Kleinpaul, Johann Amadeus Bernhard - Beichtrede in der Passionszeit über Jes. 30, 15

von P. Dr. Kleinpaul, Pfarrer in Brockwitz.

Sie ward am Geburtstagsfeste des Kaisers in Gegenwart einer allgemein betrauerten Kranken gehalten.

Heile mich, o Heil der Seelen,
Wo ich krank und traurig bin;
Nimm die Schmerzen, die mich quälen,
Und den ganzen Schaden hin,
Den mir Adams Fall gebracht
Und ich selbsten mir gemacht.
Wird, o Arzt, dein Blut mich netzen,
Wird sich all mein Jammer setzen. Amen. 1)

„So spricht der Herr Herr, der Heilige in Israel: Wenn ihr stille bliebt, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein.“

Ja, in die Stille werden wir gerufen, im Herrn Geliebte, heut, wo Tausende und Millionen die Stille fliehen und sich an lautem Jubel ergötzen. Und wenn wir selbst schon in der Stille verweilen, noch stiller, ganz still soll es heut in unsern Herzen werden; denn „da nur kann dein Odem wehn, wo die Stürme schlafen gehn“.

Merken wir etwas von innerer Unruhe in unsrer Brust? Ach, Geliebte, wie viel Sorgen stehen an jedem einzelnen Morgen mit uns auf; wie wird das unruhige Herz von tausenderlei Gedanken hin und her geworfen.

Das gilt von dem Menschen überhaupt, selbst wenn er strotzte von äußerer Kraft, selbst wenn er inmitten der Fülle äußeren Glückes wohnte. Doch wenn wir nun vollends vom Herrn in ein stilles Wartestüblein versetzt sind, wenn ein Patmos unser Teil, eine Wartburg unser Heim, das im tiefsten Sinn zu einer Burg des Harrens geworden; wenn wir herausgerissen wurden aus einer reichen, gesegneten Tätigkeit und in die Stille versetzt worden sind durch Gottes allmächtige Hand: ach, wie wenig still ist es dann oft im innersten Herzensgrund; wie sammelt sich dann gleichsam ein gewappnetes Heer von Sorgen; wie steigen die Nebel aus dunklen Gründen auf, düstere Zukunftsbilder, die wir nimmer zu bannen vermögen; wie malt sich die Landschaft Grau in Grau, dort wo wir einst lachende Gefilde mit fröhlichem Sinne begrüßten. „Und doch, wenn ihr stille bliebt, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein.“

Und heute, meine Teuren, sind es noch ganz andre Gestalten, welche uns bedrängen und die Ruhe der Seele gefährden. Nicht Gebilde einer krankhaften Phantasie, nicht die Sorgen des alltäglichen Lebens: nein, nein, heute sammelt sich ein Heer von Verklägern, die ihre Stimme wider uns erheben vor dem Richterstuhl des lebendigen Gottes; heute sammelt sich ein Heer von Zeugen, die uns beobachteten Tag für Tag, auf dem Markte des Lebens und in der verborgenen Stille des Hauses, inmitten der Arbeit und beim frohen Genuss, in unserm Verkehr mit Gott und im Verkehr mit der Welt, ja ein Zeuge, der uns beobachtete, wenn wir ganz allein wanderten im stillen Tal, ein Zeuge, der die Gedanken des Herzens las und nun von ihnen erzählt. Geliebte, wird dann nicht der sorgloseste Mensch einmal mit Sorgen erfüllt?

Fürwahr, was würdest du sagen, wenn heute jedes Wort deiner Zunge verzeichnet stünde und die ganze Welt im Buch deines Herzens läse? Was würdest du sagen, wenn jeder Unmut der Seele, jede Zaghaftigkeit des Gemüts, jeder Stolz, jede Bitterkeit, jede Genusssucht und jede fleischliche Lust proklamiert würde vor dem gesamten Volk durch die Stimme deines Gewissens? O sagt, würden wir nicht alle im tiefsten Grunde erröten?

Und wahrlich, je höher wir geistlicher Weise stehen, desto schändender ist für uns auch der geringste Fleck; je größer unsere Erkenntnis, desto schwerer die Klage; je gewaltiger Gottes Kraft, desto gewaltiger unsere Schuld.

Ach fürwahr, Geliebte, ihr fühlt wohl: mit der Ruhe ist's aus, mit der Stille ist es vorüber: ein Heer von Verklägern steht wider uns auf; eine Menge von Zeugen reden laut. „Und doch, wenn ihr stille bliebt, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein.“

Kann uns geholfen werden? Geliebte, ich weiß einen Ort, wo alle Ankläger verstummen und alle sonst so laut redenden Zungen schweigen; ich weiß einen Ort, wo ihnen das Wort auf der Lippe erstirbt und sie starr werden vor Staunen über die Macht heiliger Liebe: unter dem Kreuz. Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Geliebte, welch ein Wechsel! Auf ihn stürmen sie ein; den Gerechten, den Heiligen klagen sie an; der große Fürst der Ehren lässt willig sich beschweren: und von uns lassen die Verkläger ab; in unsern Herzen wird es still. Mein Freund, kennst du die Landschaft im Gewittersturm, wenn der Regen peitscht, der Donner rollt und die feurigen Blitze zucken und kennst du dasselbe Land, wenn der Sturm vorbei, wenn es still geworden im weiten Tal und der Strahl der leuchtenden Sonne blitzt aus Millionen von Tropfen? Schau, solch einen Wechsel erfährst du selbst unter Jesu Kreuz; ja, still darf es werden in deiner Brust, wenn du hinaufsteigst den erhabenen Berg, an dem sich die Wetter zerteilen.

Geliebte, der Ort ist da, wo Genesung kommt; der Arzt ist gefunden, welcher die Krankheit heilt: doch haben wir schon das Heil? Wisst, das wäre der beste Arzt, welcher uns nicht bloß besucht und gute Ratschläge erteilt; nein der, welcher aus der Fülle seines Lebens Lebensbalsam einströmen ließe in unsern siechenden Leib; der, welcher die eigene Gesundheit mit uns teilte, um uns von allen Schäden zu heilen.

Wahrlich, einen Wundermann, der solches vermag und solches will, sucht ihr auf dieser Erde vergebens; doch im Himmel ist er zu finden. Ja, heute ertönt euch sein herrliches Wort: Nehmt hin und esst, das ist mein Leib; nehmt hin und trinkt, das ist mein Blut, für euch vergossen zur Vergebung der Sünden!

O dass ihr stille hieltet, um diese Lebenskräfte zu schmecken; o, dass ihr stille hieltet, um durch diesen himmlischen Arzt zu genesen! Ja, wenn ihr stille bliebt, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein.

Und nun, Geliebte, wird es auch wieder hell vor unserm umnachteten Auge. Ja, wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen; wir wissen, dass ein Johannes auf seinem Patmos die Wunder der Herrlichkeit des lebendigen Gottes sah, das neue Jerusalem mit seinen perlenen Toren, mit seinen güldenen Gassen; wir wissen, dass ein Luther auf seiner Wartburg in dem mit Lebensbäumen bepflanzten Garten verweilte und von jedem Baum goldene Früchte pflückte. Ja, meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft; er wird meinen Fuß aus dem Netz ziehen. Halleluja! Drum Eins allein ist unser Gebet:

Jesu, komm ins Herz hinein,
Lass mich stille, stille sein! Amen.

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