Haag, Georg Friedrich - Am Sonntage Judica.
Lukas 22, 39-46.
Ewiger und heiliger Hoherpriester, Herr Jesu, der du in den Tagen deines Fleisches Gebet und Flehen mit starkem Geschrei und Tränen geopfert hast zu dem, der dir konnte vom Tode aushelfen; Lamm Gottes, das du unsere Sünden getragen, gebüßt, versöhnt, - der du trauertest, dass wir Freude; der du bebtest und zagtest, dass wir Friede hätten! Wir, wir haben dir diese Mühe gemacht mit unsern Sünden, wir diese Arbeit mit unsern Missetaten! So lass dein teures Blut, das du am Ölberg schwitztest, auch unsern Seelen zu Gute kommen, gib uns den lebendigen Glauben und im Glauben deinen Frieden, Herr Jesu! Amen.
Wir treten, im Herrn Geliebte, heute auf einen Schauplay, vor eine Geschichte, welche zu den wunderbarsten, rätselhaftesten und geheimnisvollsten gehört, die sich im ganzen Leben und Leiden des Erlösers zugetragen. Sie zu verstehen oder auszuklügeln, ist für den menschlichen Verstand unmöglich, sie zu betrachten und zu glauben, dazu gehören erleuchtete Augen des Verständnisses und ein kindlich frommes Herz.
Das Leiden unsers Herrn am Ölberg, der Seelenkampf Jesu im Garten Gethsemane - mit seiner Seelenbetrübnis, Todesangst und dem Blutschweiß, der, in dicken Tropfen ausgepresst, aus Jesu Adern zur Erde träufelte: - dies und nichts weniger ist, was wir zu betrachten haben.
Wie der Herr nicht alle Zwölfe zu Zeugen dieses Kampfes mit sich nahm, sondern nur drei würdigte, mit ihm gleichsam in die Hölle hinabzusteigen, so sind es nur wenige Christenseelen, die so recht fassen und glauben können, was sich in jenen feierlichen Stunden in Gethsemanes Ölgarten zugetragen.
Lasst uns zuerst die Schreckensscene im Ganzen und Großen mit ihrem biblischen Grunde und dann die einzelnen Momente zu unserer Seelen Erweckung und Erbauung vor uns nehmen und in heiliger Stille betrachten. - Der Herr tue uns aber Herz, Ohr und Auge auf, dass wir aus dieser herrlichen Geschichte erkennen mögen, was zu unserm Seelenfrieden dient! Ich lade euch ein in den Ölgarten; kommt, lasst uns die Geschichte sehen, die sich allda zugetragen. - Wir kommen mit einander zu einem mit Ölbäumen dicht übersäten, Baum an Baum bepflanzten Berggarten. Das Mondlicht ist unseres Fußes Leuchte, dass wir wohl die in diesem Garten befindlichen Gegenstände unterscheiden können. Vorne am Eingange finden wir acht Männer in stiller Versammlung; einen Steinwurf weiter treffen wir andre gelagert im Schatten der Ölbäume, die Augen voll Schlafes, abgemattet und traurig; - wieder einen Steinwurf weiter einen einzelnen, und Niemand bei ihm. Die rätselhafte Gestalt ringt mit den Händen, liegt auf den Knieen. Bald richtet sie ihr Antlitz hinauf zum Himmel, bald sinkt sie zur Erde nieder. Und was ist das für eine wundersame Gestalt? - Treten wir näher, da hören wir stöhnen, ächzen, weinen; - „Vater, Vater!“ hallt's durch die dunkeln Schatten, das Geschrei und Flehen geht einem wie ein Schwert durch die Seele; es kommt einem vor, als höre man den Erzvater Jakob, wie er mit dem Engel rang und rief: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“ Das tönt ja zum Erbarmen wie das Röcheln eines in Zügen liegenden, mit dem Tode ringenden Menschen. Siehe! jetzt rafft sich's auf, wie wenn es Hilfe suchte, aber es findet keine. Da wirst sich's abermals auf sein Angesicht und betet abermals: „Vater, Vater!“ herzzerreißend, und dabei zittert und bebt die Todesgestalt. Und das Blut, ausgepresst vom herben Schmerz, von der Todesangst, fällt in dicken Tropfen auf die Erde.
Nun, wer ist's, wer ist's, Geliebte? Und was ist's, das diesen bleichen, zitternden und bebenden, bluttriefenden Mann so drückt und ängstet? näher herbei! ach seht! ach seht! es ist ein Mensch, ein reiner, heiliger, unschuldiger Mensch! es ist der Mensch, über welchem es am Jordan und auf dem Berge der Verklärung schallte: „Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe, den sollt ihr hören!“ Wir hören ihn stöhnen und ächzen. Es ist das ewige Wort, das im Anfang war bei Gott und Gott selber ist! Es ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Glanz der Gottesherrlichkeit! Es ist - hört es, hört es, Christen! - es ist Jesus Christus, der eingeborne Sohn vom Vater, der ruft: „Vater!“ dass sich ein Stein erbarmen möchte; der zittert, der bebt, wie ein Missetäter auf dem Hochgerichte; - der liegt im Staube; der krümmt sich, wie ein Wurm; - der schwitzt Blut! So wissen wir es denn, wer es ist, Geliebte; es ist nun nur die Frage: „Warum aber also?“ Heute vor acht Tagen hörten wir ihn kurz vor dem Ölbergsleiden danken: „Nun ist des Menschen Sohn verklärt, und Gott ist verklärt in ihm!“ Warum ist er denn nun so ängstlich, so unselig, so beladen? Wollten wir mit unserm bloßen Verstand die Ursache ergründen von diesem wunderbaren Leiden, wollten wir unserer unerleuchteten Vernunft die Antwort zumuten, so wäre der Schluss ganz natürlich: der Mann, der so bebet, zittert, zagt und blutet, der muss etwas auf dem Gewissen haben, den muss eine schwere Schuld drücken, eine unerträgliche Last muss seine Seele plagen. - Oder ist es vielleicht Bangigkeit vor den bevorstehenden Leiden und Martern? Wohl dies; aber das kann es allein doch nicht sein; sonst bliebe der Herr weit hinter seinen Knechten zurück, welche als Märtyrer starben. Nein, hier leidet kein bloßer Märtyrer; oder er spielte seine Rolle schlechter, als alle, die nach ihm und um seinetwillen den Tod erduldeten! Stephanus sieht den Himmel offen, da die Steine sein Haupt umschwirren: sein Angesicht leuchtet, wie eines seligen Engels Angesicht. Johannes Hus eilt unter Freudenpsalmen in die Flammen.. Darum auch diese Antwort genügt nicht auf die Frage: Warum musste Christus also leiden? Hier ist es aus mit bloß vernünftiger Beweisführung. Hier ist unser blödes Auge zu finster, den Vorhang zu durchschauen; wir müssen unser Auge bewaffnen mit Gottes Wort. Dieses allein gibt uns genügenden Ausschluss über das rätselhafte Leiden des Herrn am Ölberg. Dieses Wort sagt uns, die Sünde sei's mit dem Tode, und der Verkläger, der unsern Herrn am Ölberg mit Fäusten schlage. So lesen wir Luk. 4, 13: „Da der Satan alle Versuchung vollendet hatte, wich er von ihm eine Zeit lang.“ Also nur auf eine gewisse Zeit wich der Teufel, er kam wieder, und eben hier am Ölberge war seine zweite Stunde. Davon weissagt Christus selbst, wenn er kurz vor diesem Kampfe spricht: „Der Fürst dieser Welt kommt, aber er hat nichts an mir.“ - Joh. 14, 30. Wie er dort auf dem Berge alle Schätze der Welt dem Heilande entbot und mit Lockungen aller Art seine Seele zu beflecken suchte, so sucht er jetzt mit höllischen Drohungen das Herz des Menschensohnes zu schrecken. Wie er dort als Versucher, als Satan sich naht, so kommt er hier als Verkläger mit der ganzen, großen Riesenschuld der Menschheit. Diese hält er unserm Bürgen vor, der Bürge ist der Leidende am Ölberg. Er hatte beim Vater für uns gutgesprochen, er muss bezahlen, das er nicht geraubt hat, und da ist der böse Feind geschäftig, seine Forderungen an die Gerechtigkeit aufs Höchste zu stellen. Da darf's an keiner kleinen und großen Sünde fehlen, die je auf Erden gedacht und vollbracht worden, an keiner bösen Lust, an keinem unnützen Worte! Denn Nachtragen, Schuldaufrechnen, die Sünde groß machen, Verklagen der Sünder ist des Satans Lust und eigenstes Werk. Das Register, die Sündenrolle starrt von Sünden, Missetaten, Verbrechen; er schenkt den Kelch voll ein, ein voll gerüttelt Maß! Er zeigt ihm den Rauch der Qual, der aufsteigen werde vom Kreuz des Mittlers, den Fluch der Verfluchten, da er am Holze werden sollte ein Fluch für uns; das Feuer der Hölle, das nicht verlöscht, den Giftwurm des Verderbens, der nicht stirbt! Gott aber, der Vater, der dreimal Heilige, darf in diesem Gerichte seinem Sohne nichts nachlassen von der Schuld, nichts von der Strafe, dass er gerecht bleibe und wahrhaftig in allen seinen Worten, wenn er vom Satan gerichtet wird. Drum ist's ein Wunder, dass der Bürge zittert, zagt und bebt, und dass er ruft: Meine Seele ist betrübt bis in den Tod!? Ists ein Wunder, dass er Blut schwitzt unter der Last der Riesenschuld der ganzen Menschheit, unter dem Fluchstein des göttlichen Zorns, unter den Faustschlägen des Teufels, im Anblick des bitteren Strafkelchs? - Dies war die Bluttaufe, von welcher Christus Luk. 12, 50 andeutet: „Ich bin gekommen, dass ich ein Feuer anzünde auf Erden; was wollte ich lieber, denn es brennt schon! aber ich muss mich noch zuvor taufen lassen mit einer Taufe, und wie ist mir so bange, bis sie vollendet werde!“ So war dies Leiden vom Herrn selber voraus verkündigt, voraus gefühlt in banger Erwartung, und empfunden und durchgelitten in der Schreckenstaufe, darin alle Fluten des Zornes Gottes über seinem Haupt und Herzen zusammenschlugen. Ach ja! in Gethsemanes Garten ist unser Erlöser in tiefen Wassern; er steht, wie beim Antritte seines prophetischen Amtes im Jordan, da er sich taufen ließ, so hier in schrecklicher Gerichtsflut. Dort tat sich der Himmel auf über ihm, und der Geist Gottes schwebte auf ihn nieder. Hier wird der Himmel über ihm ehern, und schwarze Gewitterwolken des Gerichts umhüllen seine bis in den Tod betrübte Seele; die Hölle tat sich auf, und die Belialsfluten des Abgrunds schlugen über ihm zusammen. Dort strahlt Gottes Wohlgefallen auf den Eingebornen nieder; hier verstellt der Vater sein Angesicht gegen den Geliebten, und verwandelt sich in einen Grausamen. Dort erfüllt Christus alle Gerechtigkeit, hier alle Sünde. „Denn Gott hat ihn zur Sünde gemacht; ja der Herr warf unser aller Strafe auf ihn. Fürwahr, am Ölberg trug er unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. - Um unserer Missetat willen ist er verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen; die Strafe liegt auf ihm! - Seht, seht, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ Hier verdammte Gott die Sünde im Fleisch durch Sünde.“ Dies war des Satans Fersenstich. Da muss Davids Messias klagen: „Es umfingen mich des Todes Bande, und die Bäche Belials erschreckten mich. Der Höllen Bande umfingen mich und des Todes Stricke überwältigten mich (Ps. 18, 5. 6). Meine Seele ist voll Jammer, und mein Leib ist nahe bei der Hölle. Ich bin geachtet, gleich denen, die zur Hölle fahren; ich bin wie ein Mann, der keine Hilfe hat. Du hast mich in die Grube hinuntergelegt, in die Finsternis und in die Tiefe! Dein Grimm drücket mich!“ (Ps. 89, 4-8.) Hier am Ölberg sehen wir die leibhaftige Sünde und den Sold der Sünde, den Tod, in furchtbarem Kampfe mit dem Leben. So wissen wir nun den biblischen Grund, so haben wir die Erklärung des rätselhaften Ölbergsleidens: Christus liegt an unserer Statt am Ölberg, im Gerichte, unter dem Zorne Gottes, vom Satan verklagt, unsere Schuld bezahlend, unsere Strafe empfindend, büßend, duldend. Ja:
Und nun lasst uns noch in einzelnen Partien dieses wunderbare Leiden am Ölberg ins Auge fassen und näher betrachten:
Zum Ersten fällt uns die Waffe ins Auge, welche der Leidende in diesem Streite braucht. Er beginnt mit Gebet, er setzt den Kampf flehend fort und siegt mit Gebet.
Bitte, Gebet und Flehen ist Anfang, Mittel und Ende des Seelenkampfs. Auch im tiefsten Elende, im verlorensten Zustande ruft Jesus: „Vater, mein Vater!“ Er lässt sich weder von der ihm auflastenden Schuld, noch vom Teufel seinen Gott rauben. Vater! ruft der Sohn, da der Vater sein Angesicht wegwendet, als von einem Abscheulichen, und da der Teufel spottet: „Du bist nicht Gottes Sohn!“ Keinen Augenblick wankt Christus im Glauben; je heftiger die Zorngewitter brüllen, je furchtbarer Satan tobt, desto heftiger betet Christus. Dreimal ruft er: „Abba, mein Vater!“ aber auch mit kindlicher Ergebung stellt er alles seinem Vater heim. Wie träg, wie lahm, wie verdrossen sind wir dagegen in Zeiten der Angst und Not, wie werfen wir sobald unser Vertrauen weg, wie betrüben wir in unsern Trübsalen den Vater mit Sorgen und mit Grämen und mit selbstgemachter Pein, statt auszuharren in Geduld, statt zu beten ohne Unterlass, statt zu rufen in der Not! - Aber doch ist gerade die Gebetstreue unsers Bürgen, unsers Mittlers am Ölberge auch unser Trost, unsere Kraft. Er hat dort gebeten, dass auch unser Glaube nicht aufhöre. Er hat uns die Salbung erfleht, dass wir ihm nach auch in der tiefsten Trübsal zuversichtlich beten dürfen: „Abba, Abba, unser Vater!“ - O so wollen wir lernen vom Beter am Ölberge bitten, beten und flehen, wie die lieben Kindlein ihren lieben Vater; nimmer vergessen, dass jeder Leidenskelch aus einer Vaterhand kommt, dass ein Vaterauge im Himmel unsere Tränen zählt, dass ein Vaterherz im Himmel unsern Schmerz mitfühlt.
Zum Andern hören wir: „Er riss sich von seinen Jüngern einen „Steinwurf,“ was eigentlich im griechischen Grundtexte lautet: „Er ward einen Steinwurf,“ d. h. soweit man mit einem Stein wirft, „von seinen Jüngern weggerissen.“ Die Seelenangst, die Sündennot, die Schuldenmenge der Millionen Sünderseelen trieb, jagte den Leidenden dahin, riss ihn fort, wie der reißende Gießbach ein Bäumlein dahinschwemmt und ans Ufer schleudert. So ward er dahingegeben, so opferte er sich selbst, so gab er sich hin den finstern Mächten und schrecklichen Gewalten an unserer Statt. Siehe, Sünder, der du in deinem Unglauben dies Seelenleiden verachtest: so wird dich einst die Seelenangst zermartern und zerreißen und dahinschleppen und wegjagen von Gottes Angesicht in die äußerste Finsternis und Verdammnis; ja so wirst du einst gejagt werden vom Zorne Gottes und den Teufeln in das ewige Feuer, so du dich nicht noch bei Zeiten demütigst und niederwirfst und in Jesu Christi Namen um Gnade, um Erbarmen schreist! - Du aber, o mitgläubiger Bruder in Christo, so du in Buße und Glauben dich an deinen Bürgen hältst, sei versichert, diese Seelenangst, dieses Seelenleiden, diese Seelenjagd ist deine Freiheit vom ewigen Tode!
Zum Dritten betrachten wir, wie der Heiland wiederholt betet: „Ist es möglich, so gehe dieser Kelch vorüber!“- Seht, Geliebte, der Herr bittet, der Vater möge Diesen Kelch von ihm nehmen, den bitteren Kelch mit unserer Sünde und Missetat, mit unsern Übertretungen und dem Fluche der Hölle gefüllt. Ach wie graut es dem heiligen Kinde Gottes vor diesem schrecklichen Kelch - darin das Gift aller Lästerzungen, die Galle des Hasses und finstern Neids, der Wust aller Befleckungen des Fleisches und des Geistes, der Unrat der schändlichsten Missetäter, aller Gotteslästerer und Meineidigen, aller Götzendiener und Teufelsknechte, aller Verleumder und Rebellen, aller Bruder- und Meuchelmörder, aller Hurer und Ehebrecher, aller Diebe und Ungerechten dem heiligen Menschen und Gottessohn entgegen dünstet!
Wie äsert ihn, den unschuldigen, von den Sündern abgesonderten, heiligen Hohenpriester dieser Kelch an! Darum bittet und fleht er so inbrünstig, unter Tränen: „Vater, Vater, überhebe mich dieses Kelchs; habe Mitleiden mit deinem Kinde!“ Aber da ist keine Barmherzigkeit, keine Gnade! Der Bürge muss ihn trinken, und wenn er darüber stürbe, trinken bis zur Hefe! Denn er ist Bürge und muss die Gerechtigkeit erfüllen an unserer Statt. O zittre, zittre, Sünder, der du den Becher des Vergnügens so leichtsinnig leerst, denke an Christi Blut und Jammerkelch, und wahrlich, du kannst nicht mehr sündigen! Es kann dir der Trunk der Wollust nicht mehr munden und schmecken, wenn du des bitteren Kelchs gedenkest, den deine Sünde dem heiligen Jesu eingeschenkt. Aber freuet euch auch, ihr Gläubigen: dem Schmerzenskelch in Gethsemanes Garten verdanken wir den Kelch des neuen Testaments. Der Kelch des Zorns, den unser Bürge in heiliger Liebe geleert, hat uns den Kelch der Gnade erworben, dass wir nun schmecken und sehen dürfen, wie freundlich der Herr ist. Ja erworben ist uns dadurch für unsere Todesstunde der Kelch des Nachtmahls zu einer seligen Heimfahrt. O selig, selig, wer Macht hat zu diesem Kelche; er wird ewiglich leben und nimmermehr sterben.
Zum Vierten bedenken wir, wie bitter der Kelch war. So bitter, so entsetzlich bitter, dass Christus, einer Ohnmacht nahe, einem Engel in die Arme sinkt. Ein Geschöpf muss den Schöpfer stärken; - nur stärken, hört's! denn die Stärkung des Engels machte der Not noch kein Ende, sondern diente nur, Christus zu unterstützen, dass er den allerheftigsten Anfall, der noch bevorstand, tapfer ausstehen konnte. Damit hat uns der Herr der Engel Beistand auch für unsere Ohnmacht erworben. Die dienst baren Geister stehen auch uns in Liebe bei, wenn wir leiden, und stärken uns, wie dort den Heiland, dass wir in ihrer Engelspeise Kraft die Tage des Elends ertragen mögen; sie werden auch in unserm letzten Stündlein uns Kühlung zufächeln mit ihren heiligen Schwingen und uns tragen in Jesu Namen ins Vaterhaus.
Zuletzt, nach dieser himmlischen Stärkung, kam der härteste Stoß: „Es kam, dass er mit dem Tode rang und betete heftiger, und sein Schweiß floss wie Blutstropfen zur Erde.“
Dieser Blutschweiß ist's, Geliebte, der unsern armen Seelen zu gut kommt. Unsere Sünden haben ihn ausgepresst, unsere Missetaten haben dieses Blut aus den Adern des unschuldigen Gotteslamms herausgetrieben. Dieser Blutschweiß soll uns erquicken, wenn wir einst in den Zügen liegen und mit dem Tode ringen. Unsere letzte Mühe und Arbeit wird bei diesen Blutstropfen in lauter Triumph und Siegesherrlichkeit verwandelt. Ja, da können wir beten:
Dein Seufzen und dein Stöhnen,
Und die viel tausend Tränen,
Die dir geflossen zu,
Die sollen mich am Ende
In deinen Schoß und Hände
Begleiten zu der ew'gen Ruh.
Für all' diese Arbeit, Mühe und Seelenangst fordert der Herr nur Eines von uns Sündern. Und was ist dies Eine? Es ist der Glaube, Freunde, der sich das Trauern, Zagen, Zittern des Herrn Jesu, sein Ringen mit dem Tode und seinen Blutschweiß also zueignet, dass er fest dafür hält, es sei dies alles an des Sünders Statt, den Sündern zu gut und zur Erlösung geschehen.
Drum weg mit aller ängstlichen Sorge, fort mit allem Zweifel, hinaus aus dem Herzen alle Unruhe! Dies alles rührt aus dem Unglauben, der sich Christi Ölbergsqual nicht zu Nutze macht. Aus Christi Blutschweiß blühen Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist. Pflückt diese Früchte des Geistes; es ist das schönste Gewinde, damit ihr eure Herzen schmücket: diese Frucht ist die Glaubenszier, dem zweiten Paradies, Gethsemanes Ölgarten, entsprossen. In diesem Brautschmucke seid ihr kluge Jungfrauen; darin mögt ihr zur großen Hochzeit gehen! Aber haltet eure Kleider rein! Jesus hat uns als sein Volk zum ewigen Eigentum erkauft.
Wir gehören mit Leib und Seele nicht mehr uns an, sondern unserm getreuen Herrn und Heilande Jesu!
Wehe denen, welche sich ihm entziehen; wehe denen, welche die Sünde, den Zorn Gottes, die Hölle für eine Kleinigkeit halten! Kommt her, ihr frechen Sünder, und schauet! Von Gethsemanes blutbespritztem Staube schallt's: „Es ist schrecklich, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen! Unser Gott ist ein verzehrendes Feuer!“ Heb. 10, 31. 12, 29.
O eilet und errettet eure Seelen! O fasset ein Herz zum Blutbürgen im Staube! Wahrlich, er und er allein verdient unsere ganze Liebe. Auf, „lasst uns ihn lieben, denn er hat uns zuerst geliebt!“ 1. Joh. 4, 19. Ja wir geloben:
Blut'ger Jesu, Liebe ohne Gleichen,
Du und deine Leidensschön',
Sollst uns nimmer aus den Blicken weichen,
Bis wir dich auf immer seh'n!
Wir haben dir Arbeit gemacht in unsern Sünden, und Mühe in unsern Missetaten. „Du aber, ja du barmherziger Herr Jesu, tilgst unsere Missetat um deinetwillen und gedenkest unserer Sünden nicht.“ Ps. 51, 11. 25, 7. Amen. Haag, Pfarrer in Ispringen.