Gerok, Karl von – Andachten zum Psalter - Psalm 136.
(1) Dankt dem Herrn, denn er ist freundlich; denn seine Güte währt ewig. (2) Dankt dem Gott aller Götter; denn seine Güte währt ewig. (3) Dankt dem Herrn aller Herren; denn seine Güte währt ewig. (4) Der große Wunder tut allein; denn seine Güte währt ewig. (5) Der die Himmel ordentlich gemacht hat; denn seine Güte währt ewig. (6) Der die Erde aufs Wasser ausgebreitet hat; denn seine Güte währt ewig. (7) Der große Lichter gemacht hat; denn seine Güte währt ewig. (8) Die Sonne, dem Tage vorzustehen; denn seine Güte währt ewig. (9) Den Mond und Sterne, der Nacht vorzustehen; denn seine Güte währt ewig. (10) Der Ägypten schlug an seinen Erstgeburten; denn seine Güte währt ewig. (11) Und führte Israel heraus; denn seine Güte währt ewig. (12) Durch mächtige Hand und ausgereckten Arm; denn seine Güte währt ewig. (13) Der das Schilfmeer teilte in zwei Teile; denn seine Güte währt ewig. (14) Und ließ Israel durchhin gehen; denn seine Güte währt ewig. (15) Der Pharao und sein Heer in das Schilfmeer stieß; denn seine Güte währt ewig. (16) Der sein Volk führte durch die Wüste; . denn seine Güte währt ewig. (17) Der große Könige schlug; denn seine Güte währt ewig. (18) Und erwürgte mächtige Könige; denn seine Güte währt ewig. (19) Sihon, der Amoriter König; denn seine Güte währt ewig. (20) Und Og, den König zu Bassan; denn seine Güte währt ewig. (21) Und gab ihr Land zum Erbe; denn seine Güte währt ewig. (22) Zum Erbe seinem Knechte Israel; denn seine Güte währt ewig. (23) Denn er gedachte an uns, da wir untergedrückt waren; denn seine Güte währt ewig. (24) Und erlöste uns von unseren Feinden; denn seine Güte währt ewig. (25) Der allem Fleisch Speise gibt; denn seine Güte währt ewig. (26) Dankt dem Gott vom Himmel; denn seine Güte währt ewig.
Luther sagt einmal von dem uralten Osterlied: „Christ ist erstanden“: Aller Lieder singt man sich mit der Zeit müde, aber dies: Christ ist erstanden, singt man alle Jahre wieder mit Freuden. Ähnlich möchte man nach Anhörung dieses Psalms sagen: Jeder andern Verszeile, 26 mal hintereinander wiederholt, würde man müde; aber dies: „seine Güte währt ewig“ kann man nicht zu oft hören und nicht zu oft singen.
Ursprünglich wurde unser Psalm ohne Zweifel von zwei Wechselchören der Leviten so gesungen, dass der eine Chor immer die erste Hälfte des Verses sang und der andere dann jedes Mal einfiel mit dem Refrain: „Denn seine Güte währt ewig.“ Und dieser liturgische Doppelgesang mag gewiss bei all seiner Einfachheit und, wenn man will, Einförmigkeit recht rührend und ergreifend geklungen haben. Haben wir ja auch unter unsern christlichen Kirchenliedern manche und gerade mitunter die schönsten, wo gleichfalls ein Wort oder eine Zeile wiederkehrt am Anfang oder am Schluss jedes Verses, wie in dem Lied: „Gott ist getreu!“ wo neun Verse mit denselben Worten beginnen und schließen, oder in dem andern: „Womit soll ich dich wohl loben“, wo es zwölfmal am Schlusse heißt: „Tausend, tausendmal sei dir, großer König, Dank dafür!“ und ist gewiss noch keiner dankbaren Seele zuviel gewesen. Oder in dem wunderschönen, unserem Psalm gar nahe verwandten Lied Gerhards: „Sollt ich meinem Gott nicht singen“, wo jeder Vers endet mit dem Refrain: „Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.“ Oder in dem herrlichen: „Mein Heiland nimmt die Sünder an“, wo es gewiss auch noch keiner begnadigten Sünderseele zuviel worden ist, zehnmal am Schluss von zehn Versen wieder das Trostwort zu hören und sich vorzusagen: „Mein Heiland nimmt die Sünder an.“
Und so nun, meine Lieben, wenn wir unsern 136. Psalm uns nicht nur ins Ohr, sondern auch ins Herz hineinklingen lassen: liegt nicht in dieser beständigen Wiederkehr derselben Schlusszeile: „Denn seine Güte währt ewig“ ein tiefer Sinn? Freilich nicht der kleinliche Sinn, den einige grübelnde, alte Rabbiner hineingekünstelt haben: es seien von Erschaffung der Welt bis zur Überwindung der Könige Sihon und Og, von denen im Psalm die Rede ist, 26 Menschenalter vorübergegangen, und darum kehre dieselbe Schlusszeile 26 mal wieder; wohl aber der schöne, großartige Sinn liegt darin: das Ende aller Wege Gottes in Natur und Geschichte und die Summa aller Menschenschicksale im großen und kleinen sei die: „Gottes Güte währt ewig.“
„Seine Güte währt ewig.“
Das ist das Ende aller Wege Gottes in der Natur und in der Geschichte. An diesem Satz wollen auch wir uns jetzt erbauen und erquicken nach Anleitung unseres Psalms:
„Seine Güte währt ewig.“
Das steht geschrieben schon:
1) Im Buch der Natur.
Nachdem der Psalmist in den vier ersten Versen gleichsam seine Harfe gestimmt und mit ein paar kräftigen Akkorden aufgefordert hat zum Preis des Gottes aller Götter, d. h. des einzig wahren Gottes, des Herrn aller Herren, des allerhöchsten Regenten im Himmel und auf Erden, der große Wunder tut allein, so weist er nun V. 5-9 hin auf das Walten dieses allgütigen Gottes, wie es im Reich der Natur sich zeigt durch alle Gebiete der Schöpfung und durch allen Wechsel der Zeiten.
Durch alle Gebiete der Schöpfung lässt der Psalmist seine bewundernden Blicke schweifen, wenn er den Schöpfer preist, V. 5. 6: Der die Himmel ordentlich, d. h. mit Weisheit gemacht hat, denn seine Güte währt ewig; und der die Erde aufs Wasser ausgebreitet hat, denn seine Güte währt ewig.“ Also im Himmel und auf Erden lässt er die Spuren seiner Güte uns schauen. Und ist's nicht so, meine Lieben, dass vor allem die Himmel erzählen die Ehre Gottes und die Feste verkündigt seiner Hände Werk? Wie es näher aussieht in diesen Himmeln da droben, die ausgebreitet sind über unserem Haupt, was da noch für Wohnungen bereitet sind in des Vaters Haus, was da noch für Schatzkammern der göttlichen Güte verborgen sind, was da der milde Vater im Himmel noch für ein Erbteil und gelobtes Land aufbehalten hat für seine Kinder das wissen wir nicht, das ahnen wir kaum. Aber schon wenn wir hienieden aus unermesslicher Ferne hinaufschauen zu diesem Himmel oder er herniederschaut zu uns - schon da predigt's uns dieser Himmel: „Gottes Güte währt ewig.“ Oder ist's euch nicht auch schon so gewesen, wenn etwa nach trüben Regentagen endlich das graue Gewölk sich verzog und der blaue Himmel wieder herniederschaute, so hell und klar, wie er von jeher war, dass da dieser blaue Himmel euch gleichsam verkündete: Sieh, Gottes Güte währt ewig, es mögen wohl Wolken oft die Aussicht verhüllen, er mag wohl sein Antlitz eine Zeitlang vor dir verbergen, aber endlich wird's doch immer wieder hell denn seine Güte währt ewig. Hat's nicht die liebe Sonne dir schon oft verkündigt, wenn sie am Morgen wieder golden aufging nach finsterer Nacht und freundlich durch deine Fenster schien: Sei fröhlich, Menschenkind, lass die düstern Nachtgedanken fahren, vertraue dem Herrn, denn seine Güte währt ewig? Oder am Abend, wenn das Geräusch des Tages sich gelegt hatte, wenn du durch so mancherlei Widerwärtigkeit der Welt und Unart der Menschen dich durchgeschlagen hattest und es ward nun still um dich und in dir und du blicktest betend zum gestirnten Himmel empor: war dir's da nicht, als käme von diesen stillen, friedlichen Sternen eine tröstliche Stimme herniedergesäuselt, die dir ins Ohr flüsterte: Sei getrost, Menschenkind, und zufrieden zu deinem Gott, denn seine Güte währt ewig? Die Menschen können dich eine Weile plagen, die Welt kann dir böse Stunden machen; aber deinen Vater im Himmel kann dir niemand rauben, denn seine Güte währt ewig.
Und wie der Himmel so die Erde verkündigt uns die Güte des Schöpfers. „Der die Erde aufs Wasser ausgebreitet hat, denn seine Güte währt ewig.“ Da weist der Psalmist hin auf die schöne grüne Erde, wie sie der Schöpfer aus den Tiefen des Wassers hat hervortreten lassen und eingerichtet und geschmückt zu einem lieblichen Wohnplatz für Millionen Kreaturen, zu einem freundlichen Aufenthalt und Arbeitsfeld insbesondere für seine Menschenkinder.
Und in Wahrheit, soweit du wandern und wallen magst auf dieser Erde, über Berg und Tal, über Land und Meer, auf den fernen Inseln wie hier in unserem Tal, am eisigen Nordpol wie unterm heißen Äquator, überall findest du's bestätigt: „Seine Güte währt ewig.“ Anders wirst du hier, anders wirst du dort die Natur finden; aber überall wirst du dich umgeben sehen von den heilsamen Ordnungen seiner Weisheit, von den Wunderwerken seiner Güte und Allmacht. Menschliche Sünde und menschliches Elend wirst du überall antreffen; aber seine Güte währt ewig, Gottes Werke sind allenthalben gut, wie der Dichter sagt: Die Welt ist vollkommen überall, wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual, oder wie es in einem Missionslied von den Wundern der ostindischen Inseln heißt:
Gewürzte Düfte weben sanft über Ceylons Flur;
Es glänzt Natur und Leben, schlecht sind die Menschen nur.
Doch was suchen wir auf den fernen Inseln nach Spuren der göttlichen Güte? Haben wir's nicht in nächster Nähe, in jüngster Vergangenheit eben wieder erfahren? Sollte nicht in diesem Spätjahr durch alle Täler und Berge unseres lieben Vaterlandes der Lobgesang klingen: „Seine Güte währt ewig?“ War nicht die Erde voll seiner Güter in diesem gesegneten Jahr und hat uns alles köstlich und reichlich gegeben, was wir nur wünschten: Korn und Obst. und Wein? Predigt uns nicht dieser gesegnete Herbst vor vielen „Dankt dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währt ewig?“ Seine Gerichte können jahrelang währen, aber seine Güte währt ewig. Er kann uns lange harren lassen und hoffen, hungern lassen und darben; aber endlich lässt er die Versuchung so ein Ende gewinnen, dass wir's können ertragen, endlich schüttet er seinen Segen wieder über uns aus, „denn seine Güte währt ewig.“
Ewiglich unter allem Wechsel der Zeiten. Auf diesen Wechsel der Zeiten deutet der Psalmist hin V. 7-9, wenn er von den großen Lichtern spricht, die Gott gemacht hat: die Sonne dem Tage vorzustehen, denn seine Güte währt ewig; den Mond und die Sterne der Nacht vorzustehen, denn seine Güte währt ewig. Ja, wie lange tun sie nun schon ihre Schuldigkeit, diese Lichter Gottes; wie manches Jahrtausend rollt diese Erde schon um ihre Achse und wechselt umeinander Tag und Nacht und wälzt sich Woche um Woche, Jahr um Jahr unaufhaltsam ins Meer der Ewigkeit. Aber wie auch Tag und Nacht wechselt, wie Sturm und Sonnenschein einander verdrängt, wie Sommer und Winter sich ablöst, wie Jahr um Jahr dahinfließt: diese Lichter Gottes sind immer noch nicht abgebrannt und predigen uns immer noch: „Seine Güte währt ewig.“ So, meine Lieben, tönt schon aus der Natur, aus allen Gebieten der Schöpfung, aus allen Wechseln der Zeiten uns der große Lobgesang entgegen: „Seine Güte währt ewig,“ und du, Menschenkind, stimme dankbar mit ein:
Himmel, Erd und ihre Heere hat er mir zum Dienst bestellt,
Wo ich nur mein Aug hinkehre, sind ich, was mich nährt und hält;
Tiere, Kräuter und Getreide in den Gründen, in der Höh,
In den Büschen, in der See, überall ist meine Weide.
Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.
Und wie im Buch der Natur, so:
2) In den Büchern der Geschichte,
in den Wegen Gottes mit seinen Menschen ist das das Ende vom Lied: Seine Güte währt ewig.“ Das führt der Sänger aus in des Psalmes zweiter Hälfte, V. 10-24. Er weist da wieder zurück fast mit denselben Worten, wie wir sie im vorigen Psalm gehabt, auf die großen Geschichten der Vorzeit Israels, wie der Herr sein Volk aus der Knechtschaft Ägyptens führte, nachdem er dort die Erstgeburt geschlagen, denn seine Güte währt ewig, V. 10-12. Wie er sie durchs Schilfmeer hindurchgehen ließ, drin Pharao und sein Heer ertrank, denn seine Güte währt ewig, V. 13-15. Wie er ihnen das gelobte Land zum Erbe gab, nachdem er das Volk durch die Wüste geführt und dessen Fürsten zu Boden geschlagen: Sihon, der Amoriter König, und Og, den König zu Basan, denn seine Güte währt ewig, V. 16-22. Wie er auch nachher immer wieder sein Volk erlöste von seinen Feinden und befreite von seinen Unterdrückern, denn seine Güte währt ewig, V. 23. 24. Und seht, meine Lieben, was hier in der denkwürdigen Geschichte Israels gleichsam im Lapidarstil mit riesengroßen Buchstaben zu lesen steht, oder wie in einem Freskogemälde in gewaltigen Zügen und lebhaften Farben weithin sichtbar gemalt ist, dasselbe ist nun auch mehr im Kleinen und Feinen, mehr im Stillen und Verborgenen in jedem Menschenleben zu erfahren und insbesondere in jedem Christenlauf zu erkennen: „Seine Güte währt ewig.“ Da gibt's auch wie beim Durchzug durchs Schilfmeer Trübsalswasser zu durchwandeln; aber der Herr hilft heraus, denn seine Güte währt ewig. Da stellen auch gewaltige Feinde sich seinem Liebesrat entgegen, wie Pharao und die Kananiterfürsten; aber die Feinde verschwinden und des Herrn Ratschluss geht fort, denn seine Güte währt ewig. Da muss der Herr auch Geduld haben mit der Torheit und Schwachheit, mit dem Undank und Ungehorsam der Seinen, wie dort beim Zug des Volks durch die Wüste; aber der Herr wird nicht müde, uns zu tragen in seiner Langmut und Geduld, denn seine Güte währt ewig. Da müssen auch seine Gläubigen oft lange wandern und wallen, hoffen und harren, wie dort beim vierzigjährigen Zug nach dem gelobten Land; aber endlich werden. doch seine Gottesverheißungen Ja und Amen, endlich dürfen sie doch eingehen zu seiner Ruhe, denn seine Güte währt ewig.
Ich frag euch, meine Lieben, habt ihr nicht von dem allem auch schon etwas erfahren in eurem eigenen Leben?
So klein und unbedeutend, so still und einförmig, ja so trüb und prüfungsvoll auch dein Leben bisher gewesen sei: steht's nicht dennoch drin geschrieben mit goldenen Buchstaben: „Seine Güte währt ewig?“
Stundenlang, tagelang, monatelang, jahrelang vielleicht währen oft Not und Sorge, Kreuz und Trübsal; aber Gottes Güte währt doch länger, seine Güte währt ewig. Und aus den tiefsten Wassern hilft er doch endlich heraus, wenn man nur ihn nicht lässt, sondern seine starke, treue Helfershand festhält im Glauben und Geduld. Unter unserem Herzog Karl ward einst durch Ränke und Verleumdung ein rechtschaffener Hofbedienter seines Amts entsetzt und verlor sein Brot, so dass er sich in sein Mutterort, ein kleines Dörflein, zurückziehen und dort endlich, nur um sich durchzubringen, das Amt eines Nachtwächters übernehmen musste. Da rief er nun bei jeder Stunde der Nacht, die er anzurufen hatte, jedes Mal zum Schluss den Refrain: Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit. Diese Worte waren sein Stecken und Stab in Jammer und Unglück. Manches Jahr hatte er's so getrieben, da übernachtete einstmals im Ort ein hochgestellter herzoglicher Beamter. Er hörte den Nachtwächter, seine Gesangart fiel ihm auf, er erkundigte sich nach ihm, und nachdem er sein Schicksal erfahren, hinterbrachte er's dem Herzog und dieser, gerührt durch den Vorgang, gab dem Manne wieder Amt und Brot. So konnte er's denn aus eigener Erfahrung fortan singen: Alles Ding auch die Trübsal alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit. Ähnliche Erfahrungen aber, wenn auch nicht so auffallend und wunderbar, fehlen in keinem Christenleben, denn Gottes Güte währt ewig.
Das weiß ich fürwahr und lasse mir's nicht aus dem Sinne gehn,
Christenkreuz hat seine Maße und muss endlich stille stehn.
Wenn der Winter ausgeschneiet, tritt der schöne Sommer ein,
Also wird auch nach der Pein, wer's erwarten kann, erfreut.
Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.
Sie währt eben darum auch länger als der Trotz der Feinde, als die Bosheit der Bösen. Wenn man auf die Geschichte des Reichs Gottes zurückblickt, so finden sich da freilich immer wieder trotzige Pharaonen und hochmütige Könige von Basan, widerstrebende Geister und feindliche Mächte, die den Liebesrat und das Gnadenreich Gottes in Ungerechtigkeit aufhalten. Aber wo sind sie hingekommen, diese Gewaltigen alle bis hierher? Sie sind verschlungen worden wie Pharao von den Wogen der Zeit; sie sind hingesunken wie Sihon und Og in den Staub des Todes. Gottes Rat aber geht fröhlich fort, seine Güte währt ewig. Auch dir selber, liebe Seele, hat vielleicht irgendein boshafter Widersacher lange das Herz schwer und das Leben sauer gemacht, wie der Witwe im Gleichnis, und lange suchtest du vergebens Hilf und Beistand, Frieden und Ruhe. Aber endlich hat dir der Herr doch geholfen, wie der Richter dort im Gleichnis der Witwe, und hat dir so oder so vor dem Feinde Ruhe verschafft und du konntest wieder frei aufatmen zum Herrn, denn seine Güte währt ewig.
Auch das freilich müssen wir beschämt bekennen in der Erinnerung an den Zug Israels durch die Wüste und im Rückblick auf unsern eigenen vierzig- oder sechzigjährigen Pilgerzug durch dies Leben, dass wie jenes halsstarrige Volk so auch wir unserem himmlischen Führer viel Arbeit gemacht haben mit unsern Sünden und Mühe mit unserer Missetat, mit Trotz und Verzagtheit, mit Undank und Ungehorsam, mit Kleinglauben und Ungeduld, und dass wir alle viel zu gering sind der Barmherzigkeit und Treue, die er an uns getan. Aber hat sich's nicht auch da und da am allerschönsten bewährt: Seine Güte währt ewig.“ Wenn auch unser Glaube oft sehr klein, unsere Liebe sehr lau war, unser Gehorsam und unsere Treue sehr kurz währte: „Seine Güte währt ewig.“ Wenn wir auch oft ihn verlassen und vergessen haben, er hat darum sein Herz nie vor uns verschlossen, seine Hand nie ganz von uns abgezogen, sondern war immer wieder, so oft wir sein Antlitz suchten, der gütige, treue, verzeihende und erbarmende Vater. Ja,
Wie ein Vater seinem Kinde sein Herz niemals ganz entzeucht,
Ob es gleich bisweilen Sünde tut und aus den Schranken weicht:
Also hält auch meine Schwächen mir mein frommer Gott zu gut,
Will mein Fehlen mit der Rut und nicht mit dem Schwerte rächen.
Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.
Und darum dürfen wir auch auf seine Gottesverheißungen getrost vertrauen für alle Ewigkeit. Ja in der Ewigkeit erst werden wir die Güte des Herrn recht auskennen und ausschöpfen. Nach langer saurer Wanderschaft erreichte Israel doch endlich das Land seiner Hoffnung und sah die alten Verheißungen erfüllt und konnte fröhlich lobsingen: „Seine Güte währt ewig.“ Unser Kanaan, Geliebte, liegt jenseits überm Strom der Zeit, droben in der Ewigkeit. Dort erst werden wir's ganz erfahren: „Seine Güte währt ewig.“ Ja, wenn einst alle Erdenjahre verronnen, alle Erdenkämpfe durchkämpft, alle Erdenschmerzen verschmerzt, alle Erdengüter verstäubt, alle Erdenfreuden verrauscht sind; wenn diese Welt und alles, was darinnen ist, im Tode uns unter den Füßen versinkt, dann, meine Lieben, dann ist Gottes Liebe noch unser Trost, und auch in den Liedern der Ewigkeit wird das der Refrain sein, auch in den Hallelujagesängen der Engel wird das der Schluss, auch in den Wonnen der zukünftigen Seligkeit wird das das Wonnigste und Seligste sein: „Seine Güte währt ewig.“ Wohlan denn, V. 26: „Dankt dem Gott vom Himmel, denn seine Güte währt ewig.“ Das soll unser Pilgerlied sein hienieden und einst unser Lobgesang droben.
Weil denn weder Ziel noch Ende sich in Gottes Liebe find't,
Ei, so heb ich meine Hände zu dir, Vater, als dein Kind,
Bitte: wollst mir Gnade geben, dich aus aller meiner Macht
Zu umfangen Tag und Nacht hier in meinem ganzen Leben,
Bis ich dich nach dieser Zeit lob und lieb in Ewigkeit! Amen.