Hess, Kaspar Laurenz - Die Ausgießung des Heiligen Geistes.

Hess, Kaspar Laurenz - Die Ausgießung des Heiligen Geistes.

Pfingstpredigt über Apostelgeschichte 2. 1-13, von Pfarrer Hess in Sevelen.

Nun Jesus durch die Rechte Gottes erhöht ist und empfangen hat die Verheißung des Heiligen Geistes vom Vater, hat er ausgegossen dies, das ihr seht und hört. So bezeugte der Apostel Petrus am Pfingsttage der versammelten Menge, die über der wunderbaren Erscheinung erstaunt war: Jesus Christus ist der Herr, und die Ausgießung des Heiligen Geistes ist die Erweisung seiner Erhöhung, ist Ausübung seiner geistlichen Herrschaft auf Erden; denn es kann kein Engel und kein seliger Mensch den Heiligen Geist herab senden auf Erden, das ist dem Herrn allein vorbehalten gewesen, und noch in seiner Macht und Liebe. Indem er aber als Herr über seine erlösten Sünder in Gnade und Wahrheit regiert, indem er sich selbst in und an seinen Jüngern verherrlicht, werden diese durch den Heiligen Geist ausgezeichnet vor der Welt, werden die Herzen gottesfürchtiger Menschen aufgeweckt, dass sie fragen nach dem Heile und auch teilhaftig werden der Erlösung. Jedoch wie Jesus am Kreuze in seiner Schmach ein Ärgernis den Sadduzäern und Pharisäern war, so war auch seine Verherrlichung durch die Ausgießung des Heiligen Geistes den Verächtern ein Ärgernis, und fort und fort ist der Gekreuzigte in seiner Versöhnungstat am Kreuze und in seiner Verherrlichung durch den Heiligen Geist ihnen ein Ärgernis. O dass bei uns viele Jünger seien, die durch die Mitteilung des Heiligen Geistes die herrlichste Auszeichnung in der Welt empfangen; dass unter uns viele Gottesfürchtige seien, die sich lassen durch die Wirkung des Heiligen Geistes an Andern erwecken zur Buße und zum Glauben an den Herrn, der auch ihnen verheißt den Heiligen Geist; dass doch unter uns keine Verächter des Herrn wären, denen die Erweisung des Geistes und der Kraft ein Ärgernis ist; dass das letzte Liebeszeichen des Herrn gegen Jerusalem uns Allen ein Mahn- und Warnungszeichen sei, die Gnadenzeit nicht zu versäumen und zu bitten um den Heiligen Geist!

So wollen wir denn die Ausgießung des Heiligen Geistes auffassen:

1. als letztes Liebezeichen des Herrn gegen Jerusalem,
2. als herrliche Auszeichnung seiner Jünger,
3. als heilsames Weckmittel für die Gottesfürchtigen,
4. als Ärgernis für die Gottlosen.

(Gebet.)

I. als letztes Liebezeichen des Herrn gegen Jerusalem

Über Jerusalem hatte der Herr Liebestränen geweint bei seinem Einzuge, weil er so oft hatte wollen versammeln ihre Bewohner wie eine Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel, aber sie nicht gewollt hatten. An gaffender Menge, die ihn umstand, hatte es nie gefehlt, aber an heilsbegierigen Herzen. In Jerusalem war das „Kreuzige“ über ihn erschollen; aber vom Kreuze blickte er mit Erbarmen auf diese Stadt. Nun war er auferstanden und erhöht, und ließ vom Throne der Herrlichkeit Jerusalem nicht aus den Augen. Noch einen Versuch zu seiner Rettung macht seine Heilandsliebe, noch einen Beweis will er dieser Stadt geben, dass er, der Gekreuzigte, der Herr und alles Heil in ihm sei; noch einen Ruf zur Buße und zum Glauben richtet er an Jerusalem. Dies geschah durch die Ausgießung des Heiligen Geistes auf seine Jünger. Damit wollte er das verblendete Volk zur Reue bringen über seine Verwerfung, und wollte ihm zu erkennen geben, dass es die wahre Rettung nicht in äußerer Veränderung und von unten her erwarten solle, sondern vom Himmel her, von ihm, der vom Himmel gekommen war, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Der Heilige Geist in seiner mächtigen Wirkung, in seiner wunderbaren Erscheinung an den Jüngern, in seinem Zeugnisse aus deren Mund sollte Jerusalem dazu bringen, sich Jesu Christo zu Füßen zu werfen, auf dass der Gnadenstrom des Heiligen Geistes über das ganze Volk könne ausgegossen, alle Sünden ihm können in Jesu Namen vergeben und das Gericht abgewendet werden aus Gnaden.

Das war das letzte Zeichen der rettenden Liebe Jesu des Herrn. Aber ach! wie Wenige erkannten es und ließen sich retten! O merkt, Geliebte, im Heiligen Geist erscheint das letzte Liebeszeichen, wenn das nichts hilft, ist Alles in Ewigkeit vergebens. Es gibt Gott allerlei gute Gaben vom Himmel her, Gesundheit, Leibesunterhalt, Anverwandte, Freunde. Das sind seine Liebeszeichen, die uns sollten zu ihm ziehen. Als Zeichen seiner allergrößten Liebe gibt er uns seinen lieben Sohn, er lässt ihn am Kreuze sterben für uns Menschen, die als Sünder seine Feinde waren, auf dass wir uns lassen versöhnen mit ihm, auf dass wir einen offenen Zugang finden zu ihm, durch diesen einigen Mittler. Merken wir diese Liebe nicht? Siehe, überdies sendet er den Heiligen Geist in diese und jene Herzen; sie glauben und freuen sich des Heiles, und bezeugen das große Heil. Merkest du nicht, dass dieser Glaube, diese Freude, dieses Zeugnis, diese Liebe vom Heiligen Geiste ist, der auch dich will rufen zum Herrn und beschenken durch ihn mit ewigen Gütern? Dann ist dir das letzte Liebeszeichen erwiesen worden. Ach! was kann dir endlich alle andere Liebe wert sein, wenn dir die Liebe des Herrn entzogen wird? Darum verachte nicht solche Liebe, die dir ewig will wohl machen, die dich abwäscht von deinen Sünden, dich kleidet in ihre Reinheit und Heiligkeit, die dich sättigt mit ewigem Leben.

II. als herrliche Auszeichnung seiner Jünger

Aber die Ausgießung des Heiligen Geistes war auch eine Auszeichnung der Jünger Christi. Nicht sie konnten sich auszeichnen, er, der Herr, hat sie ausgezeichnet. Das ist seine Liebeslust. Er nimmt die Armen und Geringen an sich, damit er sie durch seinen Reichtum erfreue; er nimmt die Elenden an sich, damit er sie herrlich mache. Er sammelt die Schwachen und Sünder um sich, damit er seine Kraft ihnen mitteile und mit seiner Gerechtigkeit sie schmücke, damit wir sagen müssen ihm zu Ehre und Lob: Das Alles, was wir haben, ist uns geschenkt aus Gnaden, wir haben Alles von ihm und sollen Alles verwenden zu seiner Verherrlichung.

Als die Jünger erst dürftig Jesum kannten, hatten sie Alles verlassen um seinetwegen, und sind ihm nachgefolgt auf seine Verheißung hin, dass er sie zu Menschenfischern machen wolle, obwohl sie diese Verheißung noch nicht recht verstanden. Nun erfüllt er sie am Pfingstfeste mit dem Heiligen Geiste, und dieser bringt ihnen das hellste Licht der Erkenntnis, die vollste Klarheit über Christi Person, Werk und Willen; der zeigt ihnen an, dass in ihm sei die Fülle der Gottheit, und dass der ewige Sohn und Herr ihr Freund und trauter Bruder sei, der Heilige Geist führt sie in alle Wahrheit, und alle Irrtümer und Vorurteile werden nun freudig von ihnen verabschiedet. Wie waren sie früher den Unmündigen gleich gewesen, und auch kein Einziger hatte gewagt, den Feinden des Herrn gegenüber ein Wörtlein für ihn anzubringen, sie waren stumm und unbeholfen; aber der Herr verherrlicht sich in ihnen durch den Heiligen Geist. Wie geht ihnen nun der Mund auf, zu predigen die großen Taten Gottes, wie voll sanfter und doch feuriger Liebe geben sie Zeugnis vom Gekreuzigten, dass er sei der Herr, dem alle Feinde werden gelegt zum Schemel seiner Füße; wie ist ihnen nun das Wort vom Kreuze eine freudige Botschaft für die armen Sünder! Sie sind die Gesandten des Heilandes an die Verlorenen, Herolde des großen Königs an die abtrünnigen Untertanen, und scheuen sich nicht, seine Botschaft auszurichten, wohin sie gesandt werden, ob sie freundlich oder gehässig aufgenommen werden, ob sie dafür geehrt oder gestäupt werden; sie wollen ihrem Herrn dienen, und legen Alles ihm zu Füßen. Durch den Heiligen Geist sind sie die Stifter der Gemeinde Christi geworden und Säulen der Kirche, der Apostel Lehre ist Christi Lehre.

Welche Auszeichnung lässt ihnen der Herr widerfahren! denn der Heilige Geist, den er in sie ausgegossen hat reichlich, lehrt sie reden von ihm in mancherlei Sprachen. Die ungeschulten Galiläer können die Gelehrten zu Schanden machen. Es ist mit dieser Predigt in allerlei Sprachen den anwesenden Fremdlingen das Zeichen aufgerichtet, dass das Evangelium Christi ausgehen soll in alle Lande, gepredigt werden soll allen Völkern der Erde und alle Zungen bekennen sollen, dass Er der Herr sei zur Ehre Gottes des Vaters.

Und gewiss, Geliebte, obwohl nicht mehr so augenscheinlich und handgreiflich, so ist doch immerdar die Mitteilung des Heiligen Geistes eine wunderbar gnädige Auszeichnung in der Welt. O wenn er dir geschenkt wird, so bist du, mögest du noch so ungelehrt sein in menschlichen Wissenschaften, gelehrter geworden als alle hochstudierten Lehrer und Professoren, die den Heiligen Geist nicht haben, die nur in Menschenweisheit und im Dunkel ihres Geistes einher gehen; du bist weise geworden zur Seligkeit; es ist dir offenbart der Sohn Gottes im Herzen und das Geheimnis der Erlösung am Kreuze Christi. Hast du den Heiligen Geist, so bist du, und wärest du der Ärmste unter den armen Sündern, gerechter geworden als Alle, die ihre eigene Gerechtigkeit aufrichten; denn du hast durch den Glauben die Gerechtigkeit Gottes geschenkt bekommen, und während Alle, die aus ihrem eigenen Vermögen fromm sein wollen, es höchstens zu guten Vorsätzen und erzwungenen Werken bringen, bist du in Christo eine Rebe geworden, die kann viele Frucht bringen. Wir überwinden weit durch den, der uns mächtig macht, Christus! Suchet und bittet den Heiligen Geist vom Herrn, dann, wenn Andere mit beiden Händen das irdische Leben festhalten möchten und mit Zittern und Ärger davon müssen, dann ruft in euch der Heilige Geist des Glaubens, Hoffens und Liebens: „Ich habe Lust, abzuscheiden und bei Christo zu sein!“

So kann niemand auszeichnen wie der Herr. Ohne dass in der äußeren Lebenslage, am Leibe, im zeitlichen Laufe eine Auszeichnung zu verspüren ist, während dies Alles sehr gewöhnlich, sehr niedrig und gebrechlich sein kann, bist du ausgezeichnet in deinem Inwendigen, in deiner Lebensrichtung nach dem himmlischen Ziele und in Ewigkeit durch das selige, liebliche Los, wofür der Heilige Geist das Pfand ist.

Möchtest du es glauben, wenn du es bis anhin noch nicht erfahren hast: Jeder, der sich Christo zum Jünger hingibt, wird von ihm durch Mitteilung des Heiligen Geistes ausgezeichnet. Wollt ihr nicht seine Jünger sein?

III. als heilsames Weckmittel für die Gottesfürchtigen

Die Ausgießung des Heiligen Geistes fassen wir drittens auf als ein heilsames Weckmittel für die Gottesfürchtigen.

Aus allerlei Volk unter dem Himmel waren über die Festzeit Juden in Jerusalem, gottesfürchtige Leute. Als diese das Brausen vom Himmel hörten, als diese die Feuerflämmchen auf den Häuptern der Jünger sahen, als diese die ungelehrten Galiläer in fremden Sprachen reden hörten, entsetzten sie sich, verwunderten sie sich, und sprachen: Was will das werden?

Die Gottesfürchtigen sind wohl zu unterscheiden von denjenigen Menschen, welche meinen, ihr äußeres ehrbares Leben sei vollkommen gültig, um vor Gott zu bestehen. Die Gottesfürchtigen sind keine innerlich erstorbenen Leute, welche den lieben Gott mit ein paar Almosen an die Armen und einem bürgerlichen Ehrennamen befriedigen und damit sich den Himmel verdienen wollen. Ein gottesfürchtiger Mensch hat ein lebendiges Gefühl von der Gegenwart und Allwissenheit des heiligen Gottes, er fühlt, dass er ihm nicht genug tun könne, es ist ihm ein rechter Ernst, Gott gefällig und selig zu werden, selbst wenn es die größten Opfer und Anstrengungen kosten würde. Aber allerdings, ein Gottesfürchtiger kann noch sehr unerleuchtet sein über das, wie er selig werden könne, er will's selbst machen und lässt sich's dabei sauer werden; aber er kann nicht Ruhe finden, bis er das Heil hat, er kommt gewiss früher oder später zur Erkenntnis Christi, selbst wenn er zuerst eifern würde gegen ihn wie ein Saulus, fällt er zuletzt seinem Heilande zu Füßen, und betet an die Liebe Gottes im Erlösungswerke.

Den Gottesfürchtigen öffnet der Herr endlich das Ohr, dass sie seine Stimme hören und erschüttert oder gerührt, bekümmert oder freundlich gelockt werden durch die Taten und Worte des Heiligen Geistes. „Was will das werden?“ rufen die Gottesfürchtigen aus, wenn sie die Wirkungen des Heiligen Geistes bei Andern gewahr werden und noch nicht wissen, dass dies Wirkungen des Heiligen Geistes sind. Was will's mit mir werden? ruft der Gottesfürchtige ernst nachdenklich, wenn er in sich Wirkungen verspürt, die er nicht recht deuten kann und die nichts Anderes sind als Bewegungen des Heiligen Geistes zu seiner Wiedergeburt. So ging's bei jenen Gottesfürchtigen am Pfingsttage. Sie fragten bald: Was müssen wir tun, dass wir selig werden? So ging's einem Hauptmanne Kornelius und einem Kämmerer aus Mohrenland. Immerfort ist die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit, der erste Schritt zur Bekehrung, der Vorbereitungsstand, aus dem der Heilige Geist in den Gnadenstand erhebt. Fürchtest du von ganzem Herzen Gott, so kannst du dabei nicht stehen bleiben, du wirst gezogen, geweckt, getrieben vom Heiligen Geiste, bis er dich zieht zum Sohne und der Sohn dich zum Vater.

IV. als Ärgernis für die Gottlosen

Aber ganz anders ist's mit den Gottlosen. Diese ärgern sich an der Ausgießung des Heiligen Geistes. Die hatten am Pfingstfeste, als die Apostel in fremden Sprachen in der Kraft des Liebes- und Wahrheitsgeistes gepredigt, ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weines! Voll süßen, Heiligen Geistes waren sie, gleichsam trunken von den Gütern des Hauses Gottes, überschwänglich getränkt und gesättigt mit Friede und Freude im Heiligen Geiste. Aber die Gottlosen kennen nur die fleischliche Lust. Eine Begeisterung von unten her vom Wein- und Branntweingeist, oder feiner, vom Ehrgeiz und der Ruhmsucht ist ihnen erklärlich; aber die süßen und kräftigen Wirkungen des Heiligen Geistes sind ihnen verborgen, wollen sie davon reden, so können sie nur darüber spotten. Den Gottlosen ist der Heilige Geist so fremd, dass Alles, was dieser tut, die göttliche Traurigkeit, die er wirkt, ebenso wohl als die Freude, die er bringt, das Strafamt ebenso wohl wie das Tröster- und Friedensamt, das er ausrichtet, ihnen ärgerlich ist. Sie haben daran Ekel, sie missdeuten, verdrehen, verlästern die Regungen des Heiligen Geistes. Ob man ein Prediger und Lehrer, ein Staatsmann oder ein Doktor, ein Reicher oder Armer, ein Herr oder ein Knecht sei, sobald einem Menschen das, was des Geistes Gottes ist, so ganz verdeckt ist, dass er sich daran ärgert, es bespöttelt und belacht, so steckt er noch in der Gottlosigkeit.

O möchte heute manchem Spötter das Weinen über sich selbst und das ernste Bedenken ankommen, wo es mit ihm endlich hinaus wolle, damit der Geist aus Gott, dessen Treiben ihm ärgerlich erschienen ist, ihm wünschenswert werde und er selbst bitten lerne um den Heiligen Geist!

O dass doch unserer lieben Gemeinde kommen würde das Pfingsten einer solchen Ausgießung des Heiligen Geistes, dass alle Jünger des Herrn durch die Fülle dieses Geistes ausgezeichnet würden, Allen es deutlich anzumerken wäre, der Heilige Geist habe sie geweiht zu seinen Tempeln; dass ein Fragen durch unsere Gemeinde ginge: Was will's werden? dass wer Augen hätte zu sehen, sehen könnte, Das will's werden, eine wahre Christengemeinde, ein Volk des Herrn, eine Menge bußfertiger und gläubiger Seelen, ein Leib mit lebendigen Gliedern, die einander lieben in Christo, sich miteinander erbauen auf den allerheiligsten Grund ihres wahren Glaubens, die bleiben in der Apostellehre, in der Gemeinschaft des Herrn und untereinander und im Gebete, eine Gemeinde, in der sich der Herr verherrlicht durch mancherlei Gaben seines Heiligen Geistes und die ihn verherrlicht auf Erden! Amen.

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