Gerok, Karl von – Andachten zum Psalter - Psalm 142.

(1) Eine Unterweisung Davids zu beten, da er in der Höhle war. (2) Ich schreie zum Herrn mit meiner Stimme, ich flehe dem Herrn mit meiner Stimme; (3) Ich schütte meine Rede vor ihm aus, und zeige an vor ihm meine Not. (4) Wenn mein Geist in Ängsten ist, so nimmst du dich meiner an. Sie legen mir Stricke auf dem Wege, da ich auf gehe. (5) Schaue zur Rechten, und siehe, da will mich niemand kennen. Ich kann nicht entfliehen, niemand nimmt sich meiner Seele an. (6) Herr, zu dir schreie ich, und sage: Du bist meine Zuversicht, mein Teil im Lande der Lebendigen. (7) Merke auf meine Klage, denn ich werde sehr geplagt; errette mich von meinen Verfolgern, denn sie sind mir zu mächtig. (8) Führe meine Seele aus dem Kerker, dass ich danke deinem Namen. Die Gerechten werden sich zu mir sammeln, wenn du mir wohl tust.

Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt,
Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt,
Mit großen Gnaden rücken, erwarte nur die Zeit,
So wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud!

Dieses schöne Trostwort eines schönen Liedes ist schon unzählige Mal in Erfüllung gegangen an gläubigen Seelen und wohl auch an manchem hier unter uns. Ein dunkles Krankenzimmer vielleicht, da wir auf unserem Schmerzensbett lagen, war gleichsam die Höhle, da uns der Kummer plagte. Oder wir waren im Gedräng irgendeiner Not und Sorge, wo es dunkel war um uns und in uns wie in einer Höhle; da war keine Hilfe von Menschen, kein Rat in unserem eigenen Herzen, kein Trost von Gott, und die Kummerlast drückte auf uns wie die finstern, feuchten, schauerlichen Wölbungen einer Höhle, darein kein Sonnenstrahl fällt, die alle Augenblicke droht über unserem Haupte zusammenzubrechen. Aber wenn wir uns dann hielten nach dem Beispiel des Psalmisten: „Aus der Tiefe, Herr, rufe ich zu dir“; wenn wir dann befolgten die Mahnung des Liedes:

Schwing dich auf zu deinem Gott, du betrübte Seele,
Warum liegst du Gott zum Spott in der Schwermutshöhle?

wenn wir zu Gott uns aufschwangen im gläubigen Gebet und geduldig warteten auf seine Hilfe, siehe da kam doch auch die Stunde, da uns Gott aus der Höhle, da uns der Kummer plagt, mit großen Gnaden rückte, und wir durften nun erblicken die Sonn der schönsten Freud; Gott führte uns aus der Enge wieder ins Weite, aus dem Dunkel wieder ans Licht, aus dem Krankenzimmer wieder in die Himmelsluft, aus der Sorgenhöhle wieder ins Freie; seine Gnadensonne schien uns wieder hell und freudig und wir durften's dankbar rühmen: Der Herr hat Großes an uns getan. Darum soll's dabei bleiben auch in Zukunft:

Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt,
Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt,
Mit großen Gnaden rücken, erwarte nur die Zeit,
So wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud.

Besonders schön und augenscheinlich, ja wörtlich und leibhaftig ist das in Erfüllung gegangen an dem königlichen Dulder und Helden, Beter und Sänger, unserem David. Ihn hat Gott wirklich aus der Höhle, da ihn der Kummer plagte, da er von Gott und Menschen verlassen schien, da sein Leben oftmals nur an einem Faden hing, mit großen Gnaden gerückt und auf den Königsthron gehoben. Das war jene Höhle Engeddi, von der 1. Sam. 23 und 24 erzählt wird; eine Felsenhöhle im Gebirge Juda, hoch in schwindelnder Höhe, wohin sonst nur Gämsen und Ziegen sich verstiegen, wohin man nur auf gefährlichen Zickzackpfaden an furchtbaren Abgründen vorbei heute noch gelangen kann.

Dorthin floh David vor Saul mit dem Häuflein seiner Getreuen; bis dort hinauf setzte Saul ihm nach mit dreitausend Mann und war außen vor der Höhle, ja trat selbst in die Höhle hinein, um zu ruhen, während David hinten verborgen lag; aber Sauls Augen wurden gehalten, dass er David nicht sah; ja Gott gab den König in Davids Hände, so dass er ihn hätte töten können; aber Davids Edelmut schonte den Todfeind und statt ihm das Leben zu nehmen, begnügte er sich einen Zipfel abzuschneiden von Sauls Königsmantel zum Zeichen, dass er ihn in der Gewalt gehabt, aber sein geschont habe. Dort in jenen Felsen hielt sich David verborgen, bis ihn Gott durch den Tod Sauls mit großen Gnaden aus der Trübsalshöhle rückte und auf den Königsthron setzte und ihn schauen ließ die Sonn der schönsten Freud. An jene Zeiten der Drangsal nun und an jenen Ort der Bedrängnis, an diese Höhle Engeddi erinnert auch unser Psalm, von dem es in der Aufschrift heißt, V. 1: „Eine Unterweisung Davids zu beten, da er in der Höhle war.“ Eine besondere Betkapelle für einen künftigen König, diese Höhle, aber eine Betkapelle, aus der vielleicht heißere, demütigere, brünstigere Gebete gen Himmel stiegen als aus mancher prächtigen Hofkirche und Schlosskapelle. Denn Not lehrt beten. Lasst ihn uns näher betrachten:

Davids Psalm in der Höhle.

Auch hier, wie sonst oft, nimmt David zuerst einen Anlauf zum Gebet, stimmt gleichsam seine Harfe und bereitet sein Herz:

V. 2 und 3: „Ich schreie zum Herrn mit meiner Stimme, ich flehe dem Herrn mit meiner Stimme, ich schütte meine Rede vor ihm aus und zeige vor ihm an meine Not.“ Es scheint, als sage hier David nur mit andern Worten viermal dasselbe. Aber wir sehen daraus, wie ernst es ihm ist mit seinem Gebet; ja wir können sogar, wenn wir auf die Worte merken, in jedem dieser Ausdrücke eine besondere Bedeutung finden und daraus mit dem alten Psalmausleger, unserem Stiftsprediger Frisch, vier Eigenschaften eines rechten Gebets lernen.

Zuerst heißt's: „Ich schreie zum Herrn mit meiner Stimme.“ Das deutet hin auf den Ernst und Eifer, auf den Glaubensmut und die Herzhaftigkeit des rechten Gebets, dabei die Worte nicht matt und kraftlos zu Boden fallen, sondern kräftig durch die Wolken dringen, mächtig an die Himmelstür klopfen, wie Luther einmal von sich sagt in seiner derben Sprache, er habe den lieben Gott recht angeschrien im Gebet und ihm den Sorgensack vor die Tür geworfen und ihm die Ohren gerieben mit seinen Verheißungen, die er ja doch nicht könne zu Schanden machen. - An solcher Kraft und solchem Ernst des Gebets haben wir alle noch zu lernen. Damit aber solch herzhaftes Gebet kein unverschämtes und trotziges werde, so heißt es weiter:

„Ich flehe dem Herrn mit meiner Stimme.“ Das zeigt an das demütige, untertänige, fußfällige Gebet, dabei man sich seiner Schwachheit, Armut, Unwürdigkeit und Verschuldung vor Gott wohl bewusst bleibt, nichts von ihm fordert und ertrotzt, sondern alles seiner Gnade anheimstellt. Auch zu solcher Demut vor Gott, zu solchem bescheidenen, kindlichen Flehen haben wir uns immer aufs Neue selbst zu mahnen; und ein schöneres Vorbild noch solch eines demütigen Flehens, als selbst David uns bietet, haben wir an unserem Herrn Jesu Christo, wie er in Gethsemane betend im Staube liegt. Bei dieser Demut darf und soll zugleich sein eine vollkommene Offenheit und Freimütigkeit. Darauf deutet der dritte Ausdruck:

Ich schütte meine Rede vor ihm aus.“ Mach's auch so, lieber Christ! Schütte dein Herz freimütig aus vor Gott mit allen seinen Anliegen. Was du vor keinem Menschen offenbaren möchtest, deine geheimsten Gedanken, deine zartesten Wünsche, deine verborgensten Schmerzen, deine verschwiegensten Sünden und Gebrechen, vor ihm, dem Herzenskündiger, kannst du sie ja doch nicht verhehlen; vor ihm, dem Seelenfreund, darfst du sie ja offen bekennen, wie's in jenem Liede heißt:

Liebe Leute, traut beständig eurem ewigreichen Hort,
Er ist Gott und ist lebendig, ist euch nah an jedem Ort;
Ist euch irgend Hilfe nötig, klopft nur an, er ist zu Haus
Und zu jeder Hilf erbötig, schüttet euer Herz ihm aus.

Wenn es dann endlich noch heißt: „Ich zeige an vor ihm meine Not“, so deutet das auf den fleißigen und vertraulichen Gebetsverkehr mit Gott, da man alles, was einem widerfährt, Leid und Freud, Gott gleich anzeigt als einem lieben Freund, der teilnimmt an unserem Wohl und Weh. Zeigen wir ja schon menschlichen Freunden und Bekannten an, was uns Wichtigeres widerfährt in unserem häuslichen Leben, sei's eine Traueranzeige oder eine Freudenbotschaft, was wir ihnen mitzuteilen haben: wieviel mehr sind wir das schuldig unserem besten Freund, unserem himmlischen Vater, der so herzlich mit uns teilnimmt an Leid und Freud und von dem es in Wahrheit heißt: Dein Schmerz ist ihm auch ein Schmerz.

Diese vier Eigenschaften des Gebets: ernstlichen Eifer, der zu Gott schreit; kindliche Demut, die zu Gott fleht; offenen Freimut, der vor Gott das Herz ausschüttet, und herzliche Vertraulichkeit, da man Leid und Freud Gott anzeigt, wolle uns der Herr selber je mehr und mehr lehren. Und nun kommt David zum Gebet selber und legt Gott

1)

Zuerst seine Not vor, V. 4. 5.

V. 4: „Wenn mein Geist in Ängsten ist, so nimmst du dich meiner an,“ wörtlich: so kennst du meinen Weg, du weißt meine Not und weißt auch noch einen Ausweg, wenn ich selber keinen mehr sehe.

Oft sah ich keinen Ausgang mehr,
Da meint ich laut und klagte sehr:
Ach schaust du, Gott, mein Elend nicht?
Verbirgst du gar dein Angesicht?

Umso nötiger tut unserem David der Ausblick zum Angesicht Gottes, da ihm unter Menschen kein freundlich Angesicht nahe ist, sondern nur Feinde ringsum, die Freunde aber fern. Von den Feinden klagt er: „Sie legen mir Stricke auf dem Weg, da ich auf gehe.“ Überall hatte Saul seine Aufpasser und Spione, überall musste der flüchtige David irgendeinen Hinterhalt fürchten, vor einem Verräter auf der Hut sein, und auch wo man nicht so verfolgt ist wie der geächtete David, muss man ja doch in dieser argen Welt oft klagen: „Sie legen mir Stricke auf dem Weg, da ich gehe.“ Wenn wir uns auch bewusst sind, auf rechten Wegen zu gehen - überall sind Stricke und Netze, Gruben und Fallen. Überall sind bösartige Feindesherzen, denen es eine Lust ist, wenn ein Mensch, zumal ein Christ, zu Fall kommt; überall sind lauernde Spionenaugen, die uns begleiten auf Schritt und Tritt; überall gibt's neugierige Horcherohren, die unsere Worte belauschen; überall gibt's giftige Lästerzungen, die Wahres und Falsches weitertragen und vergrößern; überall gibt's hinterlistige Verräterfäuste, die nur auf einen Fehltritt warten, um uns vollends in die Grube zu stoßen. Hiob hat recht: Ein Mensch muss immerdar im Streit leben auf Erden, und das Lied spricht wahr: Man muss hier stets auf Schlangen gehen, die leicht ihr Gift in unsre Fersen bringen. Wenn man da nur immer wenigstens redliche Freunde zur Seite hätte. Aber auch da hat David zu klagen:

V. 5: „Schaue (oder: ich schaue) zur Rechten und siehe da will mich niemand kennen. Ich kann nicht fliehen (nirgends Zuflucht finden), denn niemand nimmt sich meiner an.“ Wohl hatte David seine Handvoll getreuer Männer um sich auch auf der Flucht; wohl war ihm sein Herzensbruder Jonathan getreu geblieben auch in der Not und kam noch zu ihm heraus in die Wüste, den Freundschaftsbund zu erneuern und zu besiegeln. Aber was war das gegen so viele und so mächtige Feinde! Die, welche ihm hätten helfen können, die zogen im Unglück die Hand von ihm ab. Die, welche ihm geschmeichelt hatten im Glück, wollten nichts mehr von ihm wissen in der Not. „Es will mich niemand kennen“

„niemand nimmt sich meiner an!“ wie oft muss auch heute der Unglückliche so klagen. Solang's ihm gut ging, solang er in Ehren stand, da hatte er hundert Freunde, da zog jedermann den Hut vor ihm ab, da fehlte es nicht an Versicherungen des Wohlwollens und der Ergebenheit; aber ist er ins Unglück gekommen, ist er in Ungnade gefallen oder hat er einen Fehltritt getan: gilt's nun ihm einen Dienst zu tun und ein Opfer zu bringen da sind die Freunde verschwunden wie die Zugvögel, wenn der Wind. übers Stoppelfeld geht, da weicht man ihm aus, da tut man so fremd, da will man nichts mehr von ihm wissen, da kennt ihn niemand mehr. Wohl dir, armer Mensch, wenn du dann wenigstens einen Freund noch weißt, der dich noch kennt und der dir treu bleibt, wenn alles dich verlässt. Zu dem erhebt nun auch David gläubig sein Auge, indem er ausspricht:

2)

Seine Hoffnung auf Gott als den einzigen Erretter, V. 6-8.

V. 6: „Herr, zu dir schreie ich und sage: Du bist meine Zuversicht, mein Teil im Lande der Lebendigen.“ Wohl dem, der das im Glauben sagen kann: Herr, du bist meine Zuversicht, wenn kein Mensch mich kennen will. Das ist mein Trost: Der Herr kennt die Seinen, wenn meine besten Freunde mich verlassen. Gott ist getreu, er ist mein treuster Freund; dies weiß, dies hoff ich fest. Wohl dem, der daran sich hält: „Der Herr ist mein Teil im Lande der Lebendigen,“ mein bestes Teil, mein höchstes Gut schon auf Erden, das mir kein Feind rauben, kein Unglück nehmen kann:

Warum sollt ich mich denn grämen?
Hab ich doch Christum noch,
Wer will mir den nehmen?

Und er ist mein ewiges Teil, mein unbeflecktes und unvergängliches und unverwelkliches Erbe droben im Lande des ewigen Lebens:

Wer will mir den Himmel rauben, den mir schon Gottes Sohn
Beigelegt im Glauben?

Wer so an Gott glaubt, auf Gott hofft, an Gott sich hält, der darf dann getrost ihn anrufen in der Not wie David:

V. 7: Merke auf meine Plage, denn ich werde sehr geplagt; errette mich von meinen Verfolgern, denn sie sind mir zu mächtig.“ Mir, aber nicht dir, dem Allmächtigen; dir ist es ein Kleines, ihre Stricke zu zerhauen und ihren Stolz in den Staub zu legen und mich herauszureißen aus aller Not und Gefahr. Und das kannst du nicht nur, das willst und wirst du auch tun, nicht nur um meiner Not und Klage willen, sondern auch um deiner selbst willen und deines Namens Ehre willen.

V. 8: Führe meine Seele aus dem Kerker, dass ich danke deinem Namen. Die Gerechten werden sich zu mir sammeln, wenn du mir wohltust.“ Das ist der Segen der göttlichen Gnadenhilfe, dass der Name des Herrn dadurch verherrlicht wird nicht nur bei dem einen, dem der Herr geholfen, sondern auch bei allen, die davon hören, insonderheit bei den Gläubigen, deren Glaube dadurch gestärkt wird, die sich umso herzlicher wieder miteinander scharen um den treuen Helfer, von dem es bald dieser, bald jener erfahren. darf: Wir haben einen Gott, der da hilft, und einen Herrn Herrn, der vom Tode errettet. „Die Gerechten werden sich zu mir sammeln, wenn du mir wohltust und meine Seele aus dem Kerker führst.“ Das hat sich ja auch an David gar herrlich erfüllt nicht nur damals, als er aus der Höhle errettet den Thron Israels bestieg und sein Volk sich um ihn sammelte und mit ihm um den lebendigen Gott; sondern bis auf den heutigen Tag steht David als ein ermunterndes Beispiel der Gnadenhilfe Gottes da für alle Gläubigen, bis auf den heutigen Tag sammeln sich um ihn die Gerechten und holen in seinen Psalmen wie in seiner Lebensgeschichte Trost in Trübsal, und auch heute haben wir uns hier um ihn gesammelt und von ihm wieder gelernt, zu Gott rufen und Gott vertrauen in der Trübsal. Möchten wir nicht vergeblich mit ihm in der Höhle gewesen sein; möchten wir's zum Trost mitnehmen in unsere Kummerhöhlen und Sorgenkämmerlein, was unser erstes Wort heut war und auch unser letztes sein soll:

Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt,
Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt,
Mit großen Gnaden rücken, erwarte nur die Zeit,
So wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud.

Amen.

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