Kähler, Ludwig August - Sechs Predigten über den seligmachenden Glauben an Jesum den Sohn Gottes - 4. Am Sonntage Rogate.

Kähler, Ludwig August - Sechs Predigten über den seligmachenden Glauben an Jesum den Sohn Gottes - 4. Am Sonntage Rogate.

Selbstbewusstsein ist der Anfang des menschlichen Lebens, und Selbsterkenntnis ist der Anfang des höheren Lebens. So muss ja Selbsterkenntnis, meine Freunde, stets auch der Anfang des Glaubens sein, welcher höheres Leben geben soll. Selbsterkenntnis aber ist stets von der einen Seite Sündenbekenntnis. Ich will das nicht abermals weisen; es geht vielen sauer ein, sich davon zu überzeugen; manchen, weil sie ihre Sünde lieben, und die Trennung von ihr so lange als möglich verzögern; manchen, weil sie das Ansehen, welches sie in der Meinung der Leute behaupten, verwechseln mit dem Wert vor Gott und dem reinen Gewissen; manchen, weil sie wirklich die Sünde in ihrer ganzen Macht an sich selbst nie deutlich empfunden haben, vielmehr frühzeitig zum Guten gewöhnt worden sind, und sich diese Gewöhnung als Tugend anrechnen; vielen auch, weil ihnen von blinden Eiferern das Sündenbekenntnis so ohne Unterschied und Schonung abgefordert wird, dass sie ohne Heuchelei oder Schwärmerei sich in der Art nicht dazu verstehen können. Immer aber, meine Zuhörer, bleibt es nicht bloß die erste Hauptlehre des Christentums, sondern es ist auch vollkommen, der Wahrheit gemäß, was Johannes sagt Br. 1. K. 1, 8: so wir sagen, wir haben keine Sünde, so lügen wir, und sind nicht in der Wahrheit. Um nun hier auf den rechten Grund zu kommen, müssen wir nicht zuerst etwa uns selbst, oder unsere geliebten Freunde, oder hochverehrte Menschen, sondern wir müssen das tägliche Leben und Handeln, wie es sich an der Menge uns fremder und doch bekannter Menschen zeigt, betrachten, und die Grundsätze und Neigungen erwägen, von welchen sie geleitet zu werden pflegen. Ach, meine Freunde, die Sorgfalt, womit wir täglich unsere Haustüre verriegeln, die Vorsicht, womit wir gegen jeden Unbekannten unsere Worte wählen, die kleinliche Pünktlichkeit, womit wir bei jedem Geschäft den Rechtsvorschriften folgen, die Bangigkeit, mit welcher wir unsere Kinder außer unserer sittlichen Aufsicht setzen, und Unzähliges dergleichen, das sind hinreichende, wenn auch uns selbst oft nicht recht deutliche Bekenntnisse von der sittlichen Schwäche und Verdorbenheit des menschlichen Geschlechts. Und wenn wir uns selbst dann betrachten, nicht bloß wie wir jetzt sind, und nicht, wie wir manchmal handeln, sondern wie wir von Anfang und im Ganzen unsers Lebens gewesen sind; o gewiss, es wird uns nicht schwer werden, alles das in uns selbst als wirklich und lebendig zu erkennen, was wir mit Misstrauen, Widerwillen, Betrübnis an andern wahrgenommen haben!

Wenn aber Selbsterkenntnis von der einen Seite stets Sündenbekenntnis sein muss, so ist sie doch von der andern Seite stets auch Bewusstsein des guten Geistes in uns, Verlangen nach dem Besseren. Wenn auch die Sünde in allen und in vielen recht mächtig wohnt, bis zur Erkenntnis, bis zum Bekenntnis kann sie bei keinem kommen, der nicht das Gegenteil, der nicht das Gute einigermaßen erkennen, lieben, als sein wahres Wesen ansehen, und herzlich verlangen gelernt hat. Ja, meine Freunde, selbst das Wort Sünde hat gar keinen Sinn, kann von niemand verstanden werden, wenn nicht das Gute in seiner Wirklichkeit schon von ihm erkannt worden ist. Darum ist der schlechteste Mensch stets auch der trotzigste und ungläubigste, der beste stets der demütigste und gläubigste. Petrus weinte bitterlich über eine Tat, welche Taufende als Klugheit billigen, ja als Selbstpflicht anpreisen würden. So lange der Unverschämte sich nicht schämt, ist er nach seiner Meinung mehr, als das stille Verdienst, welches er bei Seite drängt: in dem Augenblick, wo er sich schämt, ist er wohl noch weit entfernt, denen, welche er sonst so weit unter sich glaubte, auch nur im mindesten gleich zu sein; aber der Anfang ist doch gemacht, und in Scham und Schmerz ist das Gute schon ein wirkliches Eigentum seines Verstandes und seines Willens geworden. Und diese Selbsterkenntnis, welche zum Sündenbekenntnis führt, durch das innere Gefühl, nicht zur Sünde, sondern zum Guten, nicht zu Scham und Traurigkeit, sondern zur Ehre und Freude berufen zu sein, ist das erste im Glauben, ohne welches er gar nie gefasst werden kann.

Was nun ist das zweite, was wir zu erkennen haben, um durch den Glauben selig zu werden? Das ist das ewige Leben, sprach Christus, dass sie Dich, der Du allein wahrer Gott bist, und den Du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen! Wir haben nachgedacht, meine Freunde, über uns selbst, über den Menschen, wie er ist, und wie er sich erkennen muss, um zu der Erkenntnis des ewigen Lebens zu gelangen. Gott, der allein wahrer Gott ist, zu erkennen, wird das zweite sein. Denn der Gesandte weist uns hin auf den, welcher ihn sendet, der Sohn auf den Vater. Niemand kann an Christum glauben, der nicht zuvor glaubte an Gott! O welche Tiefe der Erkenntnis, die sich vor uns auftut! Lasst uns sammeln, Geist und Herz sammeln zu Recht ernster und inniger Andacht!

Text. Ev. Joh. 16, 23-30,

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: So ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er es euch geben. Bisher habt ihr nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei. Solches habe ich zu euch durch Sprichworte geredet. Es kommt aber die Zeit, dass ich nicht mehr durch Sprichworte mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater. An demselben Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass Ich den Vater für euch bitten will: denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, darum, dass Ihr mich liebt, und glaubt, dass Ich von Gott ausgegangen bin. Ich, bin vom Vater ausgegangen, und gekommen in die Welt; wiederum verlasse ich die Welt, und gehe zum Vater. Sprechen zu ihm seine Jünger: Siehe, nun redest du frei heraus, und sagst kein Sprichwort. Nun wissen wir, dass du alle Dinge weißt, und bedarfst nicht, dass dich jemand frage. Darum glauben wir, dass du von Gott ausgegangen bist.

Von einer Zeit spricht Christus hier zu seinen Jüngern, meine Freunde, wo sie Gott als ihrem Vater mit Kindesvertrauen und Kindesrecht nahe stehen, und seiner Lehre und Anweisung nicht mehr bedürfen würden: ja er muntert sie auf, gleichsam den Versuch dazu zu machen, und sich nicht bloß durch ihn, sondern aus der Fülle der eigenen Erkenntnis und Liebe, an den Vater zu schließen. Zu einer solchen Verbindung ist er selbst allerdings der einige Führer und Vermittler; wie er zu ihnen sagte Kap. 14, 6: Niemand kommt zum Vater, denn durch mich. Aber er war es nur, und wollte es ihnen nur sein, insofern sie ihn liebten, und glaubten, dass er von Gott ausgegangen sei. Nicht also die Erkenntnis Gottes überhaupt geben wollte Jesus seinen Jüngern: er setzt sie vielmehr voraus bei ihnen, ja er setzt sie überall voraus, wenn er Glauben an sich verlangt; und in unserm Evangelium gründet er ausdrücklich die innigste und höchste Vereinigung mit Gott, zu welcher er sie führen wollte, darauf, dass sie glaubten, er sei von Gott ausgegangen. Wie konnten sie das, ohne Gott zu erkennen? Diese Erkenntnis Gottes, die der Mensch haben kann vor dem Christlichen Glauben, ohne den Christlichen Glauben, ja die er vorher haben muss, durch welche allein er ihn versteht, wodurch er dazu geführt und getrieben wird, diese Erkenntnis Gottes wollen wir heute näher erwägen.

Kennen alle Menschen Gott? Kennen sie ihn alle auf die gleiche, alle auf die rechte Weise? Wo ist seine Erkenntnis zu finden, auf welchem Wege? Kennen wir selbst ihn, kennen wir ihn recht? Wie kamen wir zu seiner Erkenntnis? Alles Fragen, geliebte Zuhörer, denen wir gar nicht entgehen können, über welche wir uns nicht schlechthin beruhigen dürfen, deren Beantwortung uns vollkommen deutlich und gewiss sein muss, wenn ein wahrer und seligmachender Glaube an den, welchen Gott gesandt hat, an Jesum Christum, in unseren Herzen sein. soll.

Die Antwort finden wir in unserer vorigen Betrachtung. Da erkannten wir den Menschen nach dem Ausspruch Jesu: was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was vom Geist geboren ist, das ist Geist. Fleisch ist der Mensch seiner ersten, irdischen Geburt und Natur nach, der Luft der Sinne zugekehrt, geneigt zur Selbstsucht, Torheit, Leidenschaft. Diese seine gemeine Natur ist eben darum auch die allgemeine; in diesem verkehrten, verderbten Sinn handeln alle ursprünglich und sich selbst überlassen; viele so lange sie leben, wie schon das Sprichwort sagt: Alter schützt vor Torheit nicht! Und möchte es wenigstens vor Sünde und sittlicher, innerlicher Schande schützen! Aber unter wie manchem grauen Haar sind Gedanken und Begierden voll Gräuel verborgen! Geist soll der Mensch sein, zum Geist soll er das zweite Mal geboren werden, zur heiligen Wahrheit, zur heiligen Tat, zum heiligen Frieden. Diese seine ungemeine, hohe, außerordentliche Natur ist auch seine wahre, ursprüngliche; ihr muss die erste, die gemeine, endlich und für immer weichen; er ist erst dann wahrer Mensch, wenn diese Natur ganz die seinige geworden ist. So wie nun der Mensch in der gemeinen Natur des Fleisches alles fleischlich beurteilt, in der ewigen Natur des Geistes alles geistlich: so gibt es für ihn auch eine doppelte Art, Gott zu erkennen, eine gemeine und im gemeinen Sinne natürliche, in sich selbst ungewisse und verkehrte, und eine ungemeine, hohe, und allein ursprüngliche, ewig natürliche, und wahre. Lasst uns jede dieser Erkenntnisweisen betrachten.

Dass ein Gott sei, oder mit andern Worten, dass in allem, was wir sehen und erkennen, eine höhere geistige Kraft und Ordnung walte, welcher wir selbst unterworfen sind, ja in welcher wir leben, weben, und sind, das, meine Freunde, das ist an und für sich so unverkennbar, so unleugbar für jeden auch noch so ungebildeten Verstand, als es in Beziehung auf uns selbst unleugbar ist, dass alles, was da ist, wirklich da ist, dass wir eine Erkenntnis davon fassen, mancherlei Einwirkungen davon empfinden, mancherlei Gebrauch davon machen können. Denn wie wäre es möglich, dass alles, was ist, sich uns in seiner äußeren Erscheinung als ein schönes Gemälde, in seinem Verhältnis als ein aufs genauste zusammenhängender Bau, in seiner Beziehung auf unser Bedürfnis als eine reiche Quelle der ausgesuchtesten Freuden und Güter darstellte, ohne dass wir für dieses Gemälde einen Meister, für diesen Bau einen starken und verständigen Geist, für diese Fülle von Gaben einen uns geneigten Willen voraussetzen sollten! Nein, jede Blume in ihrer Gestalt, jedes Haar in seinem Bau, jeder Wurm in seiner Haushaltung weist uns hin auf die Macht, Weisheit und Güte, welche sie ins Dasein rief: wie vielmehr die ganze unermessliche Welt des Lichts, das unendliche Haus der Natur, die zahllose Mannigfaltigkeit dessen, was sich des Lebens freut auf Erden! Aus diesem Reichtum der göttlichen Erkenntnis schöpft die Heilige Schrift jene erhabenen Schilderungen Gottes, in denen von jeher jedes fromme Herz sich zu dem lebendigen Gott emporgetragen fühlte. Und wie mächtig wirft nicht fort und fort diese sichtbare Erscheinung des Allerhöchsten, den Glauben an ihn zu er neuern und zu erhöhen! Wo mögen wir dem Kinde seinen Schöpfer zeigen, als in der schönen, herrlichen, freudevollen Welt? Und wer sonst für heiligen Ernst Verstand und Gefühl hat, wie könnte der bei Betrachtung der Natur oft einem tieferschütternden Gefühl der göttlichen Gegenwart entgehen, einem Gefühl, welches ihn auf seine Knie wirft in demütiger froher Anbetung, und dränget auszurufen: Lob, Preis und Ehre sei Dir, der da war, der da ist, der da sein wird: alles, was Odem hat, lobe den Herrn!

So ist ja jedem von uns Gott offenbar, so konnte Paulus mit Recht von allen Menschen sagen: dass Gott sei, ist ihnen offenbar, Gott selbst hat es ihnen offenbart. Und dennoch hat es zu allen Zeiten nicht nur Menschen gegeben, welche überhaupt Gott leugneten, wie der 14te Psalm bezeugt in den Worten: die Toren sprechen in ihrem Herzen, es ist kein Gott; solcher offenbarer Gottesleugner waren immer nur wenige, wie es wenig vorsätzliche Selbstmörder gibt. Aber die Gotteserkenntnis, welche so offenbar vor den Menschen lag, 'verwandelte sich in ihren Seelen in eine für den beurteilenden Verstand lächerliche, für das fühlende Herz beweinenswürdige Torheit; und derselbe Gedanke, welcher der höchsten Weisheit, und dadurch der höchsten Beseligung, Anfang und Ende sein soll, wurde für das menschliche Geschlecht eine Quelle der entsetzlichsten Verblendung, und der grässlichsten Frevel. Ihr wisst alle, meine Freunde, dass ich vom Heidentum spreche, von dem Heidentum, welches noch den größten Teil der Menschen in der tiefsten grauenvollsten Geistesfinsternis gefangen hält, und ihren Gott zum Gespenst, ja zum Teufel macht, welches vor den Zeiten Christi außer dem Jüdischen Volk in allen Völkern herrschte, und erst durch Christum grade in der Gestalt vertilgt worden ist, wo es durch hinreißende Schönheit und einnehmende Verständigkeit am meisten zu verführen und festzuhalten geeignet war. Ihr spottet oder beklagt diese Einfalt, ihr begreift nicht, wie ein so zerstörender Unsinn je habe für Wahrheit gelten können, ihr haltet es für unmöglich, dass einer von euch je zu solchem Aberglauben herabsinken könne. Habt ihr dazu ein Recht? Was sich an Einem Menschen findet, das ist bei allen, wenn auch in verschiedener Weise, möglich: das ist eine über allen Zweifel erhabene Wahrheit. Wenn nun nicht Ein Mensch, wenn zahllose Menschen, ja wenn bis jetzt noch bei weitem der größte Teil der Menschheit grade diesem Unsinn huldigt, grade diesen Frevel festhält, meint ihr, dass bei euch, und überhaupt bei den Menschen, jemals die Möglichkeit aufhöre, gleiches, obschon auf andere Weise, zu tun? Meint ihr, dass es nicht Heidentum gibt unter uns, unter den Christen, mit sehr frommen Gebärden, mit vollem Ernst, ja mit einem verzehrenden Eifer? Wir wollen sehen. Lasst uns nur erkennen, worin die Quelle des Heidentums, oder des Götzendienstes liegt.

Gewiss nicht in der Natur, nicht in den Werken Gottes. Die sind aufrichtig in ihrer Sprache, wie der Heilige in seinem Sinn. Oder ist es eine andere Natur, welche der Weise anschaut, und worin er mit ehrerbietigem. und dankbarem Entzücken die Spuren der göttlichen Kraft und Güte verfolgt, als die, in welcher der Götzendiener die Bilder des Schreckens, und die Schutzgeister seiner Leidenschaften findet? Also, meine Freunde, nicht in der unwandelbaren Stimme Gottes, sondern im Menschen, in der Art sie zu hören, liegt der Grund, dass die Erkenntnis, aus welcher alles Leben quillt, Fluch und gräuelvolle Verwirrung bringt. Welcher Zustand nun ist es im Menschen? Die Unwissenheit, die Einfalt, werdet ihr sagen. Aber in der Einfalt eines guten frommen Kindes, welches nur so eben zu dem himmlischen Vater beten gelernt hat, liegt mehr wahre Frömmigkeit, und eine tiefere Erkenntnis Gottes, als in den begeisterten Gesängen eines Dichters, oder in den tiefsinnigen Betrachtungen eines Weltweisen, welche beide im Innersten des Herzens von Gott abgekehrt sind. Ein wie man zu sagen pflegt alles durchdringender Verstand ist eben so bereit und geschickt, Gott und die ewige Wahrheit zu lästern, als zu verherrlichen. Freilich, meine Freunde, werden die Gebildeten, die Gelehrten, nie Heiden sein, wie das arme Volk, welches vor dem feuerschnaubenden Götzen kniet; sie sind es so niemals gewesen, auch damals nicht, als nur Götzendienst herrschte. Aber ich weiß nicht, ob diejenigen unter ihnen, die keinen andern Gott hatten, als sich selbst, ihren Bauch, ihren Reichtum, ihre Eitelkeit, ihre Ehre ich weiß nicht, ob sie nicht schlimmere Götzendiener waren, als das arme Volk; ich weiß nicht, ob Pilatus, der gewiss nicht an die Götzen des Volkes glaubte, der vielmehr eben in dieser eingebildeten Weisheit des Unglaubens fragte: was ist Wahrheit? der eben darum, weil er keine andere Wahrheit kannte, als sein eigenes irdisches Leben, den Unschuldigen wissentlich verdammte, ob Pilatus nicht mehr Götzendiener war, als die rohen Kriegsknechte, welche sich vor den falschen Göttern wirklich fürchteten, und dem Sohn des wahren Gottes ins Angesicht spien, weil er vor ihnen nur als ein dürftiger hilfloser Mensch erschien. Ungötterei und Abgötterei sind gleich verderblich, gleich verwerflich; sie sind eins, sie haben einerlei Ursprung, sie tragen einerlei Frucht! Ob der Aberglaube vor einem Klotz oder vor einem vergoldeten Bilde kniet, ob der Unglaube in sinnloser Dummheit, oder in feinen Scherzen, witzigen Einfällen, und scharfsinnigen Gründen lästert, das ist einerlei; die Wahrheit wohnt in beiden nicht.

Nein, meine Freunde, nicht in der Unwissenheit und Einfalt liegt der eigentliche Ursprung des Götzendienstes und Götzenglaubens; Unwissenheit und Einfalt sind nur ihrer Natur nach der Versuchung und Verführung dazu leichter unterworfen. Das Fleisch, die sinnliche Begierde, die zügellose Leidenschaft, das verderbte Herz, die Sünde mit einem Wort ist der Ursprung des Götzendienstes, des verächtlichen, verwerflichen, abscheulichen Aberglaubens aller Art. Des Menschen Seele ist Gottes Spiegel; freilich im Stande der Einfalt nur wie eine Wasserfläche, die jeder Windhauch zu kräuseln und zu trüben vermag, erst bei gebildetem Verstande wie ein fester Spiegel: aber nicht minder ungestalt erscheint im verzerrten und zerbrochenen Spiegel, als in der aufgeregten und getrübten Wasserfläche, das hineingeworfene Bild; in einem solchen Spiegel erscheint es niemals anders, da doch die beruhigte Flut die Wahrheit mit neuer Treue in sich aufnimmt. Ist es wahr, dass nur die, welche reines Herzens sind, Gott schauen, wie er ist; ist es wahr, dass die Menschen allzumal Sünder sind, und des Ruhmes mangeln, den sie vor Gott haben sollen; ist es wahr, meine Freunde, jenes Geständnis, dem wir am Bußtage uns nicht versagen konnten, dass auch in jedem von uns die Sünde, die Torheit, die Begierde, die Leidenschaft, die Selbstsucht, mehr oder weniger deutlich und mächtig gewohnt hat, und noch wohnt: nun, dann ist es wohl klar, aus welcher Quelle der rohe Götzendienst der Vorwelt, und der feine und glänzende der jetzigen, der Christlichen Welt kommt; es ist klar, was insbesondre in unseren Zeiten nicht bloß die unwissende Einfalt, die im Gegenteil oft die Wahrheit mit bewundernswürdiger Stärke und Reinheit festhält, vielmehr hochgebildete, mit aller Kunst, wie mit allem Glanz des Lebens vertraute, ja fürstliche Personen treibt, sich allen Gaukeleien einer mit dem Namen Christi sich brüstenden Götzendienerei wieder hinzugeben; es ist klar, warum die heuchlerischen Kaiphasse unserer Zeit über Gotteslästerung schreien, wenn sie die Wahrheit hören, warum die wahrheitslosen Pilatusse unserer Zeit die scheinheiligen Pharisäer in Rechten und Würden schützen und ihnen zu Furcht und Liebe die Verkünder der Wahrheit kreuzigen; es ist klar, warum alle Kraft des Christentums und alle Bildung der Vernunft das Heidentum selbst in der Mitte Christlicher Völker und Kirchen noch nicht hat austilgen können. Es ist überall nur die Eine Quelle, das sündliche Herz, das verdorbene vergiftete Gemüt, die Gewalt und der Dienst des Fleisches; denn was vom Fleisch kommt, das ist Fleisch; und wer mit dem Fleisch und um des Fleisches willen an Gott glaubt, Gott sucht, Gott dient, ist in Wahrheit ein Feind Gottes, in dem Augenblicke selbst, wo er mit wunden Knien und heiserer Stimme vom langen Gebet vor seinem Altar aufsieht!

Ach, meine Freunde, dass alle Menschen Kinder wären, oder Engel! Dass es zwischen dem Kindsein und dem Engelsein nicht ein so weites, weites Reich voll sonderbarer, zum Teil widerlicher, ja furchtbarer Verpuppungen und Verwandlungen gäbe! Doch sie sind nun einmal, diese Verpuppungen und Verwandlungen; wir sind nicht Kinder, wir sind nicht Engel; und so zürnt mir nicht, als einem finsteren und störenden Geist, wenn ich die Wahrheit sage, und das, was wir jetzt sind, nenne und darstelle, wie es ist, als sein soll, und so nicht bleiben kann. Auch gibt es allerdings eine zweite Erkenntnisweise Gottes, die dem Menschen zugänglich ist, die nicht zum Götzendienste, sondern zur wahren Anbetung führt, deren wir alle fähig, zu welcher wir alle geboren sind. Das ist die Erkenntnis im Geist, von welcher Jesus einst sprach zu der Samariterin: Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. Sie widerspricht nicht der Natur, diese geistige Erkenntnis Gottes, aber wir finden sie nicht in der Natur; sie tritt in unsere Seele aus unserer eigenen Seele; sie ist das innere ewige Wort, welches uns jedes sichtbare Werk Gottes in seinem Sinne deuten und verstehen lehrt; sie schwingt sich weit, unendlich weit über alle Grenzen der sichtbaren Welt hinaus, und erkennt den Schöpfer aller Dinge, den Herrn und Regenten, in einer Majestät, welche kein Bild darzustellen, keine Sprache zu schildern vermag. Es ist der Einige, der Ewige, der sein Bild tief und klar in unseren eigenen Geist gedrückt hat, so dass weder Gewalt, noch Betrug, ja dass selbst die eigene Torheit und Verkehrtheit es nicht auslöschen kann, dass es vielmehr, sobald die Gewalt des Fleisches gebrochen, die Schlacke und der Schmutz der Torheit und Sünde weggeräumt ist, wie ein himmlisches Feuer hervorbricht, und uns Gottes Herrlichkeit überall und immer zeigt, wo vorher unserem getrübten und verwirrten Auge nur Zufall und Menschentand erschien. O ihr kennt diesen Gott wohl; es ist ja der, den die Heiligen Schrift verkündet, den euch schon die kindische Schule gelehrt hat, den hier die männliche Andacht feiert; und wie könnte ich ihn besser darstellen, als mit den Worten der Heiligen Schrift selbst? Er ist der König aller Könige, und Herr aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, der da wohnt in einem Licht, da niemand zu kommen kann, welchen kein Mensch gesehen hat, noch sehen kann; ihm sei Ehre und ewiges Reich! O, meine geliebte Freunde, wie wird die gläubige Seele von diesem Gedanken, diesen Worten so tief, so innerlich, so durch und durch erschüttert und entzückt zugleich, als würde sie berührt in der Wahrheit ihres eigenen Lebens! O lasst uns anbeten, lasst uns anbeten vor seiner Allgegenwart, denn er ist nahe, er ist unter uns, er ist in uns, und es ist sein Geist, der in unserer Seele spricht und sie durchdringt in diesem Augenblick!

Nicht unmöglich also, meine Freunde, ist diese Erkenntnis Gottes dem menschlichen Geist; vielmehr ist sie mit demselben zugleich gegeben; sie ist dem völlig reinen und ausgebildeten Geist so gewiss, als nur immer dem sinnlichen Bewusstsein das eigene Leben; sie liegt jeder verkehrten Vorstellung von Gott, jedem Götzendienst eben so zum Grunde, wie die Wahrheit dem Irrtum und der Lüge; ohne sie können wir weder von der Natur, noch von den Offenbarungen Gottes irgendetwas verstehen; sie ist vor dem Christentum, und ohne das Christentum gefasst worden; ja sie wird vor dem Christentum stets vorausgesetzt, wie denn auch Jesus stets sich auf Gott beruft, wenn er für sich Glauben fordert, und es sowohl in unserem heutigen Evangelium, als sonst ausdrücklich ausspricht, dass, wer an Gott glaube, auch ihn als göttlichen Gesandten erkennen werde. Auch kann uns nichts eine andere und höhere Erkenntnis von Gott geben, als diese, und wo sie in ihrer vollen Kraft und Reinheit wäre, da bedürfte es wahrlich keiner Offenbarung, keiner Heiligen Schrift, weil sie selbst die ewige Offenbarung, und die innere Heilige Schrift selbst ist. Das haben auch zu den Zeiten des eigentlichen Götzendienstes geistvolle Männer erkannt, haben den menschlichen Geist, die Vernunft, in ihrem hohen Werte schätzen, und eine solche Vorstellung von Gott fassen gelernt, die ganz mit der übereinstimmt, welche ich mit den Worten des Apostels Paulus ausgesprochen habe, haben auch diese ihre Erkenntnis zuweilen auf eine so würdige und begeisterte Art in Worten dargelegt, dass sie gleich ähnlichen Stellen der Heiligen Schrift wohl zu belehren und zu erbauen vermögen. Denn, was vom Geiste geboren wird, das ist Geist; wo nur rechter Ernst des Geistes ist, das überwindet wohl endlich die Wahrheit, und tritt wenigstens in stillen Stunden tiefer Betrachtung in das ruhige offene Gemüt, und aus dem Gemüt in das lehrende Wort. Wenn aber in den Zeiten der Finsternis, umgeben, ja umstrickt von allen Torheiten, welche die gemeine menschliche Natur, das Fleisch, nur erdenken und vollbringen kann, ohne irgend andere Hilfsmittel, als die Natur vor ihnen, und den hellen Geist in ihnen, wenn damals schon geistvolle Männer den einigen, ewigen, alleinwahren Gott erkennen konnten: wie könnte es unter uns, denen die äußerliche grobe Götzendienerei nur spät als etwas Fremdes bekannt, denen der Gedanke des unsichtbaren Schöpfers und Herrn schon in der zartesten Kindheit eingeprägt, und gleichsam zergliedert wird, denen die Herrlichkeit der Schöpfung täglich ohne den Schleier des Aberglaubens offen steht, deren Geist so früh und so ernstlich entwickelt, getrieben, ja mit Gewalt emporgezogen wird zum Hellsehen aller Art, wie könnte es unter uns an Weisen mangeln, welche Gott erkennen in dem Geist, ja wie sollte unter uns nicht allgemein sein jene reine Erkenntnis Gottes, wozu er die Anleitung und Aufforderung unmittelbar in unsere eigene Seele gelegt hat?

Und doch, meine Freunde, doch ist es mit dieser Erkenntnis Gottes, wie es mit der Erkenntnis des Guten ist; einmal erkannt, vermögen wir sie nicht ganz wieder auszulöschen; klar, unleugbar, steht sie als die höchste Wahrheit vor unserer Seele; es ist uns so leicht, so gewöhnlich, sie zu haben, auszusprechen und zu lehren, dass jetzt die unerfahrene Jugend ohne Mühe der unwissenden Kindheit mitteilt, was die weisesten Männer des Altertums in den stillen Stunden tiefer Betrachtung suchten, und dennoch mehr ahndeten als erkannten. Aber diese so reine, so klare, von götzendienerischer Verkehrtheit so ferne Erkenntnis ist darum noch nicht in der Seele; wir fühlen uns deshalb noch nicht darin einheimisch; sie gehört darum noch nicht zu unserem Leben; unser Herz ist darum noch nicht in Gott, wie sein Gedanke in uns ist; mit einem Wort, wir glauben darum noch nicht! Denn wäre der volle Glaube an Gott, der, welcher selig macht, eins mit dem reinen Gedanken Gottes, ach, meine Freunde, welcher geistige Heldenmut, welche himmlische Tugend müsste dann unter uns wohnen, wie müsste die Kraft Gottes gleichsam aus allen Seelen, selbst des gemeinen Volkes, ja von jeder kindischen Schulbank, hervorbrechen mit Gewalt, in welcher Verklärung des Heiligen Geistes müssten unsere Weltweisen, unsere Doktoren und Pfarrherren schweben! Auch die Betrachtung der Natur tut es nicht, selbst in ihrer schönsten Blüte, selbst in ihrer höchsten Kunst und Macht; sie entzückt, sie erschüttert unser Gemüt, sie erregt das Erstaunen und die Neugier unseres Geistes, aber als Offenbarerin Gottes verschwindet sie gleichsam vor unserer eigenen Erkenntnis, und wir gehen bei ihren Wundern, als bei bekannten Bildern, oder gar als bei toten Verhältnissen, kalt vorüber. Ja selbst die eigenen äußern Lebenserfahrungen, der Segen, der Schutz, die Errettung, welche uns zu Teil werden, vermögen in dem leichtsinnigen oder zerstreuten Gemüt den lebendigen Glauben wohl anregen, aber nicht zu befestigen! So steht es bei Unzähligen, und vorzüglich bei denen, welche sich der hellsten Erkenntnis rühmen; sie sind frei von jedem heidnischen, ja überhaupt von jedem abergläubischen Vorurteil; sie kennen vollkommen den richtigen Begriff Gottes; sie zweifeln nicht an dessen Wahrheit, ja sie streiten dafür in vollem Ernst; aber dieser Gott lebt nicht für sie, und sie nicht für ihn; und nur von der Torheit in Gott haben sie sich losgemacht, die Weisheit in Gott haben sie nicht gefunden. Denn wäre die in ihnen, dann würde sie leuchten aus allen ihren Worten und Taten; der Heilige Geist würde in ihnen, sein, und Zeugnis geben von dem seligmachenden Glauben in ihren Herzen.

So sollte es nicht sein, das fühlen wir alle, das vermag kein Vernünftiger zu leugnen; aber so ist es; und wenn es so ist, warum ist es so? Ach, meine Freunde, wir dürfen nicht weit suchen; da, wo wir den Grund der Erkenntnis Gottes finden, da finden wir auch den Grund, warum sie uns so fremd ist; die höchste Kraft unseres Geistes ist der Grund jener Erkenntnis, die Schwachheit unseres Geistes ist der Grund, warum sie nicht zugleich Glaube ist. Von dem, was wir wirklich, was wir täglich, was wir mit allen Sinnen, allen Neigungen, allen Geschäften und Zwecken unseres Lebens sind, müssen wir uns losreißen, aus unserem ganzen Leben gleichsam herausgehen, um den Gedanken nur zu finden, um ihn festzuhalten, den Gedanken, welchen wir Gott nennen, welcher der höchste, lebendigste in unserer Seele sein soll. So schwebt er in unerreichbarer Höhe über uns, in unerreichbarer Tiefe unter uns, und wir vergehen im Gefühle, unseres Nichts vor unsren eigenen Gedanken. Gibt es einen Glauben für das Nichts? Kann Hoffnung, kann Liebe sein in dem, welcher sich selbst als Nichts fühlt? Wir müssen zurück aus jener Höhe, aus jener Tiefe, wir wollen, wir sollen leben in Gott; zurück müssen wir ins Leben, und ihn da suchen, und uns da in Glauben, Hoffnung, Liebe, an ihn knüpfen. Und wohl begegnet da dem noch einfältigen kindlichen Gemüt seine Spur auf allen Wegen; es dankt und lobt den Herrn demütig für Speis und Trank, für Regen und fruchtbare Zeiten, für gesunde Tage und langes Leben, für Schutz im Hause und außer dem Hause; es neigt sich mit überfließendem Gefühl und ruft aus: was ist der Mensch, o Herr, dass Du seiner gedenkest, das Menschenkind, dass Du Dich seiner annimmst! Wir aber, meine Freunde, die wir nicht mehr einfältig sind, sondern gelehrt, gebildet, vernünftig, wie ihr es nennen wollt, wir wissen ja, dass diese Gedanken kindisch sind, dass die Sonne scheint über Tiere und Menschen, über Böse und Gute, dass der Regen fällt über Wüsten und Auen, über Gerechte und Ungerechte, dass die Natur ihren ewigen gleichmäßigen Gang geht, und Glück und Unglück austeilt, ohne nach unseren Wünschen und Gebeten zu fragen; wir erkennen, dass solche Gefühle, solche Vorstellungen es waren, welche einst zum Götzendienste führten, und womit priesterliche Betrüger noch jetzt die Einfalt sich dienstbar machen; wir entwöhnen uns ihrer, ja wir widerstehen ihnen mit Gewalt, als brächten sie uns selbst in Gefahr, die Vernunft zu verlieren; viele unter uns würden sich im Ernst beleidigt fühlen, wenn ihnen jemand Schuld geben wollte, sie wären fähig, im Ernste Gott für Speis und Trank zu danken; den Gott, welchen wir im Bilde unseres Geistes erkennen, den, der da Einer und Alles ist, den in der unerreichbaren Höhe und in der schwindeln den Tiefe, den, der allein wahrer Gott ist, und keinen andern, wollen wir erkennen, an den wollen wir uns knüpfen. Aber wie? In unserem eigenen Geiste, durch welchen wir ihn denken in unserer Vernunft. Aber hast Du, der Du also sprichst, hast Du denn nur den einen Geist, welcher Gott denkt, in Dir, hast Du nicht in Dir den andern Geist auch, der Dein ist, der dem Leben angehört, der von dem Leben unzertrennlich ist, der ohne das Leben keine Gedanken und keinen Trieb hat? Ist dieser Dein Geist, der immer nur hineintrachtet in das natürliche Leben, durchaus, von Anfang, und immer einträchtig mit dem Geist, welcher Dich hinaufzieht, oder welcher hinaufgezogen werden kann, zum Gedanken an Gott? Nein, gewiss nicht, er kann es erst werden; Gott ist nicht in Dir, Du nicht in Gott; der Gedanke, die Erkenntnis Gottes in Dir muss sich vermählen mit Deinem Willen; leben musst Du mit ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzem Gemüte in der Furcht und Liebe Gottes; erst wenn Du reines Herzens bist, wie er, kannst Du ihn schauen, und weil Du ihn schauest, unerschütterlich und lebendig an ihn glauben. Aber das bist Du nicht, Du bist nicht reines Herzens; Du lebst nicht in Gott; Du sollst erst das Leben in ihm gewinnen; Du sollst erst gut durch und durch werden; dann freilich wirst Du an ihn glauben, wie es sein soll, mit Zuversicht und Freuden! Aber wie weit ist dahin! Wie wenig vermagst Du, um dahin zu kommen! Wie geteilt, wie zerrissen ist nun Deine Seele! Wie erbebst Du nun oft vor dem Gedanken, der die Kraft Deines Lebens sein soll! Wie oft fällst Du von ihm ab, wie oft gehst Du ihm aus dem Wege, wie oft liegt er so tot und regungslos neben Deinem Wege! Glauben kamst Du ihm freilich nicht versagen; Unrecht würde man Dir tun, wenn man Dich Zweifler nennte; denn gedacht hast Du den alleinwahren Gott, und auch zuweilen gefühlt; er gehört wirklich zu Deiner Seele, die ihn kennt; aber wie weit, wie weit entfernt ist dieser Glaube von dem Glauben, der selig macht!

Solche Gedanken haben viele unter euch nicht, meine Freunde, ja vielleicht die wenigsten unter euch; ihr kennt nicht deutlich den Zustand dieses halben, vom Aberglauben gereinigten, hellen, und dennoch in sich kraftlosen Glaubens! Und wie selig die unter euch, die ihn nicht bloß nicht kennen, die sich auch nicht darin befinden, ohne ihn zu kennen. Aber es ist so, die Erkenntnis Gottes ist noch nicht Glaube an Gott; obschon der Glaube nicht sein kann, ohne Erkenntnis, und selbst die eigentliche Erkenntnis ist. Denn die Erkenntnis ist unermesslich, wer mag Gott begreifen? Der Glaube ist persönlich, innerlich lebendig. Erst wenn das menschliche Herz Vernunft, eitel Wahrheit und Güte geworden ist, erst dann ist die Erkenntnis mit dem Glauben, das Bild Gottes mit dem Leben eins. Ach kein Wunder, wenn das arme, schwache, bald betrogene, bald sich selbst betrügende, befleckte, verkehrte, wildempörte Herz, unser Herz, meine Freunde, wie wir es kennen von Jugend auf, wie wir es oft noch fühlen als das unsrige kein Wunder, wenn es oft so zerrissen ist in sich selbst, oft so schwebt und schwankt zwischen Gott und Welt, und fort und fort wie eine Wasserfläche bald ruhig den klaren Himmel des Glaubens, bald aufgeregt den trüben Erguss seines eigenen Wesens in sich findet! Ist denn da kein Weg? Gibt es keine Offenbarung, als den strengen schweigenden Ernst der Natur, und die bodenlose Tiefe des Geistes? Hat sich Gott nirgend dargestellt, deutlich und lebendig, wie ihn unsere bessere Hälfte zu nennen so heiß verlangt, wie ihn unsere schlechtere Hälfte zu nennen so wenig vermag, als Vater? Ist kein Zugang zu dem Unzugänglichen? Keine Gemeinschaft mit dem, welchen kein Auge sieht? Keine Spur von ihm, wo er in Geist und Leib zugleich, im ganzen, ungeteilten Leben so waltet, dass der Geist sein Bild, und das Herz seine Stärke in ihm findet?

Wohl gibt das Evangelium die Antwort dem, welcher Ohren hat zu hören! Ja, der Vater hat sich offenbart in dem eingeborenen Sohn, dass wir selbst im Glauben seine Kinder werden! Lasst uns sammeln, meine Freunde, mit vollem, heiligem Ernst, um diese Antwort, diese Offenbarung des Vaters zu vernehmen! Amen.

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