Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XL. Die Geißelung.
„Mehr schmerzt das Scheiden nicht von Seel’ und Leib, als Größe, die uns abfällt.“
Dies, Geliebte, das Geständnis eines hochgepriesenen Dichters, wie treffend, und von wie tiefer Menschenkenntnis zeugend ist dieser Ausspruch! Ja, wenn irgendein Wort weithin in der menschlichen Gemütswelt wiederklingen wird, und der allgemeinsten - ob auch nicht immer eingestandenen Zustimmung gewiss sein darf, dann dieses. Sagt mir, was uns so stechenden Gram verursacht, und so tief uns darnieder beugt, als die Wahrnehmung, dass unser Ruhm zu welken, unser Ansehen unter den Menschen zu erbleichen anhebt, und unser Einfluss auf sie im Schwinden begriffen ist? Nicht will ich's in Abrede stellen, dass sich in diesem Schmerze noch etwas von dem hohen Bewusstsein des einstigen Königs, der in uns geschaffen war, kund gibt; aber freilich des später gefallenen Königs, der dem Gelüste in seinem Herzen Raum gab, nicht in und unter, sondern neben Gott zu glänzen und zu herrschen, und der in Folge dieser rebellischen Selbstüberhebung seiner ursprünglichen Würde und Herrlichkeit verlustig ging. Ob Gott der Herr groß sei, oder nicht, das kümmert uns wenig, wenn wir’s nur sind. Die Verdunkelung des Glanzes Seines Namens ertragen wir leicht; nur nicht diejenige des unsern. Ja, wir könnten gelassen den Herrn aller Herrn vom Throne stürzen sehen, hübe man statt seiner uns darauf. Unserem natürlichen Herzen liegt nichts so fern, wie die Gesinnung, die sich in dem bekannten Worte des Täufers aussprach: „Ich muss abnehmen, Er aber muss wachsen;“ und in nichts weniger ist dasselbe geneigt, mit einzustimmen, als in das Davidische (1 Chron. 30, 11): „Dir Herr allein gebührt die Majestät, und Gewalt und Herrlichkeit, Sieg und Ruhm!“
— Die beschriebene Sinnesweise ist aber Gott ein Gräuel, „Den Arm der Hoffärtigen,“ ruft er uns zu, „will ich zerbrechen;“ und an einem andern Orte: „Die Augen der Stolzen sollen erniedrigt werden!” Jesaias spricht: „Der Tag des Herrn wird gehen über alle Hoffärtigen;“ und Salomo: „Des Menschen Hochmut wird ihn stürzen.“ Sind dies leere Worte? Nein, sie sind es nicht, Angesichts unseres heutigen Evangeliums werden wirs aufs Neue inne werden; denn hier kommt „der Tag des Herrn“ über den Menschen, den „mehr nicht Scheiden schmerzt von Seel’ und Leib, als Größe, die ihm abfällt,“
Matth. 27, 27—30. Markus 15, 16—19. Joh. 19, 1—3.
„Da nahmen die Kriegsknechte des Landpflegers Jesum zu sich, und führten ihn hinein in das Richthaus, und sammelten über ihn die ganze Schar. Da nahm Pilatus Jesum und geißelte ihn, Und die Kriegsknechte zogen Jesum aus, und legten ihm einen Purpurmantel an, und flochten eine Dornenkrone, und setzten sie ihm auf sein Haupt, und ein Rohr in seine rechte Hand, und beugten die Knie vor ihm und spotteten ihn, grüßten ihn und sprachen: Gegrüßt seist du, der Juden König! und gaben ihm Backenstreiche, und spien ihn an, und nahmen das Rohr, und schlugen damit sein Haupt, und fielen auf die Knie, und beteten ihn an. “
Der Weg des „Heiligen in Israel“ verliert sich in immer tieferes Dunkel. Das Nachtstück seiner Passion geht aus der Sphäre des Tragischen in die des Grauenhaften und Entsetzlichen über, Seine Marter steigert sich zur Tortur; die ihm zugefügte Schmach zur Infamie; und das Jesajanische: „Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg,” wird zur vollsten Wahrheit, Wir kommen heute zu einem Akte, der uns das Blut in den Adern erstarken machen könnte, Die Geißelung ists, und die damit verbundene Dornenkrönung des Gerechten. Wir treten dem erschütternden Auftritte näher, und nachdem wir Denselben in seinem geschichtlichen Verlaufe angeschaut, vertiefen wir uns in das Geheimnis, das er in sich birgt, Führe uns der Geist des Herrn in alle Wahrheit, und lehre er uns auch da mit dem Glauben weiter vorwärts dringen, wo die Vernunft den Markstein aufgerichtet sieht, bei dem sie umzukehren genötigt ist!
Nachdem auf Gabbatha die verhängnisvolle Wahl getätigt, und dem Gerechten das Los des Mörders gefallen ist, wird ersterer für eine Weile dem Anblick des Volkes wieder entrückt, indem er der bewaffneten Schergenrotte preisgegeben, und von dieser unter wilden Wutausbrüchen wie ein Schlachttier in den inneren Hofraum des römischen Palastes abgeführt wird. Dorthin folgen wir ihm, wenngleich mit Widerstreben; aber wir sollen’s mit anschauen, — Gott will es so, - was dem großen Bürgen unsere Wiederbringung und Erlösung gekostet hat. Was begibt sich? Ein Akt, dessen Anblick Nerven von Stahl und Eisen zerreißen könnte, und bei dem uns ein Gefühl beschleicht, als sei es ungeziemend, ja Sünde, ihm mit unverhülltem Auge zuzuschauen.
Seht dort den Pfahl, schwarz von Mörder- und Rebellenblut. Die Halseisen, die daran befestigt sind, sowie die Stricke, die in eisernen Ringen an ihm herunter hangen, bezeichnen zur Genüge seine grässliche Bestimmung. Beschaut euch die rohen, wüsten Gesellen, die wie blutdürstige Hyänen in Menschengestalt, geschäftig ihn umgeben. Bemerkt die tierische Gemeinheit in ihren Angesichtern, und in ihren Fäusten die fürchterlichen Instrumente. Geißeln sind's mit Hunderten von ledernen Riemen, deren jeder einzelne an seiner Spitze mit einem angelartigen knöchernen Haken oder einem scharfkantigen Würfel bewaffnet ist. „Aber dieses Foltergeräte doch nicht für den Herrn?“ ruft ihr erschrocken. Ja, Freunde, für keinen Anderen, als für ihn, den Augapfel des lebendigen Gottes!
Man sollte freilich denken, dass es bis zu solcher Erniedrigung weder mit ihm kommen könne, noch dürfe; sondern dass der ganze Himmel hindernd dazwischen treten müsse, oder die Welt darüber zu Grunde gehen werde. Aber es kommt dazu, und weder legt der Himmel Protest dawider ein, noch sinkt die Welt darum in Trümmer.
- Seht, seht, die Exekution nimmt ihren Anfang. Großer Gott! welch ein Schauspiel! Wie eine Rotte von Teufeln fallen die Henker über den Heiligen her, reißen die Kleider ihm vom Leibe, binden ihm die Hände, die je und je nur zum Wohltun sich ausgestreckt, knebeln sie ihm auf dem Rücken zusammen, pressen sein holdseliges Angesicht fest gegen den Schandpfahl, und nachdem sie ihn dergestalt mit Stricken umwunden haben, dass er sich nicht mehr regen noch bewegen kann, gehen sie an ihre grauenhafte Arbeit. O, mutet mir's nicht zu, dass ich, was jetzt sich ereignet, bis ins Einzelne euch vor Augen male. Zu entsetzlich ist der Vorgang. Meine ganze Seele erbebt und zittert. Verlangt nicht, weder, dass ich die Streiche euch vorzähle, die es jetzt auf die heiligen Glieder Immanuels regnet, noch die Qualen euch schildere, die, mit jedem Schlage wachsend, in anderen Fällen dieser Art schon hinreichend waren, die unglücklichen Sträflinge noch vor der förmlichen Hinrichtung, der diese Geißelung voranzugehen pflegte, zu Tode zu bringen, oder doch das Gehirn ihnen zu verwirren. Es genüge euch, zu wissen, dass die schrecklichen Peitschen, in der ersten Viertelstunde wenigstens, nicht wieder zur Ruhe kamen. Schon fließt des Gerechten Blut in Strömen. Was tut's? Es wird ohne Erbarmen fortgeschlagen. Schon ermüden die Arme der geißelnden Wüteriche. Was hat's zu bedeuten? Neue Peiniger lösen die Ermatteten ab. Es ist schon kein Nerv mehr an dem göttlichen Dulder, der nicht in namenlosem Weh und Schmerze zuckte. Aber dass also ihm geschehe, darauf ist's ja eben abgesehen. In die erste Wunde wird eine zweite, eine dritte eingegeißelt; fast bis ins Mark dringen die zerfleischenden Rutenspitzen. Aber so will man es gerade, so und nicht anders. Kein Fleck soll an dem heiligen Leibe heil und unverwundet bleiben. Jeder neue Blutstropfen, der den aufgerissenen Adern entquillt, fällt wie ein Tropfen nährenden Öls, nicht in das Feuer des Mitleids, das diese Menschen nicht kennen, sondern in das ihrer teuflischen Wut und ihres tierischen Blutdurstes; und was sie zu Anfang noch mit einer Art von Feierlichkeit und einem gewissen Ernste verrichteten, verrichten sie im Fortgange, nachdem sie den letzten Rest von Menschlichkeit in sich erstickt, wie ein lustiges Spiel, mit jubelnder Schadenfreude.
Und kein Donner aus der Höhe erschlägt die verruchten Buben. Kein Abgrund tut sich unter dieser Korahrotte auf, sie zu verschlingen. Fürwahr! entweder muss kein Gott, kein Rächer der Unschuld im Himmel wohnen, oder (wie oft schon sahen wir zu dieser Alternative uns gedrängt!) - mit der Passion unsres Herrn hat es eine ganz außerordentliche, tief geheimnisvolle Bewandtnis!
Nachdem der erste Schauerakt vollzogen ist, folgt ihm ohne Verzug ein zweiter, der jenen fast an Schrecknissen noch überbietet. Man bindet den von Todespein durchzuckten Dulder von der bluttriefenden Säule wieder los; aber nur, um ihn in eine neue Marterglut hinabzutauchen. Die materiellen Ruten haben ihre Dienste getan; jetzt werden aufs Neue die geistigen des bittersten und ausgesuchtesten Spottes wider ihn in Bewegung gesetzt. Gegen sein Königtum richtet sich jetzt der Hohn, wie bei einer früheren Misshandlung gegen seine Prophetenwürde. Ein abgetragener Purpurmantel, einst die Bekleidung eines römischen Kohortenführers, wird herbeigebracht. Diesen wirft man ihm über den von tausend Wunden durchfurchten Rücken, und weiß sich vor Freude nicht zu lassen über diesen, wie man meint, so witzigen und sinnreichen Einfall. Hierauf bricht man Zweige von einem mit langen, spitzen Nadeln bewehrten Stechdornbusche, und flicht sie zu einem Kranz zusammen, den man Ihm als Krone auf das heilige Haupt drückt. Um aber das Bild des Spottköniges zu vollenden, gibt man ihm als Zepter einen Rohrstab in die Hand, und führt dann, nachdem man ihn also ausstaffiert, unter gellendem Gelächter eine sarkastische Huldigungsszene vor ihm auf. Die Elenden neigen sich mit erheuchelter Ehrerbietung vor dem Vermummten, beugen ihm ihre Knie, und schreien ein um das andere Mal, damit die Posse vollkommen sei: „Gegrüßt seist du, der Juden König!“ Doch lange währt es nicht, da sind sie auch dieses gräulichen Spiels wieder überdrüssig, und lassen aufs Neue den Spaß in den furchtbarsten Ernst sich verkehren. Mit satanischer Frechheit treten sie vor den Verhöhnten hin, grinsen ihn unter den scheußlichsten Grimassen an, speien ihm gar ihren Unflat ins Angesicht; und, um das Maß der Schrecken voll zu machen, entreißen sie ihm hierauf den Stecken, den sie ihm in die Hand gelegt, und schlagen ihn damit ein um das andere Mal dergestalt auf das dorngekrönte Haupt, dass die Stacheln des grausigen Kranzes tief in den Schädel dringen, und das Angesicht des leutseligen Sünderfreundes über und über in hellem Blute schwimmt. Großer Gott! welch ein Auftritt! Schauer ohne Beispiel, ohne Namen!
2.
Brüder! wie bringen wir diese himmelschreiende Begebenheit mit dem Walten eines gerechten Gottes in Einklang? Es muss ihr ein großes Geheimnis zum Grunde liegen; oder unser Glaube an eine höhere sittliche Weltordnung hat seine letzte Stütze verloren. Und freilich trägt der blutige Vorgang ein erhabenes Geheimnis in seinem Schoße. Müsst ihr doch selbst schon gewittert haben, dass die Beziehungen jener Szene bis zu den Anfängen der Menschheitsgeschichte zurückgehen. Ja, ward euch nicht mitunter, als säht ihr statt des Herrn Jesu den Urvater Adam vor euch stehen, wie er den im Paradiese begangenen Frevel büße? Wisst aber, dass ihr in den Momenten, da solch' Gesicht an eurem inneren Auge vorüberging, in der Tat der einzig richtigen Deutung des großen rätselhaften Vorgangs auf der Spur wart. Ja, glaubt es, dass der Garten Eden und der Hofraum des römischen Prätoriums in der Geißelungs- und Dornenkrönungsszene näher zusammenrücken, als man auf den ersten Anblick denken sollte. Schulden, in Eden gehäuft, werden hier abgetragen; Sünden, dort begangen, werden hier gebüßt.
Gedenkt an das zurück, wodurch der Erstling unsres Geschlechts sich und seine Nachkommen ins Verderben stürzte. Er, der so überschwänglich reich von Gott gesegnet war, ließ nichtsdestoweniger sich der verbotenen Frucht gelüsten, und genoss sie. Er, aufs schönste mit seines Gottes Huld geschmückt, ließ an diesem Schmuck sich nicht genügen, sondern streckte seine Hand nach einer Krone aus, die ihm nicht zukam. Nicht Gottes Diener wollte er mehr sein, sondern selbst wie Gott. Nicht gab er sich zufrieden mit dem Herrscherstabe, der ihm als dem Herrn der Erde und aller irdischen Kreatur verliehen war, sondern trachtete gewissermaßen nach dem Zepter des Allmächtigen selbst. Nach Unabhängigkeit von dem Herrn im Himmel, nach dem Rechte unbedingter Selbstbestimmung, ja, nach unbeschränkter Freiheit von jeglichem Gesetze, das er sich nicht selbst gegeben, ging sein keckes Gelüst. „Selbständigkeit“ hieß die Losung, die er in sein Fähnlein schrieb. Ein König begehrte er zu sein; aber nicht, wie er es sein sollte, unter Gott, sondern ein König souverän und unabhängig wie Gott selbst, ein Selbstherrscher, dessen egoistischem Willen Alles sich beuge.
In dieser seiner Herzensrichtung lag aber der entschiedenste Abfall von Gott; und wehe uns, dass dieselbe sich dem Keime nach wie ein geheimes Gift auf uns Alle übertragen und vererbt hat! Wer will es wagen, von ihr sich frei zu sprechen? Wer fühlt nicht in sich jene Gesinnung tagtäglich in tausendfältigen Formen ihre Blüten und Früchte treiben? Streben wir nicht alle von Natur, wie ein Heide dies schon erkannte, „immer nach dem Verbotenen?“ Ist's nicht unser Ich, das wir statt Gottes auf den Thron erheben möchten, und dessen Verherrlichung uns ungleich mehr, als diejenige unseres Schöpfers am Herzen liegt? Begleitet uns nicht auf Schritt und Tritt das hochmütige Gelüste, als kleine Götter uns selbst unsere Lebensbahnen vorzuzeichnen; und bringen wir nicht Alle die empörerische Neigung mit in die Welt, das Gesetz Jehovas zu umgehen, und statt seiner willkürlich unser eigenes uns zu machen?
O freilich ist dem so! Wir tragen samt und sonders die Ebenbildlichkeit unseres gefallenen Urahns in uns; und wollen wir hiervon nicht wissen, so beurkunden wir ja dadurch eben nur wieder den uns angestammten Hochmut, und die innere Verfinsterung, der wir verfallen sind.
Sagt mir nun, was nach eurem Urteile dem Adam für sein lüsternes Auslangen nach der verbotenen Frucht und für seinen frevelhaften Eingriff in Gottes Recht gebührte? „Mindestens“, denkt ihr, „die Geißel, statt sinnlichen Wohlbehagens, eine Dornenkrone, statt des begehrten Diadems, und statt des ersehnten Purpurs, ein Spottgewand!“ - Ihr habt recht gerichtet! Schaut nun nach dem Hofraum des römischen Palastes, und überzeugt euch, dass dieses Alles, dessen ihr ihn wert erachtet, dort wirklich ihm zu Teil wird. „Ihm?“ fragt ihr stutzend. „Wem doch? - Unserm Ältervater Adam?“ Keinem anderen, als diesem, und in ihm uns, seinem Samen. Ja, hier schaut ihr den vermessenen Lüstling, den strafbaren Insurgenten1) und Kronräuber des Paradieses. Nur begegnet er euch hier nicht persönlich, aber vertreten durch den, der als „anderer Adam“ die Schuld des ersten Adams auf sich nahm. Der haftet, der büßt hier für letzteren.
- Seht, dies ist der geheimnisvolle Kern jenes blutigen Auftritts. Hinweg darum mit allem falschen Empfindeln! Hinweg mit der einseitigen und eigenliebigen Entrüstung wider die rasenden Folterknechte! Abgesehen noch davon, dass wir dem innersten Wesensgrunde nach von Natur nichts besser sind, als sie, sind sie unbewusst nur Werkzeuge in der Hand des vergeltenden Gottes. Was Christo widerfährt, widerfährt uns in ihm, die er vertritt. Auf unseren alten Menschen, den Lüstling, den Fleischesknecht, den hochmütigen Rebellen wider Gott, fallen die Streiche, die jener leidet. Wir empfangen hier, was unsere Taten wert sind; und nun sagt, ob ihm zu viel geschieht? O, es verpaare sich in uns mit dem Schauder, der beim Anblick des Marterlammes uns ergreift, zugleich das gründlichste Selbstgericht, die tiefste Anbetung der unausforschlichen Weisheit und Erbarmung Gottes, und eine jauchzende Freude über die herrliche Vollführung seines Gnadenrats! In Jesu Wunden brennt unsere Hölle aus; auf Jesu Seele verlodert unser Fluch; im Blute Jesu verlöschen unsere Schulden. Das Schwert des heiligen Gottes-Zornes musste über uns geschwungen werden; und ist die Schrift nicht eine große Lüge, und die Drohung des Gesetzes nicht ein leeres Schein- und Spielwerk nur, und Gottes Gerechtigkeit kein Wahn, und kein Hirngespinst seine Wahrheit: dann ist nichts so ausgemacht, als dass von allen den Millionen sündiger und todesschuldiger Menschen, die je die Erde betraten, keiner, auch nicht ein einziger, jenem Schwerte entronnen wäre, wenn der Sohn Gottes nicht gesprochen hätte: „Das Schwert treffe mich! Ich zahle für die Schuldner!“ Er sprach aber so. Da donnerte es über ihm in den Wolken, da brandete in hohen Wogen das Angstmeer zu ihm empor, da goss die Hölle all' ihre Foltern und Qualen über ihn aus, - und der Himmel - regte sich nicht, sondern schwieg. Was war dieses Alles? Nichts, als das uns Sündern zugedachte Los. Seitdem aber jenes sich zugetragen, sind die Kreuze, die uns errichtet waren, gefällt, die Pranger, die uns forderten, zurückgenommen, die Geschosse, die wir auf uns gerichtet sahen, demontiert; und aus der Königsburg des Herrn Zebaoth grüßt uns arme Wanderer auf Erden die weiße Friedensfahne.
Ja, Freunde, die Sache verhält sich wirklich so, wie sie ein alter Kirchenlehrer sinnig uns beschreibt. Adam war ein König, herrlich geschmückt, und ausersehen, dass er herrsche. Die Sünde aber entthronte den Hochgestellten, und brachte ihn um Purpur, Diadem und Zepter. Nachdem ihm aber über das, was er eingebüßt, die Augen aufgegangen waren, und als er nun den suchenden Blick zur Erde wandte, ob er das Verlorene wiederfände, da starrte, wo die Krone ihm vom Haupte sank, wildes Dorngestrüpp ihm entgegen; das Zepter hatte sich, gleichsam dem gefallenen Könige zum Hohn, in ein morsches Rohr für ihn verwandelt, und statt des Herrschermantels hub die getäuschte Hand ein Spottgewand vom Staub der Erde auf. Trauernd senkte der arme Betrogene sein Haupt. Da rief eine Stimme: „Schaue auf!“ Und wie er emporsah, siehe, welche Erscheinung stellte sich da dem Überraschten dar! Vor ihm stand ein hehrer, geheimnisvoller Mann, der hatte jene stechenden Dornen vom Boden aufgerafft und sie als Krone um sein Haupt geflochten, und hatte sich selbst in das Kleid des Hohns gehüllt, und den Rohrstab, dies Sinnbild der Ohnmacht, in die eigene Hand genommen. „Wer bist du, wunderbares Wesen?“ fragte stutzend der Ahnherr des menschlichen Geschlechts, und erhielt den herzentzückenden Bescheid: „Ich bin der König aller Könige, der, mittlerisch eintretend in dein Los, die eingebüßten paradiesischen Kleinodien dir zurückbringt!“ Da beugte sich der glückliche Altvater dankgerührt und ehrfurchtsvoll zum Staube, und ahnte nun die Tiefen des einst nach erfahrener Bekleidung mit dem Felle des Opfertiers vernommenen Jehovahwortes: „Adam ist geworden wie unser Einer!“
Ein Gleichnis hab' ich euch erzählt; aber ein solches, das auf geschichtlichem Grunde ruht. Denn in der Tat hat der große Tausch, den Christus mit uns eingegangen, der Anwartschaft und dem Rechte nach uns in den Vollbesitz der paradiesischen Herrlichkeit wieder eingesetzt. Und ich sage euch, dass wir das Maß der uns zustehenden Befugnisse mitnichten überschreiten, wenn wir die trutzig freudigen Worte des christlichen Sängers zu den unseren machen:
Christi Schmach ward meine Ehr,
Christi Not mein eigen;
Was doch kann mich schrecken mehr,
Bin ich Christi eigen?
Fluch? — Mein Fluch hat ihn erwürgt!
Tod? — Er droht vergebens!
Christi Dornenkranz verbürgt
Mir den Kranz des Lebens. — Amen.