Krummacher, Gottfried Daniel - Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan - 62. Predigt (Bileam)
Text: 4. Buch Mosis 23, 21. 23,
Irrt euch nicht! Dies ist eins von den wichtigsten Geboten, welches der heilige Apostel Gal. 6, 7 nicht nur diesen Christen, sondern allen ans Herz legt. Er meint aber irrige Meinungen in Absicht der Religion, die auch immer ein verkehrtes Verhalten zur Folge haben. Dies Verbot: Irrt euch nicht! beweist auch die Möglichkeit, sich davor zu verwahren; denn ein Verhalten, das absolut, d. i. seiner Natur nach untunlich ist, wird nirgends von uns gefordert, mag auch die Beschaffenheit meiner Natur es mir untunlich machen. Daher geschehen auch so große Anforderungen an uns, und mag deren Erfüllung uns, als Sündern, auch unmöglich sein, wie sie's denn wirklich auch ihrem kleinsten Teil nach „sind,“ so sind sie's doch dem Christen nicht, denn alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.
Das genannte Gebot nun ist wichtig, schwierig, aber nötig und ausführbar. Wichtig, denn es betrifft das ewige Heil unserer Seelen; schwierig, denn wir wollen immerdar den Irrweg; nötig, damit wir des rechten Weges zur Gemeinschaft mit Gott nicht verfehlen; ausführbar durch den Glauben an Jesum Christum, aber auch nicht anders, weil wir vermittelst dieses Glaubens den Heiligen Geist bekommen, der uns in alle Wahrheit leitet. Durchgängig aber ist den Meisten teils wenig an einer gründlichen Erkenntnis der Wahrheit gelegen, sondern sie sind sehr oberflächlich und deswegen offen für allerlei Irrtum; teils lieben sie die Wahrheit nicht, hassen sie viel mehr, weil ihre Werke böse sind. Kein Wunder deswegen, dass der Irrtum bei der Arglist des Fürsten der Finsternis und bei der Bosheit der Menschen, in der Welt herrscht und auch bei gut Gesinnten noch so stark ist.
Christus ist die Wahrheit. Wer nun aus der Wahrheit ist, der hört seine Stimme. Außer ihm ist nichts als Irrtum. Wer aber ihm angehört, ist sicher, wie dies auch Bileams Worte beweisen, welche wir jetzt näher betrachten wollen.
Wir haben unlängst bemerkt, dass Bileams inhaltreiche Worte eine dreifache Übersetzung zulassen. Diejenige, welche unsere deutsche Übersetzung gibt, haben wir erwogen. Lasst uns jetzt diese Worte, welche wir umso mehr als ein lauteres Gotteswort zu verehren haben, je ungeneigter Bileam war, sie auszusprechen, lasst sie uns nach einer zweiten Übersetzung erwägen. Sie lautet also: Er wird's nicht ansehen, nicht zugeben, dass Jakob Mühe und Kummer angetan werde, noch Israel Arbeit und Unglück. Letzteres wollte Balak. Gott aber gab es nicht zu. Auch in diesem Sinne enthalten Bileams Worte viel Trost und Lehre. Wir verbinden dieselben mit dem 23. Vers, der also lautet: Es hilft kein Zaubern wider Jakob, noch Wahrsagen wider Israel. Gottes Volk wird gegen Unglück und Übel gesichert. Das ist der Gegenstand unserer diesmaligen Betrachtung, wobei wir auf folgende vier Stücke sehen:
1) die Personen, welche dies Vorrecht genießen;
2) die Übel, das Unglück;
3) wer sucht ihnen das anzutun und inwiefern gelingt es?
4) Gottes Verhalten dabei.
Jakob und Israel sind zwei Namen der nämlichen Person und des nämlichen Volkes, wovon der erste mehr auf Kampf, der andere mehr auf Sieg hindeutet. Es werden aber mit diesen Namen nicht nur die fleischlichen Nachkommen des Erzvaters, sondern insbesondere die Auserwählten bezeichnet, welche in die Fußstapfen seines Glaubens traten, und seines Kampfes und Sieges teilhaftig sind. Da mag denn der Name Jakob sich mehr aufs Alte Testament und einen demselben entsprechenden Gnadenstand, Israel aber auf den neuen Bund sich beziehen. Der Vorzug dieses Volks besteht darin, dass der Herr als sein Gott bei ihm, mit und in ihm ist. Ein Glied dieses Volks wird man nicht durch fleischliche Abkunft, denn man kann auch nach dem Fleisch geboren sein und dasjenige hassen, was vom Geist ist, wie dies bei Ismael, dem Sohne Abrahams, und Esau, dem Sohn Isaaks, der Fall war. Diesem Volke gehören alle Diejenigen an, welche aus dem Geist, aus Gott, wiedergeboren sind, welcher durch den Glauben Christo einverleibt und also Eins mit ihm sind, welche durch diesen Glauben gerechtfertigt, gereinigt, erneuert, bewahrt werden, und durch denselben die Welt überwinden, auch da sie glaubten, versiegelt worden sind mit dem Heiligen Geist der Verheißung. Bist du so Einer, so gehörst du diesem Volke an, aus welchem Land du sonst gebürtig sein möchtest, Europa oder den Inseln des stillen Meeres. Kann jene Wiedergeburt nicht von dir gerühmt werden, so möchte selbst Abraham, dein Vater, oder du einer der gelehrtesten und geehrtesten, der vornehmsten, höchsten und tugendhaftesten Personen sein - es gilt alles nichts, sondern nur eine neue Kreatur, und ein Glaube, der durch die Liebe tätig ist. Dies sind die Personen.
Unter denselben ist freilich ein mannigfacher Unterschied, nicht bloß im Äußeren, sondern vielmehr nach ihrem inneren Zustande. Es gibt unter ihnen Kinder, Jünglinge und Väter, Fleischliche und Vollkommene, Anfänger und Gefördertere; es gibt Mühselige und Beladene, es gibt aber auch solche, die erquickt sind und Ruhe gefunden haben für ihre Seele. Etliche stehen im Glauben, sind männlich und sind stark; sie zweifeln nicht an der Verheißung, sondern achten den treu, der's verheißen hat, dass er's auch könne tun: glauben sogar auf Hoffnung, wo nichts zu hoffen ist. Es gibt aber auch in Jakob solche, von denen man sagen muss: o ihr Kleingläubigen! was zweifelt ihr - wo ist euer Glaube? - solche, die nicht den 103. Psalm singen, sondern den 88. seufzen. Da sind solche, die unter dem Gesetz verschlossen sind, das als ein strenger Zuchtmeister mit ihnen umgeht, die Sünde in ihnen erregt und lebendig macht, ja sie tötet und als ein tötender Buchstabe ihnen Kraft und Leben entzieht. Ihr Lied ist: Ach ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von diesem Todesleib? Es gibt aber auch solche, die dem Gesetz getötet, bei dem andern Manne sind, der wie Boas nicht ruhen wird, bis er's zu Stande bringe; die durchs Gesetz dem Gesetz gestorben und leben, doch nicht sie, sondern Christus lebt in ihnen. Es gibt solche, die David vorn an die Spitze stellt, wo der Kampf am heißesten ist, die bis aufs Blut widerstehen über dem Kämpfen wider die Sünde und andere Jakobs, die sich die Hüfte verrenken über dem Ringen; solche, welche Faustschläge eines Engels des Satans ins Gesicht erleiden müssen, und auf die der Bösewicht feurige Pfeile abdrückt; solche, die Niederlagen erleiden, dass ihre Feindin frohlockt, dass sie darnieder liegen. Andere gehen einher in der Kraft des Herrn, und rühmen sich in Christo. In ihm überwinden sie in Allem weit, denn sie sind stark in dem Herrn. Kurz, die Verschiedenheit der Kinder Gottes ist bei aller Einheit groß, und in diesem großen Hause sind nicht allein goldene und silberne Gefäße, sondern auch hölzerne und irdene, etliche zu Ehren, etliche aber zu Unehren. Und wenn wir die Tischgesellschaft des Königs der Himmel betrachten, so besteht sie aus Krüppeln, Lahmen, Armen und Blinden.
Diese sind es, von denen Gott durch den unwürdigen Mund Bileams redet, und sie mit den Namen Jakob und Israel bezeichnet. In Absicht derselben spricht er von Mühe und Kummer, von Arbeit und Unglück, und zugleich von Zauberei und Wahrsagen wider Israel. Unglück ist eigentlich nur das zu nennen, wodurch ein wirklicher Schaden verursacht und ein wirkliches Gut geraubt wird, wovon Gott sagt: es solle sich den Hütten der Gerechten nicht nahen, wiewohl Assaph Ps. 73 sagt, er sei, aller seiner Gottseligkeit ungeachtet, im Unglück, die Gottlosen aber nicht. Er gesteht aber bald darauf seinen Irrtum ein und erklärt: Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei deiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich endlich mit Ehren an. Denen, die Gott lieben, muss ja Alles zum Besten dienen; wie sollte sie denn ein eigentliches Unglück treffen? denn diesem Namen verdient doch kein Ding, das zu unserer Seligkeit mitwirkt, wie unangenehm es auch sonst sein möchte; denn wenn Jemand die ganze Welt verlöre, gewönne aber seine Seele, so wäre sein Gewinn sehr groß.
Insbesondere wird in unserm Vers der Bezauberung und des Wahrsagens gegen Israel gedacht, und wir gedenken dabei hauptsächlich an falsche Lehre und den daraus entspringenden falschen Gottesdienst, was zu den allerschädlichsten Dingen gehört, mögen sie auch nicht dafür gehalten werden, und sich, außer Israel, Niemand dafür zu hüten suchen. Von der falschen Lehre wäre nun gar viel und umso mehr zu sagen, je allgemeiner sie sich heutzutage verbreitet hat. Es gehört aber alles Dasjenige dazu, was nicht aus der Schrift und derselben gemäß ist. In diesem Betracht führt Jesus Matth. 15, 8 die Worte des Propheten Jesaias (29) an, wenn er sagt: Vergeblich dienen sie mir, weil sie lehren solche Lehren, die nichts sind als Menschengebot. Deshalb müssen wir wie die Beroenser, täglich in der Schrift forschen, ob sich's also verhalte.
Der Apostel Petrus nennt Bileams Vater Bosor, was eine Fackel bedeutet, so wie Beor, sein hebräischer Name, einen Mordbrenner, Balak aber heißt ein Zerstörer. Es gab seit etwa 60 Jahren Etwas, das man Aufklärung nannte, und sagte, man müsse Alles mit ihrer Fackel beleuchten, wodurch große Zerstörungen in der Lehre, besonders der protestantischen Kirche, herbeigeführt worden sind. Ich will euch nicht mit einer Darstellung des Hergangs der Sache beschweren, doch aber Einiges anführen.
Vorher war Alles kirchlich rechtgläubig. Es wurde sorgfältig darüber gewacht, dass weder von den Kanzeln noch auf den Universitäten und in den Schulen eine irrige Lehre vorgetragen wurde, und Diejenigen, die sich des unterstanden, wurden hart bestraft. Jede Konfession musste den symbolischen Büchern die Lutherischen der Augsburgischen Konfession, wir Reformirte hiesiger Lande dem Heidelberger Katechismus gemäß lehren, wozu die Prediger sich mit einem Handschlag, der die Kraft eines Eidschwurs hatte, verpflichten, und denselben jährlich auf den Synoden wiederholen mussten, der aber jetzt nicht mehr gefordert wird, was schlimm genug ist.
Man fing nun sehr leise an, den Balak, den Zerstörer zu machen. Erst machte man die steife, tote Rechtgläubigkeit verächtlich, indem man allerdings sehr richtig, aber zum Teil aus böser Absicht bemerkte, das tote Fürwahrhalten von Glaubenslehre ohne Gottseligkeit mache Keinen selig. Die böse Absicht aber, welche man bei dieser Aufstellung hatte, bestand darin, dass man den Wert der Glaubenslehre selbst verächtlich machen wollte. Das gelang umso leichter, da schon vorher einige fromme und gelehrte Männer, die man Pietisten d. i. Frömmler nannte, aus guter Absicht, doch nicht mit Besonnenheit, Ähnliches gesagt hatten. Nun ging man einen Schritt weiter und redete wider die strengen Verpflichtungen auf die symbolischen Bücher, die doch nur menschliche Bücher, nicht aber das Wort Gottes seien. Auch das schien so unrecht nicht, wiewohl man nur die Absicht hatte, sich vor den Strafen sicher zu stellen, die bisher auf die Abweichungen von der hergebrachten Lehre gesetzt waren.
Zugleich wurden mehrere englische Schriften, welche wider die Göttlichkeit der Heiligen Schrift angingen, häufig ins Deutsche übersetzt. Da wurde die Fackel der Irrlehre vollends in den Tempel geschleudert. Von allen Seiten fing's an zu brennen. Mit größerer Frechheit und Übermut fuhr man nun fort, einzelne Wahrheiten als Irrtümer zu behandeln, und um nicht voreilig allzu großes Aufsehen und Murren zu erregen, fing man an, das Dasein des Teufels, als der Vernunft zuwider, zu leugnen, also eine ausdrückliche Lehre der Schrift für Irrtum zu erklären, worauf man denn mit allen übrigen, dem Worte Gottes eigentümlichen Lehren, auf gleiche Weise verfahren wollte, und wirklich verfuhr. Nun schrie man: Vernunft! Vernunft! Aufklärung! Aufklärung! Mit dieser Fackel beleuchtete man denn Alles und steckte es in Brand, so dass der ganze Katechismus, ja die ganze Heilige Schrift, wenn sie nicht jener beständiges Gold gewesen wären, gänzlich in Rauch aufgegangen sein würden, wie sie es für viele Kirchen, Gemeinen, Gegenden und Länder wirklich sind. So steht's nun in dieser unserer Zeit. Zwar braucht man das Wort Aufklärung seltener und an dessen Statt redet man von Bildung und gebildeten Personen. Jetzt nennt mans Rationalismus d. i. Vernunftlehre, nach welcher der Mensch kein Sünder ist und Jesus kein Erlöser, wo es keine Sünde, keine Strafe und keine Erlösung gibt, und die grade so ist, wie die verderbte Natur es wünscht, der es also an Beifall nicht fehlen kann, den sie auch reichlich findet. Fortwährend zeigen sich höchst bedenkliche Gräuel der Philosophie, welche am Ende den Unterschied des Guten und Bösen leugnet, und den Rat Bileams gibt, Hurerei zu treiben, wie in unseren Tagen die Sekte der St. Simonisten in Frankreich damit so unverhohlen herausgerückt ist, dass selbst die leicht bewegliche französische Nation es nicht hat dulden wollen. Es ist genug von dieser Sekte gesagt, wenn wir sagen, dass sie öffentlich erklärt, sie verehre den Satan und wolle einen Gott von und für die Welt, nicht aber das Christentum, das den Menschen anweise, seine Glückseligkeit in einer andern Welt zu suchen. So dreist ist der Teufel geworden.
So ist denn auch der Gottesdienst verfälscht. Ich meine hier eben nicht die römische Kirche, denn wir haben Balken genug im eigenen Auge, als dass wir auf andere aufmerksam machen dürften. Teils ist Christus verwiesen. Um einer armseligen Tugend willen wollen sie für himmelsfähig gerechnet werden, nicht aber um Christi willen. Die eigene Weisheit sitzt auf dem Throne, und wer in allen Dingen noch so dumm ist, meint doch in der Lehre der Seligkeit so klug zu sein, dass er keines Lehrmeisters bedarf. Der Stolz verdrängt die Demut. Der freie Wille soll an die Stelle der freien Gnade treten und letztere ist so verrufen, dass sie nicht mehr genannt werden darf, ohne Alles wider sich zu reizen. Teils wird Beides so durcheinander gemengt, dass ein heilsbegieriger, armer Sünder nicht wissen kann, ob er aus Verdienst der Werke oder aus Gnaden - außer welchen es doch kein Drittes gibt - selig werden soll. Aber Beides wird so durcheinander gemengt, als ob es noch ein Drittes gäbe. Da weiß denn der arme Sünder länger nicht mehr, wie er dran ist, ob er ohne Ihn nichts tun kann, oder was er denn eigentlich kann, oder nicht kann, soll oder nicht soll, ob er seine Hoffnung halb, ganz oder gar nicht auf die Gnade setzen soll, ob er selbst oder wer es ist, der Wollen und Vollbringen schafft, ob er suchen muss, vollkommen zu werden nach dem Fleisch, und wird zerstreut in sein Eigenes, bis der Herr seine Hand zu den Kleinen kehrt. Teils hat der Satan von der Apostel Zeiten her sich bemüht, die Menschen zu verleiten, dass sie das Evangelium ins Fleisch und die Gnade auf Mutwillen ziehen, und dessen Lehren und Freiheit zu einem Deckmantel der Bosheit und zu einem Freibrief zur Gesetzlosigkeit verdrehen; dass es Leute gibt, denen es besser wäre, sie hätten den Weg der Gerechtigkeit nicht erkannt, denn dass sie ihn erkennen und sich kehren von dem heiligen Gebot, das ihnen gegeben ist. Er hat Manche aufgeblasen, dass sie mit höhnendem Stolz sich von Kirche, Sakrament und dem Worte Gottes trennen und sich so stolz benehmen, als wären sie die Leute, mit welchen die Weisheit und Gottseligkeit sterben werde. Und o! wie schmerzhaft ist es, dass wir bekennen müssen, dass sich wie von erstgedachter Abirrung, so auch von dieser, bedauernswürdige Spuren unter uns zeigen. Lauter Zeichen der gräulichen Zeiten, wovon schon die Apostel geweissagt haben, und die jetzt zur Wirklichkeit geworden sind, wo, wenn's möglich wäre, auch die Auserwählten verführt werden würden in Irrtum. Zeiten, wo Niemand selig werden würde, wenn sie nicht verkürzt würden. Dies ist schlimmer, als alle Cholera, als Krieg und Kriegsgeschrei. Wohl dem, der da wacht und hält seine Kleider, dass er nicht bloß erfunden werde. Seht euch vor vor den falschen Propheten, welche, ihres guten Scheins ungeachtet, inwendig reißende Wölfe sind. Hütet euch vor dem Teufel, der umhergeht wie ein brüllender Löwe und sucht, welche er verschlinge.
Diese falsche Lehre, welche mit Recht Bezauberung genannt wird, weil der Satan sie durch seine geheimen Kräfte unterstützt, ist das vornehmste Übel, weil sie uns Gottes, Jesu Christi und seiner Gnade, so wie des einigen Trostes zu berauben, und uns in ewiges Unglück zu stürzen beabsichtigt. So sucht Satan das Fundament der Gemeine, die auf den Grund der Apostel und Propheten erbaut ist, umzustürzen. Der sonstigen Plagen, denen sie in dieser Welt ausgesetzt sind, will ich jetzt nicht gedenken. Sie wurden aber oft geachtet, wie die Schlachtschafe, täglich als dem Tode übergeben.
Wer ist es denn, der Israel mit Zauberei und Wahrsagen, mit Schmerzen und Unglück zu quälen sucht? Hier waren es Balak und Bileam, dort war es Saulus. Oft ist's ein einzelner Mensch, der. sich an die Spitze der Widerwärtigen stellt, oft ganze Kollegien und Korporationen, der Teufel an ihrer Spitze. Inwendig ist's der alte Mensch, und zuweilen scheint sogar Gott selbst sich auf die Seite der Feinde Israel zu schlagen, wie es 3. Sam. 24, verglichen mit 1. Chron. 22, heißt: Und der Zorn des Herrn ergrimmte wider Israel, und der Satan gab David ein, dass er das Volk zählen ließ. Nicht genug, dass Esan wider Jakob daher zog der Engel des Herrn rang auch mit ihm.
Zuweilen scheint's den Widerwärtigen sehr wider Israel zu gelingen, wie es dem Balak, durch den Rat Bileams, auch auf eine schreckliche Weise wider Israel gelang, so dass derselben auf Einen Tag 22.000 fielen. So die falsche Lehre. Sie herrscht kann man sagen. Die Glaubensreinigung ward durch die Gewalt des römischen Stuhls aus Portugal, Spanien und Italien, die piemontesischen Täler ausgenommen, so wie das Christentum selbst aus dem Morgenlande durch die Muhamedaner verdrängt, und die Frucht der Reformation selbst aus Deutschland und andern protestantischen Ländern, dass uns nur ein Weniges übrig geblieben ist. Und wie die Gottlosigkeit überhandgenommen, schreit laut. Und mit der einzelnen Seele kann es wohl so weit gehen, dass sie mit David schreit: Meine Hoffnung am Herrn ist vergangen.
Erweist sich denn Bileam als ein falscher Prophet, wenn er sagt: Gott wird, kann und will es nicht ansehen, dass Jakob Schmerz und Kummer angetan werde, oder Israel Unglück und Arbeit? Es hilft kein Zaubern wider Jakob, noch Wahrsagen wider Israel? Oder kann Gott nicht helfen? Keins von Beiden. Was Bileam sagt, ist wahr, obschon er selbst ein Lügner, wie die Teufel Teufel blieben, mochten sie auch die Wahrheit bekennen, wenn sie von Jesu sagten: Du bist der Sohn Gottes. Er ist es, der die Übel zulässt, sie mildert, leitet und endlich ganz misslingen lässt. Er lässt, sagen wir, die Übel zu, so dass er gerade diese und keine andere kommen lässt. Das Warum bekommen wir zuweilen, aber nicht immer einzusehen. Warum Jesus nach Ägypten flüchten, warum er mit Durst heimgesucht, warum er gekreuzigt, warum über sein Kleid das Los geworfen wurde, warum er sterben musste, ist uns klar: warum Saulus die Gemeine verfolgen musste, sehen wir ein, weil sie dadurch zerstreut und auch außer Jerusalem das Evangelium bekannt wurde. Warum aber der Apostel Jakobus so früh enthauptet wurde, begreifen wir nicht. Aus was für einem Grunde die schweren Trübsale über Hiob ergingen, ist uns dagegen begreiflich. Warum ein Satansengel Paulum mit Fäusten ins Angesicht schlug, wissen wir, wenn wir gleich nicht wissen, was diese Faustschläge sind und warum es gerade ein Satansengel war. Begreifst du nicht, o Christ! warum dir gerade dies Harte begegnet, so sei geduldig, stecke deinen Mund in den Staub, harre der Hoffnung, und glaube: Gott liebt mich.
Er mildert und beschränkt die Übel, die seinem Volke überkommen. Denn wo der Herr nicht bei uns wäre so sage Israel wo der Herr nicht bei uns wäre, sie verschlängen uns lebendig. Hätte der Herr nicht ihm vorgesehen, so gäbe es gar kein Christentum mehr in der Welt, kein Christentum in irgendeinem Herzen. Selbst die Auserwählten würden verführt. Nun aber beschränkt er die Versuchungen und spricht zu dem Meere: bis hierhin, und nicht weiter. Die Juden konnten die Gemeine in Jerusalem wohl auseinander sprengen, aber nicht vertilgen. Pharao hatte zwar vor, das jüdische Volk dadurch aussterben zu lassen, dass er alle Knäblein umzubringen befahl, aber es gelang ihm nicht, sondern selbst die ägyptischen Hebammen sorgten für deren Erhaltung. Alle jene, vorhin erwähnte Irrlehren haben, der Menge ihrer Beförderer ungeachtet, doch nicht bewirken können, dass nicht die Heilslehre in unsern Tagen hin und wieder auflebt und Raum gewinnt. Aber er schärft sie auch wohl, diese Übel. Des Jairus Töchterlein ist zwar todkrank, als ihr Vater um Hilfe zu Jesu ausgeht, aber als er zurückkehrt, ist sie tot. Lazarus stirbt nicht nur, obschon Jesus den Schwestern hat sagen lassen, die Krankheit sei nicht zum Tode, sondern wird auch begraben, und liegt vier Tage in kühler Erde. Es stürmt dort nur arg, das Meer wütet auch, die Wellen schlagen ins Schiff; Jesus ist wohl da, aber er schläft und die Jünger haben keinen Glauben. Hiob verliert an Einem Tage erst seine Rinder, dann sein Schafe, darauf seine Kamele, und sodann noch alle seine sieben Kinder, über denen das Haus zusammenstürzt. Er ist noch gesund, aber nun wird er aussätzig am Leibe und obendrein sehr geängstet an der Seele. England verliert seinen herrlichen König im 18. Jahre seines Alters, und seine Nachfolgerin wird seine blutdurstige, erzkatholische Schwester und füllt Alles mit Scheiterhaufen und Protestantenblut. Aber er leitet diese Übel so, dass sie zu lauter Segnungen werden. Sein Volk wird auf wunderbare Weise erhalten und steht wie ein Fels mitten im tobenden Meer. Se heftiger die Verfolgungen, je mehr und desto besseres Christentum. Es wird geläutert von den ihm anklebenden Schlacken, und ihm außer Gott alle Stützen entrissen. Es wird geübt in der Verleugnung alles Eignen, im Vertrauen und Übergabe an Gott, im Gebet, im Anhangen an Gott. Es wird auf mancherlei Weise gewitzigt. Das haben mich meine Anfechtungen gelehrt, pflegte Luther zu sagen. Doch wer vermag alle die Vorteile nachzuweisen, welche den Christen eben aus ihren Trübsalen erwachsen. Mag auch die Züchtigung, wenn sie da ist, nicht Freude sein, sondern Traurigkeit, so wird sie doch danach geben ein friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch geübt sind. Er regiert es, dass es so und nicht anders geschieht. Es kommt nicht von ungefähr, sondern von seiner väterlichen Hand uns zu, nicht ohne Absicht und Zweck. Und zuletzt wird er es erlösen aus allem Übel und aushelfen zu seinem himmlischen Reich. Der uns erlöst hat und uns noch täglich erlöst, wird uns auch erlösen. Christus ist seinen Gläubigen sowohl zur Erlösung als zur Weisheit, Gerechtigkeit und Heiligung von Gott gemacht. Mag Sihon und Og zu Basan sich mit Wehr und Waffen, mag Balak und Bileam sich mit Zauberkünsten und Wahrsagen Israel widersetzen - Israel zeugt doch hin zu seiner Ruhe. Gott kann und wird es nicht zusehen, dass Jakob Mühe und Israel Unglück angetan werde. Möchte es jetzt darnieder liegen es wird doch wieder aufkommen. Möchte es auch im Finstern sitzen, so ist doch der Herr sein Licht. Ein eigentliches Unglück, was nur Schaden bringt, widerfährt echten Kindern Gottes nie, so wie den Gottlosen eigentlich nichts als Unglück widerfährt, so lange für sie nicht das Glücksstündlein der Buße schlägt. Alles gereicht ihnen zum Schlimmsten. Nichts als Unfall und Herzeleid ist in allen ihren Wegen, möchten sie auch dem Glück im Schoß zu sitzen scheinen. Wahres Glück beginnt erst mit einer wahrhaften Bekehrung, mit dem lebendigen Glauben an den Herrn Jesum. Dann trinkt der Sünder von dem lebendigen Wasser, was Jesus denen gibt, welche, die Gabe Gottes erkennend, ihn darum bitten, und das in demselben ein Quell wird, der in das ewige Leben fließt.
Bei den Sündern Unglück und nichts als Unglück bis in Ewigkeit hinein. Bei den Gottseligen Glück, nichts als Glück, Heil und Segen bis in Ewigkeit. Noch sind wir auf dem Wege. Wählt den, wählt das beste Teil, das nicht von euch genommen werden soll. So legt der Herr euch vor Leben und Tod, Segen und Fluch, dass du den Segen erwählst und du und dein Same leben mögest, dass ihr den Herrn, euren Gott, liebt, und ihm gehorcht und anhängt; denn das wird euer Leben sein und langes Alter, das der Herr geben will. Dann wird's allem Zeug, der wider euch zubereitet wird, nicht gelingen, und alle Zunge, so sich wider euch setzt, sollt ihr im Gericht verdammen; das ist das Erbe der Knechte des Herrn und ihre Gerechtigkeit vor mir, spricht der Herr. Amen.