Kähler, Ludwig August - Sechs Predigten über den seligmachenden Glauben an Jesum den Sohn Gottes - 6. Am Sonntage Exaudi.

Kähler, Ludwig August - Sechs Predigten über den seligmachenden Glauben an Jesum den Sohn Gottes - 6. Am Sonntage Exaudi.

Himmelan, meine Freunde, zieht uns Vieles, ja Alles im Leben; manchmal mit Freuden, oft, öfter vielleicht mit Schmerzen; wir suchen das wahrhaft Gute, wir suchen die Seligkeit, und finden sie nicht. Und viele Menschen suchen sie nicht, und grade ihr Anblick zerreißt uns das Herz. Denn wer kann den rohen, ungesitteten Menschen denken, der mit den Tieren des Waldes um Nahrung kämpft, und dessen höchstes Lebensglück seine wilde Freiheit und viehische Sättigung ist, und erschrickt nicht vor diesem Bilde seines Nächsten? Welcher edlere Mensch kann der Zahllosen denken, welche, in Nacht der Dummheit vergraben, elendig sich mit ihrem Lebensanteil quälen, und trauert nicht über diese Erniedrigung menschlicher Vernunft? Welches wirklich gesittete Herz kann den frechen Leichtsinn, die unbändige Gier, die hohnlachende Falschheit, die schamlose Ausschweifung, die kalte berechnende Selbstsucht so vieler kennen lernen, welche weder roh noch unwissend, welche vielmehr verfeinert, gebildet, kenntnisreich sind, und dennoch das Schlechte tun, und Tugend und Frömmigkeit verachten, ja laut als Schwärmerei verspotten, welches Herz kann sie kennen lernen, ohne zu erbeben entweder vor Unwillen oder vor tiefem Geistesschmerz?

Ja, meine Freunde, der Anblick dieser aller, die von Seligkeit nichts wissen und nichts wissen wollen; die sie entweder gar nicht suchen, oder so, wie das Tier Nahrung sucht, oder wie sie selbst die liederliche Freude suchen; der Anblick dieser Elenden zerreißt uns das Herz. Sie, das ist klar, haben an dem Ewigen, so wie sie sind, keinen Teil; sie sind Tierwunder, welche die Erde erzeugte, und zurücknimmt. Und doch sind sie Menschen, wie wir! Doch wir möchten sie vergessen, und nur denken an uns selbst. Dürfen wir es, meine Freunde? Fordert nicht eine lebendige Stimme uns auf, über die versunkene und verlorene Seele zu trauern, die uns in menschlich brüderlicher Gestalt erscheint? Und gesetzt wir dürften es, können wir sie vergessen? Unter den Wilden haben wir wohl nicht Brüder, aber doch in unserem Volk, in unserer Stadt, in unserem Hause vielleicht geistig verlorene, geistig erstorbene, und doch uns durch heilige Naturbande verkettete Menschen. Können wir sie vergessen? Aber wir wollen es; wir wollten denken nur an uns selbst. Wir alle lieben das Gute, wir sehnen uns darnach. Aber wie, meine Freunde? Ist es so tief in unsren Sinn gedrungen, ist es so der innerste Trieb unserer Gedanken und Taten geworden, dass wir uns darin stets und wahrhaft über das kindische, vergängliche, törichte und schlechte Treiben des menschlichen Lebens erhaben, und eines ewigen Lebens Kinder fühlen? Wir kennen Gott den himmlischen Vater, und rufen ihn an. Aber wie, meine Freunde? Mit der vollen Ergebung, der vollen Bereitwilligkeit, der vollen Zuversicht, der vertraulichen und seligen Nähe des Herzens, wie es Kindern ziemt?

O, geliebte Freunde, möchte doch bei diesen Fragen in jeglichem von euch ein recht freudiges, aus voller, dankbarer, hoch gen Himmel gehobener Seele strömendes Ja! ertönen! Das aber weiß ich, wo es ertönt, wo das Gute so geliebt, wo Gott so erkannt wird, da nennt das Herz auch mit der dankbarsten Ehrerbietung und freudigsten Liebe den eingeborenen Sohn als den, welcher ihm den Zugang zum Vater geöffnet hat. Das weiß ich ferner, dass, wo dieses Ja nicht ertönt, kein eigenes noch so angestrengtes Sinnen und Streben, sondern allein ein aufmerksames und gläubiges Erkennen des Sohnes Gottes, des Mittlers zwischen dem unsichtbaren Vater und seinen schwachen zagenden Kindern, das Fehlende ersetzen, die Ohnmacht und die Zweifel nehmen, den neuen Menschen nach und in Gott schaffen kann. Denn wer ihn sieht, sieht den Vater! Und weil er den Vater in ihm sieht, in dem eingeborenen, wahren, ewigen Sohne, sieht er auch sich selbst, wie er ist, und wie er sein soll! Er sieht den wahren Gott, den seine Seele sucht, den hohen und heiligen, den gnädigen und barmherzigen, den errettenden und erhöhenden Menschenvater; er sieht den wahren Menschen, wie seine Seele selbst zu werden, wie sie alle Menschen zu sehen begehrt, den geisteshellen und im Herzen heiligen, den milden und brüderlich helfenden, den im Tode erhaltenen und zu neuem herrlicheren Leben erhobenen Menschensohn. Das, meine Freunde, das ist das Geheimnis derer, welche in Jesu, dem Sohne Gottes, Vergebung der Sünden und ewige Seligkeit gefunden haben; das ist der Inhalt des seligmachenden Glaubens. Wer durch Jesum das Gute rein und innig lieben und üben, und Gott als Vater mit voller Zuversicht vertrauen gelernt hat, der hat ihn: denn allen denen, welche an seinen Namen glauben, gab er Macht Gottes Kinder zu werden! Wer sich redlich nach Herzensreinheit und Herzensvertrauen sehnt, der wird beides finden in dem Glauben an Jesum den Sohn Gottes. Denn so jemand will Gottes Willen tun, der wird wohl inne werden, von wannen Jesu Lehre, von wannen er selbst sei!

Kaum glaube ich, geliebte Freunde, dass, wer diesen Christlichen Glauben so im Herzen gefasst hat, noch im Ernst zweifelhaft sein könne, wie derselbe selig macht. Jesus und die Apostel beschreiben auch diese Seligkeit nie; sie fordern schlechthin den Glauben; wo der ist, da ist Seligkeit nach ihrer Verheißung. Doch ist wohl keinem unter euch unbekannt, welche bittere Angst manche wegen dieser Seligkeit empfunden, welchen gräulichen Missbrauch andere damit getrieben haben. In den Seelen schwacher Menschen ist alles schwankend; in den Gedanken schlechter Menschen wird alles schlecht. Um helfen, aber auch um uns und andere bewahren zu können, brauchen wir Erkenntnis. So lasst uns heute nachdenken, wie der Glaube an Jesum selig macht.

Text. Ev. Joh. 15, 26. 27. u. 16, 1-4.

Wenn aber der Tröster kommen wird, welchen Ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird zeugen von mir. Und Ihr werdet auch zeugen; denn ihr seid von Anfang bei mir gewesen. Solches habe ich zu euch geredet, dass ihr euch nicht ärgert. Sie werden euch in den Bann tun. Es kommt aber die Zeit, dass, wer euch tötet, wird meinen, er tue Gott einen Dienst daran. Und solches werden sie euch darum tun, dass sie weder meinen Vater noch mich erkennen. Aber solches habe ich zu euch geredet, auf dass, wenn die Zeit kommen wird, dass ihr daran gedenkt, dass Ich es euch gesagt habe. Solches aber habe ich euch von Anfang nicht gesagt; denn ich war bei euch.

Sie werden euch in den Bann tun, sagt Jesus zu seinen Jüngern, ja es kommt die Zeit, wo, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst daran. Ist es möglich, dass Menschen Gott ehren, ihm einen Dienst erweisen zu können glauben, wenn sie Menschen töten? oder auch nur die brüderlichen Bande der Natur zerreißen? sie aus dem Hause, aus dem Lande jagen? Es ist geschehen, meine Freunde: Nicht bloß Wilde haben ihre Scheusale von Gottheiten mit Menschenopfern geehrt, und ehren sie noch so. Nicht bloß die gesittetsten Heidenvölker des Altertums haben mit Menschenleben den Zorn der Götter zu versöhnen, und ihnen einen angenehmen Dienst zu erweisen geglaubt. Nicht bloß die Juden haben im Namen und zu Ehren Gottes den Sohn Gottes selbst, den Gerechten, den Heiligen, gekreuzigt, und Paulus selbst hat als ein für Gottes Ehre wütender Saulus die Bekenner Christi, und das hieß damals in Wahrheit, die unschuldigsten, besten, ehrwürdigsten Menschen, verfolgt und getötet. Christen haben es getan, nicht bloß an Heiden, nicht bloß an Juden, sondern an Christen, und tun es noch! Zu Ehren und Dienst des Vaters, der den Sohn selbst zur Erlösung hingegeben hat, zu Ehren und Dienst des Sohnes, der selbst am Kreuze gestorben ist, um die Verlorenen zu erretten, um die Feinde Gottes und ihrer selbst zu versöhnen, zu Ehren und Dienst des Heiligen Geistes, welcher vom Vater und Sohn ausgeht, und alle Furcht aus den Herzen hinwegnehmen und Freude und Liebe einflößen soll, haben sie in den Bann getan, geplündert, verjagt, verfolgt, geschlachtet, verbrannt, diejenigen, welche an Christum glaubten, und ihn von Herzen liebten. Brüder haben es getan gegen Brüder. Wer mag es leugnen, diese ewige Schande des Christlichen Namens? Wo sie vergessen würde, die mit heiligem Blut in die Menschengeschichte geschriebene Warnung Gottes vor frommem Wahnsinn, frommer Wut, da würde auch die seligmachende Wahrheit des Glaubens entweder vergessen, oder zu neuer Schandtat missbraucht werden. Doch, zarte in der Welt unerfahrene Gemüter, wohl auch verweichlichte, mögen so harte Rede nicht hören. Geschieht es denn noch? fragen sie. Ist nicht jetzt alles so freundlich, so brüderlich in der Christenheit? Wer tut noch in den Bann, wer tötet noch? Ach, meine Freunde, so lange der Sinn des Banns und des Tötens noch da ist, d. h. so lange Menschen, die sich Christen, und Kirchen, die sich Christliche nennen, ihre Art Christen zu sein, das und ihre Art Kirchen zu sein, für die alleinseligmachende halten und aufdringen, so lange sie keinen andern Zugang zum Sohne, und durch den Sohn zum Vater verstatten, als ihre Satzungen, ihre Vorschriften, ihre Gebräuche, ihre Vermittlung, ihr Haus und ihre Straße, so lange sie glauben, fein oder grob, öffentlich oder heimlich, um Geld oder um fromme äußere Werke, die Seligkeit verhandeln und vermäkeln, oder auch wegnehmen und verschließen zu können - die Seligkeit! herrliche Reich der ewigen Gnade Gottes! - so lange dieser Sinn noch da ist, und wo er ist, und er ist in vielen, da ist auch der Scheiterhaufen, und die Fackel, da ist die Marter, und jedes Werkzeug der Hölle immer bereit, um Gott den heiligen Blutdienst zu erweisen. Denn warum tötete Kain seinen Bruder? Weil er selbst hochmütig, habsüchtig, neidisch war. Und was sagt Johannes? Wer seinen Bruder hasst, der ist ein Totschläger. Hochmut aber, Habsucht, Neid, sind die Quellen des Hasses, sind der Hass, sind der Totschlag selbst. Je größer aber das vermeinte Gut, umso größer in dem verkehrten Gemüt der Hochmut, die Habsucht, der Neid. Wie groß, wie gräulich müssen Hochmut, Habsucht, Neid, werden, wenn es die Seligkeit gilt? Ja, meine Freunde, wer die Seligkeit des Glaubens fleischlich auffasst in selbstsüchtiger, Torheit und Leidenschaft, der ist stets der törichtste und böseste Mensch zu Ehren und Diensten Gottes; und wer sie andere so auffassen lehrt, der ist stets der gefährlichste Verderber und Verführer. So lange und wo der Name Ketzer noch gehört, ja wo er nur gedacht wird unter Christen, da ist der Name Christi, und der seligmachende Glaube, ein von Menschen gebildetes Gespenst oder Teufel, wie die Wahngötter, zu deren Dienst die Heiden ihre eigenen Kinder schlachteten. Denn glaube niemand, der Gräuel fehle jemals, wo der verkehrte böse Sinn ist! Fehlt wohl je die Flamme, wo der Funke glimmt? Nur die Gelegenheit fehlt: darum hütet der Hausvater und die Hausmutter den Funken zu dem Gebrauch, wo er segnet, nicht zerstört. Und gibt es denn nur ein leibliches Töten? gibt es nicht einen geistigen Tod, der nicht durch Scheiterhaufen und Schwert, sondern durch heilige Lüge und äußerlich schmeichelnde Liebe vollbracht wird? So lasst uns Vorsicht brauchen, wo wir so entsetzlich gewarnt sind; lasst uns wohl bedenken, wie der Glaube uns selig machen kann und soll, damit wir kennen, fliehen, verhindern, wo möglich für immer unschädlich machen, was und wer unter dem Vorwande der Seligkeit uns zu Sklaven oder zu Opfern des Hochmuts, der Habsucht, oder auch nur schwärmerischer Torheit machen, den freien Zugang zum Vater wehren, und den Versöhner zum Verderber machen will!

Zuerst steht das fest, dass die Seligkeit nichts Zufälliges, oder Willkürliches, sondern nur die Erfüllung und der Besitz dessen ist, was Gott nach seinem väterlichen Ratschluss, als er Menschen schuf, ihnen zugedacht, ihnen als Sündern bewahrt, und nun in Jesu Christo offenbart, und, so weit es das irdische Leben verstattet, mitgeteilt hat. Keiner kann sie besitzen durch einen andern, von einem andern, in einem andern, anders als in sich selbst. Denn von der Seele allein wird sie Seligkeit genannt, und niemand kann sie anderswo haben, als in seiner Seele, und in höherem Maß, als seine eigene Seele sie in sich fassen kann oder will.

Nicht zufällig kann die Seligkeit sein, das heißt, sie kann nicht gegeben werden in Einem Dinge, oder in vielen Dingen, wie sie auch Namen haben, was sie auch für Kräfte und Reize haben mögen. So spricht unser Herr: was hilft es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne, und nähme Schaden an seiner Seele? oder was kann der Mensch geben, dass er seine Seele wieder löse? Die ganze Welt also kann der Seele nicht Freude, Kraft, Heil bringen, wenn sie nicht Freude, Kraft, Heil in sich selbst trägt. Das dünkt freilich dem gewöhnlichen Sinn und Verstande hart. Was ist das Leben ohne Güter? Ist nicht der Reiche seliger als der Bettler? der Gesunde fröhlicher als der Kranke? Sagt nicht Jesus, wir sollen dem Reiche Gottes nach: trachten, so werde uns das andere alles zufallen? Ja, meine Freunde, er sagt es, aber gewiss nicht, dass wir dem Reiche Gottes nachtrachten, damit uns das andere alles, wofür die Heiden sorgen, zufallen solle, und nicht bloß zum Bedarf, sondern zur Üppigkeit. Sondern wir sollen Gott vertrauen, der uns den Geist, die unsterbliche Seele, den heiligen Ruf zu Werken seiner würdig gegeben hat, dass er uns, was wir äußerlich zum heiligen und seligen Leben bedürfen, stets so gewiss geben werde, als er dem vernunftlosen Vogel Futter, und der leblosen Blume Regen und Sonnenschein bereitet hat. Weder der Reiche ist selig, weil er reich ist, noch der Bettler unselig, weil er ein Bettler ist; der Bettler aber kann seliger sein, als der Reiche. Oder war es Lazarus mit reinem Gewissen und Gottvertrauen nicht im tiefsten Elend, nicht seliger, als der reiche Mann? Wer war seliger, Christus am Kreuz, oder Kaiphas und Pilatus auf dem Richtstuhl? Gewiss nicht der, dessen ganze Seligkeit an dem hing, was er mit Angst bewahrte, und jeder Augenblick ihm für immer nehmen konnte, sondern der, für welchen es nur einer kleinen Veränderung bedurfte, um in der vollen und ungestörten inneren Kraft, Freude und Herrlichkeit wieder da zu stehen. Also das ist das erste, dass wir erkennen, die Seligkeit bestehe niemals in dem, was uns an äußerlichem Besitz, oder äußerlicher Kraft zufallen kann, niemals in dem, was wir auf Erden als Glück achten, wie reich und glänzend und dauerhaft wir uns das alles denken mögen. Ja, geliebte Freunde, je mehr wir uns die Seligkeit so ausmalen, wie es der Lüsternheit unseres Herzens gemäß ist, umso mehr flieht sie unser Gemüt, umso mehr gereicht sie unserem Denken und Tun zum gefährlichen Fallstrick. Denn so gewiss die Güter des irdischen Lebens nicht ohne hohen Wert sind, und mit Recht von uns erworben und bewahrt werden, so gewiss sind es doch diese Güter allein, welche für die verkehrte fleischliche Seele gleichsam der Brennstoff ihrer Begierden und Leidenschaften, und die Ursache aller Sünden und Verbrechen sind. Wollust, Habsucht, Ehrsucht, Geiz, Neid, Hass, Zorn, alles das, was Menschen schändet und elend macht, kommt es nicht daher allein, weil sie ihre Seele verraten und verkauft haben an das, was äußerlich glänzt und erfreut? Ist nun die Seligkeit, welche uns das Evangelium verheißt, auch keine andere und bessere, gibt sie nur noch mehr, als etwa die unersättlichste Begierde auf Erden zu denken und zu genießen vermag: nun so muss ja jede faule Lust, jede verdorbene Begierde doppelt wachsen, und sich spannen! So ist es ja nicht zu verwundern, wenn die Sünde recht wächst, ja wenn sie recht eigentlich auf den Thron gesetzt wird um der Seligkeit willen; wenn die elendeste Verdorbenheit des Herzens, die verbrecherische Ausartung, den Schein der Heiligkeit gewinnt, ja sich gegen die bescheidene Weisheit und die stille Tugend als auserwähltes Kind Gottes brüstet; wenn ein Beneiden, ein Misstrauen, ein Bereden und Verleumden, ein Zanken und Streiten, ein Hassen und Verfolgen, ein Wüten und Zerstören alles irdisch Guten um der Seligkeit willen entsteht, ganz wie es um der gemeinen Begierde willen täglich im Kleinen, und nicht selten im Großen entsteht; wenn die Kämpfe für den Himmel sich von den Kämpfen für die Erde nur dadurch unterscheiden, dass jene von ewiger Flamme genährt werden, diese mit der endlichen Zerstörung von selbst aufhören, und jene die Triebe, die Gräuel, die Künste, die Zwecke der Hölle deutlicher darstellen, diese schwächer!

Ja, meine Freunde, auch hier heißt es: was vom Fleisch geboren wird, ist Fleisch. Wer die Seligkeit in die Welt setzt, er mag diese Welt Erde oder Himmel nennen, der nährt durch den Gedanken an sie dieselben Begierden und Leidenschaften, welche die Quelle der Verdammnis sind. Wer eine solche Seligkeit andern vormalt, oder verheißt, der wird ihm ein Verführer, kein Erlöser. Das ist die abscheuliche Kunst derer, welche den Namen Christi brauchen, um Menschen zu drücken, zu plündern, zu beherrschen, dass sie `ihren Geist mit dem Taumeltrank eines fleischlichen Himmels berauschen, und sie nun durch Furcht und Begierde treiben wohin ihnen gefällt; das ist die entsetzliche Verblendung, welche in der christlichen Kirche fort und fort das erhält, ja heiligt, wovon der Sohn Gottes die Menschheit reinigen und retten wollte. Die Seligkeit, welche der Glaube gewährt, haftet an keinem äußerlichen Gut, wie es auch Namen habe, sie soll und muss in der Seele selbst gegründet sein. Eben darum kann sie auch nicht willkürlich gegeben und genommen werden. Gegeben wird sie allein von Gott, der sie von Ewigkeit her den Menschen bestimmt, und ihnen dazu die unsterbliche Seele gegeben hat. Was aber Gott tut, ist niemals willkürlich, sondern weise und gerecht, an eine heilige Ordnung gebunden. Was er einmal gegeben hat, das nimmt er nicht wieder; was er erschaffen hat, darüber wird er früh und spät mit seiner Gnade walten; wenn auch Menschenwitz seine Wege nicht errät. Denn dem Toren sind sie töricht, dem Gottlosen scheinen sie bequem; und selbst dem Guten währt es oft lange, eh' die Erlösung kommt. So sprach auch Christus: viel Könige und Propheten wollten sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen. Doch wird der wunderbare Rat endlich offenbar, wenn er ihn herrlich ausführt, und ist offenbar worden in dem Sohne als ein Rat der ewigen und heiligen Liebe. Darum ist es eine Lästerung Gottes, und Jesu Christi selbst, wenn Menschen sich anmaßen, im Namen Gottes und Christi die Seligkeit zu geben oder zu nehmen, nach ihrer Willkür, oder zu binden an Worte und Gebräuche, die ihnen gut dünken. Fördern können Menschen zwar und hindern auf einige Zeit die Seligkeit an andern, weil sie durch Lehre oder eigene Frömmigkeit ihren Glauben fördern, und durch Verführung in Taten und Worten denselben hindern können. Denn im Glauben allein wohnt und wurzelt sie, und wer den belastet und erschwert, der hält die Seele gefangen; und so lange der Glaube noch nicht recht innerlich und frei ist im Herzen, flieht auch die Seligkeit vor des Menschen Seele, und zwar umso mehr, je betriebsamer sie dieselbe sucht. Denn wer einmal auf dem unrechten Pfade geht, verirrt sich umso weiter, je rüstiger er fortschreitet. Aber geben und nehmen kann kein Mensch die Seligkeit in Gottes und Christi Namen anders als lügnerisch und verderblich, sobald er sie geben und nehmen will aus eigner Vollmacht, nach seiner Bestimmung, nicht indem er die brüderliche Seele erweckt zum gleichen, freien, frohen Glauben an die ewige Güte des Vaters, durch die Vermittlung des eingeborenen Sohnes, oder davon zurückhält. Denn das ist der Name Gottes, Vater, das ist der Name Jesu Christi, Erlöser und Seligmacher. Diese Namen allein machen selig, wenn sie im Herzen lebendig werden; und das wird einer nur in dem andern und mit dem andern. Wer sie anders braucht, lügt, wer sie anders im Herzen einpflanzt, verdirbt. Freilich wird die Lüge zu seiner Zeit vergehen, und das Seelengift erkannt und in die Tiefe der Lüge zurückgeworfen werden; Gott lebt und herrscht, und so wenig jemals Wolken die Sonne der Erde entziehen können, so wenig können Menschenerfindungen, Menschentorheiten, Menschentücken und Menschengewalt jemals Gottes Wahrheit und Güte in ihrem Segensgange hindern; ja wie die Wolken selbst im Regen das Leben der Erde fördern, so müssen selbst die Verirrungen des Glaubens in ihrer Auflösung dazu dienen, dass die Herzen umso geschickter und williger für die Wahrheit werden. Aber lasst uns doch, meine Freunde, lasst uns doch, jeder für sich, und für alle, die ewige Sonne der Wahrheit, lasst uns den freien Zugang zum Vater festhalten. Lasst euch nicht wieder in das knechtische Joch fangen, sondern bestehet in der Freiheit, damit euch Christus befreit hat. Lasst euch niemand fangen mit vergeblichen und verführerischen Worten, als habe er das Geheimnis der Seligkeit allein, mag er es nun haben wollen in Satzungen, in Gebräuchen, in Lehrbestimmungen, von Alters her, oder von jetzt her, in viel oder in wenig, Kraft seines Amtes, oder Kraft eines Buchstabens; alle solche sind Christusräuber und Seligkeitsstörer. Das, sprach Jesus, das ist das ewige Leben, dass sie Dich, der Du allein wahrer Gott bist, und den Du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen. Wem diese Erkenntnis recht die Seele durchdringt, der ist Herr seiner Seele, und seiner Seligkeit; er bedarf keine neuen Offenbarungen, kein neues Zeugnis, keine andern Vermittler; er hat Leben und volle Genüge! Wehe aber denen, welche diese Erkenntnis hindern, und die Augen und die Herzen der Kinder abwenden vom Vater mit falschen Erlösern, und die freie Lehre und Anbetung drücken und drängen mit ihren Überlieferungen, Satzungen, tötenden Buchstaben, willkürlichen Vorschriften und selbstredenden Heiligkeiten: Gott wird sein Reich wohl schützen gegen sie, aber sie werden Rechenschaft einst geben für ihre Bosheit oder ihren Hochmut!

Doch, sprecht ihr vielleicht im Herzen, sage uns lieber, was die Seligkeit sei; denn von Natur hat sie ja der Mensch nicht, und wie will er denn also unterscheiden, ob er sie hat? Und ist sie denn nicht überhaupt etwas Entferntes, das uns erst nach dem Tode zu Teil werden kann und soll, und sollen wir nicht hier uns nur dazu vorbereiten? Hängt sie nun an dem Glauben, oder an den Werken? Denn die einen sagen, sie komme aus dem Glauben allein, die andern messen sie zu nach den Werken. Das aber seht uns in große Verwirrung. Denn hängt sie an dem Glauben, so müssen wir immer erschrecken, wenn jemand uns sagt, er habe den alleinseligmachenden Glauben, und in dieser Glaubensangst ist doch am besten, wir glauben, was uns die Bischöfe, oder die Gelehrten, oder die Heiligen sagen; ist es falsch, so wird Gott uns es nicht zurechnen. Hängt sie aber an den Werken, an der tätigen Verehrung Gottes, und an der tätigen Liebe gegen die Menschen, nun so haben wir ja eine neue Angst um die Werke, und müssen fasten, und beten, und Almosen geben, und nach recht viel Tugend ringen, wie und wenn andere wollen, dass wir es im Namen Gottes tun sollen; denn haben sie ein Recht dazu, so, würden wir ja die Seligkeit verlieren, wenn wir ungehorsam wären, und haben sie kein Recht, nun so wird es Gott ihnen zurechnen, nicht uns. Kannst Du uns nun einen Weg weisen, der uns der Angst um die Seligkeit entreißt, nun so zeige ihn. Ach, meine Freunde, wenn ihr wirklich so sprechen müsstet, wenn die alte Glaubens und Werkknechtschaft noch auf euch ruhte, wenn ihr wirklich noch, wie so viele Millionen, im Namen Christi von geheiligter Torheit, Habsucht und Herrschsucht in die dürre Wüste geführt würdet, aus welcher Christus die Seelen erretten wollte, wie leicht könnte ich euch den Weg zeis gen, um frei zu werden von dem schweren Menschenjoch, und zu wandeln zur Seligkeit! Aber ihr kennt ihn ja, diesen Weg; die Heilige Schrift ist in euren Händen; leset sie, nicht in dem Sinn des tötenden Buchstaben, sondern des lebendig machenden Geistes, und ihr werdet finden, was ihr sucht. Ihr werdet finden, dass das Evangelium keine Lehre der Angst ist, sondern der Freude, dass es kein Joch auflegen, sondern jedes Joch wegnehmen will, dass es nicht mit neuen Ruten des Gesetzes züchtigen, nicht in neue Satzungen menschlicher Gottesdienste zwängen, nicht mit neuem Gezänk der Schriftgelehrten die Geister verwirren, sondern das Gesetz in herzlicher Liebe vollenden, den Gottesdienst durch den freien Geist der Wahrheit heiligen, die wahre Weisheit, lebendig in die gläubigen Herzen prägen, und also beseligen will. Zwar sagt Paulus. schaffet eure Seligkeit mit Furcht und Zittern; aber nicht meint er, mit blinder Angst, welche uns den Verführern in die Hände liefert, nicht mit Begierde und Leidenschaft, wie das Fleisch strebt nach Gütern des Fleisches, sondern mit innerem, ho hem, ruhigem, klarem, heiligem Ernst, wie es dem Geiste ziemt, wenn er sich selbst und seinen ewigen Beruf erkennt. Und könntet ihr meinen, es sei ein Spiel um die Seligkeit? Es fordere das innere Heil nicht dieselbe Besonnenheit und Gesetztheit des Gemüts, dieselbe Stärke und Ausdauer, welche ihr wendet auf das, was euch sonst wichtig scheint für das äußere Leben? Es sei die Gnade Gottes nicht so hochbedeutend als die Gnade eines Königs, und die Pflicht in Gottes Reich nicht so wichtig, als die des höchsten Beamten im Staat? Verglich ja auch Christus das Himmelreich mit einer Perle, und die Seele mit einem Kaufmann, nicht dass er sagen wollte, dass das Himmelreich erhandelt werden könnte und sollte, sondern nur, dass es als der höchste Schatz angesehen und bewahrt werde. Wehe vielmehr den Verkäufern und Käufern im Reiche Gottes! Eine scharfe Geißel wird sie ereilen zu seiner Zeit, und treiben, wo sie hingehören. Ferner, meine Freunde, werdet ihr finden, dass das Evangelium nicht eine neue Seligkeit sei, sondern eine uralte von Ewigkeit her, und nicht eine entfernte, die etwa künftig einmal erst auf einmal in Empfang genommen werden könnte, wie jemand eine Erbschaft tut, sondern eine ganz nahe, die schon hier auf Erden in den Seelen wohnt, und niemand anderswo haben kann, als in der Seele selbst, weder in Zeit noch Ewigkeit, und die nur zu seiner Zeit ausbrechen und voll grünen wird im Segenslicht eines neuen höheren Lebens.

Denn sie ist überhaupt nur der Zustand der Seele, wie Gott, der Vater der Seelen, als er sie schuf, nach seiner Liebe gewollt hat. Freilich kennt die schwache in Unwissenheit und Torheit schwebende Seele sie nicht, und die verdorbene, in Laster und Bosheit versunkene Seele läuft vergebens in wahnsinniger wütender Begierde ihrem Scheinbilde nach. Aber so lange die Seele Seele ist, und welcher Mensch mag bestimmen, wenn sie es zu sein aufhört kann doch

selbst die schwache und die versunkene Seele zu ihrem wahren Heil gelangen: das eben ist ja das Evangelium der Versöhnung, wie es Gott im Sohne offenbart, und dieser am Kreuze besiegelt hat. Daher beginnt sie unfehlbar und sogleich, wenn auch für menschliche Augen und selbst für das eigene Bewusstsein anfangs nicht erkennbar, mit dem Glauben selbst; ja sie ist nichts andres als der Glaube; sie besteht in ihm, und wächst in ihm, bis beide einst werden, was sie hier noch nicht sein können, Schauen, ewiges Leben!

Und denkt nur nach, die ihr glaubt, die ihr den Vater gesehen habt im Sohn; denkt nur an die Stunden, wo ihr glaubtet, wo es so recht klar vor eurer Seele stand, so sei der Vater, wie ihn Christus offenbart hat, so solle und könne euer Leben sein, wie sein Leben erschienen ist, auf Erden! O seid ihr denn nie selig gewesen in diesem Glauben, und durch diesen Glauben? Es ist ja der Glaube nichts anders, als die Stunde, ja die Minute, wo dem Kinde die Augen aufgehen über den Vater, den es im törichten Sinn vorher verkannte, fürchtete, floh, hasste, dem es widerstrebte als seinem Feinde, wo der von des Vaters Geist erfüllte Sohn mit Bruderwort und Brudergüte es zu dem Vater hinführt, wo es in die ewig offenen Arme, an das ewig treue Herz mit voller Zuversicht fliegt, wo die ganze Seele sich aufschließt und anschließt der Liebe, durch welche sie ist, und allein sein kann, und sich selbst ganz und gar findet, indem sie das törichte Selbst, das sie vorher misstrauisch, neidisch, begehrlich, gegen Gott und Menschen festhielt, gegen das ewige Selbst verliert. Es müsste ja die Seele nicht Seele, es müsste der Mensch nur Erdenstaub und Sinn sein, wenn seine Seele die Seligkeit, wenn sie den vom Vater ursprünglich ihr beschiedenen Himmel nicht fühlen sollte, in demselben Augenblick, wo sie in des Vaters und in des Sohnes Wesen durch beider Liebe ihr eigenes Wesen erkennt. Ja, noch einmal, meine Freunde, denkt nur nach, unmöglich kann euch die Seligkeit fremd sein; ihr habt sie empfunden, ihr kennt sie, wenn ihr jemals auch nur eine Minute lang wahrhaft glaubtet, und kein Mensch auf Erden kann euch eine bessere lehren, und geben oder nehmen, als die, welche ihr damals fühltet. Denn in der Regel, wissen wir alle, ist unser Herz ein trotziges und verzagtes Ding, bald im Übermaß hoffend, bald im Übermaß fürchtend, recht eigentlich ein Spiel der Wellen des Lebens. Welche selige Ruhe in diesem Herzen, wenn es sich selbst, und nicht nur sich selbst, und sein ganzes Leben jetzt und ewig, sondern jedes menschliche Wesen in dem ganzen Gange seines Lebens, hervorgegangen, getragen, geleitet, geliebt erkennt von dem Herzen des himmlischen Vaters, wie es ihn erkannt hat in der Liebe des Sohnes? Da verschwindet alle Furcht, da gibt es keine Gefahr, keine Trennung, da wird die Erde aus einem Jammertal ein Wohnplatz göttlicher Gnade, die ganze Menschheit aus einem halb kindischen, halb boshaften, halb unbegreiflichen, halb bekümmernden Schauspiel, eine frisch emporwachsende Kinderwelt im Hause Gottes, da ist die Seele voll innerer heiliger Lust; wo der Geist des Glaubens ruft: Abba lieber Vater! wo die Überzeugung ist, welche der Apostel ausspricht: Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Welcher auch seines eingeborenen Sohnes nicht verschonet hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben! Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? in allem überwinden wir um des willen, der uns geliebt hat. In der Regel ist unser Herz ein bequemes, nach seiner Laune tuendes, seiner Pflicht sich gern entziehendes Wesen, bereit zum Genuss, unwillig zu dem, was Verleugnung fordert. O welche Kraft, welcher herzliche Trieb zum Guten, erwacht in dem Herzen, wenn es wahrhaft glaubt an Gottes ewige Liebe! Denn in dem Lichte dieses Glaubens gewinnt alles im Leben eine andere,

und seine wahre Gestalt. Die Trugbilder vergehen, mit welchen die Sünde lockt, und ihre wahre Gestalt erscheint in ihrer Hässlichkeit. Die Tugend verliert das raue strenge Ansehen, vor dem das weichliche Gemüt erbebt, und zeigt sich in ihrer mütterlichen Milde. Den verwilderten Trieben entgeht plötzlich ihr üppiges Leben; der schwache verborgene Keim des Guten schießt in Lebenskraft empor. Das Auge des Herzens wendet sich ab von dem, was es suchte, und sucht das, wovon es sich abwendete. Der neue, der innere, der ewige Mensch erwacht; die Stimme der väterlichen Barmherzigkeit im Sohne hat ihn erweckt; und nun wird der Schwache ein Held; der immer nur nehmen wollte, gibt; der nichts liebte, als die Lust seiner Sinne, wird jedes Opfers fähig; was kein Vorwurf, keine Klugheit, keine Strafe, kein eigenes Ringen erreichte, die wahre Besserung, das hat die Vatergüte vollbracht. Und wie anders ist es dann im Herzen, wo in der Regel auch bei Erfüllung aller Wünsche so viel Verdruss, soviel Unzufriedenheit ist, ja welches von dem wahren Frieden umso mehr geflohen zu werden pflegt, je reicher sich ihm die Mittel des Genusses darbieten, und je emsiger es genießt! Denn mit dem guten Geiste kehrt stets die wahre Freude ein in das Herz. Die Seele, auch bei der schwächsten Regung des wahrhaft guten Sinns, auch bei der kleinsten, in diesem Sinn vollbrachten Tat, ja selbst in den bitteren Schmerzen wahrer Reue, fühlt es tief im Innersten, dass dieser gute Sinn die edelste Gabe des Vaters, der geheiligte Zeuge seiner Gegenwart, seines Schutzes, und seines ewigen Segens ist. Sie jauchzt gleichsam mit himmlischer Lust in dem Augenblick, wo sie sich, und den Vater, und das ewige Leben, in diesem durch den Sohn gegebenen Sinne als Eins erkennt!

Das alles, geliebte Freunde, das habt ihr schon empfunden, wenn ihr auch nur einmal im Leben wahrhaft glaubtet, das heißt, wenn ihr auch nur einmal mit rechter Selbsterkenntnis, und reiner Erkenntnis Gottes, das Vaterwort in Christo gehört und angenommen habt. Vielleicht unerwartet drang die himmlische Wahrheit in eure Seele; vielleicht suchtet ihr sie, ohne recht zu wissen wie, ohne sie recht innerlich und ganz zu wollen, in der Heiligen Schrift, in einem Andachtsbuche, in diesem Hause, in der Feier des heiligen Abendmahls, und sie drang wirklich in eure Seele. Lebenssatt kamt ihr vielleicht, oder lebenshungrig, tief in Gram versenkt oder leichtsinnig zerstreut, unzufrieden und erzürnt über die Eurigen, oder euch schuldiger Gesinnung gegen sie bewusst; da traf die Wahrheit den wunden, von Schmerz oder Begierde wunden Fleck des Gemüts, aber mit der belebenden, heilenden Kraft der Liebe; alles musste ihr weichen; ihr hattet das Vertrauen in Christo zu Gott, und also zu euch selbst, ihr hattet die Kraft Gottes gefunden, und kehrtet gestärkt und geheiligt in das Leben, zu eurer Pflicht, in die Mitte der Eurigen zurück. Oder ihr kamt schon zufrieden, ernst, guter Taten euch bewusst, im Kreise wahrhaft geliebter Eltern, Gatten, Kinder, Gottes und des Lebens würdig; verschwand etwa in dem Augenblick, wo ihr die Seele sammeltet, um Gottes Vatergnade, wie sie der Sohn in sich offenbart, in ihrer ganzen Fülle zu erwägen, verschwand die Heiterkeit, der Pflichteifer, das stärkende Bewusstsein aus eurer Seele? Vielmehr es wuchs alles, vom Geiste des Glaubens angeregt, wie von selbst, dass euch das Herz recht gehoben würde von himmlischer Kraft. Das, geliebte Freunde, und das allein ist die Seligkeit, die aus dem Glauben kommt. Ihr dient alles; ja sie ist in der Schmerzensträne, und in dem irdisch gebrochenen Herzen des wahrhaft gläubigen Menschen vollkommener, als in aller Lust, die jemals ein Gottentfremdetes Gemüt in dem längsten und reichsten Leben genossen hat. Wer sie einmal empfand, der weiß es wohl, dass sie der edelste Schatz seiner Seele war, selbst wenn er sie verlor; darum eben blickt so manches in Zweifel und Lebenslust verwirrte und verstörte Herz mit stiller Wehmut zurück in die Zeit, wo es noch nicht hochgelehrt war in dem, was die Wahrheit zerstört, und noch nicht reich an dem, was die Begierden aufregt und unter sich entzweit, wo es den Frieden Gottes empfand in der ersten kindlichen Glaubensregung. O möchtet ihr, geliebte Freunde, in dieser Stunde nicht mit wehmütigem Gefühl der Unsicherheit und Leere, sondern in voller Zuversicht aufschauen zu Gott dem Vater, den ihr gesehen und erkannt habt im Sohne, und der sich euch bezeuget hat und täglich bezeuget in der Kraft des Glaubens durch die Ruhe, die Kraft und die Freudigkeit des Herzens! Dann bedürft ihr nicht erst meiner Rede, dann wisst ihr wohl, es sei keine andere Seligkeit als diese, und kein Mensch könne sie geben oder nehmen, binden oder lösen; sie komme allein aus dem Glauben! Wie wird sie dann sein, geliebte Freunde, wenn der Glaube Schauen wird? Wenn die Liebe des Vaters, welche wir hier dunkel ahndeten, in hellem Lichte unser ganzes Herz durchdringt; wenn die Kraft guter Taten, die wir hier in oft hartem Kampfe übten, stets frei und herrschend wirkt; wenn die Freude des ewigen Lebens, die hier oft nur wie ein Labetropfen die wunde und kranke Seele stärkt, uns innerlich und ewig nährt! Wenn jede Saat aufgeht, die hier in Gott gesät war, jeder von eingebildeter Weisheit wohl verlachte Traum des Guten Wahrheit wird, jedes edlere schüchtern oft hier schweigende Gefühl als Kraft ins Leben tritt, jedes heilige oft durch Lebensschicksal und Herzensschwachheit scheinbar getrennte Herzensbündnis sich für die Ewigkeit erneuert, wenn, dass ich es im vollsten Sinne der evangelischen Wahrheit ausspreche, wenn alle, welche Christlich glaubten, sein werden, was der jetzt ist, der sie glauben lehrte! Welch' eine Tiefe, welch' ein Umfang, welch' eine Lebensgewalt, in der Liebe Gottes, wie sie erschienen ist in Jesu Christo unserem Herrn! Preis sei ihm und Ehre, ja Preis und Ehre dem Vater und dem Sohne, in dem Geiste, der Gottes Kraft und Freude dem Menschenherzen gibt, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen!

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