Haag, Georg Friedrich - Am Sonntag Estomihi.
Eingangs-Predigt.
Ev. Luk. 18, 31-43.
Jesu, deine Passion woll'n wir jetzt bedenken;
wollest uns vom Himmelsthron Geist und Andacht schenken;
in dem Bild jetzund erschein', Jesu! unsern Herzen,
wie du unser Heil zu sein, littest alle Schmerzen.
Unsre Seele sehen mag deine Angst und Bande,
deine Speichel, Schläg' und Schmach, deine Kreuzesschande:
deine Geißel, Dornenkron', Speer- und Nägelwunden,
deinen Tod, o Gottessohn, und den Leib voll Schrunden. Amen.
Mit diesen Gebetsworten beginnen wir die heilige Fastenzeit; wir begehren darin die Martergestalt des Herrn Jesu zu erblicken, denn dieser Anblick macht das gläubige Christenherz fröhlich und selig. Wie kann aber ein mitleidiges Gemüt, wie kann ein zartfühlendes Herz seine Lust sehen an einem geängsteten, leidenden mit Speichel, Schlägen und Schmach bedeckten Menschensohne? Wer mag Vergnügen finden an einem Unglücklichen, der mit zerschlagenem Rücken da hängt am Holze - mit Nägeln durchbohrt an Händen und Füßen, voller Wunden - blutend, zagend, zitternd und in den Tod versinkend? - Wendet sich nicht das Auge gerne weg von solcher Jammergestalt, denn das ist doch wahrlich keine Schöne, die uns gefallen könnte. Wer freilich nur bei dem äußeren Anblick stehen bleibt, war nicht tiefer einzuschauen vermag in das wunderbare Leiden des auf Golgathas Höhe Gekreuzigten - dem ist jeder andere Anblick erfreulicher und lieber, als das Anschauen Jesu. - Wer aber weiß, wer der Mann mit der Dornenkrone eigentlich sei, und was es mit seinem Leiden und Sterben für eine Bewandtnis habe - wer in dem Gekreuzigten seinen einigen Mittler und Heiland, seinen wahrhaftigen Gott und Herrn, seinen Goel und Erlöser erblickt und wer im Blute, das aus den vielen Wunden quillt, das Lösegeld für der Welt Sünde und seine ewige Erlösung gläubig erkennt, ergreift darauf sein Herz mit fester Zuversicht gründet, der singt mit Freuden:
Das ist meine Lust, so viel mir bewusst,
Wenn man meinen blöden Augen, seit sie was zu sehen taugen,
Malt ein Lamm daher, wie's geschlachtet wär'.
O da weint mein Herz über seinen Schmerz:
Ihm ist der durchbohrten Füße ihr vergoss'nes Blut so süße;
O wie küsst's die Hand, an den Baum gespannt!
wie inniglich meditiere ich
Über dich, du Teil der Leichen, das des Menschensohnes Zeichen
Ist in Ewigkeit, Wunde in der Seit'!
Seht, so wird einem Gläubigen das Leiden Jesu zur Freude, zum Trost, zum Evangelium. Die Welt erkennt freilich durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht, ihr ist das Wort vom Kreuze eine Torheit, ihr erscheinen die über dem Leiden Christi fröhlichen und seligen Christen als Toren, und es bleibt somit auch heutzutage bei wahren Gläubigen wie weiland bei Paulo dabei: „Wir sind Narren um Christi willen!“ Wer darum mit uns ein solcher Tor werden will, der höre heute zu, wie man über dem Leiden Jesu fröhlich, vergnügt und selig werden kann; - und wer bis dahin noch nicht recht wusste, was er eigentlich aus Jesu Leiden machen soll, wer noch nicht den tieferen Einblick in Christi Todeswunden gewonnen hat, der höre heute das Evangelium, das unserer Betrachtung zum Grunde gelegt werden soll, - es handelt 1) vom Leiden Christi, und 2) von den verschiedenen Hörern des Worts vom Kreuze.
1.
Das Leiden Christi wird aber beschrieben: a) als ein von Gott vorher bestimmtes Leiden. Der Kreuzestod Jesu war nach des Herrn Jesu eigenen Worten V. 31 notwendig, weil solches nach Gottes vorbedachtem Rat und Willen geschehen sollte. (Apostg. 2, 23.) Matthäus erzählt, Jesus habe seinen Jüngern gezeigt, wie er müsse hin gen Jerusalem ziehen und Vieles leiden von den Ältesten, Hohenpriestern und Schriftgelehrten und wie er müsse getötet werden. Ebenso erklärt sich der Herr, als er wieder auferstanden war, nach der Vollendung seines Kreuzestodes: Luk. 24, 26. Musste nicht Christus solches leiden? Der Kreuzestod des Herrn erfolgte somit nach einem göttlichen Ratschluss und ist nicht als eine Begebenheit anzusehen, die aus einer bloß natürlichen Ordnung der menschlichen Handlungen unter der Zulassung Gottes erfolgt wäre. Nein! es war von Gott ausdrücklich so bestimmt, dass der Mittler des neuen Testaments so sterben sollte. Aber ist Christus nicht durch die Hände der Ungerechten übergeben und von der Bosheit der Menschen ans Kreuz genagelt worden!? Wie ist denn solches zugleich nach Gottes Bestimmung und Ratschluss geschehen? Nach dem ewigen Rat des Friedens war kein anderes Mittel übrig, die Sünder zu versöhnen, als der Tod seines eingeborenen Sohnes - unveränderlich wie Gott selber - unwandelbar wie der Ewige stand der Beschluss und Satz fest in den Rechten des Heiligen und Gerechten, dass ohne Blutvergießen keine Vergebung geschehen sollte. (Ebr. 9, 22.) Gott sah nun voraus, dass die Feinde seines Sohnes nach ihrer eigenen Wahl dessen Tod beschließen und bewerkstelligen würden. So beschloss er, diese Bosheit zuzulassen, sie gleichsam benutzend, seine Heils- und Erlösungszwecke zu erreichen. Was jedoch die Menschen zum Leiden und zur Ermordung Jesu beitrugen, kam alles aus ihrer eigenen Entschließung. Gott sah dies vorher und ließ es zu - ohne die Verbrecher zu ihrer Sünde zu zwingen oder zu nötigen. Den Verräter Judas kannte Gott von Ewigkeit; Pilatus, den heidnischen Richter, gleichfalls; ja, er kannte sie und ließ die Verruchten Werkzeuge in der Verurteilung seines Sohnes werden. Wer wollte nun aber sagen, Gott habe ihre Sünde und Missetat verursacht? Durch die Bosheit der Ungerechten wurde nur der von Ewigkeit gefasste Ratschluss ausgeführt - der treulose Jünger musste zur Strafe seiner Dreijährigen Untreue sein Sündenmaß mit dem Verrate seines guten Meisters - der ungerechte, vielbestochene und menschengefällige Richter Pilatus mit dem Bluturteile des Sohnes Gottes seine himmelschreiende Ungerechtigkeit vollenden. - Diesen Rat seines himmlischen Vaters kannte der Heiland; darum spricht er: des Menschen Sohn muss leiden und sterben. Es ist aber Jesu Leiden auch
b) ein williges, aus göttlicher Liebe übernommenes Leiden. Darum begab sich der Herr des Gebrauchs seiner göttlichen Herrlichkeit, insoweit dieselbe ihm an der Ausführung des Versöhnungswerkes hätte hinderlich sein können. Als er dort vom Ölberg aufstand, den er mit Blut genetzt, so sprach er seinen Feinden entgegen tretend: „Jetzt ist die Macht der Finsternis!“ Und als er vor seinem drohenden Richter stand, hören wir ihn sagen: „Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht wäre von oben herab gegeben.“ Was hätte alle Bosheit des mächtigsten Sterblichen gegen ihn vermocht, wenn er sich nicht durch eine wundersame Selbstentäußerung derselben von freien Stücken übergeben hätte. Der, dem ganze Legionen himmlischer Heerscharen zu Gebote standen, der durch einen Hauch seines Mundes seine Feinde in den Staub zu strecken vermochte, der unterwirft sich freiwillig ihrer Raserei. O des unausdenklichen Wunders, o der unbegreiflichen göttlichen Erlöser- und Mittlerliebe. So war es aber nötig nach Ps. 40. und Ebr. 10, 7. 9. Ja, Er war der, der uns geliebt hat und sich selbst für uns dargegeben zur Gabe und Opfer Gott zu einem süßen Geruch. - Fassen wir aber die Lebens- und Leidensgeschichte Jesu näher ins Auge, so finden wir, dass es auch
c) ein von unsäglichen Martern zusammen gesetztes, vielfaches Leiden war; hören wir den Leidenden selbst die einzelnen Teile seiner Mittlerleiden und seiner Todesmartern bezeichnen. Da spricht er zuerst: des Menschen-Sohn wird überantwortet werden. Der eigene Jünger, sein falscher, treuloser Freund und Gefährte überliefert ihn den Widersachern, den Juden - diese binden den vom Blutschweiß Bedeckten und überantworten ihn dem heidnischen Richter Pilatus. So teilen sich Juden und Heiden in die Leiden des Herrn. Die Juden sind die Ursacher und Anfänger der Martern indem sie den Herrn als Übeltäter dem Heiden überliefern - als des Todes würdig die Heiden sind die Vollstrecker des Bluturteils, indem sie Gottes Lamm mit unmenschlichen Martern bedecken und zum Tode bringen. Christus fährt fort: des Menschen Sohn wird verspottet, geschmäht und anspeien werden. Lest nur Mark. 14, 65 u. 15, 17-19. Da fingen an Etliche ihn anzuspeien und verdeckten sein Angesicht und schlugen ihn mit Fäusten und sagten zu ihm: Weissage uns! und die Knechte schlugen ihn ins Angesicht. Ferner, sie zogen ihm einen Purpur an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie auf sein Haupt und fingen an ihn spottend zu grüßen: Gegrüßt seist du, der Judenkönig! Und schlugen ihm die spitzen Dornen ins Haupt mit dem Rohr und spien ihn an und fielen auf die Knie und beteten ihn an. Er wurde auch gegeißelt, mit Ruten gepeitscht und mit Riemen, deren Spitzen mit eisernem Draht und zackigen Rädchen geflochten waren, ward er so geschlagen, dass sein heiliges Fleisch von den Gebeinen sich löste und abgerissen herunter hing. Auf diesem zergeißelten Rücken trug er sodann sein schweres Kreuz hinaus nach Golgatha, wo er an dem Schandpfahl des Kreuzes nackt und entblößt da hing als ein um unserer Sünden willen Verfluchter - zwischen zwei Raubmördern, von denen der Eine seiner spottete, samt der schadenfrohen Menge zu seinen Füßen.
Seht, das musste Christus leiden, so hängt unser Herr und Mittler, so hängt der wahrhaftige Gott vom Vater von Ewigkeit geboren - am Fluchholz, so leidet Gottes Lamm.
Zu diesem Gott bekenne ich mich und zu keinem andern. Ist dies auch euer Gott, bekennt ihr euch auch zu ihm, so glauben wir an Einen Gott. An dieser Schandsäule, an diesem Kreuzgalgen verehre ich ihn da, diese dorngekrönte, bluttriefende, zergeißelte, geschändete, verspeite, verhöhnte und verspottete Martergestalt - dieses Jammerbild bete ich an. Der muss mir durchhelfen und kein Anderer. Auf dem wundgeschlagenen Rücken treff ich meinen Freibrief an - auf den zerrissenen Schultern muss ich armer, verlorener und verdammter Mensch zu seiner Herde hin und fortgetragen werden, sonst bleibe ich außer seinem Schafstall. Ist es euch auch so, dann haben wir den rechten Glauben, den Glauben, der gerecht und ewig selig macht. Ach ja, du nimmst auf deinen Rücken die Schulden, die mich drücken viel schwerer als ein Stein. Du wirst ein Fluch, dagegen verehrst du mir den Segen, dein Schmerzen muss mein Labsal sein. O große Lieb', o Lieb' ohn' alle Maßen, die dich gebracht auf diese Marterstraßen! - Es ist aber endlich das Leiden des Herrn und sein Kreuzestod auch
d) ein siegreiches Leiden. Es folgte nämlich auf den Tod die Auferstehung am dritten Tage, welche Christus in unserem Texte gleichfalls voraussagt. Unsere Sünden konnten zwar den Menschensohn wohl töten, aber der Tod konnte den Herrn der Herrlichkeit nicht behalten. Und so musste es sein. Er musste nicht nur um unsertwillen kämpfen, sondern auch den Sieg davon tragen. In dem Augenblick seines Todes war Alles vollbracht, was von seinem Leiden und der Frucht desselben war geweissagt worden. Die Absicht seiner Sendung vom Vater war vollbracht. Der Zorn Gottes wider die Sünde und der Eifer für seine Rechte war vollbracht. Das Wunder der Gnade, der Erlösung der Welt war vollbracht. Weissagung, Vorbilder, Opfer waren vollbracht. Die Schuld, die ganze Schuld der Sünderwelt war abgetragen; die Strafe, die ganze, die ewige Strafe war ausgestanden, Alles war vollendet. Die Gerechtigkeit Gottes hatte weiter nichts mehr zu fordern. Der Weibessame hatte der Schlange den Kopf zertreten. Der neue Vater der Welt, der Heerführer der Kinder Gottes, der Herzog unserer Seligkeit war auf seiner Blutbahn glücklich durchgebrochen. Er hatte dem Tode die Macht genommen, den Himmel aufgeschlossen, das Leben wiedergebracht. Wie? konnte denn nun der Bürge im Schuldturm im Grabe bleiben? Das war unmöglich. Er musste auf freien Fuß gestellt und zu der Rechten Gottes erhöht werden über Alles, dass er die Früchte des Erlösungswerks, seines Siegs den erlösten Sündern mitteilen könnte. Und das ist es, was der Heiland sagt: Er werde am dritten Tage auferstehen!
Nun, meine Lieben, der Heiland gibt uns zu diesem heilsamen Evangelio, der Verkündigung seines schmerzlichen Versöhnungs- und Todesleidens auch noch ein Wort der Mahnung. Er spricht: Seht! - macht die Augen auf zur Betrachtung meiner Leiden, meines Todes. Dies Wort geht nun wohl zunächst die Jünger an, die damals noch der keines vernahmen; es war ihnen die Rede verborgen, und sie wussten nicht, was da gesagt war. - Sie waren noch meist natürliche Menschen; und die natürlichen Menschen, welche den Heiligen Geist noch nicht empfangen haben, halten dafür, die Menschen seien eben zum lustigen, vergnügten Leben auf der Welt, ihre Bestimmung sei irdisch reich - weltlich froh zu werden. Vom Kreuz und Leiden, vom Armsein um Gottes und der Brüder willen von der Schmach und Schande in der Nachfolge Christi, vom täglichen Sterben und Verwesen des alten Menschen haben sie keinen Begriff. Darum ist ihnen auch Christi Leiden und Sterben unerklärlich, wie den Aposteln. Um die Passion Christi recht und zur Seelen Seligkeit zu betrachten, bedarf man der Augensalbe des Heiligen Geistes. Denn man kann zwar wohl die Geschichte, den Hergang, die einzelnen Teile des Leidens Christi lesen, hören, wissen - man kann zusehen, wie Christus leiden und sterben muss, und sieht doch mit sehenden Augen nichts. -
Es ist nicht genug, die einzelnen Ereignisse und Teile des Leidens Christi zu wissen, sondern man muss auch wissen und glauben, warum Christus also gelitten, was er uns damit verdient und wie wir uns darein zu schicken haben. Diese Stücke sind's besonders, darauf es beim Leiden Jesu für unsern Glauben ankommt. Wir glauben nämlich, Christus habe also für uns gelitten, dass er für unsere Sünden gebüßt - und uns dadurch erworben, dass uns lauter, umsonst, ohne unser Verdienst und Würdigkeit alle Sünde vergeben und die Gerechtigkeit und Seligkeit geschenkt werde. Daher wir alles Vertrauen eigener Werke und eigenen Tuns ablegen, weil wir uns im wahren Glauben seines Verdienstes zu getrösten haben. Dies kann nicht Jedermann glauben, meine Lieben. Die ganze große römische Kirche glaubt das nicht; und Viele der evangelischen Christenheit stellen den Satz auf, das Verdienst des Herrn, sein Leiden und Sterben allein tue es nicht, man müsse sich desselben auch würdig machen - ja Viele setzen ihr Vertrauen mehr auf ihre armselige Tugend und mangelhafte Gerechtigkeit, als auf Christi Blut und Wunden. Besonders aber hält es schwer, in der Stunde des Todes einzig und allein des Verdienstes Christi sich zu trösten, darauf allein sein Vertrauen zu gründen, dies allein zu rühmen, und darauf zu trotzen wider Sünde, Tod, Teufel und Gericht. Darum seht! rufen wir euch zu in Jesu Namen - seht das ist euer Gott und Heiland, der allein euch helfen kann vom Tod; das ist der Herr, der eure Gerechtigkeit ist und Stärke. O wendet euch zu ihm, so werdet ihr selig. Seht! das ist Gottes Lamm! das der Welt Sünde trägt. Die Frucht der Leiden und des Todes Christi - sowie die Frucht der Lippen, welche das Wort vom Kreuz verkündigen, ist nichts anderes, als die Gerechtigkeit, die durch den Glauben kommt, wie die daraus hervorblühende Heiligung, der neue Gehorsam. - Wer dies Wort vernimmt, der verspürt davon eine gotteskräftige Wirkung, weil mit dieser Predigt die kraftvolle Wirkung des heil. Geistes verbunden ist. Ach, dass die Wirkung der Evangeliums-Predigt bei Allen seligmachend, rechtfertigend, heiligend wäre! Aber da gibt es
2.
gar verschiedene Hörer: - Einige gleichen
1) dem Volke im Texte, das hinging, dem Heiland zwar nachfolgte, aber nichts von ihm hatte. Ihre Gedanken sind vorüberfahrend. Solche Leute sind in den Dingen dieser Welt, in den Wollüsten, in den Nahrungssorgen, in ihre Prozesse und andere Sachen so verwickelt, dass sie nicht Acht haben auf das, was sie sehen, sondern wie Träumer dahinfahren. Sie singen mit: O du Lamm Gottes; - sie beten mit: Gekreuzigter, lass mir dein Kreuz je länger und je lieber sein! Es ist aber alles Lüge und nicht wahr, denn es bleibt immer bei solchen beim Alten, sie werden nicht gerührt, erweckt, bekehrt, verändert! Dass es solch gleichgültige Leute sind, geht daraus hervor, dass es ihnen ganz gleichviel ist, ob sie heut von Jesu, dem Gekreuzigten, von seinem Versöhnungsblute und verdienstlichen Leiden hören oder morgen eine magere Tugendpredigt, die Jesum nur als Tugendlehrer und Beispiel vors Auge malt; wenn's nur zusammenläutet und ein Mann im schwarzen Kirchenkleide auf der Kanzel steht, ob er Jesu Blut und Wunden, seine Marter und Pein oder Tugend- und Gesetzeslehren vorbringt, das ist solchen Sündern einerlei. Sie schlafen einmal so ruhig, wie das andere. Das ist ein höchst jämmerlich Zeichen! Wollte Jemand fragen: Wie ist denn solchen Leuten beizukommen - so müsste ich meine Unwissenheit offenherzig gestehen und sagen: Ich weiß es nicht. Das Herz des Verräters Judas wurde noch gerührt, als er sah, dass der Heiland zum Tode geführt wurde. Pilatus Herz kehrte sich doch im Leibe gleichsam um, als er das blutige und angespiene Marterbild Jesu erblickte. „Seht, welch ein Mensch“, rief er aus. Aber mit unsern Leuten ist's nicht so. Sie sehen das blutige Schaugerüste bei Jerusalem, den Berg Golgatha an und fühlen nichts. Hart, wie das Holz, auf dem der Gekreuzigte leidet und stirbt, sind solche Menschen, und unempfindlich wie der Stein. O möchtet ihr Alle durch die diesjährige Betrachtung des bitteren Leidens und Sterbens Christi erweicht und zum Hirten und Bischof der Seelen bekehrt werden.
2) Andern öffnet diese Predigt die Augen, dass sie sehen die Ohren, dass sie hören; aber sie hören das Wort mit Widerwillen, mit Feindschaft und Bitterkeit. Diese sind denen gleich, von welchen es im Texte heißt: Die aber vorne an gingen, bedrohten den Blinden, er sollte schweigen. Das sind die Leute, die vorne an stehen im Volke und dabei voll eigener Weisheit und Einbildung von sich selber sind; die reich, gar satt sind und bedürfen nichts - am wenigsten einen Heiland und Erlöser. Die Gestalt des leidenden, büßenden, verwundeten und gekreuzigten Gottes ärgert diese Art ebenso sehr, als dass durch Ihn und sein teures Blut auch ihre verachteten, sündigen, ja lasterhaften Brüder sollten gerecht und selig werden. Darum wollen sie eben sowohl den Heiland den armen Sündern vorenthalten, als diesen den Zugang zum Gekreuzigten wehren.
3) Anders verhalten sich diejenigen, welche ihre Not, ihr Elend, ihre geistliche Armut fühlen und erkennen sie haben die Gestalt des Blinden an sich, dessen unser Evangelium gedenkt. Dieser ließ sich von Niemand irre machen, sondern schrie vielmehr: Du Sohn Davids, erbarme dich mein! rc. Während Andere gleichgültig sind und kalt bleiben bei der Predigt des Gekreuzigten - während Andere sich ärgern an der niedrigen Knechts- und Martergestalt des Herrn, so ruft das Herz und der Mund eines armen Sünders um Erbarmen; er umfasst das Kreuz, daran sein Bürge hängt und bittet um das Blut der Versöhnung zur Vergebung der Sünde. Von dem an - wo eine Seele in solche Gemeinschaft mit dem Schmerzensmann tritt - findet sie Ruhe und wird zufriedengestellt. Da singt man aus einem ganz andern, herzlichen - höheren Tone: O Lamm Gottes unschuldig am Stamm des Kreuzes rc. Das mengt sich in alles Tun und Lassen, in alles Denken und Reden. Da heißt es dann nicht mehr zum Schein, sondern in Wahrheit: Der am Kreuz ist meine Liebe! Das bekennt man vor Freunden und Feinden, das lässt man die ganze Welt wissen. Man kann es nicht lassen, dass man nicht zeugen sollte, was man gesehen und gehört hat. Vom Blinden heiße es im Evangelium, sobald er sehend war, sei er dem Heiland nachgefolgt und habe Gott gepriesen. Und so ist es auch mit einem Menschen, der den Gekreuzigten ins Auge fasst, der im Gedächtnis hält Jesum, immer ist er mit Jesu Wunden, mit Jesu Tod, mit Jesu Mittlerliebe beschäftigt und weicht keinen Schritt mehr von der heiligen Leiche, in welcher wir haben die Erlösung durch sein Blut die Gotteskraft und Lebenskraft, der Sünde gestorben zu sein und der Gerechtigkeit zu leben. Sein Kreuz ist der Stecken und Stab in die Heimat, das Wort vom Kreuz das helle Licht und des Fußes Leuchte. Dem folgt man unverrückt.
Nun, meine Lieben - in diesen Wochen geht Jesus der Christ der Leidende und Sterbende wieder an unserm Seelenauge vorüber - o lasst sein Vorübergehen, sein Passah für euch gesegnet sein. Verschließt nicht eure Augen, verstockt eure Herzen nicht! Seid nicht von denen, denen der Satan das Auge verblendet, dass sie nichts sehen von der Klarheit, die im Angesichte Gottes leuchtet. Bittet, fleht, ruft: Herr Jesu, erbarme dich meiner! lasst euch im Rufen nicht irre machen, nicht stören von der Welt! vielleicht ist dies die letzte Passion, die wir hienieden feiern, vielleicht wird zum letzten Mal unser Herr Christus uns vors Seelenauge gemalt, wie er für uns gekreuzigt ist, vielleicht ist die Stunde vorhanden, da wir das Lamm Gottes in seinen verklärten Wunden herrlich sehen dürfen von Angesicht zu Angesicht. Ach ja! mit diesem Blick lebt sich's getrost - mit diesem Blick stirbt sich's selig
drum beten wir:
Erscheine mir zum Bilde, wie du für meine Not
Am Kreuze dich so milde geblutet hast zu tot.
Da will ich nach dir blicken, da will ich glaubensvoll
Dich fest an mein Herz drücken, wer so stirbt, der stirbt wohl. Amen.