Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XXXVI - Christus vor Herodes.
Wäre die heilige Passionsgeschichte eine Dichtung, so würde sie als solche das größte psychologische Rätsel unter dem Himmel sein. Denn in allen seinen Zügen erscheint das Verhalten Jesu auf seinem Martergange als ein so ursprüngliches, einzigartig eigentümliches, und außer aller Linie des menschlich Berechenbaren liegendes, dass es schlechthin unbegreiflich bliebe, wie ein Menschengeist dasselbe ohne Anlehnung an die Wirklichkeit habe erfinden können. Was der Heiland Matth. 26, 31 seinen Jüngern zurief: „Ihr werdet euch alle an mir ärgern“, das hat Er zu der menschlichen Natur überhaupt gesagt. Nur stutzend folgt die Vernunft dem Herrn auf Schritt und Tritt, und weiß sich bei der ersten Begegnung fast nirgends in Ihn zu finden. Die dichtende Phantasie würde Ihn wohl nur in sehr seltenen Fällen so haben handeln und sich benehmen lassen, wie die Geschichte Ihn handeln lässt. Dadurch aber, dass die Geschichte so schnurstracks allem menschlichen Vermuten und Voraussehen zuwiderläuft, gewinnt sie von Zug zu Zug einen überraschenden und befremdlichen Charakter, in dem sich uns jedoch nur der Stempel ihrer historischen Wahrheit kenntlich macht.
Unser heutiger Passions-Abschnitt wird uns das eben Bemerkte neu bestätigen. Wie so gar anders würde die Szene im Palaste des Herodes unter den Händen des dichtenden Geistes sich gestaltet haben, als sie im Gemälde des Evangeliums uns entgegentritt!
Luk. 23, 5-12.
Sie aber hielten an und sprachen: Er hat das Volk erregt, damit dass er gelehrt hat im ganzen Jüdischen Lande, und hat in Galiläa angefangen bis hierher. Da aber Pilatus Galiläa hörte, fragte er, ob derselbe aus Galiläa wäre. Und als er vernahm, dass er unter Herodis Obrigkeit gehörte, übersandte er ihn zu Herodes, welcher in denselbigen Tagen auch zu Jerusalem war. Da aber Herodes Jesum sah, ward er sehr froh, denn er hätte ihn längst gerne gesehen, weil er viel von ihm gehört hatte, und hoffte, er würde ein Zeichen von ihm sehen. Und er fragte ihn mancherlei. Er antwortete ihm aber nichts. Die Hohenpriester aber und Schriftgelehrten standen und verklagten ihn hart. Aber Herodes mit seinen Kriegsleuten verachtete und verspottete ihn, legte ihm ein weißes Kleid an, und sandte ihn wieder zu Pilato. Auf den Tag wurden Pilatus und Herodes Freunde mit einander, denn zuvor waren sie einander feind.
Vor den Schranken des dritten Gerichtshofes begegnet uns heute der Herr. Ein Schmelztiegel nach dem andern nimmt ihn auf; doch nur, damit der lautere Goldgrund seines Wesens immer deutlicher zu Tage trete. Und wie helle strahlt derselbe in die Erscheinung! Man darf hier mit Jeremias sagen: „Der Blasebalg ist verbrannt, und das Scheideblei vom Feuer verzehrt;“ aber keine Schlacke, sondern nur edler und immer edlerer Kern taucht zu Tage. Ein Dreifaches rückt unser heutiges Passionsevangelium uns in den Blick: einen Weltspiegel, eine lodernde Opferflamme, und eine Verherrlichung Jesu wider Willen derer, die sie vollziehen. Lasst uns eins nach dem andern näher ins Auge fassen; und gefalle es dem Heiligen Geist, auch in unserer heutigen Betrachtung eine Quelle der Glaubensstärkung uns zu eröffnen!
1.
Des Pilatus so unzweideutige und bestimmte Bezeugung: „Ich finde keine Schuld an diesem Menschen!“ hat unter den Verklägern Jesu seine Wirkung nicht verfehlt. Wie angedonnert stehen sie da und verkennen nicht die Gefahr, welche dem Ausgang ihres ganzen Handels drohe. Hielt Pilatus den angeschlagenen Ton richterlicher Entschiedenheit männlich durch, so konnte es nicht fehlen, dass in einem großen Teile der versammelten Volksmenge das gewaltsam gebundene und niedergehaltene Rechtsgefühl die ihm angelegten Fesseln sprengte, und Christus, vielleicht unter Bewegungen, die für die Hohenpriester und Oberen sehr bedenklich werden konnten, in Freiheit gesetzt, ja, mit neuen Hosiannajubeln gefeiert wurde. Solcher Wendung der Dinge mussten die Feinde mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln entgegen wirken. Die Häupter des Volkes erheben darum aufs Neue ihre verklagende Stimme; aber wie sie sich auch einander überschreien, so gerät's ihnen doch nicht, die Verlegenheit, in der sie zappeln, ganz zu verbergen. Ihre Beschuldigungen, obwohl noch lauter und lärmender ausgestoßen, denn zuvor, tragen unverkennbar schon die Spuren ihres sinkenden Mutes an sich. Anstatt den Herrn, wie früher, geradezu zu einem Aufrührer und Hochverräter zu stempeln, stimmen sie, wohl fühlend, dass sie mit so plumpen Anklagen den gewünschten Anklang nicht mehr finden würden, und von der Notwendigkeit überzeugt, tatsächliche Belege beibringen zu müssen, ihre Beschuldigung auf die unerhebliche Aussage herab, er habe durch sein Lehren, womit er in Galiläa angefangen, und das er dann durch das ganze Jüdische Land fortgesetzt habe, das Volk erregt.
Wie leicht wäre es dem Pilatus gewesen, durch eine rasche und kluge Benutzung dieses günstigen Moments seinen Verklagten, und mit ihm sich selbst und das eigene Gewissen siegreich zu retten. Er brauchte nur, um die schon mehr als halb geschlagenen Feinde ganz zu verwirren und zu entwaffnen, ihnen kräftig zuzurufen: „Wie fein hebt ihr schon an, eure schamlosen Verdächtigungen zurückzunehmen und euch selbst das Brandmal nichtswürdiger Lügner an die Stirn zu drücken!“ Es hat aber die Furcht in dem armen Manne schon einen solchen Grad der Stärke erreicht, dass sie ihn des freien Gebrauchs seiner Verstandeskräfte beraubt und ihm die ärgsten Streiche spielt. In dem blinden Lärm, in welchem sich nichts als die verzweifelnde Ohnmacht der Widersacher kundgibt, wähnt er wer weiß, was für ein neues Ungewitter über sich herauf grollen zu hören; und wie ist er froh, als ihm die Erwähnung Galiläas seiner Meinung nach die Aussicht auf einen neuen Blitzableiter eröffnet. „Aus Galiläa ist euer Delinquent?“ fragt er hastig; und nachdem man ihm diese Frage bejaht hat, ruft er mit der Freude eines Schiffers, der nach langer stürmischer Irrfahrt endlich Land entdeckt: „Dann gehört er unter Herodis Obrigkeit!“ Unverzüglich erteilt er Befehl, dass man Jesum diesem, der sich des Festes wegen glücklicherweise gerade in Jerusalem befand, gebunden zuführe; und nicht anders, als wäre ihm ein Gebirge vom Herzen gewälzt, ist ihm zu Sinne, als er den unbequemen Mann im Geleite der Hohenpriester, der Waffenknechte und des nachdrängenden Volkes wirklich abziehen sieht.
Den Herodes Antipas, den Vierfürsten von Galiläa, kennen wir. Er ist derselbe elende und charakterlose Lüstling, der, nachdem er seine Gemahlin, eine Tochter des arabischen Königs Aretas, verstoßen hatte, und mit seines Halbbruders Herodes Frau, der Herodias, die bekannte blutschänderische Verbindung eingegangen war, auf Andringen der letzteren den Täufer Johannes, der ihm im Namen Gottes sein verbrecherisches Verhalten vorgehalten hatte, im Gefängnis enthaupten ließ; aber diese Blutschuld fortan damit büßen musste, dass er unter den Geißelschlägen seines Gewissens Gespenster sah, und, da er von Jesu und dessen Taten hörte, sich's nicht ausreden ließ, dieser Wundertäter sei der von ihm gemordete, aber von den Toten wieder auferstandene Johannes. Sadduzäer seiner Richtung nach, ja Heide mehr, als Israelit, und ganz dem Sinnengenuss ergebener Weichling, war er nichtsdestoweniger, wie diese Züge häufig in ein und denselben Persönlichkeiten zusammentreffen, schnöder Gewalttat nicht abgeneigt, und der raffiniertesten Grausamkeiten fähig. Lukas meldet von ihm, er habe viele „böse Dinge“ getan; und das einzige Wort durchbohrender Ironie, das über die Lippen des Sünderfreundes ging, galt diesem elenden, in allen Künsten der Verstellung und der Heuchelei so wohl geübten Fürsten. Als nämlich eines Tages ein Haufen Pharisäer zu Jesu trat, sprechend: „Hebe dich hinaus aus Galiläa, und zeuch von hinnen, denn Herodes will dich töten!“ merkte der Herr sofort, dass er in diesen scheinbar wohlwollenden Ratgebern nur Abgeordnete eben dieses Herodes vor sich sehe, der, weil er gewaltsame Hand an ihn zu legen nicht Mut genug besaß, ihn nun durch leere Drohungen aus seinen Grenzen zu entfernen hoffte, und erwiderte den Heuchlern, sie samt ihrem gekrönten Abordner zu ihrer tiefsten Beschämung entlarvend: „Geht hin und sagt demselbigen Fuchs: Siehe, ich treibe Teufel aus, und mache gesund heute und morgen; und am dritten Tage werde ich vollendet werden. Doch muss ich heute und morgen, und am Tage danach noch wandeln!“
Auch zu diesem jämmerlichen, in Fleischeslust ersoffenen Menschen also, in welchem allmählig mit dem Gewissen auch jede Ahnung irgendeines Höheren erloschen war, wird Christus hingeführt, damit Ihm nichts Schmähliches und Widerwärtiges erspart, und kein Gerichtshof genannt werden möge, vor dessen Schranken Er nicht gestanden habe. Unter wüstem Getümmel langt der giftgeschwollene Priester- und Pharisäerschwarm mit seiner Beute vor der Wohnung des Galiläerkönigs an; und wie dieser hört, was es mit dem befremdlichen Volksandrange für eine Bewandtnis habe, heißt er die geistlichen Herren mit ihrem Delinquenten vor ihn führen. Schweigend und in ernster Haltung nähert sich Jesus seinem Landesherrn. „Dieser aber, meldet die Geschichte, als er Jesum sah, ward er sehr froh; denn er hätte ihn längst gerne gesehen, weil er viel von ihm gehört hatte, und hoffte, er würde ein Zeichen vor ihm tun.“ Es könnte uns befremden, dass Herodes den Mann, der so oft in Galiläa weilte, nie von Angesicht gesehen haben solle. Aber der Herr hatte die Residenzstadt Tiberias, wie oft er sich auch in ihrer Nähe befunden, niemals mit seinem Besuche beehrt; und selbst einen Schritt zu tun, um die Bekanntschaft des vielgenannten Nazareners zu machen, konnte natürlich einem von allen religiösen Interessen so weit verschlagenen, und zugleich so hoch fahrenden und übermütigen Manne, wie die galiläische Majestät war, nicht in den Sinn kommen. Doch gewährt es ihm kein geringes Vergnügen, jetzt noch, und dazu so bequem und ohne alle Gefährde, einen allerdings längst gehegten Wunsch in Erfüllung gehen zu sehen. „Jedenfalls,“ dachte er bei sich, „ein interessanter Zeitvertreib, ein unterhaltendes Schauspiel! Und wenn er sich gar dazu bewegen ließe, irgendein Zukünftiges uns zu entschleiern oder ein Wunder zu produzieren, wie ergötzlich könnte dadurch diese Stunde werden!“
- Also in den Kreis der Gegenstände seines Amüsements hoffte Herodes den Heiland der Welt herein zu ziehen, so wie er einst das Haupt Johannes des Täufers in das Gebiet der Galanterie herein zu ziehen sich nicht entblödete. Eine Erheiterung versprach sich der König von der Anwesenheit des Herrn, wie man von der Gegenwart eines Gauklers oder Taschenspielers eine solche sich zu versprechen pflegt. Er repräsentiert damit jenes leichtfertige, frivole Volk, das, nach apostolischem Ausdruck „keinen Geist“ hat, und dem Alles, auch das Erhabenste, zum Schauspiel wird. Wagt sich diese Gesinnung doch sogar bis in das Heiligtum hinüber, indem es Leute gibt, welche wohl auch, mindestens in Predigt, in Schrift, in Bild oder Geschichte, Christum zu sehen begehren, jedoch nur des ästhetischen Rührspiels halber, das etwa mit seiner Darstellung sich verknüpft, oder der interessanten Kuriositäten wegen, die man von ihm berichten zu hören hofft, oder um irgend anderer unterhaltender Elemente willen, die dieser heilige Gegenstand für sie im Geleite führt. Genug, selbst die Kirche wird jenen Leuten zum Theater, die Predigt zum Zeitvertreib, das Evangelium zum Roman, und die Bekehrungsgeschichte zur Novelle. O, wie gefährlich ist die Lage dieser Menschen, in deren wunderlicher Herzensakustik aller Ernst in eitel Scherz, und Alles, was sie erschüttern sollte, in Spiel und erlustigende Kurzweil sich auslöst. Ehe sie sich's versehen, kann es mit ihrem windigen Wesen dahin gedeihen, dass die ergreifendste Schilderung des Jüngsten Gerichtes keinen andern Eindruck mehr auf sie macht, als ein gelungener dramatischer Akt ihn hervorruft, und das Schreckensgemälde der Hölle nur noch wie ein Lust-Feuerwerk an ihnen vorübergeht, und nicht anders sie erregt, als wie dieses.
Herodes starrt den auf ihn zutretenden Herrn mit neugierigen Augen an; und nachdem er Ihn vom Haupte bis zur Sohle gemessen, nimmt er sich's heraus, Ihn mit einer albernen Frage um die andere zu behelligen. Der Herr aber würdigt ihn keiner Antwort, sondern verharrt in tiefem Schweigen. Der König hält mit Fragen an. Umsonst! Der Heiland schweigt. Der König mutet ihm zu, dass er ein Wunder tue. Jesus kann ihm diesen Wunsch nicht gewähren, und gibt ihm dies nachdrucksvoller, als es mit Worten geschehen könnte, durch sein anhaltendes Schweigen zu erkennen. Die Hohenpriester und Schriftgelehrten, erbost über dies sein passives Verhalten, setzen aufs Neue ihre Lästerzungen in Bewegung, und heben wieder an, ihn „hart zu verklagen.“ Er achtet sie keiner Antwort wert, sondern beharrt bei seinem, ich möchte sagen, wahrhaft beängstigenden, fast schauerlichen Verstummen. Eine zweite Klasse von Kindern dieser Welt tritt hier in unsern Gesichtskreis. Es sind diejenigen, zu denen Christus sich schweigend zu verhalten angefangen hat, und deren es vielleicht Manche auch in unserer Mitte gibt. Nein, Freunde, damals stand es mit euch noch nicht am schlimmsten, als der Herr noch die Donner des Gesetzes über euren Häuptern rollen, und seine schrecklichen Drohungen vor eurem Ohr erdröhnen ließ, und als er bald hier, bald da Sein: „Du bist der Mann des Todes!“ euch zurief, und euch im Dienste der Eitelkeit und Sünde nicht Rast noch Ruhe gönnte. Diese Töne des Ernstes, die, war's in Wort, war's in Erlebnis, war's in Gesichten bei der Nacht, oder in durch schlagenden Züchtigungen, damals euch erschütterten, kündeten sich noch als Stimmen seiner Erbarmung an, und durften für Zeugnisse gelten, dass Er noch nicht aufgehört habe, die Seile der rettenden Liebe nach euch auszuwerfen. Seitdem ihr aber seine Stimme nicht mehr hört, und sein Mund sich über euch geschlossen zu haben scheint, muss uns in hohem Grade bange um euch werden, und ihr habt nur Ursache, das Ärgste zu besorgen.
Unglückselige! was habt ihr Alles schon bewältigt und überwunden! Gedenkt eurer vergangenen Tage! Wie manchmal durchhallte euer Inneres der Ruf: „Du wandelst den Todesweg, Verblendeter!“ Wie manchmal durchzuckte die Tiefen des Verderbens, darin ihr versunken liegt, ein Blitzstrahl, der tageshell das Eine euch beleuchtete, das euch vor Allem not sei! Wie manchmal erschien auch vor eurer Pforte ein Himmelsbote, und flüsterte euch vernehmlich zu: „Eile aus Sodom, und rette deine Seele!“ Wie manchmal schwebte die lockende, herzzerschmelzende Frage zu euch nieder: „Warum wollt ihr nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben haben mögt?“ Und ach! aller dieser Stimmen und Zusprüche wusstet ihr Meister zu werden!
- Nichtsdestoweniger hörte das Locken, Drohen und Warnen der göttlichen Gnade in eurem Innern noch nicht auf; nur wurde es allmählig immer leiser und schwächer. Was früher als Blitz daherfuhr, schwächte sich zum matteren Wetterleuchten ab. Was einst als Donner über eurem Haupte rollte, verschwebte bald nur noch als lindes, leicht zu überhörendes Gemurmel. Jetzt vernehmt ihr Derartiges gar nichts mehr, sondern geht in tiefer Ruhe euren Todesweg. Kein guter Geist rückt euch mehr eure Sünden auf; und mag immerhin äußerlich Christi Wort euch noch erreichen, in eurem Innern hat Christus aufgehört, sowohl zu locken und zu warnen, als euch zu beschuldigen und zu verdammen. Dies ist der Anfang Seines gerechten Gerichtes über euch. Seht euch vor, dass das dem Anfange nach eingetretene Schweigen des Herrn nicht zu jenem absoluten und schließlichen Verstummen sich vollende, wie wir es Ihn dem Herodes und dessen Hofgesinde gegenüber beobachten sehen, und durch das er nur zu unzweideutig die Überzeugung kund gibt, dass er es hier mit Menschen zu tun habe, die in ihrer Verderbensreife von dem ewigen Erbarmen schon aufgegeben seien. Vor Solchen hat er sich nicht mehr zu offenbaren, sondern nur in immer tiefere Verschleierung sich zurückzuziehen. Ärgern sie sich an Ihm, so sind sie fortan dazu gesetzt, nicht freilich durch Willkür, die in Gott nicht ist, aber durch ein Verhängnis der allerhöchsten Gerechtigkeit, welche diejenigen, denen in aller Weise der Glaube angeboten ward, die aber gegen besseres Wissen und Gewissen denselben immer und immer wieder von sich stießen, endlich in ihre verkehrten Wege dahin gibt, und es als einen wohlverdienten Fluch über sie kommen lässt, dass das einige Rettungsseil, das Wort des lebendigen Gottes, für sie wie in losen Flocken auseinanderfällt, und das Schwert des Geistes stumpf, der Wächterruf von Zions Mauern kern-, salz- und wuchtlos für sie wird. Glaubt's, Freunde, wenn ich euch aus Angst vor Gericht und Hölle die Hände ringen, ja blutigen Schweiß vergießen sähe, ich priese euch in diesem eurem Zustande unendlich seliger, als jetzt in eurem bedenklichen Todesfrieden. Immerhin ein Zusammenschaudern unserer Seele vor der richterlichen Stimme dessen, der auf dem Stuhle sitzt, bis an die Grenzen der Verzweiflung; nur um Alles kein Schweigen, kein Verstummen des Königs aller Könige in unserem Innern! Ärgeres als dies kann einem Sterblichen nicht widerfahren.
Doch zurück zu unserer Szene! Der Herr kann also seinem Fürsten und dessen Trabanten diesmal nicht zu Willen sein. Aus seinem Verhalten aber ziehen die Elenden den Schluss, er vermöge nichts, und fangen an ihn zu verachten, ja ihren Spott mit ihm zu treiben. An eine dritte Gattung von Kindern der Welt gemahnt uns dieser Zug; an eine Gattung, die nicht minder beklagenswert und unglückselig ist, als die zuletzt bezeichnete. Es gibt Menschen, ich besorge, auch unter uns, die sich's einmal haben einfallen lassen, Christo Ähnliches anzumuten, wie dort Herodes und seine Untergebenen; denen es aber ebenso, wie diesen ergangen ist. Auch sie gerieten einmal auf den Gedanken, Wunder und Zeichen von Jesu zu begehren. Dies und Jenes, forderten sie betend, solle Er tun, sei es, dass er sie eilends einer Verlegenheit entreißen, oder dass er irgendeinem Notstand ein schleuniges Ende setzen, oder irgendein Unternehmen mit glücklichem Erfolge ihnen krönen, oder durch was sonst für eine Erweisung seiner Allmacht sich an ihnen verherrlichen sollte. Mit unbußfertigem Herzen sehen sie ihm darum an, und verlangten das Einschreiten des Herrn entweder nur, um zu versuchen, ob er wirklich lebe und Gebet erhöre, oder um in rein fleischlichem Sinne, falls er sich als einen lebendigen Herrn erweisen sollte, Ihn fortan in den Dienst ihrer selbstsüchtigen Interessen herein zu ziehen. Jesus erhörte sie nicht, sondern schwieg. Sie wiederholten den Versuch, und erneuerten aus gleichen Gründen und mit derselben Gesinnung ihren Anspruch. Abermals tiefes Verstummen in der Höhe. Kein Wunder stellte sich ein, keine Hilfe zeigte sich. Jetzt erscheint es diesen Unglückseligen ausgemacht, Jesus vermöge nichts, und es sei ein Wahn, dass er lebe und wirke. Es erregt ihnen Ekel hinfort, von sogenannten „Heils-Erfahrungen“ der Gläubigen reden zu hören, indem sie darin nur Heuchelei und Lüge, oder Selbstbetrug und Täuschung zu gewahren meinen. Ja, ein heimlicher bitterer Groll gegen Jesum und seine Anbeter ist seitdem wie eine giftige Wurzel in ihrem Innern aufgeschossen. Sie gönnen Christo keine betende Silbe mehr, und ergrimmen, wo Andere auf ihn hoffen. Sind diese Menschen dem Gerichte der Verstockung verfallen? Nahe diesem Gerichte sind sie ohne Zweifel. Wären sie aber demselben auch bereits erlegen, so hätten sie nicht Christo die Schuld beizumessen, indem Er nirgends verheißen hat, dass Er auch Solchen sich offenbaren werde, die nur für die Interessen ihres Fleisches Ihn gebrauchen wollen, während ihnen an seiner Person nichts weiter gelegen ist. Auf „das Niedere“ hat Er gesagt, wolle er sehen, und auf die Seufzer zerbrochener und nach seiner Liebe dürstender Herzen wolle er hören. Was aber hat er mit einem Herodes und dessen Gleichen zu tun? Es wäre unter seiner Würde, den Zumutungen und Anforderungen solcher Menschen anders als mit wegwerfendem Stillschweigen zu begegnen.
2.
Nachdem wir einen flüchtigen Blick in den Weltspiegel geworfen, den unsere heutige Geschichte uns vor Augen rückt, wenden wir uns nun einem anderen Schauspiele zu. In unserer Szene lodert eine Opferflamme, und das Brandopfer, das von ihr verzehrt wird, ist Christus. Entsetzlich sind die Kränkungen, die Er hier zu erleiden hat. Schon dass man mit Ihm wie mit einem Spielballe umspringt; dass Pilatus Ihn in der Absicht dem Fürsten von Galiläa zuschickt, diesem dadurch eine Höflichkeit zu erweisen; dass dann Herodes, um das Kompliment zu erwidern, Ihn wieder dem Landpfleger überweisen lässt, und diesem damit die Ehre des legten Urteilsspruches zuschiebt: welche Entwürdigung, die in dem Allem dem Herrn der Herrlichkeit zu Teil wird! Aber das ist erst der Schmachen und Erniedrigungen Anfang. Was muss Er erst in Gegenwart des Herodes und seines Hofgesindes über sich ergehen sehen! Ms ein Gaukler und Taschenspieler wird Er hier traktiert. Man mutet ihm zu, dass Er durch Produzierung seiner Künste die Gesellschaft belustige. Mit den albernsten Fragen beleidigt man sein Ohr. Und wie Er zu dem Allem gesenkten Hauptes schweigt, läuft das Maß der Lästerungen und des Spottes wider Ihn vollends über. Als ein Schwachkopf wird Er behandelt, der des Aufsehens, das er erregt habe, gar nicht wert gewesen sei, und den man, nachdem er jetzt seine Rolle ausgespielt und nur als einen lächerlichen Schwärmer sich erwiesen habe, nur der allgemeinen Verachtung preisgeben könne. Herodes achtet's nicht der Mühe wert, von den Beschuldigungen, welche die Hohenpriester gegen Jesum ausschäumen, irgend ernstlich Notiz zu nehmen. „Man lege doch,“ denkt er, „kein so großes Gewicht auf das, was dieser Narr Unsinniges von sich auszusagen sich vermaß. Ist er doch für seine Torheiten hinlänglich dadurch schon gestraft, dass er jetzt vor aller Welt in seiner Ohnmacht offenbar wird, und dem Achselzucken des Mitleids, ja dem öffentlichen Gelächter verfallen ist.“ Er denkt's, und spricht, was er denkt, hauptsächlich dadurch aus, dass er in heiterer Laune dem Herrn ein weißes Gewand anlegen lässt, um ihn dadurch sowohl zu einem Spottkönige, als zu einem Zerrbilde von Philosophen auszustaffieren, ja vielleicht auch zu einem Wahnwitzigen Ihn zu stempeln, indem man nämlich in Israel diese Unglücklichen eben in weiße Überwürfe zu kleiden pflegte.
Seht, Freunde, dies ist das Opferfeuer, das in unserer heutigen Geschichte ausschlägt. Nun sagt aber, wie der Hochheilige, der im Himmel wohnt, eine solche Herabwürdigung des Sohnes seines Wohlgefallens in Ruhe, und ohne mit allen Donnern seines Zornes darein zu fahren, mit hätte ansehen können, wenn der Herr Jesus hier nur für seine Person, und nicht zugleich in einer ungewöhnlichen Stellung und geheimnisvollen Vertretung diese unerhörten Unbilden erfahren hätte? Ihr wisst aber, dass Er hier an unserer Statt, und zwar zurechnungsweise als anderer Adam mit unserer Schuld beladen dasteht. Ja, auch hier vernimmt Er des ewigen Vaters Ruf: „Schwert, mache dich auf über meinen Hirten, und über den Mann, der mir der Nächste ist!“ Auch hier erfüllt sich an Ihm der alte Prophetenspruch: „Der Herr warf alle unsere Schulden auf Ihn;“ und der andere: „Die Strafe liegt auf Ihm, auf dass wir Frieden hätten!“ Und Gottlob, dass so und nicht anders die Sache sich verhält; denn nimmer vermöchte ich, und ob auch ein Engel vom Himmel mir die Botschaft überbrächte, dem Bewusstsein in mir Raum zu geben, dass meine Sünden mir nicht zugerechnet werden sollten, wenn mir nicht zugleich auch kund geworden wäre, wo denn die mir abgenommenen Schulden geblieben seien. Ist mir doch lebendiger nichts bewusst als das, dass Sünden, so blutrot, wie die meinen, nicht willkürlich als geringfügige Kleinigkeiten mir verziehen oder gar unbeachtet gelassen und übersehen werden können. Wenn dies geschähe, wie wäre mir's dann noch ferner möglich, an einen Gott der Heiligkeit und Gerechtigkeit zu glauben? Nun aber tritt das Evangelium zu mir her und erzählt mir mit deutlichster Zunge die Geschichte meiner Missetaten, wie dieselben wandernd auf den Mann, der an meine Stelle trat, übergegangen seien; und in dieses Mannes Vertretung greife ich jetzt den Rechtsgrund meiner Absolution mit Händen. Gleich wie vor Hannas, vor Kaiphas und vor Pilatus, so steht auch vor Herodes der Herr nicht bloß im menschlichen Gerichte, sondern zugleich im Gerichte Gottes; und meine Sünde ist es, die er büßt; meine Schuld, die er vollauf bezahlt.
Was Wunder nun, dass er sich gelassen den vergifteten Pfeilen bloß gibt, die hier einer um den andern die verwundbarsten Stellen seines Herzens treffen? Was Wunder, dass er ohne Einspruch die furchtbarsten Beschuldigungen hinnimmt, und mit Lammesgeduld wie zu einem Gotteslästerer und Schwärmer, so zu einem Rebellen und Rottenhaupte sich stempeln lässt? Was Wunder, dass er's sogar gleichmütig erträgt, dass die Spannung, mit der Herodes anfänglich Seiner Erscheinung entgegen sah, allmählig in Verachtung seiner Person als eines bemitleidenswürdigen Tropfes umschlägt? Was Wunder, dass sich der Herr der Herrlichkeit sogar zur Zielscheibe der elenden Späße eines verächtlichen ehebrecherischen Hofgesindes erniedrigen lässt? Entsetzlich ist's, was man sich gegen ihn erlaubt, und in seiner Macht läge es, mit einem Winke seiner Hand die ruchlose Rotte zu seinen Füßen hinzuschmettern. Aber er regt sich nicht, sondern schweigt; denn er weiß: „Hier ist Gottes Altar und Opferfeuer; und das ersehene Lamm bin Ich!“
3.
In wie tiefer Erniedrigung nun aber auch die heilige Geschichte uns den Herrn hier vorführt, so ist sie doch auch wieder durch und durch von apologetischen, d. h. den Herrn verherrlichenden und unfern Glauben an Ihn befestigenden Zügen durchwoben.
Schon in der kindischen Freude, mit welcher den Pilatus die Aussicht erfüllt, den Prozess gegen Jesum einem Anderen überweisen zu können, spiegelt sich unzweideutiger, als in allen seinen mündlichen Bezeugungen, sein tiefes Bewusstsein von der Unschuld und der Unsträflichkeit des Verklagten ab. Seine Seele jauchzt fast bei der zufällig verlautenden Kunde, dass die nächste Obrigkeit Jesu der Vierfürst von Galiläa sei, woraus wir entnehmen, für welch ein Glück der Römer es erachtete, der Beteiligung an der Mitschuld der Verurteilung des Gerechten ausweichen zu können.
Von Herodes heißt es, er sei „sehr froh“ gewesen, als er Jesum gesehen habe. Diese ungewöhnliche Freude des Galiläerfürsten darüber, dass ihm endlich einmal Gelegenheit werde, Jesum von Angesicht zu schauen, ist in apologetischer Hinsicht nicht minder bedeutsam, und gereicht dem Herrn nicht weniger zur Verherrlichung, als die Freude des Pilatus, seiner glücklich los geworden zu sein. Es muss der Heiland ja ein großes Aufsehen im Lande erregt, und nicht in abgesonderten Winkeln, sondern auf offenem Markte seine Wirksamkeit entfaltet haben, dass Herodes so vor Begierde brennen konnte, seine persönliche Bekanntschaft zu machen. Und wie ungewöhnlich und einzigartig muss das Wirken des Herrn gewesen sein, dass selbst einem allem Höheren so gänzlich abgestorbenen Manne, wie jener Ehebrecher in der Fürstenkrone war, ein solches Verlangen kommen konnte!
Herodes hoffte überdies, Jesus werde ihn ein „Zeichen“ sehen lassen. Diese seine Hoffnung dient uns wieder zum Zeugnis, dass Jesus wirklich seine göttliche Sendung mit Zeichen besiegelt habe, und dass die Wunder, die er getan, als solche allgemein anerkannt waren. Herodes will nicht bloß erst erproben, ob Jesus Wunder verrichten könne, sondern setzt stillschweigend seine Macht und Befähigung dazu als unwidersprechlich voraus. Welch eine Tiefe inneren Verderbens aber verrät sich in dem Zuge, dass der Mann trotz seiner Überzeugung von dem Vermögen Jesu, Taten Gottes zu vollbringen, nicht allein den Glauben und die Huldigung ihm versagt, sondern ihn sogar zum Gegenstande seines Hohns entwürdigen kann! Der Vierfürst legt dem Herrn allerlei die Grenzen des menschlichen Wissens überschreitende Fragen vor. Er hatte somit auch von der Weisheit gehört, mit welcher der Herr auf Fragen dieser Art Bescheid zu tun, und alle Rätsel zu lösen wisse, und gibt also, ohne es zu wollen, auch dem Prophetentum Christi seine Ehre. Und selbst darin, dass Herodes, als Jesus seine Fragen durch erhabenes Stillschweigen ablehnt, mit seinem Spott nicht weiter zu gehen wagt, als dass er Ihm die weiße Toga anlegt, beurkundet er eine geheime Ehrfurcht vor Ihm, und bestätigt damit aufs Neue, dass Christus in der Tat oftmals in unzweideutiger Weise von seinem Königtum und einem Reiche gesprochen haben müsse, das er aufzurichten erschienen sei.
Dass endlich die tief gewurzelte Verstimmung, die lange schon zwischen Pilatus und Herodes herrschte, in Folge der Seitens jenes dem Letzteren durch Überweisung des verklagten Rabbi bezeugten Höflichkeit plötzlich sich ausglich und in Freundschaft umschlug, dient wieder zum Beweise, wie hoch die gebietenden Herren selbst von dem ihnen zugeführten Delinquenten dachten. Die Zusendung eines gewöhnlichen Verbrechers, oder auch nur eines notorischen Schwärmers und Schwindlers, wäre wohl nimmer von solcher Wirkung begleitet gewesen. Dass aber Jesus von Nazareth die zur Vermittlung der erneuten Annäherung der beiden Machthaber ersehene Persönlichkeit ist, schlägt erfolgreich durch, und setzt dem alten Groll und Misstrauen sofort ein Ziel. Wer vermag es zu verkennen, dass dieser freilich an und für sich überaus empörende Umstand dem Herrn Christus wieder nur zur höchsten Verherrlichung gereicht?
- Ähnliches übrigens, wie dort zwischen Pilatus und Herodes, ereignet sich nicht selten auch heute noch. Parteien, die sich auf anderen Gebieten aufs heftigste befehden, versöhnen sich, ja werden, wenn auch für eine Weile nur, Bundesgenossen und gute Freunde, sobald sie sich im Kampfe gegen Christum und dessen Verehrer und Anbeter zusammen finden. Was beurkunden aber auch sie hierdurch, als dass Christus ihnen als eine imponierende Macht im Wege steht? Eine unbedeutende Persönlichkeit, von der sie nicht wüssten, was dieselbe für begründete Ansprüche an ihre Unterwerfung zu machen hätte, würde diesen Einfluss nimmer auf sie üben; und ein Individuum vollends, das ihnen wirklich nur für ein mythisches gälte, ließen sie gewiss als nicht einmal ihrer Beachtung wert zur Seite liegen.
Aus Allem, was wider Ihn beratschlagt und unternommen wird, geht Christus strahlend gerechtfertigt hervor. Ihn muss der Hass verherrlichen, wie die Liebe. Ihn krönt die Verfolgung, wie die Devotion. Vermag aber gemeinsamer Gegensatz gegen Ihn erbitterte Feinde in Freunde umzuwandeln, welche Bande wird dann erst die gemeinsame Verehrung des Herrlichen zu knüpfen im Stande sein! „Ich glaube eine Gemeinschaft der Heiligen“ bekennen wir. Ich glaube sie nicht bloß; Gottlob, ich schaue sie auch. Aber es behüte sie Gott! denn sie leidet Not zu dieser Frist. In Christo Vereinigte fallen auseinander, weil sie, die Verblendeten, statt Christum, als ob sie seiner überdrüssig geworden wären, irgendeine Schulformel als ihren Heiland umarmen. Das ist eine klägliche, bejammernswürdige Erscheinung. Steure ihr Gott der Herr, und erwecke Er in den Herzen seiner Kinder wieder Liedesklänge wie die bekannten:
Herz und Herz vereint zusammen,
Sucht in Gottes Herzen Ruh',
Lasst eure Liebesflammen
Lodern auf den Heiland zu!
Er das Haupt, wir seine Glieder,
Er das Licht, und wir der Schein:
Er der Meister, wir die Brüder;
Er der Unsre, und wir sein!
Lass uns so vereinigt werden,
Wie du, Herr, dem Vater bist,
Dass schon hier auf dieser Erden
Kein getrenntes Glied mehr ist;
Und allein von deinem Brennen
Nehme unser Licht den Schein;
Also wird die Welt erkennen,
Dass wir deine Jünger sein! Amen.