Kähler, Carl Nikolaus - Auslegung der Epistel Pauli an die Epheser in 34 Predigten - Sechsundzwanzigste Predigt.
Gib nicht der Welt allein die Schuld,
Wenn du versucht wirst zum Bösen,
Nein, bitte Gott, dass seine Huld
Dich wolle von dir selbst erlösen.
Wie schlecht dir auch die Welt erscheint:
Du selber bist dein größter Feind.
Es ist wahr, liebe Christen, die Schlange, die auf dem Baum im Paradiese saß, ist noch nicht gestorben, und wenn wir die Welt wollten einen Baum nennen, so können wir mit Recht behaupten, dass auf jedem Zweige dieses Baumes eine Schlange sitzt, deren Werk es ist, die Menschen zu verführen zum Genuss der verbotenen Sündenfrucht. Darum, Mensch, hüte dich vor dieser Schlange. Aber vergiss auch nicht, dass die Schlange draußen eine Schwester drinnen, ich meine, in deinem Herzen hat. Du meinst vielleicht, du selbst seiest dein größter Freund. Wer sollte dein Wohl in der Zeit und dein Heil in der Ewigkeit wohl inniger wünschen und eifriger fördern, als du selbst? Wärest du nicht ein verblendeter Tor, wenn du nicht auf deine eigene Seligkeit bedacht sein, sondern dir selbst das Grab deines ewigen Verderbens graben wolltest? Aber lass dich erinnern an ein Wort des Propheten Jeremias (Kap. 9,4): Ein Jeglicher hüte sich vor seinem Freunde, und an ein ähnliches Wort unsers Erlösers (Matth. 10, 36): Des Menschen Feinde werden seine eigene Hausgenossen sein. Wisse, ein solcher Hausgenosse und Freund ist dein eigenes Herz, oder vielmehr die fleischliche Lust, die in deinem Herzen wohnt. Keine Welt, kein Teufel könnte dich verführen und verderben, wenn nicht in dir das Fleisch oder die böse Lust wäre, dieser Wühler, der nimmer ruht, sondern immer zu deinem Verderben tätig ist. Von ihm zunächst kommen alle die Sünden, deren in unserem heutigen Texte Erwähnung geschieht. Höre davon und lass dich vor dir selber warnen.
Ephes. 5, V. 3 bis 6: Hurerei aber und alle Unreinigkeit oder Geiz lasst nicht von euch gesagt werden, wie den Heiligen zusteht; auch schandbare Worte und Narrenteidinge oder Scherz, welche euch nicht ziemen, sondern vielmehr Danksagung. Denn das sollt ihr wissen, dass kein Hurer oder Unreiner oder Geiziger, welcher ist ein Götzendiener, Erbe hat an dem Reich Christi und Gottes. Lasst euch Niemand verführen mit vergeblichen Worten; denn um dieser willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Unglaubens. Darum seid nicht ihre Mitgenossen.
Zuvor war von Sünden wider den Nächsten die Rede, als da sind Bitterkeit, Zorn, Geschrei, Lästerung, und da hat uns der Apostel ermahnt, dass wir doch möchten Nachfolger Gottes sein, der uns geliebt, und aus Liebe uns erkauft hat mit dem Blut seines eigenen Sohnes. Aber jene Sünden sind nicht die einzigen Früchte, die auf dem Baume der bösen Luft wachsen. Sie treibt dich nicht bloß zu Sünden wider deinen Nächsten, sondern auch zu großen, gewaltigen Sünden wider dich selbst. Bitterkeit, Zorn, Lästerung kommen vornehmlich aus dem hoffärtigen Wesen des Menschen; die in unserem Texte genannten Sünden aber stammen aus der Fleischeslust. Hört darüber ein Näheres.
Die Sünden der Fleischeslust.
Unsere Betrachtung sei:
1. wie mannigfaltig diese Sünden sind nach ihrer Gestalt;
2. wie entehrend nach ihrer Natur, und
3. wie verderblich nach ihren Folgen.
Heiliger Gott, grabe durch deinen Heiligen Geist diese Wahrheit tief in unsere Herzen ein, dass wir die Sünden der fleischlichen Lust verabscheuen, und keusch leben, wie es uns als Christen geziemt.
1.
Der Apostel zeigt uns die mannigfaltige Gestalt, in der die Fleischeslust unter den Menschen erscheint. Zuerst nennt er uns die Werksünden dieser Lust. Hurerei steht obenan, mit welchem Worte hingewiesen wird auf das Lasterleben so vieler Jünglinge und Jungfrauen, so vieler Männer und Frauen, die sich einander verführen oder sich verführen lassen, und eins der teuersten Güter hingeben - die Unschuld, von der es in unserem Gesangbuche heißt: Die Unschuld ist der Seele Glück! Brauch ich euch dies Laster näher zu erklären? Es braucht nicht von mir gemalt zu werden, es malt sich selbst. Wie ein brüllender Löwe geht es umher fast in allen Gemeinden, und verschlingt an manchen Orten so viele Seelen, dass wenige Jünglinge und Jungfrauen daselbst gefunden werden, die nicht von diesem Ungeheuer angefallen und zerrissen oder doch verwundet worden wären. Zeugen deren sind die vielen verlassenen Kinder, die fragen und klagen müssen: Wo ist mein Vater? wo ist meine Mutter? Denn sie genießen nicht das Glück, von liebenden Eltern willkommen geheißen zu werden bei ihrem Eintritt in die Welt, und von treuer Vatersorge, von wachsamer Mutterliebe geleitet zu werden durch ihre Jugend. Andern Kindern geht die Liebe Gottes voran, und bereitet ihnen eine schöne Stätte in dem Elternhause und in der Ehe; diesen Unglücklichen aber geht die Fleischeslust voran und streut Dornen auf den Weg, den sie ihnen bereitet. Sind sie nicht meistens wie Ausgestoßene, die selten ein warmes Herz finden, das Vaters- oder Mutterstelle an ihnen vertritt? die behandelt werden, als wären sie Aussätzige? denen man, wenn's möglich wäre, jedes Haus und jede Heimat verschließen möchte? deren Leben wie ein Schiff ist ohne Steuer, ohne Segel und Mastbaum, womit der Wind sein Spiel treibt, bis er es vielleicht endlich an einen Felsen wirft, wo es zerschellt? Woher dies Elend, dieser Jammer? Paulus nennt uns die Mutter die Wollust, die Hurerei, die solche Früchte trägt. Sogar in die Ehe bricht dies Laster hinein und reißt die Herzen der Gatten auseinander, zertrennt den Herzensbund, den sie einst durch ihr Jawort am heiligen Altar besiegelt haben, so dass nun der betrogene Gatte das Weib verachten muss, welches seinen Eid gebrochen, oder die getäuschte Gattin sich die Augen rot weint, wenn sie ihr eheliches Glück zertrümmert sieht. O wie ist's doch möglich, dass so viele Menschen der Wollust, diesem Moloch, ihre und ihrer Nebenmenschen Seelen zum Opfer bringen? Das tut die böse Fleischeslust, die vielleicht schon früh in der Kindheit durch schlechte Erziehung und böses Beispiel der Eltern geweckt worden ist tausend Väter und Mütter legen durch ihren Unglauben, durch ihre Sorglosigkeit, durch ihren weltlichen Sinn den Grund, worauf der Teufel die Wollust ihrer Kinder baut; oder es weckt später die Welt durch ihre Zunge und ihr schlechtes Beispiel diese schändliche und verderbliche Brunst in den Herzen der Kinder, woraus die Hurerei kommt, und die Unreinigkeit, die uns der Apostel als das Zweite nennt. Darunter versteht er alle jene unnatürlichen Wolllustsünden, die unter den Heiden so verbreitet waren, und setz' ich hinzu besonders in großen Städten noch jetzt, selbst unter den Christen, so verbreitet sind. Ich will den Deckel nicht abheben von diesem Sündengräuel; täte ich's, so müsste Jeder, der in dies Gefäß des Teufels hineinschaute, vor Entsetzen zurück treten und sich verwundern, dass es solche Ausgeburten der Hölle auf Erden gibt. Mancher Mensch trägt die Brand- und Schandmale dieser Sünden auf seinem Angesicht wie blühte jenes Jünglings Jugend! Ach, er vergaß den Weg der Tugend, und seine Kräfte sind verzehrt. Verwesung schändet sein Gesichte und predigt schrecklich die Geschichte der Luft, die seinen Leib verheert!
Bekannter aber, auch in unserer Mitte bekannt, ist das Dritte, welches der Apostel nennt. Luther übersetzt es: Geiz; aber das Wort im Grundtexte kann auch Unersättlichkeit bedeuten, nämlich jene fleischliche Genusssucht, deren Durst nicht zu stillen ist, sondern die immer ruft: Mehr! mehr! Bei Manchen lodert die Lust wie ein Feuer auf, das freilich Verheerung anrichtet, aber doch bald gelöscht wird und dann nicht wieder ausbricht. Aber viele behalten das Feuer im Herzen, wie glühende Kohlen unter der Asche; haben so keine Ruhe in sich, sondern werden fort und fort umhergetrieben von dem Fleisch, suchen Gelegenheit, und wenn sie sie finden, werfen sie Holz in dies Feuer und gießen Öl hinein. Es war nicht genug, dass der Verderber sie Einmal in die Kammer der Unzucht führte, nein, er führt sie zum andern, führt sie zum zehnten Mal und öfter hinein. Oder ist's nicht Wollust, was sie unersättlich macht, so ist's Essen, Trinken, Tanzen und andere Freuden dieser Welt. Sagt nicht, das werde bloß in den Städten gefunden; nein, auch in den Dörfern findet man diese Unersättlichkeit, die auch, wie es scheint, in unsern Tagen immer mehr um sich greift. Seht darauf alle die an, welche an Kleiderputz, an Luftbarkeiten, an Ess- und Trinkgesellschaften, an Lustfahrten und dergleichen mehr ihr Herz gehängt haben, und diese Unersättlichkeit vielleicht mit sich hineintragen ins hohe Alter.
Erblickt ihr jetzt die Fleischeslust in der Mannigfaltigkeit ihrer Sünden? Aber vom Werk geht nun Paulus über zum Wort; denn nicht nur unser Tun, sondern auch unsere Zunge wird von der Luft in Besitz genommen. Wähnt aber nicht, es sei genug, dass man die böse Tat meide; nein, man soll es auch nicht zu bösen, ungeziemenden Worten kommen lassen. Auch schandbares Wesen und albernes Gerede oder Witzelei komme nicht vor. Der Apostel meint das schandbare Wesen, das etwa Jemand mit der Zunge führt. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Knechte, Mägde, Männer, Frauen, und auch euch Kinder frage ich: welche Rede führt ihr, wenn ihr beisammen sitzt oder mit einander bei der Arbeit seid? Ich habe die Haus- und Feldgespräche der Leute kennen gelernt in meiner Kindheit, und die Erinnerung daran ist mir nicht verloren gegangen. Da hab' ich die drei schon gefunden, die unser Text namhaft macht, die Schandbarkeit, die Albernheit, die Narrheit in der Rede. Ist es in unsern Tagen anders? Wie Manches wird gesagt, auch wohl gesungen, das für das christliche Ohr ein Ärgernis und für die Jugend ein Verderben ist! Wie? so schlecht wollt ihr das Steuer am Schiff eurer Rede führen, dass ihr auf solche Untiefen, unter solche Klippen geratet? Eure Zunge wollt ihr als eine Magd dem Teufel dienen lassen, dass sie seinen Unflat herauftrage an das Licht der Welt, und den Acker düngen helfe, wo er Disteln und Unkraut sät? Fasst nun Alles zusammen, was in fleischlicher Lust durch Wort oder Werk gesündigt wird, so seht ihr, es ist viel, es ist ein großes, weites Feld voll arger Früchte.
2.
Jetzt aber lasst uns erwägen, wie entehrend die Sünden der Fleischeslust für einen Christen sind. Paulus fasst sich kurz, er sagt: es ziemt sich nicht. Für wen nicht? Antwort: für die Heiligen. Wer sind denn diese? Das sind wir Christen, die der heilige Gott durch sein Evangelium aus der Welt heraus- und in sein Reich hineingerufen hat, dass wir daselbst unter ihm leben und seine Nachfolger seien als geliebte Kinder. Wollt ihr zu diesen Heiligen gehören oder nicht? Wollt ihr nicht, nun, so seid denn Unheilige, seid Kinder der Welt. Dann habt ihr die Freiheit, die euch freilich nicht Gott, sondern euer Vater, der Teufel, gibt, zu tun und zu reden, was die Fleischeslust euch lehrt. Einer Sau ist es nicht unanständig, dass sie sich im Kote wälzt, es ist ihre Art, und ihre Natur bringt es mit sich. Wer in der Finsternis lebt, wie sollte der nicht die Werke der Finsternis tun? Die Fleischeslust ist eine Feindin des Lichts, sogar des Sonnenlichts, daher sie die Werke der Hurerei und Unreinigkeit erst dann vollbringt, wenn die Sonne untergegangen ist, und die Nacht ihren schwarzen Schleier über die Erde deckt. Sie flieht das Angesicht Gottes, sie meidet die Gesellschaft der Kinder Gottes, sie ist eine Eule, die vor den Vögeln des Tags sich verborgen hält. Ihr richtet also und verdammt euch selbst, wenn ihr zu den Hurern, zu den Unreinen, zu den Unersättlichen gehört, wenn ihr eure Zunge zu schandbarer Rede, zu albernem Geschwätz gebraucht und sie die Narrenkappe des gemeinen Witzlings tragen lasst. Ihr erkläret dann: wir sind nicht Heilige, wollen's auch nicht sein, sondern gehören zu den Kindern der Nacht, welche die Finsternis lieben. Wollt ihr aber zu den Heiligen gerechnet werden, so bedenkt, was Paulus sagt, dass jene Sünden euch nicht ziemen. Denn wozu hat euch Gott berufen? Nicht zur Unreinigkeit, sondern zur Heiligung (1 Thess. 4, 7). Mit den Unheiligen geht's bergab, von einer Stufe der Unreinigkeit zur andern, bis zur gänzlichen Verstockung hin; mit den Heiligen aber geht's bergauf, von einer Stufe der Herzensreinheit zur andern, bis zur völligen Vollendung hin. Und da sollte man noch die Kammern der Unzucht und die Versammlungsörter der Völlerei und andere fleischliche Dinge lieben können? Solches säuisches Wesen stände uns wahrlich schlecht an; schämen müssten wir uns dessen vor dem Angesichte des heiligen Gottes und des uns inwohnenden Geistes. So wenig ziemt es uns, dass Paulus sagt: es werde nicht einmal genannt unter euch, sei kaum dem Namen nach unter euch bekannt, und höret ihr davon reden, so bedecke Schamröte euer Angesicht.
Was ziemt denn Heiligen? Nicht das fleischliche Werk oder Wort, sondern vielmehr Danksagung. Wisst ihr denn nicht, von wannen euch Gott gerufen, und wozu er euch berufen hat? Sagt doch, liebe Heiligen, woher kommt ihr? Ich meine, aus dem Dienstlande, aus der Wüste. Denn wenn ihr euer Leben betrachtet, wie es vor eurer Berufung und Bekehrung war: könnt ihr darin etwas anderes erkennen als ein Dienstaus des Teufels und eine Wüste des Verderbens? Ihr dientet nicht Gott, so wisst ihr wohl, wem ihr gedient habt; ihr hattet keine Hoffnung, so wisst ihr wohl, welche Aussicht ihr statt der Hoffnung hattet. Summa, ihr ginget auf dem breiten Wege, der zum Verderben führt. Wer hat euch von da hinweggeführt? Die Liebe des treuen Gottes, die nicht wollte, dass ihr solltet verloren gehen; die Barmherzigkeit des freundlichen Erlösers, der mit seinem heiligen, teuren Blut eure Rettung erkaufte. Und wohin seid ihr nun aus der Wüste geführt worden? In das gelobte Land des Himmelreichs, wo Milch und Honig fleußt. Milch und Honig? Ja, so nenn' ich das, um deswillen Paulus sagt (Ephes. 1, 3): Gelobt sei Gott und der Vater unsers Herrn Jesu Christi, der uns gesegnet hat mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern durch Christum. Ja, alles Mögliche Gute, das unser Verstand nicht begreifen, unser Herz kaum fassen kann, verdanken wir der Liebe Gottes, und das alles aus lauter göttlicher Gnade, ohne unser Verdienst und Würdigkeit. Bedenke das, so muss dein Herz ein Acker werden, worauf die Danksagung wächst; so musst du dich ja innig freuen über unsern Gott, und musst ihm dankbar sein all dein Lebelang, und musst dein Wort aufsteigen lassen wie eine Lerche, die in kindlichen Gebeten das Lob der Gnade Gottes verkündigt.
Wie? vertrüge sich mit diesem dankbaren Sinn nun noch jene Fleischeslust, die wie ein Vogel der Nacht im Herzen sitzt als in ihrem Nest und böse Werke und Worte aus ihren Eiern brütet? Darum legt dies böse Wesen ab, wie auch Petrus sagt (1 Petri 1, 15): Stellt euch nicht wie vorhin, da ihr in Unwissenheit nach den Lüsten leben, sondern nach dem, der euch berufen hat und heilig ist, seid auch ihr heilig in alle eurem Wandel.
3.
Wer aber nicht heilig ist und sein will, dem soll nun zuletzt noch gesagt werden, wie verderblich die Sünden der Fleischeslust in ihren Folgen sind. Sie schließen vom Himmelreiche aus und ziehen den Zorn Gottes über uns herbei. Wirklich? Schließen sie vom Himmelreiche aus? Ja! spricht Paulus; denn das wisst ihr ja als Christen aus eigener Erkenntnis, dass kein Hurer oder Unreiner oder fleischlicher Lüstling, welcher ist ein Götzendiener, Teil hat an dem Erbe im Reiche Christi und Gottes. Es kommt nur vor Allem darauf an, dass ihr die rechte Erkenntnis von der Beschaffenheit des Himmelreiches habt. Was ist das Himmelreich? Was der Name sagt: ein Reich, das seinen Herrn und König hat. Und der ist Christus, welchen Gott gesetzt hat zum Haupt der Gemeinde über Alles, daher auch „das Reich Christi“ genannt. Dieser König regiert uns, und macht den Anspruch an uns, dass er allein uns regiere und wir keinem Andern dienen als ihm. Wonach regiert er uns? Nach seinem Evangelium, das er in unsere Herzen bringt, und besiegelt es daselbst durch seinen Heiligen Geist, womit er uns erfüllt. Nun frag' ich: kannst du sagen „ich gehöre zu dem christlichen Israel, dem der Herr sein himmlisches Kanaan geschenkt und Jedem sein Erbteil darin beschieden hat“, kannst du das sagen, und dich also für ein Mitglied des Reiches Christi halten, so lange du mit Wort und Tat der Fleischeslust ergeben bist? Nimmermehr! Da bist du ja nicht Christi Untertan, sondern bist in der Unersättlichkeit der bösen Lust, welcher du dienst, ein Götzendiener. Was anders macht dich zu Christi Untertan und zum Mitglied und Erben seines Reiches, als der freudige Gehorsam gegen sein Evangelium? Sagt denn das Evangelium: Hure und buhle? jage der Welt und ihren Lüsten nach? gib deine Zunge zu losen Witzen, zu alberner Rede, zu schandbaren Worten her? Dir müsste ja noch alle christliche Erkenntnis fehlen, wenn du wähnen könntest, das sei verträglich mit dem Reiche Christi. Wohl nimmt der barmherzige Heiland dich gerne auf in sein Reich, ob du auch alle jene Sünden begangen hättest; aber ehe du durch die Tür eingehest in sein Reich, spricht er: Lege ab den alten Menschen mit seinen Sünden und bösen Lüsten, entsage dem Dienste der Welt und ihres Fürsten, und kannst du das Feuer der bösen Lust nicht sofort gänzlich auslöschen, so kämpfe wenigstens in der Kraft des Heiligen Geistes, wache und bete, ringe und arbeite, dass du mehr und mehr frei werdest von dem alten Götzendienst! Denn unmöglich kannst du mir zugleich dienen und dem Fürsten dieser Welt! Es ist also das Gewisseste alles Gewissen, dass die Fleischeslust dir die Tür zum Reiche Christi verschließt. Verschließt sie dir damit nicht aber auch die Tür zum Reiche Gottes? Ja, scheide nur nicht zwischen Christi Reich und Gottes Reich, spricht Paulus. Zu Gott ist nicht zu kommen ohne Christum, und wo Christus herrscht, da herrscht auch Gott. Der Vater hat dem Sohne das Reich gegeben, wie wir auch lesen (Offb. 12, 10): Das Heil und die Kraft und das Reich und die Macht unsers Gottes ist seines Christus geworden. Derselbige wird's behalten bis ans Ende der Welt, wo er vollendet hat sein Werk, dann wird er das Reich zurückgeben dem Vater, dass Gott Alles in Allen sei. Darum ist denn kein anderer Wille im Reiche Christi, als im Himmel ist, und was jetzt gilt, da Christus herrscht, das wird in alle Ewigkeit gelten, wenn der Vater herrscht. Denke also Keiner, dass er könne Gottes eigen sein, wenn er nicht Christi eigen ist, und dass er dermaleinst könne von Gott aufgenommen werden, wenn er nicht hier von Christo aufgenommen ist. O nehmt das zu Herzen, liebe Christen, und lasst euch warnen durch das apostolische Wort, welches euch allen Anteil am Reiche Christi und Gottes abspricht, so lange ihr fleischliche Götzendiener seid.
Zwar weiß ich, dass die Welt anders über diese Sachen urteilt, als der Apostel Paulus. Hart ist sie in ihrem Gericht über Stehlen, Rauben, Totschlagen und einige andere Sünden; aber die Unkeuschheit, die fleischliche Begierde, zumal wenn es darin bei bloßen Worten bleibt, entschuldigt sie und deckt darüber den Mantel ihrer Duldsamkeit. Denn das ist ihre Weise, dass sie aus dem Schwarzen ein Weißes, aus dem Ungraden ein Grades und aus dem Laster wohl gar eine Tugend macht. Dem Geize gibt sie den Namen Sparsamkeit, den fleischlichen Zorn nennt sie gerechte Entrüstung, und für die böse Brunst hat sie den Namen Liebe. Gehst du bei ihr in die Schule, so lehrt sie dich: „wir sind zu schwach, als dass wir könnten Heilige, und Gott ist zu gut, als dass er könnte unser Henker sein. Unkeuschheitssünden sind Fehler der Natur, denen nicht auszuweichen ist, so lange wir jung sind, und deren Feuer man löschen muss, bis es mit dem zunehmenden Alter von selbst erlischt; man hüte sich nur, dass man nicht seine Gesundheit aufreibe, nicht die Sache öffentlich treibe, und seinen guten Namen an den Schandpfahl bringe.“ So spricht die Welt, und wollte man die Rede auf Gottes Reich und Gericht bringen, so würde sie lächeln und sagen: Kehre dich nicht an Pfaffengeschwätz! Lieber, das ist eine Stimme, die schon Paulus kannte, daher er sagt: Keiner täusche euch mit leeren Worten. Hört ihr? Leere Worte sind's, Eulengekrächz, Brunnen ohne Wasser, Wolken ohne Regen. Gehe auf den Grund, so findest du, dass die Welt solche Sünden nicht verdammt, weil sie mit diesen Sünden sich selbst verdammen würde. Und ob auch ein Verteidiger der Fleischeslust selbst nicht in Kammern der Unzucht verkehrte, so wisse, dass er doch nicht das Herz und Auge eines Heiligen hat. Ein Maulwurf hauset unter der Erde: was weiß er von der Oberwelt, in der er nicht lebt und für die er kein Auge hat? Darum sind die Worte jener Leute leer, denn sie sind nicht aus der Wahrheit, sondern aus der Lüge, und führen dich, wenn du sie glaubst, nicht zum Heil, sondern zum Verderben. Nimm dir in solchen Dingen einen Lehrer, nicht aus der Unterwelt der Finsternis, sondern aus der Oberwelt des Lichts. Ich schlage dir den Apostel Paulus vor. Stelle diesen gotterleuchteten Mann neben jenen fleischlichen Duldsamkeits- Apostel: kannst du dich nur einen Augenblick besinnen, wem von beiden du glauben sollst? Nun siehe, Paulus sagt: die Diener der Fleischeslust sind nicht bloß zeitlich und ewig vom Himmelreiche ausgeschlossen, sondern sie fallen auch dem Gerichte Gottes anheim: denn um dieser Sünden willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsam 8. Kinder des Ungehorsams nennt er jene Lüstlinge, die mit Wort und Werk der Fleischeslust ergeben sind wie ein Kind der Mutter. Wer nun eine solche höllische Mutter hat, sollte der Gott zum himmlischen Vater haben, auf dessen Vergebung und Seligkeit er zu rechnen hätte? Nein! sein Erbteil ist der Zorn, das ist, die göttliche Gerechtigkeit, wie sie als Ungnade und Unfriede und innere Zerrüttung und Verdammnis sich an den beharrlichen Sündern offenbart. Die Gerechtigkeit Gottes schließt nicht nur aus, sonderst schließt auch ein; vom Himmelreiche, vom Himmel schließt sie aus, und in den Kerker der Verlorenen schließt sie ein, wo nichts als innerer Vorwurf, Angst und Verzweiflung zu finden ist. Ach, es können die Ungehorsamen schon während des irdischen Lebens in die Hölle der Angst und Verzweiflung kommen, wie mir denn Fälle genug bekannt sind, dass von der Fleischeslust aufgeriebene Sünder es nicht haben auf der Erde aushalten können, sondern freiwillig ihren Lebensfaden abgeschnitten haben. Aber die abgeschnittenen Fäden werden wieder zusammengeknüpft, und solltest du die Ruhe, die du suchst, jenseits des Grabes finden, wenn du sie diesseits nicht finden kannst? Du willst nicht durch den Bach waten, und wirfst dich ins Meer? Du willst nicht die Karre schieben, und lässt dich von dem Tode an den Wagen spannen? Eins nur kann dich retten, das nennt dir Paulus in unserem Text: Werde nicht der Sünder Mitgenosse. Schneide nicht den Faden des Lebens, schneide den Faden der Sünde ab. O lieber, teurer Christ, es soll dir ja nicht zur Verdammnis gereichen, ob du gleich bis an diesen Tag die Sünden der Fleischeslust begangen hättest; nein, ob deine Sünde gleich blutrot wäre, so soll sie doch schneeweiß werden, nur lass' ab von ihr, und hast du bereits von ihr abgelassen, so laffe sie nicht wieder zu. Erkenne, dass sie dein Verderben ist; sie verschließt dir das Himmelreich und bringt den Zorn Gottes über dich. Darum mache dich ihrer nicht teilhaftig. Für die Starken bedarf es dieses Beweggrundes nicht, denn sie hassen die Sünde um der Liebe Christi willen. Aber du bist vielleicht noch nicht so stark, dass die Liebe allein dich halten könnte. So komme denn einstweilen noch der Liebe die Furcht zu Hilfe. Tritt hin an den Rand jenes Abgrundes des Verberbens, in den die Fleischeslust den Menschen stürzt; tritt hinan und schaue hinunter kommt nicht Zittern über dich? Nun, Lieber, das Hinabsehen ist nicht zum zehnten Teil so schrecklich als das Hinabsinken ist. Wohlan, fasse einen starken Entschluss, sage dich von der Sünde los. Gott helfe dir.
Hinaus, hinaus
Aus der Sünde finsterm Haus!
Hinein, hinein
In des Himmelreichs milden Schein!.
Dort wird so wohl, so wohl dir sein!