Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XXXIV. Was ist Wahrheit?

Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XXXIV. Was ist Wahrheit?

Im ganzen Alten und Neuen Testamente finden wir, mit Ausnahme der einzigen, zu der unser heutiger Passionsabschnitt uns führen wird, keine Stelle, aus der uns auch nur etwas Ähnliches entgegen klänge, wie die gegenwärtig so oft verlautende moderne Klage: „Wer gibt mir Licht, und löst mir des Lebens dunkle Rätsel?“ Vielmehr begegnet uns überall, und zwar bei den Gottlosen nicht minder, als bei den Frommen, die stillschweigende Voraussetzung, dass die Wahrheit nicht erst noch zu suchen, sondern längst gegeben sei. Das verschiedene Verhältnis, welches die einen und die andern zu derselben eingenommen haben, ist nicht dasjenige des Zweifels und des Glaubens, sondern das des bösen Widerstrebens gegen, und der willigen Unterwerfung unter sie. Allen steht der Ausspruch 5 Mos. 29,29: „Die Geheimnisse sind des Herrn, unsers Gottes; die Offenbarungen aber sind unser und unserer Kinder ewig,“ unwidersprechlich fest. Wer es erst noch in Frage hätte stellen wollen, ob Gott zu den Pilgern auf Erden geredet habe, oder nicht, der wäre jedem Israeliten einem Menschen gleich erschienen, der etwa bei hellem Tage zweifeln wollte, ob die Sonne am Firmament stehe. Die Klage über Mangel an gewissem Aufschluss im Bereich der übersinnlichen Dinge ist eine Narrheit neueren Datums und ein auf uns übertragenes Erbteil des Heidentums. Sie ist längst, und zwar in untrüglicher Weise, erledigt, die Frage sowohl nach dem Ursprung und Zweck der geschaffenen Dinge, als nach dem Beruf und der Zukunft des menschlichen Geschlechts; und die erfreuliche Tatsache, dass sie das ist, bezeugt der eben angeführte Spruch in den Worten: „Die Offenbarungen sind unser und unserer Kinder ewig.“ Wenn aber Moses durch den Heiligen Geist hinzufügt: „Die Geheimnisse sind des Herrn, unsers Gottes,“ so will er uns damit zu verstehen geben, dass die Wahrheit uns nur so weit offenbart worden sei, als unsere Fassungskraft reiche, und wir ihrer Erkenntnis zu unserer Seligkeit nicht entbehren können. Dieses Bewusstsein beruhigt uns gar sehr so manchen ungelösten Rätseln gegenüber, welche immer noch bei den uns verkündigten einzelnen Glaubenslehren für uns übrig bleiben. Wenn z. B. in den Dogmen von Gottes ewigem Dasein, von der Dreieinigkeit, der Schöpfung der Welt, dem Fall der Engel und der Menschen, der Doppelnatur in Christo, den letzten Dingen usw., das Eine und Andre unserer Vernunft zu schaffen macht, und durch seine Unbegreiflichkeit uns Geist und Herz beängstigen will, so sagen wir auf Grund, ja mit den Worten der Offenbarung selbst: „Die Geheimnisse sind des Herrn, unsers Gottes! Gott hat nur erst eine Seite jener Dinge uns entschleiert, und zwar die für uns jetzt noch allein erkennbare, aber zur Erreichung des göttlichen Heilszweckes an uns überschwänglich genügende. Wir erkennen stück weise erst, was wir einst vollkommen erkennen werden. Dieses zukünftigen Moments harren wir in Geduld, und sind gewiss, dass, wenn derselbe mit seinem durchscheinenden und Alles beleuchtenden Lichtglanz wird hereingebrochen sein, all' unser Stutzen und Befremden in einen nimmer endenden Jubel anbetender und verwunderungsvoller Freude sich verwandeln wird.“

Diese kurzen Andeutungen mögen einer Betrachtung zur Einleitung dienen, durch welche es Gott dem Herrn gefallen wolle, in der Überzeugung uns zu befestigen, dass die Wahrheit wirklich vorhanden sei!

Johannes 18, 38.

Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit?

Ein kurzes und unscheinbares Wort, mit dem es unsere heutige Betrachtung zu tun hat. Es hat aber dasselbe, wie der letzte Seufzer eines Sterbenden, seine tiefen, wenngleich dunklen, Hintergründe. Das Wort bildet das Echo, das dem Herrn auf seine Rede von dem „Reiche der Wahrheit“ aus des Landpflegers Seele wiederkehrt. Ob aber gleich zwei Jahrtausende fast schon alt, klingt's doch so gewohnt und heimisch an unser Ohr, als schölle es aus unserer nächsten Nachbarschaft und aus unserer modernsten Gesellschaftskreise einem uns entgegen. Es bezeichnet einen inneren Standpunkt, der allenfalls einem Heiden, namentlich der damaligen Zeit, zu verzeihen war; aber diejenigen, die ihn heute noch teilen wollen, unbedingt verdammt. Treten wir dem merkwürdigen Worte näher, und nachdem wir zuerst die Bedeutung desselben erwogen haben, verständigen wir uns darüber, ob noch irgendeine Berechtigung zu jener Frage vorhanden sei.

Erfrische unsere Betrachtung uns das beglückende Bewusstsein, dass zu Lauten wie der, dem wir auf der Lippe des Pilatus heute begegnen, kein Anlass mehr vorhanden sei, und entflamme sie unser Herz zu erneuter Dankbarkeit gegen Gott, der es uns im dunklen Pilgertal der Erde nicht an einem „Licht auf unsern Wegen,“ noch an einer „Leuchte unserer Füße“ hat gebrechen lassen!

1.

„Wer aus der Wahrheit ist,“ schloss der Herr seine Rede, „der hört meine Stimme!“ Da entgegnet der Prokurator: „Was ist Wahrheit?“ Es haben Etliche in diesem Worte einen leichten Hohn, Andre den Ausdruck einer vollendeten religiösen Gleichgültigkeit finden wollen. Aber weder diese noch jene Deutung lässt sich mit dem Charakter des Pilatus in vollen Einklang bringen. Der Laut dringt tiefer herauf, und birge einen reichern Inhalt. Wie ein Blitz beleuchtet er uns eine ganze Zeit, und die innerste Gemütslage vieler Tausende ihrer Kinder.

Wir haben früher schon bemerkt, dass des Pilatus Leben in Tage fiel, welche als diejenigen der Bildungsreife des menschlichen Geschlechts bezeichnet werden dürfen, sofern unter Bildung die geistige und gesellschaftliche Kultur verstanden wird, zu der es die Menschheit sich selbst gelassen, und durch Rentbarmachung1) ihrer natürlichen Kräfte und Gaben, zu bringen im Stande ist. Nicht allein hatte die Kunst ihre schönsten Blüten getrieben; auch die Philosophie war am Ziel ihrer kühnsten Forscherflüge angelangt; und wir bewundern noch heute die Lehrgebäude der Weisheit, welche sie durch die Denkkraft hochbegabter Organe ins Dasein rief. Dennoch war dem: „Gib mir, wo ich stehe!“ die Befriedigung nicht geschafft. Hatte auch der menschliche Geist des Wahrscheinlichen Manches zu Tage gefördert, so sah man sich doch nach Gewissem und Untrüglichem vergebens um. Bekannte doch schon in unbewusster Weissagung der größte aller Weisen des Altertums selbst: „Nur wenn ein Gott vom Himmel niedersteigen wird, wird der Mensch zu etwas Sicherem gelangen!“ Ja, wurde doch der Grundsatz zum Gemeinplatz, „gewiss sei nur das Eine, dass man von übersinnlichen Dingen mit Gewissheit nichts wissen könne; und freilich wisse man auch dieses Eine nicht ganz gewiss.“

Aus dem Schoße solcher Anschauungen erzeugte sich zunächst in dem gepriesenen Griechenland jene frivole Lebensweisheit, welche, auf alles Höhere und Übersinnliche verzichtend, des Menschen ganze Bestimmung in dem Genusse dieser Welt und ihrer Güter aufgehen ließ, und die binnen Kurzem mit dem ganzen Gefolge ihrer Ausschweifungen und Laster zur Religion der großen Masse der Bevölkerungen wurde. In der römischen Welt behauptete sich eine gewisse sittliche Strenge zwar etwas länger noch, als in der griechischen. Nachdem aber die Römer auch Griechenland dem weltgebietenden Zepter ihrer Herrschaft unterworfen hatten, schwangen sich die leiblich Unterjochten zu geistigen und sittlichen Überwindern ihrer Besieger empor, und vererbten auf sie mit ihrem Unglauben auch ihre Leichtfertigkeit und ihre Sünden. Bald wurde nun namentlich in den Kreisen der Gebildeten die hergebrachte Götterlehre nicht mehr bloß angezweifelt, sondern als ein nichtiges Traumerzeugnis vornehm belächelt; wie denn z. B. der berühmte römische Redner Cicero des allgemeinen Beifalls seiner Zuhörer sich versichert halten zu dürfen glaubte, da er vor einer Volksversammlung in seiner Rede der Strafen der Unterwelt nur noch mit einer ironischen Miene und Wendung Erwähnung tat. Es glaubte an den Orkus und dessen Schatten und Schrecken kaum Jemand mehr; aber ebenso wenig glaubte man auch an die Lehrsätze der Philosophen. Man glaubte mit einem Worte nichts. Dennoch war das Nein des Kopfs keineswegs vermögend, das in Tausenden nach wie vor um Licht und Frieden schreiende Herz zum Schweigen zu bringen.

Als ein rechter Repräsentant der gesellschaftlichen Bildung seines Jahrhunderts steht nun Pilatus vor uns. Freilich ist nicht vorauszusetzen, dass er sich je in gründlicherer Weise mit dem Studium philosophischer Systeme beschäftigt haben werde. Jedenfalls aber war auch er, wie die Genossen seines Standes insgemein, mit den wesentlichsten Resultaten der philosophischen Forschung obenhin bekannt; und namentlich war er gewiss in der Literatur seiner Zeit kein Fremdling. Diesen Mann führt nun sein Lebensweg mit dem Herrn vom Himmel zusammen, und versetzt ihn dadurch in eine geistige Atmosphäre, in der noch einmal Gefühle und Ahnungen in ihm erwachen, welche an dem Hauche der frivolen Zeitbildung, die er mit der Muttermilch eingesogen hatte, längst in ihm erstorben schienen. Christus, dessen Anblick schon unsern Heiden wunderbar ergreift, redet zu ihm von einer andern Welt, von einem überirdischen Reich, von einem himmlischen Königtum, und zuletzt von der Wahrheit, und zwar als von einer erschienenen, die sich darum auch wirklich finden und erkennen lasse. Da bricht Pilatus in die merkwürdige Frage aus: „Was ist Wahrheit?“ Der gebildete Heide des damaligen Jahrhunderts, und zwar der edleren Gattung der Gebildeten einer, enthüllt uns in dieser Frage die Gestalt seines inneren Menschen. Allerdings kündet sich in der Frage zuerst von der freigeisterischen Frivolität etwas an, in der man nicht allein auf den Götterglauben des gemeinen Volks, sondern überhaupt auf Alles, was in das Gebiet religiöser Anschauungen fiel, als auf Kinderträume und phantastische Hirngespinste lächelnd herabsah. „Was ist Wahrheit?“ war zu der Zeit die Sprache Tausender. „Was wir,“ sagte man, „mit unsern Augen erschauen, mit unsern Händen betasten, ist das einzig Zuverlässige unter dem Himmel. Über die Grenzen der sinnlichen Welt reicht kein sterblicher Blick hinaus; und Spiele des dichtenden Geistes mögen auf einer Lebens- und Bildungsstufe befriedigen können; sie können es nicht auf allen!“ In der Pilatusfrage lässt sich ferner der vornehme, skeptische Philosoph vernehmen, dem nicht allein bewusst ist, dass die Forschungen des denkenden Menschengeistes zu den verschiedenartigsten und widersprechendsten Ergebnissen führten, sondern der auch die Einbildung bei sich nährt, den Weisen der Erde selbstständig nachgedacht und nachgerechnet, und so im Wege eigener Gedankenvertiefung die Überzeugung gewonnen zu haben, dass von Dingen, die etwa jenseits der Schranken der Sichtbarkeit liegen möchten, schlechthin nichts zu entdecken noch zu erkennen sei. „Was ist Wahrheit?“ ruft er aus. „Der Eine,“ will er sagen, „nennt Wahrheit dies, ein andrer jenes, vielleicht gar das Entgegengesetzte. Systeme tauchen auf und tauchen nieder. Ein Meer ohne Hafen und Landungsküste beschifft derjenige, der Wahrheit sucht!“

In der Pilatusfrage spreizt sich nicht minder der maßlose Stolz des römischen Reichsbürgers, der sich an Aufklärung und Kultur über alle andern Völker der Erde, namentlich aber über das der Juden, wer weiß, wie hoch, hinausscheint. Mit einer, wenn auch nur vorübergehenden inneren Gereiztheit spricht Pilatus sein: „Was ist Wahrheit?“ als ob er sagen wollte: „Du, ein hebräischer Rabbi, wirst doch nicht denken, ich, der römische Patrizier, sei gekommen, um bei dir Belehrung zu suchen?“ Der Grundton der Frage des Pilatus indes ist besserer Art, und wird von den bisher genannten Misstönen nur flüchtig durchkreuzt und angehaucht. Wehmut atmet sie, Resignation, ja die stumme Verzweiflung eines Herzens, welches mit dem Glauben an das Dasein einer Welt des Übersinnlichen nicht zugleich auch den Wunsch und das Bedürfnis von sich werfen konnte, dass eine solche Welt existieren möchte.

Unglücklich und verwaist fühlt sich auch die Seele des Pilatus noch in der leeren Einöde des absoluten Zweifels, in die sie sich gebannt sieht. Deuten wir die Frage des Landpflegers aus dem tiefsten Innern seiner Gemütswelt heraus, so dürfte sie etwa in diese Laute sich auseinanderlegen: „Du redest von Wahrheit! Ach, die Wahrheit ward den armen Sterblichen nicht zur Gefährtin mit auf den Weg gegeben! Wir fragen nach ihr; aber das Echo ruft, unserer Sehnsucht spottend, nur unsere Frage uns zurück. Wir sehen die Leiter des forschenden Gedankens an; aber nur in undurchdringliche Nebel entführen uns ihre Stufen! Nicht eine Wahrheit hat dem vieltausendjährigen Argonautenzuge philosophischer Denktätigkeit gelohnt; und du, Mann aus Nazareth, willst von der Wahrheit reden, als von einer Einsassin der dunklen Erde? Der Tod hat von Anfang her geschwiegen; es schweigen die Gräber drunten, die Sterne droben; und du willst dafür gehalten sein, dass du denselben die Zunge gelöst und ihre Geheimnisse entsiegelt habest?“

- Ja, auch Solches, oder dem Ähnliches doch, tönt, den tieferen Hintergründen seines Gemüts entsteigend, uns durch die Pilatusfrage an. In dem Manne ist freilich etwas von einem stolzen Philosophen, etwas von einem abgelebten Indifferentisten2), etwas von einem Skeptiker von Profession, etwas von einem frivolen Freigeist und Spötter, etwas von einem kleinlich eifersüchtigen und ehrgeizigen Brausekopf, der mit seinem: „Was ist Wahrheit,“ auch sagen wollte: „Wie könnt ihr euch unterfangen, mich, der ich auf wichtigere Dinge zu denken habe, mit euren jüdischen Glaubenshändeln zu behelligen?“ Aber es ist in ihm auch etwas Andres, Besseres und Edleres noch: ein unverdrehter, lichtbedürftiger Mensch, eine Kreatur, die nach Erlösung seufzt, aber leider! durch die unreinen und finsteren Elemente, die ihn durchwalten, gebunden ist, und, durch sie niedergehalten, nicht freien Raum gewinnen kann.

So oft die Pilatusfrage mich antönt, meine ich, wie schon gesagt, dieselbe nicht aus einer achtzehnhundertjährigen Vergangenheit, sondern aus der unmittelbarsten Gegenwart, ja aus meiner nächsten Umgebung zu mir herüber tönen zu hören. Schlagend bezeichnet sie das Geschlecht auch unserer Zeit, und die sogenannte „Höhe“, auf welcher die modernste Bildung nunmehr wieder angekommen ist. Nur erscheint die Frage im Munde unserer Zeitgenossen unendlich verdammungswürdiger noch, als sie es im Munde unsers Römers war, dessen Augen noch nicht gesehen hatten, was die unsrigen, da weder damals Jesus schon verklärt, noch der Heilige Geist bereits ausgegossen, noch die Welt mit dem Schwerte des Evangeliums überwunden und der Wunderbau der Kirche Christi gegründet war. Jetzt, nachdem dieses Alles geschehen ist, auf den Standpunkt des Heiden Pilatus sich wieder zurückstellen wollen, ist nicht menschlich mehr, sondern dämonisch. Es brennt in der Skepsis jetzt ein höllischer Funke, und des Römers Zweifelmut verhält sich zu dem Unglauben unserer getauften Heiden, fast wie ein unschuldig Lamm zu einer tückischen Natter. Der Unglaube ist jetzt nicht mehr das blinde Kind des vom Erdgeist betörten und umgarnten Herzens, sondern der lichtscheue Sohn des bösen und rebellischen Willens. Auf die Frage: „Was ist Wahrheit?“ gehört gegenwärtig nur noch die Antwort: „Unter Andrem ist Wahrheit das, dass du verdammt bist, weil du die Lüge liebst!“ Im Blick auf einen Pilatus bleibt für Mitleid noch und für Bedauern Raum. In Bezug auf den neuesten Unglauben dagegen heißt es: „Schilt das Tier im Rohr, die Rotte der Stiere unter den Völkern!“

2.

„Was ist Wahrheit?“ Es ist bald gefunden, was Wahrheit sei, wenn nur mit Ernst danach gefragt wird. Eine Menge Menschen gibt's, die wohl nach „Wahrheiten“ fragen, aber der Wahrheit, wo sie ihnen begegnet, geflissentlich den Rücken kehren. Wohl sähen auch sie gar gerne allerlei Rätsel der Natur und des Lebens sich gelöst; aber ihr ganzes Fragen und Forschen ist nur Geistesspiel, und ihr Interesse nur müßige Neugier. Ihre Teilnahme ist rege, wenn sich's davon handelt, wie man sich die Entstehung der Welt zu denken habe, ob eine Geisterwelt, eine Fortdauer nach dem Tode existiere, wie das jenseitige Leben beschaffen sein möge, usw. Aber vor der Wahrheit ziehen sie sich scheu zurück, und suchen in allerlei Weise ihr lieber auszubiegen, als ihr zu begegnen. „So wäre denn die Wahrheit da?“ Welche Frage! In deinem Herzen ist sie, wie in deinem Munde; ja mit Händen greifst du sie; und du willst noch also fragen? Dass du z. B. existierst, dass du ein Bewusstsein einer höheren Bestimmung unvertilgbar in deinem Busen trägst; dass du aber, weit entfernt vom Ziel derselben, ein sündiges Wesen bist, und keinen Frieden, der die Feuerprobe halte, in deiner Seele findest: gehört dies Alles nicht der Wahrheit an? Dass ferner vor achtzehnhundert Jahren auf Erden ein Mann erschien, den Niemand einer andern Sünde zeihen konnte, als dass er „die Wahrheit“ sich genannt, und sich als denjenigen angekündigt habe, der einst die ganze Welt seinem Geisteszepter unterwerfen werde, und dass gegenwärtig du - ich rede hier mit den Worten eines Andern, - „mit aller deiner Freiheit und Selbstständigkeit in das Meer von Folgen verschlungen bist, die sich daher schreiben, dass vor so langer Zeit weit von dir in einem verächtlichen Erdenwinkel jener verachtete Rabbi einer unbedeutenden Nation wie ein Sklave hingerichtet wurde, und du um deswillen nun in allen deinen Beziehungen so ganz anders bestimmt worden bist, als du es ohne das geworden wärst:“ kann sich dir dies auch nur für einen Augenblick in Zweifel stellen, und ist es also nicht die Wahrheit? Gehe nun an der Hand dessen, was du so als unwiderleglich schon erkanntest, sinnig weiter, und bald wirst du inne werden, es walte über der Menschheit ein höherer Führungs- und Erziehungsplan, und wirst darauf schwören, dass ein Gott, der die Liebe sei, sich seinen armen Sterblichen unausbleiblich auch werde offenbart haben müssen. Und wie lange wird's nun währen, so wirst du dir, dem zur Einfalt zurückgekehrten, diese Offenbarungen in hellen Lichtern aus Mose und den Propheten entgegenstrahlen sehen. Es begegnet dir die Wahrheit im Nomadenzelte der Patriarchen Israels, wie in den Lagerstätten des wandernden Gottesvolkes in der Wüste. Mit Donnerstimme spricht sie vom Berge Sinai herab dich an, und von den Hügeln und aus den Talgründen Kanaans redet sie zu dir in lindem, sanftem Sausen. Du vernimmst ihre Stimme auf Bethlehems Triften in den Psalterharmonien des königlichen Hirtenknaben, und in den Hallen des Tempels tritt sie in sinnigem Bilderschmuck und in bedeutsamem Hieroglyphenkleide dir entgegen. Den Sehern Jehovas nahst du, und in einen leuchtenden Sternenhimmel schaut dein staunendes Auge: Gedanken der Wahrheit sind es, was mit diesem überirdischen Glanz dich anstrahlt. An der Hand jener heiligen Seher schreitest du vorwärts, und da begrüßt dich endlich die Wahrheit in Person. „Ich bin die Wahrheit“ spricht ein Mann, den Alles, was an ihm ist, als einen Übermenschlichen bezeichnet, und aus der Welt aller lichtbedürftigen Geister tönt als Echo ein zuversichtsvolles: „Fürwahr, du bist es!“ Ihm zurück. Dass über den Wolken ein lebendiger Weltgebieter throne, wer dieser Gott in der Höhe, welches sein Wille an die Kreatur, wozu der Mensch geschaffen, was sein höherer Beruf, was seine wahre Bestimmung sei: in Christo Jesu wird dieses Alles unwidersprechlich offenbar. In seiner Erscheinung erschließen sich uns die Tiefen der Gottheit, die Ratschlüsse der ewigen Liebe, die Abgründe der göttlichen Barmherzigkeit, die Geheimnisse des Lebens und des Todes, des Himmels und der Hölle. Auf alle Fragen, sei es nach dem Inhalt und Kern des göttlichen Gesetzes, sei es nach dem Wesen der wahren Tugend und Heiligkeit, sei es nach dem Ideale des Menschentums, oder wonach sonst es sei, ist er, schon vor aller Rede, selbst die entscheidende, persönliche Antwort. Und wo er spricht und handelt, stürzen die Geister des Zweifels, wie die der Lüge und des Wahns, davon, und Klarheit, Gewissheit und Zuversicht entbieten uns den himmlischen Friedensgruß.

Es verstumme denn auf Erden das Pilatuswort: „Was ist Wahrheit?“ So kann hinfort nur noch der Blödsinn, oder die mutwillige Selbstverblendung und der dämonische Lichthass fragen. Die Wahrheit hat ihren Einzug in die Welt gehalten, und wohnt vertraulich, und zugänglich für Alle, die ihrer begehren, in unserer Mitte. Eine Philosophie, die sich gebärdet, als müsse sie die Wahrheit erst aus der Tiefe herauf- oder vom Himmel herunterholen, wird ihren schreienden Undank gegen den Gott der Gnaden damit büßen, dass sie ewig im Finsteren tappen, und, nach Schemen tastend, nimmer zum Ankerwerfen kommen wird. Die Aufgabe der Philosophie wäre jetzt die, das innerste Bewusstsein des menschlichen Geistes zu ergründen und auszuschöpfen, und an dessen unvertilgbaren Bedürfnissen vorurteilsfrei die in Christo erschienene Wahrheit zu erproben. Schickte sie sich dazu an, fürwahr, bald bände auch sie nach ihrer langen Irrfahrt beim Berge Zion ihren Nachen an, und riefe jauchzend und frohlockend auch: „Ich habe gefunden, ich bin am Ziel!“ Alles, was redlich und ernst nach Wahrheit forscht und sucht, landet unausbleiblich zuletzt in der göttlichen Hafenbucht des Evangeliums. Mit der größten Zuversicht durfte darum der Heiland sprechen: „Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme!“

Preisen wir denn den allgenugsamen Gott für die unaussprechliche Gabe, deren er uns gewürdigt hat! Siehe, die Nacht ist vergangen, und der Tag ist angebrochen! Der alte Prophetenruf: „Mache dich auf und werde Licht: denn dein Licht kommt!“ hat sich seinem weissagenden Teile nach längst erfüllt. Erfülle sich in uns Allen nun auch die Mahnung, die jener Ruf neben der Verheißung im Schoße trägt! Räumen wir der Wahrheit, die vor unserer Pforte steht, mit freudiger Willigkeit Geist, Herz und Gemüte ein, und wandeln wir als die Kinder des Lichts!“ Er ist die Wahrheit, der zugleich der Weg und das Leben ist. Werfen wir die Schlangenbrut unserer Zweifel unter seine Füße, dass er sie zertrete, und sprechen wir betend mit dem alten Sänger:

Sei unser Glanz und Wonne,
Ein helles Licht in Pein,
Im Schrecken unsere Sonne,
Im Kreuz ein Gnadenschein;
In Zagheit, Glut und Flamme,
In Not ein Freudenstrahl,
In Krankheit Arzt und Amme,
Ein Stern in Todesqual. - Amen.

1)
Laut dem Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm ist „rentbar“ ein veraltetes Adjektiv und bedeutet „Zinserträge bringend“. In der modernen Sprache wurde es vollständig durch das Wort „rentabel“ (gewinnbringend, lohnend) ersetzt.
2)
Indifferentisten sind Menschen, die eine dauerhaft gleichgültige Haltung gegenüber wichtigen Entscheidungsfragen, Religionen oder Weltanschauungen einnehmen.
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