Kähler, Carl Nikolaus - Auslegung der Epistel Pauli an die Epheser in 34 Predigten - Einunddreißigste Predigt.

Kähler, Carl Nikolaus - Auslegung der Epistel Pauli an die Epheser in 34 Predigten - Einunddreißigste Predigt.

Gleich nach den Kindern werden die Knechte angeredet in unserem Texte, als ob sie zu den Kindern gehörten. Gehören sie denn nicht auch wirklich dazu? Ach, dass jeder Herr von seinem Knechte dächte: das ist meines Bruders Sohn! und von seiner Magd: das ist meines Bruders Tochter! Wenn wir unsere Kinder von uns entlassen, um sie bei Andern dienen zu lassen, was wünschen wir dann inniger, als dass ihre Herrschaften ihnen liebreiche, milde Väter sein möchten? So will es auch das Evangelium. Ihr Dienenden, vergesst nicht, was ihr Christo und seinem Evangelium zu verdanken habt. Als der Heiland in die Welt kam, waren die Knechte noch Leibeigene und Sklaven, die mit Gut, Blut, Leib und Leben der Willkür ihrer Herren preisgegeben waren. Christus hat sie frei gemacht, soweit denn sein Evangelium Macht gewonnen hat über die Herzen der Menschen. Aber wie macht er die Knechte frei? Nicht wie manche Freiheitsmänner unserer Tage tun, welche die allgemeinen Menschenrechte, Freiheit und Gleichheit predigen, und den bösen Samen der Empörung und Revolution in die Herzen der Arbeiter streuen. So nicht Christus, sondern er gibt den Menschen vor Allem ein neues Herz, darin Glauben und Liebe wohnt, und von der Liebe lässt er die Bande der Knechtschaft lösen. Also knüpft er ein brüderliches Band zwischen Herr und Knecht, so dass jener milde und freundlich ist gegen diesen, dieser von Herzen gehorsam gegen jenen. So ist zu verstehen, was in unserem Texte geschrieben steht. Zuerst werden die Dienenden ermahnt.

Eph. 6, 6: Ihr Knechte, seid gehorsam euren leiblichen Herren mit Furcht und Zittern, in Einfältigkeit eures Herzens, als Christo.

Was verlangt der Apostel von den Dienenden? Gehorsam, aber einen Gehorsam, der gefasst ist in den goldenen Rahmen des Glaubens und der Gottesfurcht. Denn das sollt ihr wissen, dass man Menschen nur auf die rechte Weise gehorchen kann, wenn man vor Allem gelernt hat, Gott und Christo gehorsam zu sein, wie jener Kaiser zu einem seiner Hofleute sagte, der von seinem Glauben abgefallen war: Wie kann ich erwarten, dass du gegen deinen Kaiser treu sein werdest, wenn du untreu bist gegen deinen himmlischen Oberherrn? Soll ein Jeglicher von uns Jegliches, das er tut, im Namen Jesu tun, so muss ja auch, wer dient, im Namen Jesu dienen. Wir dienen aber Alle, denn wer ist unter uns, der nicht irgendeinem Menschen Gehorsam zu leisten schuldig wäre? Nun, so werde denn unser Gehorsam gegen Menschen in den Gehorsam Christi gefasst. Unser Bekenntnis lautet: „Ich glaube, dass Jesus Christus sei mein Herr.“ Ja, das glaube ich, und weiß in diesem Glauben, dass er mich gemacht hat zum Diener der Gemeinde, und dich zum Knecht oder zur Magd eines leiblichen Herrn. Es ist nicht von Ungefähr, dass wir diesen und keinen andern Stand haben in der Welt, sondern die Liebe und Weisheit unsers Herrn im Himmel hat es so geordnet. Wie dient nun ein frommer Christ diesem seinem Haupt? Mit einer Liebe, die sich scheut, irgendetwas gegen seinen Willen zu tun, oder, wie der Apostel spricht, mit Furcht und Zittern; denn er meint damit nicht ein knechtisches Zittern, sondern die zarte Scheu und Gewissenhaftigkeit, womit der Erlöste an dem Willen seines lieben Erlösers hängt. Ob ich denn gleich müsste im sauren Schweiße des Angesichts vom Morgen bis in den Abend die Werke eines Knechtes oder Tagelöhners tun, pflügen, graben, säen, mähen oder als Magd die beschwerlichsten Dienste im Hause tun, so will ich allezeit denken, wie Maria dachte: Siehe, ich bin des Herrn Magd oder Knecht, es geschehe sein guter, gnädiger Wille. Durch solche Furcht und Liebe des Herrn wird das Joch, das ich trage, sanft, denn der Herr hat's mir auf die Schulter gelegt.

Ein Gehorsam in Gottesfurcht ist zugleich ein freudiger Gehorsam, daher Paulus spricht: Gehorcht in Einfältigkeit oder Aufrichtigkeit eures Herzens, nicht mit Dienst vor Augen, als den Menschen zu gefallen, sondern als Knechte Christi, indem ihr den Willen Gottes von Herzen tut, indem ihr mit wohlwollender Gesinnung dient, als dem Herrn und nicht den Menschen. Christen, wie viel fehlt noch, dass es so unter uns steht! Achtzehnhundert Jahre sind verflossen, seit der Apostel das geschrieben hat: ist's denn nun endlich unter uns Christen dahin gekommen, dass der Gehorsam der Dienenden ein freudiger geworden ist? Nein, allenthalben findet man noch den Augendienst, der bloß auf fleischlicher Furcht und Hoffnung steht. Wenn ich diene, weil ich muss und den Zorn der Menschen zu fürchten habe, die mich schelten oder gar von sich ausstoßen würden, wenn ich nicht täte, was sie mir sagen, das ist schlechter Augendienst. Oder wenn's mir bloß zu tun ist um die Gunst derer, mit denen ich unter Einem Dache lebe, weil ich aus ihrer Hand mein Brot esse und den Groschen zum Tagelohn empfange sie selber sind mir gleichgültig, und ich scheide mich gern von ihnen, wenn sie nicht die irdischen Götter wären, ohne deren Gunst ich verlassen dastände, ohne Dach, ohne Heller, ohne Kleider und Schuhe: sagt, wäre mein Dienst dann nicht ein schlechter Augendienst? Es ist doch ein gar großes Übel in der Welt, wenn nur der Stab Wehe uns Menschen zum Tun und Lassen treibt! Da ist Klage auf beiden Seiten, auf der Seite der Dienenden, die mit Verdruss im Herzen und mit Falten auf der Stirn ihr Tagewerk tun, auf der Seite der Herren aber, die allenthalben klagen, dass unter den Knechten kein Joseph mehr zu finden sei und kein Elieser, denen der treue Dienst über Essen und Trinken ging (1 Mose 24). Blickt aber vor Allem auf unsern Erlöser selbst. Ist er nicht unser Aller Knecht gewesen? Wie er nahe vor seinem Tode dastand, mit dem Becken in der Hand, woraus er den Jüngern die Füße wusch, das sollte sein und ist ein Bild seines Lebens, das wie ein Licht sich selbst verzehrte, indem es Andern diente. Wie nun? war des Herrn Dienst ein Augendienst? Hat die Furcht ihn getrieben, hat die Hoffnung ihn gestachelt? Hat er mit Verdruss, mit innerer Bitterkeit, mit Murren und Klagen, oder um sich Geld, Brot und Gunst bei den Menschen zu erjagen, seinen Dienst am Evangelium getan und den Kelch des Leidens und Todes getrunken? Nein, Alles, das er tat, ging aus dem einfältigsten, als dem lautersten, aus dem aufrichtigsten Herzen heraus, ohne dass er weder rechts nach irdischem Gewinn, noch links nach irdischem Lob blickte. So war's, weil er seinen Dienst auf Erden als den Willen seines Vaters im Himmel ansah, und er tat ihn von Herzen und sprach: das ist meine Speise, dass ich seinen Willen tue! Darum war auch kein Widerstreben bei ihm, sondern mit der wohlwollendsten Liebe diente er uns, als seinem lieben Vater, und nicht Menschen Fürwahr, ihr Dienenden, ihr werdet ein Gleiches tun, aller Augendienst wird schwinden, und willige Freudigkeit wird in euren Dienst kommen, wenn ihr nur vor Allem Liebe zu eurem Erlöser habt, und alle eure Werke tut, als tätet ihr sie Christo. Dann ist das Haus, wo ihr seid, ein kleines Himmelreich, wo Liebe und freudiger Gehorsam ein schönes Band knüpft zwischen euch und euren Herrn.

Und wahrlich, die Frucht eines solchen aufrichtigen, freudigen Dienstes ist wie die Frucht eines Baumes, dessen Zweige die ganze Ewigkeit bedecken. Dient ihr bloß den Menschen, so habt ihr in dem Brot, das ihr esst, und in dem Groschen, den ihr erwerbt, euren Lohn dahin. Aber wie ist's, wenn ihr Alles im Namen Christi tut? Wisst, was nur immer Jemand Gutes tun wird, das wird er von dem Herrn empfangen, er sei ein Knecht oder ein Freier. So spricht der Apostel und reicht euch damit einen schönen evangelischen Trost. Ihr möchtet zaghaft werden, wenn ihr eure Gedanken darauf heftet, dass ihr vielleicht euer Leben lang im Joch harter Arbeit gehen müsset, während so viele freie Leute sind, die nicht die Hand an den Spaten und Pflug legen, sondern herrschen und dabei Wein trinken und Wildbret essen. Aber ist solches Leben der Freien ein Kapital, welches ewige Zinsen trägt? Nein, Christen, das Herrsein dauert nur bis ans Grab, und kommt der Tod, so stößt er den Speisetisch der Großen um. Wie's jenseits des Grabes nun gehen wird, das hängt nicht davon ab, ob Jemand zu den Herren gehört und was er zu sagen gehabt und was er gespeist hat in dieser Welt, sondern was ein Mensch vollbracht hat im Glauben und in der Treue gegen seinen Erlöser und Gott, das ist das geistliche Kapital, welches er mit Zinsen aus des Herrn Hand zurückempfangen wird. Das Dienen und Arbeiten allein tut es nicht; nein, geht's nicht aus dem Glauben und aus der Liebe, so trägt's keine Früchte; daher Tausende, die hier am Karren geschoben haben, dort werden am Wagen ziehen müssen. Aber du treue, fromme Magd, die du viel gehalten hast von deinem Herrn im Himmel, und in Geduld und Treue des Tages Last und Hitze getragen hast: stehe, dein Werk ist ein Kapital, das du dem Herrn geliehen hast, und er wird dir's zurückgeben mit Zinsen. Und du frommer und getreuer Knecht, der du bei deiner Arbeit Gott allezeit vor Augen und im Herzen gehabt, und mit dem kleinen Pfunde, das dir Gott gegeben, treu hausgehalten hast: Gott wird dich über Vieles setzen. Wie die Arbeit, so der Lohn; wie die Saat, so die Ernte. Ich sage nicht, dass irgendein Mensch mit seinem Werk sich den Himmel verdienen könne; nein, Christen, Gott schenkt uns den Himmel und seine Seligkeit aus freier göttlicher Liebe und Barmherzigkeit, aber die Hand, in die er solchen ewigen Schatz legt, ist ein frommes Herz und Treue und Gehorsam bis in den Tod. Damit tröstet euch, die ihr der Welt Last und Hitze tragt.

Aber was spricht nun fürs Andere der Apostel zu den Herren? Lässt er sie unangeredet, als gäbe es für sie keine Pflicht und kein Gebot? Nein, höret nur, was er sagt. Und ihr Herren, tut dasselbige gegen eure Arbeiter. Was tun? Der Apostel hat einen treuen Dienst in Gottesfurcht und Liebe von den Knechten verlangt: sollen denn nun die Herren nicht wiederum in gleicher Weise ihren Knechten dienen? Ja, es steht nicht so unter uns Christen, dass der Eine nur zu befehlen, der Andere nur zu gehorchen, der Eine nur zu fordern, der Andere nur zu leisten hätte. Wisst ihr nicht, dass wir alle Eines Leibes Glieder sind, und dass der Leib müsste zu Grunde gehen, wenn die Glieder sich nicht gegenseitig dienen wollten? Ist der Fuß bloß des Auges Knecht, und nicht auch das Auge des Fußes Knecht? Also auch ihr Herren sollt euch nicht bloß als Herren eurer Knechte, sondern auch als Knechte eurer Knechte ansehen. Ist doch auch unser Herr im Himmel damit, dass er Herr ist, zugleich unser Aller Knecht. Denn wer hat uns mehr gedient und dient uns bis auf diese Stunde mehr, als eben Er, der im Himmelreiche muss sein Auge allezeit auf Alles haben, und auch dem Geringsten unter uns zur Hand sein, dass er sein Bestes wahrnehme und ihm Brot für Leib und Seele gebe zu seiner Zeit? Ach, der liebe Heiland ist fast mehr mein Knecht als mein Herr; denn in jeglichem Augenblicke, wo ich rufe, ist er da, und wo ich spreche, tue dies und das an mir, so tut er's. Ich achte allen meinen Dienst, den ich ihm leiste, für Dank gegen die tausend Liebesdienste, die er mir leistet bis ans Ende, und noch im Sterben wird er mir dienen als Seelsorger und Krankenwärter, und wird mir nachher aus dem Tode helfen und aus dem Totenreich. Und das alles tut er nicht mit Dienst vor Augen, sondern mit Einfältigkeit seines Gott gehorsamen Herzens. Ei, so sagt denn, liebe irdische Herren, wollt ihr nicht ebenso euren Knechten dienen, dass sie an euch eine Stütze haben, einen Stecken und Stab in aller Not Leibes und der Seele? Wollt ihr nicht Gutes an ihnen tun, was und wie viel ihr könnt, und zwar in einfältiger Bruderliebe, die aus ihrem Dienst kein Rechenexempel macht, als spräche sie: ich muss ja dies und das tun an meinen Leuten, damit sie mir nur treu und gehorsam seien? Ach, es ist fast mehr Augendienst bei den Herren, als bei den Knechten in der Welt. Mancher täte wohl seinen Arbeitern wenig Gutes, wenn er nicht in einer Zeit lebte, die wie ein ägyptischer Vogt mit dem Stab Wehe hinter ihm steht und ihn schreckt mit der wachsenden Macht des vierten Standes und mit der Assoziation und anderen Dingen unserer Zeit. Aber das wisst, liebe Herren, wenn ihr nur aus Not euren Arbeitern gebt, und nur aus Furcht und fleischlicher Berechnung ihnen wohltut, so werft ihr selber Holz in das Feuer der Empörung und des Aufruhrs, das gebrannt hat und auch künftig brennen wird.

Von den Knechten wird verlangt, dass sie euch dienen sollen als dem Herrn. Das kehrt nun der Apostel um und verlangt auch von den Herren, dass sie ihren Knechten dienen sollen als dem Herrn. Oder habt ihr keinen Herren? Ja, wisst, dass auch euer Herr im Himmel ist! Glaubt ihr an den? habt ihr den lieb? ist es euer aufrichtiges Bemühen, nach dieses Herrn Willen zu tun euer Leben lang? Nun, so werdet ihr auch diesen Herrn allezeit vor Augen und im Herzen haben in eurem Dienst, den ihr euren Knechten tut; so werdet ihr auch mit Furcht und Zittern, das ist, mit aller Scheu der Liebe meiden, was eurem himmlischen Herrn in eurem Verhalten gegen die Arbeiter missfallen könnte. Ihr werdet das Drohen, werdet das Schelten, werdet das Toben lassen. Ihr werdet ihnen nimmer ein zu hartes Joch auf ihre Schultern legen. Ihr werdet ihnen ihren Dienst nicht mit Unfreundlichkeit, mit Stolz und kargem Lohn bezahlen. Ihr werdet in bösen Zeiten, da tausend Arbeiter rufen: Woher nehmen wir Brot? euer Herz, eure Hand nicht von ihnen ziehen, sondern durch brüderliche Wohltat sie und ihr Haus erfreuen. O, wenn doch Alle Glauben hätten und wollten tun nach dem Evangelium, wie viel Lieb und Liebeswerk wäre dann auf Seiten der Herren, und wie viel Dank und Treue auf Seiten der Knechte! welch schönes Band der Eintracht und des Friedens verknüpfte dann den Herrn und seinen Knecht, und wie bald würde alles Feuer der Unzufriedenheit und Erbitterung auf beiden Seiten verlöschen! Denkt doch auch an die Zukunft und an das Gericht. Wie die Knechte, so werden gleicherweise die Herren auf die künftige Vergeltung hingewiesen. Was Jemand Gutes oder Übles tut, das wird er von dem Herrn empfangen, er sei Knecht oder Herr. Oder sollte der Richter einen Unterschied machen nach dem äußeren Stand? Nein, sagt Paulus, bei ihm ist kein Ansehen der Person. Und ob's ein König Salomo wäre: tut er Böses an denen, die ihm dienen müssen in der Welt, so werden die Engel im Himmel sich nicht vor ihm neigen und beugen, wie die Engel auf Erden es tun; so wird seiner üblen Werke um deswillen nicht vergessen werden, weil er hienieden mit Macht und Herrlichkeit bekleidet war: so wird er den Himmel nicht ererben, wenn er der Hölle würdig ist. Der du stolz, hart, unbarmherzig gegen deinen Knecht bist, was wird künftig dein Schicksal sein? Dass du erniedrigt wirst, nachdem du auf Erden erhöht warst.

O Christen, lasst uns oft die kleine Haustafel anblicken, die Paulus für uns geschrieben hat. Eltern und Kinder, Herren und Knechte, lebt mit einander, wie ihr sterbend, wie ihr, vor Christi Richterstuhl gestellt, wünschen werdet, mit einander gelebt zu haben.

Gib, lieber Gott, dass Jeder deinen Willen
In seinem Stande treulich mög' erfüllen!
Gib Jedem auch zu diesem edlen Werke
Licht, Mut und Stärke!

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