Grashoff, Wilhelm - Vom Paradiese bis zum Nebo - Vierte Andacht. - Im Paradiese.

Grashoff, Wilhelm - Vom Paradiese bis zum Nebo - Vierte Andacht. - Im Paradiese.

1. Mose 2, 8: „Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden, gegen Morgen, und setzte den Menschen darein, den Er gemacht hatte.

„Wie lieblich sind Deine Wohnungen, Herr Zebaoth. Ein Tag in Deinen Vorhöfen ist besser, denn sonst tausend“ (Ps. 84, 1 und 11). War es so Deinen Knechten ums Herz, wenn sie nur in der Hütte des Alten Testaments weilen durften, die doch nur ein Nachbild jener Paradiesesherrlichkeit und ein Vorbild dessen ist, was wieder kommen soll: wie viel herrlicher ist die Wirklichkeit selbst, die hier im Paradiese vor mir liegt! Lass mich, o mein Gott und Herr, anbetend, lobend, dankend auf diesen wunderherrlichen Anfang unseres Geschlechts zurückblicken; lass mich hier die Grundlinien Deines Gottesreiches erkennen, führe mich ein in die verlorene Herrlichkeit, dass meine Seele aus der Niedrigkeit des jetzigen Zustandes voll Jammer und Elend emporgehoben werde und durchschaue, was Du gabst, was wir hatten, was wir verloren, was Du wiederbringst, was Du jetzt uns gibst und vollenden wirst. Also mache meine Seele nüchtern aus der Verblendung und dem Zauber dieses uns umstrickenden Zustandes, in welchem wir das Kümmerliche für Größe, das Ärmliche für Pracht, das Nichtige für Herrlichkeit halten. Ach, Herr, hier im Frieden des Paradieses, in der Herrlichkeit des Anfangs lass meine Seele genesen von allen bleichsüchtigen Gedanken menschlicher Weisheit, die uns wie im Banne halten, und die Wesenhaftigkeit und Pracht des ewigen Lebens verflüchtigen und auflösen; hier lass mich in den wesenhaften, wirklichen Zügen Deiner wunderherrlichen Schöpfung lesen, bewundern und anbetend durchschauen, was Seligkeit, was ewiges Leben, was Himmelsherrlichkeit war und ist und sein wird; hier liegt ja ewiges Leben und alle Herrlichkeit des Reiches vor mir so hell und klar, dass die Augen es sehen, die Hände es greifen können und mein Geist und mein Herz müssen frohlocken, und meine Seele müsse überströmen von Dank und Preis Deines Namens.

Wie hast Du die Vorhöfe der Erde ringsumher so herrlich geschmückt! Und wie viel herrlicher noch ist Eden, das Land der Wonne! Und mehr noch gibst Du, o unerschöpflicher Brunnen der Güte, Du heißt ja Jehovah, Gott der Herr, Du pflanzt einen Garten in Eden, richtest das Paradies an auf Erden, breitest die Freude des Himmels über Deine Erde, senkst den Frieden der Sabbatsruhe über Deine Schöpfung, willst in ihr Wohnung machen, in ihr ruhen, und in der Weltregierung Deine Sabbatsruhe über das Werk Deiner Hände ausbreiten, schenkst der im Paradiese vollendeten Schöpfung Deine Gnadengegenwart, dass Himmelsluft und Himmelsduft und Himmelsfriede Deine Stätte umfängt. Welch eine Freude die Fülle war da und welch liebliches Wesen! Kein Leid und kein Geschrei, keine Tränen und kein Seufzen, keine Unvollkommenheit und kein Elend, lauter schwellende Keime eines vollkommenen, herrlichen, mit Kräften der Ewigkeit erfüllten Lebens! Und in dieses Paradies setztest Du den Menschen, in dieser lieblichen, wunderherrlichen Naturwelt thronte er als König, alles hast Du unter seine Füße getan. Da war der Himmel und das ewige Leben in dem nach Deinem Bilde geschaffenen Menschen, da war Himmelsfreude und Himmelsfriede um ihn her, und Leib und Seele strahlten im Glück eines so tief befriedigten Daseins mit solcher Fülle, mit solchen Kräften, mit solchen Gaben, mit solchen Aufgaben, die Paradiesesherrlichkeit hinauszutragen bis in die Vorhöfe der Erde und die ganze Erde zu verwandeln in ein Paradies und diese ganze Herrlichkeit emporwachsen zu sehen bis zum Paradiese der Vollendung, der Stadt Gottes, wie die Offenbarung sie uns am Schlusse zeigt. Ach, Du wunderbarer Gott der Huld und Gütigkeit, mehr noch und immer mehr noch gabst Du, Dich Selbst entzogst Du ihnen nicht, Deine Gnadengegenwart schenktest Du ihnen, Du tratest in die Erscheinung, Du lehrtest sie im Schatten der Paradiesesbäume, zu Deinen Füßen saßen sie unter dem Baume der Erkenntnis, sie hörten Deiner Rede zu, sie sahen Dein Angesicht, sie lauschten den Worten des ewigen Lebens, die Tiefen des Himmels und der Erde schlossest Du ihnen auf, in alle Deine Gottesliebe und Huld durften sie schauen, ihr entzücktes Herz ruhte in Deinem Frieden, die ganze Welt und alle ihre Herrlichkeit vergessend in dem Anblick Deiner Herrlichkeit, im Schauen Deiner unerschöpften Freundlichkeit, im Entzücken über deine Gnadengegenwart. Eins mit Dir im Willen, so in der seligen Freiheit der Kinder Gottes, in tiefster Liebe Dir hingegeben, in Deiner Liebe ruhend, erleuchtet mit dem Licht von oben, selig in tiefster Harmonie des ganzen inneren Lebens, selig in allen Empfindungen Leibes und der Seele, selig im Wachsen und Werden, selig im Sein und Haben, selig im Wirken und Schaffen so sehe ich das Leben und Dasein des Urstandes vor mir, und meine Seele betet an.

Ist denn irgendein Volk auf Erden, in welchem die Erinnerung an diese verlorene Herrlichkeit nicht nachklingt, wenn auch nur in der Entstellung der Sage, in der Verzerrung der dichtenden Mythe? Ist es nicht bis auf diese Stunde das sichere Zeichen des unabwendbaren Unterganges, wenn dieses Abendrot der Erinnerung in einem Volke erbleicht und schwindet? Sinkt es dann nicht rasch in die Todesschatten völliger Verwilderung hinab, wo jeder Anknüpfungspunkt für eine neue Welt des Friedens wie vernichtet scheint? Lass meine Seele Dich preisen, mein Gott und mein Herr, dass die Erinnerung in dem lauteren und gewissen Worte der Offenbarung festgelegt ist für Dein Volk aller Zeiten, für alle, welche Deine Stimme hören; lass mich preisen Deinen Namen, dass Du dies Paradies uns wiederbringst, und wir nun im Glauben darin leben, im Glauben ganz das sehen und hören dürfen, was jene von Angesicht zu Angesicht hörten und sahen, wie es auch Deine Jünger wieder haben in den Tagen deines Erdenwandels, wie es Dein Volk haben wird in der Vollendung des Paradieses, welche Du von ferne zeigst; lass meine Seele preisen, dass Du bei uns anklopfest, uns den Tisch bereitest voll Himmelsspeise, in stiller, andächtiger Betrachtung Deiner Gnade und Wahrheit und das Paradies im Elende dieser Zeit wieder öffnest, den Himmel Deiner Nähe uns schenkst, dass wir zu Deinen Füßen ruhen wie unter dem Baume der Erkenntnis; lass meine Seele preisen, dass Du uns auch wieder Zugang gibst zum Baume des Lebens ach, du willst nun selbst der Baum des Lebens sein, Du Zweig aus der Wurzel, Jesse, Du Retter von Tod und Hölle, der Du als der Verklärte zu uns hereintrittst im wunderherrlichen Sakramente des Altars. Wer ist wie du, o Herr? Wer bin ich, dass ich nicht nur unter dem Baume der Erkenntnis zu Deinen Füßen anbetend sitzen soll, das Abendmahl im Worte und Geist mit Dir zu halten; sondern dass ich auch zu Dir kommen soll als zum Baume des Lebens, das wirkliche Abendmahl mit Dir feiern soll im Heiligtume an Deinem Altare, hinzunehmen Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit. Wir sind dem Tode verfallen, Du machst uns lebendig, jetzt Den inneren Menschen, indem Du uns durch Vergebung der Sünde aus dem Tode nimmst, uns mit ewigem Leben erfüllst, an jenem großen Tage auch den äußeren Menschen in der Auferstehung. Ach, bereite den inneren Menschen nun, gib mir Heil und Leben, dann fällt mir ja alles Andere zu zu seiner Zeit. Wenn ich nur Dich habe, Du bist alles in allem! Du kannst sagen: „Wer Mein Fleisch isst und trinkt Mein Blut, der hat das ewige Leben, und Ich werde ihn am jüngsten Tage auferwecken.“ „Wie soll ich Dich empfangen, und wie begegn‘ ich Dir?“ Amen.

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