Kähler, Carl Nikolaus - Auslegung der Epistel Pauli an die Epheser in 34 Predigten - Neunzehnte Predigt

Zu einem Christen gehört Zweierlei. Er muss sein wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit. Was am Baume die Wurzel ist, das ist am Christen der Glaube, womit er in Christum gewurzelt ist und aus Christo Nahrung, Kraft, Leben bekommt. Aber der Baum geht nicht bloß in die Tiefe, sondern auch in die Höhe, und was am Baume Stamm, Zweige, Blüten, Blätter, Früchte sind, das ist am Christen das Leben mit seinen Werken. Dies Äußere soll nicht sein ohne das Innere, der äußere Wandel nicht ohne den Glauben. Wenn du auch unsträflich lebtest vor der Welt, wärest ein treuer Arbeiter, ein sorgsamer Hausvater, ein dienstfertiger Nachbar, ein mildtätiger Geber, aber dein Herz hätte keinen Glauben, dein Glaube keinen Christum, so möchte dich immerhin die Welt loben, aber Gott lobte dich nicht, denn du wärest ein Baum ohne Wurzel. Wiederum, wenn du sprächest: Ich glaube, und jedes dritte deiner Worte wäre „Herr, Herr“, aber dein Glaube hätte nicht die Liebe, und deine Liebe nicht die guten Werke, so wärest du ein Baum ohne Blüte und Frucht. O lass es doch deine Sorge sein, mein Christ, dass Beides allezeit beisammen sei. Wie nachdrücklich werden wir daran erinnert in der Schrift! Lies von den Episteln Pauli, welche du willst, so fängt sie gemeiniglich mit dem Glauben an und von Christo, mit dem wir durch den Glauben verbunden sind, dann aber, im zweiten Teile der Epistel, ermahnt der Apostel mit aller Kraft, dass wir unsern Glauben beweisen sollen in guten Werfen. So auch in der Epistel an die Epheser. In den drei ersten Kapiteln handelt er von der Gnade Gottes, allen, sowohl den Heiden als den Juden, bewiesen in Christo Jesu, und bittet Gott um Stärkung des Glaubens und der Erkenntnis für die Christen. In den drei legten Kapiteln nun aber redet er von der Gestalt, die der Glaube dem Leben der Christen geben soll. Da ist von dem Frieden die Rede, der sie unter einander verknüpfen, da von der Heiligung, die sie von allen Lastern abziehen und in allem Guten befestigen soll; da zeigt er uns die Gestalt eines christlichen Hausstandes, und zeigt uns die Waffen, womit wir als Streiter Christi kämpfen sollen wider unsern Feind. Hört heute den Anfang der apostolischen Ermahnung zu einem christlichen Leben.

Ephes. 4, V. 1-6: So ermahne nun euch ich Gefangener in dem Herrn, dass ihr wandelt, wie sich's gebühret eurem Beruf, darin ihr berufen seid, mit aller Demut und Sanftmut, mit Geduld, und vertraget Einer den Andern in der Liebe, und seid fleißig zu halten die Einigkeit im Geist, durch das Band des Friedens. Ein Leib und Ein Geist, wie ihr auch berufen seid auf einerlei Hoffnung eures Berufs. Ein Herr, Ein Glaube, Eine Taufe. Ein Gott und Vater unser aller, der da ist über euch alle, und durch euch alle, und in euch allen.

Was ist doch das für ein Mann, aus dessen Munde wir diese Ermahnung hören? Er bezeichnet sich selbst als einen Gefangenen im Herrn. Er trug die Fesseln, die der Herr ihm angelegt, und trug sie mit aller Freudigkeit und Hingebung in den Willen seines teuren Erlösers. So erkennen wir also in dem Apostel einen Mann, der nicht bloß mit Worten zu ermahnen weiß, sondern auch in seinem Wandel uns ein Vorbild des christlichen Lebens gibt, daher er auch spricht (Phil. 3, 17):

Folget mir, lieben Brüder, und seht auf die, die also wandeln, wie ihr uns habt zum Vorbilde. Und das will auch hier der Apostel sagen: der euch ermahnt, der ermahnt euch nicht nur mit seinem Wort, sondern auch mit seiner Tat. Wozu? Zunächst zur brüderlichen Eintracht. Hatte die mannigfaltige Weisheit Gottes Juden und Heiden zu Einem neuen Menschen verbunden: woran musste dem Apostel, der von dieser Einigung zuvor geredet hatte, mehr liegen, als dass die Gemeinde dies von Gott geknüpfte Band nicht durch eigene Schuld wieder zerreiße oder von Andern zerreißen ließe. Nun, Christen, die Ermahnung ist auch an uns gerichtet. Einer unserer größten Feinde ist der Geist der Zwietracht, der nicht nur die Glieder der Familie, sondern auch die Gemeindeglieder, ja Gemeinde von Gemeinde, Kirche von Kirche zu trennen sucht. Sein Wahlspruch ist: Divide et impera, Trenne sie und so herrsche über sie! Sei denn, unserem Texte gemäß, die Rede

von der christlichen Eintracht in der Gemeinde.

Gewissermaßen wie einen Baum stellt der Apostel diese Eintracht vor uns hin, indem er uns ihre Wurzel zeigt, ihre äußerliche Gestalt und ihre Krone.

Öffne uns Gott die Augen, dass wir diesen schönen Baum kennen und liebgewinnen lernen!

1.

Worin alle christliche Tugend, darin hat auch insbesondere die Eintracht ihre Wurzel. Der Apostel hält uns unsern Beruf als Christen vor, und fordert uns auf, dieses Berufes würdig zu wandeln. Wandelt würdig des Berufes, darin ihr berufen seid. Darf unser Weg, den wir gehen, noch derselbe sein, der er war, ehe wir den heiligen Ruf kannten, der uns in das Reich Gottes brachte? O, erinnert euch an das, was der Herr selber sagt, dass es zwei Hauptwege auf Erden gibt, einen breiten, der zur Verdammnis, einen schmalen, der zum ewigen Leben führt. Nun frag' ich euch: was seid ihr, was wollt ihr sein, Kinder Gottes oder Kinder der Welt? Wollt ihr das Letztere, so ist alle Ermahnung des Apostels vergeblich, so kehrt ihr euch nicht an das, was Gott will, sondern folgt dem großen Haufen der Sünder, welche leben nach ihres Vaters, des Teufels, Lust und Willen. Ihr seid dann nach Herz, Sinn und Wandel nicht Christen, sondern Heiden, wenn gleich euer Name im Taufregister steht. Aber der Apostel redet zu Christen, die von Gott gerufen und auch gefolgt sind diesem Rufe. Was dich, da du noch ein in Sünden verlorener Mensch warst, stille stehen, in dich schlagen und umkehren hieß; was dich auf dem Wege der Reue und Buße zu Christo führte, von dem du als ein Mühseliger und Beladener Gerechtigkeit, Frieden, Leben, Trost und Hoffnung empfingst; was dich aus der alten Welt der Sünde in die neue Welt der christlichen Frömmigkeit brachte und dich selbst aus einem alten Menschen zu einem neuen Menschen machte, das war der Ruf nicht irgend eines Menschen, sondern der Ruf des heiligen Gottes, der dich von der Bahn der Sünde auf die Bahn der Gerechtigkeit führte. Wie hast du dich nun als dieser von Gott Berufene anzusehen? Als einen Hausgenossen Gottes, als einen Bürger des Himmelreichs, der in der Welt ein Fremdling und Pilgrim ist. Dein Weg, den du zu wandeln hast, ist nun nicht mehr der breite Sündenweg, sondern der dir im Evangelio gezeigte schmale Pfad, auf dem der Herr selbst und nach ihm Paulus und alle Heiligen Gottes vorangegangen sind. Auf dem musst du dich finden lassen, und weder rechts noch links von ihm abtreten, sondern auf ihm bleiben und munter vorwärts gehen und laufen und nachjagen dem vorgesteckten Ziel, welches dir vorhält die himmlische Berufung in Christo Jesu (Phil. 3). Da heißt es nun: Wandele würdig deines Berufs, was du nicht tätest, wenn du Gottes, wenn du Christi Namen, wenn du deinen eigenen Christen-Namen schändetest durch Bösestun. Ein Kind der Welt ist vorsichtig, dass es sich nichts vergebe vor der Welt, und in Wort und Tat nicht seiner eigenen Ehre und Reputation irgendeinen Abbruch tue. Ach, wie wurmt es den natürlichen Menschen, wenn er sich irgendeine Blöße gegeben hat! Mein Christ, lerne von den Kindern der Welt. So zart diese ihren eigenen Namen behandeln, so zart behandele du den Namen deines Erlösers, dass all dein Reden und Tun ihn ehre, nimmer aber verunehre. Bekennst du dich zu Christo, so zeige, dass du Christi bist; berufst du dich auf das Evangelium, so möge das Evangelium sich wiederum auf dich berufen und sagen: Seht den Christen an, der ein lebendiges Licht ist, das ich angezündet habe. Eine glühende Kohle im Herzen sei es dir, wenn du je durch ein Wort oder ein Werk der Sache deines Erlösers Schaden tust; dagegen deine Lust und Freude, dass das Evangelium, dass Christus, dass der Vater Ehre von dir habe, gleichwie die prangende Saat auf dem Felde den Landmann ehrt, denn sie zeuget immer und allenthalben von seiner Arbeit und von seinem Fleiß.

Siehe, so zeigt uns der Apostel unsern heiligen Beruf und fordert einen dieses Berufes würdigen Wandel. Aber worin sollen wir nun diesen Wandel beweisen? Darin namentlich, dass wir, was unsere kirchliche Gemeinschaft betrifft, uns einander tragen in Liebe. Aber das kann nur geschehen, wenn wir von Herzen demütig, sanftmütig und langmütig sind, daher es heißt: wandelt mit aller möglichen Demut und Sanftmut, mit Langmut. Ja, das ist die rechte Wurzel eines friedlichen Lebens in der Gemeinde. Der Apostel zeigt, dass er das Herz der Menschen, und die Wurzel jeder Tugend, wie jeder Sünde kennt. Woher aller Streit, aller Hass, Rache, Feindschaft, Verfolgung unter den Menschen? Es kommt alles aus dem Herzen, das von Natur voll von Hochmut, Zorn und Ungeduld ist. Der Hochmütige, der sein eigenes Ich vergöttert und zum Maß aller Dinge macht, kann keine Kränkung, keinen Widerspruch noch irgendetwas vertragen, das seiner eingebildeten Einsicht und Ehre zuwider ist. Darum fährt er auf, wenn Jemand auch nur mit einer Nadelspitze ihn berührt, gerät in Zorn, und ob er auch eine Weile stille wäre, so ist's doch bald aus mit seiner Geduld, und er bricht dann los wie ein Löwe in seinem Grimm. Das ist die kurze Geschichte der meisten Feindschaften und Kriege in den Häusern, in der Gemeinde, in der ganzen Kirche. Wie ist diese Krankheit zu heilen? Wisse, nur Christus kann aus dem Löwen, der in dir ist, ein Lamm, und aus dem Geier eine Taube machen. Er bringt Demut in dein Herz, und als ein Demütiger bist du deiner eigenen Irrtümer, Sünden, Schwächen eingedenk, gleich dem Zöllner, der auch nicht seine Augen aufzuschlagen wagte, sondern niederblickte und sprach: Gott sei mir Sünder gnädig! Wirst du nun noch auffahren, toben, wüten, wenn ein Widersacher dir gegenübertritt? Nein, die Demut ist die Mutter der Sanftmut, die mit stillem Geiste das Unrecht trägt, und nicht sinnt, wie sie Böses mit Bösem vergelten, sondern vielmehr, wie sie feurige Kohlen auf das Haupt ihres Feindes sammeln möge. Und selbst wenn sie siebenmal, ja siebenmal siebzigmal verletzt, gekränkt, beleidigt würde, so bricht sie nicht hervor, sondern kehrt in sich selber ein, und eingedenk der zehntausend Pfund, die sie Gott schuldig ist, würgt sie den Nächsten nicht um der hundert Groschen willen, die sie von ihm zu fordern hat. Sie hat den Mut, dies Alles zu ertragen, denn Mut gehört dazu, dem alten Adam zu widerstehen, der uns immerdar aufhetzt wider den Nächsten, selbst wenn wir in unserer stillen Kammer sind. So sei denn demütig, mein Christ, sei sanftmütig, und insbesondere hebt der Apostel noch die Langmut hervor, weil er weiß, wie leicht auch ein sonst demütiger und sanftmütiger Christ sich vergisst und am Abend nicht mehr ist, was er am Morgen war. Gewiss, je mehr du dich selber kennen lernst, und je mehr du dich ausrüstest mit Demut, vor Gott, dass du seiner unendlichen Langmut eingedenk bist, die er dir bewiesen hat; vor dir selbst, dass du immer mäßig von dir hältst, und nicht mehr nach hohen Dingen trachtest, sondern dich herunter hältst zu den Niedrigen (Röm. 12); vor deinem Nächsten, dass du ihm mit Ehrerbietung zuvorkommst und ihn höher achtest denn dich selbst (Phil. 2); je mehr du diese Demut und ihre Töchter, die Sanftmut und die Langmut, walten lässt in allen Bewegungen deines Herzens, in allen deinen Blicken und Gebärden, in allen deinen Worten und Werken, desto fester steht bei dir der Baum, der den Namen Eintracht führt.

2.

Und welche Gestalt hat nun dieser Baum, der in der christlichen Gemeinde blühen und Früchte tragen soll? Das, spricht der Apostel, ist die Eintracht, dass wir uns einander tragen in Liebe. tragen, mein Christ!

Ach, wie viel gibt's doch für dich zu Schon dass du nicht bist und hast, was Andere sind und haben, mit welchem Gewicht drückt das auf dein Herz! Der Apostel denkt vornehmlich an das verschiedene Maß der geistlichen Gaben, die Gott an die Christen verteilt. Bei Vielen leuchtet der Geist wie eine Sonne und verdunkelt Alles, was um ihn ist, wie kleine Sterne. Das Wissen, die Erkenntnis, wie verschieden sind sie bei uns Christen! Wie stark ist der Glaube bei Dem, wie schwach bei Jenem! Wie scheint der Herr den Einen vorzuziehen, indem er ihm Amt, Ehre, Macht und Gewalt verleiht, während die Namen von Hunderten neben ihm kaum genannt werden! Das sollst du tragen, der du so wenig hast und so wenig bist! Wie leicht kommt da der Neid in dir auf und der Verdruss! Der Mangel ist schon an sich eine schwere Last, aber die Last wird noch zehnmal schwerer durch des Nächsten Fülle und Überfluss. Ein Acker, der spärliche Früchte trägt, wird erst recht nichtig, wenn neben ihm ein gesegneter Acker mit herrlichen Früchten prangt. Wie leicht geschieht es da, dass du Klage führst wider Gott, dass du mit verbissenem Zorn deinem Nächsten gegenüberstehst, dass du zu sein trachtest, was du nicht bist, und zu gelten, was dir nicht gegeben ist. Du möchtest gern, dass der Nächste heruntersänke von seiner Höhe, und möchtest selbst aus einem Monde zu einer Sonne werden. So geschieht's, dass mit aller Erbitterung Einer wider den Andern ist, Katholik wider Protestant, Protestant wider Katholik, Sekte wider Sekte, Mann wider Mann.

Eine andere schwere Last ist die, welche der Starke an dem Schwachen zu tragen hat. Wir haben Schwachgläubige, haben Ungläubige, Irrende, Wankende uns gegenüber, im eigenen Hause, in der Gemeinde. Wie soll ich den Stein heben, der mir hier im Wege liegt! Ach, das Herz möchte oft plagen vor Ungeduld, Zorn, Gift, Galle, wenn es immer und immer, bald mit der Rohheit, bald mit der Unwissenheit, bald mit der zähen Untugend, bald mit dem hartnäckigen Unglauben zu kämpfen hat, der unerschöpflich an Zweifeln und Einwürfen ist.

Ein dritter Mühlstein, den mir der Nächste auf die Schulter legt, ist das vielfache Unrecht, das er mir tut. Er verkennt mich, verkleinert mich, schmäht und verlästert mich, dichtet mir Unlauterkeit der Gesinnung an, wo ich mich rein im Herzen weiß, ist auffahrend, hart, trotzig, unbarmherzig gegen mich. Bin ich auch nicht, wie die Apostel, ein Fegopfer aller Leute, so bin ich doch oft genug der Amboss, worauf der Nächste hämmert und sein Eisen schmiedet. Selbst die mir die Nächsten sind, sind mir oft die Wehesten. Ist's denn nun ein Wunder, dass die Welt, dass selbst die Kirche Christi so voll von Zwietracht und Unfrieden ist? Was gibt es aber für ein Mittel wider dieses Übel? Paulus nennt uns die Liebe: Tragt einander in Liebe. Verwechsle aber diese Liebe nicht mit dem, was Mancher dafür hält. Es ist nicht dies gemeint, dass du es gehen lassen sollst in der Welt, wie es eben geht, und in kalter Resignation und Gleichgültigkeit dich möglichst über Alles hinwegsehen, was dir etwa Übles begegnen möchte. „Lass“ denkt Mancher „die Andern haben und vorstellen, was sie wollen, ich kümmere mich nicht um sie; lass sie mit oder ohne Glauben, mit oder ohne Tugend sein, lass sie glauben, denken, sagen, tun, was ihnen gefällt, mir gilt das gleich; auch was sie von mir sagen und wider mich vornehmen, beachte ich nicht, ich habe eine harte, dicke Haut, und um mich sicher zu stellen, zieh ich mich möglichst von der Welt zurück.“ Nein! das meint der Apostel nicht. Es soll ein wirkliches Tragen sein, da du deinen Nächsten mit allem, was er vor dir voraus hat, auch mit allen Schwächen und Mängeln, die er zeigt, und mit allem Unrecht, das er dir tut, auf deinem Herzen trägst, aber so, dass die barmherzige Liebe, dir dieses Joch sanft macht und diese Last leicht. Das tut die christliche Liebe, die in der Schule des Himmelreichs, da hinein Gott uns gerufen, gelernt hat von Herzen demütig und sanftmütig und geduldig oder langmütig zu sein. Solche Liebe ist nicht missgünstig oder neidisch, sondern freut sich der hohen Gaben Anderer, und dankt Gott, dass er diese Lichter angezündet hat. Solche Liebe tobt und wütet nicht, ob sie auch 50 Jahre mit den Verkehrtheiten der Menschen zu kämpfen hätte, sondern unerschöpflich ist das Maß ihrer Milde, ihrer Freundlichkeit, ihrer Geduld, womit sie das Unkraut der Sünde und des Irrglaubens aus den Herzen der Leute zu vertilgen sucht. Solche Liebe sucht nicht eigene Ehre, daher sie sich auch nicht erbittern lässt, wo ihr Unrecht geschieht, sondern sie denkt, was die Leute mir Gutes oder Böses tun, das tun sie Gott; Gott vergelte ihnen das Gute, und verzeihe ihnen das Böse. Also kann sie tausend Kränkungen ertragen und bleibt doch immer die demütige und sanftmütige Liebe, die sich nicht erbittern lässt. Nicht wahr, Christen, eine Einigkeit in der Gemeinde, die auf solcher Liebe ruht, muss doch wohl gelten für einen Baum von schöner Gestalt? Nehmt denn zu Herzen des Apostels Wort: Tragt einander in Liebe.

Und seid bemüht, fährt er fort, seid fleißig, zu bewahren die Einigkeit des Geistes in dem Band des Friedens. Es ist ja freilich nicht immer möglich, Frieden zu haben und zu halten mit den Menschen. Sagt doch auch der Herr selbst: Ich bin nicht gekommen, Frieden zu stiften, sondern das Schwert. Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden, was wollt' ich lieber, denn es brennte schon! Als der Himmel sich auftat und der Erlöser mit dem Himmelreiche hernieder kam in die verderbte Welt, das war als wenn Feuer mit Wasser sich mischt. Wie kann die Gerechtigkeit Frieden haben mit der Ungerechtigkeit, wie der Heilige Geist mit dem Fürsten der Finsternis, wie Christus mit Belial! Da ist kein Vergleich, kein Vertrag möglich, sondern die eine Partei muss siegen, indem die andere vernichtet wird. So nun auch du, wenn du in der Spur Christi gehst, kannst nicht Frieden halten mit Jedermann; denn der Welt darfst du dich ja nicht gleichstellen, und am fremden Joch mit den Kindern der Welt darfst du nicht ziehen. Du bist ein von Gott angezündetes Licht: kann die Finsternis dies Licht vertragen? Du bist ein göttlich Salz der Erde: kann die Welt das Brennen dieses Salzes dulden, wenn es in ihre Wunden kommt? Darum schließt keinen Frieden mit den Mächten der Finsternis. Aber dennoch bleibt das Wort des Herrn: Selig sind die Friedfertigen! und das Wort des Apostels: Bewahret die Einigkeit des Geistes durch das Band des Friedens. Die Einigkeit des Geistes welches Geistes? des heiligen vom Himmel, wie derselbe sein Werk in uns hat. Lasst euer Herz eine Wohnung dieses Geistes sein, so wird der euch lehren, wo ihr Frieden halten und wo ihr Krieg anfangen sollt. Wenn ich des Geistes teilhaftig bin, der mich mit Gott versöhnt, indem er mich beten lehrt: Abba, lieber Vater, und der so immerdar das Friedenswerk in mir treibt: Fürwahr, dann find' ich schon den rechten Weg, und weiß, wo ich schweigen und wo ich reden, wo ich mich zurückziehen und wo ich Widerstand leisten, wo ich freundlich sein und wo ich schelten soll. Dieser Frieden stiftende Geist leitet mich ebenso sicher auf dem Friedenswege, wie die Sonne den Mond auf seiner Bahn, und die Erde, dass sie nicht auf die andern Planeten stoßen. Immer bin ich dann bemüht und fleißig, soviel an mir liegt Frieden zu halten und Frieden zu stiften. Wenn nun so wir alle, namentlich wir, die wir zu einer christlichen Gemeinde vereinigt sind, den Heiligen Geist in uns wohnen und walten lassen, was wird die Frucht davon sein? Die Einigkeit in der Liebe, die dann den Frieden als ein himmlisches Band um unsere Herzen knüpft. Und das ist der schöne Baum, unter dessen Zweigen die Christen wohnen und Schatten suchen sollen.

3.

Ist denn nun aber diese Einigkeit wirklich da? Wir alle, nah und fern, die wir Christen heißen: sind wir wirklich durch das Band des Friedens mit einander verknüpft? Wenn das wäre, so bestände eine schöne Einheit, ähnlich einem Baume, der eine herrliche Krone hat. Paulus zeigt uns diese Krone und will uns durch das Bild derselben den Frieden recht teuer und wert machen. Er malt uns eine Kirche, wie sie gleichsam das von Gott entworfene Modell ist, wonach er seine Kirche auf Erden baut. Sie ist noch nicht, was sie sein soll, aber eben darum seht hier das Urbild, und trachtet danach, dass ihr nach diesem Bilde euch auferbaut zu einer Friedens- und Eintrachts-Kirche Gottes.

Ein Leib und Ein Geist, beginnt der Apostel. Wollt ihr wissen, wie die christliche Kirche sein soll nach Gottes Willen, so nehmt den Menschen als Gleichnis. Ist der Mensch nicht Einer? Ja, aus wie viel unzähligen Teilen auch sein Leib besteht, die alle ihre verschiedene Gestalt, ihren verschiedenen Ort, ihre verschiedene Verrichtung haben, so sind sie doch alle verbunden zu Einem harmonischen Ganzen, wo Ein Teil für alle ist und alle für Einen. Ist's aber bloß Fleisch, woraus der Mensch besteht? Nein, alle Glieder stehen unter der Herrschaft des Geistes, der, wie verschieden und mannigfaltig auch seine Kräfte und Wirkungen sein mögen, ebenfalls Einer ist und als dieser Eine den ganzen Leib regiert. Seht, zu solcher Einheit will Gott die unzähligen Menschen verknüpfen, die auf Erden sind. Wer sie auch sind, ob Juden oder Heiden, so macht er sie zu Einem neuen Menschen durch das Band des Friedens, und regiert sie durch seinen Heiligen Geist, den er über sie ausgießt, dass derselbe in ihnen wohne und in ihnen herrsche und aller Menschen Sinne, Gedanken, Worte, Werke regiere. Dies Einigungswerk hatte er schon begonnen in Israel; als aber das Wunder am Pfingstfeste geschah, da vollends wurde Gottes Wille offenbar in der ersten christlichen Gemeinde, von der es heißt: Sie waren alle Ein Herz und Eine Seele (Apg. 4). Christen, seid ihr des Namens würdig, den ihr nach Christo führt, wenn ihr, wie verschieden ihr auch seid nach Alter, Kraft, Gaben, Stand und Erkenntnis, nicht gleichwohl euch verbunden wisst durch den Einen Heiligen Geist, der euch berufen, erleuchtet, geheiligt und zu Einem neuen Menschen verbunden hat? Und nicht nur soll diese eure Verbindung dauern bis ans Grab, sondern wie ihr Eins seid auf Erden, so sollt ihr Eins bleiben in alle Ewigkeit, wie ihr denn berufen seid in Einer Hoffnung eures Berufs. Denn ist es nicht so, dass, wie des Fisches Element das Wasser, und des Vogels Element die Luft ist, worin er lebt und sich bewegt, so der Christen Lebenselement die Hoffnung ist, die keinen Tod, kein Sterben kennt, sondern zu uns spricht: Gestorben seid ihr schon, den Tod habt ihr hinter euch, und euer Leben, dass mit Christo in Gott verborgen ist, wird einst auch mit Christo offenbar werden in Herrlichkeit? Ist es nicht so, dass derselbe Geist, der euch zu Einem Leibe macht, den er in allen seinen Bewegungen regiert, zugleich das Pfand und Siegel eurer Hoffnung ist durch die kindliche, freudige Zuversicht, womit er euch erfüllt?

Nun aber sagt: wessen ist dieser Geist und zu wem führt er euch? Es ist der Geist unsers Herrn Jesu Christi, und zu dem führt er euch auch. Da zeigt sich uns nun ein zweites schönes Band, das uns verknüpft: Ein Herr, Ein Glaube, Eine Taufe. Es ist ja dein Herr, unter dem du stehst, nicht verschieden von meinem Herrn, und unser beider Herr nicht verschieden von dem Herrn aller Christen auf der ganzen Erde. Christus gestern und heute und derselbe in alle Ewigkeit. Nun, zu diesem Einen Christus führt uns eben der Heilige Geist, und will, dass alle, die seinen Namen bekennen, Trauben und Reben an diesem Weinstock seien. So soll denn das ist Gottes Wille die Christenheit in ihrer Vereinigung mit Christo Ein großer Weinstock sein, mit unzähligen Reben und Trauben, die ihre Gestalt, Leben, Kraft, Fülle aus Ihm nehmen, in dem die ganze Fülle der Gottheit wohnt. Mag dieser unser Herr immerhin vor den Augen des Leibes verborgen sein, so wissen wir doch, dass er nicht nur über, sondern auch bei uns ist alle Tage, und seine Kirche regiert, wie ein Steuermann sein Schiff, oder wie das Haupt den Leib regiert. Wir wissen das in unserem Glauben, der das Band ist zwischen ihm und uns, und der Herr hat sogar ein Siegel dieses Bundes gegeben, die heilige Taufe, dies äußerliche Zeichen oder Losung, die uns absondert von der Welt, dass wir dabei erkannt werden als ein Volk Christi, unsers Herzogs, unter dessen Panier (welches ist das heilige Kreuz) wir stetig streiten wider die Sünde.“ Wir könnten noch andere Bande nennen, die uns an unsern Erlöser knüpfen: das heilige Abendmahl, wo wir alle von Einem Brot essen und trinken aus Einem Kelch, um uns zu stärken in unserer Gemeinschaft unter einander und mit ihm; dann das Evangelium, diese Stimme Christi, womit er uns jeden Sonntag zusammenruft; aber es sei genug an dem, wodurch wir Eine Herde geworden sind unter dem Einen Hirten, welches ist innerlich der Glaube, äußerlich die Taufe.

Ist nun das Bild von der Christen Einheit vollendet? Sind wir alle Ein neuer Mensch, durch den Heiligen Geist ewig verbunden unter Christo, unserem Herrn, zu dem wir uns bekennen im Glauben, und dessen Siegelring wir tragen in der Taufe: was fehlt unserer Gemeinschaft noch? Aber wir müssen auch noch des lieben Vaters im Himmel gedenken, dessen Kinder wir geworden sind durch Christum. Ein Gott und Vater Aller, spricht der Apostel. Warum wird der Vater zuletzt genannt, da er doch aller Dinge Urheber und von ihm auch der Sohn und der Heilige Geist ausgegangen ist? Ja, wenn wir wollten das Wesen Gottes beschreiben, wie er an sich ist, so musste wohl Gott Vater voranstehen; aber sehen wir darauf, wie das Band der Einheit geknüpft worden ist zwischen Gott und uns, so muss die Ordnung bleiben, wie wir sie in unserem Texte finden; denn Niemand kommt zum Vater denn durch Christum, und Niemand kann Christum einen Herrn nennen, ohne den Heiligen Geist. Man hört wohl manchmal in der Welt reden von einem Gott-Vater, wobei des Sohnes nicht gedacht wird, auch nicht des Heiligen Geistes; aber was es mit einem solchen Gott-Vater-Glauben auf sich hat, das sehen wir an Tausend Menschen unserer Zeit, die, weil sie nicht an Christum glauben und ihr Herz nicht die Wohnung seines Geistes ist, auch den Vater nicht gefunden haben, und, falls sie im Unglauben verharren, ihn auch in Ewigkeit nicht finden werden.

Wir aber, die wir glauben, wissen uns verbunden mit dem dreieinigen Gott, und ist nun in diesem Betracht kein Unterschied unter uns, wir mögen aus der Heiden- oder Judenwelt zu ihm gekommen sein. Was uns sonst auch äußerlich oder innerlich scheiden mag, so verknüpft uns doch Alle das Band der innigsten Gemeinschaft mit dem Einen Gott, der über Allen und durch Alle und in Allen ist. O, es ist schon viel, dass wir uns verbunden wissen unter Einem Vater, der nach seiner Liebe, Weisheit und Gewalt über uns alle erhaben ist. Ihn bekennen wir als unsern Schöpfer, Erhalter, Regierer, und stehen unter seinem Schutz und seiner Leitung, als ohne dessen Willen kein Haar von unserem Haupte fällt. Aber dieser Gott ist uns nicht ein ferner Gott geblieben, sondern, wie die Schrift sagt, er ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sind mit ihm vereinigt als die Glieder eines heiligen Leibes, durch die er wirkt. Jegliches, das wir tun, das tun wir im Namen Christi, und ohne ihn tun wir Nichts. So sind wir denn nicht irgendwie geschieden von unserem Gott; ja, wir sind sogar der Tempel, die Behausung seines Heiligen Geistes, der in Allen ist und sie von einer Stufe der Vollkommenheit zur andern führt.

Das ist das Bild unserer christlichen Einheit, gleichsam die Krone des Baumes, den uns der Apostel zeigt. Ist denn nun die Kirche ein solcher Baum? Nein, Christen, es fehlt ihr noch viel von dieser Herrlichkeit. Traurig genug, dass die Eine Kirche sich in mehrere Kirchen gespalten hat, und die Kirchen wieder in mancherlei Sekten und Parteien, und dass selbst wenige einzelne Gemeinden gefunden werden, davon man im Sinne des Apostels sagen kann: sie sind Ein Herz und Eine Seele. Aber ebendarum hält uns Paulus jenes Bild der Einheit vor, dass werde, was nicht ist. Wo noch die Einigkeit des Glaubens ist, da lasst uns sie festhalten, und nicht leiden, dass der Feind das Unkraut der Zwietracht und des Unfriedens sähe. Wo es aber schon gesät ist, da lasst es uns ausrotten, und streben, dass wir wieder einig werden. Demut, Sanftmut, das seien die Hände des Friedens, die wir unsern Gegnern reichen.

Du hast in deinen Händen
Gott, die weite Welt;
Kannst alle Herzen wenden,
Wie dir es wohl gefällt.
Der du die Liebe bist,
Verknüpf' in allen Landen
Mit sanfter Liebe Banden,
Was noch getrennet ist. 1)

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