Kähler, Carl Nikolaus - Auslegung der Epistel Pauli an die Epheser in 34 Predigten - Vierundzwanzigste Predigt.

Behüt' uns, Gott, vor bösem Werk',
Lehr' uns auf unsere Rede achten,
Dass wir darin an jedem Ort
Nach deinem Wohlgefallen trachten.
Auch nach dem Worte wirst du einst
Uns richten, Herr, wenn du erscheinst.

Die Menschen legen im Allgemeinen wenig Gewicht auf die Worte, die sie über ihre Zunge gehen lassen. Sie denken: das Wort ist wie ein Vogel, den man aus der Hand fliegen lässt; schnell ist er verschwunden, und wer gedenkt dann noch seiner? Daher gibt es Tausende, die vom Morgen bis an den Abend wenig Gutes sagen, wohl aber viel törichtes Geschwätz, viele schandbare Worte reden, und doch, wenn der Abend kommt und sie sich zur Ruhe legen, ist kein Richter da, der ihnen ihre Zungensünden vorhält und sie straft, sondern sie schlafen ruhig ein, als ob Nichts vorgefallen wäre. Aber, Christen, bedenkt doch, dass unser Herz eine Leier oder Harfe ist, und das Wort der Ton dieser Harfe. Ist es denn einerlei, wie die Harfe klingt? Rauhe, unharmonische Töne, wer mag sie hören? Nach dem Ton beurteilt man mit Recht das Instrument, eine gute Harfe lässt liebliche, eine schlechte Harfe schlechte Töne hören. Oder ist es einerlei, ob deine Seele eine Eule ist, welche durch ihren Ton Grauen erregt, oder eine Nachtigall, die mit ihrem Gesang das Ohr erquickt? Wie der Vogel, so der Gesang, wie der Gesang, so der Vogel. Gleicherweise richtet dein Wort, das du redest, über deine Seele, daher dein Heiland sagt (Matth. 12, 37): Aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verdammt werden. So brauche ich es denn nicht weiter zu entschuldigen, dass ich euch heute einmal auf die Sünde hinweise, die ihr begeht, wenn ihr schlechte Worte über eure Zunge gehen lasst. Hört, was Paulus darüber sagt.

Ephes. 4, V. 29 bis 32: Lasst kein faul Geschwätz aus eurem Munde gehen, sondern was nützlich zur Besserung ist, da es nottut, dass es holdselig sei zu hören. Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, damit ihr versiegelt seid auf den Tag der Erlösung. Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung sei ferne von euch, samt aller Bosheit. Seid aber unter einander freundlich, herzlich, und vergebt einer dem andern, gleich wie Gott euch vergeben hat in Christo.

Was führt doch den Apostel auf dies Thema über den Gebrauch unserer Zunge? Er hat zuvor geredet von der Lüge, vom Zorn und dem was der Barmherzigkeit entgegensteht. Das sind Stücke und Überbleibsel des alten Menschen, den wir von uns sollen austreiben. Welches Gliedes aber bedient sich vornehmlich der alte Mensch zum Werkzeuge der Lüge, des Zorns und der Ungerechtigkeit? Nicht bloß der Hand, sondern ganz besonders der Zunge. Wenn man nun bedenkt, wie oft und wie gräulich mit Worten gesündigt wird, so braucht man sich nicht zu wundern, dass der Apostel wieder allen und jeden Missbrauch der Rede zu Felde zieht. „Lasst kein faules, schlechtes Wort aus eurem Munde gehen.“ Nun, Gott helfe uns, dass wir erkennen:

Das schlechte Wort, das wir aus unserem Munde gehen lassen, welche Sünde es ist:

1. wider die Weisheit,
2. wider die Heiligkeit, und
3. wider die Liebe Gottes.

1.

Sündigst du mit deiner Zunge, mein Christ, so wisse, dass du allemal wider die Gemeinde sündigst, deren Glied du bist. Hat uns Gott nicht so unter einander verbunden, dass wir alle Einer in Christo sind? Es steht ja nicht jeder für sich da, sondern was wir als Christen sind, das ruht alles auf der Gemeinschaft, durch die wir unter uns und mit unserem himmlischen Haupte verbunden sind. Daher sind wir nun auch mit allem, was wir reden und tun, auf die Brüder hingewiesen und das zwischen ihnen und uns geknüpfte Gemeindeband. Nichts, das du redest oder tust, soll dieser Gemeinschaft hinderlich oder schädlich, sondern vielmehr alles, was von dir ausgeht, ihr förderlich sein. Wodurch kannst du denn nun und wodurch sollst du ein Wohltäter deiner Mitgenossen im Himmelreiche werden? O, ich bewundere die Weisheit Gottes, dass sie uns nebst vielem anderen auch die Rede und das Wort gegeben hat. Was wäre die Gemeinde, wenn das Wort ihr fehlte! Wie viel Gutes wir auch stiften können durch unser übriges Tun: fürwahr, uns fehlte fast das beste Werkzeug des Wohltuns, wenn uns das Wort fehlte, das der Heilige Geist auf unsere Zunge legt. Wozu soll denn unter uns Christen die Rede dienen? Zur Förderung des Wohles der Gemeinde, daher Paulus sagt: so ein Wort gut ist zur Erbauung des Bedürfnisses, das heißt, nach Beschaffenheit des Orts, der Zeit und der Person, wo und womit wir reden, dass da das Wort eine Wohltat erzeige den Hörenden, das sollen wir aus unserem Munde gehen lassen. Wie? darf denn kein Wort von uns gesagt werden, das nicht erbaulich ist? Wenigstens kein Wort, das, statt aufzubauen, niederreißt. Die Gemeinde ist ein Haus, das Gottes Hand erbaut hat, und es ist dies Haus noch lange nicht fertig, sondern er baut jeden Tag daran, und wird daran fortbauen bis ans Ende der Welt. Wir Christen aber sind die Zupfleger Gottes, und nicht nur unsere Werke, sondern auch unsere Worte sind Bausteine, die wir herzutragen, dass der Bau dadurch gefördert werde. Was sind's nun für Steine, die du in deinen Worten bringst? Sinds Steine, die der Heilige Geist bereitet hat, oder Steine aus der Ziegelei des Teufels? Du gehst vielleicht in dem Gedanken, der einzige, der die Gemeinde mit seinem Worte zu bauen und zu erbauen habe, sei der Prediger, daher allerdings von ihm gefordert werden müsste, dass er nicht nur an heiliger Stätte, sondern auch überall sonst jedes seiner Worte auf die Goldwaage lege. Nein, Christen, nein! der Prediger ist nicht der einzige Priester und Bauende in der Gemeinde, sondern ihr alle gehört zu dem priesterlichen Geschlecht. Liebe Hausväter, Hausmütter, was sind eure Häuser anders als Gotteshäuser, und ihr, was seid ihr anders als Priester in euren Häusern, und eure Hausgenossenschaft, was ist sie anders als eure Gemeinde? Aber ihr verkehrt auch mit hundert andern Christen, die nicht in eurem Hause sind: sollt ihr da in eurer Rede euren priesterlichen Beruf verleugnen? sollt ihr in euren Häusern Apostel Christi, und in andern Häusern oder auf der Gaffe Apostel des Teufels sein? Paulus fordert nicht, dass jedes unserer Worte auf die Besserung und Erbauung unseres Nächsten berechnet sei. Wo wir zu geselliger Freude beisammen sind oder die Geschäfte unsers irdischen Berufs treiben, da findet ja das erbauende Wort selten seine Stätte. Aber wo du auch bist und mit wem du auch verkehrst: nimmer sollst du vergessen, dass du mit Menschen es zu tun hast, die berufen sind zum ewigen Leben, und dass dein Wort ein Licht sein soll, wie auf deinem, so auf ihrem Wege. Darum stelle es nicht unter den Scheffel, sondern als Jünger und Freund deines Erlösers lass dein Wort Bogen und Pfeil wider Fleisch, Welt und Teufel sein. Schweige nicht, wo du Christum und sein Wort lästern hörst; schweige nicht, wo du auf Irrende triffst, die du zurechtweisen, auf Sünder, die du strafen, auf Schwache, die du stärken, auf Traurige, die du trösten, auf Mutlose, die du aufrichten sollst. Nicht nur in deinem Hause gegenüber der Gattin, dem Kinde, dem Knecht, der Magd, mache du priesterlichen Gebrauch von deinem Worte, sondern allüberall, wo du Gelegenheit hast, wirf dein Wort als eine Angel aus, ob du möchtest eine Menschenseele fangen. Geh mit deinem Wort um, wie ein kluger Haushalter mit seinem Gelde, der nichts davon verschwendet, sondern jeglichen Groschen also verwendet, dass er jederzeit Rechenschaft davon ablegen kann. Ach, wie viel schöne, himmlische Garben der Besserung, des Friedens der Freude, des Trostes, würden wachsen auf dem Acker, auf den dich Gott gesandt, wenn du fünfzig, sechzig Jahre hindurch dein Wort ausstreuen wolltest als einen guten Samen! Wie natürlich nun, dass der Apostel spricht: Kein schlechtes oder faules Wort gehe aus eurem Munde her. vor! Es muss uns ja einleuchten, liebe Christen, welche Schrecken des Gerichts wir über unser Gewissen herbeiziehen, wenn unser Wort, das eine Wohltat der Hörenden sein soll, eine Saat des Verderbens für sie wird. Und das ist und wird es im Munde derer, die, statt der Wahrheit damit zu dienen, es zu einem Lügen-Wort machen; und im Munde derer, die den Zorn sich waffnen lassen mit ihrer Rede, so dass es Geschrei und Lästerung wird; und im Munde derer, die den Eigennutz, die Habsucht es brauchen lassen, wie der Fischer sein Netz gebraucht, und im Munde derer, welche ihr Wort zu tödlichen Pfeilen der Unkeuschheit und Wollust machen; und im Munde derer, die losen Scherz und andern Unfug damit treiben. Mein Christ, bedenkst du auch, dass Einer ist, der keins deiner Worte vergisst, die du redest oder geredet hast? Wie, wenn nun Gott alle Worte, die du je geredet hast, in einem Buche dir vorlegte und spräche: Lies von Anfang bis zu Ende! - solltest du wohl ohne Scham manche Seite in diesem Buche lesen können? ja sollten nicht Röte und Blässe in deinem Angesicht wechseln und deine Hand zittern und das Buch dir endlich aus der Hand auf den Boden fallen? Sei noch einmal erinnert an das Wort des Herrn: Aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt, und aus deinen Worten wirst du gerichtet. So tue nun Buße, und von Stund an tue ab alle faule Rede deiner Zunge und lass dein Wort eine Wohltat werden für die Hörenden.

2.

Hab ich's mit Kindern der Welt zu tun? Nein, ich rede ja zu Christen, nicht zu Heiden. Seid ihr aber Christen, so frag' ich euch: welcher Geist wohnt in euren Herzen? Etwa jener Geist, der sein Werk hat in den Kindern des Unglaubens, in den Knechten der Sünde? Nein, dieser unsaubere Geist ist ausgetrieben, und der Heilige Geist Gottes ist an seine Stelle getreten. So bedenkt denn nun, welche Sünde das schlechte Wort wider die Heiligkeit des euch inwohnenden Gottes ist. Was steht in unserem Texte, was lesen wir? Betrübet nicht den Heiligen Geist Gottes, mit welchem ihr besiegelt seid auf den Tag der Erlösung hin. Da malt uns der Apostel mit wenigen Worten unser Herz als eine Wohnung Gottes. Oder ist Gott ferne von uns? Ist eine Kluft zwischen ihm und uns, dass weder wir zu ihm kommen können, noch er uns sich naht? Ist keine Gemeinschaft weiter zwischen ihm und uns als die des kalten Gedankens, der ihn jenseits der Sterne sucht und entweder zurückkehrt, ohne ihn gefunden zu haben, oder, falls er ihn findet, ein herzloses Wesen in ihm erkennt, das unzugänglich ist für unsere Freude und für unser Leid? Ach, gehe doch nicht bei dem heidnischen Philosophen Epikur in die Schule, wo gelehrt wird: die Götter bekümmern sich nicht um die Welt! auch verwechsle den Christen-Gott nicht mit dem Gott, wie er dir in tausend Büchern beschrieben wird. Da ist er ein Allgemeines, eine Gedanken- oder Natur-Notwendigkeit, da ist er Eis, Erz und Stein. Wir Christen haben unsern Gott anders kennen gelernt. Schon die ersten Blätter der Schrift lehren dich, dass er das Urbild ist, wovon wir Abbilder sind, so dass, wenn du von dir absonderst, was weltlich und böse ist, du im Spiegel deiner Menschheit den herrlichen Gott erkennst, der Augen, Herz und Hand hat wie du. Wenn du vollends ihn anstehest, wie er dir in Christo entgegengetreten ist: nicht wahr? da hast du das Ebenbild des unsichtbaren Gottes und stehst den Vater, wenn du Christum siehst. Ist denn nun dein lieber Erlöser, in welchem die ganze Fülle der Gottheit wohnt, ohne Herz in der Welt gewesen und hat sich ohne Herz gesetzt zur Rechten Gottes im Himmel? Nimmermehr! Die Liebe hat ihn ans Kreuz gebracht, und mit der ganzen, großen Liebe seines Herzens waltet der menschgewordene Gott über uns. Noch mehr: dieser dein Gott wohnt sogar in deinem Herzen und da waltet er als der Heilige Geist, der dich ganz und gar erfüllt, nach Herz, Mut, Sinn und allen Kräften, so dass Alles, was dich berührt, auch ihn berührt, und Alles, was dich betrübt oder erfreut, auch ihn betrüben und erfreuen muss. Was ist es nun, das ihn erfreut? Wenn du ein heiliges Kind deines Heiligen Vaters im Himmel bist, und dich von ihm leiten, führen und regieren lässt in all' deinem Denken, Reden und Tun; wenn du alles und jedes, das du tust, es sei mit Worten oder mit Werken, im Namen deines Erlösers tust und nichts tust ohne ihn; wenn du dein Herz einen Tempel sein lässt, und deinen Mund einen Altar oder Kanzel, und den Heiligen Geist den Prediger, der das Wort an dieser Stätte hat. Ja, so erfreuest du den Heiligen Geist, denn das ist, wie Paulus sagt, sein Werk in dir, dass er alle Bewegungen deines Herzens, deiner Zunge und deiner Tat in seine Schrift verwandele, so dass du sein Brief bist, auf den er sein Siegel setzt. Ein Siegel unterscheidet, versichert und bewahrt: siehe, so unterscheidet dich der Heilige Geist von allen bösen Leuten in der Welt, deren Herz, Wort und Tat eine Schrift des Teufels ist, und er versichert dich und macht dich innerlich gewiss der himmlischen Wahrheit, so dass du eine freudige Zuversicht hast und eine feste Hoffnung und einen starken Mut. Und so bewahrt er dich auch als eine von Gott selber ausgestellte Urkunde, die er um keinen Preis weggeben oder verlieren möchte, daher er immer bei und mit dir ist, und immer abwehrt, was dich verderben könnte, und immer mit Mut, Kraft, Frieden und Trost dich erfüllt in allen deinen Kämpfen. So tut er jetzt, so wird er auch künftig tun, im Leben und im Sterben, und auch nach dem Sterben noch wird der Heilige Geist das Pfand und Siegel deines Herzens sein bis an den Tag, da du offenbar wirst vor dem Richterstuhle Christi. O teurer, Heiliger Geist, wie ist es doch ein so gar Großes, das du an mir getan hast, tust und auch künftig noch tun wirst, also dass ich sagen muss: ohne dich wäre ich ein verlorener Mensch, durch dich aber bin ich gerettet und selig! Nun, dadurch soll und will ich dankbar sein, dass ich dich erfreue und nimmer in meinem Leben betrübe. - Das ist's auch, was der Apostel von uns verlangt. Bei unserem Herzen will er uns fassen, darum fragt er: wollt ihr den größten Freund und Wohltäter, den ihr habt, wollt ihr den Tröster, den Heiligen Geist in euch betrüben? Aber, ist denn der Heilige Geist wie ein Mensch, dass er sollte betrübt werden können? So fragt ihr, und gebt durch diese Frage zu erkennen, dass ihr Gott noch immer ganz anders euch denket als er ist, und ihn in weiter Ferne, jenseits der Sterne sucht, wo Nichts, das in der Welt ist, ihn berührt. Aber er ist ja doch der Gott-Mensch, ist ja doch in der Welt als in seinem Hause, ist ja doch mit uns verbunden, wie der Weinstock mit dem Reben: sollte denn, was uns trifft, nicht auch ihn treffen? Seine Freude ist unsere Freude, und unsere Freude sollte nicht seine Freude sein und ebenso unser Leid nicht sein Leid? In seiner Betrübnis über uns ist zwar nicht Verzagtheit, Mutlosigkeit, Verzweiflung, da er mit der Gegenwart versöhnt wird durch den Blick, den er auf die endliche völlige Erlösung der Menschen tut; aber fürwahr, Gott wäre nicht die Liebe, wenn er nicht auch die Betrübnis und Freude der Liebe hätte. Und das sollst du nimmer aus den Augen setzen, mein Christ. Wenn du, der du doch ein Tempel des Heiligen Geistes bist, Böses tust; wenn du namentlich böse Rede führst, indem du unnütze und schandbare Worte über deine Lippen gehen lässt, so verletzt du nicht nur deinen heiligen Christenstand und kränkst dein und anderer Christen Herz und christliches Gefühl, sondern es dringt der Schmerz darüber tiefer noch, er dringt in Gott hinein. Scheide nicht und ziehe nicht einen Zaun zwischen dir und Gott; nein, eben durch den Heiligen Geist ist Gott an dich, bist du an Gott geknüpft, und wie die Lebensströme sich von Gott aus in dein Herz ergießen, so rinnen die Freuden- und Tränenbäche von dir in Gott zurück. heiliger Gedanke, fasse und durchdringe mein Herz, und bewahre mich all' mein Leben lang, dass ich den nicht betrübe, dessen Freude es ist, wenn sein Werk in mir von Statten geht, und dessen Betrübnis, wenn er vergeblich an mir arbeitet. Willst du denn nun noch böse Worte aus deinem Munde gehen lassen? Du musst es ja nicht tun, wenn du Liebe hast zu deinem Gott und Dank gegen ihn, der dein Tröster, Helfer und Beistand ist. Ungern lass ich eine Drohung folgen, aber ich lese sie zwischen den Zeilen unsers Textes und darf sie daher nicht verschweigen. Paulus sagt, du sollst den nicht betrüben, mit welchem du besiegelt bist auf den Tag der endlichen völligen Erlösung hin, da dich Gott zu sich nehmen wird in den Himmel. Aber wenn du es nun gleichwohl tätest, wenn du deiner Zunge wolltest keinen Zaum anlegen, sondern sie frei ihre Wege gehen lassen in Sünden der Lüge, des Zorns, der Weltliebe hinein: solltest du dann den Heiligen Geist wohl auch erzürnen können? Wir haben ein Wort davon Jes. 63, 10, wo der Prophet sagt: Sie erbitterten und entrüsteten den Heiligen Geist, darum ward er ihr Feind und stritt wider sie. Also aus unserem Freunde kann er unser Feind werden? Ja, und das kann schon allein die Zunge bewirken, wenn wir sie in den Dienst der Sünde treten lassen. Es hat Fälle genug gegeben, dass ein einziges Wort, von einem Christen geredet, wie ein böser Geist über ihn gekommen ist, ihn mit Gott entzweit, ihn aus der Bahn des Friedens gezogen, und auf den Weg des Verderbens geworfen hat. Gott nimmt es mit den Worten und Werken seiner Kinder genau. Weltkinder können schwer sich vergehen, es ist ihnen, bei der Finsternis ihres Herzens, eine solche Sünde nicht, als wenn ein Gotteskind, in welchem das Licht des Heiligen Geistes brennt, selbst nur ein unnützes, schandbares Wort aus seinem Munde gehen lässt. Wird's nun nicht bereut, wird's wiederholt, wird die Stimme des strafenden Geistes überhört, so kann ein solcher Mensch ebenso tief sinken, als er früher hoch gestanden ist, und die Betrübnis des Heiligen Geistes geht dann in Entrüstung über. Der sein Freund war, wird sein Feind; der mit ihm war, ist nun wider ihn. O bewache dich, mein Christ, bewache alle Bewegungen deines Herzens, dass nicht von da aus böse Worte über deine Lippen gehen. Gehe mit dem Heiligen Geiste in dir so zart um wie mit deinem Auge, in das du nichts Fremdartiges kommen lässt, damit du ihn nicht verlierst, der deine Stärke, deine Freude, dein Trost, das Pfand und Siegel deiner Hoffnung ist. Betrübe, entrüste nicht den Heiligen Geist.

3.

Nun aber stellt uns der Apostel endlich noch vor die Liebe Gottes hin. Bedenke, dass das böse Wort, welches du redest, eine große Sünde wider die Liebe Gottes ist, womit. er uns in Christo vorgeleuchtet hat. Ist damit die Lieblosigkeit verträglich, die den Ausbrüchen unsers Zorns zu Grunde liegt? Nein! und eben darum spricht der Apostel: Jegliche Bitterkeit und Aufwallung und Zorn und Geschrei und Lästerung sei ferne von euch, samt aller Bösartigkeit. Er bleibt nicht bei dem Äußeren stehen, sondern bis zur Wurzel, die im Herzen steckt, verfolgt er das böse Wort. Die Zunge ist wie ein feuerspeiender Berg, dessen Ausbrüche lange in der Tiefe der Erde vorbereitet sind. Noch ists ruhig unten, aber die Mutter Erde ist schon gleichsam die erbitterte, und entzünden sich nun die in ihrem Schoße verborgenen Stoffe, so regt sich's drinnen und bewegt sich, wallt und steigt aus der Tiefe hervor, und das ist ihr Zorn, dass Asche, Steine herausgeworfen werden, und unter donnerndem Getöse ein verheerender Strom sich über Fluren, Dörfer und Städte ergießt, erkenne darin dein Bild, du in deinem Zorne Rasender!

Die Zunge des Menschen ist wie die Tasten eines Instruments. Ist es verstimmt, was geschieht, wenn Jemand in die Tasten greift? Da fangen die Töne an zu wallen und kommen hervor und werden laut; aber es sind nicht liebliche, erquickende Töne, sondern sie verlegen Ohr und Sinn und lästern die Harmonie. O wäre dein Herz nicht zuvor schon verstimmt, mein Christ, so gingen wohl nimmer Zornesworte über deine Zunge; aus dem Äther eines reinen Herzens fällt nicht der Hagel und Schnee der Lästerung. Die geduldige, sanftmütige Liebe fehlt dir; dir wohnt der Hochmut im Herzen, und der macht dich reizbar und gießt über dein Inneres eine gewisse Bitterkeit aus, womit du entweder der ganzen Menschenwelt oder doch diesem und dem Menschen gegenüberstehst. Noch ist es eine stille Verbitterung; aber tastet dich Jemand an mit Kränkung oder Unrecht was geschieht? Da wallen die Gefühle in dir auf, es wallt das Blut, und dein Herz kannst du schlagen hören. So kommt nun der Zorn hervor, womit sich das Fleisch in dir wider den Menschen außer dir bewaffnet. Wohin führt das? Oft, sagt der Apostel, zu einem lauten Zank und Streit, womit ihr Zürnenden euch gegenüber steht, wenn's nicht noch weiter geht, bis zur Lästerung, da ihr euch mit Schmähworten überhäuft, wie Simai dem David fluchte, und die Juden in ihrem Grimm zu Christo sagten: Du hast den Teufel. O das sei ferne von euch samt allem, was sonst noch den Namen Feindseligkeit oder Lieblosigkeit verdient.

Und nun hält uns der Apostel das Bild der Liebe Gottes vor, und ermahnt uns, dass wir diesem Vorbilde folgen sollen. Seid vielmehr gegen einander freundlich, barmherzig, einander vergebend, wie denn auch Gott in Christo euch vergeben hat. Er hebt unter den vielen Erweisungen der Liebe, die uns Gott in Christo bewiesen hat, nur Eine besonders hervor, die Vergebung. Hat Gott sich uns so gegenübergestellt, wie wir im Zorn uns unserem Nächsten gegenüberstellen? War in ihm Bitterkeit? Empörten sich in ihm die Gefühle und Gedanken wider uns, da wir noch seine Feinde waren? Entbrannte er in seinem Zorn, und sandte einen Würgengel, und setzte Himmel und Hölle wider uns in Bewegung? Wenn das wäre, so stände ja kaum die Erde mehr, wenigstens wäre umgekommen alles, was einen lebendigen Odem auf Erden hat. Nein, statt zu ergrimmen, ist er uns in der freundlichen Gestalt unsers Erlösers entgegengekommen, den ja Niemand erblicken kann, ohne sich zu verwundern über die Milde, die er in seinem Wort und in seinem ganzen Wesen zeigt. Statt im Zorn seine Heere wider uns zu rüsten, hat er mit uns als mit kranken Kindern Erbarmen gehabt, und ist gekommen als ein Arzt, und hat den Balsam seiner Gnade in unsere Wunden geträufelt.. Statt Böses mit Bösem zu vergelten, hat er am Kreuze die Versöhnung gestiftet, und von da das holdselige Wort von der Vergebung ausgehen lassen in die Welt. Kennst du Christum? Kennst du ihn, nicht nur wie dies Papier (die Schrift) dir ihn beschreibt, sondern wie er sich in der inneren Erfahrung eines Christen zu erkennen gibt? Manche, die ihn früher bloß nach dem Gerücht und aus dem Zeugnis anderer Menschen kannten, mussten, da sie nun auch selbst Erfahrung von seiner Freundlichkeit und Barmherzigkeit machten, bekennen und sagen: Wir hatten viel von dir gehört und es zum Teil für leeres Kanzel-Gerede gehalten; nun aber müssen wir gestehen, es ist nicht die Hälfte von dem, was wir in unserem Glauben Herrliches an dir schauen. Wir sind in dem Gericht der Sünde, sind in ihrer Hölle gewesen, und haben gesehen, wohin es mit uns gekommen war und vollends zuletzt noch hätte kommen müssen, wenn keine Gnade und keine Vergebung wäre. Du aber, du für uns Leidender, Sterbender, du Herrlicher hast uns aus dem Gericht der Sünde herausgenommen, hast uns alle unsere Sünden, kleine und große, verborgene und offenbare, geschenkt, und hast einen so schönen Frieden zwischen Gott und uns gestiftet, dass wir nun aufs herzlichste sprechen: Abba, lieber Vater! Christen, kennt ihr so euern Erlöser? Nun, so kennt ihr auch Gott, denn anders als in der Gestalt Christi will und kann Gott nicht von euch erkannt werden. Aber ist Gott nun so voll versöhnlicher, vergebender Liebe gegen euch: wie ist's denn möglich, dass noch Bitterkeit, Aufwallung, Zorn, Geschrei, Lästerung wider den Nächsten bei euch gefunden werde? Lasst doch nun alle Erbitterung fahren, und auf eurem Angesichte, in eurem Blick, in eurer Rede, in eurem ganzen Wesen präge sich die Freundlichkeit des Erlösers ab, die selbst dann ihre Gebärden nicht entstellt, wenn ihr mit Unlieb begegnet wird. Stoßt ihr auf Lieblosigkeit und Feindschaft, o seht den Widersacher als einen Schwachen, als einen Kranken an, nicht anders als wäre er unter die Mörder gefallen, die ihn halb tot geschlagen hätten, und da habt denn Erbarmen mit dem armen Menschen und heilet seine inneren Wunden durch eure Sanftmut, eure Geduld, euer liebevolles Entgegenkommen. Und tut man euch Schmach und Unrecht an, heute, und morgen wieder und übermorgen zum dritten Mal vergebt dreimal, siebenmal, siebenmal siebzigmal. Eine einzige von Gott uns vergebene Sünde ist eines vierhundertneunzigmaligen Vergebens von unserer Seite wert. Könnte an jenem Tage ein Sünder sich die Vergebung seiner Schuld erkaufen, er würde sagen: Lass mich, Gott, durch tausend Welten wandern, wie die Erde war, und in jeder Welt mit tausend erbitterten Widersachern kämpfen, so will ich nicht wieder schelten, wenn ich gescholten werde, und nicht wieder lästern, wenn ich gelästert werde. - So etwas Großes ist es um die Gewissensschuld und um ihre Vergebung.

Jetzt, denke ich, werdet ihr erkannt haben, welche Sünde das böse Wort ist, das aus lieblosem Herzen kommt und über unsere Lippen geht. Eine Sünde ist es wider die Weisheit Gottes, der uns die Zunge zum Heil, nicht aber zum Verderben der Brüder gegeben hat; eine Sünde wider den Heiligen Geist, den wir erfreuen, nicht aber betrüben und von uns stoßen sollen; eine Sünde wider die Liebe Gottes, die uns mit ihrer Milde und Vergebung in Christo so mächtig antreibt, alles lieblose Wesen von uns abzutun, und vollkommen zu sein, wie unser Vater im Himmel vollkommen ist.

Wohlan, so gehe denn hinfort
Aus unserem Mund kein böses Wort;
Was lieblich und zu hören sein,
Das soll von uns geredet sein.

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