Krummacher, Emil Wilhelm - Das alleinige Heil in Christo

Krummacher, Emil Wilhelm - Das alleinige Heil in Christo

Deine Gnade, o Du unser Herr und Heiland Jesu Christe! Lamm Gottes, das der Welt Sünde trug; Deine Liebe, o Gott und Vater aller derer, die durch Christum Deine Kinder worden sind und werden; Deine trostvolle Gemeinschaft, o Heiliger Geist, Beistand, Tröster, sie sei und bleibe für Zeit und Ewigkeit mit uns Allen! Amen.

So stehe ich denn heute zum letzten Male an dieser heiligen Stätte, und ich kann es euch nicht sagen, geliebte Brüder und Schwestern, was in diesen Augenblicken in meinem Innern vorgeht, da ich euch nun noch einmal und so zahlreich um mich her versammelt sehe. - So liegt sie denn also hinter mir die erste Zeit meiner öffentlichen Wirksamkeit, die ich in eurer Mitte verleben sollte, mit allen ihren zum großen Teil Herz erfreuenden, in jedem Falle aber mir heilsamen Erfahrungen; Hinter mir liegen alle die Sonn- und Festtage, an denen mir der Herr die Gnade schenkte, sein Evangelium verkünden zu dürfen. Und wenn ich nun hinblicke auf euch Alle, ihr teuer erkaufte Seelen, deren ewiges Heil auch mir der Herr auf meine Seele band; wenn ich die unendliche Gnade des Herrn erwäge, die immer und immer wieder neu über mir, und in dem Schwachen mächtig war; die mir jedes Mal wieder Herz und Mund öffnete: Christum den Gekreuzigten als die alleinige Quelle alles Heiles und aller Seligkeit zu verkünden; wenn ich ferner mit Beugung und großer Freude bedenke, wie der Herr mein armes Wort an manchen Herzen so reichlich gesegnet hat; wenn ich mir mit betrübtem Herzen vergegenwärtige, wie viele Ungläubige, wie viele bloße Namenchristen noch unter euch sind, wie wenig noch an Manchem das Evangelium sich als eine Kraft Gottes, selig zu machen Alle, die daran glauben, erwiesen hat; o! wahrlich, meine teuren Freunde, dann bedarf es einer in heißem Gebete vor des Herrn Angesichte festgewordenen Überzeugung, dass es Sein heiliger Wille ist, diesen meinen Posten im Reiche Gottes mit einem anderen zu vertauschen. Nie würde ich Ruhe, nie die wahre Freudigkeit in der Verwaltung meines künftigen Hirtenamtes haben, wenn mir nicht die zweifellose Überzeugung geworden wäre, dass es des Herrn Heiliger Wille ist, mich in einem anderen Teile Seines Weinberges anzustellen. Darum habe ich denn auch, als ich den Beruf erhielt, mein armes menschliches Wollen und Wünschen, so viel mir Gott Gnade schenkte, verleugnet und aufgegeben; willenlos durch Seine Gnade habe ich Seinen heiligen Willen entscheiden lassen, und Er hat mir die entschiedene Gewissheit gegeben; „Du sollst ausgehen aus deines Vaters Hause und deiner Freundschaft in ein anderes Land, das ich dir gezeigt habe.“ Ganz ohne mein Zutun, ohne alle Bewerbung von meiner Seite, ließ Er, der die Herzen der Menschen lenkt wie Wasserbäche, den Ruf in den neuen Wirkungskreis an mich ergehen, und unser verehrter Landesherr hat mir durch seine Entlassung einen deutlichen Wink mehr gegeben, dass ich in die Nähe meiner Vaterstadt Meurs1), jenseits des Rheinstroms, nach Baerl zurückkehre, um dort in einer mir allein anvertrauten Gemeinde das heilige teure Amt zu verwalten, das die Versöhnung predigt.

Nun stehe ich hier, ergriffen und durchdrungen von den mannigfaltigen Gedanken und Gefühlen, blicke bald hinauf zu dem Herrn, meinem Gott und Heilande, bald um mich her auf euch, geliebte Glieder dieser Gemeinde, bald vorwärts auf die neue Herde, der ich in Wort und Wandel ein recht treuer Hirte werden möchte. Noch so vieles möchte ich euch sagen, noch so manchen Dank für eure mich beschämende und ewig unvergessliche Liebe, so manche herzliche Bitte möchte ich an euer Herz legen; noch so gern möchte ich euch sammeln, wie eine Henne ihre Küchlein, unter die Flügel eueres barmherzigen Herrn und Heilandes; noch so manchen euch ewig mahnenden Ruf möchte ich an das Herz eines jeden von euch ergehen lassen; aber die Zeit ist beschränkt; ich muss mich kurz fassen.

Warum hat mich denn der Herr zu euch gesandt? Um euch den einigen Weg, die alleinige Wahrheit, die gestern und heute und in Ewigkeit dieselbe ist, um euch das rechte Leben hier und dort kurz, um euch Christum zu predigen, und um euch Allen wahres Heil und Seligkeit zu bringen. Das war, so wahr mir Gott helfe, mein heißester Wunsch. Vor Allem aber ist auch in dieser Abschiedsstunde mein Innerstes mit diesem, dem besten aller Wünsche erfüllt. Alle Bücher und Briefe des Neuen Testamentes schließen mit gewichtigen Worten; die Briefe meist alle, indem sie die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes, oder etwas dem Ähnliches, das die Summa des Christentums in sich fasst, den Lesern anwünschen. So will ich denn auch mit einem herzlichen Segenswunsche für euer wahres Heil und Seligkeit von euch scheiden.

Geliebte Zuhörer, betet mit mir inbrünstig, dass doch der Herr, der reich ist über Alle, die Ihn anrufen, dieses mein letztes Wort an euch nicht für heute und morgen, sondern für die ganze Zeit eurer Pilgrimschaft hienieden mit seinem reichen und bleibenden Segen segne. Vorher aber lasst uns anstimmen:

Bernb. Ges. No. 141.

In keinem anderen ist ja Heil,
Kein Nam' ist uns gegeben,
Darin wir könnten nehmen Teil
An Seligkeit und Leben usw.

Text. Apostelgesch. 4, 12.

Es ist in keinem anderen Heil, ist auch kein andrer Name den Menschen gegeben, darin wir sollen selig werden: denn allein der Name Jesu Christi, des Gekreuzigten.

Diese Worte, meine geliebten Zuhörer, welche uns so dringend das alleinige Heil, die alleinige Seligkeit in Christo Jesu anempfehlen, diese Worte, welche bald nach dem heiligen Pfingstfeste der Apostel Petrus voll Heiligen Geistes aussprach, und die die Hauptsumma nicht nur aller der Predigten, welche ich vor euch gehalten habe, sondern welche vielmehr das Ergebnis des Alten und Neuen Bundes enthalten, habe ich auch deshalb zum Texte meiner Abschiedspredigt gewählt, weil die wahrhafte Beherzigung derselben nichts Geringeres zur Folge hat, als euer Aller Heil und ewige Seligkeit. Und was könnte ich auch, geliebte Brüder und Schwestern, zumal in dieser letzten mir ewig heiligen Stunde für einen dringenderen Wunsch aussprechen, was konnte ich euch heißer erflehen, als das Heil und die ewige Seligkeit eurer unsterblichen Seelen? Ach, darum möchte ich diese meine Textesworte in euer Aller Herzen eingraben mit unauslöschlicher Flammenschrift, die euch täglich, stündlich von Neuem mahnte an eure himmlische Berufung in Christo Jesu; darum möchte ich nun noch bewirken, dass eure Herzen voll dankbarer Beugung die Gnade unseres Heilandes als das köstlichste Gut, als das Eine Notwendige ergriffen, dass ihr euch in Seine stets innigere, seligere und heiligende Gemeinschaft begebt, dass ihr ohne Ihn und außer Ihm gar keine Ruhe noch Rast findet, und saftige, fruchtbare Reben werdet an dem Einen Weinstock - Glieder seines Leibes!

Zu Jesu, zu Jesu allein möchte ich euch jetzt noch hinziehen, so dass ihr Ihn nie in euerem Leben verlassen und aus den Augen verlieren könntet, so dass ihr täglich erwachtet, täglich wandeltet, täglich euch zur Ruhe begäbet mit den Gedanken: Es ist in keinem Andern Heil, als in meinem Heilande; es ist uns armen Menschen kein anderer Name gegeben, darin wir sollen selig werden, als Jesu Namen; darum, so will ich immer näher hinzudringen zu Jesu; darum sei mir alles Andere Nebensache und Jesus sei mir Alles in Allen, mein Weg zum Vater, meine Wahrheit, mein Leben, meine Gerechtigkeit; Ihm will ich leben, Ihm will ich sterben, Ihm sei Leib und Seel' ergeben; seine Liebe, seine Todestreue soll mein Herz zur Gegentreue entzünden, und wie Er für mich, einen Feind seines Vaters, sein Blut vergoss, so will auch ich ohne Unterlass ringen und beten, dass mein Herz ein Herz werde voll Brudertreue, das ohne Liebe, ohne wohlzutun, ohne zu segnen lieber brechen möchte.

Dünkt euch das zu viel gesagt, geliebte Zuhörer? - o! dann wisst ihr noch von einem Heile, einer Seligkeit außer und ohne Christum, da doch außer ihm eitel Tod und Verdammnis ist; sträubt sich euer Inneres gegen diese ewige Wahrheit, o! so seid ihr noch in euerm natürlichen, verderbten und unbekehrten Zustande, so steht still auf euerm Wege und erwägt, dass nur die Sünde es ist, die sich zwischen euch und euerm Heilande lagert, und bedenkt wohl, dass der Herr euer Gott es selber ist, der den Ruf zu Jesu an euch ergehen lässt. Ja es ist heute das letzte Mal, dass ich euch, als sein schwaches Werkzeug, das alleinige Heil in Christo verkünde. Warum predige ich euch das? O, geliebte Zuhörer, weil mir nichts so am Herzen liegt, und am Herzen lag, als eure Seelen für Jesum zu gewinnen und euch Alle durch ihn hier und dort selig und heilig zu machen. Denn es ist und bleibt in keinem Andern das Heil und ist kein anderer Name den Menschen gegeben, darin zumal wir, die der Herr aus Gnaden zu seinem Evangelio berufen, selig werden sollen, als Jesu hochgelobter Name. Darum so vernehmt mit Liebe, ohne Vorurteil, mit wahrer Andacht dieses mein letztes Wort, wodurch ich euch das alleinige Heil in Christo noch einmal recht nahe für Zeit und Ewigkeit ans Herz legen möchte.

Es ist in keinem Andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, darin wir sollten selig werden, denn allein der Name Jesus Christus. Das war

1) und wird es mir ewig bleiben das Losungswort in der Verwaltung des heiligen Amtes, das die Versöhnung predigt;

2) das sei und bleibe ewig euer Losungswort in euerm Christenberufe.

O Herr, stehe mir gnädig bei; öffne Herz und Mund; gib meinen Worten eindringliche Kraft und Nachdruck! Amen.

I.

Für euer Heil und Seligkeit hier und dort zu arbeiten; euch Alle dem Herrn Jesu und durch Ihn dem barmherzigen Vater im Himmel zuzuführen, rastlos für euch zu beten und euch in Wort und Wandel, auf der Kanzel, vor dem Altare, im Beichtstuhle und unter den lieben Kindern, Christum den Gekreuzigten als den Fels alles Heiles, als den alleinigen Retter und Seligmacher zu verkünden - dazu sandte mich der Herr zu euch, das hat mir über Alles am Herzen gelegen und das ist es auch, was in dieser heiligen Stunde meine ganze Seele ausfüllt.

Als ich die Weihe zum heiligen Predigtamte erhielt, da gelobte ich vor einer großen christlichen Versammlung, auf den Knien, aus voller Überzeugung meiner Seele, dem lauteren Evangelio, wie es die Apostel und Reformatoren gepredigt hatten, treu zu bleiben, Buße zu Gott, Glauben an den Herrn Jesum, und das alleinige Heil in Ihm getreulich bis an mein Ende zu verkünden. Habe ich je etwas anderes gepredigt, so lange ich hier gepredigt habe? Bin ich je abgewichen von dem heiligen Worte Gottes? habe ich mein heiliges Gelübde gebrochen? Habe ich das teure Hirtenamt als ein schnöder Mietling verwaltet und arme selige Menschenweisheit anstatt der göttlichen gepredigt? - Nein, barmherziger Gott, ich danke Dir von Grund meiner Seele, Deine Gnade hat mich treu und wacker erhalten in meinem heiligen Berufe, Du hast mir Herz und Mund jedes Mal wieder geöffnet, Christum den Gekreuzigten als Die alleinige Quelle alles Heiles zu verkünden. Anderes sollte, konnte und wollte ich nicht predigen, und jede einzelne Predigt sollte in mir und in euch die Wahrheit bekräftigen: Es ist kein Heil außer Ihm!

Hingewiesen habe ich deshalb immer auf unsere Sündhaftigkeit, und habe mit den Aposteln und Reformatoren behauptet und behaupte es ewig, dass wir Menschen, wie wir von Natur beschaffen sind, durchaus nicht den mindesten Anspruch auf Seligkeit haben; habe es oft genug gesagt, dass der Gott zum Lügner mache, der sich nicht in Demut als einen armen Sünder anerkennen wolle. Darum habe ich behauptet, dass wir Buße tun, Vergebung der Sünden empfangen und mit Gott versöhnt werden müssen, so wir anders selig werden wollen. Durch den Glauben an unseren Herrn Jesum, durch seinen bitteren Kreuzestod, müssen wir wieder in ein kindliches Verhältnis zu unserem himmlischen Vater kommen und wie die Kinder werden, so wir ins Himmelreich eingehen wollen. Wir müssen neue Kreaturen, wir müssen wiedergeboren werden laut der feierlich bekräftigten Aussage unseres hochgelobten Erlösers: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, es sei denn, dass jemand von Neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen. Wir müssen dem Geiste Gottes unser Herz öffnen; er muss uns die wahre Einsicht in unsere Verdorbenheit, das wahre Herzeleid über unsere Sünden, die aufrichtige, tiefe Demut verleihen, woraus die gläubige, freudige Annahme des unaussprechlichen Verdienstes unseres Heilandes hervorgehen muss. Nur durch den Glauben von unserer Seite, nur durch die Gnade von Seiten Gottes, können wir beseligt werden. Unsere Werke können uns den Himmel nicht verdienen, und obschon ein gottseliges, liebreiches, tätiges Leben die natürliche und notwendige Frucht des rechten Glaubens ist, so ist es dennoch nicht dieses, immer noch höchst mangelhafte Leben, so sind es nicht unsere - überdies meist befleckten, unvollständigen und unzureichenden Werke, durch die wir uns den Himmel erkaufen, sondern es ist einzig und allein Jesu Verdienst, wodurch wir eingehen zur Seligkeit, wodurch wir dem Herrn unserem Gott wieder wohlgefällig werden können. Und worin besteht dieses Verdienst unseres Heilandes? Darin besteht es, dass Er, der Herr und Gott von Ewigkeit, durch welchen die Welt geschaffen ward, aus grundloser, freier Liebe zu der fündigen Welt, die göttliche Majestät, die er beim Vater Hatte von Anbeginn, niederlegte, dass Er unser armes Fleisch und Blut annahm und gleich einem Missetäter, am Kreuze alle die Strafen auf sich lud, die wir, die jeder einzelne von uns verdient hätten, auf dass wir durch seine Wunden geheilt würden. Und dieses Verdienst Jesu Christi, durch welches alle diejenigen, welche sich von Herzen zu Ihm bekehren, Vergebung aller Sünden, Frieden mit Gott, ja schon hienieden, auch selbst im Kreuze unaussprechliche Seligkeit erlangen; diese Rechtfertigung ist die Quelle unserer Seligkeit, die Quelle eines neuen Lebens im Geiste und in der Wahrheit. Je mehr dieses Verdienst im Glauben unser ist, je standhafter und entschiedener wir jeden anderen Weg zu Gott, der nicht über Golgatha führt, verschmähen, je inniger wir uns, gleich Reben mit dem Weinstock, mit Jesu vereinen, je mehr sein Tod unser Leben wird, desto reiner, desto dankbarer wird unser Herz, desto aufrichtiger wird unsere Freude an allem Guten, desto brünstiger unsere Liebe zu Gott und zu unseren Brüdern, desto gewissenhafter unsere Treue im Einzelnen.

Das nenne ich Evangelium; das ist und bleibt die Seele und das Wesen alles Christentums; so predigten es die heiligen Apostel, so die Reformatoren; mit diesem Glauben steht und fällt unsere evangelische Kirche. Ohne diese Überzeugung kann wohl jemand ein äußerlich vor den Leuten ehrbarer Mensch sein; aber ein Christ ist er nicht; vor Gott kann er nicht bestehen, er beuge sich denn vor dem, in dessen Namen sich alle Knie beugen sollen. Wahrer Friede mit Gott, wahre, stets zunehmende Freudigkeit zu einem christlichen Lebenswandel, ist ohne diese Demut, ohne diesen lebendigen Glauben an den Heiland, nie und nimmermehr möglich, so lange in keinem Andern Heil, und so lange den Menschen kein anderer Name gegeben ist, darin sie sollen selig werden, als der Name unseres gekreuzigten und auferstandenen Heilandes Jesu Christi.

Darum, meine geliebten Freunde, habe ich euch nicht zu löchrigen Brunnen geführt, die kein Wasser geben, sondern zu dem einigen Heilsbrunnen des geistlichen Israels, zu Jesu Christo, und immer wieder zu Ihm, unserem Versöhner, unserem mitleidigen Hohenpriester, in dem die heilsame Gnade Gottes erschienen ist, die uns züchtigt, gerecht, züchtig und gottselig zu leben in dieser Welt. Er ist nicht ein bloßer Lehrer, nicht ein bloßes Vorbild, nein! Er ist unser Herr und Gott, unser Heiland, der sein Blut für uns vergossen, das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trug. Die Versöhnung und Erlösung, welche durch Jesum geschehen ist, diese ist der Mittelpunkt, von welchem alle Strahlen der Christentumssonne ausgehen. Wer Christi Versöhnung, wer das alleinige Heil in Ihm nicht predigen will, der ergreife jedes andere Amt, nur nicht das Amt, das die Versöhnung predigt. Es wäre ja auch mir ein Leichtes gewesen, immer nur von Trost, von der gütigen Vorsehung, von ewiger Seligkeit und reichliche, bald verfliegende Rührungen zu predigen, und nicht so entschieden auf Buße und Glauben an den Herrn Jesum zu dringen; aber der liebe Gott hat mich gnädig davor behütet. Unser Zeitalter ist ohnedies weichlich und entnervend genug; - falsche Aufklärung hat ohnedies lange genug das Verdienst unseres Heilandes geschmälert; lange genug sind die teuer erlösten armen Seelen vor dem vorbei, von dem abgeführt, in welchem allein Heil ist. Da tut es Not, ohne Menschenfurcht und ohne Menschengefälligkeit wieder hervorzutreten mit dem Panier des Gekreuzigten, und mit den Aposteln und Gottesmännern aller Zeiten das Wort vom Kreuze zu verkünden, das nur der Welt, denen die verloren gehen, ein Ärgernis und eine Torheit ist. Vorüber sind die Zeiten, wo dem flachen Unglauben Bewunderung gezollt wird; das Volk will von Jesu hören, außer dem kein Heil ist, und Heil allen den Gemeinden, Heil auch euch, geliebte Brüder, so euch der Herr Jesus immer mehr Alles in Allen wird, Heil euch Allen, die ihr euch nach Jesu Frieden sehnt und nach seiner Gerechtigkeit hungert und dürstet!

So, geliebte Zuhörer, war mir das alleinige Heil in Christo, und wird es für alle Zukunft bleiben Leitstern und Losung in meinem heiligen Amte, und der stete Hinblick auf Ihn, unseren liebevollen Heiland, gab mir an die Hand, was ich predigen sollte und was ich nicht predigen sollte.

II.

O geliebte Freunde, möchte ich nun nicht vergeblich unter euch gewirkt, möchte ich nun in euer Aller Herzen durch Gottes Gnade eine ewige Liebe zu Jesu entzündet haben; möchte mein Abschiedstext für alle Zukunft euer Losungswort in euerem Christenberufe werden!

Dann würdet ihr freilich bald einsehen, dass in euch selbst, in euerem armen Namen das Heil nicht zu finden ist; dann würdet ihr nicht nur bald verzagen an eurer eigenen Gerechtigkeit, sondern ihr wurdet auch, durchdrungen von wahrem Herzeleid über eueren Sünden, zu Jesu eure Zuflucht nehmen. O, noch niemanden hat es gereut, der durch Jesum erlöst, ein anderer Mensch ward nach Herz, Sinn, Mut und allen Kräften; noch niemand hat sich geärgert, den natürlichen, fleischlichen, dumpfen, gleichgültigen Zustand mit der Herrlichen Freiheit der Kinder Gottes vertauscht zu haben. Darum erwägt immer tiefer die grundlose Barmherzigkeit des barmherzigen Gottes, der uns seinen teuersten Eingeborenen gab; darum versenkt euch täglich von Neuem in die unermessliche Liebe Jesu, der uns durch Marter und Tod den Himmel öffnete. Diese Liebe, die mit allmächtig sanfter Gewalt das härteste Herz zerschmelzen und neuschaffen kann, - o könnte ich sie in euer Aller Herzen ausgießen; könnte ich eueren Seelen noch heute den unauslöschlichen Drang einhauchen, dass ihr täglich von Neuem Ihm neue Treue gelobtet, dass ihr Alle Jesu Eigentum, Jesu Ebenbild würdet in Wort und Wandel! Betet, ringt ohne Unterlass nach diesem alleinigen Heile, lasst euch nichts auf der Welt so angelegen sein, als durch Christum Kinder Gottes zu werden.

Und ihr, geliebte Brüder, in denen des Herrn Gnade bereits ein gutes Werk angefangen hat, o dringt immer dichter hinzu zu dem kleinen Häuflein, das den guten Kampf des Glaubens kämpft und Seine Stimme kennt. Lasst euch durch nichts und niemand abwendig machen von dem Heilande, in welchem allein das Heil zu finden ist; achtet Alles für Schaden gegen die überschwängliche Erkenntnis Jesu Christi! Bleibt unter einander treu, lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen, freut euch mit einander in Demut der Gnade, die euch geworden ist, und reicht einander auf dem steilen Pfade die Hand, dass eure Jesustreue immer aufrichtiger, euer Wandel immer reiner und immer reicher an Liebe, dass eure Fuße immer wackerer werden, nachzujagen dem himmlischen Kleinode, das euch vorhält die himmlische Berufung in Christo Jesu.

Ihr aber, liebe Brüder, die ihr noch immer und immer anderwärts das Heil sucht, als in Jesu Christo, ihr, die ihr noch ganz tot für die alleinige Hauptsache, oder wohl gar schamlose öffentliche Sünder seid, bedenkt, dass ihr nun keine Entschuldigung habt, wenn Er kommen wird, der Welterlöser, der zugleich der Weltenrichter ist. Darum wache auf, der Du schläfst, stehe auf von den Toten, auf dass dich Christus erleuchte!

Der Herr möchte uns so gern Alle beseligen, o lasst uns seine liebreiche Hirtenstimme vernehmen, lasst uns Alle, die wir das Salz der Erde sein und die Welt vor Fäulnis bewahren sollen, ein jeglicher in seinem Teile durch tägliche Buße und Erneuerung im Geiste unseres Gemütes beitragen, dass ein Hirte und eine Herde werde, die erbaut ist auf dem Grunde der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist. Dann werden wir uns nach dieser kurzen Erdenpilgrimschaft durch Gottes Gnade vor dem Throne des Lammes wiederfinden, dann wird Allen denen, die sich an Jesu hielten und geheiligt wurden, das ewige Erbe werden. O dass es in meinen Kräften stände, Alle, Alle zu Jesu zu führen, Alle einzuführen in das ewige Land der Liebe.

Aber mit unserer Macht ist nichts getan. - So habe auch ich nichts tun können, als nach Kräften getreulich pflanzen und begießen: das Gedeihen muss der Herr geben; seine Gnadensonne, der Heilige Geist muss die ausgestreuten Samenkörnlein bescheinen und erwärmen, sonst können sie nicht einmal keimen, viel weniger Frucht bringen.

Aber an uns ist es, uns finden zu lassen vor der rettenden Gnade des Herrn und dem Heiligen Geiste nicht zu widerstreben; an uns ist es, die reichlich dargebotenen Gnadenmittel getreulich zu gebrauchen, die kein Christ je versäumen darf. Darum dringe euch das anempfohlene Losungswort, dass ihr getreulich das Wort des lebendigen Gottes als die einzige Richtschnur des Glaubens und Lebens festhalten, lesen und auch gemeinschaftlich betrachten möget; dass ihr Alle täglich im Gebete treuer, inniger und kindlicher euch dem Herrn zuwendet, dass ihr euch fleißig und würdig dem Altare des Herrn naht und den öffentlichen Gottesdienst heilig und in Ehren haltet.

Dann, so wie besonders an euerm Wandel, an eurer Treue im Kleinen wird es sich bald zeigen, ob der Herr Jesus eine Gestalt in euch gewonnen, und ob es euch Ernst ist mit eurer Sehnsucht, mit euerem Streben, ein Kind Gottes zu werden.

O es werde euch Allen Ernst damit, das alleinige Heil zu suchen, zu finden! Seine Heilandsarme sind längst nach eueren Seelen ausgebreitet. Lasst uns Ihm unsere Herzen hingeben, Er hat für uns sein Blut und Leben hingeopfert. Dann sind und bleiben wir Eins in Ihm; dann werden wir, verbunden durch einen Heiligen Geist, durch ein heiliges Liebesband, einstens vor dem Throne des Lammes mit allen Heiligen, seinen heiligen Namen lobsingen, Ihn anbetend verehren, in dem und durch den wir das Heil und die ewige Seligkeit erlangten.

Das walte Du Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist und erhöre dieses mein letztes Flehen, was ich an dieser heiligen Stätte Dir an Dein treues Herz lege. Hilf, dass wir das alleinige Heil ergreifen. Erwecke Du selbst, Herr unser Gott, alle die Seelen, die durch das Blut Deines Sohnes erkauft sind, zu Deiner Liebe. Dein holdseliges Bild, Deine Treue und Gnade, Herr Jesu, werde in Allen den Herzen verklärt, die jetzt zum letzten Male um mich her versammelt sind. Siehe, es ist ja doch Deine Sache, o Herr; Dir liegt mehr daran, Seelen zu gewinnen, als irgendjemanden, o! darum offenbare Dich Allen in Deiner Heilandstreue, darum wirke mächtig fort durch Deinen Heiligen Geist in Allen den Gliedern dieser teuren Gemeinde! Ja, erwecke und entzünde eine bleibende Sehnsucht und Liebe zu Dir in Aller den unsterblichen Seelen, die Du auch mir anvertrautest. Mag mein armer Name bald aus Aller Gedächtnis verschwinden, wenn nur Dein heiliger Name nimmer in Vergessenheit gerät, wenn nur Du verherrlicht wirst je mehr und mehr! Wird auch meine Absicht, mein Wirken verkannt, wenn nur Du nicht verkannt wirst, außer dem kein Heil ist! - Soll ich auch auf ewig von hier scheiden, wenn nur Du auf ewig in Aller Herzen eine bleibende Stätte gewinnst! Ja! das werde wahr, o Gott! dazu lass mein letztes Wort bleibend gesegnet werden! Nichts Heiligeres, nichts Besseres kann ich für Alle erflehen, als den lebendigen Glauben an Dich, die Liebe zu Dir, der Du uns zuerst geliebt hast. Darum aber bitten wir Dich auch, o Du Herr der Ernte, da die Ernte groß und wenig der Arbeiter sind, sende Du Arbeiter in Deinen Weinberg. Stehe Du gnädig bei dem Nachfolger in dem heiligen wichtigen Amte, das ich bisher verwaltete, dass er die noch erstarrten, wie die aufgekeimten und blühenden Pflanzen in Deiner Gottesau mit Jesustreue pflege, dass er mit Herz und Munde evangelisch predige, und nimmer von dem teuren Evangelio weiche! Stehe Du ferner bei dem teuren Mitarbeiter an dieser Gemeinde; öffne Du ihm und mir ferner Herz und Mund, dass wir Dich, Herr Jesu, getreulich verkünden, und lass uns immer fester in Dir und auf Dich verbunden sein. Vergilt Du ihm seine Liebe und lohne Du dem Greise, zu dessen Stütze Du mich beriefest, seine Freundlichkeit, mit der er mich stets behandelte, und, damit er in Frieden von hinnen fahre, gib, dass seine Augen, wie Simeons, Dich den einigen Heiland sehen! Gib, dass Alle, die Du an dieser Kirche, in diesem Lande zu Hirten verordnet hast, tief beherzigen mögen, dass eine strenge Rechenschaft unserer warte. Nimm Dich ferner Deiner Christenheit, dieser Stadt, dieser Gemeinde gnädig an! Vergilt Du ihr alle mir bewiesene Liebe, alles liebreiche Zutrauen, und hilf allen Gliedern derselben, dass sie noch gründlich erweckt werden mögen.

Sei Du, o Herr, Schutz und Schirm dem ganzen anhaltischen Vaterlande! Lass Dein Wort reichlich und lauter in demselben verkündet werden; rüste die Geistlichen Alle aus mit Deinem Geiste! Segne die Schulen und ihre Lehrer und lass sie Alle Dich finden, o Jesu, Du Fels alles Heils, lass Alle zur Erkenntnis der Wahrheit kommen!

Wir bitten Dich aus Herzensgrund, segne alle Regenten der Erde! Segne unseren teuren Herzog mit Deinen teuersten Segnungen! Lass Deinen Geist immer ruhen auf ihm! Mehre die Zahl seiner Jahre auf Erden! Schenke ihm Weisheit, Gnade und Kraft, das Volk, über das Du ihn verordnet, milde, friedlich und liebreich zu regieren! Erwecke ihm weise, christliche Räte und Diener, die seine gerechten und väterlichen Absichten treulich erfüllen! Behüte den Erbprinzen, und lass ihn täglich zunehmen an Gnade und Weisheit bei Dir und den Menschen! Deine Gnade und Treue sei mit den Anverwandten des herzoglichen Hauses! - Auch bitten wir Dich aus der Fülle unserer Herzen für unsere geliebte Fürstin; erhalte sie uns, erhalte sie so manchen Bedrängten noch lange! Lass den Abend ihres Lebens heiter und gesegnet sein, und wie ihre Freude an dem lauteren Evangelium bisher so herzlich und kindlich war, so werde es ihr je mehr und mehr Ein und Alles, bis Du sie dann hinaufnehmen wirst in das ewige Land der Liebe, wo Du ihr reichlich alle Liebe und Treue lohnen wirst!

Segne den Magistrat und die gesamte Bürgerschaft mit ihren Vorstehern! - Ach lass die Kinder zu Dir gebracht werden, Herr Jesu: Du hattest sie so lieb und ihrer ist ja das Himmelreich! Führe hinaus, was Du in manchen Kinderseelen begonnen hast, das gute Werk des Glaubens, der Liebe und Hoffnung!

Erbarme Dich der armen Menschen, die dem Worte vom Kreuze und Deinem teuren Evangelio feindselig gesinnt sind. Bringe diese armen Seelen, die nicht wissen was sie tun, zur Besinnung, dass sie, und welche schamlos Deine heiligen Gebote übertreten, sich von Grund der Seele bekehren mögen.

Nimm aber von unser Aller Herzen die Ringmauer der wahren Gerechtigkeit hinweg. Dein Blut und Gerechtigkeit o Jesu, werde unser Schmuck und Ehrenkleid!

Und nun bitte ich Dich denn auch zuletzt, erbarme Dich meiner, Deines armen Knechtes und der lieben Meinigen. O mache mich durch Deinen Heiligen Geist tüchtig zu dem heiligen Amte, das Du mir befohlen hast; segne meinen Ausgang und Eingang, und hilf, dass Deine Hirtentreue je mehr und mehr die meinige werde!

Ach hilf uns Alle hinan zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes! Eine endlose Ewigkeit harret unserer. - O Herr Jesu, mit Dir, und nur mit Dir können wir ihr getrost und freudig entgegen gehen. Darum werde Du unser Leben; dann kommen wir zum Vater, in seine Wohnungen und werden als seine lieben Kinder einstimmen in das Halleluja, in die Preisgesänge der verklärten Scharen!

Das walte Du Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist in Gnaden! Amen!

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Moers
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