Kähler, Carl Nikolaus - Auslegung der Epistel Pauli an die Epheser in 34 Predigten - Achtzehnte Predigt.

Befehlt dem Vater früh und spat
All eure Weg' und Sachen;
Er hilft euch aus mit Rat und Tat,
Weiß Alles gut zu machen.

Drum, lieben Leut,
Hofft allezeit
Auf den, der völlig labet;
Dem schüttet aus,
Was ihr im Haus
Und auf dem Herzen habt.1)

Wachet und betet, spricht der Herr. Ja, Christen, wir haben Grund dazu, und sollten unsere Seele stets in unserer Hand tragen, dass sie nicht beschädigt würde oder gar verloren ginge. Wir sind immer in Gefahr, mögen unsere Tage gut oder böse sein. Selbst Paulus, wie reich er auch an Erkenntnis, Glauben, Liebe, Hoffnung war, hielt sich nicht für so stark, dass er nicht fallen könnte. Eingedenk seines hohen apostolischen Berufs, den er auf Erden hatte, dass er als Diener des Evangeliums Alle erleuchten sollte, vergaß er nicht der Gefahr, worin er schwebte um der Schwachheit seines Fleisches willen. Weshalb ich Gott bitte, spricht er, nicht mutlos zu werden in meinen Trübsalen, die ich für euch leide, welche ja eure Ehre sind, zu eurer Verherrlichung gereichen. Fällt ein Diener des Evangeliums, so schadet's nicht bloß ihm, sondern es schadet zugleich denen, zu deren Hirten er berufen ist. Denn es predigt nicht bloß sein Mund, sondern auch seine Tat. Beweist er Liebe und Treue gegen Gott, nicht nur in guten, sondern auch in bösen Tagen; ist er standhaft und getrost in allen, auch den schwersten Trübsalen, die ihn treffen, so ist er eine Zierde der Gemeinde, die ihn zum Vorbilde hat, und sich seiner dann rühmen kann als eines köstlichen Edelsteins, den ihr Gott gegeben. Darum bittet der treue Apostel, der Gefangene Jesu Christi, um Mut und Standhaftigkeit, und fordert auch Andere zur Fürbitte für sich auf, wie er zu den Thessalonichern sagt: Liebe Brüder, betet für uns (1 Thess. 5, 25).

Aber nachdem er zunächst für den Hirten gebetet hat, betet er dann auch für die Herde. Lasst uns diese seine Fürbitte näher kennen lernen. Wir finden sie Ephes. 3, V. 14 bis 21: Darum beuge ich meine Knie gegen den Vater unsers Herrn Jesu Christi, der der rechte Vater ist über Alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, und Christum zu wahren durch den Glauben in euren Herzen, und durch die Liebe eingewurzelt und gegründet zu werden, auf dass ihr begreifen möget mit allen Heiligen, welches da sei die Breite, und die Länge, und die Tiefe und die Höhe; auch erkennen, dass Christi Liebe alle Erkenntnis übertrifft, auf dass ihr erfüllt werdet mit allerlei Gottesfülle. Dem aber der überschwänglich tun kann über Alles, das wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die da in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde, die in Christo Jesu ist, zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Nun erst folgt die Bitte, womit der Apostel das dritte Kapitel dieses Briefes beginnen wollte. Aber er brach ab und zeigte ihnen erst, wie nahe er ihnen stehe, um seiner Leiden willen, die er für sie dulde, und um seines Amtes willen, das er als Apostel der Heiden für sie führe. Darum nun, weil sie, wie er zuvor gesagt, mit zu dem Bau gehören, welcher wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn, bittet er als ihr Hirte und Apostel, dass Gott ihnen möge ein fröhliches Wachstum geben. Christen, lasst uns von dem Apostel lernen, wie und was wir beten sollen. Zu dem Ende betrachten wir

die Fürbitte des Apostels Paulus

und fragen:

1. wohin sie geht,`
2. worum sie fleht, und
3. worauf sie steht.

Lieber Gott und Heiland, lehre uns an der Fürbitte deines heiligen Apostels, wie wir beten sollen.

1.

Die erste Frage ist: Wohin geht die Fürbitte des Apostels? damit wir lernen mögen, an wen wir uns wenden sollen, wenn wir beten. Wundere dich über jene Frage nicht. Du könntest die Gegenfrage tun, zu wem denn anders gebetet werden könnte, als zu Gott? Aber bedenke, mein Christ, dass der Name „Gott“ gar verschieden von den Menschen gedeutet wird, und dass, so verschieden der Glaube der Leute, so verschieden auch der Gott ist, zu dem sie beten. Wir wollen nicht. der Götter aus Holz und Stein gedenken, auch nicht der Vögel und vierfüßigen Tiere, in deren Gestalt die Heiden die Herrlichkeit des großen Gottes verwandelt hatten. Wenn wir bloß innerhalb der Christenheit stehen bleiben: ist's da bei Allen ein und derselbe Gott, vor den sie sich hinstellen mit ihrem Gebet? Nein! bei Vielen ist's ein Gott, wie sie ihn sich selbst geschaffen haben nach dem Bilde ihres verderbten Herzens, ein Gott, der wenig oder gar nicht nach der Sünde der Menschen fragt, sondern sie Alle zulässt, mögen sie gläubig oder ungläubig, gut oder böse sein; ein Gott, den sie wollen aus bloßer Vernunft kennen oder aus der Natur, wo er nicht gar die Vernunft selbst ist oder die Natur; bei Vielen ein schwacher, ohnmächtiger Gott, den sie kaum um etwas zu bitten wagen, weil sie meinen, es gehe in der Welt Alles nach dem blinden Gesetze der Notwendigkeit, nicht aber nach dem Willen eines Gottes, der Wunder tue; bei Vielen ein Not- und Hilfs-Gott, an den sie sich nur wenden, wenn es ihnen zu tun ist um Rettung aus der Not, um Geld, Speise, Gesundheit, Leben und dergleichen Dinge mehr. Nichts in der Welt nimmt eine so verschiedene Gestalt an, als Gott annehmen muss, den sich Jeder nach seinem eigenen Sinn und Kopf bilden möchte. Lernt nun aber von dem Apostel Paulus, dass, wenn das Wahrheit sein soll, was wir singen: Wir glauben all' an Einen Gott“, wir zu Gott beten müssen, wie er sich uns offenbart hat in Christo Jesu: „Ich beuge meine Knie zu dem Vater unsers Herrn Jesu Christi.“ Wie? solltest du Gott „Vater“ nennen können ohne Jesum Christum? Wird er es nicht durch Christum, so wird er es nimmermehr, denn: Niemand kommt zum Vater ohne ihn. Der allein ist der wahre Gott, der und wie er sich uns kund gegeben hat in Christo, und wie wir ihn auch nur in Christo kennen lernen können, welcher spricht: Wer mich sieht, der sieht den Vater. Wie wir den Himmel nicht kennen können ohne die Sonne, in deren Lichte Gott uns die ganze Herrlichkeit der Welt zeigt, so können wir den, der im Himmel ist, nicht kennen lernen ohne Christum, dies Licht der Welt, worin wir Gott erkennen nach dem ganzen Reichtum seiner Herrlichkeit. In Christo erkennen wir ihn als die Liebe, die unser Fleisch und Blut angenommen und ihr Leben für uns am Kreuze gelassen hat, um uns zu erretten und selig zu machen. In Christo ist er uns ein gnädiger Gott, der, so wir von Herzen glauben, uns alle unsere Sünden erlässt, und uns seine Gerechtigkeit und seinen Frieden schenkt. In Christo ist er der Gewaltige, der, wie er Christum von den Toten erweckt und erhöht hat zu seiner Rechten, so auch uns samt ihm vom Tode erlösen und aufnehmen will in sein Reich. In Christo ist er uns der Allgegenwärtige, der bei uns ist alle Tage und ohne dessen Willen kein Haar von unserem Haupte fällt. In Christo ist er uns der reiche Gott, der seinen himmlischen Schatz aufgeschlossen und uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen und himmlischen Gütern. In Christo, als unserem Mittler und Versöhner, ist er uns der Vater im Himmel, zu dem wir einen freien Zutritt haben und eine zuversichtliche Freudigkeit. In Summa, Alles, was wir an Gott preisen, sei es seine Liebe oder seine Weisheit, seine Geduld oder seine Freundlichkeit, seine Allmacht oder seine Allgegenwart, oder was es sonst sei, das hat er uns Christen kund getan in seinem Sohne, daher wir von keinem andern Gotte wissen, auch zu keinem andern Gotte beten, als dem Vater unsers Herrn Jesu Christi - sein Vater, und in ihm auch unser Vater, wie Paulus spricht: der der rechte Vater ist über Alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden. Denket doch nicht, dass wir unserem Gotte ferner stehen als sonst irgend Jemand in der Welt, und wenn es selbst der höchste Engel im Himmel wäre. Die Welt, dies große Haus Gottes, hat viele Wohnungen, und es leben viele Geschlechter darin, die unter einander verschieden sind nach Erkenntnis, Macht, Herrlichkeit. Welches nun ist das Band, das alle diese Geschlechter umschlingt? Sie sind Äste und Zweige Eines Stammbaums, dessen Wurzel Gott der Vater ist. Will man daher einen Namen haben für alle, mögen sie auf Erden oder im Himmel sein, so mag man sie Kinder heißen, welcher Name ja hinweist auf den Vater, wie im Grundtext der Name „Patria“. Das sagt uns der Apostel, damit wir nicht denken, Gott sei ein Gott der Heiligen im Himmel, nicht aber der Heiligen auf Erden, oder ein Gott der Juden, nicht aber auch der Heiden. Nicht, als redete Paulus von einem Allvater im Sinne der Welt; nein, er weiß von dem Vater, weil er von Christo weiß, in welchem Gott der Vater ist nach der Schöpfung, denn durch Christum sind alle Dinge geschaffen; und nach der Erlösung, denn durch Christum ist Alles versöhnt, das im Himmel und auf Erden ist; und nach der Heiligung, denn Niemand kann Gott einen Vater nennen ohne den Geist unsers Herrn Jesu Christi. Wenn ich nun mit einem Herzen voll Freudigkeit zu dem Vater trete und mit aller Zuversicht ihn bitte wie die lieben Kinder ihren lieben Vater bitten: welcher Unterschied ist dann noch zwischen mir und dem Engel Gabriel? Darum, wenn ihr betet, so betet zu ihm als dem Vater unsers Herrn Jesu Christi, der in ihm euer aller Vater ist.

2.

Aber um was sollen wir den Vater bitten? Auch darüber gibt uns die Fürbitte des Apostels Aufschluss. Er bittet nicht um Gold und Silber, sondern um Kraft für den inwendigen Menschen, um starken Glauben, um feste Liebe, um helle Erkenntnis. Ich beuge, spricht er, meine Knie gegen den Vater, dass er nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit euch verleihen möge, mit Kraft gestärkt zu werden durch seinen Geist für den inwendigen Menschen. O vergesst es nicht, liebe Christen, dass ihr nicht bloß Fleisch und Blut seid, sondern dass hinter dem Fleisch und Blut der eigentliche Mensch verborgen steht, von Petrus „der verborgene Mensch des Herzens genannt (1 Petri 3, 4), der nach Gott geschaffen ist, und von Gott geschaffen ist zum ewigen Leben. Nicht um unserer irdischen Gebeine willen ist Christus in die Welt gekommen, dass er uns erlöste; sondern um den inneren Menschen war es ihm zu tun, dass der aus Sünde, Tod, Hölle auf die Bahn des ewigen Lebens käme. Sind wir denn nun gläubig geworden an Christum, so lasst uns in unsern Gebeten vor Allem unsers inneren Menschen gedenken, der einen harten Kampf zu kämpfen hat. Denn wisst ihr nicht, dass Christus ein Feuer in uns angezündet hat, wie wenn zwei Heere in heißem Kampfe wider einander stehen, ein Feuer des Kampfes zwischen Geist und Fleisch? Die Kinder der Welt wissen davon wenig oder nichts, sondern bei ihnen ist der Geist ein Knecht des Fleisches, daher ihnen auch nur zu tun ist um Essen und Trinken, Haus, Hof, Geld, Gut, Gesundheit und langes Leben. Bei uns dagegen ist der Geist Herr geworden über das Fleisch, aber ohne Kampf kann er seine Herrschaft nicht behaupten, sondern er ist wie eine belagerte Festung, die der Teufel gerne wiedergewinnen möchte, daher er sie Tag und Nacht belagert. Das Fleisch gelüstet wider den Geist, und der Geist wider das Fleisch, dieselben sind wider einander, spricht Paulus (Röm. 7). Da reichen nun nicht aus eigene Vernunft und Kraft noch irgendetwas, das auf Erden ist, sondern wir müssen in aller Demut unsere Knie beugen vor Gott, dass er aus der reichen Schatzkammer seiner Herrlichkeit, das ist, seiner Liebe, Macht, Weisheit, Geduld, Freundlichkeit, die Waffen reiche zum Kampf. Dem inneren Menschen kann nur von oben, und dem Geiste nur durch den heiligen Geist, diesen seinen himmlischen Verwandten geholfen werden. Wo Christi Geist ist, da ist Mut, Kraft, Vertrauen, Festigkeit, daher wir bitten müssen für uns und Andere: Herr, stärke uns mit Kraft durch deinen heiligen Geist.

So geschieht's, dass Christus in uns zur Herrschaft kommt, ohne den es unmöglich ist, Fleisch, Welt, Teufel zu überwinden. Daher die andere Bitte des Apostels: dass Christus durch den Glauben wohne in eurem Herzen. Seid ihr Christen, so müsst ihr ja von einem „Christus in euch“ wissen, wie er denn verheißen hat: Ich will Wohnung in euch machen. Wie sollte es uns aber an Kraft und Sieg im Kampfe fehlen, wenn wir im Herzensbunde mit Christo stehen, der ja ein Sieger ist über die Welt und alle Feinde in der Welt? Die Erfahrung lehrt uns auch, dass, wo Christus in uns kräftig und lebendig war, wir Kraft und Mut hatten, zehn Welten zu überwinden, wenn's hätte sein müssen. Aber wir müssen klagen, dass wir diesen Mut, diese Freudigkeit, diese Kraft nicht immer auf gleiche Weise in uns gespürt haben. Wie ging das zu? Unser Glaube wurde schwach, wo aber der Glaube schwach wird, da fängt auch Christus an zu weichen, denn nur durch den Glauben wohnt Christus in unsern Herzen. Warum sollst du daher bitten, mein Christ? Warum auch die Jünger und mit ihnen alle Heiligen aller Zeiten gebeten haben: Herr, stärke uns den Glauben! Denn was hilft's, dass Christus heute in dir ist, wenn er morgen wieder fehlt? Dein Herz soll seine Wohnung sein, heute, morgen und alle Tage bis an dein Ende, damit Er allezeit mit Kraft, Mut und Freudigkeit dich erfülle. Wohnt Er in dir, so tust du Jegliches in seinem Namen, und nicht du bist es mehr, der wider Fleisch und Welt im Kampfe steht, sondern Christus tut Alles durch dich, sein Geist ist dein Geist, sein Gedanke dein Gedanke, seine Rede deine Rede, sein Tun dein Tun, und so musst du wohl gewinnen und den Sieg behalten.

Ach, dass du dann nur allezeit einen starken Glauben hättest! Lieber, beuge deine Knie und bitte darum. Stelle Alles an die Seite, darum du sanft bitten möchtest, und sei bemüht, dass du zunächst einen festen, beständigen Glauben bekommst. Die irdischen Dinge sind nur die Knöpfe am Rock des Glaubens; sorge zunächst für den Rock, so gibt dir Gott die Knöpfe auch zu. Und ich will dir noch einen andern Rat geben. Verliere nimmer aus deinem Auge das Bild deines Erlösers, wie er in der barmherzigsten Liebe zu dir seine himmlische Herrlichkeit verlässt, und nicht nur in Knechtsgestalt für dich einhergeht, sondern auch die Dornenkrone auf seinem Haupte trägt, und allen Jammer deiner Sünde auf sein Herz lädt, und so für dich den Tod am Kreuze stirbt. Kannst du den wohl wieder lieben, der dich auf diese Weise zuerst geliebt hat? Ja, dein Herz muss warm werden an diesem Feuer der göttlichen Liebe, und ist es warm und bleibt es warm, so lässt es auch das Licht des Glaubens nicht in dir ausgehen. Denn der Glaube ist nicht nur ein Vater der Liebe, sondern die Liebe auch eine Mutter des Glaubens. Diese beiden müssen zusammen sein und zusammen bleiben. Wenn ich allen Glauben hätte, also, dass ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts (1 Kor. 13). Was bittet daher Paulus? Dass wir mögen in Liebe festgewurzelt und gegründet sein, festgewurzelt, wie eine Eiche, die auch kein Sturm aus der Erde reißt, festgegründet wie ein Haus, das auf einem Felsen steht. O lass denn, lieber Heiland, nimmer die Liebe in uns erkalten, sondern halte uns vor deine Gnade und Barmherzigkeit, dass sie unser Herz allezeit warm erhalte, und wir so auch einen festen, beständigen Glauben behalten mögen bis an den Tod.

Das ist auch der wahre Grund unserer christlichen Erkenntnis. Sie geht vom Glauben und von der Liebe aus. Weltliche Dinge zu erkennen, dazu bedarf es des in der Liebe ruhenden Glaubens nicht. Man kann den Himmel und die Erde und alles, was am Himmel, auf und in der Erde ist, erforschen und erkennen, selbst wenn man ein Gottesleugner ist. Aber anders ist's schon mit der Erkenntnis eines irdischen Vaters, die bei einem Kinde fast ganz auf Glauben und Liebe steht; anders, wenn das Weib in einem Manne den ihrigen erkennt. Solche Erkenntnis geht nicht aus dem kalten Verstande und aus der Spekulation heraus, sondern es muss schon zuvor da sein eine vertrauensvolle Hingebung des Liebenden an den Geliebten. Noch viel weniger kannst du ohne Glauben und Liebe deinen Gott und Heiland erkennen. Wenn's mit dem bloßen Denken und Forschen getan wäre, wie müsste dann die christliche Erkenntnis in Deutschland blühen, statt dass umgekehrt den Klugen und Weisen das Himmelreich meistens eine unbekannte Landschaft ist, wo sie nicht gar mit den Waffen ihrer Vernunft wider Christum und sein Evangelium zu Felde ziehen. Aber wessen Herz zur Demut geführt ist, so dass er als ein Mühseliger und Beladener in Christo den Anker seines Glaubens und seines Trostes gefunden hat, bei dem wird's hell auch in der Vernunft, und mit dem Glauben wächst seine Liebe, mit der Liebe sein Glaube, und mit beiden die Erkenntnis des Himmelreichs. Was bittet daher Paulus? Um Glauben bittet er, um Liebe, damit wir wohl vermögen zu begreifen mit allen Heiligen, welches sei die Breite und die Länge, und die Tiefe und die Höhe. Was nennt er breit, lang, tief, hoch? Vor Allem die mannichfaltige Weisheit Gottes in der Anordnung und Ausführung des Erlösungswerks. Die Weisheit Gottes war, als eine in allem Betracht unermessliche, schon im Hiob gepriesen worden (Hiob 11): Meinst du, dass du so viel wissest als Gott weiß? und wollest alles so vollkommen treffen als der Allmächtige? Er ist höher denn der Himmel, was willst du tun? tiefer denn die Hölle, was kannst du wissen? Länger denn die Erde und breiter denn das Meer. Dies Wort nimmt der Apostel und weist damit auf das Geheimnis, das von ewigen Zeiten verborgen war, nun aber nach der großen Weisheit Gottes kund geworden ist seinen Heiligen. Diese Weisheit erkennen und die alle Erkenntnis übertreffende Liebe Christi, die darin uns nahe getreten ist, das werde erkannt, nicht bloß von dir, von mir und diesem und dem sonst, nein! es soll, wie von uns, so von allen Heiligen erkannt werden, damit diese Erkenntnis ein Licht der ganzen Christenheit sei. Ist sie das? Ach, es sind wohl etliche Häuser in der Gemeinde erleuchtet und einzelne Gemeinden in der Christenheit; aber wie viel fehlt noch, dass man sagen könne, die ganze Christenheit sei wie eine hell erleuchtete Stadt auf einem Berge! Es ist, als läge über der Kirche die Abenddämmerung, wo man nur hie und da in einsamer Hütte ein Licht flimmern sieht. Erbarme sich Gott seiner Christenheit, und gebe, dass mehr Licht komme, als man findet! Hängt doch an der Erkenntnis der Welt Heil und Seligkeit; wo aber Finsternis ist, da geht der brüllende Löwe der Sünde und alles Elends umher, und suchet, welchen er verschlinge. Christen, lasst uns bitten um das, was der armen Menschheit nottut. Stärke, Glauben, Liebe, Erkenntnis - das sind die Sprossen der goldenen Leiter, worauf wir hinansteigen zu unserer Vollendung. Was wird uns in unserem Texte als unser höchstes Ziel genannt? Dass wir erfüllt werden mögen zu der ganzen Gottesfülle, oder wie Luther das erklärt - „dass wir voll Gottes werden, überschüttet mit aller Gnade und Gaben seines Geistes, der uns mutig mache, mit seinem Geist erleuchte, und sein Leben in uns lebe, seine Seligkeit uns selig mache, seine Liebe in uns die Liebe erwecke, kurz, dass alles, was er ist und vermag, in uns völlig und kräftig wirke, dass wir ganz vergottet werden, nicht einen Teil oder etliche Stücke Gottes haben, sondern alle Fülle, dass alles, was wir reden, denken, gehen, Summa, das ganze Leben gar göttlich sei.“ Wie das Eisen, wenn es ins Feuer kommt, davon durchdrungen wird, so dass es ganz seine vorige Art und Gestalt verliert es ist zum Feuer worden, wärmt, glänzt, leuchtet wie das Feuer: also sollen wir das Wesen Gottes in uns aufnehmen, dass zuletzt nichts übrig bleibe von Irrtum, Widerstreben, Unlust und Allem, was irgend uns scheiden mag von Gott, sondern seine Weisheit, Liebe, Macht, Seligkeit sich rein und völlig in uns abspiegele, wie der Sonne Bild im klaren Wasser, und wir nach Verstand, Herz, Mut, Sinn, Kraft, Leben und Wandel völlig und unwandelbar göttlich seien. Das ist dein und unser aller Ziel, mein Christ, wohin es mit unserem Kämpfen, Glauben, Lieben, Erkennen geht; ach, stehe doch, wie weit du noch entfernt bist von diesem Ziel, und lass eben darum nicht ab, zu ringen und zu flehen, dass Gott dich samt allen Heiligen bringen wolle zu diesem göttlichen Ziel.

3.

Sollte es möglich sein, auf den Gipfel dieses Berges der Verklärung hinaufzukommen? Was ist doch der in Sünde und Irrtum verstrickte Mensch, dass er so Großes zu hoffen wagt? Aber die Fürbitte des Apostels lässt uns nicht zweifeln, dass es möglich sei und auch geschehen werde mit allen, die Christo angehören. Paulus weiß wohl, auf welchem Grund und Boden er mit seiner Fürbitte steht, nämlich auf dem Boden der allmächtigen Kraft Gottes, von dem er sagt: er vermag über Alles hinauszutun, überschwänglich mehr als wir bitten oder verstehen. Mit unsrer Macht ist's nicht getan, nicht mit der vereinigten Macht Aller, die auf Erden sind; aber wir kennen schon die Macht unsers Gottes, die große, wunderbare Werke vollbracht hat in Christo, von denen Niemand zuvor gedacht hatte, dass sie geschehen würden. Der Apostel verweist uns auf die Kraft Gottes, die in uns wirksam ist. Hatte er nicht daran an sich selbst. die herrlichste Erfahrung gemacht? Hatte sie nicht einen Saulus in einen Paulus, einen tiefgefallenen Sünder in einen Heiligen verwandelt, und das nicht etwa in 50, 30, 10 Jahren, sondern fast in weniger als in zehn Stunden? Die Gottesfülle, die der Apostel in sich trug, war sie nicht tausendmal mehr, als warum er Gott so gebeten oder was er auch nur für möglich gehalten hatte? Ich meine aber doch, dass wir, wenn wir anders Christen sind, ähnliche Erfahrungen gemacht haben in unserem Leben. Ist nicht auch unser Herz eine Werkstätte, worin Gott gearbeitet hat mit seinem heiligen Geiste und hat Großes zu Stande gebracht? Hat er nicht Finsternis in Licht, Sünde in Gerechtigkeit, Tod in Leben, Herzensqual in Frieden und Seligkeit verwandelt? Hat er nicht das Werk der Wiedergeburt vollbracht, demgemäß wir sagen müssen: das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden? Wie viele Werke der allmächtigen Weisheit und Liebe Gottes glänzen wie Morgensterne am Himmel unserer Vergangenheit! Wir waren schwach, und siehe, er stärkte uns; wir waren bis in den Tod betrübt, und siehe, er machte wohl oft im Lauf einer Stunde unser Herz fröhlich und getrost; wir gerieten in tiefe, tiefe Not, wo wir keinen Ausweg der Hilfe sahen, weder rechts noch links, und siehe, der treue Gott wusste dennoch Rat und Hilfe zu schaffen. O, wie bewegt sich Alles im Herzen des Apostels vor Freude, wenn er an die großen Werke seines Gottes denkt, daher er ausbricht in ein Lob Gottes, ähnlich wie auch anderswo in seinen Briefen, als Römer 16: Gott, spricht er, sei die Ehre in der Kirche in Christo Jesu von einem Geschlecht zum andern, so lange der große Zeitraum währt, der die Jahrhunderte oder Jahrtausende umspannet von jetzt an bis ans Ende der Welt! Da lobe jeder Einzelne, da lobe die ganze Christenheit in ihrer Gemeinschaft mit dem Erlöser fort und fort die Liebe, und die Weisheit und die Macht des treuen Gottes, der so Großes tut! Nun, Christen, zeigt der Apostel bei seinem Beten eine so schöne Zuversicht und Glaubensfreudigkeit, so lasst auch uns allen Zweifel wegwerfen und alle Zaghaftigkeit. Wir sind noch weit entfernt von unserem Ziel, aber unser Geleitsmann ist Gott, der das große Werk in uns angefangen hat und der es auch vollenden wird. Hat er in wenigen Jahren uns dahin gebracht, wo wir jetzt stehen, so wird er uns auch weiter führen, und zuletzt so weit, dass wir erfüllt sind mit der ganzen Gottesfülle.

Gelobt sei Gott für seine Treu',
Für seiner Allmacht Walten!
Er stehe fort und fort uns bei,
Dass wir den Sieg behalten,
Bis wir, erlöst von aller Sünd',
Erfüllt mit seiner Fülle sind!

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