Kähler, Carl Nikolaus - Auslegung der Epistel Pauli an die Epheser in 34 Predigten - Dreiundzwanzigste Predigt.

Kähler, Carl Nikolaus - Auslegung der Epistel Pauli an die Epheser in 34 Predigten - Dreiundzwanzigste Predigt.

Sei, Vater, sei gepriesen!
Du hast so lange schon
Als Vater dich bewiesen
Durch Christum, deinen Sohn.
Wir bitten gläubig dich:
Gib Heil zum neuen Jahre!
Gott, hilf uns! Gott, bewahre,
Gott, segn' uns väterlich! 1)

Wenn heute ein Kind zu den Eltern tritt, oder ein Bruder zum Bruder, oder ein Freund zum Freunde, so reichen sie sich wohl die Hand und wünschen sich Glück zum neuen Jahr. Wie natürlich! Wir stehen ja vor der Zukunft wie vor einem dunkeln Tal, in das wir treten und durch das wir wandern sollen. Was wird uns da begegnen? Was vielen Brüdern begegnet ist im alten Jahr. Wir haben gute Stunden gehabt, aber auch böse, Freuden, aber auch manche Leiden. Wird's anders sein in der Zukunft? Das alte Jahr ist ein Spiegel des neuen. Da tritt nun die Liebe hinzu und wünschet Glück zum neuen Jahr. Christen, ich trete mit in den Kreis der Glückwünschenden und spreche: Gnade sei mit dir, liebe Brügger Gemeinde, Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesu Christo. Begleiten dich diese beiden durch das neue Jahr, was sollte dir dann Böses begegnen können? Lass immerhin Trübsal kommen: wenn nur Gottes Gnade und Friede bei der Trübsal ist, so wirst du, auch wenn du auf dem Siechbette liegst, auch wenn dir deine Gattin, dein Kind genommen wird oder was sonst dir zustoßen möge, du wirst mit Paulus sprechen können: Ich bin überschwänglich getröstet in allen meinen Leiden.

Aber was sollen wir tun, dass diese beiden Engel Gottes bei uns wohnen können? Lasst uns den Rat des Apostels Paulus befolgen: Ziehet mit dem alten Jahr den alten Menschen aus, und mit dem neuen Jahre zieht den neuen Menschen an. Namentlich sind es drei Sünden, die er uns als verabscheuungswürdig heute nennt, und drei Tugenden, die er uns anpreist.

Ephes. 4, V. 25 bis 28: Darum legt die Lügen ab, und redet die Wahrheit, ein Jeglicher mit seinem Nächsten, sintemal wir unter einander Glieder sind. Zürnt und sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen; gebt auch nicht Raum dem Lästerer. Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite, und schaffe mit den Händen etwas Gutes, auf dass er habe zu geben dem Bedürftigen.

Drei Stücke sind, denen ich von Herzen feind bin, und wiederum, drei schöne Dinge sind, die beides Gott und den Menschen wohl gefallen, sagt Jesus Sirach (Kap. 25). So spricht auch Paulus heute. Er nennt uns die drei Stücke, denen er von Herzen feind ist, es sind Lüge, Zorn und Weltliebe. Die vor Allem gehören zu dem alten Menschen, davon er kurz zuvor gesagt: legt ihn ab. Denn wer dem Leben Gottes entfremdet ist, der hat die Wahrheit verlassen. Gott ist die Wahrheit, und die Lüge ist herangekrochen, wie zur Eva im Paradies, und ist hineingeschlichen in sein Herz, und hat ihn unwahr und unlauter gemacht wider Gott und seinen Nächsten. Wer dem Leben Gottes entfremdet ist, der ist der Selbstsüchtige, der Egoist, der sich und seine Ehre und seinen Nutzen über Alles setzt. Daher, wenn ihm Kränkung und Unrecht von der Welt widerfährt, entbrennt sein Herz vor Zorn, und dieser Zorn richtet Hader, Feindschaft, Hass und andere böse Dinge an. Wiederum hat er die Welt lieb, weil sie sein Himmel und ihr Genuss seine Seligkeit ist, und darum trachtet er mit allem Fleiß nach ihren Gütern, auch auf den Wegen der Unehrlichkeit, und lässt sich nicht genügen, dass er sein Auskommen habe, sondern Mehr! Mehr! ist seine Losung und sein Feldgeschrei, darüber er der Barmherzigkeit vergisst, welche zu dem Nächsten spricht: Was mein ist, das ist dein. Seht, Christen, das sind die drei bösen Stücke und Tücke des alten Menschen, die wir zurücklassen sollen und begraben im alten Jahr. Und welches sind nun die drei schönen Dinge, die beides Gott und dem Menschen wohlgefallen? Darauf führt uns die Frage:

Mit welchem Sinn sollen wir in das neue Jahr treten? Antwort: mit wahrhaftigem,
mit versöhnlichem,
mit barmherzigem Sinn.

Gib, treuer Gott und Heiland, dass es also geschehe, und dass wir Alles, was diesem Sinne widerstrebt, hineinwerfen in das Grab des alten Jahres!

1.

Paulus, indem er uns zur Wahrhaftigkeit ermahnen will, streitet vor Allem wider ihren Feind, die Lüge. Was ist sie? woher stammt sie? was tut sie? was richtet sie an? Der Apostel bezeichnet sie uns als ein Stück des alten Menschen, wenn er spricht: Legt sie ab. Ja, Christen, wer noch nicht nach Gott geschaffen ist in der Gerechtigkeit und Heiligkeit der Wahrheit (V. 23); wer noch, statt Gott, vielmehr den Teufel zum Vater hat, der ein Lügner von Anfang ist, der liegt eben darum an der Kette der Lüge, und wird nicht davon frei, bevor Gott mit dem alten Menschen auch die Lüge, die Unwahrheit, die Unlauterkeit in ihm tötet. Unwahr ist er gegen Gott - denkt nur an den Pharisäer, der in den Tempel ging zu beten, wie er sich gebärdet, als wäre er gut und fromm, und so für Tugenden dankt, die er doch nicht in und an sich hat, selbst vor dem Angesichte Gottes, der Herzen und Nieren prüft! Er will für gut und rein gelten, und ist es doch nicht; darum muss er sich und Gott alle Gräuel seiner Sünde verheimlichen und sich stellen und reden, als sei er gut und besser sogar als die wirklich guten Menschen sind. Kein Wunder, dass er mit seiner Unlauterkeit auch seinen Nächsten zu täuschen sucht. Seine Rede taucht er wie einen Pinsel in die Farbe der Wahrheit und streicht damit sein Herz, seinen Sinn, sein Tun und Lassen an. Die Unwahrheit zeigt sich bei ihm fast schon von der Wiege an, und geht mit ihm bis an sein Grab. Schon als Kind geht er mit Lügen um; denn er scheut sich nicht, wo er zu fürchten oder zu hoffen hat, zu der List seines höllischen Vaters zu greifen, und so tritt er mit Lügen vor den Lehrer, vor die Eltern und vor andere Leute hin. Ach, er ist in jungen Jahren vielleicht schon so vergiftet von der Lüge, dass, während sein Mund grobe Unwahrheit redet, kaum noch eine schwache Schamröte in seinem Antlitz sichtbar wird, sondern in seinem Blick, auf seiner Stirn, in allen seinen Gebärden prägt sich die Frechheit seines verderbten Herzens ab. Wie wird's nun nachher, wenn er aus der Kindheit in das reifere Lebensalter hinübertritt? Da belügt er die Jungfrau und zieht sie durch unwahre Rede und durch falsche Hoffnungen, die er bei ihr rege macht, in sein Wollustnetz. Da täuscht er die Herrschaften, denen er dient, und sucht seinem unrechten Tun durch Lügen die Gestalt der Unschuld zu geben. Da hintergeht er, ist er Handwerker oder Kaufmann, seine Kunden, um des Gewinnes willen, weil er sich von dem Fürsten der Finsternis die Gedanken hat eingeben lassen: Not hat kein Gebot, und da alle Welt voll Lügen ist, von der Hütte bis an den Thron: wie sollte ich allein mit der Wahrheit durchkommen können? Da hat er als Ehemann oder als Ehefrau hundert böse Heimlichkeiten, die er vor seinem Gemahl verbergen muss, sei es dass er die Treue gebrochen oder das Gut verprasst oder sonst etwas getan hat, um deswillen er Vorwurf, Hader und Unfrieden fürchten muss. Da greift er, wenn er ein Pferd, Kuh oder sonst etwas feilbietet, zu allerlei Unwahrheiten, die er versiegelt mit seinen Flüchen, um nur des ungerechten Mammons teilhaftig zu werden. Da tut er, um zu gewinnen oder sich und seine Ehre und Gut zu retten, wohl gar das Äußerste, dass er meineidig seine Finger gen Himmel hebt. Diese aus der Hölle stammende, die mannigfaltigsten Gestalten annehmende, bald grobe, bald feine Lüge ist es, die Paulus abgetan wissen will. „Daher legt die Lüge ab.“ Daher? Ja, weil sie unverträglich ist mit dem neuen Menschen, der nach Gottes Bild geschaffen ist. Es ist unmöglich, dass der neue und der alte Mensch zusammen unter dem Einen Dach und in der Einen Kammer deines Herzens wohnen. Was denn bisher an Lüge vorgekommen ist unter uns ach, sie ist ja auch im alten Jahre nicht ausgeblieben, sondern hat in vieler Christen Herzen ihr böses Werk gehabt Kinder und Erwachsene, zieht dies Kleidungsstück des alten Menschen aus und zieht es nimmer wieder an im neuen Jahr. Wähnt nicht, dass die Lüge unzertrennlich sei von einem Menschen, und dass wir daher gleichsam gegen unsern eigenen Schatten kämpfen, wenn wir bemüht seien, alle Unwahrheit und Unlauterkeit von uns abzutun. Nein, Christen, der Teufel hat sie uns angezogen, und Gott erklärt: Ich will sie euch wieder ausziehen. Bleibt dann auch, selbst nachdem wir von Neuem geboren sind, noch Manches von der Wurzel dieses Lasters in uns zurück, so lässt es sich doch vertilgen mehr und mehr, bis zuletzt in der Verklärung auch kein Faden, keine Faser mehr davon übrig bleibt.

Mit wahrhaftigem Sinne sollen wir hineintreten in das neue Jahr. Der Apostel nimmt aus dem Propheten Sacharja (Kap. 8, 16) das Wort herüber: Redet die Wahrheit, ein jeglicher mit seinem Nächsten. Und dabei erinnert er uns an das Band der Gemeinschaft, das uns unter einander, und uns alle mit unserem Erlöser verknüpft. Wir sind Glieder zu einander. Leidet unser Bund mit dem Herrn die Lüge? Nein, wie kann die Lüge Gemeinschaft haben mit der Wahrheit! Oder findet ihr die Unwahrheit bei eurem Erlöser? Verfolgt seinen Lebenslauf von der Krippe bis nach Golgatha: findet ihr ihn unwahr gegen die Eltern? Täuscht er seine Jünger? Schmeichelt er den Reichen und Vornehmen, sucht er die Gunst und Gnade der Fürsten und Gewaltigen? Findet ihr ihn falsch gegen irgendeinen Menschen, dass Honig auf seiner Zunge wäre und Galle in seinem Herzen? Trägt er die Liebe seines Herzens zur Schau, oder heuchelt er gar eine Gesinnung, eine Tugend, die er nicht besitzt? Nichts von alle dem! Sein Herz ist wie seine Rede, seine Rede wie sein Herz. Wie die Sonne sich abspiegelt im Kristall, so spiegelt sich die Lauterkeit seines Herzens in all' seinem Reden, Tun und Lassen ab. Wie er selber die Wahrheit ist, so ist er auch zu euch gekommen in die Welt, von der Wahrheit zu zeugen, und er zeugt von ihr durch sein Wort, durch sein Vorbild, das er leuchten lässt, und geht für die Wahrheit in den schmählichsten Tod. Auch darin ist er der Abglanz der Wahrhaftigkeit und Lauterkeit seines himmlischen Vaters. Hat der Gott, den du deinen Vater nennst, sich je gegen dich verstellt? Nein, sein Herz hat er vor dir aufgetan in Christo und dir alle Liebe, alle Wahrheit gezeigt, die darin verborgen ist. Das teure Evangelium, ist es nicht ein Spiegel des Herzens Gottes? Ja, darin offenbart sich dir dein Gott und tut dir kund die Wahrheit, die dich zum ewigen Leben führt. Glaubst du an dies Wort und führst es in dein Herz, in deinen Sinn und Wandel ein; so bezeugt der Heilige Geist, der aus dem Worte zu dir redet, dass du in der Wahrheit bist. So sage nun, mein Christ, könntest du wohl Christo eigen und ein Glied seines heiligen Leibes sein; könntest du in seinem Reiche unter ihm leben und Teil haben an den Gütern seiner Gnade; könntest du Gott deinen Vater nennen und dich seiner Liebe trösten und der Verheißung, die er seinen Kindern gegeben hat könntest du das alles, wenn du ein Kind der Lüge wärest, die das Band zwischen dir und den Heiligen, zwischen dir und deinem Erlöser, zwischen dir und deinem himmlischen Vater zerreißt? Nun, so lasst uns denn alle Unlauterkeit von uns abtun, und mit wahrhaftigem Sinn hineingehen in das neue Jahr. Kein Tag des kommenden Jahres betreffe uns über irgendeiner Unlauterkeit unsers Herzens, und wenn ja eine Lüge uns beschleicht, so schäme sich ihrer unser Herz und werfe sie von sich und kehre zur Wahrhaftigkeit zurück.

2.

Zur Wahrhaftigkeit geselle sich sodann die Sanftmut und Versöhnlichkeit. Auch mit versöhnlichem Herzen lasst uns hineintreten in das neue Jahr. Christen, was ist es doch, das so häufig uns unter einander entzweit? Das ist wiederum der alte Mensch in uns, der in seiner Hoffart, in seinem Hochmut, in seiner Selbstsucht nicht irgendeine Kränkung und Unrecht dulden kann, ohne in Zorn zu geraten. Und entbrennt erst der Zorn in uns, wie leicht wird dann aus dieser Kohle eine Feuersbrunst! Darum warnt uns der Apostel vor dem Zorn. Zürnt, aber sündigt nicht. Es ist nicht von dem heiligen Zorn die Rede, darein auch ein Kind Gottes wohl geraten kann, wie denn unser Erlöser selbst, eben weil er der Heilige war, um des Unglaubens der Menschen und ihrer Herzenshärtigkeit willen oft genug hat zürnen müssen. Wer nicht der Bosheit zürnt, der liebt nicht die Gerechtigkeit. Aber in unserem Texte ist von dem unreinen Zorn die Rede, der ein Kind der Selbstsucht des Herzens ist und durch den wir dem Teufel Raum geben, ihm Gelegenheit und Anlass bieten, uns unter einander zu entzweien, um Hader, Zank, Zwietracht, Hass und Feindschaft unter uns zu stiften. Zürnt, aber sündigt nicht. Als ob der Apostel sagen wollte: es lässt sich ja nicht meiden und hindern, dass bei dem vielen Unrecht, das geschieht, und bei der mannigfaltigen Kränkung, die uns widerfährt, nicht Zornes-Gefühle und Zornes - Gedanken sich bei uns regen sollten. Wer ist der Heilige, der überall und immer so von Herzen sanftmütig und demütig wäre, dass nie Unwille, nie Bitterkeit wegen erfahrener Kränkung sich in ihm regte? Ach, Christen, das alte Jahr zeugt ja auch in diesem Betracht laut genug wider uns. Blicke nur zurück und besinne dich, was alles in deinem Herzen vorgegangen ist. Ist es nicht oft genug in eine unheilige Bewegung geraten, gegenüber deinem Nächsten, so dass es dem Meere glich, welches woget und schäumt, wenn der Wind darüber geht? Oft, wenn du ganz alleine warst, und nun deine Gedanken auf den fielen und auf den, auf den zu zürnen du meintest ein Recht zu haben, siehe, da erhoben sich in dir die Gefühle und Gedanken, waffneten sich mit Speer und Bogen, und du konntest ganz im Stillen und in der Einsamkeit einen erbitterten Kampf und Krieg führen mit deinem Nächsten. Nun bedenke ferner, was in der Wirklichkeit der Zorn zwischen dir und deinem Nächsten angerichtet hat. Hat immer Sanftmut dein Herz beherrscht, wenn du, lieber Mann, liebe Frau, der Dienenden, oder wenn du, Dienender, deinem Herrn gegenüber standest? Ist es da nicht in manchen Häusern zu einer gegenseitigen Erbitterung und zu Worten gekommen, deren man sich schämen muss, wenn man damit hintritt vor Gott? Bist du immer gegen dein Kind der sanftmütige Vater, die sanftmütige Mutter gewesen, der oder die du sein sollst nach Gottes Willen? Und wie sind die Ehen geführt während des letzten Jahrs? Gatte, Gattin, ist nie der Zorn zwischen euch getreten und hat, wenn auch nur auf Tage, auf Stunden, das heilige Band der Liebe und Eintracht zerrissen, das Mann und Weib so verbinden soll, wie der Herr mit seiner lieben Gemeinde verbunden ist? Ach, wie ist doch so manche Ehe im Laufe des letzten Jahres voll Hader, Zank und Erbitterung gewesen! Und was sonst vorgegangen ist in der Gemeinde. Besinnt euch, Christen, besinnt euch nur, so findet ihr hundert Übel, die der Zorn unter euch angerichtet hat.

Soll's so fortgehen im neuen Jahr? Wollt ihr den Zorn und alle Sünden, die er schmiedet, mit euch hinübernehmen in die Zukunft? Bedenkt doch, wie unverträglich das mit unserer christlichen Gemeinschaft ist. Wir sind ja Brüder, die sich nicht zanken sollen unterwegs, sind ja Bürger des Himmelreichs, wo nicht Zorn, Hass, Feindschaft, sondern Sanftmut, Liebe, Friede wohnen sollen. Wir sind ja Jünger des Meisters, der immer so sanftmütig und von Herzen demütig war; sind Kinder des versöhnlichen Vaters, der immer Ja sagte, wenn wir kamen und baten: Vergib uns unsere Schuld. Ach, wenn in Gott das Feuer des Zornes brannte, wie es so oft in unserem Herzen brennt; wenn er spräche, wie die Menschen sprechen: Auge um Auge, Zahn um Zahn! wo wäre dann die Liebe, die unser aller Magd wurde, da wir noch Gottes Feinde waren; die Liebe, die alles Unrecht, alle Bitterkeit und Feindschaft der Welt über sich ergehen ließ und stille war; die Liebe, die nicht schalt, da sie gescholten wurde, nicht vergalt, da man sie zum Tode verdammte und sie mit Nägeln an das Kreuz der Missetäter heftete? Sagt, Christen, wie verträgt sich mit dem allen der Zorn, der unsere Herzen erbittert und uns unter einander zu Feinden macht?

Aber was ist nun zu tun? Was unser Text sagt: Die Sonne gehe nicht unter über eurer Erzürnung. Wie Gott im Alten Testamente sagt: Du sollst dem Dürftigen und Armen seinen Lohn des Tages geben, dass die Sonne nicht darüber untergehe (5 Mos. 24, 15), so spricht er an unserem Ort: du sollst dem, der dich kränkt und dir Unrecht tut, vergeben und ihm dein Herz wiederschenken des Tages, dass die Sonne nicht darüber untergehe, wie ähnlich ja auch unser Heiland spricht (Matth. 5, 25): Sei willfährig deinem Widersacher bald, dieweil du noch bei ihm auf dem Wege bist. Siehe, die Sonne des alten Jahrs ist gestern untergegangen: habt ihr allen Zorn, alle Erbitterung, allen Hass, alle Feindschaft mit untergehen lassen? Habt ihr euren Fuß nicht über die Schwelle des neuen Jahres gesetzt, bevor ihr, wie mit Gott, so mit jeglichem Widersacher, den ihr etwa unter den Menschen hattet, euch von ganzem Herzen ausgesöhnt? Eltern, seid ihr auf eins eurer Kinder erbittert, Kinder habt ihr etwas wider die Eltern, so söhnt euch aus, heute noch. Ist in Jemandes Ehe bisher Zank und Streit, Unfriede und Erbitterung gewesen, so reicht euch die Hand, und von heute an sei Friede unter euch. Und wer du auch seist, lieber Christ, der du irgendwo einen Bruder weißt, dem du von Herzen zürnst und bist auf ihn erbittert, so vergib ihm, was er dir Übels getan, auch wenn's viel wäre, und sei ihm wieder gut. Wisse, der dies zu dir sagt, ist Gott, der durch deinen Seelsorger zu dir redet, und wie mit aller Freundlichkeit, so mit allem Ernst; denn erklärst du, dass du dich nicht versöhnen willst, so erklärt Gott, dass du keinen Teil an ihm hast und an seiner Gnade.

Aber wenn wir nun auch alle versöhnt ins neue Jahr treten, wie sollen wir's hindern, dass nicht künftig der Zorn aufs Neue über uns komme und unsere Herzen erbittere? Zürnt, aber sündigt nicht, ruft uns der Apostel zu. Ihr könnt's nicht hindern, dass die Vögel über euren Kopfe fliegen; aber dass sie sich auf euer Haupt setzen und Nester bauen und brüten, das könnt ihr hindern. Der Zorn ist auch so ein Vogel. Kommt er nun herangeflogen, so wachet und habt offene Augen, dass er sich nicht auf das Herz setze und anfange ein Nest zu bauen und Junge auszubrüten. Seine Brut sind Grimm, Hader, Rache, Feindschaft, Hass. Dazu komme es auch im schlimmsten Falle nicht, selbst wenn Himmel und Erde wider euch aufständen, was doch nicht geschehen wird. Der Tag eures Zorns sei auch der Tag eurer Versöhnung. Bedenkt, wer hinter dem Zorne steht: es ist nicht Gott, nein! sagt Paulus, es ist der Teufel, dessen Lust und Freude es ist, wenn er durch den Zorn Macht und Gewalt über die Menschen gewinnt, um sie in das Feuer der Rache und Feindschaft hineinzujagen. Gebt doch nicht diesem eurem Erzfeinde Raum, sondern dem Heiligen Geiste gebt Raum, dass der mit Sanftmut, Liebe, Freundlichkeit, Versöhnlichkeit euer Herz regiere.

3.

Nun aber lasst zu den zwei Genannten noch ein Drittes kommen, die Barmherzigkeit. Mit barmherzigem Sinn lasst uns in und durch das neue Jahr gehen. Aber auch bei dieser Ermahnung hat Paulus Manches hinwegzuräumen, was dem barmherzigen Sinn im Wege steht. Er sagt: Der Dieb stehle nicht mehr, vielmehr arbeite er und schaffe mit den Händen (das Nützliche). Wie kommt er doch zu diesem Wort, das man fast Bedenken tragen möchte in einer Versammlung von Christen laut werden zu lassen? Ach, er kennt das menschliche Herz und weiß, was alles darin steckt. So weiß er auch, dass im Herzen die Weltliebe wohnt, die schwer herauszutreiben ist. Diese Weltliebe aber, die auf die Güter und Genüsse der Erde ihr Auge hat, reißt an sich, was, wo und wie sie's kriegen kann; sie unterscheidet nicht Recht und Unrecht, Gut und Böse, sondern wonach ihr Herz ein Verlangen hat, danach greift sie, hascht sie, jagt sie, auf welchem Wege es auch sei. Mancher ist ein Dieb, der sich nicht dafür hält; denn das sollt ihr wissen, der Apostel denkt bei dem Worte „Dieb“ an alle und jede Art des unrechtmäßigen, ungöttlichen Erwerbs. Wollte und könnte man nun Alles in einen Haufen bringen, was davon vorgekommen ist im letzten Jahr, so würde fast ein Berg daraus. Ach, mancher, mancher hat sich anzuklagen, dass er nicht gelassen oder nicht getan, was der ehrliche Sinn zu lassen und zu tun gebeut. Ist es doch sogar bis zum nächtlichen Einbruch in die Häuser gekommen, noch in diesen letzten Tagen, außer was sonst an Lug und Trug vorgekommen ist im letzten Jahr. Was spricht unser Text dazu? Er verdammt nicht sofort den Unehrlichen und schließt nicht ohne Weiteres die Tür des Himmels vor ihm zu; aber darauf dringt er mit allem Ernst, dass der Unehrliche in sich schlage und sich solcher Sünden und Laster künftig enthalte. Sie gehören zu den Kleidern des alten Menschen, die wir ablegen und statt deren wir die Kleider des neuen Menschen anlegen sollen. Der nach Gott geschaffene Mensch raubt nicht, stiehlt nicht, trügt nicht, sondern ist so ehrlich und rechtschaffen, dass jeder Schilling, den er mit Unrecht an sich brächte, wie eine glühende Kohle brennen würde auf sein Gewissen, und er könnte nicht zur Ruhe kommen, bevor er das Geld erstattet, seine Sünde bereut und Vergebung von Gott empfangen hätte.

Nicht mehr tun, sagt Paulus, das ist die beste Reue, und dann weist er uns auf unsere Hände hin und auf die Arbeit unserer Hände, als auf den Weg, worauf wir unserem täglichen Brot nachgehen sollen. Höre das und nehme es zu Herzen der Unehrliche, der bisher sein Gut mit Unrecht gemehrt, und der Träge, der, statt sich durch seiner Hände Arbeit sein Brot zu erwerben, müßig gegangen ist und seine Speise aus der Hand des Fleißigen genommen hat. Auch der ist ein Dieb, der, wenn er eine gesunde Hand und Kraft zur Arbeit hat, diese Gottesgabe als ein Pfund vergräbt und ohne Not sich von Andern ernähren lässt. Aber nicht bloß darauf kommt es an, dass wir, jeder in seiner Weise, unsere Hände und Kräfte regen, um das tägliche Brot zu haben für uns und die Unsrigen. Auch wenn du der tätigste Mann wärest und an keinem deiner Güter auch nur das geringste Unrecht klebte, so verdienst du darum allein noch kein Lob. Du könntest ja dabei bloß an dich denken und zufrieden sein, wenn nur du wegen des täglichen Brots keine Sorgen hättest. Aber wisse, deine Ehrlichkeit und deine Tätigkeit hat nur dann Gottes Wohlgefallen, wenn du nicht bloß für dich, sondern auch für deine notleidenden Brüder erwirbst. Wie lauten die Worte in unserem Text? Arbeite und schaffe mit den Händen, auf dass du habest mitzuteilen dem Bedürftigen. Da werden wir hingewiesen auf alle jene Unglücklichen, die, ob sie auch wollten, doch nicht erwerben können, was zur Leibes Nahrung und Notdurft gehört. Wie oft geschieht's, dass ein Familienvater in Sorgen geht, wo er ein Obdach finden solle, wenn der Tag kommt, wo er ausziehen muss. Oder eine Kammer ist da, aber es fehlt an Kleidern für die nackten Kinder und an Brot fehlt es, womit er seinen und ihren Hunger stille. Wenn's selbst nur das trockene Brot wäre: ach, mancher sättigte sich gern damit, aber er muss hungrig zu Bette gehen. Christen, wann mehr als eben in dieser Zeit der Teuerung und Kälte werden wir auf die Not und das Elend vieler unserer Brüder hingewiesen? Da sind nun so Manche, welche haben und reichlich haben, weil für sie die gegenwärtige Zeit eine goldene ist. Wollt ihr denn euren notleidenden Brüdern euch entziehen, und sammeln und scharren, dass ihr habt und mehr bekommt, unbekümmert um die Not eurer Brüder? O, das hieße ja im Rock des alten Menschen bleiben, denn der alte Mensch ist so geartet, dass er weder ein Herz, noch eine offene Hand, noch ein tröstendes Wort für den Unglücklichen hat. Wir aber sind ja Brüder, sind Glieder des heiligen Leibes unsers Herrn. Sucht irgendein Glied des Leibes bloß für sich Nahrung und Leben? Nein, indem es nimmt, gibt es auch, und indem es den andern gibt, nimmt es wiederum von ihnen; da sind alle Teile für Einen und Einer ist für alle. Das Auge ist der Füße Licht, und diese wiederum tragen das Auge und dienen ihm. Seht, durch solche Liebe, welche schaffet, dass sie habe, und welche hat, dass sie gebe, durch solche mitteilende Liebe hat Gott, der selbst die Liebe ist, alle Glieder des Leibes verknüpft. Von welchen Gliedern rede ich? Von dir, mir und uns allen, die wir der Leib Christi sind. Lasst denn die barmherzige Liebe das Band sein, das uns im neuen Jahr verknüpft. Und nicht bloß von den Begüterten wird gefordert, dass sie geben sollen, sondern auch von dem, der arbeiten und im Schweiße des Angesichts sich sein täglich Brot erwerben muss. Schön ist das Werk der Liebe, wenn der Reiche zu dem Armen in seine Hütte geht und ihn tröstet in seinem Leid, und ihn unterstützt in seiner Dürftigkeit; aber noch schöner ist das Werk, wenn ein Armer von zwei Röcken, die er durch Arbeit erworben, einen abgibt an den nackenden Bruder und sein sauer verdientes Brot mit dem Hungrigen bricht. Wo denn Not ist, Brüder, da geht hin, und wartet nicht einmal, bis der Dürftige zu euch kommt, sondern sucht ihn auf und bringt ihm euren Trost und eure milden Gaben.

Und das sei der Sinn, womit wir in und durch das neue Jahr gehen. Unwahrheit, Zorn, Weltliebe lasst ferne von uns sein, dagegen Wahrheit, Versöhnlichkeit, Barmherzigkeit lasst die Engel sein, die uns durchs neue Jahr begleiten. Hilf uns dazu, lieber Herr, der du die Herzen der Menschen lenkst wie Wasserbäche.

Mit Wahrhaftigkeit erfüll' uns!
In Versöhnlichkeit hüll' uns!
Erhalt' uns barmherzig immerdar,
Und führ' uns so durchs neue Jahr!

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