Herbst, Ferdinand - Mein Freund ist mein - 9. Kap. 4, 9-11.

Herbst, Ferdinand - Mein Freund ist mein - 9. Kap. 4, 9-11.

Du hast mir das Herz genommen, meine Schwester, liebe Braut, mit deiner Augen einem und mit deiner Halsketten einer. Wie schön ist deine Liebe, meine Schwester, liebe Braut! Deine Liebe ist lieblicher denn Wein, und der Geruch deiner Salben übertrifft alle Würze. Deine Lippen, meine Braut, sind wie triefender Honigseim, Honig und Milch ist unter deiner Zunge, und deiner Kleider Geruch ist wie der Geruch Libanons.

Das letzte Mal haben wir uns mit der Hochzeitsreise beschäftigt, welche das neuvermählte Paar zu machen gedenkt. In den folgenden Versen hören wir nun, wie der Bräutigam der Freude an seiner Braut beredten Ausdruck gibt. Wir können daher über unsern Text die Überschrift setzen:

Die Freude des Bräutigams an seiner Braut.

Er freut sich seiner innigen Zusammengehörigkeit mit ihr, denn Er nennt sie nicht nur seine Braut, sondern auch seine Schwester. „Meine Schwester, liebe Braut,“ so sagt er wiederholt. Die Braut ist allerdings in gewissem Sinn zugleich die Schwester des Bräutigams; ist sie doch wie die Tochter seiner Eltern und er wie der Sohn ihrer Eltern; sie wird ganz in seine und er ganz in ihre Familie aufgenommen. Ist es nicht bei uns und dem Herrn Jesus ebenso? Er ist in unsere Familie aufgenommen worden, indem Er Mensch wurde und insofern nun ganz uns angehört; wir dürfen Ihn als unsern Bruder betrachten, als den großen Erstgeborenen. Und durch den Glauben an Ihn werden wir in seine Familie vollständig eingeführt, denn so viele an seinen Namen glauben, denen gibt Er Macht, Gottes Kinder zu werden, so dass Er sich nicht schämt, uns seine Geschwister zu nennen. Erinnert euch nur an den Vorgang in jener Versammlung, wo seine Mutter und seine Brüder Ihn suchten. Als man Ihm das sagte, sprach Er: „Wer ist meine Mutter, wer sind meine Brüder?“ Und dann blickte er seine Jünger im Kreise umher an und sprach: „Das sind meine Brüder. Denn wer den Willen Gottes tut, das ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.“ Und was sagte Er nach seiner Auferstehung zu Maria Magdalena: „Gehe hin und verkündige meinen Brüdern: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“ Eine christlich gläubige Seele ist also aufs innigste und nächste mit dem Herrn Jesus verwandt, sie ist nicht nur seine Braut, sondern auch seine Schwester. Jesus spricht zu dir, lieber Bruder, liebe Schwester: „Meine Schwester, liebe Braut.“

Lasst mich hier eine Bemerkung anknüpfen. Du christlicher Jüngling, erwähle dir keine Lebensgefährtin, zu der du nicht auch so sagen kannst: Meine Schwester, liebe Braut. Erwähle dir eine Schwester zum Weibe. Prüfe sie vorher genau und lasse sie von anderen erfahrenen Christen daraufhin prüfen, ehe du ihr die Hand zum Bunde reichst. Und du, christliche Jungfrau, gib keinem Mann deine Hand, der nicht dein Bruder im Herrn ist. Bleibe lieber dein Leben lang ehelos, als dass du dich mit einem Ehegatten verbindest, mit dem du im Heiligsten und Wichtigsten nicht verbunden sein kannst. Eheleute müssen, wenn's eine glückliche Ehe geben soll, miteinander verwandt sein, sie müssen miteinander der großen Gottesfamilie angehören, einen Vater, einen Bruder haben, müssen Geschwister sein.

In der Freude ihres Besitzes erinnert sich der Bräutigam nun daran, wie er einst in denselben gekommen ist. „Du hast mir das Herz genommen, meine Schwester, liebe Braut, mit deiner Augen einem und mit deiner Halsketten einer.“ Also mit einem einzigen Blick und mit einem einzigen Kettlein ihres Halsgeschmeides hat sie ihn wie mit Zaubergewalt überwunden. Wir wollen hier lernen, wie wir dem Herrn Jesus das Herz nehmen können. Da brauchen wir auch nicht lange zu ringen und zu kämpfen, bis wir seine Liebe gewinnen; nein, ganz leicht, ganz schnell können wir Ihm das Herz nehmen, dass es in heißer, treuer, aufrichtiger, beständiger Liebe uns zugetan ist. Es genügt ein einziger Blick unserer Augen. Oder kennt ihr die Geschichte von der ehernen Schlange nicht? Was war da für die armen Gebissenen notwendig, um Hilfe und Rettung zu finden? Ein einziger Blick. Sobald sie hinschauten, wurden sie gesund. So genügt auch ein einziger gläubiger Blick auf Jesum den Gekreuzigten, um uns Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit zu bringen.

Wer Jesum im Glauben am Kreuze erblickt,
Wird heil zu derselbigen Stund,
Drum blick auch auf Ihn, den der Vater geschickt,
Und der auch für dich ward verwundt.
Sieh, sieh, Sünder, sieh,
Wer Jesum im Glauben am Kreuze erblickt,
Wird heil zu derselbigen Stund.

Oder was war für den Zöllner Zachäus notwendig, um den Heiland für sich zu gewinnen, als dieser durch die Menschenmenge in den Straßen Jerichos dahinschritt? Wodurch zog er die Aufmerksamkeit des Heilandes auf sich, dass dieser ihn teilnehmend beachtete, auf ihn zuging und sogar in seinem Hause einkehrte? Durch einen einzigen Blick seiner Augen. Denn wir lesen, dass Zachäus begehrte, Jesum zu sehen, wer Er wäre; und weil er das seiner kleinen Person wegen nicht konnte, lief Er voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, auf dass Er ihn sähe. Weil er denn nun von seinem Baum so gespannt auf Jesum herabsah, wendete dieser ihm sofort teilnehmend sein ganzes Herz zu. So können auch wir dem Herrn Jesus das Herz nehmen durch einen Blick unsrer Augen. Ein einziger sehnsuchtsvoller um Gnade und Erbarmen flehender Blick zu Jesus hinauf genügt, um seine volle Zuneigung zu gewinnen.

Wollt ihr nicht solchen Blick wagen, jetzt in diesem Augenblick? Du suchende Seele, die du dich schon lange nach Frieden sehnst, blicke nicht immer bloß auf dich, nicht bloß auf dein Elend, nicht bloß auf deine Sünden, nicht bloß auf deine traurigen Irrwege, auf deine verlorenen Jahre, auf den nahenden Tod, auf das finstere Grab, auf den majestätischen weißen Thron des Richters, auf die drohende Hölle, blicke auf Jesum. „Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt.“ „Sieh, sieh, Seele, sieh, wer Jesum im Glauben am Kreuze erblickt, wird heil zu derselbigen Stund.“ Siehe gnadebedürftig und vertrauensvoll zu Jesus hinauf, so sieht Er voll Liebe und Gnade herab und spricht zu dir: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst. Siehe, und lebe! Und ihr, die ihr diesen Blick auf Jesum schon getan, schaut immerfort auf Ihn. Hört auf den ausgezeichneten Rat der Schrift: „Lasst uns aufsehen auf Jesum, den Anfänger und Vollender unsres Glaubens.“ Nur dann behalten wir Mut und Kraft und wachsen am inwendigen Menschen, wenn wir den Herrn Jesum nicht aus den Augen verlieren. „Der erste Blick auf Jesum gibt uns das Leben, und jeder folgende Blick auf Ihn stärkt das Leben.“

Nun werden wir die Worte etwas besser verstehen: „Du hast mir das Herz genommen, meine Schwester, liebe Braut, mit deiner Augen einem.“ Aber was bedeuten die andern: „und mit deiner Halsketten einer?“ Wie ist es möglich, damit das Herz zu gewinnen? O gar wohl; ein richtig gewählter Schmuck verleiht dem Aussehen etwas Anziehendes. Welches ist aber derjenige Schmuck, der geeignet ist, uns das Herz Jesu zuzuwenden? Halsketten von Gold und Silber, oder Perlengeschmeide gewiss nicht; es kann nur ein innerlicher sein. Aber an die Tugenden, die der Heilige Geist wirkt, dürfen wir hier doch auch nicht denken, da ja eine Seele, die erst das Herz Jesu gewinnen muss, noch keine solchen hat. Nein, was für einen Schmuck kann eine sündige Seele, die ihre Zuflucht zu Jesus nimmt, allein aufweisen? Keinen andern als die Tränen ihrer Buße. Diese sind aber in den Augen Jesu ein herrliches Perlengeschmeide; gegen eine so gezierte Seele entbrennt das Herz Jesu alsbald in der herzlichsten Liebe. Seht den König David an, wie er sagt: Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, ich netze mit meinen Tränen mein Lager, ich schwemme mein Bette die ganze Nacht, der war in des Herrn Augen geschmückt mit köstlichem Geschmeide, diese Tränen waren für Ihn lauter wertvolle Perlen, dieser Schmuck war schöner als seine Königskrone, auch schöner als jene Heldentaten, da er den Goliath und den Löwen und Bären besiegte; in diesem Schmuck gewann er das ganze Herz des Herrn, wie er im Psalm sagt: „Der Herr hört mein Weinen, der Herr hört mein Flehen, mein Gebet nimmt der Herr an.“ Oder seht die große Sünderin an, wie sie zu den Füßen Jesu weinte und dieselben netzte mit ihren Tränen und mit den Haaren ihres Hauptes wieder trocknete, das war auch ein köstliches Perlengeschmeide, in welchem diese arme verlorene Seele dem Heiland gar wohl gefiel. Hast du auch schon solche Tränen geweint? Tränen des Schmerzes über zeitlichen Verlust, Tränen weltlicher Traurigkeit, Tränen des Eigensinns und des Trotzes vielleicht schon genug, aber auch Tränen über dich selbst, über deine Irrwege und Sünden, Tränen der Buße? brich einmal zusammen zu den Füßen deines Heilandes, „lass brechen dein Herz in Neue und Schmerz,“ lerne weinen über dich und dein geistliches Elend, das wird besser sein als alle Anstrengungen, die du machst, um Gottes Willen in eigener Kraft zu tun, besser als alle Heldentaten, die du schon vollbracht, die Vorzüge und Tugenden, die du zu haben meinst. Dann bist du erst recht anziehend für Jesum, recht schön in seinen Augen, dann blickt Er voll inniger Liebe und Teilnahme auf dich, du „nimmst Ihm das Herz.“ Ich fürchte, dass viele suchende Seelen darum so lange nicht zum Ziele kommen können, weil die rechte Buße fehlt. Sie gehen vorbei am Gesetz Gottes und kommen deshalb zu keiner rechten Sündenerkenntnis und Zerknirschung, eine Bußträne ist ihnen etwas ganz Fremdes und Unverständliches, sie bleiben im Grunde ungebrochene Leute; kein Wunder, wenn sie da das Herz Jesu nicht gewinnen können. Meint aber nicht, dass jeder gerade so viel weinen müsste, wie David oder die Sünderin. Es heißt nicht in unserm Text: Du hast mir das Herz genommen mit deinen Halsketten, sondern mit deiner Halsketten einer. Eine einzige Bußträne genügt, um dir das ganze Herz Jesu zuzuwenden. Ja wir wollen nicht einmal auf das Weinen selbst allzu großes Gewicht legen; wenn nur eine aufrichtige Beugung und Zerknirschung des Herzens da ist, so gewinnt man das Herz Jesu. Die Opfer, die Ihm gefallen, sind ein geängsteter Geist; ein geängstetes und zerschlagenes Herz verachtet Er nicht. Seht, so gewinnen wir das Herz Jesu, durch einen einzigen gläubigen Blick auf Ihn und durch eine einzige Träne aufrichtiger Buße und Zerknirschung. Macht nur alle die Probe, liebe Seelen, ihr werdet es erfahren, dass es wahr ist; das ist und bleibt der Weg, auf dem man zu Jesus kommt: Buße und Glauben. Möchten viele unter uns sein, die diesen Weg bereits eingeschlagen haben, und zu denen der himmlische Bräutigam in herzlicher Freude sagen kann: „Du hast mir das Herz genommen, meine Schwester, liebe Braut, mit deiner Augen einem und mit deiner Halsketten einer!“

Wir haben uns lange bei diesem Vers unseres Textes aufgehalten und können deshalb die folgenden beiden nur noch kurz betrachten. „Wie schön ist deine Liebe“ folge der richtigen Übersetzung „meine Schwester, liebe Braut! Deine Liebe ist lieblicher denn Wein, und der Geruch deiner Salben übertrifft alle Würze.“ Hier erfreut sich der Bräutigam an der Liebe seiner Braut. Was im Anfang des Hohenliedes von der Liebe des Herrn gesagt ist, dass sie für die Gläubigen lieblicher sei als Wein oder als alle Erdenfreuden, dasselbe bezeugt hier Jesus von der Liebe seiner Braut; sie ist ihm auch unaussprechlich teuer, ja lieblicher als alles. Es erfreut das Herz des Herrn Jesu unendlich, wenn wir Ihn aufrichtig lieben. Es tut Ihm weh, dass unzählige kalt und fremd gegen Ihn bleiben, es ist Ihm ein Schmerz, dass sie gleichgültig an seinem Kreuz und an seinem Wort vorübergehen, seinen Tisch nicht aussuchen, ja wohl gar Ihn lästern und sein Wort verspotten. Umso größere Freude ist es Ihm, wenn unter dem großen Haufen irdisch gesinnter Weltmenschen einmal eine Seele ist, die aufrichtig zu Ihm sagen kann: „Herr, Du weißt alle Dinge, Du weißt, dass ich Dich lieb habe.“ ihr Gläubigen, liebt den Heiland umso mehr, je mehr die Welt Ihn verachtet und kreuzigt; liebt ihn von ganzem Herzen, bekennt es, dass ihr Ihn lieb habt, und beweist es auch, das wird Ihm eine innige Herzensfreude sein. „Wie schön ist deine Liebe, meine Schwester, liebe Braut; deine Liebe ist lieblicher denn Wein.“

Vieles wäre nun auch von den folgenden Worten zu sagen: „Deine Lippen, meine Braut, sind wie triefender Honigseim, Honig und Milch ist unter deiner Zunge,“ womit. der Herr seiner Freude über die Reden der Seinigen Ausdruck gibt, durch welche sie ihre Liebe zu Ihm kund tun. Doch wir wollen nur den Schluss des Verses noch etwas näher ins Auge fassen: „Deiner Kleider Geruch ist wie der Geruch Libanons.“ Wie einst der greise Erzvater Isaak erfreut war über den köstlichen Geruch der Kleider Esaus und sprach: „Der Geruch meines Sohnes ist wie der Geruch eines Feldes, das der Herr gesegnet hat,“ denn der liebliche Duft der Felder und Wälder, welche Esau durchstreifte, hatte sich den Kleidern mitgeteilt, so erfreut sich der König hier an dem lieblichen Geruch der Kleider seiner Braut. Sie war ja aus den duftigen Wäldern und Fluren Nordpalästinas gekommen, deshalb war der Geruch ihrer Kleider wie der des Libanon mit seinen würzigen Kräutern und Bäumen, vor allem den balsamisch duftenden Zedernäpfeln; der Geruch war frisch, stärkend, belebend. Auch bei der Braut Jesu ist's so. Wir erinnern uns hier an das Wort Pauli: „Wir sind Gott ein guter Geruch Christi, beides unter denen, die selig werden und unter denen, die verloren werden; diesen ein Geruch des Todes zum Tode, jenen aber ein Geruch des Lebens zum Leben.“ Es geht also von gläubigen Christen ein Geruch aus, sie duften gleichsam von der Erkenntnis Christi. So wenig etwas Wohlriechendes verborgen sein kann, so wenig kann es ein gläubiger Christ. Seine Nähe ist belebend, erfrischend, stärkend für diejenigen, welche selig werden; wie Ohnmächtige durch wohlriechende Wasser neu belebt werden, so sind Gläubige für wahrheitsliebende, empfängliche Seelen ein Geruch des Lebens zum Leben. Aber wie es Leute gibt, denen die besten Gerüche abscheulich vorkommen, so gibt es leider auch Menschen, welchen die Erkenntnis Christi zuwider ist. Wenn sie mit Christen zusammen sind und ihre Zeugnisse hören, so kommt ihnen das abstoßend, widerlich, ärgerlich vor. Statt sich infolge dessen zu bessern, werden sie nur schlimmer und verstockter, die Gläubigen sind ihnen ein Geruch des Todes zum Tode.

So geht von wahren Christen beständig etwas aus, Leben oder Tod, sie sind den einen die allererwünschtesten, den andern die allerverhasstesten Personen. Das ist der Geruch ihrer Kleider, und darüber freut sich der Herr Jesus von Herzen. Um dieses Wohlgeruchs willen lobt Er seine Braut und sagt hocherfreut zu ihr: „Der Geruch deiner Kleider ist wie der Geruch des Libanon.“ O dass auch unsere Kleider so duften möchten! Amen.

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