Grashoff, Wilhelm - Vom Paradiese bis zum Nebo - Zwölfte Andacht. Die Mutter der Lebendigen.
1. Mose 3, 20: „Und Adam hieß sein Weib Heva, darum, dass sie eine Mutter ist aller Lebendigen.“
Wie danke ich Dir, mein Gott, für dieses Wort! Wie lieb und hold ist der Stammvater unseres Geschlechtes mit unser aller Mutter! Wie tief wird das Herz erfreut durch diesen Einblick in unser Vaterhaus! Ehrerbietig und pietätsvoll lass mich aufschauen zu unsern Stammeltern, das Herz voll Dank und Freude. Wie leidvoll war das, was wir sehen mussten im Vaterhause, als die Sünde gekommen war! O das harte Wort: „Das Weib, das Du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baume, und ich aß.“ - diese Anklage und diese Selbstrechtfertigung und dieser Unmut, der die Lieblosigkeit mit einem Schein des Rechtes vor Deinem Richterstuhle laut werden lässt! Dahin ist das Glück der Liebe, das Du gegeben, und die Selbstgerechtigkeit nennt es ein Unglück! Dahin ist die Einigkeit im Geist, und Vorwürfe vergiften die traute Nähe, in der sie standen! Dahin ist die zarte Sorgfalt, die der Liebe eigenstes Wesen ist, und das verwundende Wort hat einen umso tieferen Stachel, als die Verlegte wehrlos und schuldbewusst dasteht! Du schweigst, o Herr, wer hat ein Recht, anzuklagen, wo Dein Schweigen Schweigen gebietet! So stehen wir tiefbetrübt vor dem Zerwürfnisse unsers Vaterhauses, sind Zeugen der Zerrüttung, welche die Sünde gemacht; und der Eltern Sünde muss der Kinder tiefstes Leid sein, schweigend müssen sie es im Herzen tragen, schweigend mitempfinden all das Elend, all die Verwirrung, all das Unrecht, welches die Sünde anrichtet. So glücklich war einst dies Vaterhaus, so freudig alles, so hold und traut, und des Hauses Glück wurde gepriesen in jedem Worte, welches von unsers Stammvaters Lippen uns bewahrt ist. Wie ein Lied klingt es, wenn' er mit prophetischem Geist das Unvergleichliche dieses Bundes rühmt, vor dem alle andere Liebe zurücktritt „Vater und Mutter wird ein Mann verlassen und seinem Weibe anhangen!“ „Man wird sie Männin heißen, darum, dass sie von dem Manne genommen ist!“ so singt und sagt das begeisterte Lob, sein „anderes Ich“, „einen Teil von seinem Leben“ nennt die dankbare Liebe die Gehilfin seiner Freude, die Gefährtin seines Lebens, die Genossin seines Glücks.
So lieblich war's im Vaterhause, so reich, so edel, so traut und hold. Und nun dieses! Wir sehen es und empfinden schweigend das tiefe Leid, welches der Kinder Herzen verwunden muss, wenn sie des Vaterhauses unselige Zerrüttung vor sich sehen. Aber darum auch, o Herr, diese Freude, da nun Deine Gnade die Herzen verwandelt und erneuert hat. In Erkenntnis der Sünde und Schuld vor Dir sich beugend, durch Deine Gnade aufgerichtet, o wie ist nun auch die Liebe wieder erwacht! Kein Vorwurf mehr, kein Scheltwort, dass die Gefährtin des Lebens eine Mutter des Todes sei; nichts von Bitterkeit, nichts von Klage und Anklage kommt über die Lippen der Begnadigten - und wie ein Lied im höheren Chor klingt das eine, inhaltsreiche Wort, ein Wort, welches eine Welt voll Lob und Lieder birgt, das segnende, lobsingende Wort: „Mutter der Lebendigen!“ Dir werden ehrerbietig die Generationen nahen, den Mutternamen auf den Lippen; dir werden sie sich neigen in fernsten Jahrhunderten und deinen Namen preisen; dir werden sie danken, die das Leben gab den Lebendigen; und auf ein Geschlecht, das niemand zählen kann, wird die glückliche, begnadigte Mutter der Menschenkinder herniedersehen; und pietätsvoll werden sie ehren, was Gott geehrt wissen will die Mutter der Lebendigen.
Aber ach, welch einen Anblick gewährt die Geschichte der folgenden Jahrtausende, in welcher die Kinder dieses Vaterhauses ihre verkehrten Wege gehen! Welch eine Zerrüttung des Rechts, welch eine Verwirrung der Begriffe, welch eine Niedrigkeit der Gesinnung hat sich ausgebreitet in der Völkerwelt! Wie eine Anklage der hohen Mutter dieses Menschengeschlechtes geht es durch alle ihre Erinnerungen aus der Urzeit hindurch, dass durch sie die Sünde kommen ist und das Elend. Mutter des Todes, Urheberin alles Unglücks und aller Leiden hat das pietätslose Geschlecht der Kinder die erste Mutter genannt und damit alle Mütter herabgesetzt, das Weib zur Magd des Hauses, zur Sklavin der Lüste und Begierden, der Arbeiten und Mühen erniedrigt, und selbst die gebildetsten Heidenvölker haben ihr die volle Würde der Menschheit aberkannt und „ein notwendiges Übel“ sie genannt. Lass mich danken, mein Gott, dass Du gut gemacht, was die verirrten Kinder übel gemacht; lass mich danken, dass Du wieder zu Ehren gebracht die erste Mutter und alle Mütter in dieser Welt, seit die Gebenedeite unter den Weibern von Engellippen Holdselige genannt worden ist; lass mich danken, dass wir nun in Deiner Kirche leben und nicht nur Dein Wort und Gebot vor uns haben, sondern auch Deines Geistes Trieb und Kraft, dass wir wieder ehren müssen und können, was Du geehrt haben willst.
Das Vaterhaus ehren, über des Vaterhauses Sünde trauern, das habe ich vor Deinem Worte gelernt, mein Gott. Wie sollte ich zu Deinem Tische gehen, wie sollte ich vor Dein Angesicht treten und hinnehmen die Gnade des Lebens, ohne zuvor mein Wesen und Werk zu prüfen in diesem Stücke und vor diesem Spiegel tiefbewegt mich zu bücken! Auf meinen Lippen ersterbe jede Klage über des Vaterhauses Gebrechen; nur Dank und Gebet erfülle mein Herz, meine Seele müsse Deine Güte preisen und das ständige Dankopfer nicht schuldig bleiben, welches die Kindesliebe täglich zu opfern hat. Kein Laut der Anklage verunreinige meine Lippen, ehren lass mich in Zeit und Ewigkeit, die Du willst geehrt haben, und in bußfertigem Herzen lass mich die Sorge gewinnen, des Hauses Glück und Frieden nicht zu zerbrechen durch selbstsüchtige Anklagen. Mich selbst, mein Gott, will ich beugen; mich will ich anklagen vor Dir; abbitten will ich denen, die ich beleidigt habe; gutmachen will ich, wo ich hart geredet, es sei zur Rechten oder zur Linken, es sei nach oben oder nach unten; des Hauses Glück und Friede soll mir heilig sein und so will ich kommen zu Deinem heiligen Mahl. Mit dem tiefen Gefühl für des Hauses Ehre und Recht, für der Familie Glück und Segen, zu jedem Danken freudig, zu jedem Vergeben willig, zu jeder Abbitte bereit - so will ich mit Bitten und Flehen für des Hauses und Vaterhauses und des Volkes und aller Menschen Wohl vor Dein Angesicht kommen, dass Du aus ihnen allen Deine Gemeinde sammelst und bauest, Dein Volk aus aller Welt Zungen und aus allen Geschlechtern aller Zeiten, das dort im ewigen Vaterhause vereinigt sein soll. Da werden alle Väter ihre volle Freude und ihren vollen Dank künden für all den Schweiß des Angesichts, mit dem sie des Hauses Notdurft und Nahrung geschafft; da werden alle Mütter ihr Recht bekommen und ihre volle Freude, von der Mutter aller Lebendigen bis zu der Letzten auf Erden, die mit Schmerzen Kinder geboren und alle Plagen und alle Mühen mit stillem Sinn getragen in der selbstlosesten Liebe, die es auf Erden gibt, der Mutterliebe. „Gieß Deinen Frieden auf das Haus und alle, die drin wohnen, aus, im Glauben uns verbinde; lass uns in Liebe allezeit zum Dulden, Tragen sein bereit, voll Demut sanft und linde! übe jede Seele, Liebe keinem fehle, dran man kennet den, der sich den Deinen nennet.“ Amen.