzes, obschon wir viel daran tun können, wie viel mehr unsere Herzen. Ich will Ephraim sein, wie eine grünende Tanne, und an mir soll man deine Frucht finden. Denn wie Gewächs aus der Erde wächst und Samen in den Gärten aufgeht, also wird Gerechtigkeit und Lob aufgehen aus dem Herrn, Herrn. Jes. 61, 11.

Ja, Bileam vergleicht Israel nicht überhaupt den Gärten, sondern solchen Gärten, welche an den Wasserbächen sich ausbreiten. Die Lage der Gärten an Wasserbächen war in den trockenen und heißen Morgenlanden, wo es wenig regnet, von ungleich höherem Werte, als in unsern Gegenden. Israel wird deswegen mehrmals einem solchen Garten verglichen. Der Herr wird dich immerdar führen und deine Seele sättigen in der Dürre und deine Gebeine stärken, und du wirst sein wie ein gewässerter Garten und wie eine Quelle, der es nie an Wasser fehlt, heißt es Jes. 58, 11, und beim Jeremia heißt es Kap. 31: Sie werden kommen und auf der Höhe Zions jauchzen und werden sich zu den Gaben des Herrn häufen und werden sein wie ein wasserreicher Garten und werden nicht mehr bekümmert sein.

Diese Wasserbäche, an denen die Gärten liegen, sind die Mittel, ihre Fruchtbarkeit zu befördern, und dies Befördern geschieht durch die heilsamen Züchtigungen, unter deren Streichen der alte Mensch verweset, der neue aber von Tag zu Tag erneuert wird; durch das Messer des himmlischen Weingärtners, wodurch die fruchtbringende Rebe gereinigt wird, dass sie noch mehr Frucht bringe. Insbesondere aber bezeichnen diese Wasserbäche die belebenden Zuflüsse des Heiligen Geistes, ohne welche wir dürr, unfruchtbar und erstorben sind, namentlich seine Tröstungen, denn wenn du mich tröstest, laufe ich den Weg deiner Gebote.

Offenbar gleicht Bileam einem Mann, der durch ein Fernrohr Gegenstände ganz nahe sieht, die sonst wegen ihrer Entlegenheit mit bloßen Augen nicht gesehen werden können. Er schildert die Gemeine nicht nach der Gestalt, die sie damals und überhaupt unter dem alten Testamente hatte, sondern die sie unter der neutestamentlichen Verfassung annahm und worin sie sich in dem letzten Zeitraum vollkommen offenbaren wird.

Seht ihr nur zu, dass eure Gestalt in diesen Bildern wirklich getroffen sei dass ihr zum wenigsten Täler, arm am Geist und wo nicht Bäche, doch durstig seid nach Gerechtigkeit, wo nicht wasserreiche, doch solche Gärten seid, welche unter der Aufsicht und Bearbeitung des himmlischen Gärtners stehen.

Ach komm in deinen Garten dann! \
Ich will dir bringen, was ich kann,
Was du mir erst gegeben.
Willst du noch mehr, so gib es mir,
Ich will es wiederbringen dir;
Der Weinstock gibt den Reben
Kräfte,
Säfte,
Die von innen
Herz und Sinnen
Aufwärts jagen,
Und die reife Früchte tragen. 2)

So sei es. Amen.

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