Kähler, Carl Nikolaus - Auslegung der Epistel Pauli an die Epheser in 34 Predigten - Zwanzigste Predigt.

Christen, nicht zwei Baumblätter gibt es in der Natur, die sich völlig gleich wären. Obwohl gleich, sind sie doch auch wieder verschieden. Das ist eine große Weisheit Gottes, dass er neben der Einheit die größte Mannigfaltigkeit in der Schöpfung walten lässt. So ist es in der Natur, und ist es anders im Reiche Gottes? Auch hier finden wir neben der Einheit die größte Mannigfaltigkeit. Ein Leib und Ein Geist, Ein Herr, Ein Glaube, Ein Gott und Vater Aller - und doch sind wir als Glieder des Leibes Christi alle verschieden, und nicht zwei Christen findest du im Reiche Gottes, die ganz mit gleichen Gaben ausgestattet wären. Von dieser Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit der geistlichen Gaben in der Gemeinde handelt der Apostel in unserem heutigen Texte.

Ephes. 4, 7-13: Einem Jeglichen aber unter uns ist gegeben die Gnade nach dem Maß der Gabe Christi. Darum spricht er: Er ist aufgefahren in die Höhe, und hat das Gefängnis gefangen geführt, und hat den Menschen Gaben gegeben. Dass er aber aufgefahren ist, was ist es, denn dass er zuvor ist hinuntergefahren in die untersten Örter der Erde. Der hinuntergefahren ist, das ist derselbige, der aufgefahren ist über alle Himmel, auf dass er Alles erfüllte. Und er hat Etliche zu Aposteln gesetzt, Etliche aber zu Propheten, Etliche zu Evangelisten, Etliche zu Hirten und Lehrern, dass die Heiligen zugerichtet werden zum Werk des Amts, dadurch der Leib Christi erbaut werde, bis dass wir alle hinankommen zu einerlei Glauben und Erkenntnis des Sohnes Gottes, und ein vollkommener Mann werden, der da sei in der Maße des vollkommenen Alters Christi.

Der Apostel hatte zuvor von der Einheit in der Gemeinde geredet, heute redet er von der Verschiedenheit in ihr, als ob er sagen wollte: Lasst euch dadurch nicht irre machen, und das Band des Friedens zerrissen werden, dass die geistlichen Gaben so verschieden unter euch verteilt worden sind. Ist doch Keiner unter euch versäumt worden, und kommen doch alle Gaben von Einem Geber, der sie uns erworben hat durch seinen Kampf auf Erden. Auch sind sie zu Einem Zweck verliehen, nämlich dass dadurch die Gemeinde erbaut und vollendet werde. Dies werde nun näher von uns betrachtet. Unser Thema ist: Die geistlichen Gaben:

1. nach ihrer Allgemeinheit,
2. nach ihrem Ursprung,
3. nach ihrem Zweck.

Heiliger Vater, heilige uns in deiner Wahrheit, dein Wort ist die Wahrheit.

1.

Wie verschieden sind doch die Gaben Gottes unter uns Menschen verteilt! So ist es mit den irdischen Gaben, als da sind Hoheit, Ehre, Macht, Reichtum. Etliche herrschen über Länder und Völker, während Andere so arm sind, wie unser Erlöser war, welcher spricht: des Menschen Sohn hat nicht, wohin er sein Haupt lege. Etliche sind reich, so reich, dass sie kaum ihren Reichtum schätzen können, Andere so arm, wie Jakob war, der nichts hatte, als einen Stab, da er über den Jordan ging. Etliche haben sich der Gunst und Freundschaft der Menschen zu erfreuen, während Andere mit Verleumdung, Verfolgung und jeglicher Ungunst der Menschen zu kämpfen haben. Daraus nun entsteht viel Unzufriedenheit, Zank und Streit unter den Menschen. Der Reiche wird beneidet von dem Armen, der Hohe von dem Geringen; man fragt: Warum hat uns Gott nicht gleich gemacht? So nun, liebe Christen, ist es auch mit den geistlichen Gaben. Als der Herr die Kirche auf Erden gründete, wie verschieden waren damals die Gaben, die er austeilte durch seinen Heiligen Geist! Paulus weist auf die mancherlei Ämter in der Gemeinde hin. Er hat gegeben die Einen als Apostel, die von dem Herrn unmittelbar erwählt, und mehr als alle übrigen mit den Gaben des Geistes ausgestattet wurden, so dass sie ein Licht Aller waren, und es noch sind, und es bleiben bis ans Ende der Welt.

Andere gab er als Propheten, die in besonderen Fällen von Gott besonderer Offenbarungen gewürdigt wurden, durch deren sie nicht nur Blicke in die Zukunft taten, sondern auch in die Geheimnisse des Herzens, so dass sie sowohl der Gemeinde zum Troste gereichten, als auch Unglauben, Heuchelei, und andere Verborgenheiten des Herzens aufdecken und strafen konnten. Die Andern gab er als Evangelisten, die zwar nicht unmittelbar von Christo berufen waren, wie die Apostel, auch nicht mit so hohen Gaben des Geistes ausgestattet, aber doch tüchtig waren, mit dem Evangelium von Ort zu Ort zu ziehen, wie Philippus tat (Apostelg. 21), um es denen zu verkündigen, die noch in Finsternis und Schatten des Todes saßen. Die Andern gab er als Hirten oder Bischöfe, welche den Gemeinden vorstanden, und ihre Angelegenheiten leiteten, die Andern als Lehrer, wie Timotheus und Titus, welche die Gemeinden in Gottes Wort unterwiesen. Diese und noch andere Ämter und Gaben verlieh der Herr, die genannt werden 1 Kor. 12, 28. Sind sie denn nun Alle Apostel? Sind sie alle Propheten? Sind sie Alle Lehrer? Sind sie Alle Wundertäter? Ach nein, Etliche sind große, Etliche nur ganz kleine Lichter. Wie die irdischen, so sind auch die geistlichen Gaben verschieden ausgeteilt. Aber dass nun dies verschiedene Maß der Gaben nicht zu Neid, Missgunst, Hader und Streit führe, so bedenkt fürs Erste, dass auch der Geringste unter uns nicht von dem Herrn versäumt worden ist. Jedem Einzelnen von uns ist verliehen die Gnade nach dem Maß der Gabe Christi, das heißt, je nachdem Christus die Gabe, groß oder klein, zugemessen hat. Ist wohl irgendeiner unter uns, der sich beklagen könnte und sagen: Ich bin versäumt? Auch der Geringste hat seine Gaben von dem Herrn empfangen, und so große, dass er sprechen muss: Ich bins nicht wert, hab's auch nicht verdient. Dass wir nicht mehr in der Finsternis des Heidentums leben, sondern versetzt sind in das Reich unsers Herrn Christi, wo wir mit allen Andern Einen Glauben, Eine Liebe und Hoffnung haben; wo wir Gott erkannt haben, dessen Kinder wir geworden sind, und haben jeden Tag, jede Stunde einen freien Zutritt zu ihm, ist das nicht eine allen ohne Unterschied zu Teil gewordene Gnade? Steht der Unterste im Himmelreiche nicht höher als der Oberste in der Heidenwelt? Ein Sokrates unter den Griechen hat die Erkenntnis nicht gehabt, die eine christliche Magd, ein christlicher Tagelöhner hat. Halte sich doch keiner für zurückgesetzt! Jeder hat sein Reich, worin er mit seinen Gaben herrscht. In deinem Hause wenigstens bist du Amtmann, Bischof, Prophet, Evangelist, Lehrer ach, dass du nur wolltest nach Gottes Willen diese Ämter verwalten! Wer Christum seinen Erlöser, wer Gott seinen Vater, wer den Heiligen Geist seinen Tröster nennen kann; wem die Vergebung der Sünden, der schöne Gottesfriede, die Verheißung des ewigen Lebens zu Teil geworden ist, der missgönne keinem Andern das höhere Maß seiner Gaben. Das ist nicht die höchste Gabe, dass Jemandes Erkenntnis leuchtet wie der Morgenstern, und dass er einen großen Namen hat und ein hohes Amt bekleidet; nein, einen kindlichen Glauben haben und eine herzliche brüderliche Liebe, das ist das Höchste, und dies Höchste kann Jeder erlangen.

2.

Wem aber verdanken wir diese Gaben, die wir als Christen besitzen? Das ist das Zweite, worauf uns der Apostel verweist. Der Geber ist kein anderer als Christus, der sie uns erworben hat durch seinen Todeskampf auf Erden. Von ihm als dem Geber zeugt schon das Alte Testament. Darum heißt es: Er ist aufgefahren in die Höhe, und hat die Gefangenschaft gefangen geführt, und hat den Menschen Gaben gegeben. Wo finden wir dies Zeugnis? Im 68sten Psalm, wo Jehova, der Gott Israels, der vor seinem Volke herzog in der Wüste, gepriesen wird als Sieger über alle seine Feinde. „Du, heißt es V. 19, du steigst zum hohen Sitz, führest Gefangene, empfängst Opfer-Gaben unter den Menschen.“ So redet der Sänger im Bilde von Gott als einem triumphierenden Feldherrn, der vom Schlachtfelde heimkehrend die gefangenen Feinde gefesselt vor sich herführt, und von allen Seiten mit Jubel begrüßt wird. Jene Psalmworte nun werden zugleich auf Christum gedeutet. Der dem alttestamentlichen Israel den Sieg verschaffte, ist das nicht derselbe Gott, der auch dem neutestamentlichen Israel siegen half über alle seine Feinde? Ja, der Gott Israels ist auch der Gott und Vater unsers Herrn Jesu Christi, und die großen Siegestaten Gottes zur Zeit des Alten Testamentes sind nur Vorboten und Vorläufer der in Christo von Gott vollbrachten Taten. Hier hat er sich von Neuem und mehr als je an seinem Volke verherrlicht; hier wie dort ist er siegreich aufgestiegen in den Himmel; hier wie dort hat er die Gefangenen vor sich hergeführt, nicht Fleisch und Blut, sondern Sünde, Tod, Teufel, oder, wie Paulus spricht (Kol. 2, 15): er hat entwaffnet die Fürsten und Gewaltigen und sie öffentlich zur Schau gestellt und einen Triumph aus ihnen gemacht; hier wie dort hat er Gaben unter den Menschen empfangen, nicht mehr Opfer wie zur Zeit des Alten Testaments, sondern die Seelen aller derer, die er erlöst hat, erworben, gewonnen mit seinem heiligen, teuren Blut: dieselbigen sind ihm gegeben worden zu einem Opfer, ihm geweiht mit Herz, Mut, Sinn und allen Kräften. Diese Gaben, die ihm Gott verliehen, sind es nun auch, denen er himmlische Gaben verleiht, er kann nur denen geben, die ihm zuvor sein Vater gegeben hat, daher das „Gaben empfangen“ bei unserem Erlöser gleich ist dem „Gaben geben“. Wem verdanken wir also alle die geistlichen Gaben, die wir als Christen haben? Dem großen Gott, der schon zu der Väter Zeiten als Sieger zum hohen Sitze stieg, und der zu unserer Zeit in Christo den Sieg vollendet hat und aufgestiegen ist in den Himmel aller Himmel.

Nun aber bedenkt, liebe Christen, welchen Kampf es unserem Erlöser gekostet hat, uns die himmlischen Gaben des Geistes zu erwerben. Ging nicht seiner Auffahrt in den Himmel seine Abfahrt in die tiefsten Leiden dieser Erde voran? Das „er ist aufgestiegen“, was ist es anders, als dass er auch vorher herabgestiegen ist in die niederen Örter der Erde? Das ist's was unser Bekenntnis sagt: „Geboren von einer Jungfrau, gelitten, gekreuzigt, gestorben und begraben“, oder, mit der Schrift zu reden (Phil. 2); Ob er wohl in göttlicher Gestalt war, hielt er es nicht für einen Raub, Gott gleich sein, sondern äußerte sich selbst, und nahm Knechtsgestalt an, ward gleich wie ein anderer Mensch, und an Gebärden als ein Mensch erfunden; er erniedrigte sich selbst, und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuze. Dieser Christus, der also herabgestiegen ist in die tiefste Erniedrigung, der ist es auch, der aufgestiegen ist, nicht nur über den Himmel, der zunächst die Erde umgibt, sondern auch über den Sternenhimmel, kurz über alle weltlichen Räume über uns, in den Himmel aller Himmel, auf dass er mit seinem Geiste und mit den Gaben seines Geistes Alles erfüllte. Denn wie er nicht über Alles erhöht werden konnte, ohne dass er zuvor unter Alle sich erniedrigte, so konnte er wiederum uns nicht segnen, bevor er aus den Schranken seines irdischen Lebens herausgetreten und von Gott gesetzt war zum Haupt der Gemeinde über Alles, wie er auch selber zu seinen Jüngern sprach (Joh. 16): Es ist euch gut, dass ich hingehe. Denn so ich nicht hingehe, so kommt der Tröster nicht zu euch. So ich aber hingehe, will ich ihn zu euch senden. Warum nun weist uns der Apostel, da er von den geistlichen Gaben redet, auf diesen himmlischen Geber hin? Dass Keiner sich beklagen möge, als sei ihm zu wenig verliehen, sondern wir alle voll Lobes und Dankes sein sollen gegen den, der uns unsern geistlichen Schatz durch den härtesten Kampf und durch die tiefste Erniedrigung erworben hat. Jegliche Gabe, die uns verliehen ist, selbst jedes kindliche Vaterunser, das wir beten, weist uns hin auf den teuren Erlöser, wie er um unsertwillen arm ist, damit wir durch seine Armut reich werden, wie er in Knechtsgestalt einhergeht, damit er uns Allen diene; wie er mit Todesangst ringend in Gethsemane auf seinen Knien liegt, und die Dornenkrone auf dem Haupte trägt und ein Fluch für uns am Kreuze wird. Wolltest du murren, dass du nicht bist, was Andere sind, und nicht hast, was Andere haben, so stelle dich doch neben deinen Erlöser, wie er in Knechtsgestalt, arm und leidend seinen Weg durchs Leben geht von der Krippe bis zum Kreuz: wärest du nicht der undankbarste Mensch, wenn du noch irgendwie klagen, murren, und nicht vielmehr ihn auf den Knien preisen wolltest für den Segen an himmlischen Gaben, den du seinen Kämpfen verdankst? Wisse denn, dieser Christus, der nach seinem Kampfe Gott versöhnt hat in den Himmel, der ist es, der nach seiner göttlichen Liebe und Weisheit die Gaben unter uns verteilet, mögen sie klein sein oder groß; der ist es, der Etliche weit über uns erhoben hat nach dem Maß der ihnen verliehenen Gaben, mögen sie Apostel oder Propheten heißen oder welchen Namen sonst sie führen.

3.

Und warum hat er sie vorgezogen, wenn es anders ein Vorzug ist? Lasst euch, drittens, noch auf den Zweck der geistlichen Gaben hinweisen. Wisst denn, die über uns zu stehen scheinen, die stehen in Wahrheit unter uns. Denn nicht darum hat der Herr sie mit sonderlichen Gaben ausgestattet, dass sie sollten unsere Herren sein und einen großen Namen haben vor der Welt, und Ehre und Bewunderung von den Menschen einernten. Nein, Christen, sind wir Alle Glieder des Leibes Christi, so sind ja auch die Gaben uns dazu verliehen, dass wir Einer dem Andern damit dienen, gleichwie das Auge da ist, dass es des Leibes Licht, und der Fuß, dass er des Leibes Träger sei. Warum nun hat der Herr uns Allen Gaben verliehen, Etlichen aber ganz besondere Gaben? Zur Zubereitung der Heiligen für das Werk der Dienstleistung, mit andern Worten: dass wir Christen, die wir ja als Heilige ganz und gar unserem Gotte leben sollen, tüchtig würden und immer tüchtiger, einander zu dienen, ein jeglicher mit der Gabe, die er empfangen hat. Dazu sollen die hohen Gaben dienen, und so mittelbar zur Erbauung des Leibes Christi. Was ist doch die Kirche Christi anders als eine Sammlung der Heiligen, eng unter sich und mit ihrem Erlöser verbunden wie die Glieder eines Leibes, von denen der Herr will, dass sie Alle sollen fleißig sein zu guten Werken, nämlich zu solchen Werken, dadurch sie in brüderlicher Liebe einander dienen, und so das Wachstum, wie der Einzelnen, so des Ganzen fördern? Je mehr also Jemand von dem Herrn empfangen hat, desto mehr ist er aller Übrigen Knecht. Seine Gaben und Vorzüge sollen nicht ein Spiegel sein, vor den er sich stellt, um Wohlgefallen an sich selber zu haben, sondern wie ein Licht sollen sie sein, das sich selbst verzehrt, indem es Andern leuchtet; das fordert Gott, und wird dereinst von Jedem Rechenschaft fordern wegen des Gebrauchs, den er von seinen Gaben gemacht. Wir blicken mitunter mit Missmut und Neid auf die hin, welche Gott entweder durch irdische oder geistliche Gaben bevorzugt hat. Wer möchte nicht die Schätze eines Salomo, wer nicht die Geistesgaben eines Paulus besitzen? Aber möchtest du auch wie Paulus dreimal vierzig Streiche empfangen weniger eins, und wie er gesteinigt und zuletzt enthauptet werden? Das hat er leiden müssen um seiner Gaben willen, womit er im Dienste seines Erlösers stand. Glaub es mir, mein Christ, wo große Gaben und Güter sind, die christlich verwaltet werden, da ist auch große Last, wie jener König sagte: Wüsste man, wie schwer eine Königskrone ist, man würde sie nicht aufnehmen, wenn sie auf der Erde läge. Es hat einen vornehmen Klang, wenn der Eine ein Millionär heißt, der Andere ein Amtmann, der Dritte ein Bischof oder gar Apostel: aber wenn's selbst nur ein Hirte oder Lehrer ist, so hängt an solchen Gaben und Ämtern eine Verantwortung, die jeden, der sie aus den Augen setzt, mit seinen Gaben und Gütern in die Hölle bringen wird. Je mehr du empfangen hast, desto mehr wird von dir gefordert, der jüngste Tag wird's lehren; darum wünschest du dir nur eine größere Arbeit und eine größere Verantwortung, wenn du dir mehr Gaben und Güter wünschest von dem Herrn. Sei zufrieden, ob du gleich nur ein einfacher Hausvater wärest oder ein Knecht oder eine Magd, von dem Herrn ausgestattet mit christlichem Sinn und mit der Kraft, Andern zu dienen durch dein Wort, dein Beispiel, deiner Hände Werk. Bist du treu, so wird der Herr dich einst über Vieles setzen.

Nimmer aber vergiss, wozu die mancherlei Gaben dienen sollen, die wir empfangen haben. Zur Förderung des Wohles der Gemeinde, bis dass wir alle gelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum reifen Manne, zum Altersmaße der Fülle Christi. Das ist das höchste Ziel, wohin die Verteilung der mancherlei Gaben des Geistes und das Zusammenwirken Aller führen soll. Die Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit, wie groß sie auch ist, muss doch wieder einer höheren Einheit dienen. Welcher Einheit? Der Einheit des Glaubens, spricht der Apostel. Zwar haben wir als Christen schon Einen Glauben, weil wir nur Einen Gott und Vater unsers Herrn Jesu Christi haben, zu dem wir uns alle bekennen, wie auch der Apostel gesagt hat: Ein Herr, Ein Glaube, Eine Taufe. Aber welche Verschiedenheit findet dennoch innerhalb dieses Einen Glaubens statt, von der hellen Erkenntnis eines Apostels herab bis zum schwachen Glaubenslicht eines rohen Skythen; von der felsenfesten Überzeugung eines Petrus herab bis zur Glaubensschwäche eines auch der geringsten Versuchung kaum gewachsenen Christen; von der innigen Christusliebe eines Johannes herab bis zu jenem Herzen, das zwischen der Welt und Christus hin und her schwankt! Wir sind zwar Alle Bäume, durch die Taufe gepflanzt in das Reich Gottes; aber welcher Unterschied ist zwischen einem grünen Lorbeerbaum und dem kleinen Gestrüpp, das auf einem nordischen Felsen steht! Womit sollen wir die Kirche Christi vergleichen, wenn wir daran denken, wie schwach noch bei Millionen die Erkenntnis und mit der Erkenntnis die Liebe und die Treue gegen Christum ist? Ein Kind muss sie heißen, ein schwaches Kind, dem noch viel fehlt, bevor es herangereift ist zum Manne, und das volle Maß des Alters erreicht hat, welches besteht in der Fülle Christi, deren schon erwähnt ist Kap. 3, V. 19. Erst wenn Christus Alles in Allen ist, gleichwie der Geist alle Glieder unseres Leibes auf gleiche Weise durchdringt und beherrscht: erst dann sind wir der vollkommene Mann, erst dann ist unser Ziel erreicht. Kann es erreicht werden im Diesseits? Ach, Lieben, der Apostel macht keinen Unterschied zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Zeit und Ewigkeit. Wer in Christo Jesu ist, für den sind beide, Zeit und Ewigkeit, Himmel und Erde, in einander gegangen; er führt sein Leben nicht mehr im Diesseits, und es ist nur eine Ortsveränderung, die er im Tode erfährt. Ein Ungläubiger will nichts wissen von einem Jenseits, ein Christ nichts wissen von einem Diesseits. Diesseits leben nur noch die Unbekehrten; aber die bekehrt und von Neuem geboren sind, die sind gestorben, und stehen mit ihrem Leben schon mitten in der Ewigkeit. Daher lasst uns unsere Arbeit, unser Werk nicht hinstehen lassen auf künftige Tage, sondern es treiben, als wäre das Ziel schon morgen zu erreichen. Dazu aber stattet der Herr uns Alle mit Gaben und Kräften aus, dass wir arbeiten sollen an der Einheit des Glaubens und Erkennens. Dazu soll dienen das christliche Hausvater-Amt, dass durch dich, lieber Hausvater, alle, die in deinem Hause sind, mit dir zu gleicher Erkenntnis Christi gelangen. Dazu das christliche Lehramt an den Schulen, an den Kirchen, an den Gymnasien, an den Universitäten, nicht dass Jeder seine Schüler oder Hörer führe, wie und wohin es ihm beliebt, sondern dass allüberall auf den Lehrstühlen das gleiche Licht der Erkenntnis Christi brenne. Wehe denen, die es vergessen, dass sie Diener Christi sind, der ihre Gaben ihnen verliehen hat, dass sie die Seinigen sollen zur Altersreife führen helfen, und dazu mitwirken, Jeder nach dem Maß seiner Kraft, dass Alle erfüllt werden von dem Herrn.

So, liebe Christen, haben wir die mannigfaltigen Gaben in der Kirche anzusehen. Gaben sind sie, von denen Keiner ausgeschlossen ist, der an Christum glaubt; die alle von dem großen Geber kommen, der sie uns erworben hat durch harten Todeskampf und jetzt als der zur Rechten Gottes Erhöhte austeilet, wie er will; Gaben endlich, die wir nicht als eine Angel nach weltlicher Ehre auswerfen, sondern zum Segen der Gemeinde brauchen sollen, eingedenk des hohen Zieles, dem wir alle entgegenreifen.

Was wir Christen Gutes haben,
Ist Geschenk aus deiner Hand,
Teurer Heiland, deine Gaben
Sind es, deiner Liebe Pfand.
Lass in Eintracht und in Frieden
Jeden, frohen Dankes voll,
Deine Gaben uns hienieden
Brauchen zu der Brüder Wohl!

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