Krummacher, Gottfried Daniel - Der Regenbogen (2)
Was gehet euch der Herr, der Gott Israels, an? Ihr habt kein Teil am Herrn. In diesen Worten, welche Josua 22,24.25 stehen, lag nach der Meinung der Kinder Ruben, Gad und Manasse, etwas so Hartes und Unseliges, daß sie sich aufs Geflissentlichste vor solch' einem Vorwurf zu sichern suchten. Und hatten sie nicht vollkommen recht? Was für eine härtere Frage könnte an einen Menschen getan werden, als die: Was gehet dich der Herr, der Gott Israels an? wobei man eine verneinende Meinung hätte. Was könnte Schrecklicheres von ihm gesagt werden, als: Du hast keinen Teil am Herrn. Aber wie unbezweifelt wahr dies auch ist, so selten wird doch eine solche Gesinnung angetroffen, wie wir sie bei den genannten drei Stämmen antreffen, die es als ein großes Unglück betrachteten, wenn dies von ihnen sollte gesagt werden können, und dagegen auf ihrer Hut waren. Was macht sich eine große Menge sogenannter Christen daraus, Teil an dem Herrn, dem Gott Israels, zu haben, oder was ist ihnen daran gelegen, ob der Herr sie etwas angeht? Was für Mühe wenden sie an, dem als einem erschrecklichen Unglück vorzubauen? Ist das eins von denjenigen Dingen, die sie bestürzt und verlegen, bekümmert und ängstlich machen können? Aber verdiente eine solche Angelegenheit nicht die sorgfältigste Aufmerksamkeit und den äußersten Fleiß? Ist das zu billigen, ja ist es nur zu entschuldigen, wenn Menschen, wenn Christen kalt gegen so etwas Wichtiges sind, da sie mit minder wichtigen Dingen so viel Wesens haben können? Sind wir nicht mehr so unverständig, nicht nach Gott zu fragen, so werden wir auch sehr darauf Bedacht nehmen, daß das nicht von uns gesagt werden könne, sondern wir vielmehr rühmen können: Der Herr ist mein Teil.
Was taten aber diese Stimme, sich gegen diese Aufbürdung zu sichern? sie bauten einen großen und schönen Altar. Ich kann nicht sagen, daß darin für uns etwas Nachahmungswürdiges liege. Allerdings haben wir auch einen großen und schönen, aber unsichtbaren Altar. Auf demselben ist ein Opfer gebracht worden, das die Ursache weggenommen hat, um derentwillen jene Frage getan werden könnte. Über diesem Opfer sollen wir mit dem Herrn einen Bund machen. Teil daran haben ist die Seligkeit.
Aber die drei Stämme bauten denselben als einen Zeugen für sich, der beweisen sollte, daß der Herr sie auch etwas angehe, und daß auch sie Teil an ihm hätten. Sind wir solche Seelen, denen auch alles an dieser Sache gelegen ist, so haben wir manches, das mit diesem Altar zu dem nämlichen Zwecke dient und sie uns zusichert. Da ist die Predigt des Evangeliums, wodurch wir berufen und eingeladen werden, da sind die heiligen Sakramente, worauf plädieren und uns berufen dürfen, da sind die teuren Verheißungen, da ist auch selbst der Regenbogen, von welchem ich auch diesmal zu handeln gedenke.
Aber meine Gnade will ich nicht von ihm wenden und meine Wahrheit nicht lassen fehlen. Ich will meinen Bund nicht entheiligen und nicht ändern, was aus meinem Munde gegangen ist. Ich habe einst geschworen bei meiner Heiligkeit: Ich will David nicht lügen; sein Same soll ewig sein, und sein Stuhl vor mir wie die Sonne; wie der Mond soll er ewiglich erhalten sein, und gleichwie der Zeuge in den Wolken gewiß sein, Sela.
Psalm 89,34-38.
Wir haben neulich den Regenbogen in eine christliche Betrachtung gezogen. Desselben wird in unserm Texte als eines Zeugen Gottes in den Wolken gedacht. Er dient als ein Zeichen und Unterpfand von der unwandelbaren Festigkeit des Gnadenbundes wie die Sonne und der Mond, und es wird von diesem Bunde insbesondere gesagt: Wie mein Zeuge in den Wolken soll er gewiß sein. Dieser Psalm bezieht sich auf die Verheißung, welche Gott dem David durch den Propheten Nathan gegeben hatte, da der König nach 2. Sam. 7 mit dem Gedanken umging, Gott ein Haus zu bauen. Der Herr verhieß ihm, daß er vielmehr dem David ein Haus bauen und ihm nach seinem Tode einen aus seinen Nachkommen erwecken werde, dessen Königreich Gott ewiglich bestätigen und der ihm ein Haus bauen werde. Zwar hatte David damals noch keinen Sohn. Aber er deutete diese Verheißung doch keineswegs auf die nächste Zukunft, sondern verstand es, wie er selber sagt, „von fernem zukünftigen“, d.h. vom Messias, dessen er gewiß war, wie er sich kurz vor seinem Tode nach 2. Sam. 23 rühmte. Besonders merkwürdig ist das, was beim Samuel gesagt wird, daß wenn der Sohn Davids, der zugleich der Sohn Gottes sein werde, ein Missetat tue, er ihn zwar mit Menschenruten und mit der Menschenkinder Schlägen strafen, aber doch seine Barmherzigkeit nicht von ihm abwenden werde, welches sich auf die Stellvertretung Christi, des Sohnes und Herrn Davids, bezieht. Unser Psalm deutet dies aber gewissermaßen auf die Kinder des Messias, werden sie mein Gesetz verlassen und in meinen Rechten nicht wandeln, werden sie meine Ordnungen entheiligen und meine Gebote nicht halten, so will ich ihre Sünde mit der Rute heimsuchen und ihre Missetat mit Plagen, und dann heißt es wieder in der Einzahl: Aber meine Gnade will ich nicht von ihm wenden.
In den auf unsern Text folgenden Versen klagt die Kirche sehr über schwere Drangsale. Aber wenn sie die auch als wohlverdient demütig anerkennt, so protestiert sie doch und beruft sich auf die Unwandelbarkeit des Gnadenbundes, als deren Unterpfand sie namentlich den Regenbogen nennt. Er ist, wenn man so will, ein Zeuge für Gott und wider Gott. Für ihn: Daß er sein Wort gewiß halten wird; wider ihn, wenn er's nicht täte. Er hat sich selbst des Rechts begeben, welches ihm das böse Dichten und Trachten des menschlichen Herzen dazu geben könnte, seine Gnade zurück zu ziehen, und den Regenbogen als einen Zeugen gesetzt. Und so kann der Glaube allerdings Macht erhalten, zu sagen:
Die Sonne muß noch eh' von Glut und Schein
Beraubet in des Abgrunds Kluft sich senken,
Eh' ich von Jesu wird' geschieden sein,
Und eh' er nicht wird meiner mehr gedenken.
Gott hat sich selbst gebunden mit den unzerreißbaren Banden seiner Wahrheit, die er nie auflösen wird.
Haben wir denn neulich den Regenbogen insbesondere als ein sehr schickliches Zeichen betrachtet, so lasset uns jetzt vornehmlich auf dasjenige sehen, was er versiegelt, welches ja bei jedem Sakrament die beiden Hauptumstände ausmachen. Wir haben schon neulich des Guts gedacht, das der Regenbogen versiegelt, d.h. dessen Mitteilung so gewiß ist, als der Regenbogen ganz gewiß zuweilen am Himmel erschienen ist und ohne Zweifel noch ferner erscheinen wird. Dieses Gut ist zwiefach, nämlich die Erhaltung der Erde und die Ausführung der göttlichen Friedensgedanken über die Bewohner derselben.
Laßt uns mit unsrer Andacht bei diesem Gegenstande verweilen, nachdem wir zuvor die Personen bezeichnet haben, denen der Regenbogen ein Unterpfand und Siegel ist. Wir haben schon auf die Allgemeinheit dieses Sakraments aufmerksam gemacht. Noah ist es nicht allein, den es angeht, sondern zugleich seine ganze Nachkommenschaft, ja die nicht allein, sondern sogar die Tiere, welche auf Erden sind. Freilich haben die irdisch Gesinnten erbärmlich wenig davon; die Langmut Gottes trägt sie. Sie essen, sie trinken, meistens kümmerlich genug. Bekehren sie sich nicht, so gehen sie verloren, und da wär's ihnen ja besser gewesen, sie wären lieber gar nicht geboren. Diejenigen aber, welche das hohe Gut suchen, welches der Regenbogen bezeichnet, werden desselben teilhaftig, und es wird ihnen nie entzogen werden. Jeder, der den Regenbogen sieht, darf ihn als das Unterpfand des, auch namentlich mit ihm, da er ja ein Abkömmling Noahs ist, aufgerichteten Bundes betrachten, darf und soll sich dadurch zu himmlischen Begierden und zum Zutrauen zu Gott erwecken lassen.
Die Erhaltung der Erde ist das erste, was der Regenbogen zusichert. Freilich ist sie für Gott etwas leichtes und geringes. Er bedarf dazu nichts mehr und nichts weniger, als er zur Schöpfung bedurfte, nämlich seines allmächtiges Willens, und man nennt die Erhaltung deswegen sehr gottselig eine fortgesetzte Schöpfung. Aber wir sollen doch nicht so Gott vergessen und von Gott los sein, daß uns die Erhaltung auch etwas Geringes dünkt, und wir Gottes Finger darin nicht entdecken. Sie ist so notwendig, daß alles in sein voriges Nichts zurücksinken würde, wenn sie nur einen Augenblick aufhörte. Wir sprechen von einem Laufe der Natur; dies ist gar nicht unrecht. Aber gottlos ist es, wenn wir aus diesem Laufe der Natur ich weiß nicht was für eine Art von selbständiger Gottheit oder türkischem Fatum machen und also Abgötterei treiben. Was soll man davon sagen, daß dies zu meinen, wohl gar für Verstand gilt? Da mag die Schrift die Menschen in der Tat wohl unter das Vieh stellen und sagen: Ein Ochs kennet seinen Herrn, und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennet es nicht, und mein Volk vernimmt es nicht, auch nicht einmal in natürlichen Dingen. Eine solche Weltweisheit ist in der Tat nichts anders als eine sehr schimpfliche Torheit. Wie, wir sollten mit Vernunft begabt sein und uns bei den Strahlen der Sonne nicht ihres Schöpfers erinnern, auf dessen Geheiß sie zu leuchten fortfährt, nachdem sie schon 5000 Jahre Licht und Wärme gespendet hat, und es lieber ihr selbst zuschreiben, als wenn eine Lampe ohne zugegossenes Öl zu brennen vermöchte? Wir sollten die verschiedenen Jahreszeiten über die Erde hinziehen sehen, und in diesem Kreislauf der Natur nur ihn selbst, nicht aber die Weisheit seines Lenkers wahrnehmen? O, ein abscheulicher Sinn, der Gott so fern von allen Dingen hält, daß er am Ende nirgend an seinen Einfluß glaubt. Wie widerspricht derselbe der heiligen Schrift, in welcher Gott sogar Käfer, Geschmeiß und Raupen sein Heer nennt, das er schicke, und sich die Erhaltung des Grases, der Blumen und der Raben zueignet. Vielleicht geht die Unvernunft in ihrer Frechheit so weit, zu behaupten, nur auf einer sehr niedrigen Stufe der Kultur schreibe man alles Gott zu. Ist dem also, ach, wie wünschenswert wäre dann eine solche niedrige, wie abscheulich eine höhere Stufe, die am Ende gar nicht weiß, was Gott, und wozu er ist. Meinen wir, die Erhaltung verstehe sich von selbst und könne nach dem Naturlauf nicht anders sein, rauben wir also Gott die ihm gebührende Ehre, ach, wie teuer würde es uns zu stehen kommen, wenn er diesen Tribut mit Nachdruck von uns beitreiben wollte!
Die göttliche Erhaltung ist freilich nur in Absicht der Weltkörper und der Geister unmittelbar. Erhält er aber Menschen, Tiere und Pflanzen durch die Mittel der Fortpflanzung und Nahrung, so würde der doch sehr verkehrt und undankbar sein, welcher seinen Wohltäter nun dann anerkennen wollte, wenn er ihm seine Guttaten unmittelbar, nicht aber vermittelst einer andern Hand zuwendete. Soll Gott Wunder tun? Tut er sie denn nicht in Menge? Nennt ihr eine Begebenheit ein Wunder, deren Entstehung ihr nicht anders erklären könnt, als daß ihr Gottes wirken anerkennt, wie viel Wunder können wir euch zeigen, wenn ihr anders nicht so verstockt seid, des Herrn Hand in keinem Wunder zu erkennen, das nach den Naturgesetzen jährlich wiederkehrt. Wir nennen euch bloß Brot und Wein und fordern euch auf, über deren Entstehen scharf nachzudenken, ob ihr euch nicht am Ende zu dem Geständnis genötigt seht, was die ägyptischen Zauberer über den Läufen ablegen mußten: Das ist Gottes Finger. O, ihr Menschen, wollt ihr denn so undankbar sein, da ihr selbst so viel Dank und Anerkennung fordert? Ihr seid gesund, ihr lebet, ihr könnt euch bewegen, sprechen, atmen, hören, sehen, ihr habt euren Verstand, euer Gedächtnis noch. Wem verdankt ihr alle diese großen Sachen? Euch selbst? Das sei ferne! Also Gott, und wißt's ihm keinen Danke? Schämt euch eures unartigen Herzens und tut Buße, werdet andern Sinnes und seid keine Heiden, die Gott nicht preisen noch danken, sondern in ihrem Dichten eitel werden, und deren Herzen verfinstert sind. Die göttliche Erhaltung überhebet uns aller solcher Sorgen, als ob wir selbst durch unsere Klugheit und Kraft Übles entfernen und Gutes uns verschaffen müßten. In dieser Beziehung heißt es: Sorget nicht! Allerdings sollen wir von unserm Verstande und von unsern Kräften einen gehörigen Gebrauch machen und nicht so blindlings drein fahren, wie leider nur gar zu häufig geschieht, und eine sehr reiche Quelle von Armut und mancherlei Elend abgibt. Aber eben so wenig sollen wir glauben, als wären wir's selbst, die etwas ausrichten könnten. Wir dürfen, wir sollen unsere Sorgen auf ihn werfen, denn er sorget für uns.
Diese Erhaltung ist aber das Geringste, was uns der Regenbogen versiegelt. Er versichert uns auch die Ausbreitung und Erhaltung des Reiches Gottes auf Erden. Er dient allen Völkern des Erdbodens zu einem Unterpfande, daß sie zu der Erkenntnis des wahren Gottes und dessen, den er gesandt hat, Jesu Christi, gelangen sollen, so wie er der Kirche überhaupt und jedem Gläubigen insbesondere ein Siegel ihrer beständigen Erhaltung ist.
Der Regenbogen macht die Verheißung von der Ausbreitung des Reiches Gottes gleichsam sichtbar. Schon Noah betete weissagend: „Gott breite Japhet aus,“ von dem wir Europäer abstammen, „und lasse ihn wohnen in den Hütten Sems,“ welches auch dadurch erfüllt ist, daß unter uns die Erkenntnis der Wahrheit wohnt, die sonst nur bei den Nachkommen Sems, d. i. dem Juden stattfand. Dem Abraham wurde gesagt, alle Völker sollten durch ihn gesegnet werden. David betet nicht nur im 72. Psalm, daß alle seine Lande seiner Ehre voll werden mögen, sondern sagt auch: Alle Könige werden ihn anbeten, alle Heiden werden ihm dienen. Vor ihm werden sich neigen die Bewohner der Wüste. Es werden auch Völker namhaft gemacht, denen der Herr bekannt werden will, z.B. Jes. 19 die Ägypter. Denn, heißt es Vers 21, der Herr wird den Ägyptern bekannt werden, und sie werden den Herrn kennen und ihm geloben und halten, und samt ihnen werden die Assyrer, d.i. die Türken, Gott dienen. Zu der Zeit wird Israel selb-dritte sein, mit den Ägyptern und Assyrern durch den Segen, so auf Erden sein wird. Denn der Herr Zebaoth wird sie segnen und sprechen: Gesegnet bist du, Ägypten, mein Volk, und du Assur, meiner Hände Werk, und Israel, mein Erbe. Im 60sten Kapitel heißt es im Ganzen: Die Heiden werden in deinem Lichte wandeln, und die Könige in dem Glanze, der über dir aufgeht. Die Menge der Heiden wird sich zu dir bekehren, und zu dir kommen die Macht der Heiden, wie die Wolken fliegen und die Tauben an ihren Fenstern. Dein Volk sollen lauter Gerechte sein, und werden das Erdreich ewiglich besitzen, als die der Zweig meiner Pflanzung und ein Werk meiner Hände sind zum Preise. Aus dem Kleinsten sollen tausend werden und aus dem Geringsten ein mächtig Volk. Ich der Herr will solches zu seiner Zeit eilend ausrichten. Doch leset dies herrliche Kapitel selbst! Jeremias nennt namentlich Moab, Ammon und Elam, über welche Völker anderswo so harte Drohungen ausgesprochen werden, als solche, deren Gefängnis der Herr in künftiger Zeit wenden werde.
Als Vorboten erschienen bald nach der Geburt Christi jene Weisen aus Morgenland, diese geheimnisvollen, merkwürdigen Personen und Erstlinge aus den Heiden, welche kamen, den neugebornen König der Juden gleichsam im Namen aller Heiden anzubeten und ihm zu huldigen, sowie sie sehr gnädig auf- und angenommen wurden als eine gute Vorbedeutung für die ganze Menge der Heiden. Die nächste Sendung Christi in seinem prophetischen Amte beschränkte sich zwar ausschließlich auf die Juden, die er zum Salz der ganzen Erde bereiten wollte; beim Schluß seiner irdischen Laufbahn aber erteilte er seinen Jüngern den Befehl, sich von nun an nicht mehr an die Juden zu binden, sondern hinaus in alle Welt zu gehen und das Evangelium aller Kreatur zu predigen, sie dadurch zu Jüngern zu machen und sie zu taufen im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Petrus machte damit bei einem Heiden, dem Cornelius, den Anfang, wiewohl es ihm und den übrigen Christen äußerst auffallend war, daß auch Heiden an ihren Vorrechten völligen Teil haben sollten, ohne an das mosaische Gesetz gebunden zu werden. Darauf predigte insbesondere Paulus den Heiden das Evangelium, das er vorher heftig angefeindet und verfolgt hatte, und ist recht eigentlich und vorzugsweise unser Apostel, wie er sich auch nennt. Die Schüler der Apostel traten in ihre Fußstapfen, und es waren noch keine hundert Jahre nach Christo verflossen, so waren nicht nur in Asien, sondern auch in Italien, Frankreich, Spanien und England so viele Christen, daß die heidnischen Tempel leer zu werden anfingen. Unter der Regierung des Kaisers Constantin, der im dritten Jahrhundert selbst ein Christ ward, wurde die christliche Religion die herrschende im römischen Reiche. Denn dieser Kaiser begünstigte sie auf alle Weise, verschloß die heidnischen Tempel, gab den Christen Reichtum und Ehre, aber zugleich arteten sie so aus, daß ihr Gottesdienst prachtvoll, ihr Leben weltlich und die Lehre zum Gezänke wurde. Es ging dem Christentum wie manchen Pflanzen, die in ein allzu fettes Erdreich versetzt, zwar üppig ins Laub schießen, aber keine Frucht bringen, und wie den Rosen der Alpen, die in dem dürren Erdreich dieser himmelanstrebenden Berge herrlich gedeihen, ins Besseres verpflanzt, ausarten. Im achten Jahrhundert zwang Kaiser Karl der Große besonders unsere deutschen Vorfahren mit den Waffen zum Christentum, und wie gegenwärtig so manche herrliche Stiftung von England ausgegangen ist, so sandte es noch vor dem genannten Kaiser Boten des Evangelium in unsere und die nördlichen Gegenden Europas mit dem erwünschtesten Erfolg, ohne sich andrer Waffen als der Predigt zu bedienen. Was in dieser Beziehung in unsern Tagen geschieht, wenigstens versucht wird, brauche ich bloß zu erwähnen, da es genugsam bekannt ist. Was wird aber noch vor dem Ende der Welt geschehen? Ganz ungemein, fast unglaublich Großes. Vernehmt darüber einige Schriftstellen: Sie sollen mich alle kennen, beide klein und groß, spricht der Herr. Sie sollen alle ein Hirt und eine Herde werden. Die Erde wird soll werden von Erkenntnis des Herrn, wie vom Wasser des Meeres bedeckt. Doch ich habe euch schon auf Jes. 60 verwiesen und empfehle es nochmals zum vergleichenden Nachlesen. Fragen wir, durch welche Mittel dies zustande gebracht werden solle, so heißt es am Schlusse des genannten Kapitels: solches wird der Herr zu seiner Zeit eilend ausrichten. Er wird seinen Geist ausgießen über alles Fleisch, und wenn er diesen seinen Odem ausläßt, so wird die Gestalt der Erde erneuert (Psalm 104). Er wird Scharen von Evangelisten aussenden. Alle Begebenheiten werden zur Erreichung dieses Zwecks beitragen. Auch der erwachte Prüfungsgeist der neueren Zeit hat dazu beigetragen, mag er sich auch mehrenteils als Unglaube gestaltet und den Boden selbst erschüttert haben, worauf die Kirche als solche ruht, das Wort Gottes selbst, so ist dadurch doch nur der Umsturz dessen befördert worden, was ohnehin unhaltbar ist, und was nun bald ganz umfallen wird.
Gleichzeitig mit der Ausbreitung des Christentums über die ganze Erde wird auch die segnende Bedeutung des Regenbogens in seine volle Erfüllung gehen, die Pauls Röm. 8 also ausdrückt: Das ängstliche Harren der Kreatur wartet auf die Offenbarung der Kinder Gottes, sintemal sie auf Hoffnung wider ihren Willen der Eitelkeit unterworfen ist und frei werden wird von dem Dienste des vergänglichen Wesens zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn alle Kreatur sehnet sich mit uns und ist in Geburtswehen. Um davon doch etwas zu nennen, so redet das Wort Gottes von Hundertjährigen als von Kindern, woraus man schließen möchte, daß in jener glücklichen Zeit ein Alter wie vor der Sündflut werde erreicht, wo nicht gar der Tod ganz aufgehoben werden. Es wird keine Verletzung auf dem ganzen Berge Zion sein, also alle Krankheiten aufhören. Der Teufel wird aller seiner Macht beraubt, keinerlei Unheil mehr stiften. Kriege werden nicht mehr geführt werden, und die Kriegskunst mit allem, was dazu gehört, wegfallen. Die Schlangen werden ihr Gift verlieren, und kleine Kinder, die von ihren Müttern ohne Schmerzen geboren sind, mit ihnen hantieren und spielen. Den reißenden Tieren wird ihre Wildheit benommen werden, so daß Wölfe und Schafe friedlich nebeneinander gehen, und ein kleiner Knabe Bären und Kühe mit seinem Stecken regieret, die Löwen aber Gras fressen wie Ochsen. Eine patriarchalische Lebensweise wird eintreten, und man sich gegenseitig unter seinen Weinstock und Feigenbaum einladen. So redet die Schrift. Wir geben es zu, daß diese Stellen von manchen bloß aufs Geistliche gedeutet werden, welches jedoch nicht ohne Zwang angeht. Wir wollen auch nichts festsetzen oder aufdringen. So viel aber ist gewiß, daß die Wirklichkeit die Erwartung weit übertreffen wird. Dünkt dies jemand unwahrscheinlich, ja unglaublich, so ist das nicht zu verwundern. Aber wie sehr wären wir, wären insbesondere die wegen ihres Heils verlegenen Seelen zu beklagen, wenn alles das, was unwahrscheinlich und unglaublich wäre, auch nie zur Wirklichkeit käme. Wie unwahrscheinlich und unglaublich ist, ich will nicht sagen die Auferstehung des Leibes, sondern ist die Vergebung der Sünden, ist die vollkommene Reinigung des Herzens von allem Sündlichen und die gänzliche Erneuerung desselben nach Gottes Bilde, ist die Tüchtigmachung zu dem Erbteil der Heiligen im Lichte, ist es selbst, daß ein bekümmerter, geängsteter, angefochtener Christ getrost, beruhigt, freudig werde, daß er in dem geistlichen Streite nicht unterliege, sondern alles wohl ausrichte und das Feld behalte. Mag aber eine Sache noch so schwierig, unwahrscheinlich und unglaublich, ja unmöglich erscheinen, ist sie aber im Worte Gottes begründet, von Gott gesagt, verheißen und versprochen, so sollen wir sie um so mehr und fester glauben, je schwieriger dies ist, um Gott eben dadurch als den Wahrhaftigen zu ehren und zu glauben, wo wir's nicht, oder gar das Gegenteil sehen. Wenn daher Gott Sach. 8 dem Jerusalem, welches damals in sehr kümmerlichen Umständen sich befand und sich kaum wieder aus der babylonischen Gefangenschaft und Zerstörung erhub, große Dinge verspricht, so sagt er zugleich: Dünket euch das unmöglich, sollte es deswegen auch unmöglich sein vor meinen Augen, spricht der Herr der Heerscharen. Und wie wollten wir in den dunklen Wegen des Herrn irgend zurechtkommen, wenn wir dies nicht für ausgemacht anerkennten, wie würden wir uns unaufhörlich aufhalten und verwirren, wenn wir unser kleines Maß an die Worte Gottes legen und die Meßschnur unserer Meinung über dieselben ziehen wollten. Wie vieles ist nicht schon geschehen, das man für nicht wahrscheinlich hätte halten können! Wir Deutschen sind jetzt eine der gebildetsten Nationen in Europa, aber Hieronymus wundert sich im vierten Jahrhunderte zum höchsten über die Nachricht, daß auch das barbarische Volk der Deutschen sein Ohr dem Worte Gottes öffne. Und was erleben wir in unsern Tagen an dem Missionswerk! Mögen es auch nur Anfänge sein, so sind es doch Anfänge, die man vor wenig Jahrzehnten noch nicht ahnte, und Anbahnungen, die Großes weissagen. Glaubet nur aufs Allergewisseste und zweifelt nicht, was Gott zugesagt hat, das will, das kann, das wird er gewißlich tun. Herr, stärke uns den Glauben!
Jedoch die Erwartungen mögen so glänzend sein, wie sie wollen, sie mögen sich selbst schon in dieser Welt bis zu einem erstaunlichen Gipfel verwirklichen und in jener Welt ihre ganze Fülle erreichen, so werden doch keine anderen zu dem wirklichen Besitze dieser Herrlichkeit gelangen als diejenigen, welche durch die enge Pforte der Buße zum Leben eingehen. Darnach ringet denn vor allen Dingen! Begnüget euch nicht mit den irdischen Wohltaten, welche der Regenbogen auch für die kleine Spanne des gegenwärtigen Lebens zusichert, sondern werdet auf eine heilige Weise ungenügsam, so daß ihr mit nichts geringerem vorlieb nehmen wollt, als mit der ewigen Herrlichkeit, die Gott bereitet hat denen, die ihn lieben, und worauf dies schöne Meteor hauptsächlich hindeutet. Seid ihr durch diese enge Pforte auf den schmalen Weg gelangt, so glaubet dann, und, wenn es so sein soll, selbst auf Hoffnung, wo nichts zu hoffen ist, bis sich das Glauben in Schauen verwandelt, und ihr davontragt das Ende des Glaubens, der Seelen Seligkeit! Amen.